Blogroman: Kapitel 4

Ich kam mir selbst dämlich vor, als ich mit dem Futtereimer durch den Schlamm watete und rief »Komma, Komma, Komma!«, als würde ich Grundschülern Rechtschreibregeln eintrichtern, aber das war eben das, worauf meine Hühner hörten. Und als die Eierfrau musste ich meine Hennen nun mal abends mit Futter in die Scheune locken, damit sie nicht von einem Fuchs oder Marder oder von sonst was gefressen wurden. Vielleicht von einem Brathähnchenfanatiker, der von seiner wohlmeinenden Frau vegan bekocht wurde. Jedenfalls gehörte sich das eben so. Ich schüttelte den Eimer und rief wieder: »Komma, Komma, Komma!«

Als meine hungrigen Hennen angerannt kamen, streute ich Futter in die Scheune, blieb aber in der offenen Tür stehen und lauschte. Der Sound der Party bei meinen Nachbarn hatte sich geändert. Jemand spielte auf einer E-Gitarre »Nothing else matters«. Ich hatte diesen Song immer schon geliebt. Und wer immer ihn da jetzt live spielte, war ein echter Zauberer. Ich neigte lauschend den Kopf und summte gefühlvoll mit.

Vielleicht sollte ich doch noch auf die Party gehen, ich war ja schließlich eingeladen. Aber der Gedanke an die vielen fremden Menschen machte mich so schüchtern. Und der Gedanke, John zu begegnen, war mir viel zu unangenehm. Bestimmt war seine Freundin auch da und das Elend wollte ich mir wirklich nicht antun – als Mauerblümchen herumzustehen und mitanzusehen, wie er flirtete. Da würde ich mich ja fühlen wie auf einer Klassenfahrt!

Um mich von dem schönen Song abzulenken, zählte ich meine Hühner durch und stellte fest, dass die kleine schwarze Henne, die ich originellerweise »Black Beauty« getauft hatte, schon wieder zu spät zum Essen kam. Als ich einen Schritt zurücktrat, um noch einmal draußen zu rufen, schoss sie mir zwischen den Füßen hindurch und stürzte sich auf das Futter. Ich verlor fast den Eimer vor Schreck und fluchte auf dieses verdammte freche Huhn. Jeden Abend machte sie das mit mir und ich fiel jeden Abend darauf herein!

Ich drückte grummelnd den Deckel auf den Futtereimer, stellte ihn auf sein Regal und schloss dann das große grüne Scheunentor. Mir stand ein Abend vor dem alten Röhrenfernseher bevor, während zwei Kuhweiden weiter in dieser toten Einöde ein verdammt gutes Konzert stattfand. Vielleicht war es auch kein richtiges Konzert, es klang eher wie eine Session verschiedener Musiker, die sich einfach aus Spaß an der Freude richtig austobten.

Ich beobachtete seufzend meine Hühner und kämpfte gegen mich selbst. Moni hatte ja gesagt, dass ich jederzeit rüber kommen könnte, aber, nein. Ich gehörte da nicht hin. Die kannten sich alle und ich kannte da niemanden. Ich zuckte zusammen, weil mein Handy klingelte und atmete unbewusst auf, als ich Felis Namen las. Seit Kai angefangen hatte, mir Nachrichten zu schicken, bekam ich es wenigstens hin, erst nachzusehen, bevor ich abhob. »Feli! Es passt jetzt gerade ganz schlecht, ich muss gerade die Hühner füttern und hab ganz schlechten Empfang!«

Meine Schwester hörte sich tatsächlich an wie Darth Vader, nur der Sinngehalt ihrer kryptischen Botschaft blieb mir verborgen. Ich öffnete wieder den Riegel an dem alten Scheunentür und trat ins Freie. Der Empfang wurde besser. »… und da haben wir uns überlegt, dass du doch erst mal mein Gästezimmer beziehen könntest, bis ihr eure Probleme …«

Ich kniff wütend die Augen zu und atmete tief die beißend kalte Luft ein. Feli redete einfach weiter. »… Kai ist doch wirklich verständnisvoll und wäre auch bereit, dich endlich zu heiraten, wenn du nur wieder vernünftig wirst! Alles, worum ich dich bitte, ist noch mal über alles nachzudenken! Eure Trennung kam so plötzlich, dass …«, über den Acker wehte jetzt ein aufpeitschendes Gitarrensolo und Trommeln setzten ein, »… sag mal, was ist das da bei dir für ein Lärm?«

Ich seufzte tief. »Bei meinen Nachbarn steigt heute eine Party, sie haben mich eingeladen.«

