BS 1, Kapitel 19: Ein missglücktes Coming-out

Anna spülte endlich die wohlverdiente Kopfschmerztablette herunter und drehte sich dann unruhig auf ihrem Schreibtischstuhl hin und her. Jahrelang war sie nicht verkatert gewesen und jetzt gleich zweimal kurz hintereinander. Das ruhige Landleben lief irgendwie anders, als sie das geplant hatte. Vor allem das mit der Keuschheit. Sie reckte sich vorsichtig und warf einen verstohlenen Blick auf den Bauwagen vorm Fenster. Der Maler hatte sich zurückverwandelt und saß in einem dick gefütterten Flanellhemd mit einem dampfenden Kaffeebecher auf der Treppe seines Bauwagens und drehte sich gerade eine Kippe. Anna seufzte tief, dann murmelte sie: »Dieser verdammte intellektuelle Europäer!«

Sie warf einen Blick auf die Uhr, dann griff sie ihr Handy. Sven hatte zwar gestern spät ein Konzert gegeben, aber langsam müsste er wach sein. Trotzdem klang er verschlafen, als er sich mit einem zärtlichen: »Kleene!« meldete.

Anna schniefte leise. »Wie geht’s dir, Großer, hab ich dich geweckt?«

Sie hörte an Svens Stimme, dass er sich räkelte. »Ist okay, Nika, ein Auge hatte ich schon auf!«

Anna lachte leise und bekam Sehnsucht. Sie wusste genau, wie Sven aussah, wenn er sich langsam wach blinzelte. Umwerfend niedlich. Und einen Ständer hatte er auch, wenn er so verschlafen wach wurde. Sie atmete tief durch, dann flüsterte sie betreten: »Ich hab Tango getanzt.«

»Mit dem irischen Wildhüter.« Svens Stimme klang vollkommen ruhig.

Anna drehte sich auf dem Schreibtischstuhl hin und her. »Hmhm. Er ist dominant. Ich bin nur nicht ganz sicher, ob er das selber weiß.«

Sven seufzte müde und gähnte wie ein Löwe. »Weiß er schon, dass wir zusammen sind?«

Anna brummte: »Wir haben nur getanzt! Nur einen Tango.«

Sven atmete hörbar tief durch und sagte nur mahnend: »Kleene!«

Anna zerwühlte sich verlegen die Haare. »Digger, ich hab nur einmal mit ihm getanzt, wenn ich jetzt da rüber gehe und sage ›Ach, übrigens, ich hab einen Freund!‹, wie sieht das denn dann aus! Als würde ich ihm unterstellen, dass er was von mir will! Und wenn ich dann noch sage, dass ich trotzdem offen wäre für eine weitere Beziehung, dann denkt der, dass ich was von ihm will!«

Sven stöhnte ungeduldig. »Kleene, ihr wollt doch was voneinander, das kann man doch offen sagen, ihr seid doch nicht mehr im Kindergarten!«

Anna blieb einen Moment stumm und sah verstohlen aus dem Fenster. Der Maler auf der Wiese zog an seiner Zigarette, legte den Kopf in den Nacken und sah melancholisch dem Rauch dabei zu, wie er sich in den eiskalten Himmel schraubte. Anna knurrte müde, dann maulte sie: »Ich hab Kopfschmerzen.«

Sven lachte verschlafen. »Wenn man nicht schwimmen kann, ist die Badehose schuld.«

Anna lachte ertappt. Sie hasste diesen Spruch. Weil Sven ihn immer dann sagte, wenn er stimmte. »Jetzt denk doch mal nach, Digger! Ich will doch gar nichts mit ihm anfangen, wieso soll ich jetzt die Pferde scheu machen! Außerdem will ich mich hier gar nicht als die Polyfrau outen, das verstehen die doch hier gar nicht! Ich freunde mich gerade mit Steffi an und die hat sich gerade von ihrem Mann getrennt und du kannst dir denken, warum! Wenn jetzt hier rumgeht, dass ich ein mannstolles Weib ohne Moral bin, dann kommt die Dorfbevölkerung mit Fackeln und Mistgabeln den Hügel rauf und dann jagen die mich vom Hof!«

