Blogroman: Kapitel 3

Vor meiner Tür standen die Waltons. Die Töchter aus dieser alten Fernsehserie, wo alle in Latzhosen herumliefen und Autos fuhren, deren Hupen immer röhrten, als hätten sie einen Bronchialkatarrh. Nur steckten die Füße meiner Waltons in bunten Gummistiefeln. Ich sah fragend von der drallen kleinen Rothaarigen zu der etwas größeren blonden Frau mit den kurzen Zöpfchen, die wie Antennen von ihrem Kopf abstanden, und fragte mich, woher sie mir so bekannt vorkamen. Dann fiel endlich der Groschen. Das waren die Frauen, die als Porträts in Johns Atelier hingen!

Die blonde Frau mit der Zöpfchen schob die Daumen unter die Träger ihrer Latzhose und strahlte mich herzlich an. »Wir sind die Flying Kluntje! Deine Nachbarn!«

Fast wäre mir herausgerutscht: »Ich dachte, ihr seid die Waltons!«, aber ich konnte mich gerade noch beherrschen. Stattdessen fragte ich höflich: »Möchten Sie Eier?«

Die Frauen sahen sich fragend an und kicherten kurz, dann wandte die Blonde sich wieder an mich. »Hat John denn gar nichts gesagt?«

Ich bekam heiße Wangen. »John? Der Maler?«

Beide Frauen nickten synchron, dann fragte die kleine Rothaarige: »Dürfen wir reinkommen?«

Mir blieb gar nichts anderes übrig, sie hatte ihren geblümten Gummistiefel bereits auf meine Türschwelle gesetzt. Also trat ich zur Seite und machte eine vage Handbewegung. »In der Stube ist der Ofen an.«

Die kleine Rothaarige trat sich die Stiefel auf der Fußmatte ab und strahlte mich an. »Ach, wir können den Tee auch in der Küche trinken, wir trinken den Tee am liebsten in der Küche, oder Steffi? Ich bin übrigens die Moni!«

Ich schüttelte der Frau verwirrt die ausgestreckte Hand. »Äh, ja. Ich bin Djuna.«

»Ich weiß!« Die Frau strahlte mich wieder an, dann öffnete sie zielstrebig die Tür zur Küche, als wäre sie hier zu Hause. Offenbar kannte sie sich mit den vielen Türen in ostfriesischen Bauernhäusern besser aus als ich. Die blonde Frau mit den lustigen Zöpfchen trat sich jetzt die Stiefel ab und schüttelte mir ebenfalls die Hand. »Ich bin Steffi! Tut mir leid, dass wir dich so überfallen, aber wir hatten deine Telefonnummer nicht!«

Ich sah ihr neugierig ins Gesicht. »Ich kenn dich! Also, ich hab dich schon gesehen! Bei John in der Scheune hängen Porträts von euch!«

Steffi grinste und winkte unbekümmert ab. »Dann bist du jetzt wahrscheinlich enttäuscht, dass wir nicht so überirdisch schön sind, wie auf den Bildern. Für John sehen alle Frauen aus wie Elfen! Aber die einzige Frau, die dem Klischee wirklich gerecht wird, ist Anna!«

Moni rief aus der Küche: »Anna weiß aber gar nicht, dass sie so schön ist, sonst wäre sie unerträglich arrogant!«

Steffi und Moni kicherten und fingen an, sich in der Küche breit zu machen, als wären sie die Gastgeberinnen. Ich hatte keine Lust auf Besuch und ich hatte auch keine Lust, gut gelaunt zu sein, aber das unbeschwerte Kichern und Quasseln der beiden war so ansteckend, dass ich ihnen einfach folgte. Etwas anderes blieb mir ja auch kaum übrig. Moni werkelte herum, suchte die Schränke nach Teetassen ab und befüllte den Wasserkocher. »Dein Handy will was von dir!«

Ich unterdrückte ein genervtes Stöhnen, zog das Handy aus der Tasche und murmelte: »Das ist nur mein Ex.«

Steffi schob sich auf die Eckbank und grinste. »Was schreibt er denn Schönes?«

Erst warf ich ihr einen bösen Blick zu, dann wurde ich selbst neugierig und überflog Kais neuste Nachricht. »Er schreibt, dass ich ja immer nur sehe, was ich sehen will!«

Steffi ließ sich gegen die Lehne der Bank fallen und legte mit einem hingerissen Seufzen die Hand ans Herz. »Oh, Gott, ist das schön! Den haben wir noch nicht!«