Feli schnaubte verächtlich. »Diese Künstler? Na, gut, dass du da nicht hingegangen bist! Zu solchen Leuten gehörst du nicht, ich hab die gegoogelt!«

Ich blickte über die pechschwarze Kuhweide zu den entfernten Lichtern hinter den Bäumen, die den großen alten Hof vor dem ewigen Wind schützten und merkte, wie ich wütend wurde. »Ach, ja? Und wieso passe ich nicht zu solchen Leuten?«

Feli lachte. »Schwesterchen, das sind Spinner! Die drehen vollkommen bescheuerte Videos und das geht da drunter und drüber! Du müsstest dir die Webseite mal ansehen, das ist garantiert alles erstunken und erlogen! Die Musiker, die du da buchen kannst, die sind doch ein Fake, solche Leute leben doch nicht in Ostfriesland! Und diese Maler! Wie dieser Typ aus New York! John O’Irgendwas, so ein Ire, ich hab den gestalkt, den gibt es wirklich! Ich glaube, wenn so einer wüsste, dass die sich auf ihrer Webseite mit dem als WG-Mitglied brüsten, würde der die in Grund und Boden klagen!«

Ich nagte mir an der Lippe und fragte mich, wieso ich nicht selbst längst auf die Idee gekommen war, die Künstler-WG einfach mal zu googeln. So viele Künstlergemeinschaften gab es in Ostfriesland ja nicht, dass man die nicht finden würde. Feli hatte es schließlich auch geschafft und die hielt Pinterest für das Internet. Da gab es immer so hübsche Deko-Ideen. Ich holte wütend tief Luft. »Ach, und wie kommst du darauf, dass ich bei diesen Leuten nichts zu suchen habe? Weil ich nicht kreativ oder erfolgreich genug bin?«

»Süße, so hab ich das doch gar nicht gemeint! Du bist immer gleich so empfindlich!«

Ich grunzte wütend. »Zufällig hat dieser Maler aus New York schon Eier bei mir gekauft und der ist sehr nett! Er hat sogar ein Porträt von mir gemalt und es mir geschenkt!«

Feli lachte spöttisch. »Das denkst du dir doch jetzt aus! So was ist doch unbezahlbar!«

»Weißt du was, Feli? Ich muss jetzt auflegen, ich wollte nur noch die Hühner in den Stall sperren, bevor ich auf die Party gehe!«

Ich erschrak selbst davor, wie bestimmt ich plötzlich klang, aber allein der Gedanke, dass sie mit Kai zusammen plante, wie sie mich »zur Vernunft bringen« konnten, machte mich so wütend, dass ich schon allein aus Trotz einen tollen Abend haben wollte. Feli sagte noch irgendwas, aber ich legte einfach auf und steckte das Handy weg. Es wurde Zeit, mich in Schale zu werfen.

*

Ich hielt mit klopfendem Herzen auf das Licht aus dem offenen Scheunentor zu und schrak zusammen, als mir ein riesiger Mann in den Weg trat und sagte: »Fahrausweis bitte!«

Das Gesicht des breitschultrigen Riesen lag im Schatten, aber ich erkannte an seiner Stimme, dass er grinste und atmete unbewusst auf. »Äh, ich, äh, ich bin Djuna! Moni hat mich eingeladen!«

Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust und nickte verstehend. »Ah, die Eierfrau!«

Ich lachte nervös. Anscheinend wurde ich diesen Namen nicht mehr los, ich nannte mich ja in Gedanken schon selber so. »Und du bist?«

In der Scheune begann jemand, auf einer akustischen Gitarre ein neues Stück zu spielen. Der Mann sog scharf die Luft ein. »Wann lernt der endlich, seine E-Saite richtig zu stimmen?«

Ich kicherte und zog fröstelnd die Schultern hoch. »Künstlerische Differenzen?«

Meine Gesprächspartner nickte. »Ständig! Ich bin übrigens Sven.«

Ich grinste entschuldigend: »Ich hab euch noch nicht gegoogelt!«, dann fiel mir ein, dass John einen Sven erwähnt hatte. War das etwa der Typ, der John darüber aufgeklärt hatte, dass es distanzlos war, zu balzen?

