BS 1, Kapitel 27: Sturmtief am Strand

Sookies says: Jetzt mal als Beitragsbild eins der Pastelle, die ich ganz gern male. Ich hab dieses Bild quasi von der Staffelei wech an eine Frau verkauft, die ich noch nie gesehen hatte und dann haben wir stundenlang tiefschlürfende Gespräche geführt, kannenweise Tee getrunken und uns scheckig gelacht, als würden wir uns schon ewig kennen. Ein bisschen passt das auch zu Steffi und Anna, diese Vertrautheit, die sich ganz schnell einstellt, weil es einfach passt. Schön, solche Begegnungen, oder? Find ich auch! 🙂

Steffi sprang den Weg auf der Spielwiese entlang über den kleinen Hügel, dann blieb sie stehen und lachte in den Wind. »Das ist alles? Das ist kein Strand, das ist ein Sandkasten!«

Anna tauchte neben ihr auf und wickelte sich fester in ihre dicke Schicht aus Kapuzenjacken. »Auf Google Maps sah das größer aus!«

Steffi lachte übermütig, drehte sich um sich selbst und ließ sich durchpusten. »Egal, es ist unser Strand und er ist menschenleer! Warst du jemals an einem menschenleeren Strand?«

Anna nickte sehnsüchtig, »Doch, klar! Wenn die Touristen weg sind, fahr ich mit Sven manchmal für zwei Monate nach Gotland, auf den Hedlund-Hof.«

Steffi seufzte tief. »Mein Gott, du Glückliche!«

Anna grinste. »Das ist verdammt viel Arbeit da im Herbst, aber bei sieben strammen Enkelsöhnen, die abwechselnd vorbeikommen, kann Oma den Hof halten. Aber wirklich leben kannst du davon nicht.«

Steffi taumelte, weil eine Böe sie erfasste und an ihren Sachen zerrte. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man hier im Sommer im Strandkorb sitzen und sich braten lassen kann!«

Anna fasste Steffi am Ärmel. »Komm, wir gehen zum Wasser, die Flut läuft gerade auf!«

»Woher weißt du, dass die braune Brühe eine Flut ist?«

Anna lachte ausgelassen. »Weil ich in den Tidekalender in der Küchenschublade geguckt habe, bevor wir losgefahren sind, du Schaf!«

Steffi zog ihre Handschuhe aus den Jackentaschen und zog sie über. »Du denkst auch an alles! Da fällt mir ein, hast du John wegen dieser New York Sache schon auf den Zahn gefühlt? Er will doch nicht wirklich schon wieder ausziehen, oder?«

Anna stopfte die Enden ihres flatternden bunten Schals fester und stapfte los in den Sand. »Ich glaub, das ist erst mal vom Tisch. Er fühlte sich nur irgendwie überflüssig.«

Steffi schnaubte fassungslos. »Überflüssig? Seit John vor meinem Fenster wohnt, gucke ich kein Fernsehen mehr!«

Anna musste lachen. »Das geht mir genau so! Er lebt irgendwie so draußen

Steffi prustete. »Draußen ist auch ein schönes Wort dafür! Ich finde aber eher, er lebt wie ein Hobbit! Immer qualmt irgendwo gemütlich einer von seinen kleinen Schornsteinen und in den Fenstern flackern Windlichter, wenn es dunkel wird. Wenn ein Zauberer vorbeikäme, um mit ihm ein Pfeifchen zu rauchen, würde mich das auch nicht überraschen! Warst du eigentlich schon mal in seinem Wagen?«

Anna stapfte kopfschüttelnd durch den Sand. »Ich hab irgendwie nicht das Gefühl, dass wir eingeladen sind.«

Steffi blieb stehen, beschattete die Augen mit der Hand und atmete tief die salzige Luft ein. »Da zieht mächtig Regen auf! Als wir losgefahren sind, schien doch die Sonne!«

Anna sah auf die dunkle Wolkenfront, die über das Watt auf die Küste zurollte. »Hast du auch das Gefühl, dass das Wetter hier irgendwie viel schneller ist als im Inland?«

Steffi nickte eifrig, aber dann wechselte sie wieder das Thema. »Die Sache mit John geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Wieso fühlt er sich überflüssig?«

Anna stapfte weiter. »Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil er nicht im Haus wohnt und das Gefühl hat, dass ihn auch keiner vermissen würde, wenn er nicht da wäre?«

»Aber wir trinken doch jeden Nachmittag alle zusammen Tee! Und abends könnte er doch in die Upkammer kommen, wenn wir zusammensitzen!«

