Sookies Kettensäge gegen Vorurteile – Heute: Offene Beziehungen!

Sookies Kettensäge gegen Vorurteile – Heute: Offene Beziehungen!

Das Thema "Liebe zu dritt" wird in der Öffentlichkeit oft falsch verstanden ...
Das Thema „Liebe zu dritt“ wird nicht nur von Käfern falsch verstanden!

Ihr Lieben! Heute bin ich so geharnischt, ich muss endlich eine neue Blog-Kategorie anlegen, so geharnischt bin ich, und diese Kategorie heißt: Hear me roar! Yäp! Ihr habt richtig gelesen! Sookie ist mal wieder spontan eine Kettensäge aus dem Arm gewachsen, und wenn ihr wissen wollt, wieso diesmal, hö? Watt is‘ da los? Dann müsst ihr euch leider eben ein kultiviertes Heißgetränk holen, denn ihr wisst ja: Wenn mir der Schädel platzt, kann das etwas länger dauern!

Wie immer, ihr kennt das, fing alles ganz harmlos an. Ich hing da so gerade etwas dösig auf dem Stuhl, wollte gerade mein Manuskript aufklappen und stellte semiverstört fest, dass die Kaffeetasse schon wieder leer, ich aber immer noch nicht wach war, da schickte eine extreeem geschätzte Kollegin von mir (die dummerweise einen sehr ähnlichen Humor hat wie ich, was dazu führt, dass unsere PNs oft damit enden, dass wir vor Lachen hysterisch gackern wie ein angetüterter Damenkegelclub in der Nordwestbahn – ganz furchtbar so was, wir sind voll peinlich) den Link zu einer Facebook-Diskussion. Cool, hab ich erst gedacht, da kann ich prokrastinieren und mir erstmal noch einen Kaffee machen, bevor ich mich wichtig mache und ernsthaft arbeite! Und dann DAS!

Also, ich überflog diese Diskussion, dann fing ich an, Geräusche zu machen wie Doris Day. Wer von euch sich noch an den guten alten Sonntagnachmittag-Film erinnern kann, hat das jetzt genau im Ohr. Das geht so: „Ooooh! Grrr! Mmmmmm! Ohhhh! Arrrrgh! Ohhhhhhhgrumpfffffahhhh!“ Jedenfalls so ungefähr. Dazu die geballten Fäuste und die derangierte Frise, das kommt schon echt klassisch. Als nächstes biss ich ein Stück Holz aus der Tischplatte, das dem weißen Hai zur Ehre gereicht hätte, dann sprang ich auf, lief grün an, sah in Zeitlupe die Knöpfe von meinem Hemd springen und jetzt seh ich so aus:

Ich kann doch unmöglich so bleiben!
Ich kann doch unmöglich so bleiben!

Für alle, die heute zum erstenmal hier sind und sich fragen, wo ist denn da jetzt der Unterschied, wie sieht die denn sonst aus, war die beim Frisör oder was?, hier das Vergleichsbild:

Voll gechillt, Alter!
Voll gechillt, Alter!

Das ist mein Normalzustand. Schrullig, verknautscht, tiefenentspannt, Frisur „Modell geplatztes Sofakissen“, und immer lecker in der Nähe des Wasserkochers. Manchmal hab ich sogar einen messbaren Puls. Aber heute?

*nag* *nag*
*nag* *nag*

Ach so, jetzt wollt ihr wissen, was da auf Facebook los war! Jetzt muss ich das auch noch in Worte fassen! Also, äh, die Frage, die da diskutiert wurde, war folgende: „Was haltet ihr eigentlich von Dreiecksbeziehungen in Büchern?“ Für mich eine extrem spannende Frage, da ich am Buchmarkt als die Polyamorie-Autorin unterwegs bin. Leider brachte schon die komplette Fragestellung mich dazu, sofort „Einspruch, Euer Ehren! Es handelt sich hier um eine Suggestivfrage!“ zu rufen, denn die Fragerin beantwortete schon vor der Diskussion ihre Frage selbst damit, dass sie Dreiecksbeziehungen ja furchtbar schrecklich findet und so was gar nicht lesen will. „Ich finde das sooo doof, ihr seid doch meiner Meinung, oder?“ Eine rhetorische Frage mit dem Ziel: „Alle, die das so sehen wie ich bitte hier rüber!“ ist als rhetorische Frage natürlich ein adäquates Mittel, dann sollte man sich aber nicht als „neutraler Moderator“ präsentieren. Und nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin hier nicht neutral, I got the blog, I make the rules! 😀

Jedenfalls kam es, wie es kommen musste. Ein Shitstorm brach los und alle waren sich einig. Frauen, die vielleicht mal in eine Lebenssituation geraten, wo ihr Beziehungsstatus nicht ganz eindeutig ist, sind totale Schlampen! Was für Bitches! Im wahren Leben würde man mit so einer ja auch nichts zu tun haben wollen, aber ich Büchern soll das dann gehen, oder was? Eine einzige Diskussionsteilnehmerin wagte mutig anzumerken, dass Dreiecksbeziehungen ja wohl doch manche Leute interessieren, sonst würden sie nicht in so vielen Büchern vorkommen, aber niemand wollte ihre Meinung hören.

Interessanterweise wurde die „Biss zum Abwinken“ Dreiersache zwischen Ella, Bedward und noch irgendwem immer wieder lobend erwähnt, denn Bella ist ein anständiges Mädchen und hat wohl ihren verwirrten Gefühlen zu ihrem besten Freund widerstanden, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich hab diese Bücher nie gelesen, weiß aber wohl, dass sie von einer Mormonin geschrieben wurden, und wie „gleichberechtigt“ Mormonen das Monogamie-Problem gelöst haben, wissen wir ja alle! 😀

Jedenfalls schlug mir so eine geballte moralische Überlegenheit mit einem Hauch von Doppelmoral entgegen, dass ich rückwärts vom Stuhl kippte und dann wieder aufstand, um zu kontrollieren, ob der Post auch wirklich aus diesem Jahrhundert war. Hallooo? Wir haben angeblich: Aufklärung, Informationszeitalter, eine pluralalalalalistische Gesellschaft, wer will, kann sich sogar in Toleranz gegenüber anders denkenden Menschen üben, und was hab ich vor der Nase? Eine Horde stutenbissige Moralaposteletten, die schreien: Auf den Scheiterhaufen mit den Bitches!

Folgendes passierte alles gleichzeitig in meinem Kopf:

Die alte Kampfemanze, die in meinem vernarbten Herzen wohnt, fing an zu weinen. Schwestern, wo ist eure Solidarität, eure gegenseitige Wertschätzung und Toleranz? Wie können Frauen nur so aggressiv und unreflektiert gegen andere Frauen wettern?

Die Autorin in mir dachte: Gott sei Dank hab ICH andere Leser! Ich liebe meine Leser! Die Leser meiner Bücher sind offen, denken vielschichtig und haben einen unschlagbar geilen Humor – sonst würden sie ja über meine Bücher nicht so lachen. Also: Ick liebe euch!

Die Intellektuelle in mir dachte: Wo haben wir als intelligente und gebildete Avantgarde so versagt, dass wir die Menschen nicht erreicht haben mit der so wichtigen Idee vom toleranten Miteinander?

Die Bitch in mir dachte: Tja, Mädels, ihr seid moralisch erhaben, dafür hab ich mich richtig gut ficken lassen! Schlampen aller Länder, vereinigt euch!

Die Analytikerin in mir zog besorgt die Augenbraue hoch, weil unsere Gesellschaft mit ihrer vorherrschenden Moralvorstellung längst wieder da angekommen ist, wo Sigmund Freud ursprünglich mal – damals noch ganz verklemmt und verhalten – versucht hat, die vollkommen lustfeindlichen, bürgerlichen Strukturen zu überprüfen. Also alles nochmal zurück auf Anfang. Als hätte es die Frauenbewegung, die sexuelle Revolution nie gegeben.

Das politische Wesen in mir dachte: Never underestimate the power of stupid people in large groups! Wenn die eine Partei gründen, bin ich am Arsch!

Die Vulkanierin dachte: Das ist nicht logisch. Wenn der Herr Grey in 50 Shades (zugegeben, bei dem Thema reagiere ich ja auch immer wieder mal klingonisch) seiner Interims-Submissive einen Knebelvertrag mit Verschwiegensheitsklausel und Foltermethoden zum Ankreuzen vorlegt, einen Knebelvertrag, der ganz offensichtlich nicht nur auf totale Bevormundung, sondern auch auf kurzgetaktete serielle Monogamie hinausläuft, dann regt sich da kein Schwein drüber auf. Denn a), er hat, wie wir wissen, einen Huuubschrauber!, b) er sieht ja so guuut aus, c) zu Belohnung gibt es, tada, IHN (gebt mir die Bratpfanne, ich muss mir vor den Kopf schlagen, um den Schmerz zu kanalisieren, rrrrraaaa!). Ach so, d) er ist ein Mann. Männer, die einen hohen Frauenverschleiß haben, müssen ja irgendwie enorm tolle Hechte sein. Das macht den Schwachmaten ja gleich noch mal attraktiver, wenn ein heißer Bitchfight von Nöten ist, um ihn vom Markt zu holen, aber dann ist man ja als Frau auch endlich mal was „Besonderes“, wenn man das Alphamännchen unter Einsatz von Ellenbogen ergattert hat. Wenn das Alphamännchen dann allerdings die Nächste auspeitscht, gehört nicht er auf den Pott gesetzt, sondern die Schlampe, die ihn „wegschnappt“. In den meisten Fällen weiß die arme „Schlampe“ zwar gar nicht, dass er zweigleisig fährt, weil er einfach beide Frauen heimlich betrügt, aber das ist ein anders Thema. Fest steht: Doppelmoral ist nicht logisch!

Der Dalek in mir dachte einfach nur: Eliminiiiieren!

Die Zynikerin in mir fragte sich: Höre ich bei den bissigen Stuten etwa Neid? Weil die es nicht mal hinkriegen, einen Mann zu ergattern, hassen sie jede Frau, die zwei hat? Wie sagt Scarlett MacNamara in der grandiosen Billy Wilder Komödie „Eins, Zwei, Drei“ so schön? „Oddo sagt, keine Frau sollte zwei Pelzmäntel haben, solange es noch eine Frau gibt, die keinen Pelzmantel hat!“ Oddo-Darling wurde übrigens gespielt von einem großartigen Hotte Buchholz, damals musste man sich für „unseren Mann in Hollywood“ noch nicht schämen! Heute haben wir Til Schweiger. Jedenfalls sind Männer in einer schön einfach gestrickten Welt ja willenlose Wesen, die man gerecht verteilen kann, damit jede einen hat. Ich befürworte durchaus das Che Guevara Zitat: „Solange es nicht genug Kaffee für alle gibt, gibt es Kaffee für keinen!“ Man kann ja auch mal Tee trinken, besonders ich alter Ostfriesenteejunkie, aber Männer sind weder Kaffeebohnen, noch Teebeutel! Männer sind Menschen!

So, das war ein kleiner Auszug dessen, was mir da innerhalb weniger Sekunden alles durch den Kopf raste. Ihr seht, da sind einige Leute unterwegs in meinem Hirn und manchmal herrscht ziemliches Gedränge und man versteht sein eigenes Wort nicht. Was mich jetzt zum letzten Punkt bringt:

Die verpeilte Hochbegabte dachte neidisch: So einfach würde ich mir das auch gern mal machen können!

