Blogroman Kapitel 9

Johns Haustür wurde viel schneller geöffnet, als mir lieb war. Ich war noch gar nicht richtig mental vorbereitet. Aber das kam eben davon, wenn man loslief, bevor man mit dem Nachdenken fertig war. John sah mich erstaunt an, dann trat er zurück und fuhr sich über die Augen. »Okay. Also die Rede.«

Ich blieb wie angewurzelt auf der Fußmatte stehen und starrte auf die Bodenfliesen im Flur. »Welche Rede?«

John seufzte ergeben. »Die Rede, die ich mir schon mein ganzes Leben lang anhöre, weil ich Frauen enttäusche.«

Ich räusperte mich angespannt. Ich hatte tatsächlich so eine Art Rede vorbereitet, aber eine ganz andere. Ein kleiner Junge flitzte fröhlich quiekend in den Flur, blieb aber stehen, als er mich sah und musterte mich misstrauisch. Ich glaube, mein Blick war nicht weniger misstrauisch. Der winzige Kerl war das Ebenbild seines Vaters, nur trug er eine dieser Uniformen wie aus einer Raumschiff-Serie. Fast hätte ich gelacht. Der Anblick war einfach zu drollig. John atmete gereizt tief durch. »Kommst du endlich rein? Meinem Sohn wird kalt, wenn die Tür offen steht!«

Für einen Moment verspürte ich einen Fluchtimpuls, aber damit hatte ich mich schon einmal zum Deppen gemacht. Also trat ich mir die Stiefel ab und machte einen Schritt in den Flur. Anna tauchte hinter Johns kleinem Ableger auf, erfasste die peinliche Situation mit einem Blick und hob den Kleinen hoch. »Okay, Fähnrich O’Molloy, gehen wir dein Butterbrot replizieren?«

John senkte mit einem verschämten Blick den Kopf und musterte Anna aus den Augenwinkeln. Sein Blick war so sagenhaft verliebt und dankbar, dass sofort wieder Eifersucht in mir hochkochte. Der kleine Fähnrich war offenbar besitzergreifender als die Lebensgefährtin seines Vaters, er musterte mich immer noch mit einem bösen Blick. Anna rieb zart die Nasenspitze an der rosigen Marzipanwange des Kindes und flüsterte: »Wer von uns beiden darf in den Hochstuhl?«

Der Kleine tippte sich an die Brust und sagte: »Sicherheit? Eindringlingsalarm!«

Anna lachte sanft. »Das ist nur Djuna. Djuna gehört zu einer freundlichen Spezies und wir lassen den Papa jetzt eben mit ihr ins Wohnzimmer gehen, okay?«

Anna und John wechselten noch kurz einen Blick, dann trug Anna das Kind davon. Aber die sagenhaft grünen Augen des Kleinen verfolgten mich über Annas Schulter, bis sie ihn um die Ecke trug. John deutete einladend auf eine offen stehende Tür und lächelte entschuldigend. »Sean ist ein bisschen speziell.«

Erleichtert über das unverfängliche Thema trat ich in das warme Wohnzimmer. »Wie alt ist er?«

John schloss hinter uns die Tür und bot mir mit einer Handbewegung einen Platz an. »Zwei.«

Ich sah mich in dem großen bunten Raum um und setzte mich vorsichtig auf das alte Ledersofa vor dem Kaminofen. »Und ihr spielt mit ihm Star Wars?«

John setzte sich in einen abgewetzten Ohrensessel und hüstelte leicht pikiert. »Star Trek, nicht Star Wars. Das sind Welten.«

Ich nickte, als hätte ich den Sinn seiner Worte verstanden. »Aha.«

John lächelte. »Worte wie Subraumvakuole fallen Sean leichter als Worte wie Hallo. Er geht die Sache mit dem Sprechen lernen ein bisschen komplizierter an.«

Ich grinste angespannt und fühlte mich von innen an, als würde ich von außen aussehen wie ein aggressiver Schimpanse. »Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung von Kindern.«

John rieb sich die Augen, dann stützte er die Ellbogen auf den Knien ab und sah mich müde an. »Ist auch nicht so wichtig. Mein Familienleben interessiert dich wahrscheinlich nicht.«

