BS 1, Kapitel 11: Glück auf, der Maler kommt!

Bauwagen, Roman, Polyamorie
John müsste man sein …

Sookie says: Aufmerksame Leser merken, dass der Anfang des Kapitels neu ist, aber ich hatte gerade so einen Lauf beim Überarbeiten …

Steffi beugte sich über Annas Schreibtisch und tippte wild auf den Laptop. »Da, siehst du das? Ein Pinselstrich und schon bekommt das Bild eine fantastische Tiefe, aber ich komme einfach nicht dahinter, wieso das bei dem funktioniert und bei mir nicht!«

Anna fummelte am Lautstärkeregler. »Ich hab keine Ahnung, wie du dich auf ein Mal-Tutorial konzentrieren kannst, wenn der Typ Russisch redet! Russisch!«

Steffi sah gebannt auf das Video und murmelte: »Wieso, was ist denn mit Russisch?«

Anna wühlte sich tief in die Kekstüte und winselte. »Ich bin eben Fremdsprachenfetischistin! Ich weiß, das ist paradoxer Rassismus, aber Männer mit Akzenten machen mich total schwach!«

Steffi kicherte. »Paradoxer Rassismus! Hast du den Ausdruck gerade erfunden?«

Anna hob lauschend den Kopf. »Hörst du das?«

Steffi hielt das Video an und zuckte die Schultern. »Klingt wie ein Trecker.«

Anna legte sich die Hand aufs Herz und hauchte: »Ein Trecker!«

Steffi klappte den Laptop zu und sah sie mitleidig an. »Ich weiß ja, dass du aus der Stadt kommst, aber wenn du hier jedes Mal, wenn du einen Trecker hörst, in Verzückung ausbrichst, wird das nicht irgendwann anstrengend?«

Anna lachte übermütig. »Hallo? Trecker? Heute ist Samstag! Glaubst du, dass unser New Yorker Wunderkind seine Bauwagen mit dem Fahrrad hierherzieht?«

Steffi wurde blass. »Oh Gott, heute ist Samstag! Ich dachte, das wäre morgen!«

Anna schüttelte ganz langsam den Kopf. Steffi schnappte nach Luft. »Oh Gott, oh mein Gott! Der neue Mitbewohner kommt heute! Was soll ich denn machen, wenn der meine Bilder sehen oder mit mir über Maltechniken reden will? Da versinke ich ja im Boden!«

Anna tätschelte Steffi beruhigend den Arm und steckte ihr einen Keks in den Mund, dann rief sie auf ein Klopfen: »Ist offen!«

Dieses »Ist offen!« hatte sich im Haus ganz schnell eingebürgert, wenn jemand an eine Tür klopfte, um seine Nachbarn zu besuchen. Aber der gesellige Höhepunkt des Tages war und blieb die Teezeremonie.

Eugen steckte den Kopf durch die Tür, schüchtern wie immer. »Ach, hier seid ihr! Äh, ich will euch nicht stören, aber ich dachte, ihr hättet vielleicht Lust, John zu begrüßen. Und dann wird es auch schon Zeit für den Tee.«

Steffi machte einen nervösen Hüpfer, während Anna langsam aufstand und sich seelenruhig die Krümel von der Jacke wischte. »Wir kommen sofort!«

Eugen lächelte glücklich. »Holt euch Gummistiefel aus dem Hauswirtschaftsraum, der ganze Hof ist heute wieder eine einzige Schlammwüste!«

Steffi und Anna tauschten kurz noch einen Blick, dann stürmten sie aus dem Zimmer. In der Waschküche fanden sie aufgereiht wie Soldaten bunte Gummistiefel in allen Größen, die Tante Gesa sicher für ihre Gäste parat gehalten hatte.

Als Anna schon ihre Schuhe von den Füßen schoss, griff Steffi kurz ihren Arm. »Kannst du mir ein Paar Stiefel geben, es einmal auf den Kopf stellen und schütteln? Ich weiß nicht warum, aber ich hab immer panische Angst, dass da eine Spinne drin sitzen könnte!«

»Kein Problem, welche Größe?« Anna suchte ein Paar, das Steffi passen könnte, schüttelte es wie eine Ketchup-Flasche und blickte dann noch in den Stiefelschaft wie in den Lauf einer frisch geputzten Schrotflinte. »Alles klar, du bist safe!«

Seltsamerweise lenkte Steffis Angst vor Spinnen sie von ihrer eigenen Angst ab, diesem mysteriösen John persönlich gegenüberzutreten.