Gehen wir doch einfach mal mit gewaltfreier Kommunikation an die Sache ran!

Für alle, die noch nie davon gehört haben: Der Sinn der gewaltfreien Kommunikation liegt darin, auch aus extrem „wölfischen“, also destruktiven und aggressiven Äußerungen, das dahinter verborgene Bedürfnis mit liebevollen Ohren zu hören. Wenn eine Horde Frauen sich vollkommen einig ist, dass selbst harmlose Romanfiguren, die nie zwischen den Buchdeckeln hervorkommen und ihnen was streitig machen werden, Schlampen und Bitches sind, nur, weil diese Figuren zeitweise zwischen zwei potenziellen Partnern schwanken, dann hört die gewaltfreie Giraffe (das Symbol für die liebevollen Ohren, denn die Giraffe hat von allen Landtieren das größte Herz) in mir da ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Counselor Troi, die empathisch begabte Beraterin auf der USS Enterprise, würde es so ausdrücken: „Ich fühle große Angst.“

Die Angst, den Partner an einen Außenstehenden zu verlieren sitzt tief und das zu Recht. Es tut einfach scheiße weh, betrogen oder sogar für einen anderen Partner verlassen zu werden. Verlustangst und Eifersucht sind so quälend schmerzhafte Gefühle, dass man sie am liebsten komplett wegdrängen würde. Reizthema. Urangst. Übler Trigger für alle, die mit untreuen und verlogenen Partnern schon schlechte Erfahrungen gemacht haben (wie ich, die Polyamorie-Autorin, übrigens auch). Und natürlich gibt es da eine oberflächliche Scheinsicherheit, einfach jede Frau, die eine potenzielle Rivalin werden könnte, als schlampenbitchiges Miststück vorzuverurteilen. Los, alle „anständigen Frauen“ zusammen, auf die Schlampe, und immer druff! Aber das es nicht funktioniert, die Angst dadurch zu bannen, zeigt sich ja daran, wie sehr das Thema immer noch und immer wieder polarisiert.

Sicherheit in Beziehungen gibt es nicht

Allein ein kurzer Blick auf die Scheidungsstatistiken macht jedem klar: Der Schwur ewiger Liebe und Treue mag ja gut gemeint sein, ist aber keine Garantie. Egal, wie groß die Liebe am Anfang war, was die Party und das Kleid gekostet haben, wie viel CO2 die Hochzeitsreise in die Atmosphäre gepufft hat, jede zweite Ehe scheitert. Und da sind ja jetzt die Trennungen ohne Trauschein gar nicht in der Statistik. Jeder hat heute Trennungen in der Vita. Und viele dieser Trennungen hatten im weiteren Sinne mit Untreue zu tun. Entweder, weil eine Affäre aufflog und die Beziehung durch das zerstörte Vertrauen zu kriseln begann, oder weil die Untreue ein Symptom dafür war, dass es in der Beziehung einfach schon lange nicht mehr stimmte, das gegenseitige Gespür füreinander den Bach runter gegangen war. Es ist immer traurig und tut immer weh, keine Frage. Aber wie sagt Danny Wilde in „Die Zwei“ so treffend: „Wir sind alle Menschen! Die Automaten stehen in der Küche!“

Und genau das isses. Wir sind keine Automaten. Niemand von uns ist davor gefeit, betrogen oder verlassen zu werden. Und selbst der treuste Partner kann plötzlich tot umfallen und einen trauernden Partner untröstlich zurücklassen. Das macht der dann auch nicht mit Absicht, aber klar ist: Liebe ohne Verlustangst ist nur was für Hardcore-Buddhisten. Niemand von uns ist auch davor gefeit, sich außerhalb seiner Beziehung zu verlieben und vor der Entscheidung zu stehen: Bleiben? Gehen? Untreu werden? Der mutigste und schwierigste Weg ist es, ganz offen und ehrlich mit dem angestammten Partner zu sprechen und dann gemeinsam eine Lösung zu suchen, wie auch immer die aussehen mag. Aber wer jetzt Stein & Bein schwört, dass er sich niemals zu einem Menschen außerhalb seiner Beziehung hingezogen fühlen könnte, der werfe den ersten Stein – aber dann bitte auf seinen eigenen Kopf.

Solche Dinge passieren nun mal! Gegen Gefühle kann man nix machen, man kann nur bewusst Einfluss darauf nehmen, ob man sie auch auslebt! Oder eben nicht. Und die „Wir müssen reden!“-Momente in einer Beziehung hat niemand gern! Besonders nicht, wenn Männer das sagen! Weil, in 3 % der Fälle haben sie dann aus Versehen deine Katze überfahren. In 97 % der Fälle sind sie ungeplant schwanger. Ach, nee, das waren ja wir! Also, ihr wisst schon. In 97 % der Fälle sind sie dann ins falsche Bett gefallen oder – das sind die ehrlichen Helden unter ihnen, die gibt es tatsächlich – sie kämpfen dagegen an, es zu tun und sprechen deshalb mit ihrer Frau. Vorher, um nicht heimlich fremd zu gehen, und das erfordert Mut. Ich sag ja nicht, dass das gut ist! Aber es ist menschlich und wenigstens ehrlich.

Wer ehrlich ist, riskiert nämlich auch, verlassen zu werden, manchmal nur für seine Gefühle, obwohl noch gar nichts passiert ist. Es ist ja auch vollkommen legitim zu sagen: „Nö. Also, mit einem Partner, der auch Gefühle für jemand anderen hat, will ich nicht zusammen sein.“ Absolut nicht legitim ist es in meinen Augen, schön moralisch überlegen von oben herab die Menschen zu beschimpfen, die ihre Beziehung nicht einfach wegschmeißen, wenn es kritisch und vielleicht auch schmerzhaft wird, sondern Wege suchen, mit ihrer Eifersucht, ihrer Verlustangst, oder mit ihrem sich hingezogen fühlen zu einem Partner außerhalb der Zweierbeziehung konstruktiv umzugehen. Und dann eben vielleicht auch in einer Dreiecksbeziehung landen. Und ich erzähl euch sogar, wieso mich diese „erhabene“ Verurteilung nicht nur auf der intellektuellen Ebene eines aufgeklärten Menschen aufregt, sondern ganz persönlich!

Plauderei aus dem „Schlampen-Nähkästchen

Ich schreibe Bücher über das, was ich selbst ge- und erlebt habe. Ich hatte monogame Beziehungen, ich hatte offene Beziehungen, und ich kannte auch Männer, die Treue verlangt haben und dann einfach stupide heimlich fremdgegangen sind, während ich Schaf natürlich die Letzte war, die es erfuhr. Und jede Beziehungsform hatte Vor- und Nachteile. Gut, untreue Lügner haben mehr Nachteile als andere Partner, das sehe selbst ich ein. Aber sie haben Gründe, die man versteht, wenn man bereit ist, ihnen zuzuhören, und wenn sie bereit sind, zu reden. Was sie allerdings meistens nicht sind, weil es viel leichter ist, stinkwütend den Satz „Du bist ja eifersüchtig!“ als Beschimpfung abzufeuern, als die heulende Frau, der man so weh getan hat, liebevoll in den Arm zu nehmen und das mit ihr auszuhalten.

Und jetzt kommen wir zum Anekdöööötchen! Es begab sich aber zu der Zeit, dass es sich irgendwie entwickelt hatte, dass ich mit zwei Männern gleichzeitig zusammen war, die in derselben Herde verkehrten, will sagen: Wir hatten alle drei dasselbe „Stammlokal“. Ihr wisst schon, dunkler Schuppen, laute Musik, und saufen kann man umsonst, weil man den Typen an der Theke kennt, so was halt. Zu erklären, wie wir in der Dreiecksbeziehung gelandet sind, würde einen eigenen Roman erfordern, aber darum geht es jetzt auch gar nicht. Fakt ist: Ich war mit beiden zusammen, und zwar mit ihrem Einverständnis, und das – groooßer Skandal – sogar in der Öffentlichkeit, weil, siehe Stammschuppen.

Die Sache ist nämlich sooo, dass ich kein Fremdgänger bin. Ich kann so was einfach nicht. Ich kann weder lügen, noch verschweigen, noch irgendwie unehrlich sein, ist mir einfach nicht in die Wiege gelegt. Ich hatte auch noch nie so was wie einen One-Night-Stand. Nicht aus moralischen Gründen, wenn andere das machen, hab ich da absolut nichts gegen, sondern weil ich so langsam bin. Tja, meine Lieben, ich bin total unzeitgemäß, ich bin eine emotionale Schnecke. Ich hab mich tatsächlich schon mal in einen Mann verliebt, den ich vier Jahre lang sehr gut kannte, bevor es „BING!“ gemacht hat, das darf man der WhatsApp-Generation gar nicht erzählen, die lachen mich ja aus!

Auf jeden Fall war ich mit meiner emotionalen Schneckentechnik in diesem offenen Dreieck gelandet, das jeder von uns aus den verschiedensten Gründen zu der Zeit einfach wollte. Das bedeutete kein oberflächliches Rumvögeln, sondern einen kniffeligen und diffizilen Balanceakt mit auch offen gelebter Verlustangst und Eifersucht, aber auch unglaublich intensiven, nächtelangen Gesprächen und sehr intensiven Gefühlen. Zu Partnern, mit denen ich monogam gelebt und eben alles totgeschwiegen habe, was unsere Hollywood-Norm bedrohen könnte, hatte ich nie so ein intensives Verhältnis wie zu den Männern, mit denen ich tatsächlich über alles reden konnte – weil Außenbeziehungen eben kein Tabuthema und kein Trennungsgrund waren.

Ich sag jetzt nicht, dass das alles toll und einfach ist und ich will das auch nicht wieder haben. Heute bin ich ja Single aus Leidenschaft. Nicht, weil ich generell was gegen Männer hätte, aber mein Tag ist so voll mit wichtigen, spannenden Dingen, dass ich einfach nicht wüsste, wohin mit einem Mann. Meine Tochter kriegt ja schon keinen Hund, weil ich nicht weiß, wann ich diese Beziehung auch noch pflegen soll! Ja, gut, ein Mann kann jetzt alleine raus, wenn er mal Beinchen heben will, aber ihr versteht, was ich meine. Ich krieg ja schon einen Anfall, wenn ich gerade den totalen Lauf hab und sich dann mein Kater demonstrativ schnurrend auf die Tastatur setzt! Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ein Mann sich auf meinen Laptop … nee. Also, ich bin auf jeden Fall Single, aber ich war das eben nicht immer. Mein Marktwert hat mich übrigens auch nie sonderlich interessiert, aber wenn ich den heute testen will, checke ich auf Amazon die Verkaufsränge meiner Bücher, so ändern sich im Leben die Interessen! 😀

Was ich aber mal war, war die Dorfschlampe, die für Skandale sorgte. Nicht in meinen Augen, ohne Liebe geht bei mir gar nix, da bin ich total altmodisch. Nicht in den Augen meiner Männer. Auch nicht in den Augen meines Freundeskreises, das waren eh immer nur verpeilte Künstler und Musiker, die selbst im Nebel stocherten auf der Suche nach einer Beziehungsform, die irgendwie lebbar wäre, ohne in ein regelmäßiges „Der nächste bitte!“ zu rutschen. Also sehr tolerante, sensible Menschen auf der Suche nach Glück. Aber in den Augen sämtlicher Frauen, die mich und meine Männer vom Sehen kannten, war ich das bitchigste Schlampenmiststück auf Gottes Erdboden. Was ich da an Gezische, Getuschel, an abwertenden Blicken und Häme abbekommen habe, war echt sehenswert und reicht fürs ganze Leben. Und das hat mich echt nachhaltig verstört.

