Blogroman Kapitel 2

Seid umschlungen, ihr Klingonen! Melonen! Äh, Personen! Jetzt war es lange still, was aber daran lag, dass ich total fokussiert in einem wilden Schaffensrausch über der Tippemaschine hing und nicht mehr aufhören konnte. Das war nämlich so. Parallel zum Projekt Djuna kniffelte ich an der Frage, ob die Beziehungsstatus-Romane nicht irgendwie zu Ende erzählt sind und einfach mit einer bombastischen Flüsternacht des Teams Svannajo enden sollten.

Jetzt haben Romanfiguren ja aber ein Eigenleben und dann hatte ich auch noch das, was Commander Tuvok so nonchalant in seiner vulkanischen Art als paradoxes zustandabhängiges Assoziativphänomen bezeichnet – ein Deja-vüüüü nämlich. Ich hab mich mal wieder in eine Romanfigur so richtig verliebt. Und zwar in Djuna, die viel einsamer, schutzloser und tapferer wird, als ich dachte. Eigentlich sollte die Figur nur – ich geb es ja zu – ein bisschen mit dem Mainstream flirten und Neuleser neugierig machen auf den Rest der Bande, aber das klappt nicht. Das hätte ich mir gleich sagen können. Und eigentlich müsste ich mich ja kennen, nä? Aber, nee. Ich kann mich immer noch überraschen.

Jedenfalls wird die Sache doch ernster, als ich dachte und John ist mir, uns allen, hihi, für eine leicht zu lesende Bettgeschichte auch viel zu schade. Oder, John? Hm? Ja, er nickt. So. Und deswegen fing Beziehungsstatus 5 dann irgendwie ganz von selbst an zu wachsen. Und zwar, ha, das ist jetzt extrem fies für euch, aber! Ich schreibe gerade beide Bücher parallel – Djunas Geschichte aus der Ich-Perspektive und die zeitgleich im Kluntjehaus stattfindenden Ereignisse. Die Flying Kluntje wissen nicht, was Djuna fühlt und denkt und Djuna hat natürgemäß in ihrer Ich-Perspektive keine Ahnung, was zwischen John und seinem Clan passiert, wenn sie nicht dabei ist.

Das macht das Schreiben so aufregend, dass ich gar nicht mehr aufhören will. Weil beide Bücher später auch unabhängig voneinander funktionieren sollen. Beziehungsstatus 5 für die Hardcore-Fans und Djuna als eigenständige Geschichte für alle, die wollen. Und jetzt könnt ihr knobeln, was Svannajo hinter Djunas Rücken so treiben, hihi, und ich trete jetzt zurück und mach die Bühne frei, um ein paar Djuna-Kapitel in einem Rutsch zu bloggen. Wie gehabt: alles noch total unplugged, Rohversion! Ah, bevor ich das vergesse, weil wir uns ja eine Weile nicht gesehen haben, hier noch mal der Link zu Kapitel 1.

Kapitel 2

Ich klemmte den Eierkarton fest unter den Arm, zog mir den Handschuh von den eiskalten Fingern und drückte auf die Klingel, dann trat ich mit klopfendem Herzen ein Stück zurück. Verstohlen versuchte ich, meine Frisur zu retten, aber ich hatte einfach nicht mit dem Orkan gerechnet, der hier in Ostfriesland wohl zum täglichen Leben gehörte. Fast eine Stunde lang hatte ich mit verdrehten Armen vor einem Youtube-Tutorial rumgehampelt, um mir eine umwerfende Flechtfrisur zu zaubern und jetzt sah ich bestimmt aus wie ein abgebrannter Adventskranz.

Die ganze Nacht hatte ich Pläne geschmiedet, wie ich mein »ungekämmte Frau in fetter Pulloverschicht sieht unmöglich aus«-Image wieder loswerden könnte und fast hätte ich mir sogar die Augenbrauen gezupft. Aber dann war mir eingefallen, wie intensiv John mich gemustert hatte und wahrscheinlich hatte er die Härchen in meinen Augenbrauen gezählt. Wenn ich die jetzt zupfte, würde er das merken und ich war viel zu eitel, um mir anmerken zu lassen, wie eitel ich war.

