Blogroman Kapitel 8

Als es diesmal klingelte, versuchte ich nicht mal mehr, meine Haare zu richten. Wozu? Es war ja sowieso alles egal! Ich klemmte mir nur den Löffel zwischen die Zähne und drückte mit dem Ellenbogen die Klinke der Haustür herunter. »Was?«

Vor der Tür stand Sven. Er musterte kurz mich, dann die 2-Liter-Eispackung, die ich im Arm hielt. »Truhenfund? Wann ist das Zeug abgelaufen?«

Ich tauchte trotzig den Löffel in das Eis und hob die Packung hoch, um das Mindesthaltbarkeitsdatum zu entziffern. »2008, sonst noch was?«

Sven ließ den Blick über den Hof schweifen und sagte leichthin: »Als wir das Haus gekauft haben, haben wir im Keller noch Eingemachtes gefunden, von dem wir nicht wussten, aus welcher Nachkriegszeit das stammte.«

Ich murrte: »Ist doch toll, dass ostfriesische Omas alles aufheben!«

Sven sah mich wieder an. »Ganz ehrlich, brauchst du Geld? Ich kann dir was leihen, dann musst du nicht die Scheiße aus dem Vorratskeller fressen.«

Weil Sven mein Dilemma erkannt hatte, fauchte ich: »Ich hab es nur noch nicht zum Einkaufen geschafft!«

Sven nickte langsam, dann sagte er: »Annika hat ihren Schal hier vergessen. Ich würde dich gar nicht belästigen, aber der war ein Geschenk, sie hängt an dem Teil.«

Ich schnappte: »Ach, und da schickt sie dich? Traut sie sich selber nicht her?«

Sven neigte einfach nur den Kopf und streckte die Hand aus. Ich knurrte: »Ich hol das scheiß Ding ja schon!«, dann trottete ich in die Küche, um den Schal von der Stuhllehne zu ziehen. Als ich mich umdrehte, um wieder zur Tür zu laufen, prallte ich gegen Sven. Er schob mich wortlos zur Seite, öffnete den Kühlschrank und sah in den leeren Brotkasten, dann kramte er einen 50-Euro-Schein aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. »Mehr hab ich nicht dabei.«

Ich wollte wieder irgendwas fauchen, aber meine Unterlippe fing an zu zittern. »Macht ihr das so immer in eurem komischen Liebesclan?«

Sven sah mich ganz ruhig an. Diese schönen, warmen Augen verwandelten meine Schutzschilde in bunte Wattebäusche, die kein bisschen gegen Mitgefühl schützten. Sven sagte: »Klar. Einer für alle, alle für einen. Wir haben alle als brotlose Künstler angefangen, die nichts zu fressen hatten. Wer was hat, gibt was.«

Meine Augen gerieten schon wieder ins Schwimmen. »Ich bin gar keine Künstlerin! Ich hab einen Online-Shop für selbstgenähte Stofftiere aufgemacht und hatte mir alles so schön vorgestellt, ich war mir so sicher, dass ich davon irgendwie leben kann!«

Sven blinzelte mich träge an. »Stofftiere? Ernsthaft? Keine Handgranaten oder Stacheldrahtrollen, damit dir bloß niemand zu nah kommt?«

Ich starrte Sven fassungslos an, dann rutschte mir die Eispackung aus dem Arm und ich fing an zu heulen wie ein Kind, das sich verlaufen hat.

»Komm mal her!« Der große, starke Kerl breitete die Arme aus und drückte mich tröstend an sich. Ich heulte Sven hemmungslos in die Jacke und musste gleichzeitig überdreht lachen. Das war jetzt das zweite Mal in ein paar Tagen, dass ich mich bei einem wildfremden Mann ausheulte. Sven murmelte: »Du bist ja völlig verwirrt, du armer Krümel!«, dann wiegte er mich noch eine Weile sanft hin und her und streichelte mir beruhigend den Rücken, wie John es getan hatte. Für einen Moment flitzte mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich Anna hasste. Sie hatte gleich zwei Männer, die mit weinenden Frauen umgehen konnten und ich hatte gar keinen. Das war einfach nicht gerecht!

Sven strich mir liebevoll über die zottigen Haare und fragte: »Darf ich mal kurz sachlich werden? Nur ein ganz kleines bisschen.«

Ich trat einen Schritt zurück, riss mir ein Stück von der Küchenrolle ab und schnäuzte mich wild, dann maulte ich: »Ich weiß, dass ich zu Anna unfreundlich war.«

Sven zog kurz die Stirn kraus, dann verstand er, wo ich gerade war. »Darum geht es gar nicht. Annika versteht dich, die kann das schon irgendwie wegstecken. Aber sie ist eben auch eine Löwin, die für ihr Rudel kämpft. Wenn sie das Gefühl hat, dass John nicht richtig verstanden wird, dann wird sie eben komisch, aber sie beruhigt sich auch schnell wieder.« Er neigte den Kopf und grinste mich an. »Nika ist genau so eine Heulsuse wie du! Einfach raus damit und danach ist es wieder gut!«

Ich schniefte vorwurfsvoll und fühlte mich ganz furchtbar missverstanden. »Bei mir ist gar nichts wieder gut, egal, wie viel ich heule!«

