Blog Roman Kapitel 1

Blog-Roman-Projekt: Kapitel 1

So! Weltbeste Leser! Räusper … Heino-Brille aufsetz … für eine lange Einleitung hab ich jetzt gar keine Zeit (ich muss Kartoffeln schälen, yeay!), aber wer verpasst hat, was hier los ist, kann es ja hier nachlesen! Wenn ihr bereit seid, euch mit „der Neuen“ zu beschnuppern, bin ich es auch! 😀 Wir machen das jetzt hier ganz kurz und schmerzlos und ich lasse die Unplugged-Version unkorrigiert auf euch los. Wer jetzt am liebsten sagen würde: „John, bei Fuß!“, Hand hoch! 😀 Aber wir schaffen das!

Kapitel 1

»Oh, mein Gott, bitte, tu mir das nicht an!« Ich fiel vor der Nähmaschine auf die Knie, kroch unter den Tisch und bog ganz vorsichtig am Kabel des Pedals herum. Dabei flehte ich: »Wenn du jetzt den Geist aufgibst, müssen wir verhungern! Ein Kabelbruch ist bestimmt heilbar und so schlimm war es doch gar nicht auf dem Rücksitz!«

Seit ich gestern in diesem Haus angekommen war und mein Zeug ausgepackt hatte, machte Rosi, meine altersschwache Nähmaschine, Zicken. Und ich musste doch ganz dringend ein geblümtes Känguru nähen! Über mir klingelte auf der Tischplatte das Handy. Ich angelte danach, ohne das Kabel loszulassen und ging natürlich dran, ohne vorher zu gucken, wen ich wegdrücken muss. Als ich die Stimme meiner Schwester erkannte, rollte ich mit den Augen. Irgendwann sollte ich mal herausfinden, wie man bestimmten Leuten bestimmte Klingeltöne zuwies.

»Mäuschen, wieso gehst du nie an dein Telefon? Ich hab mir Sorgen gemacht! Bist du denn gut angekommen?«

Ich hasste es, wenn sie mich »Mäuschen« nannte, danach folgte immer eine Predigt über meinen Lebenswandel. »Äh, Feli, ich baue gerade die Nähmaschine auf und hab gar keine Zeit zum Quatschen! Aber hier ist alles toll, Ostfriesland ist wirklich schön und das Haus ist sehr gemütlich!«

Ich sah mich verstohlen in der »guten Stube« um. Ich hatte das Haus auf einem »Wohnen gegen Hilfe«-Portal im Internet gefunden und hatte mir das alles sehr idyllisch vorgestellt.

Ich bewohnte kostenlos ein kleines Bauernhaus an der Küste und dafür fütterte ich die Hühner und die Katzen der verstorbenen Bewohnerin, solange die Erben sich darum stritten, wie es jetzt weitergehen sollte.

Und ich heizte die Holzöfen an, damit die Wasserrohre nicht einfroren und platzten. Von der globalen Erwärmung war nämlich in diesem Januar nichts zu spüren. Aber dass die Möbel aus den Siebzigern waren, dass das Haus so zugig war wie eine Bahnhofshalle und dass ich Angst hatte vor dem Sicherungskasten mit diesen seltsamen Porzellanpöppeln, musste ich Feli ja nicht auf die Nase binden. Feli gehörte zu den Menschen, die völlig überteuerte Preise zahlten, damit ihre Möbel aussahen, wie aus den Siebzigern.

Ich ließ mich auf den Hintern fallen, hörte mit halbem Ohr zu und schob mir verstohlen ein Stück Schokolade in den Mund.

»Weißt du, wenn du wenigstens einen vernünftigen Job hättest, aber so? Und Kai war übrigens hier und hat deine restlichen Sachen gebracht, ich wusste gar nicht, dass du Omas Kaffeekanne von Fürstenberg hattest, ich hatte mich schon gefragt, wo die geblieben ist! Und Kai sieht wirklich ganz elend aus, du solltest dir das mit der Trennung wirklich noch mal überlegen!«

Ich stöhnte gereizt und stand ächzend auf. »Ich muss mir das nicht mehr überlegen! Kai hat sich vier Jahre lang bei mir durchgefressen und mich zum Dank dafür zu Tode gelangweilt, ich könnte schreien, wenn ich an sein traniges Gesicht denke! Ich hätte mich schon vor drei Jahren von ihm trennen sollen, da war ich wenigstens noch nicht allergisch gegen ihn! Wenn er Hähnchen isst, kaut er auf dem Knorpel rum, das Geräusch macht mich wahnsinnig!«

