BS 1, Kapitel 28: Der gewünschte Partner ist zurzeit nicht erreichbar. Aber Tina hat Zeit.

Polyamorie, Roman
Tina und Burkhard haben gerade erst gebaut!

Sookie says:

Ich war so verbissen in die Überarbeitung der kommenden Kapitel, dass ich mit dem Hochladen etwas ins Stocken geraten bin! 😀 Und dann war das noch das Probleeeem! Ich hab nämlich gegrübelt. Im jetzt folgenden Kapitel kommt eine „explizite“ Szene, ihr wisst, was ich meine. Sex. Oder wie es am Buchmarkt heißt: Erotik. Und, tjaha! In Autorengruppen wird das Thema jeden Tag aufs Neue heiß, nein, nicht heiß, wild diskutiert. Darf/soll/muss Sex in Büchern vorkommen? Wo ist der Unterschied zwischen Erotik und Einhandliteratur (Pornographie)?

Was mich betrifft: Ich hab die Frage auf meine Bücher bezogen längst ganz klar beantwortet. Sex mit mehreren Partnern (abwechselnd oder gleichzeitig) ist ein völlig selbstverständlicher Aspekt der Polyamorie. Man muss nicht, aber man kann, es ist eben kein Tabu. Und deshalb soll Sex auch ein völlig selbstverständlicher Teil der Geschichte sein. Zum einen, um das Thema aus der „Schmuddelecke“ zu holen, zum anderen aber auch, um für den Leser die Gefühle der Figuren wirklich erfahrbar zu machen. Und da wäre es komplett bescheuert, in dem Moment auszublenden, wenn – wie hab ich das neulich auf Facebook gelesen und Tränen gelacht? – wenn „der Schwengel schwillt“.

Und gerade in diesem Kapitel war es mir extrem wichtig, Leser miterleben zu lassen, was John erlebt. Nicht um Voyeurismus zu befriedigen, sondern um auf das eigene Innere horchen zu können. Und da gibt es kein richtig oder falsch, sondern nur: Wie empfinde ich das ganz persönlich? Ich sag euch ganz ehrlich: Mir hat das Kapitel einen Stich verpasst. John ist doch gerade so in Anna verliebt, wie kann der Schuft da zu einer anderen Frau gehen!? Also, ICH war eifersüchtig, als ich das geschrieben habe! 😀 Aber es geht ja nicht um mich, sondern um die Vielfalt und John geht eben völlig anders mit solchen Dingen um als ich. Andere Leser denken sich da vielleicht: „Boar, der traut sich was, holt sich einfach Sex, wenn er möchte, das würd ich mir auch gern gönnen!“ Also: Wie gesagt! Es gibt da kein richtig oder falsch, nur Vielfalt und Individualität. Und John unternimmt da ja irgendwie auch einen tapsigen (er ist halt John) Versuch, Polyamorie besser zu verstehen und das ist sehr wichtig für die Geschichte. Aber!

Kameraschwenk: Es gab da mal diese Steinzeit-Buchreihe, als ich noch jung, knusprig und naiv war. „Ayla und …“, dann kam je nach Band der Rest des Titels, die Älteren werden sich erinnern. Und in den Büchern waren jede Menge Sexszenen. Laaange Sexszenen. Ich fand: Langaaatmige Sexszenen, sehr technisch, ich hab die damals meistens überblättert, weil mich das praktische Alltagsleben in der Steinzeit viel mehr gefesselt hat! 😀 So. Dann hat mir aber zwanzig Jahre später eine Mitbewohnerin erzählt, dass die Bücher an ihrer Schule wild rumgingen, weil alle nur die Sexszenen lesen wollten. Ja, gut, wir hatten ja damals nichts anderes, so ganz ohne Internet! 😀

