BS 1, Kapitel 17: Roter Wein, grüne Seide

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In der Upkammer herrschte schon reges Treiben. Eugen führte Lothar wie ein etwas hölzerner Gastgeber der alten Schule herum und stellte ihn jedem einzelnen persönlich vor. Von John schien Lothar etwas eingeschüchtert und murmelte nur: »Deine Frau kommt gleich!«

John lockerte seinen Hemdkragen und zog eine Augenbraue hoch: »Wer?«
Rafael warf ihm einen fragenden Blick zu, während Eugen jetzt das literarische Wunderkind zu Keno führte. Hier taute Lothar sofort auf. »Ey, Alter! Du siehst genau aus wie dieser … na, dieser Typ, den meine Oma so cool findet!«

Keno rollte mit den Augen, dann sagte er: »Cool, Alter, du kannst mir ja mal ihre Nummer gehen, vielleicht geht da was!«

Lothar nahm Keno offensichtlich ernst und zückte sofort eilfertig sein Handy.

John raunte Steffi zu: »Der sucht jetzt nicht ernsthaft die Nummer seiner Oma, oder?«

Steffi lachte schallend und schämte sich sofort. Sie knuffte John tadelnd in die Seite. »Hör auf zu lästern, es ist sein erster Abend hier! Ich hab hier auch Tage gebraucht, bis ich wusste, was ernst gemeint ist und was nicht!«

Plötzlich warf Keno seine Gitarre vom Schoß, sprang auf und schrie: »Oh! Mein! Gott!«
Anna schwebte in den Raum. Sie lachte spontan über Kenos Reaktion, dann schlüpfte sie sofort wieder in ihre Rolle. Mit einem gelassenen »Stehen Sie bequem, Herr Oberst!«, ließ sie sich selbst geschmeidig auf die Lehne eines der Sofas gleiten. Es war nicht gerade bequem, aber die einzig stilvolle Art, in der man in diesem Kleid sitzen konnte.

Rafael ging zu ihr, deutete eine Verbeugung an und küsste ihr die Hand. »Du siehst absolut wundervoll aus!«

Anna blickte mädchenhaft zu ihm auf, dann musste sie lachen. »Meine Jeans ist heute in der Wäsche.«

Steffi sah sich stolz grinsend über ihre schöne Freundin zu John um und erschrak. Sie schüttelte ihn leicht und zischte: »Atmen!«

John stieß die Luft aus, fuhr sich mit der Hand über die Augen und suchte sich dann einen Platz auf einem der anderen Sofas – möglichst weit weg von diesem Farbrausch. Wenn es irgendetwas gab, dem er überhaupt nicht widerstehen konnte, dann war das dunkelgrüne Seide.
Eugen ließ jetzt stolz den Champagnerkorken knallen, füllte die Gläser und reichte ein Tablett herum. Als alle versorgt waren, hob er sein Glas und räusperte sich. Er hatte heute in der Küche stundenlang an einer kleinen Begrüßungsrede gefeilt.

Er wollte alle ganz offiziell herzlich in seinem Haus willkommen heißen, ihnen eine gute Arbeitsatmosphäre wünschen und noch vieles mehr, was ihm jetzt einfach nicht mehr in den Kopf kommen wollte. Also lächelte er nur verlegen und haspelte heraus: »Schön, dass ihr alle da seid!«

Da niemand eine Rede erwartet hatte, prosteten sich alle fröhlich zu und Anna klopfte auf den Sofaplatz neben sich. »Komm her, Eugen, und jetzt erzähl uns endlich mal was über dich! Heute wird nicht über die Arbeit geredet!«

Eugen strahlte, setzte sich neben die für sein Empfinden schönste Frau der Welt und hatte dann nichts zu sagen. Das machte aber nichts, denn jetzt wurde die Stimmung locker und fast alle redeten gleichzeitig. Nur John ließ sich still zurückfallen und beobachtete das Treiben wie ein unbeteiligter Zuschauer.

Bald begann Rafael, Keno zu einer kleinen Vorstellung zu überreden und Keno ließ sich nicht lange lumpen.

Sie räumten einige der Stühle und Sessel, die in der großen Stube verteilt standen, an die Wand, um Keno eine Bühne zu bauen, schenkten sich noch schnell die Gläser nach und warteten gespannt, während Keno seine Gitarre stimmte.