»Ah, okay.« Sven nickte langsam. »Ich wollte dich nicht banalisieren. Ich meine nur, dass du deine Chancen nicht siehst. Du hast Stress mit deinem Business, das sehe ich ein. Aber du übersiehst, dass du da nebenan Nachbarn hast, die dir helfen könnten, wenn du das zulässt. Die Flying Kluntje sind vielleicht nicht ganz das, was du gewohnt bist, aber diese Leute haben innerhalb eines Jahres ein fantastisches Netzwerk aufgebaut. Wenn du mal freundlich anfragen würdest, ob du dich mit denen vernetzen kannst, dann könnten die dir eine verdammt fette Reichweite für deinen Shop verschaffen. Solche Aktionen machen die ständig, einfach, weil sie können. Die verlangen dafür auch nichts. Die Schrauber-Werkstatt meiner Freundin haben sie auch wieder zum Laufen gebracht.«

Ich sah misstrauisch zu Sven auf. »Freundin im Sinne von Freundin oder …«

Sven seufzte tief. »Ich schlafe mit Nicki, wenn du es ganz genau wissen willst. Was aber nicht ausschließt, dass ich mir ihr befreundet bin. Und Annika auch. Die beiden sind so.«

Sven kreuzte die Finger und sah mich abwartend an. Ich bekam ganz kleine Schlitzaugen. »Anna und deine … Freundin sind … Freundinnen?«

Sven ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen und fuhr sich mit einem tiefen, resignierten Atemzug durch die blonden Haare. Ich hatte das Gefühl, ihm ziemlich auf die Nerven zu gehen, aber er gab mich wenigstens noch nicht ganz auf. »Djuna, du Krümelchen, das tut mir wahnsinnig leid, wenn ich jetzt ein bisschen genervt bin, aber wenn du so lebst wie wir, triffst du jeden Tag auf dieselben Vorurteile. Nicki und Annika sind Schlampen und John und ich sind notgeile Arschlöcher, die egoistisch rumvögeln. Ihr Monos bezieht einfach immer alles nur auf Sex!«

Ich schluckte. »Monos?«

Sven streckte seinen langen Beine aus und verschränkte seufzend die Arme. »Menschen wie du, die in monogamen Zweierbeziehungen leben, bis es irgendwann kracht und dann habt ihr den Salat. Ihr trennt euch, dann hasst ihr euch und dann fangt ihr die nächste Beziehung an und das Ende ist vorprogrammiert. Ihr riegelt eure Beziehungen hermetisch ab und lasst niemanden sonst in euer Leben, damit bloß keiner fremdgeht und dann wundert ihr euch, wenn ihr irgendwann total frustriert voneinander seid. Ich finde euren Lebensstil also auch nicht besonders prickelnd oder clever. Wir machen das eben anders, wir brechen Beziehungen nicht einfach ab, wir stehen zueinander. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. So, wie ich das sehe, kannst du es dir im Moment nicht leisten, Hilfe abzulehnen, weil du dich in einen Mann verknallt hast, der nicht deinen Moralvorstellungen entspricht. Das einsame Leben und die Arbeit hier können nämlich verdammt hart sein, wenn du schmollend in der Ecke hockst, weil John nicht gleich seine Lebensgefährtin fallen lässt, nur, weil ihr euch geküsst habt.«

Ich starrte Sven für einen Moment wütend an, dann hob ich die Eispackung auf und griff mir einen Lappen. »Danke für das Geld, ich geb es dir zurück, wenn ich es mir leisten kann. Aber ab jetzt komme ich alleine klar.«

Sven stand langsam auf und griff Annas Schal. »Denk mal drüber nach, wenn keiner guckt. Was ist dir wichtiger, Wärme oder Stolz?«

Ich wischte die Eispfütze vom Boden auf, um Sven nicht ansehen zu müssen, aber er schien das auch gar nicht mehr zu erwarten. Ich hörte, wie er die Haustür zu zog, dann war ich mit mir selber wieder allein. Ein gruseliges Gefühl. Ich konnte die Frau, die ich geworden war, immer weniger ausstehen. Ich war mal so ein offener und fröhlicher Mensch gewesen. Kai war mir immer viel zu spießig und moralinsauer gewesen. Und jetzt erkannte ich mich selbst kaum wieder.

Aber vielleicht ging es mir auch so mies, weil einfach alles schief lief und ich mich sogar von Essen aus einer orangen Kühltruhe ernährte, die aussah, als wäre sie seit dreißig Jahren nicht abgetaut worden! An dem Ding klebten ja sogar noch Pril-Blumen dran! Ich richtete mich schniefend auf und sah über die Tischkante.

Sven hatte mir tatsächlich Geld gegeben. Ich wusste nicht, ob ich mich wie eine Bettlerin fühlen oder einfach nur erleichtert sein sollte. Aber er hatte das so normal und ohne jede Überheblichkeit getan, dass mir das Gefühl in den Sinn kam, wie Kai sich immer angestellt hatte, wenn ich Haushaltsgeld gebraucht hatte. Dabei hatte er dreimal so viel verdient wie ich mit meinen Mini-Jobs.

Ich schnappte mir schnell den Schein, dann sackte ich wieder in mich zusammen. Sven war einfach nur nett gewesen. Und das, obwohl ich so ein ungewaschenes Ekel war. Garstig, fies und einfach … Djuna. Ich seufzte tief, dann rappelte ich mich auf, um mir etwas Vernünftiges zum Essen zu kaufen.

Und was ist deine Meinung?