BS 1, Kapitel 18: Kalte Duschen

Anna erwachte, weil ihr durch einen Spalt im Vorhang ein Strahl der tiefstehenden Wintersonne brutal ins Gesicht knallte. Sie grübelte, wieso sie jetzt an Edgar Allan Poe denken musste. Nach einer kleinen Weile fiel es ihr ein. Der Irre in »Das verräterische Herz« hatte sich mit einer Blendlampe an den schlafenden Alten angeschlichen und mit einem Lichtstrahl getestet, ob sein Opfer auch wirklich schlief …

Anna schreckte hoch und setzte sich auf, aber als sie das Chaos in ihrem Zimmer sah, ließ sie den Kopf zurück aufs Kissen fallen wie eine Bowlingkugel. Langsam kamen die Kopfschmerzen. Die Reste des Champagners pochten gegen die Wände ihres Gehirns wie kleine Abrissbirnen.

Sie schloss wieder die Augen. Sie wollte nicht, dass der Tag kam. Sie wollte nicht, dass das Bewusstsein kam! Aber ihr Gehirn war bereits angesprungen. Das Gefühl, das sie durch die Nacht getragen hatte, zerrann wie Sand zwischen den Fingern. Pure Lust und Sinnlichkeit waren das gewesen, ein Rausch, den sie ewig nicht gespürt hatte. Jede Faser ihres Körpers spürte die Hände, die Nähe, die pulsierende Wärme dieses Mannes, die Hitze seines Atems, den geschmeidigen Körper mit den stahlharten und zugleich weichen Muskeln, wie nur diese schlanken Kraftpakete sie haben können.

Johns geballte Erotik, seine Präsenz, seine Kraft hatten sich in ihr ausgebreitet wie ein Fieber. Die meisten Tangotänzer führten mit den Armen und bogen irgendwie an ihrer Partnerin herum, um sie in die gewünschte Richtung zu schieben. Aber John führte mit geballter Sinnlichkeit und so versierter Sicherheit, dass sie sich völlig verloren hatte. Er führte mit dem ganzen Körper, mit tausend subtilen kleinen Impulsen, die man fühlte, aber nicht sah. Dieser Mann war eine unfassbar sinnliche Drecksau. Sie wollte einfach nur noch die Beine um ihn schlingen, sich nach hinten fallen lassen und fühlen, wie er in einem wahnsinnigen Lustrausch …

Anna sprang gehetzt auf, rannte ins Bad und sprang unter eine eiskalte Dusche. Sie verfluchte sich jetzt dafür, dass sie Eugen versprochen hatte, mit ihm aufzuräumen und die Reste der wilden Party zu beseitigen. Fast panisch quiekend ließ sie sich atemlos das eiskalte Wasser über den heißen Körper spritzen, dann drehte sie das Wasser ab, rubbelte sich winselnd trocken und wickelte sich dann in das Handtuch.

Ihr Zimmer sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. John hatte sie völlig vergessen lassen, dass sie vor der Party fast jedes Kleidungsstück, das sie besaß, aus dem Schrank gerissen hatte, bevor sie sich endlich für das Tanzkleid entschieden hatte. Jetzt stöhnte sie gequält und wünschte sich, dass sie das Kleid niemals angezogen hätte.

Und die Jeans waren tatsächlich alle in der Wäsche! Ratlos riss sie ein hoffnungslos zerknülltes geblümtes Fähnchen von einem Sommerkleid vom Boden und fummelte nervös die durchgehende Knopfleiste zu. Dabei warf sie einen prüfenden Blick aus dem Fenster. Der Bauwagen stand tief schlummernd auf der vereisten Wiese gegenüber und aus dem Schornstein kam kein Rauch. Wenn sie Glück hatte, schlief der Maler aus und sie lief ihm gar nicht über den Weg.