Also, ich selber hab da einen Gendefekt. Von Sookies Boden ist im Leben noch kein Bitchfight ausgegangen. Einmal wäre ich mit der anderen Frau meines Mannes fast spontan in den Urlaub gefahren. Es scheiterte dann leider daran, dass er uns sein Auto nicht leihen wollte. Männer! Aber das ist jetzt nicht so, weil ich ja so cool und eifersuchtsfrei wäre (ich kann tierisch eifersüchtig sein, wenn mein Partner mir keine Sicherheit gibt), das ist eher so, weil ich denke: Eine Frau, die denselben Mann liebt wie ich, hat bestimmt Geschmack! Und wenn er mir keine Sicherheit und Geborgenheit gibt, kann sie da ja nichts für, sondern er.

Umgekehrt bin ich aber immer wieder von anderen Frauen massiv angegangen worden, selbst dann, wenn ich ihnen definitiv nie nix irgendwas getan hatte. Ich bemühe mich generell immer, nie jemandem definitiv nie nix irgendwas zu tun, außer, der will das. Dann vielleicht. Aber Fakt ist: Wenn Frauen, die nicht den geringsten Plan haben, worum es geht, die überhaupt kein Recht haben, sich einzumischen und sowieso nur aufgrund ihrer unüberprüften Vorurteile mit der Schlampenkeule nach anderen Frauen schlagen, finde ich das nicht nur äußerst unsolidarisch, sondern auch einfach scheiße. Und ich weiß, dass viele Frauen, die den Mut haben, Trampelpfade statt Autobahnen zu nehmen, unter solchen Attacken leiden. Und deswegen lege ich jetzt noch eben meinen Werkzeuggürtel um und reiße ein paar Vorurteile ein, mit denen Frauen mit etwas kreativerer Beziehungsgestaltung immer wieder zu kämpfen haben.

Vorurteile, die mich rasend machen und die ich jetzt wegräume!

Polyamorie ist nicht:

    wahlloses Rumvögeln
    heimliches Fremdgehen
    oberflächliches „Mir doch egal, wie du dich fühlst.“
    Gruppensex
    heimliche Fahrten in einen möglichst weit entfernten Swingerclub, damit man bloß nicht im Natursekt-Pool die Nachbarn trifft, die man nie nackt sehen wollte
    totale Bindungslosigkeit innerhalb der eigenen Beziehung (das können viele längst nur noch stupide nebeneinander herlebende Ehepaare viel besser)
    Jagd nach ständig neuen Partnern, um sein Ego aufzupolieren

Was Polyamorie ist oder sein könnte

Menschen, die Polyamorie tatsächlich leben sind also weder Freiwild, noch Schlampen, noch bindungsunfähige Allesfresser. Polyamorie ist eine Beziehungsform, die auf dauerhafte, vertrauensvolle und ja, auch offene, Beziehungen ausgelegt ist. Und zwar „einvernehmlich“, wie es immer so schön heißt. Nix da, eben hinterum heimlich fremdgehen! Polys machen es sich alles andere als leicht. Eine offene Beziehung, die auf Dauer bestehen soll, erfordert unglaublich viel Rücksichtnahme, Offenheit, Verantwortung (für sich selbst und alle Beteiligten), Wachheit, Ehrlichkeit und Mut. Das ist anstrengend. Das erfordert wahnsinnig viel Reife und Toleranz. Das ist auch nicht immer lustig. Manchmal tut es wahnsinnig weh. Manchmal ist es unfassbar intensiv und schön.

Aber es ist immer eine Beziehungsform, die genau so viel Respekt verdient wie eine monogame Ehe, eine gleichgeschlechtliche Beziehung, eine Triade oder sogar die alten Männer in Kleidern in der Lebensgemeinschaft called „Vatikan“ (obwohl ich persönlich mit den Jungs echt so meine Schwierigkeiten habe, aber: Gleiches Recht für alle!). Jede Lebensgemeinschaft verdient Respekt, ob das jetzt zwei alte Damen sind, die in freundschaftlicher Liebe zusammenleben oder zwei Pornodarsteller, die sich emotional treu sind. Jeder muss doch in diesem verdammten 21. Jahrhundert das Recht haben, Freiheit, Treue und Zuverlässigkeit für sich und seine(n) Partner selbst zu definieren und das dann auch zu leben, ohne als Schlampe, Bitch oder sonstwas beschimpft zu werden.

So! Damit hat Sookies Kettensäge mal wieder gerasselt, ich geh jetzt zum Frühstück erstmal Mittagessen und wer jetzt immer noch Frauen in Dreiecksbeziehungen als Bitch beschimpfen muss, dem kann ich nur den alten Kinderspruch „Was man sagt, ist man selber!“ mit auf den Weg geben. Wer so denkt, darf auch gerne weiter „50 Shades After Twilight“ oder so lesen, wer neugieriger und offener ist, findet meine Bücher überall im Handel, ätsch. Damit hab ich meinen Beitrag zu Aufklärung und Vielfalt erstmal wieder geleistet und leg mich erleichtert ins Heilkoma. Gute Nacht, guten Tach, ich freue mich, mal wieder polarisiert zu haben, und liebt, wen ihr wollt, wie ihr wollt, solange ihr niemand anderen zerkratzt als den moralischen Lack verknöcherter Puritaner!

Eure Sookie

Autorenporträt: Ryek Darkener

autorenportraet

Ihr Lieben! Heute freue ich mich riesig, ein Autorenporträt für euch ergattert zu haben, das mal einen ganz frischen Wind in unsere Runde bringt! Ich freue mich, euch stolz einen echten Vollblut-Nerd (ich liebe Vollblut-Nerds! 😀 ) zu präsentieren und übergebe das Wort an:

Ryek Darkener!

Vorstellung? Oh je! 😉

Historisches.

Mein Leben als Ryek Darkener beginnt irgendwo Ende der 1990er Jahre des vergangenen Jahrtausends. Damals war Internet noch richtig teuer. Man hat, wenn man surfte, immer einen Blick auf der Uhr gehabt.
MPBT (MultiPlayer BattleTech) sagt heutzutage wahrscheinlich nur wenigen etwas, aber der eine oder andere wird von den BattleTech-Romanen gehört oder sie gelesen haben. Laufmaschinen mit furchtbaren Waffen. Wo Große (mehrheitlich Jungs) gern mit spielen. Ich wollte keinen Spieler-Namen aus den Romanen. So bin ich als Ryek Darkener in die Solaris Devils eingetreten und hatte dort eine interessante Zeit. Bis das Spiel von einer Firma, ich glaube mit Sitz in Redmond, gekauft wurde.
Durch Mundpropaganda bin ich auf ein anderes Spiel gestoßen, dass mir einen lange gehegten Wunsch erfüllt hat: Raumschiffe fliegen. Mit bis zu 60.000 anderen WELTWEIT GLEICHZEITIG auf einer GEMEINSAMEN Serverumgebung. Dort habe ich etliche (zumeist Nacht)Stunden meiner Freizeit verbracht.

Irgendwann ist mir der Gedanke gekommen: Was, wenn diese Spielewelt real wäre? Was würde jemand, der dort lebt, anderen zu erzählen haben?
Ich fing an, autobiografisch angehauchte Kurzgeschichten aus dieser Welt zu schreiben, die ich in Foren veröffentlicht habe. Mit der Zeit wurden die Kurzgeschichten immer länger, mein Interesse am professionellen Schreiben wuchs. Ich besorgte mir Bücher zum Thema Schreibhandwerk, belegte Schreibkurse. Ich trat einem Schreibforum bei. Zu den Fan-Fiction Geschichten kamen komplett eigene Ideen.

Was ich schreibe. Wie ich schreibe.

Derzeit schreibe ich Science-Fiction und Urban Contemporary Fantasy.

Ich mag Dialoge. Ich mag Zwischentöne. Ich mag es, wenn ich beim Lesen eines Textes mein persönliches Kopfkino bemühen muss, anstatt mich „unterhalten zu lassen“. Ich mag es, wichtige reale Themen in meinen Texten teilweise extrem zu extrapolieren. Daher kommen Leser, die meine Romanwelten gegen ihre Realität halten, zu dem richtigen Schluss, dass diese nur auf den ersten Blick zueinander passen. Für mich sind belletristische Bücher Welten, auf die man sich entweder einlässt oder sich ein anderes Buch sucht. Belletristische Texte dürfen politisch und politisch inkorrekt sein, solange sie nicht vom Leser verlangen, die Meinung der Romanfiguren oder des Autors zu teilen. Somit ist, nach meiner Definition, politische Agitation nicht der Belletristik zuzurechnen. Wer, ohne weitere Kommentierung, Texte aus anderen Zeiten auf aktuelle politische Korrektheit trimmt, macht sich in meinen Augen der Agitation und der Geschichtsfälschung schuldig. Ein Problem wird, meiner Meinung nach, nicht dadurch gelöst, dass man ihm einen anderen Namen gibt.
Ich mag lange Sätze. 😉

Das Schreiben und ich.

Mein großes Projekt ist eine dystopische Saga, basierend auf einer realen Idee, die ich zufällig im Internet gefunden habe: „Ein schiffbarer Kanal zwischen Donau und Neckar“. Damit werde ich noch einige Jahre beschäftigt sein.

Die Welt des Schreibens ist, glücklicherweise, nicht nur das Sitzen im stillen Kämmerlein. Über Schreibforen haben sich interessante Kontakte sowie regelmäßige Treffen und gemeinsame Workshops ergeben.

Schreiben hat zu einer Bereicherung meines Lebens geführt. So gesehen ist das Schreiben schon jetzt ein Gewinn für mich.

Zu finden bin ich unter

https://ryekdarkenersblog001.wordpress.com
https://www.facebook.com/ryek.darkener
https://www.facebook.com/Ryek.Darkener.Autor

Wie du erfolgreich auf Tipps für erfolgreiches Bloggen scheißt – und trotzdem Spaß hast!

Wie du erfolgreich auf Tipps für erfolgreiches Bloggen scheißt – und trotzdem Spaß hast!

Manchmal wurde Trude nicht auf Anhieb verstanden. Das hielt sie aber nicht davon ab, in ihrer eigenen Sprache zu sprechen!
Manchmal wurde Trude nicht auf Anhieb verstanden. Das hielt sie aber nicht davon ab, in ihrer eigenen Sprache zu sprechen!

Ist die Schlagzeile zu provokativ? Näää. Oder?