Aber Fakt ist: In den eBooks ist Sex drin und bleibt auch Sex drin. Eben als ganz normaler Bestandteil des Liebeslebens der Figuren. Hier im Blog hab ich mich entschieden, Sexszenen zu zensieren. Aus dem ganz einfachen Grund, dass ich nicht möchte, dass die Geschichte aus den „falschen Gründen“ gelesen und weitergereicht wird, aber dann auch nur an ganz bestimmten Stellen. Gut, das klingt jetzt auch doof moralisierend, aber ihr versteht vielleicht was ich meine. Sexszenen aus dem Zusammenhang zu reißen und kichernd per PN mit den Freund*innen (äh, wird das mit dem Sternchen so gemacht? Wir wollen ja keine Genderdiskussion!) zu teilen, ist einfach nicht im Sinne des Projekts. Denn dadurch geht der polyamore Zusammenhang verloren. Wer aber gern kostenlos frei verfügbare Erotik um der Sache willen lesen will, dem empfehle ich die einschlägigen Portale für „Fan-Ficktion“. Da geht das richtig zur Sache. 😀 So, und jetzt wollen wir Tina nicht länger warten lassen.

Tina stöckelte auf den neuen High Heels durch den Flur, machte eine hektische Vollbremsung vorm Garderobenspiegel und zog noch einmal ihren Lippenstift nach. Zweimal in zwei Wochen, ihr Herz raste wieder los. Manchmal sah sie John monatelang nicht und jetzt hatte er sich schon nach vierzehn Tagen wieder gemeldet. Normalerweise wartete er, bis sie anrief. War er vielleicht deshalb wieder nach Deutschland gezogen? Wollte er sie endlich regelmäßig sehen?

Tina strich das hautenge Kostüm glatt und drehte sich vor dem Spiegel. Vielleicht war das Outfit doch zu übertrieben, besonders die kostbaren Spitzendessous darunter, aber John war schließlich auch immer so elegant. Sie warf Burkhards Foto in dem großen Bilderrahmen mit der Collage ihrer Familienfotos einen schuldbewussten Blick zu, dann murmelte sie: »Wer weiß, wen du auf deinen Dienstreisen so alles triffst!«

Um irgendetwas zu tun zu haben, lief sie in die Küche und schob den Snack, den sie angerichtet hatte, auf der Platte hin und her. Ein bisschen Lachs, ein paar Antipasti, John aß nie besonders viel, falls er überhaupt etwas wollte. Nervös warf Tina einen Blick aus dem Küchenfenster in den Vorgarten und versuchte, nicht das Gefühl zu haben, dass sie wartete, aber sie war aufgeregt wie beim ersten Date. Nein, noch aufgeregter. Spaß im Bett, keiner verliebt sich, das war der Deal. Aber sie wusste genau, dass sie sich etwas vormachte.

Sie lehnte sich an die Arbeitsplatte ihrer funkelnagelneuen Einbauküche und sah auf die Straße in dem piekfeinen Neubauviertel. Ihre Nachbarin von gegenüber holte gerade die Kinder rein und trug Bobbycars, Bälle und Schaufeln in die Garage. Tina sah nervös auf die Uhr. Diese Bianka war immer so unglaublich neugierig und hing den ganzen Tag am Fenster, die selbsternannte Bürgerwehr des Viertels. Hoffentlich kam John erst, wenn Bianka wieder im Haus war.

Und trotzdem würde Bianka sich wieder ganz scheinheilig nett erkundigen, ob Burkhards Arbeitskollege mal wieder da gewesen war, Burkhard war doch auf Geschäftsreise, oder? Tina biss sich wütend auf die Lippe. Wie hatte sie auch so blöd sein können, ihren heimlichen Liebhaber als einen Arbeitskollegen ihres Mannes auszugeben? Was war bloß, wenn Bianka Burkhard mal auf diesen Kollegen ansprach? Aber etwas Besseres war ihr einfach nicht eingefallen, als Bianka sie eiskalt erwischt hatte. Im Supermarkt des Viertels. Den man gar nicht betreten konnte, ohne irgendwelche Nachbarinnen zu treffen, die vollkommen zufrieden damit zu sein schienen, sich die Mäuler über andere zu zerreißen.

