BS 1, Kapitel 20: Jesus und Rafael nehmen John ins Gebet

Natürlich hätte John seinen Trecker nehmen können, um zu Rafael zu tuckern. Das wäre zwar eine halbe Tagestour geworden, aber ein Cowboy ritt immer am besten auf seinem eigenen Pferd. Er hätte auch Steffi um ihr Auto bitten können, aber Steffi war wohl selbst unterwegs.

Also beglückwünschte er sich jetzt dazu, dass er Kenos pinkfarbenen kleinen Japaner ausgeliehen hatte, auch wenn er die goldenen »Preslubishi« und »Elvismobil« Aufkleber an den Türen schon etwas skurril fand. Aber der Hagel kam jetzt schräg von vorne und das war auch für einen Kerl mit Regenwasserdusche nicht das ideale Wetter, um auf einem antiken Trecker ohne Fahrerkabine zu sitzen.

John versuchte irgendwie, sich bequemer hinzusetzen. Es war ihm ein absolutes Rätsel, wie Keno seinen Las Vegas Körper in diesem Auto unterbrachte. Las Vegas. »Scheiße«, dachte John. In dieser Stadt hatte er die größte Dummheit seines Lebens begangen.
John parkte jetzt an einem kleinen, verschlafenen Kanal und wartete, bis der schlimmste Hagel vorbei war. Rafael würde ihn auslachen, das war ihm klar. Als das launische ostfriesische Wetter plötzlich einen Sonnenstrahl schickte, stieg John aus, klappte seinen Kragen hoch und lief zum Haus des Pfarrers, aber niemand öffnete.

Also lief John um die kleine katholische Kirche, die Rafael immer als die letzte Exklave im feindlichen Protestantenland bezeichnete, und drückte gegen die Tür.

»Das Haus des Herrn sollte immer für jeden offen stehen, außer für Diebe!«, sagte Rafael gern sarkastisch grinsend, wenn er die Kirche abschloss, aber John hatte Glück, diesmal stand das Haus des Herrn tatsächlich offen. Für einen Moment zögerte er noch. Er wusste, dass es Schwachsinn war, mit Rafael zu sprechen. Er war sich ja noch nicht einmal sicher, wieso er an der Freundschaft mit Rafael festhielt. Rafaels gesamtes Weltbild ging ihm vollkommen gegen den Strich, aber sie waren immer die einzigen Jungs im gleichen Alter gewesen in dem Kuhkaff, in dem sie aufgewachsen waren, und so etwas verbindet.

John betrat also seufzend die dämmerige Kirche. Er fand Rafael direkt an einem Infoständer hinter dem Taufbecken, wo er im Halbdunkel seiner Kirche Pfarrbriefe sortierte. Rafael blickte auf. »John!«

John blickte auf Rafaels schwarzen Anzug mit dem weißen Priesterkragen. »Du bist im Dienst.«

Rafael winkte ab. »Schon okay. Auch Atheisten bedürfen meiner Seelsorge, besonders, wenn sie aussehen wie du heute. Setz dich.«

John nahm in der letzten Kirchenbank Platz und warf einen gequälten Blick auf den Holzjesus am Kreuz. Rafael folgte seinem Blick und fragte: »So schlimm?«

John grunzte: »Weiß gar nicht, warum ich hergekommen bin! Ich wusste, dass du dich über mich lustig machen würdest!«

Rafael hob beschwichtigend die Hände und setzte sich in die Kirchenbank vor John. Nach einem tiefen Seufzer mit Blick auf den Altar wandte er sich zu ihm um. »Okay, was ist es, das sechste Gebot?«

John knurrte: »Du sollst nicht töten?«

Rafael grinste. Dann wurde er ernst. »Fängt das Problem mit T an und hört mit ango auf?«

John schnaufte nur hilflos.