Weil sie ihre Schuhe in dem Chaos nicht finden konnte, machte sie sich einfach barfuß auf den Weg zur Küche und steckte sich noch im Laufen die nassen Haare hoch. Sie fühlte sich jetzt, als wäre sie mindestens 120. Die Anstrengung, die sie gestern beim Tanzen gar nicht bemerkt hatte, erinnerte sie jetzt mit einem höllischen Muskelkater daran, dass sie im letzten Jahr nur mit ihrem Heizkörper als Tanzpartner trainiert hatte und sie dachte nur »Durst!«, als sie Stimmen aus der Küche hörte.

Kam sie zu spät? War der Aufräumtrupp schon bei der Arbeit? Sie blieb stehen, als ihr dämmerte, dass – wie nach jeder guten Party – der harte Kern in der Küche hängen geblieben war. Anna lehnte sich grinsend an die Wand und lauschte.

Kenos tiefe Stimme dröhnte: »Wie kannst du so über diese Mädels reden, wenn die doch deinen fetten Lebensstandard sichern? Meine Groupies sind meistens über 50, aber ich kann doch trotzdem charmant sein, wenn ich meine Autogrammkarten signiere!«

Jemand lachte überdreht. Anna stutzte kurz, dann fiel ihr ein, dass das Lothar sein müsste, der Neue. »Meine Fans sind Mädels zwischen 12 und 15, die haben keine Ahnung vom Leben, wie soll ich so etwas ernst nehmen! Ohne Witz, ich bin hierher geflohen, weil vor meiner alten Wohnung ständig kreischende Teenager lauerten! Hast du eine Ahnung, wie gruselig das ist, wenn du plötzlich kein Privatleben mehr hast? Du müsstest mal die Kommentare in meinem Autorenblog lesen!«

Keno grunzte: »Ich hoffe, du bist lieb zu den kleinen Mädchen, wenn du die Kommentare beantwortest und redest nicht so mit ihnen, wie du es jetzt hier tust!«

Lothar gähnte: »Glaubst du, dass ich meinen Blog selbst moderiere? Ich bezahle eine Studentin dafür, dass sie jeden Tag antwortet: Danke für deinen tollen Kommentar, das motiviert mich, weiter zu machen! Aber der Lothar, der in dem Blog erscheint, hat ja nichts mit mir zu tun, das ist reines Marketing, Alter!«

Keno brummte: »Und wer schreibt die Artikel in deinem Blog?«

Anna konnte richtig hören, wie Lothar gleichgültig mit den Schultern zuckte. »Irgend ein Texter, den ich im Internet gefunden hab.«

Eine müde Stimme fragte: »Schreibst du denn deine Bücher wenigstens selbst?«

Anna erkannte mit Herzklopfen, dass John auch mit am Tisch saß. Für einen Moment spürte sie den Impuls, zu flüchten und sich wieder in ihrem Zimmer zu verstecken, aber die Neugier hielt sie zurück.

Lothar lachte. »Klar schreib ich die selbst! Zumindest den ersten Band. Den Zweiten hat dann mein Lektor mehr oder weniger fertig geschrieben. Heute findest du im Internet wirklich für jeden Scheiß einen Deppen, der es dir billiger macht, als du es selber könntest. Und besser.«

Keno lachte dreckig. »Bis gestern hätte ich das nicht geglaubt, aber jetzt, wo ich dich kenne … es gibt bestimmt immer einen, der es besser macht.«

Lothar schien die versteckte Kritik gar nicht zu bemerken, jedenfalls reagierte er nicht. Keno wandte sich jetzt wohl an John. »Du bist doch schon viel länger im Geschäft als unser Jungspund hier, würdest du deine Bilder kaltblütig billig von einem Hobbymaler aus dem Internet malen lassen und dann unter deinem Namen verkaufen?«