Anna zischte plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. »Die E-Saite, Keno, die E-Saite!«

Keno sah sie für einen Moment verwirrt an, dann stimmte er die Saite noch schiefer und schlug sie grinsend an. Anna hielt sich das Ohr zu und machte ein Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen. Keno lachte dröhnend. »Da ist aber jemand verstimmt!«

Anna sprang auf, riss Keno die Gitarre aus dem Arm und setzte sich dann mit dem Instrument auf dem Schoß breitbeinig aufs Sofa, Tanzkleid hin oder her. Während sie die Saiten stimmte, redete sie mit der Gitarre wie mit einem kleinen Kind. »Hat der böse Onkel dich wieder verstimmt? Immer stimmt er die E-Saite zu tief, ich weiß, wie du leidest! Ich wohne nämlich direkt unter euch und ich hör immer, wie er dich quält, du armes kleines Ding!«

Keno prustete. »Ich wusste nicht, dass wir ein wandelndes Stimmgerät im Haus haben!«

Steffi grinste stolz und flüsterte John verschwörerisch zu: »Annas Freund ist Musiker!«

John wandte den Blick ab und wurde blass, dann murmelte er verwirrt: »Die Telefonsache? Ich dachte, sie schwärmt jetzt für diesen Grizzly Björn!«

Steffi kicherte. »Der heißt Gisli Örn! Das ist doch nur ihr Romanheld des Monats!«

John lehnte sich zurück und atmete tief durch. Er verstand selbst nicht, was ihn da packte, aber er wurde plötzlich rasend wütend. Als er sie gefragt hatte, ob dieser unrasierte Typ auf dem Foto ihr Freund ist, hatte sie gesagt: »Schön wär’s«. Erst jetzt wurde John bewusst, das er in dem Moment aufgeatmet hatte, denn wieso sollte sie so etwas sagen, wenn sie tatsächlich einen Freund hatte?

Keno hatte jetzt die Gitarre wieder, räusperte sich dramatisch und stimmte gerade den ersten Akkord an, als Eugen aufsprang. »Warte, ich hab einen Barhocker!«

Keno schüttelte grinsend wie Elvis den Kopf und raunte: »Yeah!«

Als Eugen kurz darauf polternd mit einem alten Barhocker durch die Tür kam, nahm Keno Platz, stützte ein Bein ab auf dem unteren Ring des Hockers und rückte die Gitarre vor seinen stattlichen Bauch. »Bevor ihr jetzt zu viel erwartet: Für Jailhouse Rock bin ich an Eugens Teetafel zu fett geworden, also begrüße ich euch heute Abend live und in Farbe in Las Vegas!«

Als er die ersten Takte von »In the ghetto« anschlug, quietschte Steffi begeistert auf, dann wurde es schlagartig ruhig im Raum. Alle lauschten überrascht. Keno hatte den King richtig gut drauf. Er sang nicht einfach nur einen Elvissong, er war Elvis!

Es war, als hätte der trottelige, dicke Riese mit dem losen Mundwerk sich in den King of Rock’n’Roll verwandelt wie ein indianischer Schamane in einen Adler. Begleitet von der Akustikgitarre schwebte seine volle Stimme durch den Raum. Steffi war nicht die einzige, die mit einer Gänsehaut erschauerte. Das war wirklich der Wahnsinn, selbst, wenn man Elvis gar nicht mochte, konnte man sich Kenos Charisma nicht entziehen, wenn er den King in sich freiließ.

Als das Lied endete, wurde er mit stürmischen Beifall belohnt, was Keno mit einem leidenschaftlich geschmetterten »It’s now or never!« quittierte. Steffi kippte begeistert den Rest von ihrem Champagner hinunter und hüpfte dann sogar auf und ab wie ein Teenager aus den Sixties.

Dermaßen angefeuert von der echten, der wahren Steffi, ging Keno nahtlos über zu »Are you lonesome tonight«.

Er sang den Song so gefühlvoll, dass Eugen sich sogar bei einer verstohlenen Träne ertappte. Das war immer Gesas Lieblingssong gewesen, sie hatte auf ihrer Hochzeit dazu getanzt.

Unter stürmischem Beifall erhob Keno sich dann vom Hocker, verkündete mit weit ausgestrecktem Arm: »Elvis has left the building!«, und ließ sich demonstrativ erschöpft wieder aufs Sofa fallen. Er war wieder ganz er selbst: »Egon, schmeiß mal ’ne Flasche Bier rüber!«

Steffi und Rafael bestürmten Keno jetzt mit Fragen, was er sonst noch spielen könne. Rafael schwor: »Jede Wette, in dir steckt nicht nur der King, sondern auch ein richtig guter Johnny Cash!«

Keno strich sich verlegen über den Bauch. »Woher weißt du das?«

Eugen rief stolz dazwischen: »Und nicht nur das! Ich hab ihn auch schon einen Tango spielen hören!«