»Danke«, murmelte Steffi und bückte sich, um ihre Schuhe auszuziehen. »Sag mal, wer ist dieser John überhaupt genau? Ich weiß nur, dass er Maler ist.«

Anna hing nun mit dem Kopf nach unten und versuchte auf einem Bein hüpfend, den ersten Gummistiefel anzuziehen. So beiläufig wie möglich erklärte sie: »Irgend so ein Ire, der international verkauft. John O’Molloy. Steht auch überall im Internet.«

Steffi schnappte nach Luft und griff sich an die Kehle wie ein Mordopfer im Krimi, bei dem jetzt das Gift wirkt. Ihre Stimme kiekste. »Oh mein Gott! John O’Molloy? Der John O’Molloy?«

Anna richtete sich auf und sah Steffi erstaunt an. Anscheinend war sie nicht die einzige Frau, der dieser Mann nicht geheuer war. Sie legte stützend den Arm an Steffis Schulter. »Alles in Ordnung?«

Steffi blickte sie aus tellergroßen Augen an wie ein hypnotisiertes Kaninchen. »Der Mann ist ein internationaler Star! Hast du eine Ahnung, wo der überall ausstellt? Der ist erst Anfang 30 und hängt schon im MoMA! Was will der denn hier in Ostfriesland? Wenn der meine dilettantischen Skizzen sieht, muss ich vor Scham sterben!«

Anna stutzte kurz, dann schaltete sie. Sie streckte die Hand aus. »Gib mir deinen inneren Kritiker, los!«

Steffi sah sie verständnislos an, dann schloss sie die Augen. »Geht nicht, er sitzt fest!« Plötzlich lachte sie. »Du hast recht. Ich mache mich gerade selber fertig!«

Anna nickte ernst. »Deine Gedanken sind nicht die Realität. Und es gibt etwas, was du garantiert viel besser kannst, als dieser John.«

Zweifelnd fragte Steffi: »Und was ist das?«

Anna grinste. »Steffi sein!«

Als die Frauen auf den Hof traten, umrundeten gerade zwei Trecker, die aussahen, als wären sie reif fürs Landmaschinenmuseum, das Haus und rumpelten mit zwei riesigen Bauwagen im Schlepptau auf die Obstwiese. Steffi musste lachen. »Oh, mein Gott, ich fühl mich wie als Kind, wenn der Zirkus in die Stadt kam! Ist das aufregend!«

Keno sprang die Fahrer dramatisch einweisend und mit den Armen fuchtelnd hin und her. »Vorsicht, der Baum! Links einschlagen! Weiter, weiter …«

Eugen, der seinen eigenen weisen Rat, Gummistiefel anzuziehen, in der Aufregung natürlich nicht befolgt hatte, hatte sich mit seinen Halbschuhen auf eine Grasnarbe gerettet und beschirmte die Augen mit der Hand, obwohl die Sonne hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden war.

Anna stapfte los und stellte erstaunt fest, wie schwierig es war, in Gummistiefeln zu laufen. Seit ihrer Kindheit hatte sie diese seltsam schmatzende Fußbekleidung, die sich in Schlammlöchern festsaugte wie ein Klopümpel, nicht mehr getragen.

Sie hielt an, als sie Steffi erschreckt quieken hörte. Steffi war mit dem Stiefel in einem braunen Matschloch stecken geblieben und ruderte hilflos mit den Armen. Anna drehte um, packte Steffis Fuß, als wollte sie einem Pferd den Huf auskratzen, und lachte gegen den Wind an. »Ich glaube, für das wahre Landleben müssen wir beide noch ein bisschen üben!«

Als Steffis Fuß befreit war, stützten die beiden sich aufeinander und beobachteten das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung. Anna kam sich so dämlich vor als Zaungast, sie wäre am liebsten zurückgelaufen ins Haus.

Die Treckerfahrer waren jetzt abgestiegen und das große Händeschütteln ging los. Eugen arbeitete sich auf Zehenspitzen durch die nasse Wiese, um John und seinen Helfer zu begrüßen.