Tina seufzte tief. Sie wollte mehr vom Leben. Sie hatte endlich alles, was sie immer gewollt hatte, einen gut verdienenden, netten Ehemann, das Haus, den Garten, und sie fühlte sich so leer und unruhig wie noch nie.
Eine Bewegung auf der Straße. Tina reckte sich, um über die neu angepflanzte Hecke zu sehen, obwohl das gar nicht nötig war, die Hecke war gerade mal einen halben Meter hoch. Nein, das war nicht John, das war irgendein Handwerker, oder? Es war doch John. Tinas Herz raste wieder los.

Bianka stand auf der anderen Straßenseite, beschattete die Augen mit der Hand, die andere Hand baumelte leblos mit einem Bobbycar über dem Rasen. Tina hörte durch das gekippte Küchenfenster, wie Bianka hilfsbereit rief: »Zu wem möchten Sie denn?«, aber John tippte sich nur grüßend an die Stirn und sprang dann mit großen Schritten den Weg in Tinas Vorgarten herauf. Tina atmete tief durch, dann eilte sie zur Tür und öffnete in dem Moment, in dem er die Klingel drückte. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und grüßte sie mit dem atemberaubenden Aufblitzen seiner Augen, dann flüsterte er rau: »Hi, kleine Frau!«

Tina ging schwach in die Knie, warf einen misstrauischen Blick über Johns Schulter und sah, dass Bianka sie die ganze Zeit penetrant beobachtete. Sie versteckte sich, oder eher ihr schönes Kostüm, hinter der Tür und hauchte mit glühenden Wangen: »Komm doch rein!«

John drückte sich an ihr vorbei und grinste scheu. Tina musste lachen, sie liebte dieses schüchterne Lächeln viel zu sehr. Sie strich über sein kariertes Flanellhemd und sah bunten Staub herausrieseln, dann fragte sie ungläubig: »Bist du’s wirklich?«

Der sonst so elegante Mann in den weißen Oberhemden und maßgeschneiderten Anzügen stand vor ihr in diesem Holzfällerhemd, das auch noch schief zugeknöpft war, einer dieser Arbeitshosen, die vor Taschen wimmelten und ausgetretenen Wildlederschuhen – von John O’Molloy keine Spur. Bis auf die unfassbar bestechenden, jetzt liebevoll leuchtenden Augen, den sinnlich geschwungenen Mund und die Stimme, die ihr Schauer über den Rücken jagte, schien das nicht der John zu sein, den sie kannte.

John sah an sich herab und schien fast verlegen. »Sorry, ich hatte keine Lust mich umzuziehen. Ich wollte meine Mitbewohner nicht neugierig machen und mich im Anzug aufs Fahrrad schwingen.«

Tina lachte überdreht auf. »Erzähl mir nichts über Nachbarn!«

John machte vorsichtig einen Schritt auf sie zu, streckte die Hand aus und berührte ganz sachte mit dem Handrücken ihren Brustansatz in der eleganten Bluse, bei der sie mit Absicht die zwei obersten Knöpfe offen gelassen hatte. Er streifte sie mit einem scheu fragenden Blick. Tina schlang die Arme um ihn und küsste ihn hingerissen, den scheuen John, der nie anfing, wenn sie ihm nicht signalisiert hatte, dass sie es wollte. Aber sie wollte, sie wollte viel zu sehr.
Um sich nicht zu forsch zu fühlen, hauchte sie: »Willst du was essen?«

John flüsterte heiser: »Nur naschen!«, dann griff er ihre Hand und zog sie die Treppe hoch zum Schlafzimmer. Er wusste, wo es lang ging, und führte sie mit seinem leicht tänzelnden Schritt rückwärts zum Bett. Wild küssend fielen sie auf die Matratze. John zupfte ungeduldig an ihren Sachen und lachte heiser. »Ich will da rein!«

Tina half ihm, sie auszuziehen und verfluchte sich jetzt innerlich dafür, dass sie sich in Schichten aus Seide und Spitze gehüllt hatte – John war heute so ganz anders als sonst, fast fordernd. Sie lachte atemlos: »Was ist los mit dir?«

Sookie says: Biiiiep! Hier fehlen jetzt ein paar Absätze, aber ihr wisst ja, was passiert, wir sind ja alle erwachsen! (Glaub ich). Wichtig ist nur, dass John da emotional so einiges durcheinanderläuft, der Rest ist eben +hechelhechel+. 😀

Tina starrte an die Decke und tätschelte aus einem verwirrten Impuls heraus Johns schweißnassen Rücken. Sie hatte das seltsame Bedürfnis, ihn zu trösten, dabei hätte sie selbst am liebsten geheult, ohne zu wissen, warum. Auf eine eigenartige Weise fühlte sie sich um das Date mit ihrem vertrauten Liebhaber betrogen.

