Blogroman Kapitel 7

Blogroman Kapitel 7

Ich trat wütend gegen das Tischbein und brach mal wieder in Tränen aus. Nichts funktionierte. Einfach gar nichts. Ständig fraß die Nähmaschine das Untergarn und kräuselte die Stoffe, wo sie es gar nicht sollte. Ich schniefte frustriert und checkte einfach mal wieder meine Blogstatistik. Ich hatte alles getan, um im Internet gefunden zu werden, aber niemand fand meine Stofftiere. Niemand interessierte sich dafür. Mein Shop war eine Wüste. Mein Leben war eine Wüste!

Ich legte den Kopf auf die Tischplatte und heulte los, bis ich mich wieder ein bisschen beruhigt hatte, dann hob ich lauschend den Kopf. Was war das jetzt wieder? Ein tiefes melodisches Brummen schien die Luft zu erfüllen. Es war zwölf Uhr mittags, stieg im Kluntjehaus schon die nächste Party? Ich wischte mir über die Augen und trat ans Fenster, dann öffnete ich es vorsichtig einen Spalt breit.

Ein paar hundert Meter hinter meinem Haus saßen vier dick eingepackte Cellisten auf der Kuhweide und spielten ein todtrauriges, schwermütiges Intro, während zwei ebenso dick eingepackte Gestalten mit Kameras sie filmten. Ich neigte lauschend den Kopf und fragte mich, woher ich das Stück kannte. Das tiefe Brummen klang so melancholisch, dass ich murrte: »Na, wenigstens passt der Soundtrack zu meinem Leben!«, dann schloss ich leise wieder das Fenster und zuckte zusammen. Es hatte geklingelt.

Für einen Moment blieb ich mit der Hand am Fenstergriff reglos stehen und überlegte, ob ich mich einfach tot stellen sollte. Ich hatte jetzt seit drei Tagen keinen Menschen mehr gesehen und je länger ich einsam in meinem Versteck blieb, umso besser gefiel mir das. Ich wollte nie wieder irgendjemanden sehen! Schon gar nicht John. Allein der Gedanke, ihm nach der Schmach mit dem vermasselten Kuss je wieder über den Weg zu laufen, was unerträglich erniedrigend. Ich hatte mich sagenhaft in ihn verknallt und er hatte gesagt, dass er höchstens was fürs Bett sucht. Ich hörte mich selber wimmern, weil mir wieder die Tränen kamen, dann zuckte ich erneut zusammen. Es hatte wieder geklingelt. Offenbar war mein Besucher nicht gewillt, einfach wieder zu gehen.

Also wischte ich mir hektisch über die Augen und lief durch den kalten Flur. Ich unternahm noch einen schwachsinnigen Versuch, meine ungewaschenen, strähnigen Haare zu ordnen, dann öffnete ich die Tür.

»Oh, mein Gott, du armer Hase!« Anna stand vor mir und blinzelte mich verwirrt an. »Du hast das John-Fieber!«

Fast hätte ich die Tür wieder zugeknallt, aber irgendwas an Annas Blick hielt mich davon ab. Sie sah mich so warm und mitfühlend an, dass mir die Klinke aus der Hand rutschte. Ich fing wieder an zu heulen.

Anna kräuselte auf ihre typische Art stumm die Mundwinkel, dann strich sie sich diese sagenhaft schönen Haare hinters Ohr und fragte: »Darf ich dich trösten?«

Ich schniefte trotzig und schnappte: »Ich bin nur erkältet!«

Anna schob sich vorsichtig an mir vorbei und berührte dabei sanft meinen Arm, dann murmelte sie: »Kein Grund, sich zu schämen. Was glaubst du, wie oft ich wegen John schon so ausgesehen habe?«

Ich weiß selbst nicht, was mich ritt, aber ich schnappte wütend: »Ich glaub nicht, dass du auch nur an einem einzigen Tag in deinem Leben scheiße ausgesehen hast! Du weißt doch gar nicht, wie das ist!«

Anna sah mich verschreckt an, dann fragte sie leise: »Soll ich dir einen Tee machen?«

Ich stampfte mit dem Fuß auf, wie ich es wahrscheinlich im Kindergarten zum letzten Mal gemacht hatte. »Ich will keinen Tee! Ich hasse euren scheiß Tee!«

