Blogroman Kapitel 5

Blogroman: Kapitel 5

Ich schlug die Augen auf und sah auf die Uhr, dann setzte ich mich mit einem Ruck auf. Die Hühner! Meine armen Hennen warteten jetzt seit Stunden auf ihr Frühstück! Als der Kopfschmerz einsetzte, fiel ich sofort wieder rückwärts ins Kissen und stöhnte, dann schaltete mein Gesicht ein dümmliches, aber verdammt breites Grinsen ein. So viel Spaß hatte ich seit Jahren nicht gehabt, vielleicht sogar noch nie.

Ich angelte mit einer Mischung aus Jammern und Kichern nach der Wasserflasche auf dem Nachttisch, dann zog ich die Hose, die ich vors Bett geschossen hatte, zu mir heran und tastete nach meinem Handy. Ich musste mir unbedingt ein paar der Videos dieser verrückten Künstlerbande ansehen.

Mit dem Handy in der Hand ließ ich mich wieder fallen und kicherte. Wie hatte ich bloß glauben können, dass Anna mit John zusammen ist? Sven und Anna waren so verliebt und sie passten so unglaublich gut zusammen, alle nannten die beiden nur »Svanna«. Und wenn ich das richtig aufgeschnappt hatte, kannten sie sich schon ewig und hatten zusammen mit John das kleine alte Haus gekauft, weil es in der WG langsam zu eng wurde. Sven wollte sich in dem Haus auch ein kleines Tonstudio einrichten. Der Zauberer mit der Gitarre war nämlich er.

Ich streckte mich knurrend und seufzte dann verträumt. John fühlte sich bestimmt manchmal wie das dritte Rad am Wagen. Oder wie das Fünfte? Ich konnte mir diese blöde Redewendung nie merken, ein Wagen hat ja nun mal vier Räder, aber wenn man mit einem so verliebten Paar zusammenlebte, war man ja das dritte Rad am Wagen. Vielleicht fühlte er sich auch manchmal einsam und hätte gern jemanden nur für sich.

Ich summte einen der Songs, die Sven nachts gespielt hatte, und suchte mir den Video-Kanal der WG, dann lachte ich über die Titel der Videos und klickte »Der Nicht-Hochzeitstag« an.

Nach einem Intro, in dem einer dieser so wichtigen »Kluntje« in eins dieser winzigen ostfriesischen Teetässchen klirrte, tauchte die urige, gemütliche Küche auf, in der ich die halbe Nacht verbracht und mit den verrückten Bewohnern Tränen gelacht hatte. Die andere Hälfte der Nacht hatte ich in der halb dunklen Scheune verbracht und mich von den Rhythmen der Trommeln durchpeitschen lassen – es war absolut unglaublich gewesen. Die Atmosphäre dieser Nacht konnte ich jetzt noch in jedem Knochen fühlen, als wäre ich auf einem anderen Planeten gewesen, auf einer anderen Bewusstseinsebene. So musste es sich anfühlen, wenn man Drogen nahm, aber Drogen waren im Kluntjehaus überhaupt kein Thema, die Stimmung, die Musik und das Lachen hatten mich high gemacht.

Ich versuchte, mich auf das Video zu konzentrieren. Sven und Anna saßen in der großen Bauernküche am Tisch und sprachen mit der Kamera, als würden sie mir gegenüber sitzen. Sven hatte – natürlich – eine seiner Gitarren auf dem Schoß, Anna zog auf ihre typische Art die Nase kraus und fing an zu lachen, dann erklärte sie wichtig: »Wir hatten damals so Bandnamen-Shirts, wo wir ›Horst against the machine‹ draufgeschrieben hatten, ja.«

Sven nickte. »Damit wollten wir berühmt werden.«

Hinter der Kamera erkannte ich Steffis mitreißendes Lachen. Anna stieß Sven an. »Wenn das jetzt jemand googelt, sind wir geliefert, das wird voll peinlich!«

Sven fuhr sich stöhnend übers Gesicht. »Hör bloß auf, damals hatte ich noch die Matte bis zum Arsch!«