Achtung … RUNTER! Heute ist die liebe Sookie mal wieder »nervös und bewaffnet« (mit einer Tüte Kirschlutscher), also auf Krawall gebürstet! Ich muss leider mal wieder ein bisschen streng werden! Denn ich habe in den letzten Tagen mal wieder einige hochgradig spannende Diskussionen verfolgt, woran meine sehr geschätzte und unglaublich liebenswerte Bloggerkollegin Schattentaucherin nicht ganz unschuldig ist! Das Thema meines heutigen Aufsatzes lautet daher:

»Wieso liest eigentlich kein Schwein meinen Blog?«

Die Schattentaucherin hatte nämlich eine Frage ins Netz geworfen, die vordergründig total einfach wirkt. »Was ist das Alleinstellungsmerkmal eurer Blogs?« Pah, dachte ich, eine meiner leichtesten Übungen, das lernt man ja in der Bloggergrundschule, dass man ohne Alleinstellungsmerkmal nix wird! Und dann stand ich mir mal wieder selber im Weg (Das kann ich gut. Das kann ich so gut, unfassbar!) und verfolgte erst mal zwei Tage lang die Diskussion und fragte mich, was zum Dübel denn wohl mein Alleinstellungsmerkmal ist. Und mir fiel keins eins.

Unterdessen rollte die Diskussion in der Bloggergruppe weiter und es passierte das, was immer passiert. Ein paar Leute tauchten auf, die tatsächlich unglaublich interessante Nischenblogs zu wirklich wichtigen Themen betreiben. Viele Leute tauchten auf, bei denen ich mal wieder das Gefühl hatte, dass sie die Frage nicht verstanden haben. Ich blogge über Fashion. Aha, macht ja sonst keiner. Bei mir im Blog gibt es immer leckere Fotos zu den Rezepten! Ja, danke, aber ich esse sehr selten Fotos, egal, wie lecker die sind.

Ihr seht schon, Hannibal und ich hatten wieder viel Spaß miteinander. Für alle, die sich zum ersten Mal zu mir verirrt haben oder mich noch nicht so gut kennen: Hannibal ist mein innerer Lektor. Der psychopathische Massenmörder, der einfach so 90 % meiner Texte löscht, weil sie doof sind. Sagt er. Ich bin mir da manchmal nicht so sicher, aber wer legt sich schon mit seinem inneren Psychopathen an. Er hat Recht und ich meine Ruhe, so funktioniert unsere Beziehung eben. 😀

Auf jeden Fall knackte ich ewig an dieser Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal. Vor allem an der Frage, wieso die beliebigsten Null-Acht-Fuffzehn-Blogs ihres selbstbewusst heraustrompeteten, während ich immer noch grübelte. Parallel dazu versorgte Herr Zuckerzwerg mich mal wieder auf meiner Startseite mit Artikeln von Bloggern, die in ihren Blogs über das Bloggen bloggen. Ihr kennt das. »Sieben Gründe, warum blablabla!« oder »Zehn Schritte, mit denen du garantiert mehr Leser bekommst!« und »Praktisch denken, Särge schenken!« Ach, nee, das war der Slogan, mit dem ich Bestatterin werden wollte. Egal. Ihr wisst, was ich meine.

Eigentlich lese ich diese Artikel schon seit Jahren nicht mehr. Zum einen, weil es mich tödlich langweilt und unterfordert, nach Schema F zu bloggen. Ich krieg dann einen glasigen Blick und eine kalte, feuchte Nase, kein schöner Anblick. Zum anderen, weil ich über mangelnden Traffic nicht klagen kann, im Gegenteil, ich bin total begeistert, was hier in meinem Blog, der fast noch gar keinen Content rumliegen hat, manchmal schon abgeht. Zum dritten aber auch, weil es einfach nichts bringt.

Trotzdem ertappte ich mich dabei, wie ich mal wieder einen Artikel darüber überflog, wie dein Blog garantiert abgeht wie Schmidts Katze. Wenn sie mit Müllers Hund in der Besenkammer eingesperrt ist sogar. Blogge regelmäßig. Blogge nur, wenn du wirklich etwas zu sagen hast, meinen Artikel »40 Themen, wenn dir nicht einfällt, was du bloggen könntest!« findest du hier! Teile deine Artikel in Gruppen auf Social Media! (In den Bloggergruppen, wo nur die Posts diskutiert werden, die die Frage aufwerfen, warum niemand auch mal die Blogs der anderen anklickt?) Biete deinen Lesern Mehrwert, wie zum Beispiel 40 Artikel, die du geschrieben hast, als dir nichts eingefallen ist! Sorge immer für frische Inhalte und unique Content, so wie ich hier in dem Artikel übers Bloggen, der schon so oft ab- und umgeschrieben wurde, dass keiner mehr den Urheber ausmachen kann! Dadidadidaaa. Aber KEIN Schwein sagt mal, wie’s ist:

Wenn du die gleichen Tipps befolgst wie alle anderen, bloggst du auch wie alle anderen!

Früher gab es diesen ollen Helmut Kohl Witz. Helmut, damals noch im Amt, versuchte ein Kreuzworträtsel zu lösen und suchte den amtierenden Bundeskanzler mit vier Buchstaben. Zuerst versuchte er es mit »Ich«. Passte nicht, ein Buchstabe zu wenig. Er fragte seine Frau Hannelore, die ihn aufklärte: »Das ist doch ganz einfach, du!« Helmut zählte nach, d, u, zwei Buchstaben, passte nicht. Also fragte er seinen Verteidigungsminister, der antwortete: »Das ist doch ganz einfach, Herr Bundeskanzler, Sie!« S, i, e, drei Buchstaben, passt nicht. Die Sache ließ Helmut aber keine Ruhe und verursachte ihm schlaflose Nächte, bis er irgendwann seine Frau weckte und stolz rief: »Jetzt weiß ich, wen die meinen: MICH!«

Und ähnlich ging es mir mit der Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal meines Blogs. Ich grübelte und grübelte und fand keins. Autorenblogs gibt es wie Sand am Meer. Mein Blog sieht ja auch nicht besonders gut aus, am Design muss ich ganz dringend mal schrauben (guckt da jetzt bitte nicht so hin, ich hab nicht aufgeräumt). Ich hab noch nicht mal eine richtige Nische. Um ehrlich zu sein, hab ich noch nicht mal ein Konzept. Um noch ehrlicher zu sein, ich scheiße auf Tipps wie Listposts, die hundert besten Überschriften, die immer funzen, Artikel mit »Wie du«-Anleitungen und Schritt für Schritt Gedöns, und trotzdem bin ich mit meinem Traffic total zufrieden.

Ganz besonders freu ich mich darüber, dass ich über meinen Blog und meine Bücher auch immer wieder total tolle Menschen kennenlerne, und ihre Blogs oder ihre Bücher. Und trotzdem fühlte ich mich zwei Tage lang wie Helmut Kohl, weil mir die Antwort auf die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal nicht einfiel. Und sich wie Helmut Kohl zu fühlen ist nicht schön. Plötzlich sind alle Hosen viel zu eng. Und dann kam ich auf das Alleinstellungsmerkmal mit drei Buchstaben: Ich!

Und ich fragte mich, warum ich die Blogs lese, die ich lese. Nicht wegen ihrer Listposts, weil sie so fleißig in Social Media teilen, oder weil sie so eine tolle SEO haben, und erst die OnPage-Optimierung, hach! Natürlich kommt das bei Tante Google gut an, keine Frage, aber für Tante Google schreibe ich ja nicht. Und die Blogger, die ich gerne lese, auch nicht. Ich lese sie, weil sie ihre eigene Stimme haben!

Natürlich sind Tante Google und Social Media Portale wichtig, um diese Perlen erst mal zu finden, Sichtbarkeit ist wichtig, klar. Aber deswegen kommt man nicht wieder. Man kommt wieder wegen des Bloggers, nicht wegen seines Rankings!

Hat nicht jeder eine eigene Stimme?

Doch, klar, von Geburt an. Jedes Baby kräht anders, ungelogen. Wir alle kommen ja mit dieser unfassbar geilen, sprudelnden und individuellen Kreativität auf die Welt, bis blöde Erwachsene uns sagen, dass wir jetzt aber aufhören sollen zu spinnen, wenn wir im Garten einen Dinosaurier gesehen haben. Ich war zum Beispiel mal zu einem dieser Grillabende eingeladen, wo die Kinder den Gästen noch vorgeführt werden, bevor sie im Kinderzimmer weggesperrt werden, damit sie nicht stören.

Und der stolze Gastgeber und Vater ließ seinen Windelstöpsel antreten, damit er vorführt, wie toll er schon auf seiner vollkommen verstimmten Plastikkindergitarre spielen kann. Der arme gehemmte Sohnemann schraddelte schüchtern ein paar „Akkorde“, bis seine kleine innere Rampensau sich Bahn brach und er – und ich – Spaß an der Sache bekamen. Kaum fing der kleene Strümpel aber an, richtig geil zu performen (Papa hatte ja gesagt, er soll zeigen, was er kann), bremste sein Vater ihn aus. „Nein, IKEA (schwedischen Männernamen bitte selbst einfügen, Anm. d. Red.), jetzt wirst du unecht!“ Unecht! *augenroll*

Ihr versteht bestimmt sofort, was ich meine. Der arme Strümpel sollte zeigen, wie begabt und musikalisch er schon ist (vor allem, wie toll seine Eltern ihn fördern), aber bitte so, dass es weder Krach noch Spaß macht. Und solche Momente haben wir alle schon erlebt, immer wieder. Unsere individuelle Stimme wird beschnitten, klein, leise, passend gemacht. Richtig los geht das dann in der Schule. Ich will da jetzt auch gar keine Paralleldiskussion aufmachen, die Kritik am Schulsystem wäre einen eigenen Blog wert, aber jetzt gerade hab ich meinen toleranten Augenblick und sag einfach mal: Ist ja gut, dass wir alle erst mal die gleichen Standards lernen. Aber!

Wir lernen, unsere Stimme in feste Bahnen zu lenken. Wer, wann, wo, warum, und den letzten Absatz immer schön so schreiben, dass der Redakteur ihn zur Not einfach abschneiden könnte, ohne dass der Leser merkt: Da fehlt was! Wir lernen eben tatsächlich alle den gleichen Standard, der eine mehr, der andere weniger „erfolgreich“. Und das ist wie gesagt auch gut, man muss sein Handwerk beherrschen. Nicht mehr lustig ist die Sache, wenn wir dann eine Fünf in Deutsch bekommen, weil wir den Brecht anders interpretieren, als der Deutschlehrer das vorgefertigt in seinen Unterlagen stehen hat. Weil wir Metaebenen erkennen, die der Lehrer nicht gesehen hat, weil wir emotional und kreativ anders auf einen Text reagieren, als der Reclam-Verlag das in seiner Sekundärliteratur vielleicht geplant hatte, bekommen wir eins vor die Nuss. Und das prägt ja, wenn man eins vor die Nuss bekommt, das wissen wir alle.

Nicht „richtig“ ist nicht automatisch falsch!