Aber für meine edlen schwarzen Wildlederschnürstiefel aus besseren Tagen war ich nicht zu eitel gewesen! Die waren dafür jetzt klitschnass, weil ich auf dem Grünstreifen neben der Landstraße in irgendwas rein getreten war, was aussah, als hätte es einige Kuhmägen passiert. Es roch auch so. Ich war auch gar nicht mit Absicht da rein getreten, es war nur so, dass mich eine Böe eiskalt erwischt hatte und ich einen Satz gemacht hatte, um den Eierkarton nicht zu verlieren. Und dann konnte ich meine Stiefel mit dem quietschend nassen Gras wieder abwischen!

Und wofür das alles? Um jetzt vor verschlossener Tür zu stehen. John machte nicht auf. Ich drückte noch einmal auf die Klingel und seufzte tief. Vielleicht war es ja besser, wenn er nicht da war. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, hatte ich mich auf den ersten Blick sagenhaft in ihn verknallt. Aber dass der erste Flirt nach einer langen Beziehung zum Scheitern verurteilt war, wusste man ja. Außerdem hatte er was von einem Sohn gesagt.

Ich trat wieder zurück und schluckte. Hoffentlich kein Kleinkind! Wenn ich John richtig geschätzt hatte, war er Anfang, Mitte dreißig. Genau das Alter für einen Vater mit einem plappernden Kleinkind, das man nicht verstand. Das war mir immer unfassbar peinlich, wenn kleine Kinder mit mir reden wollten und ich nur »Hömömöpöpö« verstand. Was bitte sollte man darauf antworten? Gar nichts zu sagen, war aber auch irgendwie total peinlich!

Na ja, wie es aussah, würde ich nicht in die Verlegenheit kommen, mich mit einem Kleinkind unterhalten zu müssen.

Es machte ja niemand auf. Ich sah mich um und überlegte, wo ich den Eierkarton abstellen könnte. Johns Haus sah genauso aus wie meins, komplett rot verklinkert und überall waren grüne Holztüren und Tore. Rote Ziegelmauern, rote Dachpfannen und das Dach war an einer Seite des Hauses tiefer herunter gezogen – das war die Scheune, so viel wusste ich schon. Mein Haus hatte ja auch eine. Eine Scheune voller Gerümpel mit so vielen Quadratmetern, dass die Platzverschwendung einem Stadtkind wie mir wie unverschämte Dekadenz vorkam. Wenn man da Zwischenböden einziehen würde, könnten da locker zehn Studenten ein Zimmer …

Die grüne Holztür ein paar Meter neben der Haustür flog auf und John streckte den Kopf heraus. »Komm ins Warme, kleine Eierfrau!«

Diese Anrede klang völlig bescheuert, aber trotzdem irgendwie so zärtlich, dass mir zum ersten Mal an diesem frostigen Tag warm wurde. Ich raffte den Kragen meiner chicen Jacke zusammen und stöckelte dann auf meinen nassen Stiefeln an John vorbei. Ich wollte lässig grinsen, aber ich fürchte, als ich so nah an ihm vorbeiging, sah ich zu ihm auf wie eine nervöse Jungfrau beim ersten Date. Er schenkte mir dieses umwerfende Lächeln und flüsterte: »Hi, Djuna!«

Mir entwich ein peinlicher Laut, irgendwas zwischen »Hi« und »Hoooo«, mit einem zitternden Timbre in der Stimme. Ich hatte völlig vergessen, wie verletzbar und unsicher man sich fühlte, wenn man in der freien Wildbahn unterwegs war. Jetzt gerade hatte ich ganz furchtbare Angst, dass John mich einfach nur lächerlich, peinlich oder blöd finden könnte, während ich an nichts anderes mehr denken konnte als daran, wie es sich wohl anfühlen müsste, in diese strubbeligen, weichen, dichten Haare zu fassen. Er sah so unglaublich unperfekt niedlich und ungestylt aus.

