BS 1, Kapitel 16: Schaulaufen in reizenden Kostümen

Eugen rückte noch einmal die Platten zurecht, die er in der Upkammer zu einem kleinen Buffet aufgebaut hatte, und drehte die Champagnerflasche im Sektkühler. Dann legte er prüfend die Hand an die Weinflaschen.

Der Rotwein war nicht zu kalt, der Weißwein nicht zu warm. Sehr gut. Bevor er die festlichen Kerzen in den Fensternischen anzündete, schürte er noch einmal das Feuer im Kaminofen.

Hoffentlich würde Lothar, der Bestsellerautor, der vor einer Stunde angekommen war, nicht zu lange brauchen, um sich frisch zu machen und auszupacken. Eugen blickte auf die Uhr. Die Party sollte um 20 Uhr beginnen, jetzt war es zehn vor. Eugen fragte sich nervös, ob Künstler vielleicht aus Prinzip zwei Stunden zu spät zu Partys erschienen. Bis dahin wäre der Sekt warm und die Salate, die er schon vor Stunden vorbereitet hatte, wären zusammengefallen. Aber dem Gepolter im Flur nach brauchte er nichts zu befürchten.
Die Tür flog auf und Keno trat auf. Erst erschien das paillettenbestickte Bein seiner Schlaghose, dann die funkelnde Gürtelschnalle, dann der King selbst. Seine Tolle glänzte im Schein der Kerzen und in der Hand hielt er eine Gitarre. Und heute trug er sogar ein weiß glänzendes Polyestercape mit Stehkragen und eine dazu passende reich bestickte Schärpe.

Mit einer großen Geste zeigte er auf Eugen und sagte: »Yeah!«, dann ließ er sich auf ein Sofa plumpsen, nahm die Gitarre auf den Schoß und rieb sich die Hände. »Ich kann’s gar nicht abwarten, die aufgebrezelten Mädels zu sehen!«

Seine Gebete wurden erhört. Die Tür ging auf und Keno hielt gebannt den Atem an. Steffi trat scheu wie immer durch die Tür und lächelte entschuldigend. Statt der erwarteten Abendgarderobe trug sie ein vor Farbklecksen strotzendes Top unter einer viel zu großen, alten Latzhose. Ihre Zöpfchen waren zu flauschigen Büscheln toupiert und mit einem bunt geblümten Kopftuch gebändigt. Ihre Füße steckten ohne Socken in ausgefransten Stoffturnschuhen, der eine grün, der andere rot.

Keno starrte sie ausdruckslos an, als Steffi einen Satz nach vorne machte, um nicht die Tür in den Rücken zu bekommen. Keno reckte erwartungsvoll den Hals und machte ein enttäuschtes Gesicht, als Johns Freund Rafael eintrat.

Eugen lief ihm strahlend entgegen und begrüßte ihn mit Handschlag. »Rafael, wie toll, dass du so kurzfristig kommen konntest!«

Keno fragte sich gerade unsicher, was der Ausdruck auf Steffis Gesicht wohl bedeuten mochte, als John hinter Rafael eintrat. Er entdeckte Steffi, ließ dieses umwerfende Lächeln seiner Augen aufblitzen, drückte sie dann spontan an sich und hob sie hoch. »Steffi, das ist es! Perfekt!«

Steffi versteckte dankbar das Gesicht an Johns Hals und atmete kurz den schon vertrauten Geruch nach Ölfarben, Holzfeuer und frischer Luft ein, der John immer umwehte.

John setzte sie vorsichtig ab und schob sie auf Armeslänge von sich. »Das ist wirklich die geilste Künstleruniform, die du tragen kannst! Du siehst aus wie die Essenz deiner Bilder!«
Steffi fuhr bewundernd mit den Fingerspitzen über seinen lässigen schwarzen Wildseidenanzug und ordnete dann seinen weißen Hemdkragen wie eine Ehefrau. »Wow, deine Uniform sieht aber auch umwerfend aus, richtig charismatisch!«

Keno legte jetzt den Kopf schief und betrachtete Steffi mit anderen Augen. War sie das? Die wahre, die echte, die unverfälschte Steffi? Mit der aufgekrempelten Latzhose und dem Kopftuch sah sie irgendwie nach Weltwirtschaftskrise, Baumwollfeldern und flimmernder Sonne aus. Steffi sah aus wie Memphis. Keno seufzte versunken, als Rafael sich neben ihm auf dem Sofa niederließ.

Rafael bewunderte ihn anerkennend. »Cool! Kann man dich eigentlich buchen?«

Keno schüttelte sich kurz, dann schaltete er um auf den Geschäftsmann. »Klar!« Er fummelte eine Visitenkarte aus der Tasche seines mit Fransen besetzten Hemdes.

*

Anna schritt mit dem geschmeidigen Gang einer Katze über den dämmerigen Flur. Sie liebte diese Schuhe. Immer, wenn sie in ihre Tangoschuhe schlüpfte, verwandelte sie sich in eine andere Frau und bekam den Hüftschwung einer Filmdiva aus längst vergangenen Zeiten.