John klang wirklich müde. »Wer auf meinem Niveau malen kann, verkauft auch auf meinem Niveau. Aber Lothars Marketinggedanken kann ich schon nachvollziehen. Ich spiele auch eine Rolle, wenn ich in den Flieger steige, um mich bei einer Vernissage auf dem internationalen Kunstmarkt sehen zu lassen. Und ich hasse das. Erst zum Friseur, dann die weißen Hemden aus der Reinigung holen und lächeln. Das Schlimmste an meinem Job ist, wenn potenzielle Käufer mit mir über die Bedeutung meiner Bilder reden wollen. Meine Bilder bedeuten nämlich schlicht und einfach gar nichts. Das ist Farbe auf Leinwand, mehr nicht. Aber damit kannst du als Maler nicht verkaufen. Das kannst du dir als Bäcker leisten, aber nicht als Künstler. Als Maler verkaufst du Geschichten und Mythen, wie ein Schriftsteller, und dazu gehört eben die Rolle, mit der du dich positionierst. Und du bist ja im wahren Leben auch nicht Elvis.«

Keno kicherte. »Och, sind wir nicht alle ein bisschen Elvis?«

Lothar plapperte mit seiner hellen Stimme: »Also deine Vorstellung als Elvis gestern war echt cool, hast du eigentlich einen Youtube-Channel?« Dann wandte er sich wohl an John. »Aber noch geiler war die Alte, mit der du gestern diesen Tango hingelegt hast! Ich steh echt voll auf so reife Rasseweiber!«

Keno prustete. »Reife Rasseweiber! Wenn’s hoch kommt, ist Anna vier Jahre älter als du!«

Lothar wurde jetzt eifrig. »Ja, eben! Hast du eine Ahnung, was das bei Frauen ausmacht? Als ich die gestern Abend alleine im Flur getroffen hab, hab ich echt gedacht, ich muss meine Unschuld verteidigen! Die geht ja ran wie nix! Aber dann dachte ich ja, John ist ihr Macker. Weiß auch nicht, wie ich darauf gekommen bin. Aber wenn du das scharfe Gerät nicht haben willst, nehme ich die!«

John fragte trocken: »Wieso suchst du dir nicht eine im Internet, die es billiger macht?«

Anna biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszulachen. Jetzt war wohl der beste Zeitpunkt, die Küche zu betreten, bevor sie wieder jemand bei einer ihrer Verschnauf- und Denkpausen im Flur erwischte.

Sie schlenderte also lässig in die Küche, murmelte nur »Moin«, und ließ sich auf einen der Stühle gleiten. Lothar streifte sie nur mit einem desinteressierten Blick und wandte sich wieder an die Männer.

»Ha! Glaubst du, du findest irgendwo eine, die’s besser macht als die? Wenn eine so tanzt, dann geht die doch im Bett ab wie eine Granate, jede Wette! Sagt man nicht auch, Tango ist horizontaler Sex mit Klamotten?«

Anna stützte den Kopf in die Hände und nuschelte müde: »Vertikal. Der vertikale Ausdruck eines horizontalen Gefühls.«

John senkte den Kopf und holte tief Luft. Hatte sie auch dieses verdammte horizontale Gefühl gehabt?

Lothar fuhr fort. »Dann eben vertikal, ist doch scheißegal jetzt! Auf jeden Fall werfe ich hundert Euro in die Runde, dass die Braut mir innerhalb einer Woche aus der Hand frisst, ich hab auch schon einen Plan!«

John fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, um sein Grinsen zu verbergen. Durch seine langen schlanken Finger blitzten seine Augen Anna an.

Keno zog jetzt den Kopf an die Brust und fing an zu beben, als ob er weinte, bis er sein Lachen einfach nicht mehr unterdrücken konnte. John gab jetzt Lothar mit den Augen ein Zeichen in Annas Richtung.

