BS 1, Kapitel 26: Pokéjohn, go!

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John hatte alles so präzise geplant wie einen Bankraub. Schließlich hatte er tagelang Annas Rhythmus ausspioniert und gegen elf Uhr abends verließ sie immer für einen kleinen Streifzug ihr Zimmer. Und wohin sollte eine Elfe huschen, wenn das Haus still war? In die Küche. Anna war ein Nachtmensch, so viel wusste er mit Sicherheit. Also goss er in der großen WG-Küche den Pfannkuchenteig in dem Moment in die Pfanne, als im Flur das Licht anging.

Als Anna in die Küche kam, sah sie ihn unsicher an, dann murmelte sie: »Bin gleich wieder weg!«, und huschte zum Kühlschrank. John stellte zwei Teller auf den Tisch. »Lauf nicht weg, gibt gleich Pfannkuchen.«

Anna schniefte leise, öffnete den Kühlschrank und starrte unentschlossen hinein. John trat hinter sie und merkte, dass er gerührte Knopfaugen bekam. Sie stecke in einem viel zu großen himmelblauen Flanellpyjama mit tanzenden Snoopies und ihre Haare waren vollkommen zerzaust, aber ihre Wangen glühten. Viel heißer als beabsichtigt flüsterte John: »Warst du schon im Bett?«

Anna starrte weiter in den Kühlschrank. »Nicht wirklich.«

John hielt gereizt die Luft an. Sie hatte mit Sicherheit wieder telefoniert, aber daran wollte er jetzt nicht denken. »Suchst du was?«

»Die scheiß Vanillejoghurts!«

John lachte leise. »Ich hab mal in einem Vortrag über Gehirnforschung gehört, dass Männer stundenlang überfordert in den Kühlschrank starren und Frauen alles auf einen Blick finden!«

Er griff einen Vanillejoghurt und hielt ihn Anna vor die Nase. Sie sah ihn wütend an. »Wo war das verdammte Ding?«

John grinste. »Im Kühlschrank!«

Anna streifte ihn mit einem Blick, den er nicht deuten konnte. John räusperte sich unsicher. »Ist irgendwas?«

Anna wich seinem Blick aus und nahm ihm zögernd den Joghurt ab. »Ich dachte nur gerade daran, wie utopisch manche Utopien sind! Wieso brätst du deinen Pfannkuchen nicht bei dir zu Hause?«

John ging zurück zum Herd. »Weil mein Zuhause dann die ganze Nacht nach Pfannkuchen riecht. Außerdem wollte ich mit dir essen.«

Anna warf ihm einen verwirrten Blick zu. »Wieso mit mir?«

John konzentrierte sich darauf, den Pfannkuchen vorsichtig anzulupfen, um zu sehen, ob er schon braun wurde. »Was?«

Scheinbar beiläufig fragte Anna: »Kennst du den Unterschied zwischen einer Schlampe und einem Miststück? Eine Schlampe treibt es mit jedem, ein Miststück treibt es mit jedem, außer mit dir!«

John atmete tief durch, dann lehnte er sich an die Spüle und verschränkte die Arme. »Ich hab mich tierisch im Ton vergriffen, das tut mir leid. Ich war vielleicht einfach zu voreilig.«

Anna stand in ihrem drolligen Schlafanzug mitten in der Küche, hielt mit beiden Händen ihren Joghurtbecher fest wie einen Blumenstrauß und sah ihn misstrauisch an. John holte tief Luft. »Ich, vielleicht … können wir noch mal von vorne anfangen?«

»Wo genau vorne?«

John stieß sich von der Spüle ab wie vom Rand eines Schwimmbeckens, dann wusste er kurz nicht, wohin. Schließlich machte er einen Schritt auf Anna zu und hielt ihr die Hand hin. »John.«

Anna sah ihn bewundernd an. »Mann, hast du geile Augen, jetzt versteh ich erst mal die Faszination!«

John musste lachen und wandte sich ab. »Scheiße, Miststück! Also nicht von vorne anfangen.«