Tina wartete. Eigentlich müsste jetzt die Stelle kommen, wo sie zusammen wieder zu Atem kamen, bis John sie mit diesem umwerfend stolzen jungenhaften Lächeln anstrahlte und sich darüber freute, dass sie gekommen war. Aber heute war sie gar nicht gekommen. Es war alles viel zu schnell gegangen. Ihr sonst so sanfter und verspielter Liebhaber, der sich normalerweise endlos Zeit nahm, um sie zu liebkosen und zu verwöhnen, hatte sie genommen wie einer der Highlander in den schönen Romanen von Viktoria Nisch, die sie so gern verschlang. Sie hatte immer davon geträumt, endlich einmal mit so ungezügelter Leidenschaft genommen zu werden, und jetzt, wo es ihr endlich passiert war, verstand sie die Welt nicht mehr.

Tina lag unter John und grübelte darüber nach, was mit ihm los sein könnte. Sie streichelte seine Haare und spürte dabei, wie er in ihr schlaff wurde. Er atmete tief durch, dann schob er eine Hand zwischen ihre Beine, hielt das Kondom fest und glitt aus ihr heraus. Dann ließ er sich neben sie fallen und wühlte das Gesicht in ihre Haare. Fast geistesabwesend flüsterte er immer noch außer Atem: »Bist du gekommen?«

Tina nickte, dann küsste sie ihn. Aus irgendeinem Grund fing John an, leise zu lachen, dann atmete er erleichtert auf, ließ sich auf den Rücken fallen und murmelte schläfrig: »Keno wäre stolz auf mich, weil ich so artig nachgefragt habe. Und ich dachte, ich wäre zu schnell gewesen.«

Tina drehte sich zu ihm auf die Seite und strich ihm zärtlich die Haare aus der Stirn. Endlich kam sein umwerfendes Lächeln. »Tut mir leid, dass ich es so nötig hatte.«

Tina lächelte ihn unsicher an und rieb ihre Nasenspitze an seiner. Er war zum zweiten Mal in zwei Wochen hier und er war so leidenschaftlich wie nie zuvor. Aber es fühlte sich irgendwie nicht gut an. Sie holte tief Luft, um etwas Törichtes zu sagen, aber John starrte an die Decke und fragte: »Glaubst du, dass man mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann?«

Tina wurde ganz kribbelig. Er hatte noch nie über Liebe gesprochen! Sie überlegte fieberhaft. Natürlich wollte sie ihm sagen, dass sie ihn liebt, aber sie wollte es nicht so sagen, dass er sich Hoffnungen machte, dass sie sich scheiden lässt. Schließlich hatten sie gerade erst gebaut und Burkhard fing an, von Kindern zu sprechen, sie konnte ihn jetzt unmöglich verlassen. Ganz vorsichtig flüsterte sie deshalb nur: »Natürlich!«, und kuschelte sich fest an Johns Schulter.

»Hm.« John drückte sie nicht wie gewohnt an sich, sondern wandte den Kopf ab. »Hast du schon mal von Polyamorie gehört?«

Tina hob verwirrt den Kopf. »Was ist das, ist das eine Krankheit oder so?«

John lachte leise, sah sie aber nicht an. »Akute Polyamorie. Klingt wie eine Krankheit, stimmt. Aber Homosexualität wurde auch mal mit Elektroschocks behandelt und heute dürfen Schwule endlich leben, wie sie wollen. Anscheinend entscheidet ja eher der Zeitgeist darüber, was eine Krankheit ist und was nicht.«

Tina sah ihn besorgt an. »Bedrückt dich was?«

John sah sie an und blinzelte irritiert. »War ich heute irgendwie anders als sonst?«