Lothar wandte irritiert den Kopf und sah Anna jetzt zum ersten Mal fokussiert an. »Ach, du Scheiße … du bist …«

Anna lächelte ihn jetzt mitfühlend an, als hätte er gerade erfahren, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt. »Die Tangogranate.«

Lothar schien sich der Peinlichkeit der Situation gar nicht bewusst, oder er überspielte es sehr gut mit seinem hellen Lausebengellachen. »Geile Scheiße, ich bin voll auf den Trick reingefallen! Wie siehst du denn aus? Du hast irgendwie die Haare ganz anders!«

Keno lachte jetzt Tränen und grölte: »Hast du etwa gar nicht mitgekriegt, wie Cinderella um 12 in ihre Kürbiskutsche gestiegen ist?«

Lothar fragte: »Nee, hab ich nicht, was denn für eine Kürbiskutsche?«

Anna seufzte wohlig und lächelte Lothar mitfühlend an. »Die Kürbiskutsche, die mich zurück in meine klösterliche Zelle gebracht hat. Aber ich wäre schon neugierig auf deinen Plan, mich rumzukriegen.«

Lothar verschränkte schmollend die Arme. »Jetzt will ich auch nicht mehr!«

Anna lachte und zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf Lothar. »Warte, nicht verraten! Du wolltest mit mir tanzen! Du bist der Latin Dance Double Hipshake Typ! Einer von denen, die sich immer fürchterlich vor ihren Kumpels geschämt haben, aber jede Woche in die Tanzschule gerannt sind!«

Lothar schnaufte entrüstet: »Na, und? Ich wollte irgendwohin, wo es immer einen Mädchenüberschuss gibt, aber reiten wollte ich nicht.«

Anna nickte zufrieden. »Ja, der Eiskunstläufer-Knackarsch verrät dich. Du bist der schnelle Salsa-Typ.«

Lothar fragte pikiert: »Wo guckst du mir denn hin?«

Anna zuckte die Schultern. »Dahin, wo du mir auch hinguckst!«

Lothar flüsterte verschwörerisch: »Und was ist der Maler hier für ein Tanz-Typ?«

Anna überlegte kurz. »Sorry für den Vergleich, ich weiß, Iren hassen Engländer, aber O’Molloy ist ein englisches Vollblut. Hast du so ein Vollblut mal galoppieren sehen? Du siehst einfach nicht, dass die Kraft aufwenden, aber irgendwie müssen sie es ja doch tun, sonst würden sie nicht so elegant schweben. Aber die sind so leichtfüßig, irgendwie siehst du nie, wie die den Huf aufsetzen.«

John zog irritiert eine Augenbraue hoch und Lothar lachte dreckig. »Hehe, der Maler hat einen Pferdefuß!«

Anna kicherte. »Diabolisch, oder?«

Keno dröhnte: »Ey, was seid ihr denn für eine schwule Generation! Ihr unterhaltet euch über Tanzen! Wir hätten uns eher erschossen, als in eine Tanzschule zu rennen!«

Anna winkte ab. »Ach, Tanzen lernt man doch nicht in der Tanzschule! Mein Tangopartner hat immer gesagt, Tango lernt eine Frau in den Armen eines Mannes, aber die geilsten Tänze hab ich irgendwie immer in der Küche gelernt.«

Lothar beugte sich gebannt vor. »Wie, in der Küche? Weil da auch Frauenüberschuss herrscht?«

Anna lachte schallend über Lothars alberne Bemerkung, aber dann bekam sie einen schwärmerischen Blick. »Na ja, wenn man halt so in der Küche sitzt, ein bisschen feiert, zu viel raucht und Wodka trinkt, dann fängt man irgendwann an zu tanzen. Als ich noch in Berlin gelebt hab, hatte ich einen Kaukasier als Nachbarn, der hat mir die Kosakentänze beigebracht, unglaublich geil. Ich tanz zwar nur den Männerpart, aber der ist eh cooler. Ich hab sogar noch irgendwo einen Kosakenmantel, so einen mit Patronentaschen, aber ich trau mich nicht, mit scharfer Munition auf der Brust durch die Stadt zu spazieren, das könnte falsch verstanden werden.«

Keno stöhnte. »Du bist auch ohne Munition scharf genug.«

Anna lachte leise. »Nee, lass mal, ich fühl mich im Zölibat ganz wohl.«

Keno prustete: »Ja, sicher, Zölibat, alles klar!«

Lothar stutzte: »Wie jetzt, wie eine Nonne oder was?«

Anna nickte ruhig. »Yäp. Ich hab den Schleier genommen und Keuschheit gelobt, ich bin nur nicht die Braut Jesu Christi. Ich stehe einfach nicht auf Kerle in Sandalen.«

John warf Anna einen skeptischen Blick zu. Himmel, mach, dass sie den Jungen nur verarscht!

