Nicht-Beziehung? Wie Neunziger …

Nicht-Beziehung? Wie Neunziger …

Nicht-Beziehung fürs Leben
Die Nicht-Beziehung fürs Leben!

Ihr lieben Menschen! Ich stolperte neulich in einer Polyamorie-Gruppe über den Link zu einem Artikel über Nicht-Beziehungen. Also, nur zur Klarheit: Polyamorie ist das krasse Gegenteil einer Nicht-Beziehung, deswegen wurde das da auch diskutiert! 😀

Aber dieses Wort blieb bei mir hängen und beschäftigt mich jetzt seit Tagen und darüber denken wir jetzt mal bei einer Tasse Tee zusammen nach! Ich frage mich nämlich:

Wie zur Hölle führt man eine Nicht-Beziehung?

Für mich ist das vergleichbar mit Kommunikation. Kunststück, Beziehungen bestehen ja aus Kommunikation. Und, um mal Watzlawick an seinen Axiomen herbeizuziehen: Man kann nicht nicht kommunizieren. Das klappt einfach nicht. Jeder, der schon mal einen Soziopathen kannte, der die Kommunikation »verweigert«, hat festgestellt, dass der trotzdem kommuniziert. Und zwar, dass er »nix« hat und man jetzt mal schön selber nachdenken soll! Gruselig, solche Leute, aber weit verbreitet! 😀

Oder diese Menschen, die andere mit voller Absicht ignorieren. Das ist auch sehr lustig. Man spürt sofort den Unterschied zwischen »Hm, die hat mich wohl einfach nicht gesehen!« und der Aussage: »So, Frollein, ich bestrafe dich gerade mit Liebesentzug, jetzt schäm dich mal ordentlich!« Und dabei verstehen solche Leute ja immer nie, dass sie das Gegenteil der beabsichtigten Botschaft senden, wenn sie sich volle Lutsche anstrengen, einem zu zeigen, wie egal man ihnen ist. 😀

Egal. Kommunikation ist immer da, sobald ein Sender und ein Empfänger aufeinandertreffen. Und mit Beziehungen ist das auch so. (Deswegen ist es auch für viele Menschen so schwierig, eine gute Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Immer zum Spiegel zu rennen, um sein »Gegenüber« mal zu sehen, ist solchen Leuten einfach zu anstrengend!) Daher grüble ich jetzt seit Tagen über dieses Ding mit der Nicht-Beziehung nach. Man kann nicht nicht eine Nicht-Beziehung haben! Äh …

Man kann nicht eine Nicht-Beziehung nicht haben? Wartet, ich komm noch mal rein … Äh, also! Man kann ja keine Beziehung nicht haben! Oder? Hä? Ihr macht mich ganz bekloppt, Kinnings! Also … jetzt hab ich es! Weil man keine Nicht-Beziehung … Jetzt hab ich es! Aber diesmal wirklich! Man hat immer eine Beziehung! schnauf

Dieses ganze Negativ-Gedöns bringt mich ganz durcheinander und das – ha, ich hab ihn! – ist der Kern der Sache. Das defizitorientierte Denken bringt uns dazu, Nicht-Beziehungen zu führen und das verursacht Aua. Isso. Denn um auf so Wörter wie Nicht-Beziehung überhaupt zu kommen, muss man ja erst mal ein Bild davon haben, was eine Beziehung überhaupt ist. These, Antithese. Und deswegen hat das neue Trend-Wort mich so verwirrt. Ich dachte, wir hätten die Zweigleisigkeit des Entweder-Oder-Denkens langsam mal hinter uns. Spätestens, seit Hegel das Wort »Synthese« in den Ring geworfen hat, hätten wir doch anfangen können, mal das duale Denken zu erweitern, aber: Nö.

Was ist eine Beziehung?

Tja. Ich naives Schaf behaupte ja einfach: Ich hab eine zu jedem Menschen, den ich kenne. Sogar zu dem riesigen rothaarigen Kater, der irgendwo in der Nachbarschaft wohnt und mich manchmal besuchen kommt. Wir haben den »Herr Hetfield« gerauft, weil er aussieht, wie der Frontmann von Metallica. Und falls ihr immer schon mal davon geträumt habt, James Hetfield auf dem Schoß zu haben, vergesst es!

Er beißt sich in eurem T-Shirt fest, sabbert wie ein Baby und stratzelt dann Augen rollend und schnurrend mit den Krallen in eurem zarten Bauchspeck rum, also, das ist gar nicht so toll, wie man immer meint. Aber trotz unserer unterschiedlichen Bedürfnislagen »Iiiiih, du Sau, sabber mein Shirt nicht voll!« und »Schnurrrrrrr«, haben er und ich ja eine Beziehung und arrangieren uns irgendwie. Ich würde niemals auf die Idee kommen, die Gefühle dieses Katers zu verletzen, indem ich sage: Wir haben eine Nicht-Beziehung!

Nach den Maßstäben von Rosamunde Pilcher und der gesamten Sonntag-Abend-im-ZDF-Liga haben dieser Kater und ich selbstverständlich keine Beziehung, denn da gibt es ja ganz klare Parameter, an die man sich halten kann! Was praktisch ist, auf jeden Fall! Denn dank dieser Parameter weiß man immer genau, wann man geliebt wird und muss nicht auf das eigene Gefühl hören. Das könnte sich ja als verwirrend erweisen, also ist es besser, wenn man klare Regeln hat, die außerhalb der eigenen Person liegen und an die sich alle halten. Liste? Liste!

Es ist Liebe, wenn …

  • … dein Gefühl exklusiv ist, wie beim Highlander: Es kann nur einen geben!
  • … alle anderen Menschen für dich so sexy sind wie unmarinierte Tofuwürfel.
  • … es für immer ist und das Gefühl immer so bleibt wie am ersten Tag! Falls nicht, war es wohl nicht der Richtige, also weitersuchen!
  • … der Gleichklang zweier Seelen immer im Takt schwingt. Wenn einer Bock auf Pizza hat und der andere vorsichtig sagt: »Och, ich hätte auch mal Lust auf Kartöffelchen!«, ist das ein ernstes Warnzeichen und es wird Zeit, eine Frauenzeitschrift zu kaufen und Beziehungstipps zu lesen!
  • … du den Drang verspürst, einen Bausparvertrag abzuschließen.
  • … du Paul Anka hören kannst, ohne zu lachen.

Ja, gut, der letzte Punkt war ausgedacht. Ich muss immer lachen, wenn ich Paul Anka höre. Bei »You are my destiny« ist bei mir so was von Feierabend, ich weiß nicht, wen ihr mir da nackend auffen Bauch binden müsstet, damit ich nicht vor Lachen von der Couch falle.