Wir werden ständig damit zugeballert, wie wir Sachen „richtig“ machen müssen. So interpretiert man ein Gedicht, so schreibt man einen Blogartikel, so hält man eine Rede. Und wenn es um reine Sachebenen geht, ist das auch super, keine Frage. Wenn ich mich durch eine Gebrauchsanleitung durchfuchsen muss, will ich ja nicht erst rausfiltern, was der Verfasser zum Mittagessen hatte und wie ihm sein letzter Urlaub gefallen hat, bevor ich erfahre, in welcher Reihenfolge ich die Knöpfe drücken muss. Wenn ich eine Gebrauchsanleitung schreibe, ist es ebenfalls sehr hilfreich zu wissen, dass den Leser mein Urlaub nicht interessiert – ich fahre nämlich nie in den Urlaub. Schon aus Prinzip nicht. Ich steh eben auf meine flugzeug- und autofreie Ökobilanz und käme mir unauthentisch dabei vor, mir extra einen Urlaub ausdenken zu müssen! 😀

Aber Fakt ist: Regeln sind praktisch, Regeln sind cool, wenn man schnell etwas Allgemeinverständliches hinkriegen will. Regeln sind ja auch verdammt nützlich. An einem Stoppschild einfach mal stehen zu bleiben zum Beispiel. Und wir alle kennen den Moment der Verwirrung, wenn wir gerade mal keine Regel haben. Etwa, wenn uns auf dem Fußweg jemand entgegen kommt und beide mehrfach in dieselbe Richtung zur Seite treten. Ich sag in solchen Fällen meistens noch so was sinnvolles wie: „Mambo kann ich nicht!“ Und irgendwie geht’s dann. Aber so ganz ohne Regel ist man dann doch kurz unsicher und muss im Hirn ein paar Gramm Zucker durchjubeln, um das kleine Problem eben zu lösen.

Schwierig wird es, wenn wir Regeln so verinnerlicht haben, dass sie unsere natürliche Kreativität hemmen. Ich erlebe das immer wieder, wenn junge Menschen, die wissen, dass ich „irgendwie schreibe“, mich um Hilfe bitten, weil sie einen Praktikumsbericht schreiben müssen, ein Gedicht verschenken wollen oder eine Geschichte im Kopf haben, die raus muss. Dann erlebe ich jedes Mal den Moment, wo lebhafte Jugendliche, die sonst reden können wie ein Wasserfall, und auch sehr witzig, differenziert und interessant erzählen können, ins Stocken geraten und plötzlich blockieren, sobald sie einen Stift in der Hand haben.

Dieser Moment des Stockens ist völlig normal, ich hab den jeden Tag, wenn ich mich an die Arbeit setze. Man schaltet um von spontan gebrabbelt auf german Schriftsprache. Wenn man geübt darin ist, wird der Moment nicht unbedingt kürzer, man geht nur gelassener damit um. Aber es tut mir immer richtig weh, wenn ich spüre, dass Menschen aus diesem Moment des Stockens nicht mehr herausfinden, weil sie es unbedingt „richtig“ machen wollen. Weil sie sich vor einer Fünf fürchten, obwohl der Lehrer schon lange im Ruhestand ist. Dann gehen sie auf Nummer sicher und heraus kommen dabei dann auch Schulaufsätze, in denen Herr Dings auch bestimmt nichts rot anstreichen würde, die aber auch niemand lesen will.

Es gibt Wege, die Starre zu lösen, keine Frage. In Fällen wie Praktikumsberichten fange ich zum Beispiel ein „ganz harmloses“ Gespräch an. Wir arbeiten ja noch nicht. Wie hat es dir denn da überhaupt gefallen? Und was war der Chef so für ein Typ? Hmhm. Und was ist das jetzt für ein Laden? Ich war da noch nie, was machen die? Dann rutschen sie wieder ins freie Erzählen, und wenn ich nach zehn Minuten sage: „Cool! Du hast mir gerade alles erzählt, was du für deinen Bericht brauchst!“, kommt immer sofort die Frage: „Und wie schreibe ich das jetzt?“ Tja.

Schreiben ist nichts anderes als schriftliches Erzählen

Natürlich hat Schreiben noch mehr Regeln als freies Sprechen, klar. Wer sich in der Rechtschreibung nicht sicher sich, muss sich zum Beispiel keine Sorgen um Tippfehler machen, wenn er eine Geschichte einfach erzählt. Und nichts hemmt so sehr wie die Angst vor Fehlern. Und wo es Regeln gibt, machen wir eben auch Fehler, das bleibt gar nicht aus. Aber wenn wir nicht gerade versuchen, eine Bombe zu entschärfen, sind Fehler gar nicht so tödlich, wie man immer meint.

Regeln sind ja nun mal auch der Kodex, den wir zur Kommunikation brauchen. Wer verstanden werden will, muss sich deutlich äußern. Wie blöd es ist, einen Kodex nicht zu beherrschen, merkt man spätestens dann, wenn man mit dem Fallschirm in einen Busch kracht, in dem nackte Pygmäen leben, die eine Klicksprache sprechen. Man stellt sich dann vor mit einem dreifachen Regelverstoß. Erstens: Man ist angezogen, ist also bestimmt unehrlich und hat was zu verbergen, Waffen zum Beispiel. Zweitens: Man hat den Busch verbogen, anstatt die Natur zu achten. Drittens: Man kann einfach diese Klickgeräusche nicht, mit denen sie sich vollkommen selbstverständlich verständigen. Spätestens, wenn euch das passiert, merkt ihr, wie viel Sicherheit euch die Regeln, die Sprache, der Verhaltenskodex in eurem vertrauten Kulturkreis geben.

Das sind die Momente im Leben, wo uns klar wird, dass wir Regeln lieben. Und trotzdem sind sie ein ganz fürchterlicher Kreativitätshemmer. Nämlich immer dann, wenn uns einfällt, wie Papa uns gesagt hat, wir sollen nicht „unecht“ sein, wenn wir gerade einen richtig geilen Flow hatten. Aber zum Glück sind die Spielräume doch trotzdem riesig. Da sind bei allem Regelwerk tausend Lücken, die wir mit Witz und Kreativität füllen können, wenn wir uns nur trauen, vor uns selbst zuzugeben, dass wir den engen Schädeln unserer alles bewertenden Lehrer längst entwachsen sind. Und in dem Moment, wo wir die Regeln bewusst hinter uns lassen, werden wir zur Avantgarde. Oder verrückt, aber dann checken wir auch keine Blogstatistiken mehr! 😀

Wir finden unsere eigene Stimme wieder, weil wir gelebt haben, weil wir Dinge hinterfragt haben, weil wir Autoritäten gekippt haben, die wir aus ganz persönlichen Gründen nicht mehr ernst nehmen wollen oder können. Und hinter diesem Korsett des Denkens fängt der freie Raum an, in dem wir anfangen können, mit den Regel zu spielen. Der freie Raum, in dem wir unsere eigene Sprache entwickeln können, die sich zwar an allgemeinverständliche Regeln hält, aber unsere Texte unverwechselbar macht.

Die eigene Stimme ist wie ein Fingerabdruck

Habt ihr schon mal Doctor Who gesehen? Die Eingeweihten grinsen jetzt gerade und beneiden mich um die TARDIS auf meinem Schreibtisch, den Nicht-Eingeweihten erzähle ich kurz, wer die Daleks sind. Die Daleks sind eine kriegerische außerirdische Rasse und sehen alle gleich aus. Wie ein Retro-Vorläufer von R2-D2. Daleks sind nicht besonders helle und machen immer, was man ihnen sagt. Meistens rollen sie in der Gegend rum, knöttern mit ihren seltsamen Roboterstimmchen „Eliminiiieren!“ und schießen alles kaputt, bis der Doctor kommt und die Welt rettet. Daleks halten sich streng an ihre Dalekregeln, haben einen sehr begrenzten Wortschatz und Schwierigkeiten, bei einer Veränderung der Sachlage umzuschalten. Ihre Stärke liegt in ihrer Masse und, sorry, wenn ich das so sage, liebe Daleks, in ihrer Blödheit. Und man kann sie einfach nicht auseinanderhalten. Sie sind beliebig.

Wir Menschen sind aber eben keine Daleks. Und trotzdem frage ich mich, wieso wir dann so oft wie Daleks schreiben! Ich sehe ständig überall Dalek-Blogs und Dalek-Bücher und alle knöttern: „Eliminieren!“, nämlich die Fehler, die verhindern, dass sich Traffic oder Leser einstellen. Aber wenn alle nach den gleichen Dalekregeln versuchen individuell zu sein, kann das doch nicht klappen! Leute! Denkt doch mal naaaach!

Ihr alle habt eine unverwechselbare, einzigartige Stimme! Jeder Mensch trägt sein eigenes Universum mit sich herum. Aber das Gefühl „von einem anderen Planeten“ zu kommen, wird immer wieder als Schwäche begriffen. Und man muss kein diagnostizierter Asperger-Autist sein, um dieses Gefühl zu kennen, wir sind alle manchmal vom falschen Planeten! Die Frage ist doch nur: Was machen wir damit?

Passen wir uns an, ziehen wir uns die gleiche Tüte über den Kopf, die alle auf dem Kopf haben, um nicht aufzufallen? Dann fragen wir uns irgendwann: Wieso fällt mein Blog niemandem auf? Ich hab doch alles genau richtig gemacht! Jede Schritt-für-Schritt-Anleitung befolgt, jeden Tipp umgesetzt, mich an jede Regel gehalten! Auch der Tipp, dem Leser wirklichen „Mehrwert“ zu liefern, bringt gar nichts, wenn hundert Blogs mit einem viel besseren Ranking den gleichen Mehrwert schon längst geliefert haben. Warum sollte das dann irgendjemand in deinem Blog lesen? Ganz einfach: Weil du den Mut hast, mit deiner eigenen Stimme zu schreiben. Unverwechselbar.

Ein Blog ist keine nüchterne Tageszeitung

Noch mal kurz zurück ins letzte Jahrtausend, als das „Prinzip Blog“ erfunden wurde. Blog steht für Weblog, also Logbuch im Web. Und ein Logbuch hält eine persönliche Reise fest. Nicht die im Atlas verzeichnete Route, sondern diese eine Reise. Reisen machen viele. Jeder irgendwie, um genau zu sein, manche nach innen, manche nach außen. Um bei der Metapher mit der Reise zu bleiben: Sagen wir mal, einer von diesen riesigen Umweltsau-Fliegern mit hunderten von Leuten an Bord fliegt nach Mallorca. 150 der Passagiere machen nur Selfies, hundert andere bloggen auch darüber. 99 davon bloggen: „Am 27. Mai flogen wir nach Mallorca, verbrachten eine schöne Zeit auf der Insel und hatten auch Glück mit dem Wetter.“ Gäääähn.