Aus purer Nervosität fing ich an, die bunten Samtkissen auf dem Sofa zu ordnen. »Dass ich dich geküsst habe, das tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte, dass du eine Beziehung hast, hätte ich das nicht gemacht. Ich wollte nicht respektlos gegenüber Anna sein.«

John sah mich ruhig an. »Ist okay, Djuna.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ist es nicht. Ich hätte das nicht machen dürfen. Aber ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie ihr lebt.«

John lächelte mich melancholisch an. »Wir leben ein ganz normales Leben.«

Ich lachte verkrampft. »Kommt mir nicht so vor. Wenn ihr ein ganz normales Leben leben würdet, hätte Anna mir die Augen auskratzen müssen. Stattdessen war sie bei mir und ich hab ehrlich gesagt kein Wort von dem verstanden, was sie mir gesagt hat.«

John lachte leise und fuhr sich gefühlvoll durch die Haare, eine sagenhaft erotische Geste. »Ja, ich hab auch lange gebraucht, um Anna zu verstehen.«

Ich sammelte meinen ganzen Mut zusammen und setzte mich auf. »Stimmt es, dass du gerne ein Freund für mich wärst?«

John sah mich lange prüfend an, dann grinste er. »Freundschaft wäre okay.«

Ich legte den Kopf in den Nacken, strich mir über den Hals und murmelte: »Wäre okay.«

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wir auf Teufel komm raus flirten, aber das konnte und durfte doch gar nicht sein. John stand auf und setzte sich zu mir. Er fuhr sich nervös über die Augen, dann lächelte er wieder so umwerfend süß, dass mir ganz butterig wurde. Er warf mir einen scheuen Blick zu und sagte: »Ich kann mir nicht helfen, aber ich bin einfach rattenscharf auf dich!«

In meinem Kopf zündeten wilde Silvesterraketen. Dämlicherweise stellte ich fest: »Ich hab mir die Haare gewaschen.«

John lachte auf, aber dann wurde er ernst. »Ich kann dir einfach keine Exklusivrechte geben. Wenn du mich deswegen für ein Arschloch hältst, muss ich damit leben.«

Ich versank für einen Moment hilflos in seinem intensiven Blick, dann nörgelte ich: »Ich bin furchtbar eifersüchtig!«

John nickte langsam und flüsterte: »Ich weiß. Ich bin auch vor Eifersucht gestorben, als ich Anna kennengelernt habe. Guck dir Sven doch mal an!«

Ich knurrte: »Anna ist ja jetzt auch nicht gerade hässlich!«

John atmete tief durch und fuhr sich wieder so nachdenklich über die Augen. Diese für ihn so typische Geste machte mich schon wieder ganz schwach. Leise stellte er fest: »Ich dachte auch erst, dass Sven so ein Frauenschwarm ist, wäre das schlimmste, aber das war es gar nicht.«

Ich schluckte. »War es nicht?«

John schüttelte langsam den Kopf. »Nein, war es nicht. Das schlimmste war die Sicherheit, mit der die beiden zueinander stehen. Diese Verbindlichkeit, irgendwie haben die beiden eine Art von Treue, die ich noch nie erlebt hatte. Sie verlassen sich einfach nicht, egal, was passiert. Und ich hab wirklich versucht, Anna dazu zu bringen, dass sie ihn verlässt.«

Ich krächzte heiser: »Und was hast du dann dagegen gemacht? Gegen die Eifersucht?«

John sah mir intensiv in die Augen. »Ich weiß nicht genau. Irgendwann habe ich erkannt, dass ich eine Frau, die so ehrlich und auf ihre Art treu ist, nie so verlieren werde, wie ich andere Frauen immer verloren habe.«

Fasziniert rutschte ich hin und her. »Ach, und wie hast du andere Frauen verloren?«

John grinste schuldbewusst. »Ich hab sie früher oder später alle betrogen. Und wenn es rauskam, bin ich eben rausgeflogen. Ich hab mich mein Leben lang mies gefühlt, weil ich in Beziehungen der totale Vollversager bin. Ich hab regelrecht provoziert, dass Frauen mit mir Schluss machen, damit ich die Trennung mal wieder hinter mir habe und diese ganzen Ansprüche nicht mehr erfüllen musste.«