Egal, also Fakt ist: Es gibt eben Richtlinien, an denen wir erkennen können, ob wir eine Beziehung haben oder nicht. Tja. Ich zum Beispiel war aufgrund dieser Richtlinien wohl zu 98 % meines Lebens dann eben Single. Nee, 100 %. Ich hatte nie einen Bausparvertrag. Gut. Jetzt haben wir das Wort Beziehung schön lecker eingegrenzt und können weitermachen, puh!

Wieso kommen Menschen auf die Idee, eine Nicht-Beziehung zu führen?

Gehirnwäsche sitzt ja richtig tief, da sind wir uns alle einig. Selbst eine Gehirnwäsche bei 30° kann dazu führen, dass ein Gehirn einläuft. Und schon können wir nur noch ganz klitzekleine Sachen denken. Zum Beispiel eben den Gedanken, dass ein Gefühl nur dann Liebe ist, wenn wir alle Parameter erfüllen. Oder dass die Liebe schon kommen wird, wenn wir erst mal den Bausparvertrag abschließen und eine XXL-Pizza für zwei bestellen, obwohl wir ja eigentlich doch viel lieber, also, so ein paar feine Kartöffelchen mit Soße … egal. Die Baukastenliebe muss auch richtig zusammengebaut werden!

Und spätestens nach der dritten Liebe fürs Leben werden die Menschen dann irgendwie misstrauisch. Wir fragen uns irgendwann, wie lange »immer« für diesmal hält. Wer das nicht tut, der ist, ich sag das jetzt mal ganz vorsichtig, in meinen Augen … total naiv. Von daher finde ich, dass die Nicht-Beziehung schon mal auf einen Lernschritt hinweist. Man sagt ja damit: »Also, äh, diese Baukastenliebe für die Ewigkeit ist mir ein paar mal gescheitert, ich will dir da jetzt lieber nichts versprechen, was ich hinterher vielleicht nicht halten kann.« Das finde ich persönlich eher klug als verantwortungslos. Was mir da Sorge macht: Warum immer so negativ? Wir haben doch heute ganz andere Optionen!

Negative Sprache weckt negative Gefühle

»Ich will mit dir keine Beziehung!« ist abwertend, negierend, verletzend. Das Wort Nicht-Beziehung ist verletzend. Wir alle haben dieses Negativdenken ganz tief in unseren Köpfen. Buhuhu, er will keinen Bausparvertrag abschließen, er liebt mich nicht! Noch viel, viel schlimmer: Er will keine Exklusivität, da ist aber Panhas am Schwenkmast! Da stemmen alle deine Freundinnen (von denen du weißt, dass die heimlich fremdgehen), empört die Hände in die Hüften und rufen aus: »Das Schwein! Du hast wirklich was Besseres verdient!«

Falls du dann wagst anzumerken, dass du es eigentlich ganz cool fändest, mal drüber nachzudenken, dass du dann nicht für alle seine Bedürfnisse rund um die Uhr allein verantwortlich bist und auch mal … nee. Das wird jetzt zu radikal. 😀 Fakt ist: Wir sind alle darauf fixiert, emotional in den Miesen zu sein. Wir starren ständig auf das, was wir nicht kriegen. Nämlich eine „richtige“ Beziehung. Weil wir die Liebe nach Ausschlusskriterien festnageln, klammern wir uns immer an das, was nicht ist. Und wenn wir so defizitorientiert sind, verharren wir in einer passiven Opferrolle.

Als ich noch jung und knusprig war …

Ja, war ich, da braucht ihr jetzt gar nicht zu lachen! Das war sogar ziemlich geil damals, nach dem Krieg. Nach welchem? Irgendwann nach dem zweiten Golfkrieg. Die Kerle hatten Matten bis zum Arsch, trugen Lederhosen und die Tattoos sahen endlich nach was aus, nicht mehr diese selbst gestochenen Grabhügelkreuze der Vorgängergeneration, und dann auch noch mit falschem Schattenwurf, buah!

Und damals hatten wir alle die ersten großen Teenagerlieben hinter uns und stolperten orientierungslos durch die Clubs und über die Festivals. Keiner glaubte mehr an den Mythos von der ewigen Liebe, aber wir wussten auch nicht, dass es Alternativen gibt. Denn Hippie wollte ja auch keiner sein, dass die »Freie Liebe« gescheitert war, wusste ja jeder. Also waren auch wir defizitorientiert und verletzend. Man lernte sich kennen, grinste sich an, schnupperte und sagte am ersten Abend: »Ich will keine Beziehung!«

Tatsache war aber: Wir hatten dann aber welche! In der Praxis! Und nach einer Phase der Unsicherheit und Angst, in der wir uns alle gegenseitig hilflos verletzten mit Ansagen wie: »Ich will keinen Bausparvertrag, also liebe ich dich nicht!«, hatte ich irgendwie, ohne es zu merken, gelernt, mit Freiheit umzugehen. Und ich kann jetzt rückblickend sagen: Das war ein verdammt wichtiger Knackpunkt. Ich hörte auf, mich an diese strunzdummen Dogmen zu klammern und fing einfach an zu leben.

Ich machte mich frei von dem Gedanken, dass ich nur was wert bin, wenn ich einen »abkriege«. Und, boar, war das befreiend! Das hatte dann sogar den Effekt, dass ich mehr abkriegte, als ich geplant hatte. Weil ich aufgehört hatte, zu bewerten, wann eine Beziehung eine ist und wann nicht, hatte ich dann irgendwie mehrere. Heute würde ich das, was ich damals schon gelebt habe, ganz klar als Polyamorie bezeichnen. Es war wirklich Liebe, die sich auch so anfühlte (na ja, bis auf die Sache mit Paul Anka, aber irgendwo hat jeder seine Grenzen), es war langfristig und es war vollkommen transparent.

Wir hatten nur noch kein Wort dafür. Da kostete eine Stunde Internet auch noch sechs Mark, aber es stand auch noch nichts drin, im Internet, man bekam da eigentlich nur AOL-Telegramme mit Anfragen wie: »Luts zum fieken?« oder »Stest du auf füsse?«, das war gar nicht so erquicklich, wie man immer meint. Doch, da hat sich mit der digitalen Evolution schon einiges getan. Aber Recherche war da eben noch ein bisschen schwieriger und bestell dir mal ein Buch über ein Wort, das du noch nie gehört hast!

Dann tauchte auch immer öfter der Begriff »offene Beziehung« auf, aber uuuh, war der negativ besetzt, boar! Mit dem Begriff ruderten nämlich damals immer die Klappspaten rum, die erst auf Monogamie pochten und dann fremdgingen. Dann hieß es: »Ab jetzt haben wir eine offene Beziehung, ich hab übrigens mit einer anderen geschlafen!« Seitdem hab ich kein Vertrauen mehr in Leute, die ständig von Treue labern, das sind die Schlimmsten! 😀

Rückschritt immer, vorwärts nimmer?