Anna atmete langsam tief durch, dann flüsterte sie: »Ich kann auch Kaffee machen. Ich hab da mal einen Kurs gemacht.«

Ich schnaufte wütend. »Wie man Kaffee macht?«

Anna nickte, dann streckte sie suchend einen Finger aus. »Küche?«

Ich seufzte resigniert, dann schloss ich die Haustür und ging vor in die Küche. Anna sah sich kurz um, dann zog sie die Kanne aus der Maschine und fing an, Kaffee zu kochen. »John macht sich Sorgen um dich. Deswegen wollte ich mal nach dir sehen. Ich wusste aber nicht, dass es so schlimm ist.«

Ich ließ mich auf die Bank fallen und gab jeden Widerstand auf. Ich stützte den Kopf in die Hände und hörte endlich auf, vor mir selbst die Heldin zu spielen, die nur heulte, weil die Nähmaschine streikt. Und trotzdem quengelte ich: »Meine Nähmaschine geht kaputt!«

Anna raschelte und hantierte leise, dann hörte ich, wie sie die Kaffeemaschine einschaltete und sich zu mir setzte. »Wir haben eine im Kluntjehaus, die kannst du gern benutzen.«

Ich schniefte und hob den Kopf. »Eine Nähmaschine?«

Anna nickte. »Hmhm. Nicht gerade das neuste Modell, aber sie kann Knopflöcher machen und so Sachen. Moni kann ziemlich gut nähen. Ich versteh ja immer nie, wie der Faden da reinkommt.«

Ich kicherte angespannt und wischte mir über die Augen. Immer nie. Das war wohl so eine typische Anna-Formulierung. Plötzlich fiel mir ein, wie seltsam es war, dass gerade sie bei mir auftauchte. Ich setzte mich auf und holte tief Luft. »Es tut mir leid, dass ich deinen Freund geküsst habe. Ich wusste nicht, dass er mit dir zusammen ist.«

Anna sah mich vollkommen ruhig an. »Du darfst ihn aber trotzdem küssen.«

Ich fing wieder an zu heulen und wimmerte: »Du musst mich hassen!«

Anna blinzelte mich ganz langsam an, dann sagte sie: »Ich hasse dich nicht. Ich bin nur gerade tierisch unsicher und eifersüchtig.«

Ich schluckte und starrte sie völlig überfahren an. »Du? Wieso denn du? Ich bin eifersüchtig!«

Anna lächelte traurig. »Dann kannst du dir ja vorstellen, wie ich mich fühle.«

Ich schlug die Hände vors Gesicht und jammerte: »Es tut mir so leid! Ich wollte dir nicht wehtun! Erst hatte Steffi mir erzählt, dass du Johns Freundin bist und ich war am Boden zerstört, weil ich mich irgendwie auf den ersten Blick sagenhaft in ihn verknallt hatte und dann hab ich dich mit Sven gesehen und dachte, ich hätte das falsch verstanden und dann …«

Ich ruderte hilflos mit der Hand in der Luft und wusste dann einfach nicht mehr, was ich noch sagen sollte. Für eine kleine Weile waren wir still, dann wickelte Anna sich langsam den bunten Schal vom Hals. »Den hat Moni mir gestrickt. Moni ist total dem Strickwahn verfallen.«

Ich lächelte traurig. »Moni ist wahnsinnig süß. Bestimmt eine ganz tolle Freundin.«

Anna lachte leise. »Wir versuchen jetzt seit Monaten, sie mit Eugen zu verkuppeln, aber die beiden sind so schüchtern, dass sie es einfach nicht gebacken kriegen!«

Ich wischte mir über die Augen und nahm meinen Mut zusammen. »Und du und John?«

Anna zuckte die Schultern, dann stand sie auf und machte sich auf die Suche nach Kaffeebechern. Anscheinend war es für diese Flying Kluntje völlig normal, in fremden Küchen zu stöbern, Hauptsache, man konnte zusammensitzen und sich gemütlich an einer heißen Tasse die Hände wärmen. Anna summte leise die Melodie, die über die Weiden geweht war, dann sagte sie: »John und ich hatten einen furchtbar holprigen Start. Er kam überhaupt nicht mit Sven zurecht und musste erst mal selber seine tierisch chaotischen Affären ordnen und dann tauchte auch noch seine Exfrau auf. Fast hätten wir es nicht geschafft, uns zusammenzuraufen. Wirklich fest zusammen sind wir erst seit einem halben Jahr und ich versuche wirklich, ihm zu vertrauen, aber …«