Ich landete in einem mit Brettern, Werkzeug und irgendwelchen Materialien voll gestellten Flur und wusste dann nicht, wo es lang geht. John deutete mit dem Finger auf eine dieser Feuerschutztüren aus Metal und sagte: »Geh da rein, da ist der Ofen an.«

Seine Stimme war so unglaublich warmherzig und ein bisschen heiser, so rau und trotzdem sanft. Ich fragte mich, was das eigentlich für ein Akzent war, aber ich wollte nicht neugierig sein. Also trat ich durch die Tür und landete mal wieder in einer ostfriesischen Scheune. Aber diese Scheune sah definitiv anders aus als meine. Ich stand mitten in einem Kunstatelier!

Mir entfuhr wieder ein zittriges »Oh!«, dann sah ich mich verstohlen um. Mitten in dem großen Raum standen mehrere Staffeleien verteilt, überall lagerten Material, Leinwände, Pinsel und Farben. An einer Wand stand ein gemütliches altes Sofa, an einer anderen Wand flackerte ein Feuer hinter der Scheibe eines schwarzen Kaminofens. In der Luft hing der Duft von Holzfeuer und Ölfarben. Am liebsten wäre ich ausgeflippt vor Aufregung, er war tatsächlich Künstler! Aber ich wollte mich nicht anhören, wie ein aufgedrehter Kunstgroupie, also stellte ich fest: »Du hast das Dach isoliert!«

John bohrte die Hände in die Hosentaschen und folgte meinem Blick unter die drei Etagen hohe Decke. »Na ja, das meiste hat Sven gemacht. Der ist total heiß drauf, auf Gerüsten rumzuturnen und so Männersachen zu machen. Alles voll ökologisch. Sven ist Nachhaltigkeitsfreak.«

Ich sah John fragend an. »Sven?«

»Der Freund, mit dem ich das Haus gekauft habe.«

Ich nickte verstehend und fing an, ein bisschen herumzuwandern. »Du hast so unglaublich helles Licht hier!«

John zog eine Hand aus der Tasche und rieb sich den Nacken. »Tageslichtlampen. Die Dinger hat Eugen mir angebracht, ich hab Angst vor Strom.«

Ich merkte, dass ich gerührt lächeln musste und versuchte wieder, ein irgendwie »neutrales« Gesicht zu machen. »Ist das der oberste Kämmerer aus dem großen Hof?«

John grinste. »Yäp. Und gelernter Elektriker. Das Haus ist mehr oder weniger ein Gemeinschaftsprojekt. Aber den Ofen haben wir setzen lassen. Ist ja nicht so normal, eine Scheune zu heizen, wir hatten Glück, dass da ein Kamin lang lief. Normalerweise heizen ja die Kühe die Scheune, aber weil ich keine Kühe im Atelier haben wollte, musste ich mir zum Heizen was anderes einfallen lassen. Die Farben mögen keinen Frost.«

Ich musste lachen. »Was hast du gegen Kühe?«

John neigte nachdenklich den Kopf. »Oh, ich liebe Kühe! Einige meiner besten Freundinnen sind Kühe! Aber ich hätte Angst, dass sie die Ölfarben von den Leinwänden lecken und Bauchweh kriegen. Und hinterher ist die Milch farbig.«

Ich streifte John mit einem unsicheren Blick. Er klang vollkommen ernst. Meinte er das auch so? John neigte wieder den Kopf, dann beugte er sich zu mir und flüsterte stolz: »Ich hab Kaffee! Möchtest du Kaffee?«

Ich strahlte auf. »Kaffee wäre wunderbar!«

John nickte. »Ist noch heiß!« Er schlenderte zu einer abgeschliffenen alten Tür, die quer auf zwei Holzböcken lag, griff eine der umgedrehten Kaffeetassen, die dort bereitstanden, und schenkte mir aus einer Thermoskanne etwas ein. »Willst du titanweiße Milch?«

Ich musste lachen. Langsam entspannte ich mich. »Hast du auch Zucker?«

John nickte stolz. »Sogar Würfel! Aber irgendwie sind Zuckerwürfel Kluntje für Arme, findest du nicht?«

Ich trat näher. »Was sind Kluntje?«

John sah mich für einen Augenblick ungläubig, an, dann fing er an zu lachen und fuhr sich blinzelnd über die Augen. »Wie lange bist du jetzt in Ostfriesland?«