So. Jedenfalls hatte ich die Erfahrung gemacht, dass uns positiv besetzte Worte gefehlt haben und dadurch haben wir uns oft verletzt. »Ich will mit dir keine Beziehung!«, tut wahnsinnig weh. »Ich liebe es, die ganze Nacht mit dir zu kuscheln und alte Schwarzweißklassiker zu gucken, aber ich will keinen Bausparvertrag!«, tut nicht weh, sondern ist schön. Weil es eine positive Sichtweise hat, man freut sich dann einfach knubbelig über das, was man hat, kann sich ein Stück Pizza nehmen und fragen: »Film Noir oder Screwball-Komödie, wonach ist dir heute?«

Aber da mussten wir selbst drauf kommen. Aus Mangel an Worten mussten wir auch alles immer komplett neu aushandeln. Heute kann man sagen: »Ich bin polyamor!«, »Ich will Beziehungsanarchie, also lass uns einfach mal verhandeln!« und neulich wurde mein Blog sogar gefunden über die Suchanfrage »Beziehungsstatus ich mag Einhörner«. Ja, man kann heute Einhörner mögen oder sogar sagen: »Ich bin sapiosexuell, wenn nur blöde Leute um mich rum sind, werd ich einfach nicht scharf!« 😀

Es GIBT heute Worte für alles, wir können alles in konstruktive Worte fassen, die Bedürfnisse äußern und unserem Gegenüber sagen: »Ich bin so und so, ich möchte dies und das, was möchtest du, willst du mitmachen?« Da weiß jeder, wo er dran ist und kann frei entscheiden, ob er das will oder eben nicht. Wozu brauchen wir dann ein Negativ-Trendwort wie Nicht-Beziehung? Man muss sich ja nicht gleich auf ein Wort wie Polyamorie festlegen, aber wie wäre es mit: »Ich möchte keine Beziehung im herkömmlichen Sinne, ich möchte gerne eine Beziehung mit dir, die zu uns passt! Können wir mal reden, wie wir das machen?«

Heißt Nicht-Beziehung keine Verantwortung?

Schon wieder so ein unglaublich negatives Paradoxon. Die Autorin des oben verlinkten Artikels schreibt: »Eine Generation, die Nicht-Beziehungen als neue Kategorie erlebt, ist nämlich auch feige. Beziehung heißt Verantwortung, heißt Verpflichtung. Heißt: Ich stehe Dir bei. Ich kümmere mich um Dich. Ich bin da, versprochen. Das ist Nicht-Beziehungs-Menschen zu viel. Sie wollen schon auch kuscheln und sorgen, aber vor allem wissen, wo der Notausgang ist.«

Ich muss zugeben, da hab ich dezent mit den Augen gerollt. Wer sich nicht in das Hollywood-Schema pressen lässt und ewige Liebe verspricht, ist automatisch feige und nicht bereit, Verpflichtungen einzugehen. Schublade auf, zack, rein, Schublade zu. Ich kenne Menschen, die sich nicht ins Beziehungsschema pressen lassen und nichts versprechen, und wenn du die brauchst, sind die einfach da. Und ich kenne Menschen, die machen Kniefälle, schwören wer weiß was und biegen um die nächste Ecke und vergessen deinen Namen, wenn ihnen danach ist.

Da wird wieder pauschalisiert und die Beziehung wird abgegrenzt von der Nicht-Beziehung als das Modell, das Sicherheit verspricht. Weil – da macht jemand ein Versprechen. Manche Leute haben sich aber auch einfach nur versprochen, als sie was versprochen haben. Die in diesem Denkmuster geforderte Sicherheit gibt es einfach nicht.

Generation Nicht-Beziehung?

Hallo, können wir hier bitte noch etwas mehr Beton haben? Wir müssen das Klischee zementieren! Ja. Generationenproblem, wenn ich das schon höre! Als wäre das Scheitern an der überfrachteten Hollywood-Liebe neu! Jede Generation hat das Problem, nur werden die Freiheiten größer, sich damit auseinanderzusetzen und konstruktivere Wege zu suchen, zum Glück! Aber irgendwo in dem Artikel steht: »Versucht das mal euren Großeltern zu erklären!«

Wenn ich das Alter der Autorin, die Ansprache des Lesepublikums und die Zielgruppe der Seite richtig einschätze, dann müsste das die Großeltern-Generation sein, die die sexuelle Revolution angestoßen hat oder die alles entschuldigt mit: »Mein Gott, es waren die Siebziger!« 😀

Und die Generationen davor hatten noch ganz andere Probleme! Die Eltern der Großeltern haben ihre Kindheit im Luftschutzkeller verbracht und wer weiß was für Ängste verdrängt, deren Eltern haben »von nichts gewusst«, Vaddern kam mit einer Kriegsneurose irgendwann wieder nach Hause, falls er überhaupt kam, und was Muddern alles durchgestanden hatte, wurde sowieso nie erwähnt. Das waren schweigende, traumatisierte Generationen, wie gefühlvoll können deren Beziehungen gewesen sein? Ich denke, da haben viel mehr Paare eine Nicht-Beziehung geführt, nur waren die eben verheiratet.

Nicht Beziehung

Ich glaube einfach nicht an den Mythos, dass Führer … na, früher alles besser war und dass die Menschen ja »damals«, wann immer das war, durch ihr Verantwortungsbewusstsein viel erfülltere Beziehungen geführt haben als die »Generation Nicht-Beziehung«, das halte ich für pure Nostalgie. Ständig steigende Scheidungsraten heißen nicht automatisch, dass Beziehungen früher schöner waren, es heißt nur, dass die Leute sich früher nicht scheiden ließen.

Ich denke viel mehr, dass wir das Wort Verantwortung in Beziehungen mal überdenken müssen! Gerade eben habe ich zum Beispiel wieder Werbung für ein Buch gesehen: »Lesen Sie einen fesselnden Roman über eine Frau, die bereit ist, alles für die Liebe ihres Lebens aufzugeben!« Auch noch nach einer wahren Begebenheit.

Die Moral des Buches ist: Was hab ich in dem Schwein nur gesehen, pfui! Und für den hab ich alles aufgegeben, ich lass mich jetzt scheiden! Langer Leidensweg, enttäuschte Liebe, blabla, so was zählt heute als Befreiungsroman für die moderne Frau. Die moderne Frau gibt sich komplett auf, aus Liebe macht man das so. Oh, nee, immer noch? Yäp! Und wenn er dann nicht all ihre Bedürfnisse befriedigt, als wäre sie ein hilfloses Baby, ist er eben der Arsch, aber die Traumhochzeit war ja trotzdem ganz schön. Aber die moralisch saubere Heldin ist immer noch die, die alles aufgibt für die Liebe! Wer aus »Liebe« seine Eigenverantwortung komplett abgibt, wie soll der Verantwortung in einer Beziehung tragen, hä? Versteh ich nicht!