Ich blinzelte verwirrt. »Welche Ansprüche?«

John zuckte die Schultern. »Na ja, diese ganzen ich werde dich immer lieben Geschichten! Ich konnte mir selbst ja nicht trauen, ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich diese oder jene Frau immer lieben würde. Ich hatte auch nie das Gefühl geliebt zu werden. Nicht für das, was ich bin. Sondern nur für das, was ich tue oder nicht tue.«

Ich hüstelte seltsam gekünstelt. »Aber du hast gesagt, dass du Anna immer lieben würdest. Oder so was in der Art jedenfalls.«

John sah mich immer noch unverwandt an. »Weil meine Liebe zu Anna vollkommen anders ist als die zu anderen Frauen. Bei ihr kann ich sein, wie ich bin.«

Ich klang nörgelnder, als ich wollte. »Und das könntest du bei mir nicht.«

John lächelte wieder so melancholisch. »Ich hab keine Ahnung, was ich bei dir könnte. Vielleicht finden wir es raus. Aber ich kann mir vorstellen, wie dir das alles vorkommen muss. Ich hab wirklich, also wirklich wirklich, lange gebraucht, um mich auf Anna einzulassen. Und irgendwann hab ich gemerkt, dass ich mich noch nie im Leben so zu Hause gefühlt hab, wie bei ihr. Und bei Sven.«

Ich holte tief Luft, dann stellte ich leise fest: »Es geht dabei wirklich nicht um Sex.«

John lachte leise. »Mal ehrlich, Djuna, was ist Sex im Vergleich zu bedingungsloser Liebe und blindem Vertrauen?«

Ich merkte, dass ich wieder meine verkniffenen Froschlippen bekam. »Du willst also nur was fürs Bett.«

John sah mich lange ernst an, dann nickte er fast unmerklich und flüsterte sanft: »Freundschaft ist okay, Djuna.«

Ich stieß kopflos hervor: »Freundschaft reicht mir aber nicht!«, dann schlang ich ihm die Arme um den Hals und küsste ihn wieder. Diesmal brauchte er keine Zeit, um die Schrecksekunde zu überwinden. Er zog mich fest an sich und küsste mich voller Gefühl. Atemlos hauchte ich: »Wie kannst du mich so küssen, wenn du nicht in mich verliebt bist?«

Gefühlvoll murmelte er: »Wer sagt denn, dass ich nicht in dich verliebt bin?«

Ich riss die Augen auf und sah ihn an. »Wie kannst du in mich verliebt sein, wenn du Anna liebst?«

John küsste mich wieder so leidenschaftlich, dass ich mich fühlte wie ein Klecks Butter in der Pfanne. Er flüsterte: »Anna ist die Frau meines Lebens. Aber vielleicht bist du die Djuna meines Lebens!«

Ich schnappte nach Luft. »Aber ich kann dich nicht teilen!«

John stand ganz langsam auf, dann setzte er sich wieder in den Sessel. »Wie gesagt. Freundschaft wäre auch okay.«

Dass er so plötzlich weg war, fühlte sich an wie ein rasender Hunger in mir. Ich griff mir an die Schläfen und stöhnte: »Ich kapier das alles nicht!«

Die Wohnzimmertür ging auf und der kleine Astronaut kam mit einem bunten Buch unter dem Arm herein. Wer ihm die Tür geöffnet hatte, war mir nicht ganz klar, aber sie schloss sich leise wieder. Der Kleine warf mir wieder einen bösen Blick zu, dann kletterte er seinem Vater auf den Schoß. John half seinem Sohn, umarmte ihn liebevoll und strich ihm sanft über die dunklen Haare, dann stellte er fest: »Papa soll jetzt vorlesen.«

Der Kleine nickte bestimmt. John warf mir ein entschuldigendes Lächeln zu. »Ich muss jetzt kuscheln.«

Ich wimmerte frustriert. Ja, gekuschelt hätte ich jetzt auch gern. Aber nicht nur. Unruhig sprang ich auf. »Dann gehe ich jetzt wohl besser.«

John sah zu mir auf und nickte ganz langsam. »Ja, ist wohl besser.«

Ich strich mir fahrig die Haare hinters Ohr. »Ja, äh, also dann. Freunde!«

Ich hielt John pathetisch die Hand hin, als würde ich mich gerade aus einem Vorstellungsgespräch verabschieden. John grinste und schüttelte mir umständlich die Hand, dann stolperte ich kopflos aus dem Wohnzimmer in den kalten Flur. Anna war nirgendwo zu sehen und darüber war ich verdammt erleichtert. Plötzlich fühlte ich mich unglaublich mies, weil ich mit ihrem Freund rumgeknutscht hatte.