Sven brummte schläfrig. »In Ostfriesland gibt es keine Hügel!«

Anna schnaubte frustriert. »Du willst mich nicht verstehen.«

Sie hörte Svens Bettzeug rascheln und wusste, dass er sich aufsetzte. Jetzt wurde es ernst. Sven brummte einfühlsam. »Wovor hast du denn Angst?«

»Ich hab keine Angst! Ich will nur nicht, das Steffi einen Bogen um mich macht und denkt, dass ich eine von denen bin, die mit verheirateten Männern schlafen! Oder dass Eugen ganz entsetzt ist, weil er nicht verstehen kann, was wir Polys machen, Eugen ist so unglaublich naiv und liebenswert, man fragt sich, wo der die letzten zehn Jahre verbracht hat! Und dann der Maler!«

»Was ist mit dem Maler?«

Anna schnaufte trotzig. »Ich will einfach nicht, dass der denkt, ich wäre Freiwild und er kann mich eben vögeln, weil mir sowieso egal ist, wer oben drauf liegt!«

Anna hörte Sven wieder in die Kissen fallen und erschöpft knurren. »Annika, sag das Mantra!«

Anna holte tief Luft. »Wer hinter meinem Rücken über mich redet, redet mit meinem Arsch.«

»Brav!« Sven lachte leise. »Aber ich meinte das andere Mantra.«

Anna dachte einen Moment nach, dann murmelte sie: »Polyfrauen sind keine Schlampen, Polyfrauen sind keine Schlampen!«

Sven lachte heiser. »Ja, schon besser. Aber du musst das positiver formulieren, wir hatten das doch geübt! Ich bin stolz, eine Polyfrau zu sein!«

Anna knurrte: »Das hört sich an, als wäre ich James Brown! I’m poly and proud! Ich will dann auch dramatisch zusammenbrechen und von der Bühne geführt werden!«

Sven seufzte träge. »Sieh es mal so: Wenn du so tust, als wärst du jemand, der du gar nicht bist, dann nimmst du deinen Mitbewohnern die Chance, die echte, wundervolle, unfassbar liebenswerte Annika kennenzulernen, das Teufelsweib mit dem großen Herzen! Und wenn du diesem Maler nicht sagst, mit was er rechnen muss, wenn er sich auf dich einschießt, dann spielst du nicht fair. Damit stellst du von Anfang an völlig falsche Weichen. Wenn er sich unter falschen Voraussetzungen auf dich einlässt, ist die Enttäuschung doch vorprogrammiert!«

Anna protestierte. »Ja, aber ich will doch gar nichts mit dem anfangen! Ora et labora, ich hab mir selbst Keuschheit versprochen und dabei bleib ich!«

Svens Stimme wurde ganz warm und weich. »Nika, ich liebe dich, aber dein Gejammer ist nicht zu ertragen! Hör auf, dich als Opfer zu sehen! Wenn du nicht willst, dass die anderen schlecht von dir denken, dann pack den Stier bei den Hörnern und räum ihre Vorurteile aus! Wenn du nicht willst, dass deine Mitbewohnerin denkt, du klaust Ehemänner, dann sag ihr, dass Polyamorie immer einvernehmlich funktioniert und dass du nie gegen den Willen einer anderen Frau mit ihrem Mann schlafen würdest! Und wenn du willst, dass der Maler dich mit Respekt behandelt, dann musst du den Respekt auch einfordern! You got the pussy, you make the rules!«

Anna wisperte angespannt: »Wieso bist du so wild drauf, dass ich was mit diesem Maler anfange? Ich will nichts von dem! Also, ich will was von dem, aber ich will nichts von dem wollen!«

Sven seufzte gefühlvoll. »Kleene, denk mal nach. Immer, wenn du dich in einen neuen Mann verknallst, kriegst du tierische Sehnsucht nach mir. Ich fände es schön, wenn du mal wieder diese Sehnsucht nach mir hättest. Diese Idee mit der Keuschheit ist doch … ich mein, das führt doch zu nichts! Du bist die sinnlichste Frau, die ich kenne und wenn der Maler dich dran erinnert, wie sehr du Sex liebst, hab ich schließlich auch was davon! Ich vermisse dich wahnsinnig!«