Rafael versuchte es weiter. Wie ein Geheimagent, der gleich den Wasserhahn aufdreht, damit er nicht abgehört werden kann, sah er sich suchend um, dann flüsterte er: »John, das war der unanständigste Tango, den ich je gesehen habe! Ich wusste gar nicht, dass du so tanzen kannst!«

John lächelte selig. »Ich auch nicht. Aber mit dieser Frau … Rafael!«

Rafael gab einen leisen Pfiff von sich. »Tu mir nur einen Gefallen: Wenn du das nächste Mal einspringst, weil mir für den Tanz-Abend im Gemeindezentrum ein Eintänzer fehlt, lass den Valentino-Modus aus! Du bringst mir ja die Damen völlig durcheinander! Das wird der größte Skandal seit der Reformation!«

John grinste schuldbewusst. »War es so schlimm?«

Rafael schnaubte: »Schlimm? Das war horizontaler Sex mit Klamotten!«

»Vertikaler.«
»Dann eben vertikal! Meinetwegen auch konvex oder konkav! Aber ich glaube, der einzige Mensch im Publikum, der gestern Abend keinen Ständer hatte, war Steffi!« Rafael schlug sich erschrocken vor den Mund. »Das hab ich nicht gesagt!«

John grinste jetzt, aber Rafael schüttelte den erhobenen Zeigefinger. »Oh, nein, nicht wieder die Zölibatsdiskussion! Ich hab mir das freiwillig ausgesucht und kann damit leben!«

John fragte unschuldig: »Solange niemand Tango tanzt?«

Rafael beugte sich zu ihm vor und zischte: »Es gibt Linksträger und es gibt Rechtsträger. Aber ich bin Würdenträger!«

John lachte, senkte aber sofort die Stimme, als ihm einfiel, wo er war. »Auf welchem Priesterseminar hast du denn den Kalauer aufgeschnappt?«

Rafael bekreuzigte sich und murmelte demonstrativ: »Herr, vergib ihm seine Sünden!«, dann wandte er sich wieder von seinem obersten Boss an John. »Also, was genau ist jetzt dein Problem?«

John schnaubte wütend. »Das Zölibat.«

Rafael holte genervt Luft. »John, das Thema haben wir für heute doch gerade abgehakt!«

»Nicht dein Zölibat, ihres!«

Rafael stutzte irritiert. »Ihres? Wessen?«

John knurrte: »Annas!«

»John, jetzt hör auf, mich zu verkaspern. Worum geht es wirklich?«

John stieß aus: »Verkaspern! Tritratrullala! Verfickte Scheiße, Rafael, sie lebt im Zölibat

Rafael bat streng: »Bitte, mäßige deine Sprache.«

John stöhnte. »Du hörst dich an wie meine Frau!«

Rafael raufte sich die Haare. »John, bitte! Komm einfach nur auf den Punkt!«

»Das tue ich doch! Rafael, ich hab mich verliebt, ich hab mich unsterblich verliebt! Ich hab schon vor über zehn Jahren die Hoffnung aufgegeben, dass mir irgendwann mal ein Mensch begegnen könnte, der mich auf so vielen Ebenen sofort intuitiv versteht und jetzt treffe ich mitten in der ostfriesischen Pampa dieses unglaubliche Wesen! Zwischen ihr und mir, da ist etwas passiert … ich kann dir gar nicht genau sagen, was es ist. Eigentlich kriege ich diese Frau schon nicht mehr aus dem Kopf, seit ich ihr zum ersten Mal in die Augen gesehen habe.«

Rafael knurrte mit einem genervten Seitenblick: »John, man verliebt sich im wahren Leben nicht nach Farben.«

John sah ihn verständnislos an. »Rafael, das ist völlig irre! Sie hat wirklich genau dieselbe Augenfarbe wie ich! Weißt du, wie selten genau dieses Grün ist?«

Rafael legte sich jetzt die Hände vors Gesicht und stöhnte: »Herr, gib mir Geduld!«

»Rafael, hilf mir! Ich weiß nicht, was ich tun soll! Ich hab irgendwie nie gelernt, mich um eine Frau zu bemühen! Die haben sich immer um mich bemüht, verstehst du? Hast du eine Ahnung, was das in meinem Alter für ein scheiß Handicap ist?«

Rafael seufzte. »In deiner Welt sicher.«

John zischte: »Aber in der lebe ich nun mal! Erst dachte ich, ich bin einfach scharf auf sie, so wie es eben immer anfängt …«

»Bei dir!«, konnte Rafael sich nicht verkneifen.