Feli seufzte vorwurfsvoll. »Mäuschen, ich denke nur, dass du mal wieder total unüberlegt gehandelt hast! Du hast doch nicht mal eine eigene Wohnung! Und deine Idee mit diesem Online-Shop, das hat doch gar keine Perspektive, Stofftiere aus Second-Hand-Kleidung zu nähen, ist doch kein Beruf! Wie viel hast du denn diese Woche schon verdient?«

Ich sah auf zu der braunen Pergamentlampe mit den verstaubten Fransen und überschlug im Kopf meine Einnahmen. Ich hatte eine sehr niedliche Giraffe verkauft und eine Frau hatte angefragt, ob ich auch ein Känguru nähen könnte. 25 Euro hatte ich also schon verdient diese Woche und weitere 30 für eine Auftragsarbeit in Aussicht, aber es war ja auch erst Donnerstag. Die meisten Stofftiere verkaufte ich am Wochenende. Aber wenn ich das offen zugeben würde, würde Feli mit dem Thema Altersvorsorge anfangen, also murmelte ich: »Es läuft eigentlich ganz gut!«

Feli stöhnte. »Und jetzt diese Idee mit dem Housesitting! Manchmal frage ich mich, ob du jemals erwachsen wirst!«

Warnend knurrte ich: »Hör doch einfach endlich mal auf, dich wie meine Mutter aufzuführen!«

Feli schoss sofort zurück. »Wenn Mama sich mal um irgendwas kümmern würde, müsste ich das nicht, aber sie hat mich ja auf dir sitzenlassen!«

Ihr durchwühlte nervös meine hochgesteckten Haare und fand dabei den Bleistift, den ich überall gesucht hatte. Ich zog mir den Stift aus dem zerzausten Dutt und legte ihn auf den Tisch. »Mama hat uns nicht verlassen, Feli, sie ist in diesen komischen Yoga-Tempel gezogen, als ich schon achtzehn war! Und jetzt bin ich dreißig, also hör doch endlich auf, so zu tun, als wäre ich eine Waise in einem Charles Dickens Roman! Wenn ich so eine Belastung für dich bin, dann überlasse mich doch einfach endlich mal mir selbst, ich komme schon klar!«

Ich merkte, dass ich schärfer geklungen hatte, als beabsichtigt und biss mir schuldbewusst auf die Lippe. Feli hatte mir tatsächlich schon oft aus der Patsche geholfen, aber das konnte ich vor mir selbst so schlecht zugeben. Während sie wieder vorwurfsvoll seufzte, nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und sah aus dem Fenster. »Hallo!«

»Was ist jetzt?«

Ich reckte den Hals und beobachtete den schlanken, dunkelhaarigen Mann, der gerade auf dem Hof vom Fahrrad stieg. Was für ein Prachtexemplar! Und ich war seit drei Tagen Single und kein bisschen vorbereitet! Ich sah an mir herab und zerrte die dicke Schicht aus drei »Kaschierpullovern« glatt. Die Biester fraßen sich immer in mein kleines Röllchen, wenn ich zu lange an der Nähmaschine hockte.

»Oh, mein Gott, der will zu mir!« Ich riss mir das Gummi aus den Haaren und wühlte mir durch die schwarzen Spaghetti. »Und ich sehe aus wie …«

Ja, wie was eigentlich? Feli fragte: »Wer will zu dir?«

»Ich muss Schluss machen!«

Ich warf das Handy auf den Tisch, dann rannte ich in den Flur und zögerte wieder kurz. Diese ostfriesischen Häuser hatten einfach viel zu viele Türen, ich wusste nie, welche Tür nach draußen führte und welche in ein Zimmer. Ich riss eine der Türen auf, starrte verwirrt auf die kotzgrün gehaltene Gästetoilette und schrak zusammen, weil es klingelte. Ich brauchte eine Sekunde zum Schalten, dann drehte ich mich mit einem nervösen Lachen um und riss die nächste Tür auf. Sie führte nach draußen, Glück gehabt. Nur stand da niemand. Ich streckte den Kopf aus der Tür und fragte vorsichtig: »Moin?«

Ein paar Meter weiter stand dieser umwerfend attraktive Kerl vor der nächsten Tür und grinste mich an. »Ich dachte, ich probiere es an der offiziellen Haustür!«

Ich grinste verlegen und versuchte, nicht in die Knie zu gehen. Was für ein Lächeln! Irgendwie scheu und siegessicher gleichzeitig und er hatte unfassbar grüne, intelligent leuchtende Augen.