Tina versuchte beruhigend zu lächeln, dann sagte sie unsicher: »Du warst fantastisch, Schatz!«

John ließ wieder den Kopf fallen und zog angestrengt die Stirn kraus. »Ich war … ich bin völlig verwirrt. Ich weiß nicht mehr, was für ein Mann ich sein will.«

Weil Tina nicht wusste, was sie dazu sagen sollte, legte sie einfach nur den Kopf an seine Schulter, aber er umarmte sie immer noch nicht, er murmelte: »Glaubst du wirklich, dass eine Frau zwei Männer lieben kann?«

Tina drückte ihn an sich und nickte stumm. John sagte langsam: »Aber ich dachte immer, Liebe wäre etwas, was man nur für einen fühlen kann. Ist das nicht das wesentliche Merkmal der Liebe, dass man nur noch Augen für den einen Partner hat? Wenn man zwei Männer haben will, kann das doch dann gar keine Liebe sein, oder?«

Tina wurde unruhig, das Gespräch nahm jetzt eine bedrohliche Wendung. Sie hob wieder den Kopf und flehte entschuldigend: »Schatz, ich kann Burkhard jetzt nicht verlassen!«

John sah sie verwirrt an. »Burkhard?«

Tina lachte unsicher. »Mein Mann?«

John rieb sich die Augen und gähnte. »Ach, der!«

Tina wusste einfach nicht, was sie sagen sollte. Er war heute wirklich vollkommen anders als sonst. Vorsichtig streichelte sie Johns nackte Brust, als wollte sie ein Tischtuch ordentlich glattstreichen. »Sieh mal, Schatz, ich hab doch Verpflichtungen. Burkhard verlässt sich auf mich, wir haben gerade gebaut und das alles, aber das heißt doch nicht, dass ich dich nicht liebe!«

John hob ruckartig den Kopf. »Wieso solltest du mich lieben?«

Tina spürte einen eiskalten Stich. Er hatte doch gerade zweimal gefragt, ob sie ihn liebt! Völlig überfahren versuchte sie, ihre Verletztheit zu überspielen und lachte künstlich. »Ich weiß nicht? Wieso denn nicht?«

John ließ stirnrunzelnd wieder den Kopf fallen und murmelte: »Wieso denn nicht! So kann man das natürlich auch sehen. Wir vögeln ja ab und zu, dann wird es schon Liebe sein. Was sollte es sonst sein.«

Tinas Herz krampfte sich zusammen. Jetzt verstand sie endlich, was mit ihm los war, er war eifersüchtig! Sie seufzte gefühlvoll und fühlte sich gleichzeitig in die Ecke gedrängt. Hoffentlich würde er keine Entscheidung von ihr fordern! Sie flüsterte zärtlich: »Schatz, seit wann bist du denn so eifersüchtig?«

John starrte an die Decke. »Seit ich mich verliebt habe.«

Tinas Herz klopfte wie wild. Sie sah auf und strahlte John verwirrt an. »Wann?«

John starrte weiter an die Decke. »Erst dachte ich, in dem Moment, in dem ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Dann dachte ich, endgültig erwischt hätte es mich, als ich mit ihr getanzt habe. Aber als sie mir dann die kalte Dusche verpasst hat, weil ich so ein oberflächlicher, selbstverliebter Womanizer bin, da war das, als hätte Amor mit einer Kanone auf mich geschossen. Mich hat noch nie eine Frau so durchschaut wie sie.«

Tina fühlte sich eher, als hätte John mit einer Kanone auf sie geschossen. Sie richtete sich auf. »Über wen reden wir hier?«

John seufzte tief und sah weiter an die Decke, als würde da ein spannender Film laufen. »Ich hab diese Polyamorie tagelang gegoogelt, aber ich kapier es einfach nicht!« Er hob wieder den Kopf und sah Tina seltsam orientierungslos an. »Glaubst du wirklich, dass eine Frau zwei Männer lieben kann? Also, ich mein jetzt nicht Liebe machen und sich höflich vorlügen, dass bei der Bettgeschichte bestimmt Gefühle im Spiel sind, um zu rechtfertigen, dass man fremdgeht, sondern wirklich lieben