Ich zog die Haustür auf und trat ins Freie, dann lief ich los. Ich war so überdreht, ich hatte keine Ahnung, was ich fühlen oder denken sollte. In mir tanzten nur haufenweise bunte Hormone herum und ich war völlig verwirrt vor lauter Verliebtheit. In Johns Armen zu liegen, seine Küsse zu fühlen, war so sagenhaft lebendig, gefühlvoll und echt gewesen, als könnte das gar nicht anders sein.

Menschen wie John, Anna und Sven waren mir wirklich in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet und ich hatte keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Aber irgendwas in mir sagte, dass ich gar nicht mehr anders konnte, als mich auf dieses wilde Abenteuer einzulassen. Geliebt zu werden, wie man ist, kam mir unglaublich … schräg vor. Mir hatte noch nie jemand so wenig Sicherheit versprochen, wie John. Und trotzdem fühlte ich mich plötzlich sicherer, als ich mich bei Kai jemals gefühlt hatte.

Ich konnte richtig hören, wie Feli fragen würde, ob ich denn gar keinen Stolz habe, wie sie gegen John wettern und ihn schlechtmachen würde. Aber ich murmelte: »Die Djuna seines Lebens!«, dann lachte ich überdreht auf und rannte los, um meine Hühner zu füttern.

4 Gedanken zu „Blogroman Kapitel 9

    1. So klappt das Ende besser, oder? 🙂 Ich lass das jetzt noch ein paar Tage liegen, dann kommen noch ein paar bildhaftere Details und Witze und dann machen wir da ein eBook draus! 😀

  1. Sookie “dubissen echte heltin“ ;-), …danke für’s teilhaben an deinem live and unplugged schreiben. 🙂

    Dieser Spinn-off oder 4.5 Roman war Balsam für mein Leser Herz. Du hast das Talent deine Bücher so lebendig zu schreiben das bei mir im Hirn ein kleines Filmchen abläuft. Und das kann nicht jeder. …
    Die Idee mit 4.5 finde ich gut. Auch ich kenne das von anderen Autoren.

    Djuna löst bei mir gespaltene Gefühle aus. Auf der einen Seite ist sie mir sympathisch und auf der anderen Seite möchte ich das sie wieder von dannen zieht. Vielleicht löst sie so eine Art Gluggen-Verhalten John und Anna gegenüber bei mir aus und ich bin froh das bei John und Anna zur Zeit (fast) alles harmomisch läuft.
    Auf der anderen Seite wird ein bisschen “Sturm“ den Figuren gut tun und wir Leser bekommen wieder Stoff zum austauschen, grübeln, schmunzeln und herzhaftes lachen. Was einem beim lesen in der Öffentlichkeit oft seltsame Blicke einbringt. Ist mir aber Wurscht. 😀 …
    Im letzten Kapitel tat mir Djuna schon wieder leid mit ihrer Verwirrtheit. Es ist aber auch ein bisschen viel. Die Trennung von Kai, eine oberschlaue Schwester, ein Online-Shop der nicht so läuft , ein John , eine Anna, das Neuland Polyamorie und Menschen die einfach da sind und ohne zu zögern helfen. Da sollte Erklärbär Sven noch ein bisschen Aufklärungsarbeit leisten.

    Ich bin übrigens der gleichen oder selben (whatever) Meinung wie Joey. Lass die Beziehungsstatus-Romane als Zugpferd. Stolpert ein neuer Leser über Djuna, möchte er bestimmt wissen wie alles begann mit John, Anna, Sven und der Truppe im Kluntjehaus.
    Und ich bekenne mich zu einer letzten Seite-Krimi-Leserin Augenzuheb.

Und was ist deine Meinung?