Keno murmelte geschmeichelt: »Na ja, nur La Cumparsita, den kann ja wirklich jeder Gitarrenanfänger!«

Steffi seufzte sehnsüchtig. »Oh, ich liebe Tango! Ich kann nur überhaupt nicht tanzen, noch nicht mal Walzer!«

Plötzlich wandten sich alle Blicke Anna zu. Keno schlug die ersten Takte des berühmten Tangos an und grinste breit. »Hmmm? Komm schon Anna, ich will dieses Kleid in Action sehen!«

Anna hob abwehrend die Hand. Plötzlich hatte sie wahnsinnige Angst und verfluchte sich selbst für das Kleid. »Oh, nein, das kannst du vergessen!«

Keno beugte sich jetzt über die Gitarre und verengte die Augen zu Schlitzen. »Baby, ich weiß, wenn eine Frau tanzen kann! Und du hast es! Also, im Blut gewissermaßen.«
Anna versuchte angestrengt, die Champagnerbläschen aus ihrem Gehirn zu verbannen und protestierte: »Oh, nein! Das, was ich da stolpere, kann man nicht wirklich Tango nennen, und ich kann das auch nur, weil ich mal mit einem Argentinier …«, plötzlich lief sie knallrot an, murmelte »Nicht so wichtig!«, und stürzte aus Verlegenheit noch mehr Champagner herunter. Sie schüttelte sich kurz, dann stellte sie fest: »Außerdem hab ich ja keinen Partner!«, und atmete innerlich auf. Glück gehabt.

Aber Rafael lehnte sich breit grinsend zurück. »Also, ich wüsste da jemanden!«

Sofort verriet John sich mit einem: »Halt die Klappe, Rafael!«

Keno machte einen Hüpfer, der seine Sofanachbarn zum Schaukeln brachte, und klopfte sich selbst mit einem breiten Grinsen den Rhythmus auf der Gitarre vor.

John fuhr sich über das Gesicht und blickte angestrengt auf den Boden. Hüte dich mit deinen Wünschen, sie könnten erfüllt werden! Das Letzte, was er wollte, war Liebeschaos in der WG, er wusste ja, wie so etwas endet. Er würde dem grünen Kleid nicht widerstehen können, die Kleine würde sich in ihn verlieben und früher oder später würde er sein Zeug packen müssen.

Aber aus der Geschichte kam er nicht mehr heraus, alle, außer Anna, sahen ihn erwartungsvoll an. Er stand also seufzend auf, dann durchquerte er den Raum mit entschlossenen Schritten. Mit einer fast wütenden Geste zog er Anna wortlos vom Sofa und führte sie am ausgestreckten Arm in die freie Mitte des Raumes. Eugen sprang wie ein Bühnenarbeiter hinterher und brachte den Barhocker in Sicherheit.

John schien ihn gar nicht zu bemerken. Er hob mit einer unmissverständlichen Abwehrgeste die Hand in Kenos Richtung, der schon anfing, das Intro des Tangos zu zupfen, dann sah er Anna kurz an und bat leise: »Warte, lass mich eben Kontakt zu dir aufnehmen.«

Anna senkte den Kopf. John holte kurz Luft. Okay, die Elfe spielte die Schüchterne. Das war auf jeden Fall auch besser so, es würde ihm eine Menge Ärger ersparen. Er hatte sein Leben lang die Fähigkeit perfektioniert, Frauen mit seiner eigenen Schüchternheit anzulocken. Er war der perfekte passive Aufreißer. Darüber, wie man eine schüchterne Frau aufriss, hatte er sich nie Gedanken machen müssen. Trotzdem war er jetzt enttäuscht. Wollte sie ihn vielleicht gar nicht? Aber sie hatte ja einen Freund.

John wurde wieder wütend, dann runzelte er die Stirn und konzentrierte sich einfach auf das, was er konnte – Tango Argentino. Prüfend fuhr er provozierend langsam unter ihrem Arm entlang. Ungeübte Tänzerinnen fingen an dieser Stelle an zu kichern und beschwerten sich, weil er sie kitzelte. Anna sah ihm fest in die Augen und hob mit unfassbar stolzer Anmut den Arm bis er das Ende ihres Arms erreichte und auffordernd die Hand spreizte. Sie legte mit einer sinnlich verspielten Geste ihre Hand in seine, dann ließ John die andere Hand um ihre Taille wandern und nahm locker Kontakt zu ihrem Rücken auf. Unentschlossen bewegte er kurz die Schulter und die Elfe fiel in eine halbe Drehung, dann sahen sie sich perplex an. Anna senkte leise lachend den Kopf. »Sorry, ich dachte, wir hätten schon angefangen!«