Anna zuckte die Schultern. »Ich glaub, er ist einfach ziemlich menschenscheu.«

Steffi blieb wieder stehen und sah Anna prüfend an. »Weißt du, was wir jetzt tun sollten? Wir zwingen ihn zu seinem Glück, kaufen Kuchen und laden uns im Bauwagen zum Kaffee ein!«

Anna warf Steffi einen skeptischen Blick zu. »In zwei Stunden gibt es Kuchen in der Küche!«

Steffi rollte lachend mit den Augen. »Mein Gott, dann holen wir eben was beim Chinesen, in Esens gibt es doch ein Chinarestaurant! Womit wir ihn füttern, ist doch egal, Hauptsache, er merkt, dass wir an ihn denken und dass er dazu gehört!«

Anna drehte sich mit dem Rücken zum Wind und sah Steffi unsicher an. »Bist du verliebt in John?«

Steffi warf ihr einen Blick aus dem Augenwinkel zu. »Du zuerst!«

Anna zog die Nase hoch und drehte sich wieder in den eisigen Wind. »Ich weiß nicht. Aber wenn du ihn haben willst, mische ich mich nicht ein.«

Steffi prustete los. »Hast du wirklich geglaubt, ich könnte in John verliebt sein?«

Anna warf ihr wieder diesen unsicheren Blick zu. »Ich weiß nicht? Warum denn nicht?«

Steffi lachte völlig unbeschwert. »Ich finde ihn wahnsinnig niedlich, aber eher so wie einen kleinen Bruder! Als Mann wäre so ein verpeiltes Wunderkind mir viel zu anstrengend! Manchmal frage ich mich auch, ob er ein Orakel ist! Als ich gestern die Spülmaschine ausgeräumt habe, hab ich ihn gefragt, ober er mir ein Geschirrtuch geben kann und weißt du, was er gesagt hat?«

Anna hauchte übertrieben gespannt: »Was?«

Steffi trumpfte auf: »Küche hängt Heizung!«

Anna prustete los. Steffi schüttelte lachend den Kopf. »Kann es sein, dass er manchmal ein bisschen orientierungslos ist? Ich kann so was nicht beurteilen, ich bin kein Genie!«

Anna wischte sich über die Augen und nickte mitfühlend. »Sprechen manchmal hat Wortstörungsfindungen! Aber das sollte mit Sicherheit heißen, dass das Handtuch auf der Küchenheizung hängt!«

Steffi lachte glucksend. »Sieht du? Du verstehst ihn! Außerdem sieht sowieso jeder, dass er lichterloh für dich entbrannt ist, er sieht dich immer an wie ein liebeskrankes Kaninchen!«

Anna knurrte misstrauisch: »Wie zur Hölle guckt ein liebeskrankes Kaninchen?«

Steffi machte große Kulleraugen und spitzte dann verträumt die Lippen. Anna musste lachen und schubste sie über den Strand. »So guckt er gar nicht!«

Steffi lachte übermütig auf, aber dann wurde sie ernst. »Was ist denn eigentlich mit deinem Sven?«

Anna schlug die Hände vors Gesicht und drehte sich um sich selbst. »Ich weiß gar nicht, wie ich dir das erzählen soll, du findest mich dann bestimmt ganz furchtbar!«

Steffi machte so große Augen, dass sie wieder aussah wie das liebeskranke Kaninchen, aber diesmal lachte Anna nicht. Erstaunt fragte Steffi: »Wieso sollte ich das tun?«

Anna kräuselte betreten die Mundwinkel und fing dann ihren Schal wieder ein, der sich im Wind losgerissen hatte und um ihren Hals flatterte. »Dein Mann hatte Affären und du hast mit einer offenen Beziehung so unglaublich miese Erfahrungen gemacht! Du leidest doch ganz furchtbar an deinem Liebeskummer!«

Steffi sah Anna erschrocken dann, dann bekam sie feuchte Augen. »Ist das so offensichtlich?«

Anna schüttelte schnell den Kopf. »Bestimmt nicht für die Jungs, mach dir da keine Sorgen. Aber ich erkenne ein gebrochenes Herz, wenn ich eins sehe. Ich kenn das aus dem Spiegel.«

Steffi wurde ganz blass. »Hat Sven dich auch betrogen?«

Anna schüttelte langsam den Kopf. »Wir haben eine offene Beziehung. Ihr hattet keine. Eine offene Beziehung setzt das Einverständnis beider Partner voraus, aber so wie ich das sehe, warst du nicht einverstanden. Dein Mann ist ganz einfach nur schnöde fremdgegangen und hat auf deine Gefühle überhaupt keine Rücksicht genommen. Sven ist nicht so.«