Anna setzte sich an den Tisch. »Von vorne anfangen geht überhaupt nicht! Das würde eine totale Amnesie erfordern! Aber ich weiß, dass du mich ablehnst und ich komm schon irgendwie klar damit. Zu tun, als wäre das nicht so, wäre einfach unehrlich.«

John ging verwirrt zum Herd, drehte den Pfannkuchen um und dachte angestrengt nach, dann drehte er sich wieder um. »Anna, ich … ich hab mich entschuldigt, okay? Was soll ich noch machen?«

Anna stützte den Kopf in die Hände und rieb sich müde die Stirn. »Sorry, tut mir leid. Entschuldigung angenommen. Ich will nur nicht weitermachen. Du gehst doch sowieso wieder nach New York, es gibt ja gar keinen Grund, wieso wir Energie auf eine Auseinandersetzung verschwenden sollten.«

John holte langsam den ersten Pfannkuchen aus der Pfanne, legte ihn auf einen Teller und goss den restlichen Teig in die Pfanne, dann drehte er sich langsam um. »Was bist du eigentlich für eine Frau?«

Anna zog fragend die Augenbrauen hoch. John lachte verlegen. »Na ja, ich meine … sonst rennen Frauen immer hinter mir her, weil sie mit mir über meine Gefühle reden wollen. Und wenn ich mit dir reden will, lässt du mich immer auflaufen.«

»Ich lass dich auflaufen?«

John stellte Anna den Teller vor die Nase. »Marmelade oder Nutella?«

»Pur.«

John nickte, dann setzte er sich vorsichtig. »Das mit New York hab ich noch gar nicht endgültig entschieden.«

Anna zuckte die Schultern und griff in die Tasche ihrer Pyjamajacke. »Ist ja auch egal. Du kannst deine Pokéjohn-Sammelkarte auf jeden Fall haben, ich brauch die ja nicht mehr.«

Sie legte eine bunte Sammelkarte auf den Tisch und rupfte sich dann ein Stück vom Pfannkuchen. John schnellte vor und riss die Karte vom Tisch. »Mr. Bombastic

Anna stopfte sich Pfannkuchen in den Mund und nuschelte: »Das Foto ist natürlich ein Stockfoto von irgendeinem Typen, der dir ein bisschen ähnlich sieht, ich wusste nicht, ob ich das Foto aus deinem Wikipedia-Eintrag verwenden darf oder ob dein Agent mich dann erschießt.«

John schnappte nach Luft. »Merkmale: Sexy Lissspeln? Geht’s noch? Ich lissspel doch nicht!«

Anna senkte nur den Kopf und rupfte sich das nächste Stück vom Pfannkuchen. John stieß fassungslos aus: »Ich hab 4958 Punkte bei Potenz aber nur 3899 Punkte bei Talent?«

Anna zuckte die Schultern. »Na ja, jedes mal, wenn ich dich sehe, hast du einen Ständer.«

John fuhr sich über die Augen und wandte verschämt den Kopf ab, dann korrigierte er: »22. Es sind nur 22 cm, keine 24.«

Anna streifte ihn mit einem misstrauischen Blick. »Angeber!«

John atmete tief durch und fuhr sich über die Augen. »Ich kann nichts dafür, dass ich mit diesem scheußlichen Monsterschwanz geschlagen bin, okay? Rein statistisch gesehen haben die Iren die zweitkleinsten Schwänze Europas!«

Anna blinzelte ihn an. »Aha. Und wer hat die Kleinsten?«

John knurrte: »Die Griechen.«

Anna kicherte. »Das erklärt, wieso griechische Statuen immer so winzige …« Sie wackelte mit dem Finger.