Ich zuckte verlegen die Schultern. »Seit zwei Tagen?«

John seufzte tief und reichte mir den Becher. »Okay, ich werd mich drum kümmern, dass du eine Einladung zur Teezeremonie bekommst. Dann findest du es raus.«

Ich nippte an dem starken, heißen Kaffee und fragte vorsichtig: »Du meinst in der Künstlerkommune?«

John nickte ruhig. »Keine Sorge, das ist alles ganz zwanglos. Wir trinken einfach nur Tee und diskutieren Marx. Wer will, kann sich natürlich ausziehen, und nach dem Tee machen wir einen Trommelworkshop und tantrisches Anfassen fremder Körperteile, aber keine Panik, das ist total absichtslos! Wir sind da nicht so!«

Erst durch Johns Grinsen wurde mir bewusst, was für ein entsetztes Gesicht ich gemacht haben musste. Um meine Verlegenheit zu überspielen, stellte ich endlich den Eierkarton auf dem provisorischen Tisch ab. Dabei sah ich John über die Schulter und mir blieb die Luft weg. »Das bin ja ich!«

John drehte sich erstaunt um und sah auf die Kopfwand der Scheune, an die er zahllose Zeichnungen gepinnt hatte, dann verstand er, was ich meinte. »Klar! Willst du es haben?«

Ich blinzelte ihn verwirrt an. »Darf ich sie mir ansehen?«

John zuckte nur mit den Schultern und schenkte sich selbst einen Kaffee ein, aber er schien plötzlich irgendwie befangen. Verlegen. Ich stellte meine Tasse ab, dann durchquerte ich die Scheune und hielt wieder den Atem an. Da hing tatsächlich ein farbiges Porträt von mir, ich glaub, es war ein Pastell, ich kenne mich da nicht aus, diese bunten Kreiden eben. Und es sah unglaublich schön aus. So echt wie ein Foto, aber einfach … viel schöner. Das war eindeutig ich, aber ich sah aus wie eine echte, umwerfende Schönheit. Ich hauchte völlig überwältigt: »Du bist ein Künstler!«

John trat hinter mich und murmelte: »Du musst nicht alles glauben, was in der New York Times steht. Ich mal nur Bilder.«

Ich stieß die Luft aus und krächzte: »Du malst nur Bilder? Aber die sind traumhaft! Oh, mein Gott! Wann hast du das gemacht? Du hast mich doch erst einmal gesehen!«

John murrte verlegen. »Einmal hingucken reicht doch.«

Ich drehte mich zu ihm um. »Deshalb hast du mich so komisch angesehen!«

»Scheiße, ja.« John rieb sich angespannt über die Stirn. »Ich weiß, ich sollte nicht immer so starren. Meine Mutter hat mir das schon gesagt, als ich klein war. Sean, starr die Leute nicht immer so an, die kriegen Angst, wenn du guckst, als wärst du von einem Dämon besessen!«

Ich lachte nervös. »Na ja, wenn ich gewusst hätte, dass ich gerade für einen Maler Modell stehe, hätte es mich wahrscheinlich nicht ganz so irritiert!«

John senkte den Blick, dann sah er wieder auf und blickte mir unglaublich intensiv in die Augen. Mir wurde ganz heiß und kribbelig. Er hatte so zauberhaft schöne lange, schwarze Wimpern, fast wie eine Frau, aber seine Schönheit war trotzdem männlich. Und sie schien ihm gar nicht bewusst zu sein. Oder sie war ihm egal. Anscheinend wusste er gar nicht, was für eine Wirkung er auf Frauen hatte. Ich strich mir nervös eine vom Wind zerzauste Haarsträhne aus der Stirn und lachte unsicher. »Du machst es schon wieder!«

Er flüsterte: »Tut mir leid. Du bist so schön.«

Ich merkte, dass ich knallrot anlief. Vor Freude oder aus Verlegenheit, wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. So etwas hatte mir wirklich seit Jahren niemand gesagt. Ich drehte mich um und betrachtete wieder die Porträts. »Du malst viele schöne Frauen.«