Anna hatte Kaffeetassen im Schrank gefunden, stellte sie auf den Tisch und setzte sich wieder mit einem tiefen Seufzen. »Du bist die erste Frau, für die er sich interessiert, seit wir ihn in den Liebesclan aufgenommen haben.«

Ich sah sie verwirrt an. »Liebesclan?«

Anna lächelte verschämt. »Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Sven und ich haben noch andere Beziehungen und alle zusammen sind wir eben der Liebesclan.«

Ich schluckte verwirrt. »Und was heißt das genau?«

Anna zuckte die Schultern und neigte nachdenklich den Kopf. »So, wie ein Freundeskreis eben. Wir sind füreinander da, passen aufeinander auf, helfen uns bei Umzügen und wenn jemand mit Grippe im Bett liegt, geht ein anderer für ihn einkaufen und kocht Tee.«

Ich atmete tief durch. »Das klingt doch eigentlich ganz schön.«

Anna sah mich ernst an. »Wir ziehen nur nicht diese Grenze beim Sex wie andere Menschen.«

Ich atmete noch tiefer durch. »Und wie macht ihr das? Seid ihr gar nicht eifersüchtig?«

Anna kräuselte wieder die Mundwinkel und bewegte unruhig die Augen. »Doch, sind wir. Aber weil wir offen damit umgehen und Nebenbeziehungen kein Tabu sind, können wir wenigstens drüber reden und uns gegenseitig trösten.«

Ich blinzelte diese verwirrende Frau verstört an. »Wieso tut ihr euch das an?«

Anna grinste. »Sven und ich kennen uns, seit wir sechs waren. Wir hätten ziemlich viel verpasst, wenn wir unsere Beziehung nicht irgendwann für andere Menschen geöffnet hätten.«

Ich sackte erschlagen in mich zusammen. »Sven geht also auch fremd. Ich hatte euch für ein glückliches Traumpaar gehalten!«

Anna lachte tatsächlich unbeschwert. »Das kommt drauf an, wie du Traumpaar definierst, aber ich find schon, dass Sven mein Traummann ist. Ohne ihn kann ich mir die Welt gar nicht vorstellen.«

Ich runzelte komplett überfordert die Stirn. »Und John macht das mit?«

Annas Blick ruhte vollkommen ruhig auf mir. »Mal ganz ehrlich, was macht John als Mann für einen Eindruck auf dich?«

Ich knurrte leise. »Als könnte er jede haben.«

Anna lachte hell auf. »Yäp. Das kann er.«

Ich hielt mir stöhnend die Augen zu. »Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, dass er was an mir finden könnte.«

Ich hörte Anna leise schniefen, dann stellte sie nüchtern fest: »John mag dich. Er würde dich gern besser kennenlernen, aber er fühlt sich grottenschlecht, weil er dir das mit uns so unsensibel beigebracht hat. Er wollte dich nicht verletzen.«

Ich murrte sarkastisch: »Na, das hat ja super geklappt.«

»Es geht dir ziemlich mies, oder?«

Ich erwiderte tapfer Annas forschenden Blick, dann kullerten mir wieder Tränen aus den Augen. »Ich hab die ganzen letzten Nächte nur geheult! Ich kann dieses Gefühl einfach nicht vergessen, ihm nah zu sein! Dieser Kuss hätte niemals passieren dürfen! Vorher war ich sagenhaft verknallt in ihn, aber als wir uns geküsst haben, da ist irgendwas in mir passiert! Ich hab mich so sagenhaft verliebt, ich hab noch nie so eine Sehnsucht nach einem Mann gehabt!«