Anna bewegte nur die Augen hin und her, dann sagte sie: »Egoist!«

Sven lachte leise. »Ick liebe dir. Und jetzt geh und sag dem Kerl so ganz nebenbei, dass du polyamor bist, wenn man in einer WG lebt, unterhält man sich doch über so Klamotten wie seinen Beziehungsstatus, das muss doch gar nichts bedeuten! Das ist ein ganz normales Gesprächsthema.«

Anna platzte heraus: »Nicht nach dem Tango gestern!«

Sven atmete genervt tief durch. »Annika? Ab jetzt!«

Anna grunzte böse, dann legte sie auf, warf das Handy auf den Schreibtisch und drehte sich wieder auf ihrem Stuhl hin und her. Der Maler hatte draußen den Kopf in den Nacken gelegt und ließ sich mit geschlossenen Augen die tiefstehende Wintersonne ins Gesicht scheinen. Der leichte Wind spielte mit den dichten dunklen Haaren, die sie gestern beim Tanzen kurz an ihrer Schläfe gespürt hatte, als er sie an sich gepresst hatte. Als er atemlos mit ihr dagestanden hatte und sie genau gespürt hatte, wie er dieses unverschämt geile Rohr bekam. Anna schloss die Augen und erschrak vor ihrem eigenen Wimmern. Wenn hier jemand nicht fair spielte, dann war das der Maler! Erst teasen und dann abbrechen. Das war so typisch für diese sanften Doms! Außerdem hatte er Tabak.

Bevor sie ihr Gehirn wieder einschalten konnte, war Anna aufgesprungen, hatte die Terrasentür aufgerissen und sprang durch den Garten. Sie merkte erst, als sie die eiskalte Wiese betrat, dass sie immer noch in dem dünnen Sommerfähnchen steckte und nackte Füße hatte, aber jetzt war es zu spät, da musste sie jetzt durch. Sie unterdrückte ein schockiertes Quieken, als sie über das eisige Gras auf den Bauwagen zuhüpfte und bremste dann abrupt einen knappen Meter vor John ab.

Er öffnete langsam die Augen und sah sie so träge an, wie Sven am Telefon geklungen hatte. Anna grinste zerknirscht und stellte fest: »Du hast Tabak.«

John nickte langsam. »Ja. Die männliche Bitch hat Tabak.«

Plötzlich kam Anna ein Gedanke. Sie schlug sich die Hände vor die Augen und stöhnte. »Und ich jammer rum, dass andere mich beschimpfen! Oh, Gott!«

John nippte scheinbar gelassen an seinem Kaffee. »Eigentlich bin ich inkognito hier.«

Er erwartete gar nicht, dass sie seinem Gedankengang folgen würde, aber sie sagte: »Okay, verstehe, keiner darf wissen, dass Gott in Ostfriesland im Bauwagen wohnt. Welche Anrede wär dir denn lieber? Your Highness? Your Grace?«

John neigte den Kopf und runzelte die Stirn. Verdammt, das Luder hatte ihn gepackt. »Euer Gnaden gefällt mir eigentlich ganz gut, aber ich hab nie verstanden, wann es seine Gnaden, euer Gnaden oder ihre Gnaden heißt.«

Anna sah ihn vollkommen ernst an. »Sollte es dann nicht auch irische Gnaden heißen?«

John fuhr sich nachdenklich über die Bartstoppeln. »Ich meinte jetzt eher ihre mit H.«

Anna nickte ernst. »Der Ire hat Haar. Doch, für mich klingt das schlüssig. Sonst hättest du ja eine Glatze.«

John warf der irritierenden Elfe einen misstrauischen Blick zu. Ging sie gerade tatsächlich mit ihm auf die Ebene, auf der phthaloblaue Kobolde diskutierten, ob der Quantenschaum in der Wanne noch gut war? Fast lauernd sagte er: »Ich dachte jetzt auch eher Gnade wie Anna.«

Sie nickte langsam. »John doch auch!«

John holte tief Luft. Ihr fielen also so absurde Details auf wie die Tatsache, dass sie beide eigentlich denselben Namen hatten. Einen Namen, der vom gleichen hebräischen Wort abstammte, und Channa bedeutete Gnade. Das hieß aber nicht zwingend, dass diese unfassbar verwirrende Frau Gnade walten lassen würde. Zum Beispiel, wenn er sich jetzt vor ihr auf die Knie warf, um sie anzuflehen, dass sie bitte echt sein möge und bestimmt kein Bild von ihm haben wollte, das zu den Kissen passt.