»Denn eine Nicht-Beziehung ist eine Harmonieversicherung für Menschen, die vor allem gemocht werden möchten. Wer eine Nicht-Beziehung beendet, macht ja mit niemandem Schluss und muss sich deswegen auch keine Vorwürfe anhören.«

Hm. Ja. Das steht da auch in dem Artikel. Ich denke, das soll sarkastisch sein, oder interpretiere ich das falsch? Sarkasmus wäre da auch angebracht, aber ist das wirklich so einfach? Geht man eine Nicht-Beziehung ein, damit man sich keine Vorwürfe anhören muss? Wäre es dem in dem Artikel beschriebenen Nicht-Beziehungs-Menschen nicht eh komplett egal, wenn ihm jemand Vorwürfe macht? Wozu sollte jemand Vorwürfe annehmen, der so tickt?

Ist es nicht eher so, dass inzwischen viele Menschen die Verantwortung übernehmen, flexiblere Beziehungsmodelle zu suchen, weil sie sich selbst Vorwürfe machen, falls sie jemanden verletzen? Und bei aller Nicht-Liebe zu dem Nicht-Wort Nicht-Beziehung: Mir ist da eine selbstreflektierte Nicht-Beziehung immer noch lieber als ein serieller Monogamist, der den Himmel auf Erden verspricht und dann nach zwei Jahren in die nächste monogame Beziehung verschwindet. Echt jetzt! 😀

Aber glücklicherweise haben wir heute auch positive Worte, mit denen wir sagen können, was wir wollen. Nicht nur Nicht-Worte, mit denen wir sagen können, was wir nicht wollen. Mir persönlich gefällt das Wort Liebe immer noch am besten. Und die Parameter kann dann ja wohl jedes Paar selbst festlegen! Hach, das war jetzt ein schönes Ende.

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SPOILER! Ein Neuzugang im Kluntje-Universum!

SPOILER! Ein Neuzugang im Kluntje-Universum!

Vorsicht: Spoiler!

Ihr lieben Menschen, heute lernt ihr den Neuzugang in der Flying-Kluntje-WG kennen!

Ich sitze nämlich gerade überm Manuskript zu Beziehungsstatus 4 und find die Moni so drollig, dass ich euch den Entwurf einer Szene zeigen will. Sie ist wirklich nicht die Hellste, aber ich mag die Figur einfach total gern! 😀 Wie gesagt, das ist erst ein Entwurf, ich weiß noch gar nicht, ob die Szene so im Manuskript bleibt, aber wer sich nicht spoilern will, sollte jetzt ganz schnell das X klicken! Alle anderen können jetzt zusammen mit dem Herrn O’Molloy „die Moni“ beschnuppern!

Und – nein – sie wird nicht Johns Flamme, seine nicht! Gnihihihi! *hände reib*

Wir müssen jetzt mit der Moni auf eine Marketing-Mission gehen und dem Neuen in der Nachbarschaft eine Flasche Sekt bringen. Zur Begrüßung. Die Moni ist nämlich die Frau vom Makler, und hat Ehrfurcht vor Künstlern. Aber so, wie es aussieht, ist ja auch nur ein Handwerker da. Glück gehabt! 😀

Erstkontakt mit Eingeborenen!