Keno fragte jetzt ernsthaft nach. »Wie, meinst du das ernst jetzt, oder was? Keine Männer?«

John registrierte, dass Annas Mundwinkel niedlich zuckten, die Fragen waren ihr peinlich. »Keine Männer hab ich gar nicht gesagt! Nur kein Sex!«

Keno tippte sich an die Stirn. »Welcher Kerl ist denn so blöd, dass er sich aushungern lässt!«

Anna grinste Keno an. »Jetzt versteh ich, wieso du Single bist! Du müsstest erstmal mehr so mental eins mit dem Kranich werden oder so was, damit die Frauen nicht mehr vor dir weglaufen! Die merken, wenn es einer zu sehr drauf anlegt!«

Keno bog verschreckt den Kopf zurück und blinzelte verwirrt aus kleinen Äuglein. Was hatte die Literatin da gerade gesagt?

Lothar sah plötzlich tatsächlich mitfühlend aus. »Hat dir einer das Herz gebrochen oder so was?«

Anna überlegte ganz ruhig. »Nee, irgendwie nicht. Ich, ich hab immer allen das Herz gebrochen und dann haben sie meins gebrochen. Und dann hab ich gedacht, bevor mein Leben unter dem Titel ›Leichen pflastern ihren Weg‹ verfilmt wird, bleib ich besser mal zu Hause und mach mit meiner Zeit was Sinnvolles.«

Keno warf sich auf seinem Stuhl so empört zurück, dass er fast umkippte. »Was könnte denn sinnvoller sein als Sex!«

Anna stützte nur den Kopf in die Hände, schloss kurz die Augen und schüttelte milde lächelnd den Kopf. Dann erhob sie sich vom Tisch, als wäre sie sehr, sehr müde. »Jungs, ich glaube, es ist besser, ihr geht jetzt mal draußen spielen. Aschenbrödel muss die Küche aufräumen.«

Keno stand kopfschüttelnd auf. »Versteh ich nicht. Wenn ich so sexy wäre wie du, ich würde den ganzen Tag durch die Betten springen und mitnehmen, was geht!«

Anna lachte leise. »Probiere es mal aus, Keno, dann wirst du das ziemlich schnell leid.«
Keno stieß John an. »Maler, du bist doch auch so ein Typ, der jede ins Bett kriegt! Würdest du freiwillig auf Sex verzichten?«

John sah verwirrt auf. Er fühlte sich plötzlich wie in einer mündlichen Prüfung, für die er nicht geübt hatte. Anna sammelte die Gläser vor ihm ein und streifte ihn mit einem erwartungsvollen Blick.

John fuhr sich über die Augen und stammelte: »Äh …«

Anna spürte, dass sie rot wurde und drehte sich der Spülmaschine zu. Lothar beugte sich gespannt zu John. »Echt, du kriegst jede rum? Wie machst du das?«

John hob abwehrend die Hände. »Langsam, ja? Das hat Keno gesagt, nicht ich!«

Keno lachte dröhnend. »Der Kavalier genießt und schweigt!«

John stotterte nur verlegen: »Manchmal kriegt mich eine rum, das reicht doch.«
Anna stellte die Teller, die sie gerade in der Hand hatte, wieder hin und setzte sich noch einmal. »Wie jetzt, du suchst dir die gar nicht selber aus? Du gehst mit, wenn dich eine aufpickt?«

John sah sie nur hilflos betreten an und zuckte die Schultern. Wieso war er plötzlich in einem Albtraum gelandet, in dem er nackt im Zeugenstand saß?

