BS 1, Kapitel 15: Eugen befragt das Jenseits und schmiedet einen Plan

Eugen blickte verstohlen hinter dem Rüschengardinchen seines Zimmers in den Garten. Er sah gerade noch, wie Steffi in Johns Atelierwagen verschwand. Unten hörte er eine Tür klappern und aus Kenos Zimmer drangen leise Gitarrenakkorde.
Zwei Wochen war es jetzt her, dass Keno eingezogen war und dann waren sie nach und nach ins Haus gekleckert wie Honig. Und oft hatte Eugen das Gefühl, ein Wetterhäuschen zu beobachten. Manchmal kam die Sonnenfrau aus dieser Tür, manchmal ging der Regenmann in diese.

Man wusste nie, was als nächstes passieren würde und auch nicht, was man verpasste, wenn man mal nicht hinsah. Es war wie eine Sucht. Ständig hatte er Angst, etwas zu verpassen, wusste aber nie, was innerhalb des Wetterhäuschens vor sich ging. Trafen sie sich da drinnen? Über was redeten sie? Wirklich nur über das Wetter? Oder nur über ihre Arbeit? Oder auch über die Liebe, das Leben, den Tod?

Eugen trat zurück, setzte sich aufs Bett und griff nach dem Foto von Tante Gesa auf seinem Nachttisch, dem er jeden Abend Bericht erstattete. Er kam sich oft albern dabei vor, aber es tat ihm gut und half ihm, seine Gedanken zu ordnen. Außerdem hatte er Gesa oft so mit dem Foto ihres zu früh verstorbenen Mannes sprechen sehen, also ging das sicher in Ordnung so.

»Ach, Gesa. Ich weiß, es ist noch viel zu früh für unsere Abendunterhaltung, aber ich hoffe, du hast da oben im Himmel trotzdem gerade ein bisschen Zeit für mich. Ich weiß auch gar nicht, was eigentlich los ist, aber irgendwie bin ich … unruhig, verstehst du? Vielleicht hab ich zu viel erwartet, aber ich fühl mich so … wie soll ich das bloß ausdrücken? Jetzt sind schon vier Künstler eingezogen, ich hab dir ja von ihnen erzählt, und sie sind alle so nett und gut gelaunt und freundlich, aber«, er lachte kurz verlegen auf, »ich glaube, mir war vorher nie bewusst, wie hart Künstler arbeiten! Alle sind den ganzen Tag so beschäftigt, dass ich sie oft vor dem Tee gar nicht sehe. Oder sie huschen nur an mir vorbei auf der Suche nach einem Butterbrot und verschwinden sofort wieder zu ihrer Arbeit! Und ich – Gesa, es ist ein furchtbar gruseliges Gefühl, das zu sagen, aber ich fühl mich, als wäre ich meine eigene Mutter. Ich kaufe ein, halte das Haus in Ordnung und serviere den Tee. Ich bin eine Hausfrau!«

Deprimiert stellte er Gesa liebevoll wieder ab und stützte dann den Kopf in die Hände. »Um ehrlich zu sein, ich fühle mich wieder so ähnlich wie damals in der Schule, nur, dass die anderen mich nicht schubsen und mir die Sachen wegnehmen. Aber ich hab das Gefühl, einfach nicht dazu zu gehören.«

Jetzt war es raus. Eugen fühlte sich einsam. Jetzt, wo er das Gefühl hatte, dass das wahre Leben direkt vor seiner Nase, in seinem eigenen Haus stattfand, fühlte er sich noch einsamer, als in seinem alten Kinderzimmer bei Mama. Er seufzte tief, dann lachte er verwirrt. »Um ehrlich zu sein, ich frage mich, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe! Sie reden immer über so viele verschiedene Dinge, über Bücher, Musik, Filme, Künstler, Philosophie! Und ihre ganze Lebenserfahrung! Wo die schon überall waren und wen sie alles getroffen haben! Was für Projekte sie schon gemacht haben! Und ich sitze da am Tisch und hab nichts zu erzählen, aber ich bin süchtig nach den ganzen Geschichten, nach den Witzen, die sie machen und den ganzen Ideen, die sie haben!«