Verfolgt von den Blicken ihrer Erzfeindinnen stöckelte Simone über die kleinen Pflastersteinchen des Wendehammers und fluchte lautlos. Die neuen Pumps drückten ganz fürchterlich, aber wenn sie sich passende Schuhe kaufte, sahen ihre Füße immer so riesig aus! Und Bianka war natürlich mal wieder so richtig schön von oben herab, als würde sie sich im Geschäftsleben auskennen!
Aber die hatte auch gut lachen. Ihr Mann war ja ein feiner Herr Ingenieur, während sie immer für den Klausi repräsentieren und Kontakte pflegen musste. Dabei wusste sie genau, dass die anderen nur neidisch waren, weil sie und Klaus sich die Villa mit den Säulen in dem Neubaugebiet gebaut hatten. Richtig mediterran war ihr Haus mit den acht Zimmern, aber Klausi nutzte ja auch das Souterrain als Büro.
Simone erreichte das Grundstück, das seit der Scheidung der Vormieter brach gelegen hatte, und stöckelte den Weg zum Haus entlang. Die Haustür stand weit offen, aber der Handwerker war nirgendwo zu sehen. Unsicher rief sie: »Klopf, klopf!«, aber niemand antwortete. Sie betrat vorsichtig das kühle Haus. Vielleicht könnte sie die Flasche einfach irgendwo abstellen und wieder gehen, aber dann würden Bianka und Nathalie sie für feige halten.
Simone warf also tapfer einen Blick in die leere Küche, dann stöckelte sie weiter in das große, kahle Wohnzimmer und flötete mit dünner Stimme: »Mohoin!«
Sie machte einen Schritt zu der weit offen stehenden Terrassentür und sah jemanden mit dem Rücken zu ihr auf einem umgedrehten Eimer sitzen und eine Zigarette rauchen. Gott sei Dank, nur der Handwerker. Simone trat in die offene Tür und sagte wieder gezwungen fröhlich: »Mohoin!«
Der Handwerker reagierte gar nicht. Vielleicht hatte er diese Kopfhörer, die man nicht sofort sah, oder der Herr Omo beschäftigte Gehörlose, um Behinderte zu unterstützen. Das war sehr sozial.
Simone trat also vorsichtig um den Mann herum und sprach ihn langsam und extra deutlich an. »Guten Tag! Ich suche den Herrn O …«, sie kramte nervös nach dem Zettel. Der Mann sah zu ihr auf, blinzelte gegen die Sonne und sagte dann schleppend: »Ich spreche Deutsch.«
Simone griff sich erleichtert ans Herz und die Flasche knallte auf die Terrassenfliesen und zerplatzte. Der Handwerker sah Simone einfach nur an, als würde er mit offenen Augen schlafen, dann zog er langsam das Bein weg, auf dem sich prickelnde Sektbläschen in den Stoff saugten. Simone jammerte verzweifelt. »Oh, Gott, die sollte ich Ihrem Chef geben!«
Der Mann fuhr sich seltsam tastend über den Kopf, als würde er seine Haare suchen, und runzelte die Stirn. »Meinem Chef.«
Simone fragte sich, wer den Haarschnitt verbrochen hatte, sie war nämlich gelernte Friseurin, und dieser Haarschnitt war ein Verbrechen gegen die gesamte Friseurinnung. Aber der Mann hatte die grünsten Augen, die sie je gesehen hatte. Fast so grün wie der Rasen vor der Terrasse. Unbewusst warf sie einen Blick auf den ordentlich gemähten Rasen, um die Farbe zu vergleichen. Der Rasen war so ordentlich gemäht, weil der Klausi immer sie schickte, um die leerstehenden Objekte in Ordnung zu halten.
Der etwas unheimliche Mann fragte mit seltsam erloschener Stimme: »Was passiert, wenn man hier den Rasen wachsen lässt, bis man mit der Sense gehen kann?«
Simone lachte unsicher. »Dann würde der Klaus ein Unternehmen beauftragen und dem Herrn Molloy die Rechnung schicken. Der Klaus ist ja der Verwalter.«
Der Mann nickte langsam. »Hab ich mir schon gedacht, dass das hier so läuft.«
Simone bückte sich, um die Scherben einzusammeln. Der verschüttete Sekt schäumte und machte zischende Geräusche. Sie hätte die Scherben gern in den Eimer getan, auf dem der Mann saß, aber sie traute sich nicht, darum zu bitten und wusste dann nicht, wohin damit. Sie wusste auch nicht wirklich, wie sie sich in dem kurzen, engen Rock bücken sollte und ließ die Scherben wieder fallen. »Haben Sie ein Kehrblech?«
Der Mann fuhr sich wieder so irritierend tastend über den Kopf und murmelte: »Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe. Lass den Scheiß einfach liegen.«
Simone richtete sich wieder auf und lächelte unsicher. »Aber wenn ihr Chef das sieht! Ich will ja nicht, dass sie wegen mir Ärger kriegen.«
Der Blick des Mannes wurde eigenartig eng, als er die Augenbrauen zusammenzog, dann stellte er knapp fest: »Meinetwegen.«
Simone räusperte sich. »Aber da können Sie doch nichts dafür!«
Der Mann zog langsam an seiner Zigarette und kniff ein Auge zu gegen den Rauch. »Es heißt nicht wegen mir, es heißt meinetwegen.«
Simone kicherte nervös. »Das ist ja wie in der Schule. Sind sie ein arbeitsloser Deutschlehrer?«
Der Mann sah wieder geistesabwesend zu ihr auf, dann wandte er den Kopf ab und sagte fast verwundert: »Ich bin Maler.«
Simone nickte erleichtert. »Ach, dann sind Sie zum Anstreichen hier! Wissen Sie denn, wann der Herr Molloy kommt?«
Der Mann zog wieder langsam an der Zigarette. Simone fragte sich, ob er vielleicht Drogen genommen hatte. Dann sagte er leise: »O. Es heißt O’Molloy. Wenn man das O vergisst, das kann er gar nicht leiden.«
Simone strich sich nervös den Rock glatt. »Kennen Sie den Herrn O’Molloy denn schon länger? Mein Mann sagt, der ist ein bisschen exzentrisch.«
Der Anstreicher schien irgendwie amüsiert und zog eine Augenbraue hoch. »Ist das so.«
Simone nickte eifrig. »Die beiden sind Geschäftspartner.«
Der Mann warf die Kippe in den immer noch schäumenden Sekt und beobachtete fasziniert, wie sie sich voll saugte, dann wiederholte er wieder: »Ist das so.«
Simone zerrte an ihrem kneifenden Röckchen. »Mein Mann ist führender Makler für den Großraum Ostfriesland und möchte dem Herrn Molloy ein Haus verkaufen.« Schwach fügte sie hinzu: »O.«
Sie hatte wieder das O in O’Molloy vergessen. Der Mann rieb sich den Nacken und murmelte: »Gut, dass ich gewarnt bin.«
Simone schlug die Hand vor den Mund. »Das dürfen Sie dem Herrn O’Molloy aber nicht sagen, der weiß das doch noch gar nicht!«
Der Mann stand langsam auf und streckte sich, als hätte er Rückenschmerzen oder schlecht geschlafen, oder beides. Ganz langsam streckte er den Arm aus und berührte sachte Simones Löckchen. »Du solltest Grün tragen. Flaschengrün.«
Simone piepste: »Wann ist der Herr O’Molloy denn da? Ich muss ihm doch eine neue Sektflasche bringen!«
Der Mann sah Simone für einen Moment so intensiv ins Gesicht, dass sie ganz schwach wurde, dann wurde sein Blick wieder verschlossen. Knapp sagte er: »Ich bin John O’Molloy und ich trink die Katzenpisse sowieso nicht. Und ich werde auch kein Haus kaufen, aber das darfst du deinem Mann nicht verraten, der weiß das nämlich noch gar nicht.«
Simone spürte, wie sie knallrot wurde, dann streckte sie dem Mann die Hand hin und wünschte zum tausendsten Mal in ihrem Leben, sie hätte schlanke, elegante Finger. »Ja, ähm, dann, das freut mich aber sehr, Sie kennenzulernen, Herr Molloy. O! O’Molloy!«
Der Mann gab ihr scheinbar widerwillig die Hand, bestimmt, weil sie so pummelige Wurstfinger hatte, dann murmelte er: »Kein Grund zur Freude, ich bin ein Arschloch.«
Simone kicherte nervös. »Das stimmt doch gar nicht!«
Herr O’Molloy wischte sich über die Stirn wie jemand, der sich durch die Haare fährt, dann wandte er sich unfreundlich ab. »Ist noch was? Ich muss weitermachen.«
Simone schüttelte eingeschüchtert den Kopf, dann machte sie einen plumpen Satz über die Scherben und huschte fast panisch zurück zu ihren Feindinnen.

Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Ui, autsch, klatsch! Habt ihr schon mal Rezensionen rezensiert? Nö? Ich auch nicht. Aber heute begeben wir uns mal auf diese Meta-Ebene und machen das einfach mal. Mir ist da nämlich eine fürchterlich komplexe Sache passiert, über die ich reden muss! 😀 Um ehrlich zu sein, das Ding hat mich so eiskalt erwischt, dass ich schon wieder emotionaaal war!

Ich hab dann auch noch mal im Polyamorie-Magazin nachgelesen, was da über mich steht und irgendwie hat mich das beruhigt. Wenn DAS Fachorgan der Polyamorie-Szene schon darüber berichtet, dass die Poly-Autorin Sookie Hell immer so herrlich emotional ist, dann darf ich das wohl. 😀

Aber, Mann! Diese Rezi hat mich echt so eiskalt erwischt, dass ich im ersten Moment neben mir gestanden habe wie früher die Hausfrauen in der Waschmittelwerbung, wenn sie sich gefragt haben, was sie denn bloß falsch gemacht haben. Und es geht, ja, meine Leser lachen jetzt, um wen sonst, natürlich um John. Aber fangen wir vorne an. Ich zeig euch erst mal die Rezension, über die ich jetzt seit Tagen nachgrüble.