Moni kicherte, drückte mich auf einen Stuhl und klatschte dann vor Freude in die Hände wie ein kleines Kind. »Dürfen wir den Satz haben?«

Ich drehte mich verwirrt zu ihr um. »Für was genau?«

Moni strahlte stolz auf mich herab und sah ihrem Porträt in diesem Moment viel ähnlicher, als ihr selbst bewusst war. »Wir erstellen ein Hackenbeißer-Bingo!«

Ich musste lachen. »Ein was?«

Steffi zog ein kleines Notizbuch und einen Bleistiftstummel aus der Tasche in ihrem Hosenlatz. »Wir sammeln typische Sätze konfliktunfähiger Männer und machen daraus ein Bingo-Spiel!«

Ich vergaß endgültig, dass ich mies gelaunt sein wollte und lachte auf. »Wie kommt man auf so einen verrückten Scheiß?«

Moni schaltete den Wasserkocher ein und setzte sich zu uns. »Das war natürlich Annas Idee. So was ist immer Annas Idee! Anna ist eine Meisterin darin, alles, was dir weh tut, so lange auf den Kopf zu stellen und zu schütteln, bis du gar nicht anders kannst, als drüber zu lachen!«

Steffi leckte so übertrieben wichtig den Bleistift an wie der Buchhalter, der Al Capone zur Strecke gebracht hatte, und klappte das Büchlein auf. »Weißt du, was meiner immer gesagt hat? Du musst mal deine Prägung ändern! Immer, wenn er eine neue Affäre hatte und ich vor Eifersucht geheult hab, hat der gesagt, ich muss mal meine Prägung ändern, damit ich nicht mehr eifersüchtig bin! Damit war der Ball in meiner Hälfte des Spielfelds und ich hab mich mies gefühlt, weil ich so ein bürgerliches Dingsda bin!«

Moni verschränkte die Arme und nickte ruckartig. »Der Klausi sagt immer: Das bildest du dir nur ein! Großartig, oder?«

Steffi lachte schallend auf, aber ich bekam ein ganz mulmiges Gefühl. Das hatte Kai auch immer gesagt. »Äh, was ist daran so großartig?«

Moni tippte sich an die Stirn und flüsterte beschwörend: »Damit sagt er dir, dass er ein ganz armer Mensch ist, der sich dem Konflikt mit dir nicht gewachsen fühlt! Deswegen muss er so tun, als würdest du dir alles nur einbilden! Wenn man das so sieht, dann bekommt man plötzlich Mitgefühl mit ihnen!«

Ich murrte: »Wenn ich meinem Ex sage, dass ich Mitgefühl mit ihm habe, fühlt der sich verhöhnt!«

Steffi kritzelte in ihr Heftchen und murmelte: »Tragisch, oder? Hackenbeißer fühlen sich immer sofort angegriffen!«

Ich beugte mich neugierig über den Tisch. »Welche Sätze habt ihr denn bis jetzt?«

Der Wasserkocher klickte. Moni stand auf und flötete: »Schatz, tu mir einen Gefallen, verhalte dich nicht soundso, sondern sei einfach nur du selbst!«

Ich stöhnte. »Ich hasse diesen Satz! Wenn sie sagen, dass man einfach nur man selbst sein soll, heißt das meistens, dass man machen soll, was sie wollen!«

Moni schwenkte die silberne Teekanne meiner »Arbeitgeber« mit heißem Wasser aus und kicherte. »Der Klausi hat immer gesagt, ich soll doch mal spontan sein! Erst, als Anna mich darauf hingewiesen hat, dass ich entweder spontan sein oder machen kann, was er sagt, hab ich verstanden, wieso das nie geklappt hat!«

Ich sah mich fragend um. »Wer ist eigentlich diese Anna, von der ihr immer redet?«

Steffi sah von ihrem Heft auf und fragte: »Hat John dir gar nicht von ihr erzählt?«

Ich grübelte kurz. »Ist das die mit den Sommersprossen, die aussehen wie der große Wagen?«

Moni goss hinter mir gluckernd den Tee auf und kicherte wieder. »Das ist typisch für John!«

Steffi hob den Zeigefinger. »Lothar würde jetzt sagen: Der Wald ist es, was uns hindert, die Bäume zu sehen! Kann aber auch sein, dass es Shakespeare war. Jedenfalls ist Anna Johns Freundin.« Steffi lachte versonnen. »Aber dass ein detailverliebter Mensch wie John von ihren Sommersprossen erzählt und dabei das wichtigste vergisst, ist mal wieder typisch!«