Steffi krallte sich in Annas Arm und flüsterte gebannt: »Oh, mein Gott, der ist das wirklich! Da, rechts, der mit den dunklen Haaren!«

Anna blinzelte. Beide Männer waren mittelgroß und schlank und sahen aus, wie Landarbeiter in Niedersachsen eben aussehen. Beide trugen mit Schlamm bespritzte Arbeitshosen und Arbeitsjacken und sahen irgendwie aus, als könnten Wind, Regen und Nebel ihnen überhaupt nichts anhaben. Anna seufzte innerlich. »Wieso können die in Gummistiefeln laufen wie Westernhelden?«

Steffi quiekte mit brüchiger Stimme: »Jahrelange Übung?«

Anna neigte den Kopf. »Im Kunstatelier?«

Steffi lachte, dann erstarrte sie. »Oh, mein Gott, sie kommen rüber!«

Die vier Männer kamen jetzt, schon in ein Gespräch vertieft wie alte Freunde, auf die beiden zu. Eugen strahlte und präsentierte stolz seine Mitbewohnerinnen, als hätte er sie selbst erschaffen. »Das sind Anna und Steffi! Anna ist unsere Autorin und Steffi malt ebenfalls, ihr habt euch sicher viel zu erzählen!«

Anna spürte wie durch einen Nebel, wie Steffi neben ihr kurz die Knie einsanken.
Eugen deutete jetzt wie ein Rheumadeckenverkäufer auf einer Butterfahrt stolz auf die Männer. »Das sind John und sein Freund Rafael.«

Anna atmete innerlich auf, sein Freund Rafael, ihr Keuschheitsgelübde war also nicht in Gefahr. Deshalb hatte sie im Internet keinen Fitzel über das Privatleben des berühmten Künstlers gefunden, aber ein Künstler aus New York konnte ja auch nur schwul sein!

Rafael drückte jetzt Steffi und Anna herzhaft aber kurz die Hand, John schüttelte mit einem kurzen Lächeln Steffi die Hand, aber als Anna ihm die Hand hinhielt, verhakte er seinen Daumen in ihren, schloss die Finger um ihr Handgelenk und zog sie mit einem kurzen Ruck näher zu sich heran. Dann ließ er sie genau so ruckartig wieder los.

Anna legte ihre Hand irritiert auf den Rücken, aber John ging leicht in die Knie, fing ihren Blick ein und hielt ihn mit seinen Augen fest. »Du hast tatsächlich genau dieselbe Augenfarbe wie ich, hab ich noch nie gesehen. Jetzt verstehe ich endlich die Faszination!«

Anna sah ihn einfach nur an, als wollte sie sagen: »Sehr originell!«

John trat verlegen zurück und wischte sich übers Gesicht. Frag sie noch, ob sie schon gehört hat, dass Polen und Indianer die besten Liebhaber sind und stell dich als Winnetou Kowalski vor, du Idiot!

Eugen schien Johns abgenudelter Anmachspruch über schöne Augen gar nicht aufgefallen zu sein, er erklärte stolz: »Johns geübtes Malerauge ist mir auch schon aufgefallen. Dem entgeht nichts!«

Erleichtert über die Ablenkung wandte John sich an Eugen. »Hattest du nicht was von Tee gesagt?«

Eugen strahlte. »Aber sicher! Wir wollten gerade anfangen. Und ihr müsst ja ganz erschöpft sein von der langen Anfahrt!«

*

Irgendetwas sagte John, dass er jetzt weglaufen und nie wieder kommen sollte, aber Eugen flatterte durch die Küche wie ein aufgeregtes Huhn und legte weitere Gedecke auf, während Rafael sich schon zufrieden die Hände reibend an den großen, gemütlichen Küchentisch setzte. Die kleine Blonde, Steffi?, zog sogar um auf die andere Seite des Tisches, damit John neben Rafael sitzen konnte.

Steffi setzte sich neben das Weltwunder. John ließ sich hilflos auf den letzten freien Platz sinken und spürte, dass er diesem Fabelwesen mit der unfassbar niedlichen Stupsnase, den sinnlichen Lippen und den atemberaubendsten Haaren, die er jemals gesehen hatte, seinen liebeshungrigsten »Ich bin zu schüchtern, um dich anzusprechen, aber ich möchte, dass du es tust!«-Blick zuwarf.

Aber diese zarte und garantiert knallharte Elfe schien ihn gar nicht zu bemerken. Stattdessen schob sie Kekskrümel auf ihrem Teller hin und her, als würde sie gerade neue Sternbilder erschaffen und lauschte nur still auf das Gespräch. John wandte gehetzt den Blick ab, musste aber sofort wieder hinsehen. Vor seinem inneren Auge drückte er genau die Farben auf die Palette, die er brauchen würde, um diese irren Haare zu malen. Zimt, Kastanie, je nach Lichteinfall Umbra und Sienna gebrannt und überhaupt, durfte es solche Frauen geben? Nein. Sie bräuchte einen Hintergrund aus tief dunkelbunten Grüntönen, so würde es aussehen, als würde sie aus einem mystischen Meer …