John rollte mit den Augen. »Ja, mea maxima culpa! Ich war mein ganzes Leben lang eine seelenlose Sexmaschine, aber kannst du mich jetzt bitte endlich ernst nehmen? Ich hab wirklich versucht, alles richtig zu machen, ich hab mit ihr geflirtet, ich hab sie gefragt, ob ich sie malen darf, ich hab das volle Programm aufgefahren und weißt du, was sie gesagt hat?«

Rafael stützte den Kopf in die Hand und sah John müde an. John holte tief Luft, dann platzte er heraus: »Sie sagt, mit meiner Masche vom selbstverliebten Verführer mache ich es ihr unmöglich, den echten John zu sehen! Sie sagt, sie kann den scheiß Womanizer nicht leiden!«

Rafael bekam runde Augen, dann bekam er das verkniffene Gesicht, das er immer machte, wenn er lachen wollte, aber es für unangebracht hielt. Bemüht bedächtig sagte er: »Nun, offensichtlich ist sie eine Frau, die hinter die Fassade blickt und deinen Automatismus entlarvt hat!«

John starrte Rafael verwirrt an. »Hä? Welchen Automatismus?«

Rafael neigte geduldig den Kopf. »John. Wo soll ich denn da anfangen? Du bist eben, wenn es um Frauen geht, nicht besonders individuell. Du spulst das Programm ab, von dem du weißt, dass es funktioniert. So ähnlich wie ein gut dressierter Hund, der weiß, was er tun muss, um eine Belohnung zu bekommen! Und Frauen sind für dich eben Leckerlies!«

John sah Rafael an, als würde er gleich anfangen zu weinen. Rafael sah den Jungen vor sich, mit dem er zur Schule gegangen war und den er immer beschützt hatte wie einen kleinen Bruder. Den John, der immer einen Kopf kleiner gewesen war als die anderen, weil er Klassen übersprungen hatte, aber der hochintelligente Überflieger hatte nie wirklich dazugehört.

Rafael seufzte tief und wandte sich wieder dem Altar zu, als würde er beten. Nach einem langen Schweigen wandte er sich wieder zu John um. »Du willst wirklich meine Meinung? Ganz ehrlich?«

Kleinlaut murmelte John: »Ja.«

Rafael dachte noch einen Moment nach, dann holte er tief Luft. »Ich musste gerade daran denken, wie du als Junge warst. Du konntest schneller rechnen als ein Taschenrechner, Fremdsprachen sind dir nur so zugeflogen und du warst immer schon ein auffallend hübscher Bengel. Aber kannst du dich daran erinnern, wie sensibel und feinfühlig du als Kind warst? Deine Mutter musste den Fernseher abschaffen, weil Zeichentrickfilme dich viel zu sehr aufgewühlt haben! Dieser kleine Maulwurf, dem immer die Tränen so aus den Augen schossen, hat dich noch als Achtjährigen so verstört, dass du nächtelang nicht schlafen konntest! Du warst mal viel zu sensibel und verletzlich für diese Welt und dann haben die Mädchen in der Schule dich entdeckt und sich einen regelrechten Sport daraus gemacht, von dir gezeichnet zu werden! Du warst damals noch ein richtiges Kind mit großen romantischen Gefühlen und hast das alles für Liebe gehalten, aber du hattest als Fünfzehnjähriger schon mehr Sex in irgendwelchen Mädchenzimmern unterm Dach als wir anderen Jungs in der Klasse zusammen, und wir waren siebzehn! Die Mädchen haben die Porträts, die du von ihnen gezeichnet hattest, wie Trophäen herumgereicht! Du hast das Interesse der Mädchen damals völlig naiv für Liebe gehalten und wahnsinnig viel Gefühl investiert, aber hinter deinem Rücken haben sie dich den irischen Wanderpokal genannt und wer noch kein Porträt hatte, gehörte nicht zur coolen Clique! Wenn du mich fragst, hat das alles ganz viel in dir kaputtgemacht und verschüttet! So sehr wir dich damals auch alle beneidet haben, gut getan hat dir das sicher nicht.«

John knurrte: »Beneidet? Ihr habt mich Dorfschlampe genannt!«

Rafael nickte schuldbewusst. »Weil wir neidisch waren! Dir sind die Frauenherzen eben immer schon zugeflogen. Natürlich hast du dadurch nie gelernt, dich um eine Frau zu bemühen. Weil sie dir immer schon nachgerannt sind. Irgendein Mädchen saß immer neben dir und hatte nur Augen für dich. Ich will nicht sagen, dass dieses Überangebot deinen Charakter verdorben hat, aber du hast einfach viel zu jung die Erfahrung gemacht, dass intime Beziehungen austauschbar sind. Das ist nicht deine Schuld, aber sei ehrlich, John, du lebst im Bauwagen, damit du jederzeit deine Zelte abbrechen kannst! Du bist ein genialer Künstler und dein Ruhm und deine Preise sind mehr als verdient. Aber Genialität wie deine hat immer einen Preis. Menschlich bist du irgendwo in der Pubertät stecken geblieben. Du denkst immer noch, dass du der hübsche Junge bist, mit dem alle Mädchen mal was gehabt haben wollen. Aber wenn du wirklich mal tiefe Intimität und Vertrautheit erleben willst, stehst du dir selbst im Weg damit, dass du immer noch den unbeschwerten Jungen spielst!«

Rafael wartete ab, aber John saß nur da und arbeitete wie ein Computer, der an einem viel zu großen Download hängengeblieben ist.