Sven fragte: »Hä? Wieso gegoogelt?«

Ich hüstelte verlegen. »Ich wollte damit sagen, dass ich keine Ahnung hab, was du machst. Ich weiß nur, dass ihr irgendwie Künstler seid.«

Sven lachte ein tiefes, warmes Lachen und drehte sich ein wenig ins Licht. »Ich weiß selbst oft nicht, was ich mache. Aber John hat mir von dir erzählt. Der ist aber heute Abend nicht da. Der bringt seinen Sohn nach Hamburg und kommt dann immer so spät zurück, dass er wahrscheinlich gleich ins Bett fällt.«

Ich wusste nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte und betrachtete den Mann verstohlen. Ich seufzte innerlich. Musste man erst einen Model-Contest durchlaufen, bevor man als Mann in diese WG ziehen durfte? Dieser Sven war ein umwerfend attraktiver Kerl. Groß, blond, durchtrainiert und irgendwie wild. Ich musterte unaufffällig die tätowierten Ornamente an seiner rasierten Schläfe und ertappte mich dabei, dass ich mich fragte, wo er wohl sonst noch tätowiert war. Ich hüstelte wieder. »Äh, wegen John bin ich gar nicht hier. Deine Mitbewohnerinnen haben mir gesagt, dass ich rüber kommen kann. Und was machst du so alleine hier draußen bei der Kälte? Bist du der Türsteher?«

Sven machte sich noch größer und grinste mich breit an. »Ich wollte mich nur ein bisschen abkühlen und keine rauchen.«

Ich musste lachen. »Muss man heute schon vor die Tür gehen, um keine zu rauchen?«

Sven nickte trocken. »Klar. Zichten gibt es nur in emotionalen Ausnahmesituationen. Frag mal John, wenn der Schmacht hat, geht der mit seinem Kaffeebecher raus und isst einen Gummiteufel.«

Ich musste wieder lachen. »Was zur Hölle sind emotionale Ausnahmesituationen?«

Das Scheunentor hinter Sven wurde weiter aufgestoßen. Eine zierliche kleine Frau tänzelte lachend heraus, blieb dann aber scheu hinter Sven stehen. Mir wurde heiß und kalt. Das musste die sagenumwobene Anna sein, von der alle redeten. Johns Freundin. Und sie war tatsächlich überirdisch schön, obwohl ich sie mir ganz anders vorgestellt hatte. Sie sah zwar genau aus wie ihr Porträt, aber ich hatte sie mir selbstbewusst und vielleicht auch ein bisschen selbstverliebt vorgestellt, aber die echte Anna wirkte eher auf mich wie ein schüchternes Kind.

Sven drehte sich zu ihr um und breitete den Arm aus. »Komm her, Annika!«

Anna machte einen großen Schritt und schlang die Arme um Sven. Sven drückte Anna an sich und deutete auf mich. »Das ist Djuna, die neue Nachbarin mit den freilaufenden Eiern.«

Anna musterte mich scheu, dann streckte sie mir die Hand hin. »Ah, okay, ich hab schon von dir gehört.«

Ihr Händedruck war überraschend fest, aber meinem Blick wich sie ganz schnell wieder aus und sah zu Sven auf. »Das Essen ist gleich fertig, wollt ihr nicht lieber ins Warme kommen?«

Sven umfasste sanft ihr Gesicht, küsste sie zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich komm gleich, Kleene, ich will nur noch nicht aufrauchen.«

Mir blieb die Luft weg. War sie etwa gar nicht mit John zusammen? War sie tatsächlich nur Johns Freundin im Sinne von Freundin? Sven flüsterte gerade so gefühlvoll: »Ick liebe dir, Kleene!«, dass es mir peinlich war, diesen innigen Moment mit meiner Anwesenheit zu stören. Das Scheunentür schwang knarrend noch weiter auf und Steffi trat heraus. »Djuna! Wie schön, dass du doch noch gekommen bist! Und genau im richtigen Moment, wir trommeln gerade alle zum Essen zusammen!«

In der Scheune schepperte es, als würde jemand Topfdeckel zusammenschlagen und eine Männerstimme rief: »Suppe fassen!«

Plötzlich fiel irgendeine schwere Last von mir ab. Ich konnte gar nicht anders, als Steffis strahlendes Lächeln zu erwidern, dann trat ich hinter Sven und Anna her in die riesige Scheune und stürzte mich ins Gewimmel.

Weitere Kapitel liegen schon auf der Festplatte rum, aber ich bin jetzt zu faul, um neue Artikelbilder zu basteln, geht aber bald weiter! 🙂

5 Gedanken zu „Blogroman: Kapitel 4

    1. Hach, seufz, haben wir uns nicht alle schon mal ein Schleudertrauma geholt, wenn wir uns nach einer Trennung wieder in die freie Wildbahn gewagt haben? 😀 Ich denke, wir werden die Traufe mit warmem Wasser und duftendem Badeschaum füllen, dann wird es nicht so schlimm! 😉

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