Seine Stimme in meinem Rücken klang sanft und heiser. »Ich male nicht viele schöne Frauen, ich male viele Frauen, weil sie schön sind. Jede Frau hat ihre ganz eigene Schönheit.«

Ich spürte, dass ich einen verkniffenen Mund bekam. Er hatte das wunderschöne Kompliment an mich mit einem Handstreich relativiert. Ich zeigte auf eins der Bilder. »Wer ist das?«

»Steffi. Eine meiner Mitbewohnerinnen aus dem Kluntjehaus. Steffi ist selbst Malerin.«

Ich sah mich nach ihm um. »Kluntjehaus?«

John lächelte verlegen und senkte wieder den Blick. »Der Hof mit der angeblichen Kommune, die dich so nervös macht.«

Ich sah schnell wieder auf die Bilder. »Und wieso heißt der so? Ich hab das Wort noch nie gehört.«

John seufzte leise hinter mir. »Kluntje sind diese dicken Kandisbrocken, die wir hier in den Tee schmeißen. Drei Tassen sind Ostfriesenrecht und ein Kluntje reicht für drei Tassen.«

Ich spürte seine Nähe und räusperte mich. »Und wieso heißt das Haus so?«

»Keine Ahnung. Der Video-Kanal der WG ist nach den Dingern benannt und dann hat der Name für das Haus sich irgendwie von selbst ergeben.«

Ich fragte mich, was für ein irritierendes Gefühl ich plötzlich hatte. Ich hasste »Gemeinschaften«. Leute, die sich unter irgendeinem ideologischen Dach zusammenrotteten, ekelig. Aber wieso machte diese ruhige Wärme in Johns Stimme, wenn er von diesen Leuten sprach, mich so wehmütig? Um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, zeigte ich auf das nächste Bild. »Und wer ist das hier?«

»Simone. Managt mit Eugen das Kluntjehaus.«

Ich neigte den Kopf und betrachtete das Porträt. Die mollige Frau hätte es bestimmt nicht auf das Cover der Vogue geschafft. Aber die warm leuchtenden braunen Augen und der lachlustige Mund sahen so unglaublich liebenswert aus, dass ich sie spontan mochte. Ich trat ein paar Schritte zur Seite und hielt wieder unbewusst den Atem an. Das atemberaubend schöne Modell schien es ihm besonders angetan zu haben, er hatte sie gleich mehrmals gemalt. Ich blinzelte eins der Porträts an. Es strahlte eine sagenhaft schöne Sinnlichkeit aus. Die Frau hatte traumhafte Haare in Schattierungen von Braun, leicht geöffnete rosige Lippen und so grüne Augen wie John. Ich sah ihn über die Schulter an. »Wer ist das? Deine Schwester? Ihr habt dieselbe Augenfarbe.«

John zog scheinbar irritiert eine Augenbraue hoch, dann schüttelte er den Kopf. »Anna. Sie hat sieben Sommersprossen, die exakt angeordnet sind wie der große Wagen.«

Ich wandte den Kopf wieder ab. »Und ist die auch Malerin?«

»Schriftstellerin und Videokünstlerin.«

Ich seufzte innerlich. Er kannte so unglaublich interessante Menschen und ich war irgendwie … gar nichts. John räusperte sich hinter mir. »Willst du deines mitnehmen? Ich kann dir eine Mappe geben, damit du es heile nach Hause bekommst.«

Ich lachte angespannt. »Das kann ich doch gar nicht annehmen! Was kostet denn so was?«

John machte einen Schritt an mir vorbei, nahm vorsichtig das Bild von der Wand und murmelte: »Auf dem internationalen Markt unanständig viel Geld. Hier in der Scheune gar nichts, wenn du mir versprichst, es nicht ins Internet zu stellen und zu verticken. Aber es ist eh nicht signiert, du würdest den Marktwert sowieso nicht bekommen.«