Trotzdem lehnte sie sich jetzt mit einem erschöpften Schnaufen an die Wand. Sie schloss die Augen und kämpfte den Impuls nieder, schnell zurück zu rennen in ihr Zimmer, um die ungewaschene Jeans vom Boden zu reißen und hineinzuspringen. Vielleicht war das elegante Tanzkleid aus dunkelgrüner Seide einfach zu viel. Wenn man Aufsehen erregen und auf die Tanzfläche geholt werden wollte, war es ja perfekt. Aber Anna wollte doch gar kein Aufsehen erregen. Und eine Tanzfläche gab es schließlich auch nicht, geschweige denn einen Tänzer. Das hier war eine kleine ostfriesische Hausparty, keine Milonga.

Anna holte tief Luft und blickte an sich herab. Sie strich sich über die hautenge Taille des Kleides und zupfte die Träger ihres Push-ups zurecht. Der Stoff umschmeichelte sie sinnlich, als sie unter dem schwingenden Rock ihr schwarzes Seidenbein streckte und bewundernd hin und her drehte. Mein Gott, war das schön, sich mal wieder als Frau zu fühlen. Dann nickte sie zufrieden und flüsterte: »Wir nehmen die Jeans.«

Als sie sich von der Wand abstieß, um zurück in ihr Zimmer zu laufen, prallte sie mit einem Mann zusammen. Vielleicht war es auch ein Junge. Er sah jedenfalls so aus. Er trug eine Skinnyjeans, ein langes T-Shirt mit irgend einem coolen Aufdruck und eine dieser Beanie-Mützen für den netten Hipster von nebenan.

Er sah nicht aus, als ob er sich schon rasieren müsste. Er wirkte weniger wie ein Bestsellerautor, sondern eher wie ein Teenager, der Youtube-Star werden möchte und dessen bisheriges Lebenswerk darin bestand, stündlich ein Selfie zu posten. Aber er hatte garantiert auch eine andere Zielgruppe als Anna.

Anna zwang sich, zu lächeln. »Du musst Lothar sein! Woher wusstest du, dass wir heute ein Schaulaufen in Uniform machen?«

Lothar sah sie nur verzückt grinsend an, dann sagte er gedehnt: »Alter, du bist echt retro!«, und fasste ihr um die Taille wie ein Kind im Süßigkeitenladen, das nach dem buntesten Lollie greift. Anna verlagerte seelenruhig das Gewicht von einem Bein aufs andere und sah Lothar tief in die Augen. Mit einem Tonfall, den Clint Eastwood in seinen besten Tagen nicht besser hinbekommen hätte, raunte sie tonlos: »Pass auf, Kleiner. Vielleicht hat es dir noch niemand erklärt, aber fass nie, wirklich nie eine Dame an, wenn sie dich nicht ausdrücklich dazu eingeladen hat.«

Lothar riss demonstrativ die Hände hoch und lachte wie ein kleiner Junge. Na, klasse, das war also seine Masche. Den Typ kannte Anna. Sie war entschlossen, diesen Bengel nicht zu mögen, aber irgendwie war er auf eine so unbeschwerte Art niedlich, dass sie nicht anders konnte. Es war so eine Art unschuldige Liebe auf den ersten Blick. Anna scannte kurz ihr Gefühl. Ja, zum letzten Mal hatte sie sich wohl so unschuldig für einen »Jungen« interessiert, als sie aufs Gymnasium gekommen war und Ole Fleischsaft süß fand. Heute würde sie sich wahrscheinlich nicht mehr in jemanden verlieben, der »Fleischsaft« hieß, aber damals hatte Ole sie fasziniert, er hatte so süße Grübchen gehabt. Sven hatte damals drei Wochen lang kein Wort mehr mit ihr geredet. Das waren die schlimmsten drei Wochen ihres Lebens gewesen.

Lothar rief jetzt wie eine Zeichentrickfigur: »Huhuhuhuuuu! Ich wusste ja nicht, dass du eine Dame bist!«

Anna ließ mit einem Seufzen die Augen zur Decke rollen, dann sagte sie trocken: »Geh doch schon vor in den Salon, ich möchte mir noch die Nase pudern.«

Damit stöckelte sie lasziv zurück in ihr Zimmer. In ihrem Reich sicher angekommen, ließ sie sich aufs Bett fallen. »Oh nee, was war das denn jetzt? Die Jeans kann ich jetzt natürlich vergessen!«

Dann sprang sie wieder auf und stellte sich vor den Spiegel. Sie wusste natürlich, dass sie das war und wenn sie ihre chronischen Selbstzweifel einfach mal ausschaltete, fand sie sich selbst wunderschön. Atemberaubend.

Sie nahm Haltung an, drehte sich ein wenig, dann zog sie ihren Lippenstift aus der Kleinkramschublade im Schreibtisch. Ein tiefdunkles Filmdivenrot. Aber bevor sie sich die Lippen schminkte, hielt sie kurz inne, dann warf sie den Lippenstift zurück in die Schublade. Ungeschminkt und natürlich fühlte sie sich echter. Anna holte tief Luft. »Also: Auf in den Kampf!«

Und was ist deine Meinung?