»Ach, du Scheiße!« Anna bekam einen eigenartig verstörten Blick. »Ich überlege gerade … wenn ich mit jedem mitgegangen wäre, der mir an den Südpol fassen wollte …« Sie lachte plötzlich höhnisch auf. »Nee, echt nicht!«

Kopfschüttelnd stand sie wieder auf und griff sich die Teller. »John, John, John. Ich hab mir gleich gedacht, dass du die totale Bitch bist! Und jetzt raus mit euch, geht Pornos gucken oder was Jungs so machen.«

Keno lachte schallend und polterte zur Tür raus, Lothar zog sich demonstrativ verschämt die Mütze über das Gesicht und folgte ihm tastend mit ausgestreckten Armen.

John ließ es langsamer angehen. Er stand auf, nahm sein Jackett von der Stuhllehne und zog es über. Völlig verwirrt zupfte er seine Ärmel zurecht und richtete den Hemdkragen, während Anna leise summend Geschirrteile in die Spülmaschine puzzelte.

Als er an ihr vorbeikam, blieb er noch einmal unschlüssig stehen und wartete, bis sie sich zu ihm umdrehte. »Anna, du hast ein völlig falsches Bild von mir.«

Sie lachte leise. »Wenn wir beide ein unterschiedliches Bild von dir haben, heißt das nicht automatisch, dass ich falsch liege.«

John zog die Stirn kraus, dann beschloss er, die Flucht nach vorn anzutreten und den todsicheren Weg zu nehmen. »Wo wir gerade von Bildern reden … würdest du dich mal von mir malen lassen?«

Anna klappte mit einem müden Stöhnen die Spülmaschine zu und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, was selbst aus Johns Sicht als Inselzwerg nicht viel war. Sie fuhr sich über die Augen und seufzte. »Also, nimm das nicht persönlich, aber es gibt mich im van Gogh Style mit Sonnenblumen, als Modigliani-Verschnitt, als kubistischen Akt im plakativen Lempicka-Stil und mit ganz viel gutem Willen erkennt man auch meine Rückenansicht in einem abstrakten Möchtegern-Kandinsky. Und irgendwann hab ich mich gefragt: Kann Dinsky überhaupt malen? Und ich entschied: Nö. Also nahm ich mein Bündel und zog weiter. Seitdem braucht es etwas mehr als einen großen Pinsel, um mich dazu zu bringen, dass ich stundenlang nackt und zähneklappernd in der Gegend rumstehe.«

Im ersten Moment war John wie vor den Kopf geschlagen. Spätestens an dem Punkt, wo er den Maler-Bonus ausspielte, wurde jede Frau schwach, jede! Was war bloß los mit dieser verdammten Elfe! Hatte sie ihm gerade tatsächlich eine Abfuhr erteilt?

Anna wurde plötzlich unbehaglich zumute. Irgendetwas trat in Johns Augen. Hatte sie ihn etwa wirklich verletzt? Er lachte jetzt hilflos. »Vielleicht bist du einfach an den Falschen geraten?«

Anna zog nur eine Augenbraue hoch und sah ihn abwartend an. John rieb sich verwirrt den Nacken. »Na ja, ich meine … manche Maler heizen für ihre Modelle.«

Anna wurde wütend, ohne genau zu wissen, warum. »Stell doch draußen einfach ein Schild auf. Romantischer Maler sucht Modelle, alles kann, nichts muss, ich heiz dir ein!«

John musste gegen seinen Willen lachen. »Fuck! Gehört dieses freche Schandmaul etwa zu der Frau, mit der ich gestern getanzt habe?«

Anna brummte: »Keine Rose ohne Dornen!«, dann schnappte sie sich ein Tablett und wedelte in die Upkammer.

Und was ist deine Meinung?