Mein John und sein gnadenloser Verriss – vom Umgang mit Rezensionen

Äh, wenn ihr da eben draufklickt, wird das Bild groß und lesbarer!

Bämm! So. Das ist natürlich immer ganz kniffelig, auf sowas zu reagieren, ohne einfach als beleidigte Leberwurst dazustehen, aber ich traue uns allen zu, dass wir da differenzieren können! 😀 Meine Kolleginnen werden jetzt sofort wissen, wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich das gelesen hatte. Ich war so verwirrt, ich hab den Papierkorb ausgekippt, auf meinen Kopf gestülpt und dann hab ich mich summend hin und her geschaukelt, bis ich mich halbwegs beruhigt hatte. Ihr kennt das, oder? Sagt mir bitte, dass ihr das kennt. Man fühlt sich wie eine Löwin, der ein Junges zerfleischt wird. Das ist übrigens der Grund, wieso ich nie Bücher meiner Kolleginnen rezensiere. Weil man nie wissen kann, wie viel Arbeit und Herzblut hinter so einer Figur stecken und wann man eine Löwin direkt ins Herz trifft.

Ja, gut, ob man jetzt Harry Potter einen Stern abzieht, weil man das Buch toll, aber Voldemort unsympathisch fand, ist eine Stilfrage, die jeder mit sich ausmachen muss, das ist klar. Und mein Umgang mit Kritik ist in der Regel meine Stärke. Ich schreibe schon seit so vielen Jahren für Geld, wenn ich mich jedes mal, wenn ein Auftraggeber was zu meckern hat, heulend aufs Bett werfen würde, hätte ich längst eine dieser lustigen Jacken an, bei denen man die Ärmel auf dem Rücken verknoten kann. Um es mit Lichtenberg zu sagen: »Das ist die Wetterseite meiner moralischen Konstitution«.

Trotzdem war ich so nachhaltig verstört, dass ich mir echt Gedanken machen musste. Und normalerweise sind kritische Rezensionen für mich auch kein Grund zum Heulen, sondern eine wichtige Motivation, um zu überarbeiten. So, wie bei der Rezension, in der es den Punktabzug gab, weil die Leserin fand, dass in Band 2 der Tango zu viel Raum in Anspruch nimmt, der den Nebencharakteren gutgetan hätte, das war sehr hilfreich und ich hatte das bei der Überarbeitung zur zweiten Auflage die ganze Zeit im Hinterkopf. Aber das jetzt … Hallo? John ist ein Held!

Boar, ist das wieder kompliziert …

… aber wir sind ja hier bei Sookie, da ist das eben so. Ich frag mich natürlich selbst, ob nicht ich die Drama-Queen bin, dass ich über eine Rezension so lange nachdenken muss, dass ich sogar extra einen Artikel darüber schreibe, aber: Nö.

Und dann sind die Beziehungsstatus-Romane ja auch noch eine Komödie, das muss man doch alles gar nicht so ernst nehmen. Aber sie sind eben eine Komödie im klassischen Sinne. Ich bin nie so ernst, wie wenn ich lustig bin. Denn der Sinn einer Komödie ist es, ernste Inhalte so zu überspitzen, dass die Menschen angstfrei darüber lachen können und sich lösen, und wenn sie entspannt sind, fühlen sie sich wohl und können auch über kompliziertere Sachen mal nachdenken. Um den Che an seinen strubbeligen Haaren herbeizuziehen: »Wer herzhaft lacht, hat mich nicht richtig verstanden!«

Höhö, der Che und ich, alte Liebe rostet eben nicht. Aber der Punkt ist: Als ich meine gekränkte Eitelkeit und das Kämpferherz der angegriffenen Löwin mit genügend Schokolade besänftigt hatte, kam ich an den Kern der Sache. Der Punkt ist also: Man kann ja noch so ein alter Hase im tippenden Geschäft sein, aber bei den Herzblutbüchern kommt ja jede Figur aus einem selbst. Ja, ihr Lieben, selbst eine gewisse Portion Sonja steckt in mir, sonst hätte ich sie nicht schreiben können. Jetzt hat mich zwar keiner mehr lieb, aber da muss ich jetzt durch. Aber Fakt ist: Dieser Angriff gegen John und Anna hat mich tatsächlich richtig verletzt, weil ich an beiden Punkten in meinem Leben schon war und weiß, wie schwierig das ist.

Lebenserfahrung braucht eben ihre Zeit

Ich war schon der ängstliche Klammermensch, der irgendwie damit klarkommen musste, einen Menschen zu lieben, den er nicht für sich haben kann, und ich war auch schon die abgeklärtere Hälfte, die versucht hat, ihren Partnern die Verlustangst zu nehmen, trotz ihrer anderen Beziehung. Irgendwann hab ich mich zu einem Sven entwickelt, der seine Gelassenheit aus dem Wissen zieht, dass man sowieso nichts festhalten kann. Ja, jetzt wisst ihr’s, in echt bin ich ein zwei Meter großer, tätowierter Wikinger. Also, äh, mental. Wir reden hier nicht über meine Bauchmuskeln! *flöööt*

Nein, es geht um die Gefühlslage, und deswegen verletzt mich dieser Verriss so. Das tut mir nämlich so weh, weil ich bestimmt Leser habe, die mit John mitfühlen, mit Anna oder mit beiden, weil ihr auch irgendwo dazwischen hängt, zwischen Eifersucht und Freiheit, wie das jeder Mensch tut, monogam oder nicht. Und ich will für die LeserInnen, die sich mit John identifizieren und mit ihm mitfiebern und die seine Zerrissenheit selbst schon gespürt haben, auf keinen Fall unkommentiert stehenlassen, dass er eine Dramaqueen ist, die nicht über den Tellerrand sieht. Denn wenn er nicht über den Tellerrand sehen würde, hätte er diese ganzen inneren Kämpfe doch gar nicht!

Schildwall: Reden wir also über John!

Gut, John ist ein extrem verpeilter Chaot und man kann jetzt echt nicht sagen, dass er sich immer im Griff hat, aber er ist – wir erinnern uns – der Held einer ernsten Komödie. Und in meinen Augen ist er eine extrem starke Figur. Wie viele hochintelligente Menschen mit einer herausragenden Inselbegabung hat er an anderen Stellen einfach Defizite, isso. Er ist eben nicht der perfekte Mister Billionaire, sondern ein Held mit Schwächen.