Die Elfe senkte jetzt den Blick, dann sank sie mit unbeschreiblicher Anmut in einen tiefen Hofknicks, flehte leise: »Gnade!«, dann sah sie zu ihm auf. John wusste selbst nicht, warum, aber beim Anblick dieser unterwürfig knienden Schönheit wurde er sofort heiß wie ein Waffeleisen. Er schluckte und sah ihr vollkommen gebannt in die Augen, dann brach sie den Zauber und sagte trocken: »Ich schnorre gerade eine Kippe. Nur für den Fall, dass ich mich nicht ganz eindeutig ausgedrückt habe.«

John blinzelte und nickte hirnlos, dann rutschte er unruhig auf der Treppe hin und her. Wieso tanzte sie bei der Kälte in diesem Flatterkleidchen durch den Garten? Ihre Nippel drückten sich so durch den unschuldig geblümten dünnen Stoff, dass er meinte, sie zwischen den Lippen fühlen zu können. Sein armer Schwanz wuchs sich schon wieder aus zu einem Rohr der Extraklasse und rebellierte gegen das drückende Feuerzeug in seiner Hosentasche.

Anna senkte wieder den Blick und fing leise an zu lachen. »Verdammt noch eins, kannst du mir jetzt endlich eine Kippe drehen wie ein Mann?«

John schluckte wieder und nickte fahrig, verstand aber nicht, was sie wollte. Anna seufzte und rappelte sich hoch. »Okay, gut! Es tut mir leid! Ich sag es nie wieder! Ich verkriech mich selber heulend in meinem Zimmer, weil immer alle gemein zu mir sind und mich für eine Schlampe halten, und dann nenne ich dich Bitch! Ich bin selber eine Bitch! Ich bin die erbärmlichste Slut auf Gottes … euer Gnadens … auf dem sein ihren Erdboden!«

»Auf dem Iren seinen Erdboden, so lautet der korrekte Dativ.« John sah ihr immer noch fasziniert in die Augen. »Wieso bist du eine Slut? Ich kapier das nicht mit deiner Keuschheit und diesem Grizzly und dem Typen, mit dem du ständig telefonierst!«

Anna bewegte hektisch die Augen und schnappte sich dann blitzschnell das Tabakpäckchen von der Bauwagentreppe. »Von welchem Grizzly reden wir hier gerade?«

John ließ Anna nicht aus den Augen. »Grizzly Björn Gardasee! Der Typ in dem gestreiften Miniröckchen und der Glitzerweste, der immer auf dem Einrad fährt und dessen Foto du anhimmelst!«

Anna streute sich konzentriert Tabak aufs Blättchen. »Bist du eifersüchtig, weil er so einen niedlichen kleinen Propeller auf der Mütze hat?«

John schüttelte fassungslos den Kopf »Du bist tatsächlich eine!«

Anna leckte das Blättchen an und sah ihn verwundert an. »Eine was?«

John holte das Feuerzeug aus der Tasche und nutzte die Gelegenheit, um diskret seinen armen eingekeilten Schwanz zurechtzurücken. Er konnte ein erlöstes Stöhnen nicht ganz unterdrücken. Anna warf ihm einen verstehenden Blick zu. »Jetzt ist es besser, nä?«

John spürte, wie er rot wurde, dann lachte er hilflos. Vor dieser Frau irgendetwas verbergen zu wollen, war ein Ding der Unmöglichkeit. »Scheiße, wieso bin ich bloß so scharf auf dich?«

Anna steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen und beugte sich dann vor, um den Tabak wieder auf die Treppe zu legen. »Weil du mich nicht haben kannst, ist doch logisch.«