Der Mann bohrte die Hände in die Hosentaschen und kam langsam zu mir herüber. Sein ausgewaschenes Holzfällerhemd flatterte im Wind, aber er schien an diesem eisigen Tag kein bisschen zu frieren. Ich rubbelte neidisch über meine drei dicken Wollpullover und wartete ab.

Der Mann zeigte mit einem Kopfnicken in Richtung der einsamen Landstraße. »Ich hab das Schild gesehen.«

Ich schluckte verwirrt. »Das Schild?«

»Na ja, das Schild mit«, der Mann rieb sich mit einer eigentümlich verletzlichen Geste kurz das Kinn an der Schulter, »den Eiern. Ich dachte, wenn hier Eier zu verkaufen sind, spar mir den Weg nach Esens.«

Ich nickte langsam. »Ach, das Schild! Ich hab das zwar gemalt, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass tatsächlich jemand anhält, um Eier zu kaufen.«

»Okay.« Der Mann blieb einfach stehen und musterte mich mit seinem aufmerksamen Blick. »Deine Augen sind gar nicht braun, die sind schiefergrau! Sieht man selten.«

»Äh …«, ich starrte ihn mit offenem Mund an, bis ich stammelte: »Ach so, äh, die Farbe war ein Restposten. Hab ich ganz billig gekriegt.«

Der Mann grinste mich an. Ich fragte mich, ob er mir wirklich sympathisch war. Eigentlich sah er viel zu gut aus. Wie ein Model. Wahrscheinlich war er mir doch nicht sympathisch. Aber der Wind strich durch seine streichholzkurzen, dunklen Haare und ließ ihn so unglaublich flauschig aussehen, dass ich ihn am liebsten angefasst hätte wie ein richtig toll gewordenes Stofftier.

Ich räusperte mich verlegen, weil er mich ansah, als würde er mich scannen. Vielleicht wollte er wissen, ob es sich lohnen würde, meine Organe zu verkaufen. Um ihn abzulenken, fragte ich: »Bis wann bräuchten Sie denn Eier? Ich hab nämlich heute extra Rührei gegessen, damit die nicht schlecht werden. Jetzt hab ich keine mehr.«

»Hmhm. Dann haben wir ein Problem.« Der Mann rieb sich nachdenklich die dunklen Bartstoppeln, dann lachte er entspannt. »Ich dachte, ein paar selbst gelegte Eier wären nicht schlecht.«

Ich musste lachen. »Ich lege die ehrlich gesagt gar nicht selber, die Hühner meiner Auftraggeberin machen das. Ich hüte hier nur das Haus. Und die Hühner.«

Plötzlich erschlug der Mann mich wieder mit seinem umwerfenden Lächeln, dann streckte er mir die Hand hin. »Hi, ich bin John.«

Ich fühlte den kurzen, aber kräftigen Händedruck, dann murmelte ich verlegen: »Djuna.«

Ich hasste meinen Namen. Ich hasste meine Mutter dafür, dass sie mir so einen exzentrischen Namen verpasst hatte, den ich immer und überall buchstabieren musste. Aber der Mann, John, nickte anerkennend. »So wie Djuna Barnes. Hört man selten hier in Ostfriesland.«

Ich blinzelte verwirrt. »Das passiert mir zum ersten Mal.«

»Was?« John neigte den Kopf und sah mich mit diesen wach leuchtenden Augen wieder forschend an. Ich zuckte die Schultern. »Dass jemand Djuna Barnes kennt. Meine Mutter hat mich nach ihr benannt, weil sie keine Ahnung hatte, wie sie mich nennen sollte, aber ein Buch von ihr gelesen hat, als sie mit mir schwanger war.«

John betrachtete mich weiter mit dieser irritierend intensiven Aufmerksamkeit, dann huschte wieder dieses umwerfende Lächeln über sein Gesicht. »Besser als Dorothy Parker, oder? Dann würden sie dich Dotty nennen. Und Dotty klingt irgendwie nach einer gepunkteten Oma, findest du nicht?«