Aber dieser Mann fängt gerade an, die Hollywoodgehirnwäsche, die er sein Leben lang erhalten hat, über den Haufen zu werfen. John hat gelernt, was wir alle gelernt haben. Liebe ist immer exklusiv, sonst ist sie eben keine. Logischerweise sagt sein Kopf, dass Annas Gefühl für ihn also unmöglich Liebe sein kann, sonst wäre sie ja treu. Und ein Mann beweist seine Liebe durch seine Eifersucht. Territorialverhalten und besitzergreifendes Denken sind die Grundsteine des Patriarchats, jeder Mann, der das infrage stellt, ist ein Held, egal, wie »suboptimal« er sich dabei anstellt und sich auch manchmal gnadenlos zum Trottel macht.

Wer keine Angst hat, braucht auch keinen Mut, oder?

An der Stelle muss ich übrigens auch mal eben sagen: Ich hab männliche Leser. Für eine schreibende Frau, die im weiteren Sinne im Segment »Liebesroman« unterwegs ist, ist das markentingtechnisch ein Ding der Unmöglichkeit. Und trotzdem seid ihr da und ihr seid open-minded genug, um auf das Thema Polyamorie neugierig zu sein, das find ich extrem sexy, muss ich mal so sagen! Ihr seid meine Helden! 😀

So, zurück zu John. Ich hab diesen Mann erfunden, weil ich finde, dass wir solche Romanfiguren ganz dringend brauchen, um mal den Druck rauszunehmen, dass ein echter Kerl keine Schwächen zeigt. Es ist wahnsinnig schmerzhaft, sich mit der eigenen Eifersucht und Verlustangst auseinanderzusetzen und gerade Männern fällt das noch mal eine Schüppe schwerer, weil sie ja nicht schwach sein dürfen und dazu erzogen werden, solche Probleme dann eben mit Gewalt zu lösen, mit verbaler, manchmal sogar körperlicher Gewalt. Dann kriegt die Olle eben auffe Fresse, wenn die fremdgeht. Oder der Rivale. Oder beide.

Wenn ein impulsiver, leidenschaftlicher Gefühlsmensch wie John einfach sagen würde: »Hm, Polyamorie, hab ich noch nie gehört, da mach ich einfach mal mit!«, wäre das für mein Empfinden und nach meiner Lebenserfahrung total unrealistisch. Weil er sein Leben lang versucht hat, in der Welt der Monogamen mitzuspielen. Er ist völlig fokussiert darauf, da endlich mal alles richtig zu machen und soll jetzt plötzlich radikal umdenken.

Wieso John mein Liebling ist? Isser? Isser!

Jede Frau, die Polyamorie tatsächlich lebt, hat schon auf die eine oder andere Art die Erfahrung gemacht, dass schwer verliebte Männer genau in dem Moment zuklappen wie Austern, wo ihnen klar wird, dass es hier nicht um ein verletztes Hascherl geht, das »gerettet« werden muss, sondern um eine selbstbestimmte Frau, die tatsächlich sagt, was sie meint und meint, was sie sagt. Dass sie nämlich polyamor ist und das auch bleiben wird. Viele, viele Männer setzen sich damit nicht auseinander, sondern verlieren dann einfach eben den Respekt und damit ist der Keks für sie gelutscht.

Und ich saug mir das ja nicht aus den Fingern, ich hab’s selbst erlebt. 98 % der Mono-Männer drehen sich in dem Moment, wo ihnen klar wird, dass das nicht »heilbar« ist, um und fragen sich, was sie in der Schlampe gesehen haben. John tut das nicht. Klar, er ist verpeilt, er richtet Chaos an, er agiert aus Verletztheit heraus manchmal kopflos und destruktiv, aber er steht für die wenigen Helden da draußen, die den Mut haben, Unsicherheiten irgendwie auszuhalten und sich vorzutasten in eine andere Art der Liebe, auch, wenn’s weh tut, auch mit Rückschlägen und unreflektierten Reaktionen.

Und auch mit der nur natürlichen Reaktion, in so einer unsicheren Situation erst mal zu klammern und Sicherheit zu fordern. Und deswegen tut die Rezension mir so weh. Weil es hier um genau die Figur geht, die es wenigstens irgendwie versucht. Und Anna?

Anna und die Polyamorie

Die Rezensentin ärgert sich darüber, dass Anna für dieses verwöhnte Kind, diese Dramaqueen, ihren Weg in Zweifel zieht. Liebe Rezensentin, das ist natürlich dein gutes Recht. Ich vermute, du bist entweder eine radikale Beziehungsanarchistin oder eine glücklich verheiratete monogame Frau, die sich eher aus soziologischem Interesse für das Thema unlimitierte Liebe interessiert. Aber Anna ist weder das eine, noch das andere. Anna ist polyamor und sie weiß aus eigener Erfahrung, wie Verlustangst und Eifersucht sich anfühlen. Und das macht sie so mitfühlend.

Polyamorie ist im Spektrum der freien Liebe das »Spießermodell«. Es geht nicht darum, eine offene Beziehung in dem Sinne zu führen, dass rein sexuelle Seitensprünge erlaubt sind. Es geht auch nicht darum, wie es in der SM-Szene von einigen Paaren toleriert/akzeptiert wird, Spielpartner zu finden, die dieselbe Neigung haben, damit man diese trotz bestehender Beziehung ausleben kann. Es geht auch nicht darum, eine Nicht-Beziehung zu führen, um keine Verbindlichkeiten einzugehen.

Die Polyamorie hat ganz feste Regeln. Transparenz, Einvernehmlichkeit und Langfristigkeit. Diese Regeln geben allen beteiligten Partnern Sicherheit und wer sich nicht absolut verbindlich daran hält, der kann, nach meiner Erfahrung, dabei zugucken, wie die ganze Sache den Bach runtergeht und auf höchst schmerzhafte Weise an Verlustangst und Eifersucht zerbricht.

Die Regeln stehen also fest und wer sagt: »Ich bin polyamor« oder »Ich will eine polyamore Beziehung führen«, der verspricht (vorausgesetzt, er kennt sich selbst, kennt sich aus und plappert nicht nur irgendwas nach, was er in einem schlecht recherchierten Zeitungsartikel gelesen hat) ganz klar Verbindlichkeiten, an die das Gegenüber sich halten kann. Sich halten können muss. Und wenn Anna sich bemüht, einvernehmlich zu handeln, zieht sie nicht ihren Weg in Zweifel, sie geht ihn unbeirrt weiter.

Polyamorie heißt Verbindlichkeit!

Bei der Polyamorie geht es also um ernsthafte, langfristige Liebesbeziehungen. Und das wird nicht einfacher, wenn ein neuer Lieblingsmensch ins Polykül kommt, sondern bedeutet immer eine schwierige Phase der Unsicherheit für alle. Die Karten werden neu gemischt und dabei muss man höllisch aufpassen, dass keiner hintenüber kippt, weil er sich übergangen fühlt. So ein Polykül ist eine sehr sensible Angelegenheit und kann immer nur so glücklich sein wie sein schwächstes Mitglied. Denn alle sind emotional miteinander verbunden, auf die eine oder andere Art.