Ich legte erschrocken die Hand ans Herz. »Oh, mein Gott, das würde ich nie tun!«

John nickte. »Okay, dann suche ich dir eine Mappe. Ich kann sowieso nichts damit anfangen, ich mal die Dinger nur zur Lockerung, bevor ich an die Leinwand gehe.« John drehte sich mit dem Bild in der Hand schusselig im Kreis und runzelte suchend die Stirn, dann fragte er: »Möchtest du dich eben setzen?«

Ich nickte und ließ mich langsam rückwärts auf das Sofa sinken. John kam zu mir herüber und drückte mir meine Kaffeetasse in die Hand, ohne mich anzusehen, dann fing er an, eine Sprühdose zu schütteln. Ich fragte mich gerade, was er machte, als er begann, das Bild mit dem Spray zu fixieren. Dabei murmelte er: »Das dauert nicht lange, kannst es gleich mitnehmen.«

Ich nippte an meinem Kaffee. Wollte er mich loswerden? Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, sah ich mich in dem großen Atelier um und beobachtete dabei immer wieder mit verstohlenen Blicken, wie John in seinem Zeug kramte und nach einer Mappe suchte. Er hatte so einen sagenhaft niedlichen Hintern! Als er eine passende Mappe gefunden hatte, hob er das Bild wieder auf, hielt es prüfend gegen das Licht und legte es noch einmal ab, dann kam er zu mir herüber und setzte sich zu mir aufs Sofa. Ich sah ihn abwartend an. Er holte tief Luft, stockte für einen Moment, dann wandte er mit einem verschämten Lächeln den Kopf ab. Ich kicherte angespannt. »Was?«

John holte noch einmal tief Luft, dann sah er mich wieder an. »Was ich da gestern gesagt habe, über das Balzen und so, das war total, wie hat Sven das genannt? Distanzlos. Ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich total distanzlos war.«

Ich kniff die Lippen aufeinander. Ich wusste selbst nicht warum, aber es verletzte mich, dass er sich entschuldigte. Wahrscheinlich, weil ich mir Hoffnungen gemacht hatte, dass er wieder balzen würde. Um ehrlich zu sein, ich hätte ihn noch nicht einmal »distanzlos« gefunden, wenn er wild über mich hergefallen wäre. John sah mich abwartend an, also räusperte ich mich. »Ist schon okay, war ja nicht so schlimm.«

John atmete erleichtert auf, lehnte sich zurück und rieb sich den Bauch, als hätte er einen Leckerbissen bekommen. Er nickte zufrieden, dann stellte er fest: »Ich wollte nur nicht den Eindruck erwecken, dass ich was von dir will.«

Ich spürte, dass mir Ameisen mit eiskalten Füßen den Nacken rauf liefen und biss die Zähne zu fest zusammen. Als Kind hatte ich im Schlaf immer mit den Zähnen geknirscht. Was hatte ich mir bloß die ganze Nacht eingebildet? Wofür hatte ich versucht, mich so hübsch zu machen? Als ob ein Mann wie John Interesse an mir haben könnte! Ich wandte den Kopf ab, damit er nicht in meinem Gesicht lesen konnte, wie verletzt ich war und starrte wieder auf die Wand mit den vielen schönen Frauenporträts.

John stöhnte hinter mir resigniert. »Ich hab wieder irgendwas falsch gemacht!«

Aus irgendeinem Grund schossen mir die Tränen in die Augen, ich konnte nichts dagegen machen. Also schüttelte ich nur stumm den Kopf. John rückte näher und fragte leise: »Alles klar?«

Ich zog die Nase hoch und wischte mir verstohlen über die Augen, dann murrte ich: »Ich hab mich nur gerade von meinem Freund getrennt.«

»Autsch.« John blieb eine kleine Weile stumm sitzen, dann fragte er: »Taschentuch?«

Ich nickte, dann murmelte ich: »Es ist ja gar nicht so, dass ich ihn vermisse, aber ich komme mir so verloren vor als Single!«

John kramte unruhig in seinen vielen Hosentaschen, dann reichte er mir eine Packung Taschentücher. »Ah, okay, du vermisst es, einen Platz zu haben, wo du hingehörst.«

Ich sah mich nach ihm um. Sein Blick war so warm und mitfühlend, dass ich endgültig anfing, hilflos zu weinen. Ich quakte mit dämlich piepsiger Mädchenstimme: »Ich fühl mich so einsam!«, dann nahm er mich in den Arm.