John gab ihr Feuer und sah ihr dabei tief in die Augen. »Warum eigentlich nicht?«

Anna richtete sich wieder auf und blies mit einem seligen Seufzen den Rauch in den Himmel. »Weil ich Keuschheit gelobt hab, schon vergessen?«

John spürte wieder diese diffuse Wut in sich aufwallen. Was war das bloß für ein unbekanntes Gefühl? Er wollte sie einfach nur über die Schulter werfen, in seinen Wagen verschleppen und dann hemmungslos, besinnungslos, atemlos, einfach alleslos bis zur totalen Erschöpfung ficken. Er sah trotzig auf die nackten, rosigen Elfenzehen im Gras. »Und der Grizzly?«

Anna zog wieder an der Zigarette und winkte ab. »Ach, mit diesem Zirkusbären das ist doch nichts Ernstes! Du weißt doch, wie die sind.«

John runzelte angestrengt die Stirn, dann rieb er sich erschlagen die Augen. Die quiekenden Stimmchen seiner verwirrten Geliebten schwollen in seinem Kopf an zu einem Kreischen, untermalt von psychedelischen Soundeffekten und den Farben des Autorenkinos der Siebziger. Unerträglich. Bei dir weiß man nie, was du ernst meinst und wann man verarscht wird! Nimmst du eigentlich Drogen? Du bist so ein Sonderling! Was redest du da eigentlich immer?

Er hielt das Karussell mit einem Krachen an und sah zu Anna auf. »Okay, jetzt reicht es! Wie hoch ist dein Highscore?«

»Beim Flippern?«

John stöhnte. »Beim IQ-Test! Du redest dermaßen wirres Zeug, erzähl mir nicht, dass du nicht dieselbe Kindheit hattest wie ich! Du hast doch garantiert auch mehr Zeit beim Psychologen verbracht als zu Hause!«

Anna umarmte sich selbst gegen die Kälte und rieb sich den einen nassen, kalten Fuß am anderen. »Rede ich nicht so gerne drüber.«

John nickte. »Aha. Und wieso nicht, du kleiner Underachiever?«

Anna schniefte. »Mein IQ ist wie Rauchen. Der verursacht Impotenz.«
»Ja, bitte!« John musste lachen, dann stand er auf und legte ihr sein Hemd um die Schultern. Anna senkte den Kopf und holte zitternd tief Luft. Plötzlich fühlte sie sich eingehüllt von seiner Körperwärme. Sie warf ihm einen unsicheren Blick zu, dann ließ sie die Augen an ihm herunterwandern. John folgte ihrem Blick und für einen Moment sahen sie beide stumm auf die unverkennbare Ausbuchtung in seiner Hose. John holte hektisch tief Luft, dann wandte er sich ab und musste lachen. »Oh, Gott! So was Peinliches ist mir zum letzten Mal mit vierzehn im Schwimmbad passiert!«

Die Elfe lachte leise hinter ihm. »Willst du dein Hemd wiederhaben?«

John drehte sich wieder zu ihr um und fuhr sich nervös übers Gesicht. »Ich hab dir das verdammte Hemd gegeben, damit ich dir nicht immer auf die Knöpfe starre!«

Anna sah an sich herab und verschränkte verschämt die Arme. »Naja, okay, die meisten Leute sagen Nippel, aber Knöpfe kann man natürlich auch sagen. Aber ich kann mich drauf berufen, dass mir verdammt kalt ist!«

John lachte hilflos. »Ich meinte wirklich …«, er streckte einen Finger aus und berührte fast einen der Knöpfe an ihrem Kleid. »Ich … Knöpfe sind.«

»Ah, Knöpfe sind. Okay.« Anna nickte verstehend. »Bist du Fetischist?«

John rollte mit den Augen und wandte sich wieder mit einer halben Drehung ab. Anna murmelte leise: »Ist ja schräg. Knöpfe finde ich eigentlich gar nicht so geil, ich steh irgendwie mehr auf Schnürungen.«