John sah genervt zur Decke. Das Gespräch entwickelte sich irgendwie nicht in die geplante Richtung, aber Anna kam gleich der nächste Gedanke. »Wenn ihr Iren die zweitkleinsten Schwänze habt, wer hat dann die zweitgrößten?«

John überlegte. »Laut der Umfrage, die ich gelesen habe, die Schweden.«

Anna spitzte nachdenklich die Lippen und sah für einen Moment aus wie ein putziges Kaninchen, das Pfeifen übt, dann stellte sie fest: »Das muss ich Sven erzählen.«

John fragte sich, ob dieser Sven nur einen schwedischen Namen hatte, oder ob er tatsächlich Schwede war. Er platzte heraus: »Die Franzosen haben größere!«

Anna lachte leise, lutschte sich die fettigen Finger ab und grinste ihn dann an. John warf ihr einen wütenden Blick zu. »Miststück!«

Anna nickte knapp. »Sag ich doch! Du kannst die Karte ruhig mitnehmen nach New York, irgendeine Dame wird sich schon drüber freuen.«

John holte gereizt tief Luft, steckte die Karte aber in seine Hemdtasche. »Das mit New York hab ich eigentlich nur gesagt, weil ich das Gefühl habe, dass ich hier überhaupt nicht rein passe.«

Anna rupfte wieder vorsichtig am Pfannkuchen. »Wer passt hier denn rein?«

John zuckte die Schultern. »Ihr alle.«

Anna sah ihn unergründlich an. »Eugen ist mit 29 bei seinen Eltern ausgezogen und glaubt, dass niemand ihn mögen könnte, weil er viel zu langweilig ist. Keno ist ein einsamer Mittdreißiger, dem in einer Singlewohnung die Decke auf den Kopf fallen würde, aber eine Frau findet er auch nicht, weil Elvis total out ist und seine Fans ohne Rollator nicht mehr vor die Tür kommen. Steffi hält sich chronisch für talentfrei und erfolglos und hat gerade eine richtig schmutzige Trennung an der Backe. Und Lothar ist komplett ausgebrannt davon, den lustigen Hipster zu geben und vereinsamt allein in seinem Kopf mit brillanten Ideen, die er mit niemandem teilen kann. Passt irgendwer von denen hier rein?«

John sah Anna forschend an. »Und du?«

Anna rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Ich bin eine versprengte Seele, die gerade nicht weiß, ob ihr emotionales Zuhause noch ihr Zuhause ist, weil da jemand anderes eingezogen ist und ich Angst habe, dass da nicht mehr genug Platz für mich ist.«

John nickte langsam und stellte vorsichtig fest: »Er hat also eine Andere.«

Anna holte tief Luft, dann sah sie ihn offen an. »Ich weiß gerade ehrlich gesagt nicht, ob du hier eine scheinheilige Masche abziehst, weil du denkst, du hast dir einen schnellen Fick versaut und jetzt schönes Wetter machen willst oder ob dich das wirklich interessiert. Aber wenn du nicht wirklich mein Freund sein willst, verlang nicht, dass ich über persönliche Dinge rede, dafür finde ich das echt zu anstrengend. Das brennt an.«

John sprang auf und wendete den anbrennenden Pfannkuchen, dann schaltete er den Herd aus und setzte sich wieder. »Er hat also eine Andere?«

Anna streifte ihn mit einem prüfenden Blick, dann rupfte sie wieder am Pfannkuchen. »Sven hat immer Andere, das ist nicht das Problem. Aber diese Andere ist nicht wie die anderen Anderen.«

John neigte verwirrt den Kopf. »Wieso tust du dir das an?«

Anna spitzte wieder nachdenklich die Lippen und suchte mit den Augen die Decke ab. »Ah, du gehst also von der Opfer-Theorie aus. Eine Frau, die mit einem untreuen Mann zusammen ist, muss ja ein betrogenes Opfer sein. Keine Frau mit Ehre im Leib sucht sich so was selber aus.«

John sah sie abwartend an. »Und? Bist du kein Opfer?«

Anna setzte sich auf und schob ihm den Teller zu. »Ich bin kein Opfer, ich hab das riesige Glück, einen Partner zu haben, der respektiert, dass ich eben polyamor zur Welt gekommen bin. Das ist eine ganz normale Veranlagung, so wie Homosexualität, Asexualität, das absolute Gehör oder eine verdammte Hochbegabung. Manche Menschen fühlen eben so.«