Ich hörte selbst in meinen Ohren klingeln, was ich da gesagt hatte und klappte verschämt den Mund zu. Die Kaffeemaschine fing laut an zu brodeln und spuckte die letzten Tropfen Kaffee in die Kanne. Anna stand auf und schenkte ein. »Als ich John kennengelernt hab, ging mir das genauso. Ich wollte mich gar nicht in ihn verlieben, aber er ist wie … schwarzes Loch ist der falsche Ausdruck, aber er hat so eine unfassbar starke Anziehung! Ich musste einfach immer wieder zu ihm hin, obwohl ich ihn nicht ausstehen konnte! Mein Instinkt hat die ganze Zeit gesagt: Roter Alarm, der bricht dir das Herz! Und dann hat er mir seine schüchternen Blicke zugeworfen, mit dieser scheuen Frage in den Augen, ob ich ihn wohl lieben kann. Und dann seine Küsse! Wenn John mich küsst, bin ich vollkommen wehrlos. Er ist so wild und sanft gleichzeitig, findest du nicht?«

Ich sah Anna vollkommen überfordert an. Was passierte hier bloß? Anna neigte den Kopf. »Milch?«

»Im Kühlschrank.« Ich beobachtete verwirrt, die Anna die Milch aus dem Kühlschrank holte, sich einen Schuss in den Kaffee tat und die Packung dann auf den Tisch stellte. Sie setzte sich wieder, dann stützte sie das Kinn in die Hände und murmelte: »Ich war so damit beschäftigt, von John akzeptiert zu werden, wie ich bin, dass ich fast das wichtigste vergessen hätte. Zum Glück hat Sven mich dann daran erinnert.«

Ich griff schleppend langsam nach der Milch. »Und was ist das?«

Anna lächelte. »Ihn zu akzeptieren wie er ist?«

Ich schraubte den Verschluss der Milch auf und warf Anna einen misstrauischen Blick zu. »Und wie ist er?«

Anna lehnte sich zurück und verschränkte nachdenklich die Arme. »John ist ein unglaublich liebevoller, emotionaler und sinnlicher Mann. Er ist ein hochbegabter, absolut genialer Künstler. Aber irgendwie hat er es nicht so mit Selbstreflexion und Kommunikation. Ihm ist bei vielen Sachen, die er macht, einfach nicht ganz klar, was das in anderen auslöst.«

Ich lachte traurig. »Ja, das hab ich schon gemerkt. Manchmal kommt er mir so direkt vor, dass ich gar nicht wechseln kann und dann wirkt er plötzlich wieder, als wäre er ganz woanders, so zerstreut.«

Anna nickte. »Hmhm. Er meint das aber absolut nicht böse. Er ist einfach nur ein wahnsinnig sprunghafter Denker, das geht alles rasend schnell bei ihm. Wenn du ihn näher kennst, merkst du, dass er Verknüpfungen erstellt und Zusammenhänge sieht, die andere gar nicht wahrnehmen. Dafür steht er bei anderen Sachen total auf dem Schlauch.«

Ich nippte an meinem Kaffee und stellte fest, wie gut das tat. »Bei was für Sachen zum Beispiel?«

Anna neigte den Kopf und lächelte mich an. »Sein Skript bei Beziehungen zum Beispiel funktioniert nicht so, wie Frauen sich das wünschen. Er ist einfach nicht exklusiv.«

Ich sah Anna über den Rand meiner Tasse hinweg unsicher an. »Exklusiv?«

»John ist nicht treu im herkömmlichen Sinne. Er ist auf seine Art wahnsinnig treu, aber die Verbindlichkeit, die viele Frauen sich wünschen, die kriegt er einfach nicht hin. Er ist auf eine andere Art verbindlich.«

Ich zog die Stirn kraus. »Ich versteh überhaupt nicht, was du meinst! Was denn für eine Verbindlichkeit?«

Anna zuckte die Schultern. »John war immer ein streunender Kater. Er kommt, wann er möchte und er geht, wann er möchte. Er ist aufgewachsen zwischen Dublin und Ostfriesland, zwischen Deutsch, Englisch und Gälisch, zwischen katholischen Schuldgefühlen und vollkommen freien Gedanken. Wenn er geht, weiß er selber immer, dass er wiederkommt. Aber Frauen wissen das nicht. Wenn John eine Frau mag und gerne mit ihr schläft, gibt es für ihn überhaupt keinen Grund, das zu beenden, aber er geht dann eben für ein halbes Jahr nach New York und kommt nicht auf die Idee, Bescheid zu sagen. Er vergisst die Frau, bis er wieder in der Gegend ist und sich bei ihr meldet. Und für sein Gefühl war er die ganze Zeit mit ihr zusammen, wenn er sich von ihr getrennt hätte, hätte er das ja gesagt. Was nicht heißt, dass er nicht auch mit anderen Frauen zusammen ist. Aber die Frauen fühlen sich eben zu Recht von ihm verlassen und betrogen und reißen ihm den Kopf ab, wenn er wieder auftaucht. Er schafft es aber einfach nicht, in den normalen Kategorien zu fühlen. Aber er fühlt sich so hilflos wie ein verirrtes kleines Kätzchen im Schnee, wenn er Frauen verletzt, er will das ja gar nicht. Aber das ist eben seine Art, zu lieben.«