John schluckte und sah sie vorsichtshalber nur aus dem Augenwinkel an. Anna zuckte die Schultern. »Ja, alles, was so bändermäßig flattert, was man langsam aufziehen kann. Ich bin völlig verrückt nach Bändern und Schnürungen. Also, bei mir selber, nicht bei Männern. Männer sind ja jetzt nicht so unbedingt für Corsagen gemacht.«

»Corsagen!« John wimmerte verwirrt und drehte ihr den Rücken zu. »Können wir jetzt vielleicht das Thema wechseln? Wir waren bei deinem IQ stehengeblieben! Ich erzähl es auch nicht weiter. Ich will dir ja nicht anderswo die Chancen verderben!«

Was redete er da überhaupt? Andere Männer sollten mal schön die Finger von ihr lassen! Er drehte sich wieder zu ihr um. Anna zog an der Zigarette in der hohlen Hand. »152. Guck mal, ich kann rauchen wie Humphrey Bogart.«

John lachte und sah sie hilflos an. »Ich glaub, jetzt werde ich doch impotent.«

Anna schüttelte den Kopf. »Brauchst du nicht, ist ganz einfach. Du musst nur die Kippe so zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und dann ziehen! Siehst du? 149.«

John lachte völlig hingerissen von dieser durchgeknallten Elfe laut auf. »Woher kennst du meinen IQ?«

»Weibliche Intuition. Immer, wenn ich anfange, vollkommen absurde Scheiße zu reden, weiß ich, dass ich einen Artgenossen getroffen habe. Steht aber auch im Internet.«

»Du hast mich also gegoogelt.«

»Ja, klar. Du wirst ja als Genie gefeiert.« Sie sah auf ihre wackelnden nackten Zehen im kalten nassen Gras. »Glaubst du, ich hab jetzt genug für meine Durchblutung getan? Guck mal, ganz rosa!«

John lachte hilflos und fuhr sich über die Bartstoppeln. »Hmhm.« Er schwankte ständig zwischen dem Impuls, sie zu erwürgen und sie an sich zu reißen, um sie zu küssen. »Ich weiß nicht, was das ist, aber du machst mich völlig wahnsinnig! Glaubst du, wir könnten mal ganz, ganz kurz auf eine Sachebene?«

Anna sah ihn plötzlich seltsam gehetzt an. Sie wusste, was er fragen würde. Aber sie schüttelte heftig den Kopf, dann schnippte sie die Zigarette in die nasse Wiese und rannte los. Aber plötzlich war John hinter ihr und packte sie am Arm. »Warte, warte! Ich frag nicht mehr nach dem Grizzly, versprochen!«

Anna funkelte ihn wütend an. »Ich hab nichts mit Zirkusbären!«

John hob beruhigend eine Hand. »Ist gut, ist ja gut, ich hab’s kapiert, Keuschheit und keine Fragen! Aber würdest du mal mit mir tanzen, wenn diese kleine Spannerherde nicht dabei ist?«

Die Frage überrumpelte Anna völlig. Während sie fieberhaft nachdachte, veränderte sich Johns Körpersprache auf eine seltsam subtile Weise. Plötzlich spielte ein schelmisches Lächeln um seine Lippen und er neigte sanft den Kopf, als wollte er sie küssen, aber er küsste sie nicht. Er täuschte nur fast so etwas wie einen Kuss an und streifte dann ganz zart mit der Nasenspitze ihre Wimpern, dann legte er ihr so sacht, dass sie es kaum spürte, die Fingerspitzen an die Wange und schnupperte verliebt an ihr. All das tat er so betörend sinnlich und langsam, wie er mit ihr getanzt hatte. Dann strich er ihr ganz zart eine Haarsträhne von der Schläfe hinters Ohr, schloss die Augen und spürte einfach nur mit einem hingerissenen Lächeln ihre Nähe. Anna fühlte, wie er sich kurz reckte und dann mit einem tiefen Atemzug eine sinnliche Beckenbewegung andeutete.