John fuhr sich angestrengt über die Augen. »Wie?«

Anna zuckte die Schultern und beobachtete ihn ganz genau. »Na, eben so, dass Liebe nicht exklusiv ist. Für mich gibt es kein entweder oder. Meine Gefühle sind exklusiv, aber nicht meine Beziehungen.«

John blinzelte verwirrt. »Hä?«

Anna lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Wenn du das Teil da nicht bald aus der Pfanne holst, kannst du das wegschmeißen, das alte Gerät da ist kein Induktionsherd, das ist noch heiß!«

John sprang polternd auf und zog die Pfanne auf eine kalte Herdplatte. »Was soll das heißen, deine Gefühle sind exklusiv?«

»Jeder Mensch ist einzigartig. Und wenn zwei einzigartige Menschen sich nah kommen, entsteht doch ein extrem komplexes Gefühlsgeflecht, das nur diese beiden miteinander haben können. Mit einem anderen Menschen könnte man das doch gar nicht.«

John ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und spürte wieder diese diffuse Wut in sich hochkochen. »Aber mit anderen Kerlen kannst du dann was anderes haben!«

Anna sah auf einen unbestimmten Punkt über seiner Schulter, dann blickte sie ihn wieder ernst an. »Wegen genau dieses Untertons werde ich jetzt gehen.«

Sie stand langsam auf, aber John war schneller. Er griff nach ihrem Arm und sah sie bittend an. »Nicht, nicht weglaufen! Ich bin nur verwirrt, Anna, wirklich nur verwirrt, ich will keinen Streit, das ist alles nur einfach … fremd für mich.«

Anna sah ihn ruhig an, dann setzte sie sich wieder. »Okay?«

John ließ sich ebenfalls wieder auf den Stuhl fallen, atmete auf und wischte sich nervös über den Mund. »Ich weiß, ich benehme mich unmöglich und ich hab überhaupt kein Recht dazu, du bist mir ja zu überhaupt nichts verpflichtet, aber ich bin wahnsinnig eifersüchtig wegen dieses Kerls.«

Zu seiner Verwunderung sah Anna ihn plötzlich gefühlvoll an. »Wieso solltest du kein Recht dazu haben? Gefühle sind doch nichts, worauf man sich erst ein Recht verdienen muss, die hat man einfach.«

John lachte nervös. »Du musst dich jetzt über mich lustig machen! Wer eifersüchtig ist, ist doof und hat Komplexe!«

Anna sah ihn fragend an, dann rieb sie sich müde die Stirn. »Ach so, verstehe. Du erwartest von mir einen Schuld-Abwehr-Reflex.«

John zog die Augenbrauen hoch. »Einen was?«

Anna zuckte die Schultern. »Die übliche Reaktion auf Eifersucht. Wenn der eine sagt oder zeigt, dass er eifersüchtig ist, sagt der andere: Du hast eben Komplexe und bildest dir das alles nur ein und ich hab ja gar nix gemacht, du bist also schuld!«

John nickte langsam. »Okay? Und was wäre deine Reaktion?«

Anna stand so abrupt auf, dass ihr Stuhl fast nach hinten kippte, kam um den Tisch und wedelte ungeduldig mit der Hand. »Komm her!«

John sah sie verunsichert an. »Was wird das?«

Anna hob einladend die Arme, dann flüsterte sie zärtlich: »Komm her, Sean!«

John wischte sich über die Augen. Sie hatte ihn mit seinem irischen Namen angesprochen. Nicht mit seinem rationalen, sachlichen Festlandnamen, von dem jeder wusste, wie er ausgesprochen wurde, sondern mit seinem Gefühlsnamen. Er stand langsam auf, dann nahm er sie unbeholfen in die Arme.

Anna reckte sich mit einem tiefen Atemzug, schlang die Arme um seinen Hals und drückte ihn sanft an sich. John blieb für einen Moment steif und reglos stehen, dann senkte er den Kopf und schloss die Augen. Sie fühlte sich einfach so himmlisch an, geschmeidig und fest, warm und weich zugleich. Anna fing an, sanft und verspielt seinen Nacken zu kraulen.