Steffi hauchte verwirrt: »Und wie ist Sven?«

»Sven ist …«, Anna lächelte verträumt, »Sven ist eben Sven. Wir sprechen über alles. Wir wollen das beide, obwohl wir ziemlich verschieden ticken. Sven ist ein abenteuerlustiges Rudeltier und nimmt seine Nebenbeziehungen oft ziemlich leicht. Ich bin mehr so der viktorianische Typ und verliebe mich immer gleich unsterblich, aber Sven bleibt immer mein Gefährte, mein bester Freund und auch mein Mann.«

Steffi atmete tief durch, dann nickte sie langsam. »Und jetzt hast du dich unsterblich in John verliebt und weißt nicht, wie du ihm sagen sollst, das du eine offene Beziehung willst?«

Anna lächelte traurig. »Eigentlich will ich gar keine offene Beziehung. Ich will zwei feste Partner, denen ich treu sein kann. Aber sie müssten den anderen respektieren und am besten wäre es, wenn sie sich noch mögen würden. Aber John will davon nichts wissen. Er hat mir eine eiskalte Abfuhr erteilt. Er hält das, was ich fühle, nicht für Liebe, sonst wäre ich ja treu. Und …«

Anna stockte. Steffi sah sie ernst an. »Und?«

Anna zuckte die Schultern. »Er ist eben monogam. Er sagt, wenn man jemanden kennenlernt, macht man mit dem alten Partner eben Schluss, das gehört sich so. Und das hab ich gerade erst hinter mir, so was will ich wirklich nie wieder erleben müssen!«

Steffi bekam runde Augen. »Wie, du hattest noch einen zweiten Mann, der sich von dir getrennt hat, weil er jemanden kennengelernt hat?«

Anna bohrte die Hände in die Taschen und schniefte. »Lass uns das Thema wechseln, sonst fang ich an zu heulen.«

Steffi kuschelte sich fest in ihre Jacke und drehte sich in den Wind. Sie sah lange auf die schäumend heranrollenden Wellen, dann sagte sie nachdenklich: »Ich hatte den Eindruck, dass John solche Dinge eher so sieht wie mein Mann. Neulich hab ich ihn getroffen, als er draußen telefoniert hat und dann hat er irgendwie rumgedruckst und ganz schnell Schluss gemacht. Dann hab ich gesagt, meinetwegen müsste er nicht auflegen, wenn er mit seiner Freundin telefoniert, und weißt du, was er gesagt hat?«

»Was?«

Steffi neigte den Kopf und sah Anna empört an. »Er ist knallrot angelaufen und hat irgendwas genuschelt wie: Das ist nur casual sex!«

Anna blinzelte Steffi völlig durcheinander an. »Was ist das jetzt wieder? Casual wie zwanglos, wie gleichgültig, wie flüchtig, wie unregelmäßig, beiläufig, formlos oder wie zufällig?«

Steffi bewegte nur die Augen hin und her. »Anna, du bist mir unheimlich! Ich wusste nicht, dass casual so viele Bedeutungen hat!«

»Sportlich? Lässig? Burschikos? Was meint er denn damit?«

Steffi musste lachen. »Sportlich? Ohne Liebe ist Sex doch nicht viel mehr als Gymnastik zu zweit, oder?«

Anna kickte ein Stück Treibholz weg und stöhnte resigniert. »Er macht Gymnastik zu zweit und ich bin mal wieder die Schlampe, die es mit jedem treibt! Manchmal könnte ich ihn erwürgen! Wie kann ein so intelligenter Mann wie John so konventionell und unreflektiert sein?«

Steffi seufzte leise. »Wieso tust du dir das an?«

»Was?«

Steffi zuckte die Schultern. »Na ja, ich meine … wieso entscheidest du dich nicht einfach für einen von beiden? Dann wären doch alle Probleme gelöst!«

Anna lachte traurig. »Ich kann so was nicht! Genauso gut könnte ich mich für mein linkes oder mein rechtes Bein entscheiden. Ich bin einfach so. Liebe ist für mich nichts, was ich nur für einen empfinden kann. Bestimmt denkst du jetzt, dass ich so bin wie die Frauen, die rücksichtslos gegen deinen Willen mit deinem Mann geschlafen haben.«