Zögernd fragte Rafael: »War das zu hart?«

John machte nur eine ungeduldige Handbewegung. »Weiter!«

Rafael schnaufte angestrengt. »Wenn du mich fragst: Anna hat vollkommen Recht damit, dem versierten Womanizer nicht zu trauen! Um ehrlich zu sein, ich habe auch Schwierigkeiten damit, diese Seite an dir zu tolerieren. Du trägst deinen schüchternen Verführerblick vor die her wie einen Schutzschild, damit niemand dich enttäuschen kann, aber gerade dadurch provozierst du immer wieder neue Enttäuschungen! Du hast dich längst total abgekapselt. Du lebst nur noch in einer Welt aus Farben und Licht, aus Pinseln und Perspektive. Da hat eine tiefe Liebe keinen Platz. Denn Liebe heißt nicht Tango, sondern Verlässlichkeit, Vertrautheit, Verantwortung. Das sind die drei großen Vs, die du fürchtest wie der Teufel das Weihwasser, wenn du mir diese kleine Allegorie gestattest.«

John ratterte innerlich. »Weiter!«

»Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt anhöre wie der Psychotest in einer Frauenzeitschrift: Ich denke, du hast Angst vor Gefühlen und kannst dich deswegen nicht einlassen. Aber es wird Zeit, dass du mal Verantwortung übernimmst. Du hast zahllosen Frauen das Herz gebrochen. Niemals mit böser Absicht, keine Frage, du möchtest niemanden verletzen, aber wenn ein Mensch dich liebt und du diese Liebe nicht in gleichem Maße erwiderst, dann ist das für den anderen verletzend. Und weil du das nicht verstehst, lässt du immer wieder Frauen in eine einseitige Beziehung mit dir rennen. Und wenn du diesen Knoten nicht langsam irgendwie auflöst, wirst du irgendwann ein verbitterter, einsamer Tattergreis sein, der nie erlebt hat, wie es ist, sich selbst einzulassen und zu lieben, anstatt nur geliebt zu werden.«

John legte stöhnend den Kopf in die Hände. »Weiter. Gib’s mir richtig.«

»Also, um ganz ehrlich zu ein, ich hab schon lange das Gefühl, dass du derjenige bist, der im Zölibat lebt, und zwar im emotionalen Zölibat. Du lässt niemanden wirklich an dich ran. Manchmal beneide ich dich um dein aufregendes Leben rund um die Welt, aber um deine Einsamkeit und Bindungslosigkeit beneide ich dich wirklich nicht.«

John sah Rafael an wie ein angeschossener Hund. »Wie hast du die Freundschaft mit mir so lange ausgehalten?«

Rafael zuckte die Schultern und grinste schief. »Ein bisschen Rock’n’Roll braucht doch jeder im Leben, oder?«

John nickte nur nachdenklich, dann traute er sich zu fragen: »Und Anna? Was sagt Doktor Rafael dazu?«

Rafael lächelte traurig. »Ich glaube nicht, dass du das jetzt auch noch hören willst.«

»Rafael!«

»Wenn du wissen willst, wie es sich anfühlt, ein geniales Phantom zu jagen, das noch mehr Angst vor Gefühlen hat als du, ist sie die Richtige. Was soll das mit dem Zölibat und wenn ich das richtig verstanden habe, führt sie doch diese Telefonbeziehung, findest du das alles nicht auch äußerst seltsam? Das wirkt auf mich wie deine Spiegelfechterei in der weiblichen Version.«

John nickte stumm und stand auf. »Danke, Mann. Jetzt hab ich was zu knabbern.«

Rafael sah ihm nach, als er mit schlurfenden Schritten wie ein alter Mann die Kirche verließ. Von dem heißblütigen Tangotänzer war nichts mehr zu sehen. Rafael hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn noch einmal auf das sechste Gebot anzusprechen.

Und was ist deine Meinung?