Ich lachte hell auf, dann fragte ich: »Woher kennst du Djuna Barnes und Dorothy Parker? Ist deine Mutter auch ein Fan der amerikanischen Moderne?«

John bohrte die Hände tiefer in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch. »Ich hab lange in New York gelebt, da kommst du an den Damen nicht vorbei. Womit ich nicht gesagt haben will, dass meine Mutter sie nicht gelesen hat. Meine Mutter lebt für Bücher.«

Ich machte große Augen. »Wenn du Amerikaner bist, was verschlägt dich dann nach Ostfriesland?«

John riss die Hand aus der Tasche und spreizte abwehrend die Finger. »Um Gottes willen, ich bin kein Amerikaner, ich kann Amerikaner nicht ausstehen. Also, ich kann Menschen generell nicht ausstehen, aber die Ostfriesen kann ich weniger nicht ausstehen als andere Leute. Äh, war das jetzt irgendwie verständlich?«

Ich lachte unsicher. »Ich glaube, du hast gerade gesagt, dass du mich nicht ausstehen kannst.«

John sah mich erschrocken an. »Nein, äh, nein! So war das nicht gemeint! Ich … Mann!« Er fuhr sich mit einer nervösen Geste übers Gesicht. »Scheiße, ich kann keinen Smalltalk. Eier?«

Ich kicherte. Was für ein verwirrender Mensch! Er sah umwerfend gut aus, hatte eine vollkommen charismatische Ausstrahlung und bewegte sich wie eine geschmeidige Raubkatze, aber er benahm sich wie ein unsicherer Junge. Ich seufzte innerlich. Wieso musste mir so ein Mann ausgerechnet jetzt begegnen? Und dann auch noch mitten im ostfriesischen Nichts, wo ich einfach mal den Kopf frei kriegen wollte! John hob fragend die Augenbrauen. Ich rubbelte mir wieder wärmend über die Ärmel. »Ach so, ja, die Eier! Bis wann brauchst du die denn und wie viele? Zwei hab ich noch da!«

Zwei Eier, die morgen eigentlich mein Frühstück werden sollten. John trat ein Stück zurück, zupfte sich am Ohrläppchen und ließ den Blick über das moosbewachsene rote Dach des kleinen Fehnhauses wandern. »Ich will übermorgen mit meinem Sohn einen Kuchen backen. Im Rezept steht, ich brauche drei, aber ich dachte, ich kaufe besser sechs, falls was schiefgeht.« Er lächelte entschuldigend. »Das wird mein erster Versuch als Kuchenbäcker.«

Mir rutschte heraus: »Weil sonst deine Frau den Kuchen backt?«

John sah mich irritiert an. »Was? Oh, äh, nein, ich bin geschieden. Von einer Frau, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Kuchen gebacken hat.«

Ich atmete auf und wusste selbst nicht, worüber ich erleichtert war. Darüber, dass er Single war, oder darüber, dass er meine plumpe Neugier wohl nicht bemerkt hatte. Also schlug ich vor: »Wenn du noch einen Tag warten kannst, morgen legen die Damen ja wieder! Ich könnte dir die Eier vorbeibringen, wenn du hier in der Nähe wohnst. Dann musst du nicht extra nach Esens.«

John zupfte sich wieder am Ohrläppchen und deutete dann eine unbestimmte Richtung an. »Na ja, ich, ähm, ich wohne eigentlich nur zwei Häuser weiter, also einen knappen Kilometer in Richtung Bensersiel! Ein Stückchen hinter dem großen Gulfhof. Ich hab das Haus gerade erst gekauft.«

Ich holte gespielt dramatisch tief Luft. »Hinter dem großen Hof, wo diese verruchte Künstler-Kommune lebt? Ich bin davor gewarnt worden!«

John legte den Kopf in den Nacken und schien die Dachpfannen zu zählen, dann grinste er: »Sind die wirklich so schlimm?«

Ich kicherte, dann beugte ich mich ein wenig vor und zeigte in die entgegengesetzte Richtung. »Also, Frau Peters, die Kuhbäuerin von da hinten, die hat mir gestern das Haus aufgeschlossen und sich gleich zum Tee bei mir eingeladen und haarsträubende Geschichten erzählt! Von wilden Partys, dröhnender Musik und Trommeln und quer durch die Betten springen sie auch.«

John nickte ernst, dann bestätigte er: »Sogar queer!«

Ich stutzte. »Queer?«

John nickte wieder, aber jetzt funkelten seine Augen übermütig. »Hmhm. Kreuz und queer, durch alle Betten!«