»Und wie lange seid ihr schon zusammen?«

Was? Wer? John runzelte die Stirn. Die kleine Blonde mit den niedlichen haselnussbraunen Knopfaugen sah gespannt von Rafael zu ihm und von ihm zu Rafael. Plötzlich lachte John los. »Wir sind doch nicht zusammen! Der ist doch gar nicht mein Typ!«

Rafael wurde rot, verschränkte aber trotzdem beleidigt die Arme. »Also, ein bisschen charmanter könntest du schon sein, John!«

John dankte Eugen mit einem Nicken für den dampfenden Tee und murmelte dann: »Der einzige Mann, für den ich jemals schwach geworden bin, sah aus wie Kurt Cobain!« Er seufzte schwermütig. »Blonde Musiker machen mich irgendwie immer so melancholisch!«

Steffi lief knallrot an und schlug sich die Hände vors Gesicht. »Oh, sorry, ich hatte das so verstanden, dass ihr ein Paar seid! Mein Gott, ist das peinlich! Da will ich mich einmal weltoffen und tolerant zeigen und dann lande ich mitten im Fettnapf!«

Rafael schien Steffi gar nicht gehört zu haben und warf John einen strafenden Blick zu. »Dich machen auch Blinddarmoperationen melancholisch!«

John sah, wie über das Gesicht der scheuen Krümelschubserin ein Lächeln huschte und sofort wieder verschwand. Er räusperte sich und wandte sich an Rafael. »Natürlich machen Blinddarmoperationen mich melancholisch! Weißt du noch, wie Insa den Blinddarm rausgekriegt hat? Damals hab ich mich zum ersten Mal künstlerisch mit dem Thema Tod auseinandergesetzt!«

Rafael warf ihm einen strafenden Blick zu. »John, du hast Insa deinen Blinddarm als Spenderblinddarm angeboten!«

Johns neue Mitbewohner prusteten los. Musste Rafael eigentlich immer so peinlich auf alten Geschichten rumreiten? Um irgendwie seine Ehre zu retten, murmelte John schuldbewusst. »Trotzdem, ich hab das Bild gemalt!«

Rafael biss in ein Kuchenstück und lachte dabei spöttisch. »Du hast einen Alien mit sieben Köpfen am Stiel gemalt und einer Sprechblase, in der stand: Wer jetzt spricht, möge für immer schweigen!«

John fuhr sich verlegen über die Augen. »Ja, eben!«

Die kleine Blonde lachte fröhlich. »Hast du das Bild noch? Das würde ich gerne mal sehen!«

Die stille Autorin hob den Blick und sah John an. »Wieso sieben?«

John blinzelte. »Sieben was?«

»Sieben Köpfe am Stiel.«

John stammelte: »Weil, weil, weil der Elfenstern sieben Spitzen hat.«

Rafael stöhnte neben ihm und grinste in die Runde. »Ihr müsst verzeihen, John ist nie ganz darüber hinweggekommen, dass er eigentlich ein großer, blonder Ostfriese ist, aber die Elfen haben den echten John aus der Wiege gestohlen und ein Wechselbalg dagelassen.«

Anna hob wieder den Blick und sah John intensiv an. Er schluckte. Das war das grünste Grün, das er jemals … das war genau das Grün, das er sah, wenn er in den Spiegel blickte. Sie sagte leise: »Du bist ein Changeling.«

John war sich nicht sicher, ob es eine Frage war oder eine Feststellung, aber er hustete einen Frosch aus dem Hals und nickte dann stumm. Es wurde plötzlich still am Tisch, dann kam aus der Hosentasche der Elfe ein warmer Gitarrenakkord. Sie griff sich noch ein Kuchenstück, dann stand sie langsam auf, zog ein Handy aus der Tasche und murmelte: »Sorry.«

John beobachtete, wie die Elfe aus der Küche schlenderte, dabei abhob und sagte: »Ich esse Kuchen wie ein Mann, Hugo!«

John zog die Stirn kraus. Wer war Hugo? Hieß der König der Elfen nicht Oberon? Eugen wandte sich an John und haspelte hervor: »Anna und ihr Freund führen eine Telefonbeziehung! Normalerweise ruft er erst nach dem Tee an, aber heute haben wir ja Verspätung!«

John fragte sich: »Wieso erzählt der mir das?« und spürte, dass er rot wurde, ohne zu wissen, wieso. Er sah verwirrt auf die jetzt einsame Tür, durch die dieses Wunderwesen verschwunden war. Aber die Elfe war und blieb entschwunden. John schüttelte sich verwirrt, dann biss er in seinen Kuchen.

Und was ist deine Meinung?