Hilflos legte sie eine Hand an seine Brust, um den Abstand zu halten und holte zitternd tief Luft. Sie sah auf seine unglaublich langen, dichten Wimpern, so glänzend schwarz, dass wohl jedes Model dafür getötet hätte. Seine Lippen waren völlig entspannt und leicht geöffnet, fast so, als würde er schlafen, sinnlich geschwungene Lippen, nicht voll, aber sanft und weich, fast zu schön für einen Mann. Annas Gehirn setzte aus. Sie neigte den Kopf und deutete jetzt selbst einen Nicht-Kuss an, der fast sein Kinn gestreift hätte. Sie hatte noch nie so erotisch einen Mann nicht geküsst.

John kitzelte mit der Nasenspitze den Haaransatz über ihrer Stirn und lachte lautlos, aber sanft. »Na komm schon, Kleines, welchen Song hörst du gerade in deinem Kopf?«

Anna senkte den Kopf und musste lächeln. »Das ist echt zu peinlich!«

John blies zart in ihre Haare und flüsterte an ihrem Ohr: »Meiner ist peinlicher, jede Wette!«

Anna lachte leise. »Dann du zuerst!«

John atmete sanft tief durch. »Ich bin ja selber schuld, wenn ich damit anfange!«

Anna nickte und ließ die Hand auf sein Herz wandern. Es raste wie wild. John biss ihr mit einer verspielten Bewegung ganz sachte ins Ohrläppchen, dann flüsterte er: »Wicked Game! The world was on fire and no one could safe me but you!«

Anna lachte auf, rieb die Stirn an seinem Schlüsselbein und fasste in sein T-Shirt, um sich festzuhalten. »Okay, Chris Isaak ist extrem peinlich.«

John lachte zufrieden und machte wieder diese unfassbar sinnliche Beckenbewegung in ihre Richtung. Anna taumelte leicht. Dieser Mann brachte sie plötzlich in jeder Beziehung vollkommen aus dem Gleichgewicht. Seine kalten Finger wanderten ganz sachte in ihren Nacken, dann stieß er sie mit einem Finger auffordernd an. Anna murmelte verlegen: »At last!«

John ging mit einem Stöhnen in die Knie. »Aber nicht die Etta James Version!«

Anna lachte wieder leise. John seufzte fassungslos. Er legte die Hände um Annas Gesicht und stöhnte: »Ich treffe eine Frau, die eine Jukebox im Kopf hat und sie hat Keuschheit gelobt!«

Anna sah mit funkelnden Augen zu ihm auf und lachte ratlos. »Was machen wir hier eigentlich?«

Dieses perlende, heisere Elfenlachen machte John vollkommen schwach. »Ich weiß nicht, ich war noch nie in eine keusche Frau verliebt. Ich glaub, ich war überhaupt noch nie verliebt.«

Anna sah ihn strafend an. »Der Spruch ist ja schlimmer als Winnetou Kowalski!«

John trat verwirrt zurück. »Hä? Ich hab das nicht ausgesprochen, ich hab das nur gedacht

Anna lachte spöttisch und sah ihn an, als wäre er blöder als ein Pfund Tofu. »Jeder denkt an Winnetou Kowalski, wenn einer den abgelutschten Spruch mit den schönen Augen raus haut!«

John lachte hilflos. »Aber du hast wirklich traumhaft schöne Augen!«

Anna rollte resigniert mit denselben. »Alles klar, Winnetou!«

John lachte übermütig, täuschte wieder einen Kuss an und taumelte mit Anna über die Wiese, dann flüsterte er atemlos: »Kleines!«

Ihr Blick traf ihn bis auf den Grund seiner Seele. »Mach das nicht mit mir, John!«

Er sah sie gebannt an und versuchte es mit seinem schönsten Lächeln. »Was, Kleines, was?«

Das Lächeln war zu viel. Anna wurde wütend. »Diese Womanizer-Scheiße! Die Masche vom selbstverliebten Verführer macht es mir unmöglich, den wahren John zu sehen! Und den könnte ich vielleicht leiden! Aber nicht diesen … ach, scheiß drauf!«

Anna drehte sich abrupt um, dann sprang sie davon. John sah ihr völlig verwirrt nach. Was hatte er bloß angestellt? Aber sie trug immer noch sein Hemd.

Und was ist deine Meinung?