Wenn Anna jetzt sagen würde: »Tut mir ja leid, dass du eifersüchtig bist, aber ich lass mir nichts vorschreiben, ich mache, was ich will!«, dann wäre sie als Romanfigur unlogisch, verlogen und, äh, ein blödes Arschloch. Denn dann wäre ihr Verhalten nicht polyamor. Wenn sie gesagt hätte, dass sie keine Beziehung will und keinen Bock hat auf Verbindlichkeiten, dann hätte sie das sagen können, ohne unglaubwürdig zu sein, aber dann wäre sie auch nicht Anna. Denn Anna steht in der ganzen Welt der Beziehungsstatus-Romane eben für die Einhaltung der polyamoren Regeln, da ist sie der Sheriff und versteht auch keinen Spaß!

Und Anna mit dem großen Herzen liebt John auch mit diesem großen Herzen. Sie ist keine unverwundbare Übermenschin, sie leidet darunter, dass sie ihn verletzt und hat das Bedürfnis, dieses Leiden zu lindern und ihm Sicherheit zu geben und das tut sie konsequent, indem sie die Regeln einhält, auf denen sie ihr Leben aufgebaut hat. Sie zeigt ihm damit, dass er sich auf ihr Wort verlassen kann und dass Einvernehmlichkeit für sie nicht einfach nur ein Wort ist. Und sie denkt langfristig. Sie weiß genau, dass John es sein wird, der neu verhandeln will, wenn er merkt, dass er sich auf sie verlassen kann.

Sie handelt einvernehmlich mit Sven, weil sie mit ihm über alles gesprochen hat, immer wieder, und sie weiß, wie er dazu steht. Sven bleibt ja jetzt wahrlich nicht als der unterversorgte Trottel zurück und das Team Svanna definiert Liebe schon lange nicht mehr über Sex, eigentlich haben sie das noch nie getan. Aber Sven, der auch ein großes Herz hat, weiß, dass John das (noch) tut und darauf nimmt er als alter Poly-Hase eben Rücksicht. Ihm ist Mitfreude, weil Anna so verliebt ist, wichtiger als sein Revier zu verteidigen, und er hat ja auch echt genug zu tun.

Achtung, jetzt kommt die Botschaft!

So. Und diese flammende Rede ist jetzt aus mir rausgeblubbert, weil ich meinen LeserInnen sagen will: Wenn ihr solche Schwierigkeiten habt wie John, mit Eifersucht und Verlustangst umzugehen und vielleicht auch nicht immer die beste Figur macht, wenn ihr euch in die Ecke gedrängt fühlt, seid ihr keine Dramaqueens.

Ihr seid tapfere Menschen, die versuchen, ihre Ängste in den Griff zu kriegen und da ist man nun mal nicht immer abgeklärt und konstruktiv. Selbst Romanfiguren müssen keine Übermenschen sein, und wir echten Menschen schon mal gar nicht. Und wenn ihr Kompromisse macht, um die Menschen, die ihr liebt, so wenig wie möglich zu verletzen, stellt ihr auch nicht euren Weg infrage, ihr seid dann viel mehr verantwortungsvoll und empathisch.

Da könnt ihr mal sehen, was Rezensionen für Gedankengänge auslösen können!

Und das war für mich der Kern der Sache, das wollte ich klarstellen. Wem welche Figur sympathisch ist und wem nicht, bleibt ja jedem selbst überlassen, ich kann auch so manchen Publikumsliebling in Büchern oder Serien nicht leiden und hab auch überhaupt nicht den Anspruch, süße Bücher voller Lieblingscharaktere zu schreiben, dann würde ich Drehbücher für »My little Pony« schreiben. Ich freu mich ja, wenn meine Figuren auch polarisieren, insofern war das natürlich eine sehr wertvolle Rezension. Der eigentliche Wert der Rezi lag für mich aber wohl eher darin, dass mich das in meiner eigenen Position noch mal bestärkt hat.

Ich schreibe Romane über Polyamorie, weil mir die Vielfalt und Toleranz in der Liebe extrem wichtig sind. Steffi, die lieber Single ist, als einen nicht-monogamen Partner zu haben, ist zum Beispiel eine meiner Lieblingsfiguren. Jeder Mensch empfindet Liebe anders und sollte auch die Freiheit haben, sie in seiner Weise zu leben. Und ich will nicht, dass John in seinem Recht auf zutiefst menschliches Gefühlschaos beschnitten wird, ich will, dass er Zeit und Raum bekommt, wirklich von innen heraus zu reifen und sich auch damit auseinanderzusetzen, was eigentlich in ihm vorgeht, wenn er nicht treu ist. Im Moment arbeiten er und ich an Band 4 und die Frage beschäftigt ihn sehr! 😀

Ich will auch nicht, dass Anna ihr Mitgefühl über Bord wirft, nur, um auf Biegen und Brechen eine »starke Heldin« zu sein. Denn für mein Gefühl wäre sie gar keine starke Heldin, wenn sie nicht bereit wäre, auch immer wieder Kompromisse zu machen und wenn sie nicht auch Interessenkonflikte hätte, die ihr viel abverlangen. Ihre Stärke liegt gerade in ihrer Empathie und in ihrer Bereitschaft, ihre Partner auch mit deren Schwächen und Ängsten zu lieben.

So. Jetzt hab ich das blöde Gefühl, meine eigenen Bücher erklärt zu haben und wenn Romane nicht selbsterklärend sind, hat man beim Schreiben wohl was falsch gemacht. Aber bei so einem vielschichtigen und komplexen Thema wie Polyamorie kann das wohl mal passieren. In diesem Sinne: Seid keine Übermenschen, habt euch lieb für eure Gefühle und verzeiht euch, wenn ihr mal einen John-Moment habt, denn dafür ist John da. Dramaqueen hin oder her. Wir alle sind manchmal eine Dramaqueen.

Und noch eine Bitte!

Ich weiß, Kommentare in Blogs sind total out und ich finde es toll, wenn wir immer auf Facebbok quatschen, aber falls ihr das hier wirklich bis zum Ende gelesen habt und mir ein John-pro-oder-contra-Feedback geben wollt, dann wäre es sehr lieb, wenn ihr hier die Kommentarfunktion nutzen könntet, wir können ja trotzdem auf Facebook rumalbern, aber so finden dann auch die Blogleser eure Meinung, und die ist ja wichtig, nä? Hab euch lieb! 🙂

Übrigens: P.S.

Die Rezensentin und ich stehen per PN in Kontakt und sind sehr lieb zueinander! Nur, dass hier kein falscher Eindruck entsteht! Das ist wirklich eine spannende Sache! 😀