Ich verstand endlich, was er meinte und lachte schon wieder albern auf. »Ach so, du meinst, Männlein und Weiblein, also, gemischt, oder eher nicht gemischt …«

Ich merkte, dass ich rot wurde und hielt lieber den Mund. John grinste hintergründig, dann fuhr er sich mit dem Ringfinger an der Augenbraue entlang. Ich wagte mich vor. »Ich wollte gerade frischen Kaffee machen, möchtest du reinkommen?«

John schien mich gar nicht gehört zu haben. Er zog die Augenbrauen zusammen und starrte nachdenklich ins Leere. »Die Geste gerade war irgendwie mari … mariniert? Manieriert?«

Er wiederholte die Bewegung, mit der er sich über die Augenbraue gestrichen hatte, verlagerte das Gewicht vom einen Fuß auf den anderen und blickte mich dann fokussiert an. »Balze ich gerade?«

Ich bekam trotz des eisigen Windes heiße Wangen. »Äh …«

John beugte sich leicht vor und blinzelte mich nervös an. »Glaubst du, dass ich mit dir schlafen will?«

Ich räusperte mich perplex. Ich fühlte mich von dieser Direktheit vollkommen überfahren. Vielleicht war er auch ein Autist oder ein Außerirdischer, jedenfalls schien er tatsächlich zu einer Spezies zu gehören, die nicht wusste, dass man Gedanken auch zensieren kann, bevor man sie ausspricht. Ich kicherte nervös. »Woher soll ich das wissen?«

John musterte mich nachdenklich. »Ich dachte, Frauen wissen so was.«

Ich hüstelte geziert und fand mich selbst peinlich. Verlegen murmelte ich: »Ich kenn dich doch gar nicht!«

Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, fand ich diesen verwirrenden Mann nach vier Jahren Beziehungswüste so anziehend, dass ich am liebsten völlig dämlich gerufen hätte: »Nimm mich!«

John runzelte die Stirn, dann brachte er mich schon wieder aus dem Konzept. Nein, ich hatte gar kein Konzept! Aber John neigte den Kopf und fragte: »Demi oder sapio?«

»Äh, was?« Ich merkte, dass ich in einer eindeutigen Flirtgeste meine Haare zurück strich und ließ sofort die Hand sinken. John streckte wie ein neugieriges Kind den Finger aus und stellte fest: »Da, du balzt auch!«

Ich fühlte mich ertappt und wurde wütend. »Ich glaube, du gehst jetzt besser.«

John nickte nachdenklich, als wären wir immer noch mitten in der Unterhaltung, die ich gerade beendet hatte, dann runzelte er wieder die Stirn und murmelte: »Ich muss mal Svanna fragen, was da los ist.«

Gegen meinen Willen fragte ich: »Svanna?«

John nickte ernst. »Meine Lieblingsmenschen. Die kennen sich aus mit so was.«

Schärfer als beabsichtigt fauchte ich: »Mit was

»Schon okay.« John hob entschuldigend die Hand, dann wandte er sich ab, drehte sich aber noch einmal um. »Denkst du an die Eier? Ich kann mir aber auch bei Eugen welche leihen, kein Problem.«

Ich verschränkte fröstelnd die Arme. »Eugen?«

John deutete mit einem Kopfnicken zur Straße. »Der oberste Kämmerer der verruchten Künstler-Kommune. Ich bin übrigens einer davon.«

Ich spürte, dass ich wieder rot anlief. Der einzige Fettnapf in ganz Ostfriesland und ich war mit Anlauf rein gesprungen. Ich wollte etwas entgegnen, eine Entschuldigung stammeln, irgendwas, aber mir fiel einfach nicht ein, was ich sagen sollte. John schien allerdings auch keine Antwort mehr zu erwarten.

Er rieb sich die Augen, murmelte kopfschüttelnd: »Sean, du machst dich komplett zum Affen«, dann stieg er auf sein klappriges altes Fahrrad und fuhr davon. Ich beobachtete, wie mein konfuser Besucher sich in den Wind lehnte und auf dem Radweg hinter der Hecke verschwand, dann schloss ich die Tür und lehnte mich dagegen. Erst lachte ich fassungslos, dann ging ich mit einem Jammern in die Knie.