Du aber schreibst: „Also, mit mir und Mallorca, das war so. Ich hatte schon gleich ein komisches Gefühl, als meine Oma das Kreuzworträtsel in der Fernsehzeitung ausgefüllt hat, um die Reise für zwei Personen zu gewinnen. Ich hatte noch misstrauisch gefragt: ‚Oma, wen nimmst du denn dann mit, wenn du gewinnst?‘ Und ihr kennt die Geschichten über meine Oma. Sie hat mich grinsend getätschelt und gesagt: ‚Dich natürlich!‘ Und dann hat sie gleich wieder gefragt, ob sie mir ein paar Würstchen warm machen soll, weil ich ja kein Fleisch mehr esse. ‚Oma‘, hab ich gesagt, ‚Würstchen sind auch Fleisch!‘, aber Widerspruch ist ja bei ihr zwecklos. Naja, und so war es dann eben auch mit der Reise. Ich hatte mir so sehr die Daumen gedrückt, dass sie nicht gewinnt, aber meine Oma gewinnt ja immer! Die Kaffeemaschine und die Einbauküche sind ja auch aus der Fernsehzeitschrift! Wenn sie mir die Kaffeemaschine geschenkt hätte, hätte ich mich ja auch nicht beschwert, aber zwei Wochen am Ballermann? Mit meiner Oma?“

So. Noch mal. Ein Blog ist keine sachlich-trockene Tageszeitung, sondern ein, dein, individuelles, ganz persönliches Logbuch, dein Medium, um dich kreativ auszutoben und mit deinem ganz eigenen Stil Leser zu begeistern. Ein Blog ist das perfekte Medium, um trockene Informationen mit ganz persönlichen Ideen, Erfahrungen, Gedanken und Geschichten zu verbinden. Und welchen Artikel würdest du selbst in einem persönlichen Blog lieber lesen? Möchtest du auch noch wissen, wie die Wassertemperatur auf Mallorca war und wie die berühmte Sehenswürdigkeit heißt, oder würdest du lieber lesen, wie die Oma vor der Sehenswürdigkeit einen Handtaschendieb mit dem Selfiestick verkloppt hat? Dabei erfährst du trotzdem, wie die Sehenswürdigkeit heißt, hast aber gleichzeitig noch gelacht und die coole Oma gefeiert!

Wie weit darf die eigene Stimme gehen?

Zuerst einmal sollten wir natürlich alle versuchen, uns verständlich auszudrücken, klar. Knappe Grunzlaute eignen sich nur, wenn man mit Menschen kommuniziert, die einem sehr vertraut sind und aus deinem „Mm“ heraus hören, ob du gerade meinst „Lass mich schlafen!“, „Kapier ich nicht!“ oder „Wie schön, dass du da bist!“. In einem Blog hast du schließlich auch nicht die Elemente Körpersprache, Stimmlage, Gesichtsausdruck zur Verfügung. Deshalb drehen wahrscheinlich inzwischen so viele Leute Videos, weil es viel einfacher ist, ein blödes Gesicht zu machen, als einen sprachlichen Ausdruck für das eigene blöde Gesicht zu suchen. Aber das ist ja gerade das geile am Schreiben, das lustvolle Jonglieren mit Worten. Wenn du das nicht hast, solltest du es einfach gleich mit einem Youtube-Channel versuchen. Wenn du schreibst, kannst du aber immer noch eine Schüppe drauflegen und gleichzeitig in die Tiefe gehen. Und zwar in deine Tiefe.

Wenn du zum Beispiel deinen Alltag mit einer Krankheit bewältigen musst, ist es vollkommen klar, dass du dich mit deiner Krankheit verdammt gut auskennst, wahrscheinlich besser als viele Ärzte. Und mit Sicherheit stehen über diese Krankheit schon viele sachliche Fachartikel im Netz, aus denen Leser sich den berühmten Mehrwert ziehen können. Diese Fachartikel musst du deswegen nicht noch mal schreiben! Ein Blog ist eben kein Fachbuch. Und deshalb ist dein Mehrwert mehr wert! Nämlich dann, wenn du klar kommunizierst, wie es ist, diese Krankheit zu haben, mit ihr zu leben. Das wird keinem Medizinstudenten helfen, sich auf die Prüfung vorzubereiten, aber dafür gibt es ja eben die drögen Fachbücher.

Mit deinem Blog kannst du aber Menschen erreichen, die vielleicht an derselben Krankheit leiden und nicht damit allein sein wollen, die von deinen Erfahrungen profitieren wollen. Oder Angehörige und Partner, die einen kranken Menschen besser verstehen wollen. Oder du erreichst Leser, die irgendwo auf deinen Schreibstil aufmerksam geworden sind und sich jetzt mit deiner Krankheit, deinem Leben, beschäftigen, weil sie deine Stimme einfach gerne lesen und es toll finden, dass es tapfere Kämpfer wie dich gibt. Du kannst Vorurteile abbauen, Informationen persönlicher gestalten, zu einem erlebbaren Text verarbeiten. Du kannst sagen: „So ist es wirklich. Für mich. Aber wie ist es für euch?“

Stoppschilder nicht übersehen!

Und trotzdem gibt es bei der eignen Stimme Grenzen. Deine persönlichen Grenzen und die anderer. Es gibt natürlich Dinge, die sind zu persönlich und privat, um sie ins Internet zu stellen, klar. Oder die Zeit ist einfach noch nicht reif dafür, weil du noch nicht reif dafür bist. Vor ein paar Tagen las ich den Blogartikel einer Mutter, die jetzt endlich öffentlich darüber sprechen wollte, dass sie ihr Kind verloren hat, das hat mich fern jeder Sensationslust tief berührt. So tief, dass ich da gar nichts zu gesagt habe, weil man das Gefühl hat, tote Buchstaben im Internet können da eh nicht helfen, was vielleicht falsch ist. Aber man macht sich auch angreifbar und verletzbar, wenn man so offen zu seinen wunden Punkten steht, also nimm dir Zeit, deine Grenzen wahrzunehmen, bevor du irgendwas raus haust.

Nimm dir aber auch Zeit, ganz bewusst über die Grenzen anderer nachzudenken. Ganz schwierig finde ich persönlich immer diese Trennungsposts. Vor ein paar Tagen stolperte ich über eine unübersehbare Diskussion zu einem dieser „Wie eine Nachricht mein ganzes Leben veränderte!“-Posts. Ein Mann, nennen wir ihn IKEA, hatte mit einer Fashionbloggerin Schluss gemacht. Ich hab den Anfang des Artikels überflogen und mit einer Mischung aus Scham und Entsetzen weggeklickt. Ich wollte gar nicht wissen, dass IKEA ein schwieriges Verhältnis zu seiner Ex hat, dass er immer noch an ihr hängt und heimlich wieder Kontakt zu ihr hatte, wieso IKEA dies und das tut. Das wäre völlig okay gewesen, wenn IKEA selber darüber geschrieben hätte. Aber IKEA war nicht derjenige, der das gebloggt hatte!

Ich hab zwar keine Ahnung, wer der Typ ist (der persönliche Bekanntenkreis der Bloggerin aber garantiert schon), aber ich hab intime Details aus seinem Leben erfahren, die er selbst nicht preisgegeben hatte, und mit so was hab ich ganz ehrlich ein Problem. Da muss auch gar kein Klarname im Internet auftauchen, irgendwo bleibt so was immer hängen. Ich weiß jetzt, dass IKEA der Typ ist, der auf Facebook als die feige Sau berühmt wurde, die per WhatsApp Schluss gemacht hat und Blogs, die mit der sensiblen und vielleicht sogar verwirrten Gefühlswelt Dritter hausieren gehen, empfinde ich persönlich als grenzwertig bis übergriffig.

Bei aller Liebe zum persönlichen Schreiben, die Probleme Dritter zu bloggen, die gar kein Vetorecht bekommen, bevor ihre intimsten Geheimnisse im Internet landen, finde ich persönlich nicht okay. Irgendwie hat das auch immer was erpresserisches, dieses öffentliche „Sieh, wie ich aus Liebe zu dir leide!“, und da tut man sich selbst keinen Gefallen mit, weil man sich eine romantisch verklärte Opferrolle zuweist, aus der man später nur schwer wieder rauskommt. Solche Geschichten „bloggt“ man wirklich besser unter vertrauten Freunden am Küchentisch oder einfach in das gute alte Tagebuch.

Deshalb würde ich Oma den Artikel über die Mallorca-Reise auch gegenlesen lassen, bevor ich ihn ins Internet stelle. Vielleicht lacht Oma selbst Tränen über das Erlebnis mit dem Handtaschendieb, möchte aber, dass du die Passage streichst, in der sie auf der Jagd nach dem Dieb mit dem Unterrock am Gebüsch hängen blieb und plötzlich ohne da stand. Das kann nur Oma entscheiden, denn es war ihr Unterrock.

Der Spielraum ist dein Spielraum

Es gibt also Regeln und Grenzen beim Schreiben für die Öffentlichkeit, klar. Aber was hindert uns daran, unsere Spielräume kreativ zu nutzen? Mit Selbstironie zum Beispiel bist du immer auf der sicheren Seite. Wenn du dich über andere lustig machst, musst du bereit sein, ihn aufzufangen, falls der Bumerang zurück kommt. Aber wenn du dich über dich selbst amüsierst, werden deine Leser befreit lachen und sagen: „Haaaa, das kenn ich! Das passiert mir auch immer!“

Wenn du fühlbar, sinnlich, emotional schreibst, erreichst du deine Leser auch emotional. Wenn du bildhaft beschreibst, wie du dich getraut hast, in eine Zitrone zu beißen, werden sie beim Lesen das Gesicht verziehen wie Cartoonzeichner die Mundwinkel runterziehen, wenn sie einen traurigen Hund malen, jede Wette. Wenn du dir unsicher bist und nicht zu dogmatisch klingen willst, stell einfach Fragen, auf die deine Leser kreativ reagieren können, schon bist du in einem spannenden Dialog mit Menschen, die ähnliche Interessen haben!

Das beste, was dir aber passiert, wenn du endlich die Selbstzensur lockerst und nicht mehr krampfhaft versuchst, nicht von einem anderen Planeten zu sein, sind die Leute, die du triffst. Weil sie an deiner individuellen Stimme erkennen: Ey, da ist jemand, der authentisch ist, der sich nicht verstellt, der auch noch ähnlich tickt wie ich! Und dann werden sie deine Artikel auch lesen, kommentieren, irgendwie auf dich reagieren und deine Artikel im Idealfall sogar teilen, oder deine Bücher weiterempfehlen. Weil es einfach Spaß macht, seinen Freunden zu sagen: „Ich hab gerade so gelacht/mitgezittert/durchgeblickt/geweint, das musst du dir unbedingt angucken!“

Und mit einem Listpost darüber, wie man Listposts schreibst, wirst du kaum noch jemanden erreichen, denn der Content ist schon da. Tausendfach. Mit einem Listpost darüber, wieso es dir ganz persönlich zu blöd ist, Listposts zu schreiben, könntest du mehr Glück haben! 😉

Fazittt?

Wenn deine Texte kein Schwein liest, befolgst du zu viele Regeln für erfolgreiche Blogger. So einfach ist das. Es ist gut, die Regeln mal gehört zu haben, keine Frage. Aber wenn du dich brav an alle Regeln hältst, schreibst du wie alle Welt. Wenn du so schreibst, wie dein Deutschlehrer es wollte, schreibst du wie alle Welt. Wenn du deine innere Wildsau von der Leine lässt und schreibst wie du, bist du »unique«, dein eigenes Alleinstellungsmerkmal mit zwei Buchstaben: Du. Das heißt ja nicht, dass du dich nur um die Fusseln aus deinem eigenen Bauchnabel drehen sollst. Aber es heißt, dass du mit deiner verstimmten Kinderplastikgitarre performen sollst, wenn du einen Lauf hast. Dann kannst du meinetwegen auch die tausendste Coverversion von »Hairway to Steven« raushauen. Aber mach es mit deinem Beat. So. Und jetzt noch mal die Frage!

Was ist das Alleinstellungsmerkmal deines Blogs?

Ostfriesentee und Literatur – sexiest unsexy couple ever!