John sah ihr prüfend tief in die Augen, dann machte er fast unbewusst eine auffordernde Bewegung, die keine Tina oder Nina dieser Welt jemals verstanden hätte. Aber er spürte die Drehung in ihrem Rücken, dann schwang ihr Bein provozierend langsam zwischen seine Knie, wieder hervor und von außen um seinen Körper. Die Frau musste ein Schraubgewinde in der Hüfte haben, solche Tänzerinnen hatte er bis jetzt nur erlebt, wenn er für Workshops nach Buenos Aires geflogen war, um endlich mal richtig zu tanzen und von den Großen zu lernen.

John ließ Anna los und fuhr sich hektisch über den Mund. Er verlagerte nervös das Gewicht vom Standbein aufs Spielbein und sie folgte ihm sofort wieder intuitiv. John blinzelte und starrte auf seine Füße. »Okay! Echter Tango Argentino! Kein europäisches Standardgeschiebe?«

Anna ging leicht in die Knie und sah mit einem unergründlichen Blick zu ihm auf. »Sehe ich aus wie eine Studienrätin im Toskana-Urlaub?«

John blinzelte verwirrt, dann musste er grinsen. »Eigentlich nicht!«

Anna nickte grimmig, dann baute sie mit einer geschmeidigen Bewegung Körperspannung auf. John spürte in ihren Rückenmuskeln Stolz, Leidenschaft und Sehnsucht, alles auf einmal, dann sackte sie wieder in sich zusammen. »Du kannst es nicht!«

Ihre Stimme klang enttäuscht. John starrte verwirrt zu Boden. Das hier war definitiv keine tanzende Fleischwurst, die einen Wochenendkurs mitgemacht hatte und jetzt glaubte, dass sie Tango tanzen kann. Er räusperte sich, dann zog er das verdammte Jackett aus und schmiss es in eine Ecke. »Okay, ich will erst die Basicwalks, lass mich deine Beinarbeit kennenlernen!«

Er führte sie mit hochkonzentriertem Blick ganz langsam in eine Schrittkombination und sie schwebte einfach mit, als wäre sie ein Teil seines Körpers. John stieß verwirrt die Luft aus. »Jaaaysus, du kannst tanzen!«

Anna sah gelangweilt zu ihm auf, dann huschte ein Grinsen über ihr Gesicht. »Wenn du mich jetzt noch ein bisschen fordern könntest, dann wäre das Rumstehen nicht ganz so langweilig!«

John murmelte fassungslos: »Fuck, weiß du, wie lange ich nach dir gesucht habe?«

Anna löste ihre Hand aus seiner und trat mit einem hinreißend verschämt gesenkten Blick einen Schritt zurück. »Ich hab gelernt, dass ich ›Ja‹ sagen soll, bevor ich fragen kann.«

Keno rief ungeduldig: »Wird das heute noch mal was?«

John herrschte ihn gereizt an. »Jetzt nicht, Keno, ich lerne hier gerade eine Frau kennen!«

Keno kicherte hinter ihm und legte dann die Hand auf die Saiten.

John fühlte sich auf einmal wie der letzte Anfänger. Dieser Frau war er gar nicht gewachsen! »Äh, Richtungswechsel über den Oberkörper, okay?«

Anna sah ihn ausdruckslos an. »Eigentlich hatte ich gehofft, dass du tanzt wie ein Bügelbrett und mit den Armen an mir herumbiegst!«

John sah Anna intensiv in die Augen und spürte, wie er sich zum Tänzer aufbaute. Er wurde sich jedes einzelnen Muskels bewusst, dann nahm er wieder sanft Annas Arm auf, bis ihre Hand in seiner lag und begann, langsam und sinnlich mit ihr zu gleiten. Er konnte fühlen, wie sie ihn kurz abcheckte, dann schloss sie die Augen, lehnte die Stirn an seine Wange und ließ sich voller Vertrauen fallen. Sie kreuzten einige Male quer durch den Raum, dann setzte langsam die Gitarre ein und diesmal kam von John kein Widerspruch. Keno passte sich tatsächlich gefühlvoll ihrem Rhythmus an und interpretierte den Tango weich und perlend, allerdings kicherte er dabei schmutzig: »Je langsamer, umso heißer!«

Aber John und Anna hörten ihn gar nicht. John hatte noch nie so viel Vertrauen und Hingabe bei einer Frau erlebt. Er glitt mit ihr im Arm durch den Raum, als würden sie ein langsames und sinnliches Liebesspiel treiben. Für einen Moment ertappte er sich bei dem absurden Gedanken, dass er eifersüchtig war auf den geheimnisvollen Argentinier, der ihr beigebracht hatte, so zu tanzen und so intuitiv zu folgen. Hatte der Typ nur mit ihr getanzt?