Da hatte ich endlich mal einen richtigen Künstler kennengelernt und dann hatte ich mich zum Affen gemacht! Ich kniff die Augen zu, um das Bild dieses Mannes loszuwerden, aber sein funkelnder Blick hatte sich schon in mein Bewusstsein gebrannt.

Für heute reicht das! 😀

So, und weil das Plugin wohl doch Zicken macht (das Luder!), verstecke ich jetzt keinen Content, weil, ihr seid auch so bombastisch. Wenn ihr dieses Projekt unterstützen und wissen wollt, wie es weitergeht, teilt also den Beitrag, das wäre hinreißend! Hab euch lieb, muss jetzt kochen und sagt mir, ob ihr euch mit ihr anfreunden könnt! 😀

11 Gedanken zu „Blog-Roman-Projekt: Kapitel 1

  1. Du kochst jetzt um diese Uhrzeit ? Respekt 😧. …ich kann dir ein paar Dampfnudeln und Kartoffelsuppe rüber schieben “schieb” ….

    Aber jetzt zu Djuna…ich mag sie und ich finde schlicht und einfach sie passt. 🤷🏻‍♀️

    Djuna scheint ähnlich gestrickt zu sein wie die Truppe. Ein bisschen chaotisch, vom Leben gezeichnet und wahrscheinlich ein herzlicher Mensch.
    Ich kann mich natürlich auch irren. Aber das ist menschlich. 😉

    Meiner einer freut sich schon auf neues von deiner live und unplugged Version. 😎

  2. Haaaa, erste Hürde genommen, schnauf! 😀 Ich hab diese Rohversion des ersten Kapitels tatsächlich erst geschrieben, als ich so viel Gefühl für diese Figur hatte, dass ich dachte: „Jooooaaa, die würde an der Teetafel im Klutnjehaus nicht mit wehenden Fahnen untergehen!“ Ich freu mich schon diebisch auf ihren ersten Kontakt mit Anna! 😀

    Und, öh, eigentlich kochen wir immer erst so spät, weil wir alle den ganzen Tag keinen Bock haben, zu kochen und tausend andere Sachen wichtiger sind. Wer dann zuerst Hunger kriegt und sich in die Küche stellt, hat verloren! 😉

  3. Dotty ist doch ein passender Name für eine Eierfrau (meine Söhne sagten früher immer: Eiermama). 😀
    Die Ich-Perspektive gefällt mir sehr gut, da schließt man Djuna gleich ins Herz.
    Das Lesen ist wie nach Hause zu kommen.

    1. Hach! Das Lesen ist wie nach Hause zu kommen, das ist aber ein sehr, sehr großes Kompliment, da freue ich mich bannich drüber. Ich finde das total spannend, weil – für mich ist das beim Schreiben wumpe, ein Perspektivwechsel ist so, wie wenn du als Handwerker entscheidest, ob du jetzt den Hammer nimmst oder die Zange, ist eben Werkzeug. Aber als Leser hab ich persönlich mit der Ich-Perspektive oft Probleme, da reinzufinden, weil es mir so schwer fällt, „mich selber nicht mitzunehmen“, wenn ich in eine andere Person eintauche und dann reden alle durcheinander! Äh, also speziell ich, ich kann da einfach nicht reintauchen und laber dem Ich-Erzähler immer rein! Sookie stört sich selber den Lesefluss! 😀

      Und mit der Dotter-Sache hast du mich jetzt einkalt erwischt, ich hab das heute Morgen vorm ersten Kaffee gesehen und musste es dreimal lesen, bis mein Hirn endlich die Dotty-Dotter-Verknüpfung erstellt hat! 😀 Da hast du einen John-Gedankengang hingelegt, wie nur Kinder und Genies ihn haben können! 😀 Darf ich einen Dotter-Spruch einbauen, wenn ich das überarbeite? Die Urheberrechte für den Witz liegen ja bei dir! 🙂

  4. Liebe Sookie,
    Was ich an diesem Projekt unter anderem liebe: die Menschen haben ihre alltäglichen Eigenheiten, die sie besonders machen und nicht gerade perfekt. Und du betest die Leute der Schnee in ein ebenfalls nicht perfektes Umfeld ein.

    Moni wirkt mir mit ihrer Schusselligkeit irgendwie Anna zu ähnlich. Auch, dass ihre Knie weich werden, wenn sie jemand attrektiv findet, ist eine Parallele. Ein bischen unterschiedlicher darf sie schon sein für mich.