Ostfriesentee und Literatur – sexiest unsexy couple ever!

Lebenselixier!!!
Lebenselixier!!!

Da ich im Moment total fokussiert darauf bin, Beziehungsstatus-Band 3 fertig zu überarbeiten, muss ich jetzt erst mal umschalten, um in den Blogger-Modus zu wechseln, aber zusammen kriegen wir das schon hin. Die Autoren unter euch kennen das garantiert, in der heißen Schreibphase schüttet man ähnliche Hormone aus als wäre man frisch verliebt und kann an nichts anderes mehr denken.

Neulich hab ich sogar in meinem verpeilten Tüdelkopf einem Bekannten irrtümlich den Vornamen einer meiner Romanfiguren verpasst. Meine kuppelsüchtige Tochter, die sich immer einen Spaß daraus macht, »Fan-Fiction-Couples« aus mir und ahnungslosen Herren aus Funk und Fernsehen zu basteln, fragte nur mit diesem »Gibt es irgendwas, was ich wissen sollte?«-Grinsen: »Ach, nee, Mama, wer ist denn Sven?«

Ja, mein Gott, Sven, Thorben, wer kann diese schwedischen Männernamen schon auseinanderhalten, für mich klingen die alle, wie IKEA-Möbel. Ich hatte sogar mal einen Tisch, der hieß »Nils Gammelgard«, da ist auch nichts gelaufen! *augenroll*

Auf jeden Fall bin ich im Moment (mal wieder) extrem verpeilt und was hilft mir da? Der ostfriesische Zaubertrank mit einem Buchstaben: T. Tee ist einfach die perfekte Nervennahrung und kurbelt so angenehm das Gehirn an. Wahrscheinlich schreibe ich deshalb auch Grips-Lit, keine Chick-Lit, oder Bestseller a la »Im Folterkeller des Milliardärs«, weil ich das Zeug literweise saufe.

Und weil mich jetzt schon mehrfach Leserinnen auf das Phänomen Ostfriesentee angesprochen haben, lege ich kurz entspannt die Arbeit nieder und widme diesem Bölkstoff für Intellektuelle, die keinen Rotwein mögen, einen Artikel. Damit ihr euch beim Lesen meiner Bücher das echte Ostfriesland-Feeling noch besser vorstellen könnt und es vielleicht auch mal selber ausprobieren könnt – und zwar so, dass ihr selbst im »Kluntjehaus« mitmischen und auch vor Eugens unbestechlichem Blick bestehen könntet!

In Ostfriesland ist Tee kein Getränk, sondern ein Ritual!

Ja, noch lacht ihr, aber ihr wisst ja noch gar nicht, was auf euch zukommt! Die ostfriesische Tee-Etikette ist nämlich ein extrem flutschiges diplomatisches Parkett! Aber ohne Tee geht in Ostfriesland gar nichts. Mit Tee dagegen ist man den Katastrophen des Lebens einfach besser gewachsen.

In den Beziehungsstatus-Romanen ist der Tee am Nachmittag eine feste Einrichtung und der Rettungsanker im Tag. Man weiß als verpeilter Künstler gerade nicht, an welchem Haken das Universum eigentlich festgemacht ist, wieso man als Genie immer so durcheinander kommt, wenn man sich die Schuhe zubinden will, wieso die letzte Nacht so verwirrend war? Was mag die durchgeknallte Elfe wohl gemeint haben mit »Du mich auch!«, hm? John? Meinte sie vielleicht »Ich dich auch!«, oder doch »Vielleicht«?

Klar, dass man da verdammt guten Treibstoff braucht, um das durchzuhalten. Und das gilt nicht nur für vom Leben durchgeschüttelte Romanhelden. In Ostfriesland machen das alle so. Der Regen kommt mal wieder frontal von vorne, obwohl man sich doch bei Sonne aufs Fahrrad gesetzt hat? Der Auspuff des Autos ist mal wieder am vom Moorboden verbeulten Feldweg hängen geblieben? Die Touristen reisen alle ab, weil das Wetter ihnen zu schlecht ist? Der Nachbar hat auf dem Heimweg vom Schützenfest in den Strandkorb auf der Terrasse gekotzt? Der Wind fegt die Schafe waagerecht vom Deich? Macht ja nichts, um drei gibt es Tee!

Der Tee erfüllt in Ostfriesland gleich mehrere Funktionen. Zum einen ist das eine Sache des Prinzips. Die Ostfriesen sind ein freiheitsliebendes stolzes Volk und machen ihre eigenen Gesetze, und das wichtigste Gesetz heißt: »Drei Tassen sind Ostfriesenrecht!«

Es gibt also drei Tassen um drei, das können sich auch die bedauernswerten Menschen merken, die jenseits des Kluntje-Äquators zur Welt gekommen sind. Der Kluntje-Äquator verläuft glaube ich irgendwo zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg, ich hab aber jetzt vergessen, eine Anfrage an Aldi-Nord zu schicken, bis wo genau die dicken Kandisklumpen im Standardsortiment sind.

Tee ist also eine Sache des Prinzips, erfüllt aber noch ganz andere Funktionen. Erstens: Lecker! Wenn man sich einmal an die Plörre gewöhnt hat, kann man einfach nicht mehr ohne. Zweitens: Macht wach! Drittens: Tee stärkt soziale Bindungen! So, wie Katzen, Hunde und Pferde sich gegenseitig das Fell pflegen oder sich beim Schlafen aneinander kuscheln, trinkt der gemeine Ostfriese Tee. Sonst kriegt man ja gar nicht mit, wessen Oma gestorben ist, wer den Hof verkauft und was »die da oben« wieder ausgeheckt haben.

Damit das aber alles reibungslos funktioniert und man auch wieder eingeladen wird (über Missverständnisse an der Teetafel sind schon ganze Verwandtschaftszweige im Streit auseinander gegangen und Mischehen zerbrochen), muss man wissen, was man darf und was nicht. Deswegen kommen jetzt hier die wichtigsten Regeln. Wenn ihr die hundertmal abschreibt, habt ihr die ganz schnell drauf und seid fit für euren nächsten Urlaub in Ostfriesland!

1. Die Hausfrau!

Die Hausfrau schenkt ein! Also, Finger weg von der Kanne, selber einschenken kommt einer Degradierung der Dame des Hauses gleich! In meinen Romanen ist Eugen die Hausfrau und ein Stellvertreter darf nur einschenken, wenn Eugen bei den Nachbarn zum Siebzigsten Schnäpse kippen muss oder gerade emotional unter Schock steht. Was ja durchaus passieren kann in einer WG.

2. Die Tasse!

Getrunken wird der Tee aus kleinen, dünnwandigen Tassen, die es in Ostfriesland in jedem noch so kleinen Supermarkt für billig gibt, außerhalb von Ostfriesland sind diese Zwergtässchen so was exotisches, dass man die zum zehnfachen Preis online bestellen muss. Wenn ihr also mal da seid: Deckt euch mit Tassen ein, und zwar nicht im Touri-Shop, sondern im Supermarkt! Ihr haltet mich jetzt bestimmt für eine total neurotische, pingelige Schrulle (da liegt ihr richtig!), aber ich schwör mit Blut, aus der dünnwandigen Tasse schmeckt der Tee anders!

3. Der Löffel!

Ganz wichtig! Zu jeder Tasse gehört natürlich eine Untertasse, damit der Löffel auch stilvoll rumliegen kann. Der Löffel ist nämlich ein unabdingbares Utensil zur nonverbalen Kommunikation. Der Löffel wird nämlich in die Tasse gelegt, wenn man sagen will: »Danke, reicht!« Also, nach der dritten Tasse und damit eigentlich überflüssig, aber das gehört sich so!

Hier haben wir schon eins der größten Missverständnisse der Tee-Zeremonie aufgespürt! Wer das nicht weiß, stellt einfach so sein Löffelchen in die Tasse und wird dann fürchterlich grummelig, weil die Hausfrau ihn beim Einschenken eiskalt übergeht, während alle anderen die nächste Tasse kriegen! Ein Affront? Nö! Nonverbale Kommunikation auf Plattdeutsch!

Falls ihr übrigens glaubt, dass der gemeine Ostfriese mit dem Vorlieb nimmt, was im Rest der Republik als »Teelöffel« bezeichnet wird, liegt ihr falsch. Das, was ihr aus dem Süden für einen Teelöffel haltet, ist ein Kaffeelöffel! Der ist für eine dünnwandige Tasse viiiiel zu groß! Die kippt ja um, wenn man da so einen klobigen Kaffeelöffel rein stellt, nee, also, das geht nicht. Das geht gar nicht. Der ostfriesische Teelöffel ist nicht größer als euer kleiner Finger.

4. Der Kluntje!

Bevor die Hausfrau einschenkt, bekommt jeder einen Kluntje! Tja. Watt is denn gezz enne Kluntje, fracht sich da der geneigte Rheinländer. Ein Kluntje ist ein weißer Kandisbrocken, so groß wie eine Kokosnuss! Naja, vielleicht nicht ganz. Aber es wurden schon Exemplare gesichtet, die kamen an das alte Fünfmarkstück dran!

Für die Jüngeren unter euch: Ein Fünfmarkstück war mal Geld, das doppelt so viel wert war wie fünf Euro. Also, stellt euch einfach zehn Euro als Münze vor, dann wisst ihr, wie groß ein Kluntje ist. Früher war so ein einzelner Kluntje auch mal so viel Wert wie zehn Mark, also zwanzig Euro, und die echten Hardliner züchteten ihre Kluntje selbst im Keller, in einer gesättigten Lösung.

Kluntje sind nämlich in echt sehr edle Kristalle und die Yps-Leser unter euch können sich bestimmt noch an die Gimmiks erinnern, mit denen man Urzeitkrebse und Kristalle züchten konnte und ich schweife schon wieder ab. Also! Der Kluntje! Jeder gut sortierte ostfriesische Haushalt hat heute noch in irgendeiner Schublade einen sogenannten »Kluntjeknieper« rum liegen. Das ist so eine Art Zange die aussieht wie ein chirurgisches Instrument aus dem Dreißigjährigen Krieg, und damit wurde die Omma in den Vorratskeller gejagt, um vorm Tee Kluntjebrocken abzubrechen.

Und während es bei den Römern hieß: »Jeder nur ein Kreuz!«, hieß es bei den Ostfriesen eben: »Jeder nur einen Kluntje!« Von vielen Kleinkindern wird der Kluntje wegen seiner doch etwas schwierigen Aussprache übrigens einfach »Nunni« genannt, dann sagen die Alten »Tee macht ne schlappe Nas!« und verdünnen den Lütten den Tee mit kaltem Wasser. Was die Redewendung eigentlich aussagen soll, konnte mir auch nie ein Ostfriese erklären, sie wissen es entweder selbst nicht, oder die Bedeutung ist ihnen so geläufig, dass ihnen einfach nicht einfällt, wie man den Sinn auf Hochdeutsch erklären könnte.

Ähnlich ist es übrigens mit der Redewendung: »Is ja nie wech!« Ich habe Monate gebraucht, um einen Norddeutschen zu finden, der in beiden Sprachen so versiert war, dass er mir mehr sagen konnte als: »Wie, was das heißen soll?! Is’ ja nie wech heißt is’ ja nie wech!« Es heißt aber: »Kann man immer brauchen!« Inzwischen sage ich selber ständig »Is’ ja nie wech!«, weil, so eine Redewendung is’ ja nie wech. Schweife ich schon wieder? Ab? Wo war ich denn? Ach so!