John drückte mich ganz sanft an sich. Er fühlte sich so sagenhaft gut an, so warm und stark und männlich. Ich heulte hemmungslos in sein Hemd. Plötzlich war mir egal, was er über mich dachte. Seit dem Moment, wo ich meine schon vor Jahren verstorbene Beziehung offiziell für tot erklärt und beerdigt hatte, hatte ich mich in einem eigenartigen Zustand überdrehter Euphorie befunden. Ich war ja mit dem Umzug auch viel zu beschäftigt gewesen, um nachzudenken. Und jetzt rauschten alle meine Hormone plötzlich abwärts, wie der Wagen einer Achterbahn, wenn er den Höhepunkt überschritten hat.

Ich heulte die ganze Anspannung der letzten Tage, Wochen und Monate einfach aus mir raus. John hielt mich still im Arm und streichelte beruhigend meinen Rücken. Als ich endlich ruhiger wurde, flüsterte er tröstend: »Du brauchst vielleicht einfach nur Freunde, kleine Eierfrau.«

Ich setzte mich auf und wischte mir über die Augen. »Wo soll ich die denn herkriegen? Soll ich aus Facebook Anfragen verschicken?«

John neigte den Kopf und sah mich mitfühlend an. »Du kannst erst mal meine mitbenutzen.«

Ich musste lachen. Das klang, als hätte er mir angeboten, mir seinen Regenschirm zu leihen. »Das ist lieb, aber das ist nicht dasselbe.«

Johns Blick ruhte vollkommen ruhig auf mir. Leise, mit diesem weichen Akzent, der mich ganz schwach machte, sagte er: »Du brauchst keine Zweierbeziehung, um glücklich zu sein. Du brauchst nur Lieblingsmenschen, bei denen du dich zu Hause fühlst.«

Ich sah ihn zweifelnd an, dann maulte ich wieder: »Das ist nicht dasselbe.«

In John Augen flackerte kurz dieses Licht auf, das ich noch bei keinem anderen Mann gesehen hatte, dann lächelte er. »Ja, so hab ich auch mal gedacht. Ich dachte, man bräuchte einen Beziehungsstatus, um einen festen Platz zu haben.«

Ich sah ihn misstrauisch an. »Und was hast du jetzt?«

John grinste wie ein zufriedener Kater. »Liebe?«

Er sah mich noch für einen Moment ruhig an, dann lächelte er melancholisch und stand auf. »Ich denke, das Bild ist jetzt trocken.«

Ich sah ihm nach und fragte mich, was ich jetzt wieder angestellt hatte. Plötzlich schien er wieder ganz verschlossen zu sein. Er wollte mich loswerden. Er legte das Bild vorsichtig in die Mappe, dann knotete er die Schleifchen zu. »Was kriegst du für die Eier?«

Ich stand auf. »Du schenkst mir schon das Bild, dafür stehen dir eigentlich für den Rest deines Lebens kostenlose Eier zu.«

John seufzte tief, dann nickte er langsam. »Ja, aber wenn du mit Eiern bezahlst, ist das Bild kein Geschenk mehr, dann ist es ein Deal. Und ich mag keine Deals mit Leuten, die mich duzen.«

Ich senkte verlegen den Kopf und murmelte: »Und ich mag es nicht, wenn Leute mich bezahlen, mit denen ich gern befreundet wäre.«

John dachte einen Moment nach, dann sagte er: »Okay, ich nehm die Eier und du das Bild, dann sind wir quitt.«

Ich presste wieder fest die Lippen aufeinander, dann fiel mir ein, wie verkniffen ich dabei immer aussah, aber jetzt gerade konnte ich auch irgendwie nicht anders. John trat langsam näher, hielt mir die Mappe hin und ging leicht in die Knie, um meinen Blick aufzufangen. »Soll ich dich eben nach Hause fahren? Das ist saukalt heute.«