Steffi atmete tief die salzige Seeluft ein. »Soll ich dir was verraten?«

Anna nickte nur abwartend. Steffi holte noch einmal tief Luft. »Also … wenn du mir das so erklärst, verstehe ich das. Ich versteh dich jedenfalls viel besser als meinen Mann. Alles, was er mir immer wieder gesagt hat, klang einfach nur total abstrakt und angelesen, wenn du verstehst, was ich meine. Aber für ihn ging es immer nur um Sex, ganz egal, was er da für abstrakte Konstrukte über freie Liebe und offene Ehe erzählt hat. Aber wenn es um Liebe geht, verstehe ich das. Als ich geheiratet habe, stand ich nämlich auch vor der Wahl.«

Anna kam näher und lehnte sanft die Schulter an Steffis. »Erzähl!«

Steffi lächelte melancholisch. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Aber als ich Peter, meinen Mann, kennengelernt habe, war ich gar kein Single. Ich hatte einen furchtbar lieben Freund, Leon. Aber wir waren schon ein paar Jahre zusammen und es war eben alles nicht mehr neu und aufregend. Aber ich hab ihn wirklich geliebt, nur die Routine hat mich ziemlich bedrückt, es ging nicht vor und nicht zurück mit uns, nie passierte irgendwas Aufregendes. Und dann kam Peter. Ich weiß bis heute nicht, wie das passiert ist, aber ich bin einfach mit ihm im Bett gelandet. Ich war am Anfang noch nicht mal richtig verliebt in ihn, ich war verliebt in das kribbelige Gefühl, dass mich mal wieder ein Mann umworben hat, das war neu und spannend. Und dann bin ich einfach der Versuchung erlegen. Danach hab ich mich so mies gefühlt, dass ich sofort mit Leon Schluss gemacht hab. Mir ist das Herz gebrochen, als ich sein Gesicht gesehen habe, das war das schlimmste und gemeinste, was ich jemals getan habe. Aber ich hatte das Gefühl, als wäre das meine gerechte Strafe dafür, dass ich ihn betrogen habe, kannst du das verstehen?«

Anna sah Steffi ernst an und nickte. »Ja. Die Schuldgefühle sind das schlimmste.«

Steffi wischte sich über die Augen. »Ich wollte ihm nicht weh tun, ich wollte ihm niemals weh tun, wirklich nicht! Aber ich war wie ferngesteuert, ich hab einfach den Kopf verloren für diese eine Nacht mit einem anderen Mann, als wäre ich jemand anders, gar nicht ich selbst. Und dann hatte ich mich so verrannt, dass ich Peter unbedingt heiraten wollte. Ich wollte, dass dieser Ausrutscher sich gelohnt hat, verstehst du? Als könnte eine Ehe im Nachhinein rechtfertigen, dass ich meine eigentlich schöne Beziehung zerstört habe. Ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll, das klingt alles viel zu absurd, aber so war es. Ich wollte, dass es sich gelohnt hat, Leon zu verletzen. Aber ich dachte doch, das ich mich entscheiden muss! Man darf doch nur einen Mann haben! Und dann hab ich meinen wundervollen Freund eingetauscht gegen einen miesen, verlogenen Stinkstiefel, der jetzt auch noch fett und kahl wird!«

Steffi fing plötzlich an zu weinen und breitete bittend die Arme aus. Anna sah sie verwundert an, dann nahm sie ihre aufgelöste Mitbewohnerin in den Arm. Lange standen sie an dem menschenleeren Strand, hörten das Rauschen des peitschenden Windes in den kalten Ohren und taumelten gemeinsam gegen die Böen an. Steffi weinte sich aus. Sie weinte und schluchzte, bis sie einfach nicht mehr konnte, während Anna ihr beruhigend den Rücken streichelte. Die ersten dicken Regentropfen prasselten auf die Frauen, dann wurde der Himmel schwarz und der Wolkenbruch stürzte los. Steffi hob den Kopf und lachte Anna überdreht an. »Scheiß Wetter für einen Strandausflug!«

Anna lachte auf, zog Steffi die Kapuze über den Kopf und rief gegen den Wind: »Vergiss den Chinesen! Vergiss den Bauwagen! Wir sind auch beim Tee entschuldigt, heute ist internationaler Selbstmitleidtag! Wir kaufen jetzt fünftausend Kalorien und dann kuscheln wir uns zusammen ins Bett und erzählen uns unsere schauderhaftesten Geheimnisse!«

Steffi lachte unter Tränen. »Wenn ich gewusst hätte, dass ich eine Freundin wie dich finde, wäre ich schon viel eher abgehauen!«

Anna fasste Steffis Hand, dann rannten die Frauen durch den Eisregen über den menschenleeren Strand.

Und was ist deine Meinung?