5. Das Umrühren

Sind die Kluntje verteilt, kommt der andächtigste Moment des Tages: Die Stille vor dem Knack! Davor kommt noch das »Klinging!«, das himmlische Geräusch, mit dem der Kluntje mit Schmackes in die Tasse fliegt und sich dann leise klingelnd im dünnwandigen Porzellan auspendelt. Herrlich! Und dann – plätscher, schütt – Knack! Der Kluntje zerspringt vor Freude darüber, dass der Tee heiß genug ist.

Und dann! Meine Damen und Herren, jetzt kommen wir zu einer Glaubensfrage, über die in Ostfriesland Kriege geführt werden könnten, wenn die Ostfriesen nicht viel zu entspannt wären, um Kriege zu führen! Umrühren oder nicht? In jedem Reiseführer können wir nachlesen, dass der Ostfriesentee nicht umgerührt wird! Wer zum Löffel greift und rührt, outet sich als vollkommen kulturloser Gorilla. Und zwar die Sorte von Gorilla, die sich auch nicht davor scheut, beim Tee in der Nase zu bohren und sich ins Tischtuch zu schneuzen. Ugg-ugg. Total unzivilisiert halt.

Aber warum ist das so, hä? Kommen wir zurück zu der »Jeder nur einen Kluntje!«-Regel. Als der gemeine Kluntje tatsächlich noch teurer war als die gleiche Menge Kokain, musste der eine Klunte eben für alle drei verbrieften Tassen reichen. Wer rührte, hatte dann eben eine viel zu süße Tasse, eine mit Zuckerrest, eine bittere mit ohne. Ich hab aber selbst bei meinen Feldforschungen schon im tiefsten Hinterland mit Einheimischen Tee getrunken, die fröhlich umrührten und sich dabei köstlich amüsierten, dass man am Nicht-Rühren die Streber unter den Touristen erkennt, die extra im Reiseführer nachlesen, wie sie sich an die Sitten der Einheimischen anpassen müssen, um nicht aufzufallen. Als ob beim Ruhrgebietsakzent der Urlauber noch was zu retten wäre!

Die orthodoxen Gegner des Umrührens dagegen sind der Meinung, dass man seinen Ostfriesentee »in Lagen« trinken muss. Oben Sahne, so lind wie die laue ostfriesische Frühlingsluft (die bei ablandigem Wind, bei auflandigem Wind ist die ja salzig und riecht irgendwie nach toten Krabben, die will man ja in seinem Tee nicht haben), in der Mitte Tee, so bitter wie das Leben, unten Kluntje, so süß wie die Liebe. Hach! Aber was war das mit der Sahne?

6. Die Sahne!

Also, fassen wir zusammen! Bis jetzt haben wir es geschafft, nicht die Hausfrau zu brüskieren, mit dem Kluntje die Tasse zu treffen, den Löffel nicht als »Nein, Danke!«-Schild in die Tasse zu stellen und jetzt wird es Zeit für die Sahne! Sahne heißt hier nicht »Kipp mal’n Schuss Milch rein!« oder ähnlich abstruses, nein. Es heißt auch nicht, nimm doch mal die Kondensmilch, auf der »Kaffeesahne« draufsteht. So was würde mein Romanheld John euch spontan ins Gesicht spucken. Nicht, weil er unhöflich sein will, das wäre ihm sogar extrem peinlich, wenn er sich mal wieder so zum Trottel macht, sondern weil er denkt, ihr wollt ihn vergiften. Reiner Selbstschutzreflex.

In einen echten Ostfriesentee gehört nämlich auch echte Sahne, also das, was ihr als »Frische Schlagsahne« kennt, nur eben nicht geschlagen. Wer noch eine Herde schwarzbunte Kühe auf dem Hof hat, schöpft natürlich den wahren Rahm ab, aber da ich nicht davon ausgehe, dass ihr euch extra eine ostfriesische Schwarzbunte anschaffen könnt, um stilvoll Tee zu trinken, muss es eben frische Sahne aus dem Plastikbecher tun.

Und diese Sahne wird dann, Obacht!, nicht etwa aus dem Kännchen gekippt, nix da! In einem ostfriesischen Sahnekännchen hängt nämlich eine Sahnekelle! Diese Kelle sieht aus wie eine daumengroße Suppenkelle und hat am Ende des Stiels einen gebogenen Rand, damit man sie eben in das Kännchen hängen kann. Und mit dieser Kelle wird jetzt, Achtung, liebe Grobmotoriker, das kann man ruhig vorher üben!, die Sahne ganz zart und sinnlich auf den Tee gelegt!

Und dann ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen zum Gucken und Staunen! Denn Sahnewölkchen im Ostfriesentee sind wie Schneeflocken, jede ist ein einzigartiges Kunstwerk der Natur und mahnt uns in seiner Vergänglichkeit den Augenblick zu schätzen. Denn was du von der Sekunde ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück. In Beziehungsstatus 1 »Wer’s zuletzt macht, macht’s am besten« können wir diesen vergänglichen Moment erleben, als John sich bei Eugen in der WG vorstellt, um einen Platz für seine Bauwagen zu mieten:

Eugen wies einladend auf die kleine Teetafel, die ihm jetzt doch irgendwie übertrieben und spießig vorkam. Aber Johns Augen blitzten auf. »Tee! Ich weiß, es verstößt gegen die ostfriesische Etikette, in unserem Fall«, er sah Eugen nachdenklich an, »bist du ja wohl die Hausfrau, aber darf ich mir selbst einschenken? Ich liebe das!«
John ließ sich auf eines der Sofas gleiten, warf mit der winzigen Kluntjezange ein großes Stück Kandis in die Tasse vor ihm und griff dann nach der Teekanne. Eugen wollte etwas sagen, aber John hieß ihn mit einer ehrfürchtigen Handbewegung Schweigen. Als er den kochend heißen, tiefschwarzen Tee auf das Kandisstück goss, lauschte er mit schief gelegtem Kopf und ernstem Gesicht auf das Knacken des zerspringenden Zuckerklumpens. Er murmelte fasziniert: »Du hast tatsächlich eine!«
Während Eugen sich noch verwirrt fragte, was John damit meinte, griff John das Sahnekännchen mit der winzigen Kelle, die aussah wie eine Suppenkelle für Puppenstuben, und legte damit wie eine gelernte ostfriesische Hausfrau die Sahne auf seinen Tee. Offenbar hatte er die Sahnekelle gemeint.
»Jedes Mal.«
»Äh, bitte was?«
»Faszinierend. Wie die Sahne sich im Tee verteilt. Wie sie erst nach unten sinkt und sich dann in kleinen Kugeln nach oben windet, um sich wie Nebelschwaden über dem Watt im Tee zu verteilen.« John schüttelte melancholisch den Kopf. »Ich liebe Sahne.«
Eugen schenkte sich nun ebenfalls ein, nippte an seiner dünnwandigen kleinen Tasse und verbrannte sich natürlich den Mund. Dabei versuchte er, wissend zu nicken und wischte dann diskret die heißen Teeflecken von seinem Hemd. »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.«
John nickte langsam. »Das sind die Momente, in denen ich bedaure, kein Kameramann geworden zu sein. Diese Bewegung, dieser einmalige, vergängliche Moment, in dem die Sahne ihren Weg durch den Tee sucht, die kann man nicht malen, verstehst du?«

7. Vergänglichkeit und Austrinken!

Ja, wie wir sehen, wissen melancholische Halb- und Vollblut-Ostfriesen ihren Tee wirklich zu schätzen. Wieso aber verbrennt der arme Eugen sich den Schnabel. Zum einen natürlich, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, eine Künstler-WG auf seinem alten Gulfhof zu gründen, Künstlern gegenüber aber furchtbar ehrfürchtig und schüchtern ist. Mit einem echten Künstler Tee zu trinken, macht den armen Mann also verständlicherweise nervös.

Zum anderen aber, weil das schnelle Austrinken der Tasse sich so gehört. Man könnte diese Sitte kurz mit dem Wort »Gruppenzwang« umreißen. Denn bevor nicht alle Tassen aurich, äh, leer sind, schenkt die Hausfrau der gesamten Runde nicht nach. Für Warmduscher und vor allem Warmtrinker wie Eugen und mich bedeutet das eben puren Freizeitstress und eine verbrannte Lippe, die man aber für das Gesamtevent gerne in Kauf nimmt. Ähnlich, wie man auf einem Heavy Metal Festival eben bei strömendem Regen in nassen Klamotten im Zelt pennt, das gehört einfach dazu.

Noch ein Wort zum Tee selbst

Zugegeben: Bevor er aufgebrüht wird, sieht Ostfriesentee, wenn er so dröge aus der Packung kommt, ein bisschen aus wie mumifizierte Mäuseköttel. Wenn ihr aber beides mal mit kochendem Wasser aufgebrüht und probiert habt, erkennt ihr ganz schnell den Unterschied in Geruch und Geschmack!

Was ist Ostfriesentee jetzt eigentlich genau? Tja, wird wohl Assam sein, denkt der gemeine Wald- und Wiesenteetrinker da, ist ja schwarz und stark, das stimmt aber nur bedingt. Echter Ostfriesentee, und wenn ich sage »echter« Ostfriesentee, dann meine ich auch echten Ostfriesentee, wird nur in Ostfriesland gemischt, und zwar von den drei Teehandelshäusern, die ihr selber googeln müsst, weil – ich mach ja hier kein Product Placement!

Natürlich gibt es auch noch weit hinterm Kölner Dom Teesorten, die »Ostfriesische Mischung« oder so heißen, aber der echte echte Ostfriesentee wird von totalen Hardcorefreaks aus über zwanzig verschiedenen Sorten gemischt, und das immer wieder neu, um die Qualitätsschwankungen des Naturprodukts Tee auszugleichen. Da kann sich so mancher Winzer oder Parfumeur eine Scheibe von abschneiden.

Was aber auch völlig okay ist, sind die »ostfriesischen Spitztüten«, die auf der Halbinsel der Teetrinker in jedem Billigdiscounter ganz unten im Regal liegen. Diese Spitztüten haben einen Style wie diese holländischen Kacheln, wenn ihr mal eine seht, wisst ihr, was ich meine und die Teile heißen gehoben »Stanitzel«. Das Wort hab ich mal ein meinem Fremdwörterduden gelesen und wollte es immer schon mal anwenden, hehe!

Tee aus der Spitztüte hat auf jeden Fall Kultstatus und ist auch immer lecker genug, für das, was ich beim Schreiben treibe. Nämlich literweise schlürfen, um nachts nicht zu schwächeln! Denn: Drei Kannen sind Autorenrecht!

Fazit

So, jetzt dürft ihr euch als eingeweihte Mitglieder eines subversiven Geheimbundes betrachten, und wenn es technisch möglich wäre, würde ich dem nächsten eBook als Easteregg für euch ein ostfriesisches Teepaket beimogeln. So müsst ihr euch leider selbst eindecken, aber solltet ihr es tatsächlich mal probiert haben, lasst mich wissen, wie es war!