Anna öffnete gegen den Schwindel in ihrem Kopf die Augen und sah Johns melancholisch in sich gekehrten Blick auf ihre Schulter gerichtet. Wie hypnotisiert hielt sie sich jetzt mit den Augen an seinem strengen Mund fest, als würde sie auf einen erlösenden Kuss warten.

Der Impuls, sie tatsächlich zu küssen, wurde so stark, dass John fast aus dem Takt gekommen wäre. Um sie zu fordern und ihren Blick von ihm loszureißen, steigerte er plötzlich ungeachtet der Musik das Tempo und spürte, wie sie heiß und leicht wurde. Sie wirbelten plötzlich in einem rasanten Duell der Beinhaken immer wieder durch den Raum und sahen sich dabei mit feuriger Wut in die Augen. Keno versuchte, mitzuhalten, dann schrie er: »Scheiße, meine Finger qualmen!«

Die Musik brach ab und jemand trommelte auf dem Tisch einfach den Rhythmus weiter. Lothar? Der Junge hatte tatsächlich Rhythmusgefühl! Aber John und Anna war egal, wo der Rhythmus herkam, sie hätten auch ohne nicht aufhören können, die Fliehkraft und noch viel mehr die Leidenschaft hatten sie so im Griff, dass es nichts anderes mehr gab, als dieses rasend schnelle Kräftemessen zweier tanzender Sturköpfe, bis sie endlich das erste Missverständnis tanzten, Anna John in den ausgestreckten Arm fiel und loslachte. »Du Sack! Das war eine Finte!«

John musste so übermütig lachen, wie er als Kind zum letzten Mal gelacht hatte, dann umfasste er ihre Taille, schraubte sie in einer blitzschnellen Drehung zu sich heran und fasste ihr zum Bremsen fest in den Nacken. Er senkte den Kopf und sie legte völlig atemlos ihre Stirn an seine. Er spürte, wie ihr geschmeidiger Körper sich in seinen Armen mit den tiefen Atemzügen hob und senkte und wurde rasend schnell geil. Im selben Augenblick, in dem ihm klar wurde, dass sie den Tanzabstand verloren hatte, spürte er, dass ihr klar wurde, wie nah sie sich waren, aber sie blieb im Tangomodus. Sie würde sich erst von ihm lösen, wenn er ihr den Impuls gab.

Ihre angeheiterten Mitbewohner fingen jetzt an zu grölen und zu klatschen, aber John konnte nicht anders, er flehte mit den Augen: »Ich will dich!«

Etwas blitzte auf in ihren Augen, dann wurde das Funkeln zu leidenschaftlicher Wut, aber sie konnten ihre Blicke einfach nicht voneinander lösen, bis Anna bewusst wurde, wo sie waren. Sie trat einen Schritt zurück. John sah sie völlig orientierungslos an, dann flüsterte er: »Es gibt dich wirklich!«

Aber Anna killte eiskalt die Chemie. Sie stellte fest: »Nö, das passiert alles nur in deinem Kopf!«, dann schlenderte sie mit dem Gang eines Mädchens, das lieber barfuß laufen würde, zu ihrem Platz.

John dachte hilflos: »Vernasch mich!«, dann schlug er völlig geistesabwesend ein, weil Keno die Pranke hoch hielt und rief: »Hey, Valentino, gib mir die Fünf!«

Mitten in das befreiende Lachen der ganzen kleinen Gesellschaft trompete Lothar, der sich nach dem Fettnapf mit Omas Telefonnummer erst einmal zurückgehalten hatte: »Ihr zwei redet ja nicht viel miteinander, aber man will gar nicht wissen, was bei euch im Bett abgeht, Alter!«

Um seinen Freund zu retten, rief Rafael: »Eugen, willst du nicht mal langsam das Buffet eröffnen? Die Künstler nagen am Hungertuch!«

John ließ sich immer noch außer Atem aufs Sofa fallen und schloss für einen Moment die Augen. Er hatte keine Ahnung, was ihm da gerade passiert war. Er wollte einfach nicht aufhören, diese Frau zu führen. Das war … der beste Sex, den er jemals gehabt hatte. Aber sie erwiderte für den Rest des Abends keinen seiner flehenden Blicke.

Und was ist deine Meinung?