Anna kicherte so wild, dass sie fast in ihre Teetasse fiel. Sven sah vollkommen ruhig in die Kamera. Ich seufzte tief. Dieser Mann hatte sagenhaft schöne Augen, in einem ganz hellen Braunton, fast wie goldener Bernstein. Sven erklärte: »Horst war unser Nachbar. So ein Aluhut-Träger, der ein Schild im Fenster hängen hatte.«

Anna nickte wild. »Das Ende ist nah! Deswegen haben wir dann nicht geheiratet, weil wir spätestens beim Weltuntergang 2012 alles geregelt haben wollten. Wer den Hamster nimmt, wenn wir uns nicht scheiden lassen und so Sachen.«

Eine Stimme fragte: »Ihr hattet einen Hamster?«

Ich erkannte die Stimme, das war Lothar, der Kameramann und Techniknerd der WG, der aber auch Bücher schrieb. Ich musste mir die unbedingt mal runterladen. Anna sagte gerade in die Kamera: »Gisela. Gisela war ein Männchen.«

Sven nickte versonnen. »Mann, hatte Gisela dicke Eier!«

Anna sah ihn an. »Unfassbar, oder? Was Hamstermänner für Klöten haben! Man wundert sich immer, dass das Laufrad nicht rückwärts rollt, bei den Bremsklötzen.«

Hinter der Kamera kreischten die anderen vor Lachen. Ich kicherte stolz. Andere Leute sahen sich diese Videos nur an und wünschten sich bestimmt, auch mal mit diesen Verrückten am Küchentisch zu sitzen und so absurden Schwachsinn zu reden, und ich war mittendrin gewesen. Das waren jetzt meine neuen Nachbarn und John hatte mir angeboten, mir diese Freunde mal zu leihen.

Steffi fragte im Hintergrund: »Und wie lange ist das jetzt her? Wann habt ihr nicht geheiratet?«

Anna verschränkte die Arme und verkündete stolz: »Am Dienstag!«

Ich prustete los. Diese Frau war nicht nur sagenhaft niedlich, sie nahm auch oft alles so wörtlich, dass es einen völlig neuen Sinn ergab. Sven zupfte eine sanft plätschernde Melodie auf der Gitarre und korrigierte: »Das war 2011. Am Freitag.«

Anna sah ihn empört an. »Ich werde doch wohl wissen, wann wir nicht geheiratet haben und das war ein Dienstag!«

Sven seufzte tief, sah resigniert in die Kamera und sagte: »Es war Freitag. Heute vor sieben Jahren haben wir an einem Freitag nicht geheiratet.«

Anna stieß ihn an. »Das kann ja voll nicht stimmen! Heute ist gar kein Freitag!«

Sven sah sie einfach nur an und blinzelte langsam, dann fing er an zu lachen. »Komm her, du Rübe!«

Sie küssten sich voller Gefühl und in der Küche brach Applaus aus. Anna lief rot an und senkte verschämt den Kopf, aber Sven erklärte: »Heute endet das verflixte siebte Jahr, in dem wir nicht verheiratet sind. Ab jetzt kehrt Ruhe ein.«

Anna kicherte, dann beugte sie sich vor die Kamera. »Hauptsache gesund und der Mann hat Arbeit, nä?«

Ich lachte schallend auf. Wenn bei diesen Verrückten jemals Ruhe einkehrte, war ich der Dalai Lama. Ich ließ das Handy auf die Bettdecke fallen und blinzelte nachdenklich. Ich fühle mich total verliebt. Ich war nach Ostfriesland gekommen, um mich zu verkriechen und jetzt schwebte ich auf einer großen, bunten Wolke. Ich war verliebt in das Ganze, in das Leben, in diese irren Leute, die so viel Lebensfreude und Spaß hatten. Und John war noch zu haben. Ich sprang aus dem Bett und rannte unter die Dusche.

So, ihr Lieben, das war jetzt das Blogroman Kapitel 5? Ich komme ja schon ganz durcheinander! 😀 Während Djuna eben duscht, wäre es bombig, wenn ihr den Beitrag teilen könntet, ich lade in der Zeit das nächste Kapitel hoch! 😀

Und was ist deine Meinung?