John ging hilflos in die Knie und stieß erschrocken hervor: »Nicht im Nacken kraulen!«

Anna ließ die Hand einfach still auf seiner Schulter liegen. John überlegte einen Moment, dann murmelte er kleinlaut: »Doch im Nacken kraulen!«

Anna lachte sanft, dann fing ihre Hand wieder an, ihn zärtlich zu liebkosen. John holte tief Luft, dann legte er die Arme um Anna und drückte sie vorsichtig an sich. Er bekam von ihrer sanften Berührung Gänsehaut am ganzen Körper. Anna flüsterte heiser: »Ich hab dich gegoogelt, bevor ich hierher gezogen bin. Ich war schon verknallt in dich, bevor wir uns begegnet sind!«

John zuckte kurz mit dem Kopf, dann wühlte er sehnsüchtig die Nasenspitze in ihre Haare. Anna flüsterte: »Als du mit mir getanzt hast, hab ich mich in deinen Armen so sicher gefühlt, dass ich nie wieder aufhören wollte. Jedes mal, wenn ich dich sehe, machst du mich so schüchtern, dass ich weglaufen will, aber wenn ich dich nicht sehe, sterbe ich vor Sehnsucht.«

John wurde mutiger. Er entspannte sich in ihrer Umarmung und drückte sie fester. Anna hauchte: »Wird die Eifersucht weniger?«

John schüttelte den Kopf und räusperte sich. »Mehr!«

Anna seufzte leise. »Was kann ich tun, damit sie weniger wird?«

»Mach Schluss mit dem Typen!«

Anna blieb noch einen Moment in seinen Armen stehen, dann versteifte sie sich und löste sich von ihm. »Du verletzt mich.«

John stieß empört die Luft aus. »Ich verletze dich?«

Anna nickte still. »Klar. Erst hast du dich für mich interessiert, dann hab ich dir ehrlich gesagt, wie ich lebe, und seitdem zeigst du mir die kalte Schulter. Natürlich tut was weh, was dachtest du denn?«

John fuhr sich verwirrt durch die Haare. »Ich hab keine Ahnung, was ich dachte! Ich dachte, du drehst dich um, vergisst mich im selben Moment und rufst deinen Typen an!«

Anna bekam einen trotzigen Gesichtsausdruck. »Sven, er heißt Sven. Und er hat sich total für mich gefreut, dass ich endlich wieder jemanden kennengelernt habe.«

»Gefreut

Anna nickt nur stumm. John griff sich stöhnend an den Kopf und fing an, unruhig durch die Küche zu tigern. »Okay, ich gestehe, ich hab das gegoogelt! Diese Polyamorie! Und überall hab ich Berichte mit Fotos gesehen, von Leuten, die sich zu dritt ein Kopfkissen teilen und sich dabei hirnlos angrinsen oder idyllisch im Grünen sitzen und abwechselnd knutschen! Und ich dachte, das wäre nur irgendeine reißerische Meinungsmache, damit Deppen wie ich solche Artikel anklicken, aber jetzt erzählst du mir, dass der Typ sich freut, wenn du jemanden kennenlernst? Erwartest du jetzt von mir, dass ich zu dritt mit dir und diesem Kerl Händchen halte?«

Anna fragte vollkommen ruhig: »Möchtest du das?«

John fuhr herum. »Was

Anna zuckte die Schultern. »Naja, ich mein ja nur. Weil du so emotional darauf reagierst!«

John kreischte: »Ich bin nicht emotional!«

Anna sah ihn einfach nur aus großen Augen an. John fuhr sich stöhnend über die Augen und wandte sich wieder ab. »Scheiße, ich bin emotional!«

Er hörte Anna sanft lachen. »Mir wäre es ehrlich gesagt lieber, wenn du nicht scharf wärst auf eine Beziehung zu dritt. Auch, wenn blonde Musiker dich melancholisch machen.«

John stöhnte gequält. »Na, toll, der Typ ist also ein blonder Musiker! Stehst du auf diese Rampensautypen?«