    Das Projekt finde ich super! Ich bin schon gespannt.

    1. Wir sind heute auch in unserer Schusseligkeit Anna zu ähnlich, ich glaub, wir verwechseln gerade Djuna und die Moni! 😀 Aber haben wir nicht alle eine innere Anna? 😉

      Du legst den Finger zielsicher auf den Punkt, ich sah beim Runterschreiben dieser Rohversion genau an der Stelle mit den weichen Knien eine Anna mit Trotzgesicht vor mir auftauchen. Sie tippte mit dem Fuß auf und patzte: „Wenn er einer Frau weiche Knie verpasst, dann bin ich das! Das DARF er nicht!“ 😀

      Gut, das dir das auch aufgefallen ist, Djuna braucht also ein anderes „What a man!“-Symptom! Darüber, ob Anna und Djuna sich in ihrer Schusseligkeit ähnlich sind, muss ich noch mal nachdenken, so Bilder werden ja beim Schreiben mit jedem Kapitel klarer. Aber ich empfinde Anna in ihrem wirren Chaos eigentlich immer als sehr strukturiert, sonst könnte sie gar keine Hochlandrammler schreiben, dafür muss sie sich wirklich zusammenreißen und Disziplin aufbringen. Hmhmhmmmmm. Wir werden die Unterschiede in den nächsten Kapiteln besser rausarbeiten, ich freu mich da riesig drauf! 🙂

  5. Heyo, neue Leserin hier! Ein lieber Mensch hat von den Beziehungsstatus-Romanen geschwärmt und gemeinerweise gleich auch noch einen Link zu dieser Seite beigefügt und nun bin ich natürlich voll im Junkie-Modus. Und das, wo ich zwei Kinder und am Tag gefühlt eine Viertelstunde Freizeit habe. Aber genug Selbstmitleid.

    Ich liebe Deinen Schreibstil, schon bei den ersten Zeilen fühlte ich mich da Zuhause (obwohl ich erst einmal i(m|n) Norden Urlaub gemacht habe und meine eigene Poly-Erfahrungswelt ein Negativ vom dem bereits Erschnupperten zu sein scheint.

    Allerdings hatte es die gute Djuna (Djuna, verflixt, nicht Dunja!) nicht leicht mit mir. Ich bin nämlich leidenschaftliche Knorpelkauerin und bei dem Gedanken, dass ein Herzensmensch das jahrelang klaglos erträgt (und wer weiß was noch), die Beziehung nach dem stillen Überlaufen des Fasses fluchtartig verlässt und mich hinterher dafür aburteilt, fühlte ich mich alles andere als gut.
    Dementsprechend wenig Empathie bekam die Gute von mir für das Feststecken im Nirgendwo und Nähmaschinenpannen. Und beim Gedanken, dass sie sich nun ohne Reflektion über das Scheitern und eigene Muster in eine ‚rette-mich-vor-mir-selbst‘-Projektions-Geschichte stürzt, kam bei mir leichtes Mitleid mit der Beute… ähm John auf – geblümtes Känguru hin oder her.

    Aber in Kapitel zwei bin ich durch Djunas Verletzlichkeit gut aufgefangen worden und nun sitze ich im Boot fest (verflixt).