Ich griff nach der Mappe und schüttelte stumm den Kopf. Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. Er strahlte so eine liebevolle Wärme aus, dass ich am liebsten die Arme um ihn geschlungen und ihn nie wieder losgelassen hätte. Ohne selbst zu wissen, warum, platzte ich plötzlich heraus: »Ich hab mich von Kai getrennt, weil ich durchdrehe, wenn ich ständig jemanden um mich habe! Jeden Tag fragt er, was es zu essen gibt, wie ein Schulkind! Und jeden Abend dieselbe Frage: Was gucken wir denn heute? Für bestimmte Wochentage gibt es schon bestimmte Fernsehserien! Und er setzt als selbstverständlich voraus, dass ich Lust habe, mir diesen Mystery-Müll anzugucken, weil er Lust dazu hat! Als wären wir eine Person! Und wenn ich dann sage, ich möchte lieber mal wieder ein Buch lesen, fühlt er sich persönlich zutiefst gekränkt, weil unsere Seelen nicht im Gleichtakt klingen und ich muss mich lang und breit rechtfertigen, weil ich gerne mal eine Stunde lesen würde, oder weil ich gern einfach mal allein wäre! Manchmal will ich einfach nur Löcher in die Luft starren und mit niemandem reden, aber er redet ununterbrochen über sagenhaft hohlen Müll! Über die Angebote im Baumarktprospekt! Und ich könnte schreien, verstehst du das? Ich könnte ihm links und rechts eine klatschen und brüllen: Halt endlich deine verdammte Schnauze, damit ich wieder atmen kann!«

John hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und sah mich einfach nur ganz ruhig an. Ich merkte, dass ich laut geworden war und räusperte mich verlegen. John sah über mich hinweg und zog kurz die Augenbrauen zusammen, dann stellte er fest: »Du meinst dieses Gefühl, wo du Menschen umbringen könntest, weil sie atmen.«

Ich starrte ihn fassungslos an. »Genau! Genau das meine ich!«

John nickte langsam, zog eine Hand aus der Tasche und rieb sich nachdenklich den Nacken. »Ja, das kenn ich.«

Ich merkte, dass ich vor Staunen große Augen bekam. »Und was machst du dagegen?«

John grinste mich stolz an. »Im Moment lerne ich sprechen! Sprechen ist ziemlich cool!«

»Hä? Wie, du lernst sprechen? Das kannst du doch schon!«

John beugte sich vor und blinzelte mich verschwörerisch an, dann wandte er sich ab und stellte fest: »Ich muss jetzt weitermachen. Soll ich dich wirklich nicht fahren?«

Ich schüttelte heftig den Kopf. Offenbar wollte er mich wirklich und endgültig loswerden. Kein Wunder nach der Rede, die ich gehalten hatte. Kai und Feli hielten mich auch immer für eine Verrückte, die das Potenzial zur Massenmörderin hatte. Ohne ihn noch einmal anzusehen, stolperte ich aus dem Atelier und stürzte mich mit der Mappe vorm Bauch wieder in den ostfriesischen Orkan.

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2 Gedanken zu „Blogroman Kapitel 2

  1. Die Beziehungsstatus- Romane aufgeben geht gar nicht! Ich habe mich so schon an alle gewöhnt und bin neugierig, was sie weiter erleben.
    Wenn dir nichts mehr einfällt: da haben wir Leser*innen sicher noch Ideen.

    1. Sehr geil! Daran, dass ihr vor Ideen sprudelt, hab ich keinen Zweifel, ich kriege ja auch regelmäßig Wunschzettel, wer wie mit wem glücklich werden soll, ich kann gar nicht alle Wünsche einfließen lassen, weil die sich sogar teilweise widersprechen! 😉 Mein Problem sind auch nicht mangelnde Ideen, in meinen Kopf rennen Sven, Anna und John im Kreis und diskutieren wild die nächsten Teile, Beziehungsstatus 5 ist von der Story her längst fertig, also keine Panik! 😀 Mir fehlt nur die Zeit, die Bände auch alle aufzuschreiben, weil ich in meinem Brotjob schon jeden Tag schreibe. Und dann hatten wir da auch noch die Idee mit dem Flying Kluntje Beziehungsratgeber … der Tag müsste einfach 96 Stunden haben, das wär geil! 😀

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