Ich merkte, dass mein Magen sich verdrehte wie eine DNA-Spirale und murmelte: »Oh. Ich dachte, er wäre geschieden!«

Moni stellte das Stövchen und die Teekanne auf den Tisch, setzte sich wieder und strahlte mich an. »Eigentlich sind wir hier, weil John uns geschickt hat! Wir wollen dich ganz offiziell zum Tee im Kluntjehaus einladen! Hast du Sahne da?«

Ich sah verwirrt in ihre süßen, braunen Knopfaugen. »Sahne? Wozu denn?«

Ich merkte, dass Moni und Steffi beide versuchten, nicht mit den Augen zu rollen. Steffi murmelte: »Jetzt verstehe ich, was John meint.«

Moni sah mich mitfühlend an und flüsterte: »Du hast keine Ahnung von der Teezeremonie!«

Ich lachte unsicher. »Ich wusste nicht, dass das hier so eine große Sache ist!«

Moni erklärte ernst: »Drei Tassen sind Ostfriesenrecht!«

Ich grinste zerknirscht. »Eigentlich trinke ich eher Kaffee!«

Steffi schüttelte den Kopf. »Es geht nicht um das, was in der Tasse ist, es geht um das Event!«

Moni schenkte den Tee ein und brummelte. »Aber so ganz ohne Kluntje und Sahne … kein Wunder, dass dir der Tee nicht schmeckt!«

Steffi lächelte mich beruhigend an. »Moni meint das nicht so, sie ist nur eine echte Eingeborene!«

Ich musste lachen. »Und du nicht?«

Steffi winkte ab. »Hör bloß auf, ich war mal Südstaatlerin, aber seit ich hier lebe, kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen! Berge! Schrecklich! Aber nach Berlin fahre ich manchmal ganz gerne.«

Ich nippte an meinem bitteren, schwarzen Tee. »Was ist denn in Berlin?«

Steffi grinste stolz. »Unser Video-Kanal hat da einen Außenposten! Wir haben da noch eine Flying-Kluntje-Wohnung!«

Ich wurde neugierig. »Was ist das überhaupt für ein Kanal?«

Moni machte ein wichtiges Gesicht, dann kicherte sie wieder so mitreißend. »Wir machen Kultur-Comedy und Interviews und so Sachen! Filmbesprechungen, Buchkritiken und lauter so Zeug. Jetzt gerade planen wir eine linguistische Woche mit einem Hackenbeißer-Bändigungs-Tutorial und im Kluntjehaus haben wir immer viele Künstler zu Besuch!«

Ich nippte wieder an meinem Tee. »Ich dachte, ihr wärt selbst Künstler.«

Steffi nickte. »Teilweise sind wir das. Eugen und Simone managen aber das Haus und das Merchandising.«

Ich fragte: »Wer sind Eugen und Simone noch mal?«

Ich hätte John besser zuhören sollen und jetzt fiel mir wieder ein, wieso ich so ein unbehagliches Gefühl hatte. John hatte eine Freundin, die aussah wie eine überirdisch schöne Elfe und von der scheinbar alle schwärmten. Wie war ich eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, dass ein Mann wie er Single sein könnte?

Moni meldete sich wie ein Schulkind. »Ich bin Simone! Und Eugen ist der Master of Teetafel, der Besitzer des Hauses und Gründer der WG.«

Ich nickte und tat so, als würde mich das noch interessieren. Langsam wurde mir wirklich klar, dass aus meiner heißen Affäre mit John nichts werden würde. Er hatte jemanden. Und ich hatte niemanden. Ich hatte nur einen Exfreund, der Sprüche von sich gab, die für ein »Hackenbeißer-Bingo« taugten. Steffi lächelte mich seltsam wissend an. »Also, eigentlich sind wir in unserer offiziellen Funktion als Flying-Kluntje-Botschafterinnen hier und wollen dich wie gesagt für morgen zum Tee einladen! Und wenn du möchtest, kannst du auch bis abends zu dem Konzert bleiben.«

Moni hopste im Sitzen und klatschte wieder so kindlich in die Hände. »Oh, ja, du musst zum Konzert bleiben, ich bin so aufgeregt!«

Während ich fieberhaft nach einer Ausrede suchte, sah ich unsicher von einer zu anderen. »Was denn für ein Konzert?«

Steffi nippte an ihrem Tee und erklärte: »Ach, nichts Besonderes, nur das Übliche. Sven und Keno sind gerade da und morgen kommen noch ein paar Leute aus Berlin, die ein paar Tage bleiben. Irgendwelche Cellisten, die Soundtracks covern und Ostfriesland als Drehort nutzen wollen, weil sie sich Neuseeland nicht leisten können!«