Ich merkte, dass ich Anna böser ansah, als ich eigentlich wollte und atmete tief durch. »Ich bin mir gerade nicht ganz sicher, ob du ihn nicht mit Absicht als so ein egoistisches Ekelpaket hinstellst, damit ich die Finger von ihm lasse!«

Anna wurde kreidebleich und bekam einen ganz verletzten Blick. Sie bewegte gehetzt die Augen, dann sagte sie: »Ich versuche gerade, dir zu sagen, dass er ein wundervoller, liebevoller Mann ist, der dir auf keinen Fall wehtun will!«

Ich lachte bitter und gruselte mich selbst davor, dass ich klang wie die Hexe auf einer alten Märchenschallplatte, aber ich sagte: »Ha! Wenn er nicht will, dass Menschen verletzt sind, dann soll er sich nicht wie ein egomanisches Arschloch benehmen!«

Anna sprang so heftig auf, dass ihr Stuhl fast umgekippt wäre und sah mich fassungslos an. »Du bist eine von denen!«

Ich fühlte mich angegriffen und fauchte: »Ach ja? Eine von welchen?«

Annas Augen füllten sich mit Tränen, ich wusste aber nicht, ob sie wütend oder traurig war. Sie ballte die Fäuste und stieß atemlos hervor: »Du bist eine von diesen Frauen, die ihm immer nur weh tun, weil sie seine Schönheit gar nicht sehen!«

Ich stand auf und keifte: »Schönheit? Schönheit? Was bitte soll daran schön sein, wenn ein aufgeblasener Gockel wie dein John mit Frauen spielt, wie er lustig ist! Und du lässt dir das auch noch gefallen! Hast du überhaupt keinen Stolz?«

Anna schloss langsam die Augen, dann drehte sie sich um und kehrte mir den Rücken zu. Ihre Stimme klang seltsam erloschen, als ob sie eigentlich schon weg wäre, aber sehr ruhig und deutlich. »Ich bin hergekommen, weil John meinen Segen wollte, um sich ein bisschen um dich zu kümmern. Weil er das Gefühl hat, dass du einsam bist und einen Freund brauchen könntest und weil er dich irgendwie lieb hat. Und bevor ich ihm meinen Segen gebe, wollte ich ein Gefühl für dich kriegen, damit ich dich auch irgendwie lieb haben kann. Damit es mir nicht so weh tut und ich mich mit ihm freuen kann, wenn er dir seine Aufmerksamkeit schenkt. Aber jetzt gerade hab ich eher das Gefühl, dass ich ihn vor dir beschützen will, weil du ihn nur verletzen würdest.«

Ich lachte höhnisch und fand meine eigene Stimme selbst unerträglich schneidend. Trotzdem rutschte mir raus: »Ja, danke, ich bin keineswegs einsam und einen Freund wie den brauche ich ganz bestimmt nicht! Ich scheiß auf euer Mitleid!«

Anna warf mir über die Schulter einen ausdruckslosen Blick zu, dann verließ sie wortlos die Küche. Ich fiel schaubend vor Wut wieder auf die Bank. Was bildete die sich eigentlich ein? Dass ich auf ihre Almosen angewiesen war und ein bisschen Restliebe von ihrem Freund abhaben wollte? Ich verschränkte die Arme und schnaufte abfällig: »Deinen scheiß Freund kannst du behalten!«, dann fing ich wieder an zu heulen.

Anna hatte ihren Schal vergessen, aber es war, als hätte sie ein Symbol ihrer Wärme dagelassen. Und ich hatte mich mit meinem dämlichen falschen Stolz mal wieder selber in die Wüste katapultiert. Als ob ich es mir leisten könnte, Freundschaft in den Wind zu schlagen.

Und was ist deine Meinung?