Anna flüsterte scheu: »Ich steh auf dich!«

John atmete tief durch und legte sich die Hand auf die Brust. Sein Herz schlug wie eine Buschtrommel. Er ließ sich wieder auf den Stuhl fallen. »Okay, dann erklär es mir in Ruhe und gib mir was vor die Zwölf, wenn ich wieder ausfallend werde, aber was genau lebst du da?«

Anna knabberte sich nervös an der Lippe und dachte lange nach, dann fragte sie: »Warst du irgendwann mal in zwei Menschen gleichzeitig verliebt?«

John holte tief Luft und fühlte sich seltsam ertappt, dann sagte er ausweichend: »Verliebt ist so ein verdammt großes Wort!«

Anna kräuselte resigniert die Mundwinkel. »Na ja, gut, dann … hattest du schon mal Gefühle für zwei Menschen gleichzeitig? Oder hast du schon mal mit zwei Menschen was gehabt und konntest dich nicht entscheiden?«

John ließ den Blick über die Decke wandern, um ihrem forschenden Blick auszuweichen, dann sagte er schleppend: »Ich glaub, das ist jedem schon mal passiert, oder?«

Eigentlich wollte er sich nie entscheiden, aber das konnte er ihr unmöglich sagen. Anna zuckte wieder die Schultern und senkte den Kopf, dann sagte sie leise: »Ich will mich nie entscheiden.«

John blinzelte und wandte den Kopf ab. Hatte sie das tatsächlich gesagt? Plötzlich spürte er den Impuls, dagegen zu reden, er wollte sie unbedingt vom Gegenteil überzeugen. Oder sich selbst. »Aber wenn man jemanden wirklich liebt, dann will man sich doch entscheiden! Dann will man doch nur den einen Menschen und keinen anderen mehr!«

Anna warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Das gilt vielleicht für Verliebtheit. Verliebtheit ist stürmisch und besitzergreifend, eine extrem sensible Zeit, weil alle Hormone Pogo tanzen und man sich des anderen noch nicht sicher ist, weil man noch gar keine Zeit hatte, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Aber Liebe ist doch ganz anders. Liebe ist ruhig und warm und schön und sicher. Aber nicht besitzergreifend. Und manche Menschen können eben mehrere Menschen lieben. Und manchmal hat man eben mit dem einen diese tiefe, ruhige Liebe und verliebt sich stürmisch in einen anderen Menschen, ist dir das noch nie passiert?«

John verschränkte bockig die Arme und bemerkte, dass er sein Schmollgesicht bekam. »Wenn man sich neu verliebt, beendet man die alte Beziehung eben! Das ist ja wohl das Mindeste!«

Anna stand da wie ein gescholtenes Schulkind und sah ihn nicht an. »Und wenn die Liebe aber noch da ist und der vertraute Partner gar nicht verlassen werden will?«

John streckte die Beine unter dem Tisch aus und lehnte sich fast selbstgefällig zurück. »Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.«

Anna bekam ganz schmale Lippen und sah an ihm vorbei. John bekam die steile Falte auf der Stirn, die immer ein untrügliches Zeichen dafür war, dass er auf irgendeinem Schlauch stand. Bekam sie etwa feuchte Augen? Was hatte er jetzt wieder angestellt?

Erst dachte er, dass sie einen Schritt auf ihn zu machen würde, aber sie griff nur schnell ihren Joghurtbecher vom Tisch und wandte sich ab. »Liebespartner als Wegwerfartikel. Wenn ich in deiner Welt leben würde, hätte ich auch ständig Verlustangst.«

John schnellte hoch, um etwas zu sagen, aber Anna schlurfte einfach mit hängenden Schultern aus der Küche, ohne sich noch einmal umzusehen. John starrte ihr vollkommen überfordert nach. Das Gespräch hatte ihn kein Stück schlauer gemacht. Aber für einen Augenblick hatte sie ausgesehen wie der Zeichentrickmaulwurf seiner Kindheit, dem die Tränen aus den Augen schossen. Was hatte er bloß jetzt wieder falsch gemacht?

John schüttelte sich verwirrt, dann aß er einsam den halb verbrannten Pfannkuchen. Sein »Liebesmahl« für sie war ja gründlich schief gegangen.

Und was ist deine Meinung?