Er blickte Gesa an. Sie lächelte ihr optimistisches Lächeln und wartete geduldig ab, welche Lösung Eugen für sein Problem finden würde. Unbeholfen fuhr er mit dem Finger über ihren Rahmen. »Wenn du bloß noch hier wärst! Was würdest du mir raten?«

Mit in sich gekehrtem Blick lauschte er auf das, was er selbst eigentlich schon wusste. »Ich weiß ja. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten kommen. Oder umgekehrt. Ist ja auch egal. Aber dir ist es immer leicht gefallen, auf Menschen zuzugehen und Freunde zu finden. Ich hab immer Angst, mich aufzudrängen. Und morgen kommt auch noch ein junger Autor, wir haben ja noch ein paar Zimmer frei. Stell dir vor, er ist 23 und hat schon einen Bestseller geschrieben! Wenn der dann auch noch so mit Anna über das Schreiben fachsimpelt wie John und Steffi über Malerei, bin ich hier komplett das fünfte Rad am Wagen …«

Eugen stand unruhig auf und warf wieder einen Blick aus dem Fenster. Draußen war alles ruhig. Nur Kenos Musik war leise zu hören. Er brach immer wieder ab und begann, das Stück von vorn zu spielen, in verschiedenen Variationen, und das mit einer Geduld und Leidenschaft, um die Eugen ihn beneidete. Keno hatte wenigstens seine Musik.
Als Eugen sich wieder zu Gesa umdrehte, hatte er eine Idee.

*

Als Eugens Künstler heute zum Tee eintrudelten, standen auf ihren Tellern hübsche Kärtchen. Anna entdeckte sie als Erste. »Was ist das?«

Eugen murmelte nur verlegen: »Lies es!«
Anna klappte die Karte auf, während auch die anderen jetzt danach griffen. Steffi fragte erfreut: »Eine Einladung?«

Eugen nickte. »Heute wird am frühen Abend noch ein weiterer Mitbewohner zu uns kommen und ich dachte, das ist doch die Gelegenheit, ein bisschen zu feiern, dass ihr alle da seid. Ihr arbeitet alle immer so viel, dass ich dachte, ihr freut euch vielleicht über eine kleine Party …«

John lächelte leise. »Cool! Wie wäre es, wenn die Damen in Abendgarderobe erscheinen? Ich trag dann auch meine Ausgeh-Uniform!«

Steffi verschluckte sich an ihrem Tee und prustete: »Du hast eine Uniform?«
John sah sie verschämt an. »Steffi, jetzt erzähl mir nicht, dass du mich nicht im Internet recherchiert hast!«

Steffi grinste: »Ich geb zu, ich würde dich schon gern mal als Salonlöwen sehen!«
John brummte leise. »Das wollen sie alle.«

Anna beugte sich zu Keno. »Gibst du uns dann auch die Ehre und erscheinst im Las Vegas Outfit?«

Keno kniff die Augen zu und raunte: »If you’re looking for trouble, you came to the right place!«, dann schlug er sich lachend auf die Schenkel. »Glaubst du, das lass ich mir entgehen?«

Anna rührte in ihrer Tasse und murmelte: »Ich hätte nie gedacht, dass ich in Ostfriesland mal Gelegenheit bekomme, meine schwarzen Pumps auszuführen. Dabei hatte ich mich gerade an die Gummistiefel gewöhnt!«

Steffi schlug jetzt quietschend wie ein Teenager die Hände vors Gesicht. »Oh mein Gott, ich hab nichts anzuziehen!«

John sah sie ernst an: »Steffi! Noch bevor du den Stil für deine Bilder findest, musst du den Stil für deine Klamotten finden! Denn Menschen kaufen keine Bilder, sie kaufen ein Image zum an die Wand hängen! Das ist das Erste, was du im Kunstmarketing lernen musst!«

Steffi sackte in sich zusammen, machte ein lustiges Gesicht wie ein gescholtenes Kind und blickte mit großen Kulleraugen zu John auf. »Ja, Meister!«

Und was ist deine Meinung?