    Und vom Boot zurück ins Bett mit mir…

    Alles Liebe,
    Julia

    1. Sehr cool, eine neue Leserin, die nicht still im Verborgenen blüht, sondern in den Blog stolpert! Ich steh drauf, wenn ihr in den Blog stolpert! 😀 Und, Mann, da steckt so viel drin … nein, ich denke nicht, dass Lieblingsmenschen dich verlassen werden, weil du verzückt Knorpel kaust. Es soll sogar tatsächlich Lieblingsmenschen geben, die dann empört sagen: „Das war mein Knorpel!“ und dann ist auch wieder Panhas am Schwenkmast. Wie man’s macht, man macht’s verkehrt. Beim Schreiben auch. Da braucht man was, wovon die eine Figur bei der anderen genervt ist und zack, tritt man ungewollt jemandem auf den Schlips. Das ist, wie wenn du dich auf einer Party unterhältst und einfach mal sagst, dass AC/DC ja wohl nur Leute gut finden, die auch Stretchhosen und eine Dauerkrause tragen. Und dann siehst du am Gesicht deines Gegenübers: Oh, Mist, der hat alle Alben, sogar auf Vinyl.
      Aber die Sache geht ja noch weiter! Mit der Funktionalisierung zum Beutetier hat John Erfahrung, da hab ich vollstes Vertrauen in ihn, dass er damit zurechtkommt. Ein transparentes Beutetier zu sein, ist da schon schwieriger, aber spätestens seit BS 4 trauen ich und ihr, also die Leser, ihm zu, dass er sich Mühe gibt, Katastrophen zu vermeiden. Aber Djuna, ja. Sie sollte eigentlich nur eine Art Sideshow-Bob werden, entwickelt sich aber spannenderweise zu meinem Sorgenkind und wächst mir richtig ans Herz. Sie wird lernen müssen, dass die niederdeutsche Faustregel „Lassen zischen, gibt’en Frischen!“ sich rächt, weil das Aufdröseln der eigenen Strickmuster eben doch sein muss. Hach ja, ich will, dass sie versteht, dass sie sich nur selbst retten kann. Deswegen darf sie jetzt zur Heldin eines doch recht dicken Buches reifen, was für euch natürlich blöd ist. Das dauert eben länger als geplant. Aber die Flying Kluntje WG steht ihr ja zur Seite und da werden einige Liter Tee bei draufgehen. Und dann kommt sie wie das geblümte Kanguru aus der Asche! Ihr werdet sehen!
      Und noch was! Wenn deine Poly-Erfahrungswelt das Negativ vom bereits Erschnupperten war, dann war sie vielleicht gar keine Polywelt? Nee, geh mir bloß wech mit diesen Klappspaten, die das Wort instrumentalisieren und es überhaupt nicht verstanden haben. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig! 😀

      Und ganz, ganz liebe Grüße an den fantastischen Menschen, der mich empfohlen hat!

      Liebe Grüße,
      Sookie

      1. Ach, der Knorpel ist mir knurps.;) Tatsächlich lehnt mein angetrauter Lieblingsmensch ganz offen Knorpel ab und mag auch nix mit Knochen drin, so dass das Knorpelkauen ganz transparent und laut Konsens in seiner Abwesenheit stattfindet.

        Die Polyamorie ist unser Knorpel. Ich habe mich in ihr vor Jahren entdeckt, immer wieder das Gespräch gesucht, was ebenso oft mit ‚Dafür habe ich nun wirklich keine Zeit‘ abgeblockt und verschoben wurde. Schließlich habe ich mich behutsam in Online-Communities angemeldet, einen Polytreff besucht, den Kontakt mit Gleichgesinnten gesucht – alles vorher kommuniziert, er hat es abgenickt.
        Letztes Jahr – drei Geburten bzw. zwei Kinder später – kam dann der Fass-Überlauf-Zusammenbruch, das Geständnis, dass jedes ‚Ja, wenn es sein muss‘ ein ‚NEIN! Auf gar keinen Fall!‘ gewesn war und er nur nichts gesagt hatte, weil er gehofft hatte, dass es sich nur um eine Phase handelt, die irgendwann von alleine vorüber geht.

        Insofern betrachte ich mich durchaus als aufgeklärt – KimchiCuddles, dem Beziehungsgarten und vielen lieben Herzensmenschen sei Dank – aber ich bin eben ein aufgeklärtes regenbogenschillerndes Nonbinary-Poly-Wesen in einer Monogamie-zwei-Kinder-Hausbau-‚konservative Dorfgemeinschafts‘-Realität. Dafür habe ich kein Problem, Kleinkindergebrabbel zu verstehen.;)
        Versteh mich bitte nicht falsch – ich übernehme da durchaus auch die Verantwortung für meine Entscheidung, zu bleiben. Aber manchmal ist da einfach Schmerz und Djunas Verhalten triggert mich.

        Die Grüße an den fantastischen Menschen habe ich weitergegeben. Was ihn angeht, habe noch noch ein Anliegen an Dich. Mal sehen, wann ich mich traue, es vorzubringen.

        Noch eine Überlegung zum Schluss: geht es euch auch so, dass die emotionale Resonanz eine ganz andere ist, wenn eine Frau wie Djuna ’netter Hintern‘ und ’nimm mich doch endlich‘ denkt, im Vergleich, wenn ein männlicher (vielleicht nicht ganz so attraktiver) Charakter beim Anblick einer Frau ’netter Hintern‘ und ‚die würd ich gern mal nahmen‘ denkt?

        Alles Liebe,
        Julia

Und was ist deine Meinung?