Ohne nachzudenken, hob ich abwehrend die Hand. »Seid mir nicht böse, aber das sind mir viel zu viele Namen und viel zu viele Leute. Ich bin eigentlich hierher gekommen, weil ich mal richtig meine Ruhe haben wollte.«

Steffi und Moni wechselten einen betretenen Blick. Ich holte tief Luft und sagte schnell: »Ich finde das sehr nett von euch, wirklich, aber eigentlich bin ich lieber ganz für mich.«

Meine neuen Nachbarinnen sahen sich noch einmal fragend an, dann machte Steffi Moni ein Zeichen und stand auf. »Na ja, okay, gut, dann wollen wir dich auch gar nicht länger stören. Falls du es dir noch überlegst, den Tee gibt es um drei.«

Moni erhob sich und wippte noch einen Moment auf ihren Gummistiefeln. »Ja, äh, schade, also, falls dir noch ein Satz für unser Hackenbeißer-Bingo einfällt oder du dich mal einsam fühlst, du kannst jederzeit rüber kommen! Die Tür ist eigentlich immer offen, irgendjemand ist immer da!«

Ich grinste zerknirscht. Moni sah plötzlich so bedröppelt aus, dass es mir fast leidtat, so schnell abgelehnt zu haben. Steffi winkte ihr mit der Hand und dachte, ich merke es nicht, aber Moni schob die Hände in ihren Hosenlatz und sah mich mit gekräuselten Mundwinkeln an. »Weißt du, der John macht sich Sorgen um dich. Er sagt, du siehst so traurig aus und ich finde, da hat er Recht! Der John ist Maler, der sieht so was!«

Ich seufzte schuldbewusst. »Ja, dass er Maler ist, hab ich schon mitgekriegt.«

»Na, komm, Moni, Eugen wartet mit dem Tee auf uns!« Steffi machte Simone wieder ein Zeichen, aber Simone blinzelte mich noch einmal aus ihren niedlichen Knopfaugen an, bevor sie hinter Steffi meine Küche verließ, dann hörte ich die alte, verzogene Haustür zuschlagen und war wieder allein. Sie wollten zum Tee? Sie hatten doch gerade eben Tee gehabt! Hier in Ostfriesland gingen die Uhren wohl tatsächlich irgendwie anders, offenbar war immer dann drei Uhr nachmittags, wenn sie Lust dazu hatten.

Ich rührte nachdenklich in meiner Tasse. Plötzlich kam mir die Stille im Haus drückend und unangenehm vor. Ich atmete tief durch und dachte daran, wie John mich gestern in den Arm genommen hatte. Seitdem hatte ich das schöne Gefühl in mir bewahrt wie ein Feuer im Kaminofen, ich hatte mich damit gewärmt. Und jetzt war er mit dieser sagenumwobenen Anna zusammen. Ich hasste diese Anna jetzt schon.

Mein Handy meldete sich wieder und ich zog es aus der Tasche, um Kais neuste Nachricht zu lesen. »Es gibt überhaupt keinen Grund für diese alberne Trennung! Du drehst nur immer alles so hin, wie es dir passt!«

Ich steckte das Handy wieder in die Tasche und murmelte: »Bingo!«

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4 Gedanken zu „Blogroman: Kapitel 3

  1. Genial! Ich bin gespannt auf das Hackenbeißer-Bändigungs-Tutorial =) Überhaupt, wie wäre es, wenn die Kluntjes mal einen Beziehungratgeber schreiben!? Der kann doch nur genial werden!

    1. Du wirst es nicht glauben, aber da denke ich schon länger drüber nach! Ein praktischer Ratgeber auf die Flying Kluntje Art! Mit netten kleinen Spielszenen am Küchentisch! 😀 Sven und Anna erklären, wie man schwierige Themen anspricht, John sinniert über das polyamore Coming-out, Steffi und Simone kichern darüber, wie man nicht nach den Ködern konfliktunfähiger Hackenbeißer schnappt und als Bonus klärt Eugen über die Feinheiten der ostfriesischen Tee-Zeremonie auf! 😉
      ICH BRAUCHE MEHR ZEIT! +kreisch+ Hihi …

      1. Biiitte bitte mach das! Ich hab mich schon so oft dabei ertappt, darüber nachzudenken, was Sven oder Anna in irgendeiner Situation machen würden, ich brauch da unbedingt ein Nachschlagewerk =) Ich bin begeistert!

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