Tina sah John nur vollkommen fassungslos an. Wovon redete er da bloß? John setzte sich auf und angelte nach seiner Hose. »Das Problem ist nämlich: Einerseits will ich, dass es geht! Ich will unbedingt daran glauben, dass sie mich wirklich lieben könnte, aber andererseits will ich nicht, dass es geht, weil das bedeuten würde, dass sie diesen anderen Typen auch wirklich liebt! Und wenn sie den liebt, muss ich sterben, ernsthaft, ich mach das wie ein Delfin, ich leg mich einfach an den Strand und sterbe, wenn sie den liebt! Aber sie kann uns unmöglich beide lieben, oder? Man kann doch nur einen Menschen lieben, oder? Aber wenn sie den wirklich liebt, würde das dann auch wieder bedeuten, dass sie mich nicht wirklich lieben kann! Das dreht sich die ganze Zeit in meinem Kopf im Kreis, ich dreh durch! Aber weißt du, was das allerschlimmste ist?«

Tina stotterte kreidebleich: »Dass du mich nicht liebst?«

John winkte ab. »Jetzt hör doch mal auf damit, wir müssen uns doch nichts vormachen! Du bist verheiratet und wir vögeln jetzt seit zwei Jahren, mir ist völlig klar, dass ich für dich nur ein Sextoy bin, du musst mir doch keine Liebe vorspielen!«

Tina blieb die Luft weg. Er klang tatsächlich verständnisvoll! Völlig verwirrt stammelte sie: »Ich spiele dir nichts vor!«

John neigte mitfühlend den Kopf. »Tinchen, vor mir brauchst du keine moralische Rechtfertigung dafür, dass du Lust auf Sex hast. Ich finde es völlig okay, dass du nur vögeln willst! Ich komm nur nicht klar damit, wenn Frauen behaupten, dass sie jeden lieben, mit dem sie mal schlafen wollen. Das kommt mir irgendwie unehrlich vor. Ich liebe ja auch nicht jede, mit der ich ins Bett gehe.«

John sah sich suchend um, dann riss er ein Taschentuch aus der Box auf dem Nachttisch, zog sich das Kondom vom Schwanz und tätschelte ihn kurz wie einen Hund, der sein Leckerlie bekommen hat. Er wickelte das Kondom akribisch in das Taschentuch ein, dann sah er sich wieder suchend um und fand den Papierkorb nicht. Tina hielt gehetzt die Luft an. Der Papierkorb stand immer an der gleichen Stelle, seit sie hier eingezogen war, aber John suchte ihn jedes mal. Plötzlich setzte ihr Herz für einen Schlag aus. Vielleicht war er einfach daran gewöhnt, dass der Papierkorb im Schlafzimmer woanders stand? »Willst du mir etwa sagen, dass du auch mit anderen Frauen schläfst?«

Johns Gesicht leuchtete kurz auf, dann stand er auf, versenkte das Kondom im Papierkorb, stieg in seine schwarzen Boxershorts und sah kurz irritiert auf. »Was?«

Tina wickelte die schützende Decke fester um sich, um sich zu wappnen. »Ich will wissen, ob du noch andere Frauen triffst! Wer ist die Frau, von der du da die ganze Zeit redest?«

John sah sie erschrocken an, dann steckte er ein Bein durchs Hosenbein und versuchte gleichzeitig, mit dem Fuß nach seinem Schuh zu angeln. »Äh, Tina, ich glaub nicht, dass das wichtig ist, oder?«

Tina wurde blass. »Nicht wichtig

John fummelte konzentriert an seinem Gürtel herum, dann zog er die Stirn kraus und sah Tina mit gesenktem Kopf flehend an. Das war genau der Blick, in den sie sich schon am ersten Abend verliebt hatte, als sie mit ihrer Freundin zu diesem Tango-Abend gefahren war, um sich das mal anzusehen. Alle Frauen hatten versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie Schlange standen, um von ihm aufgefordert zu werden.

John war nicht nur der einzige Mann im Saal gewesen, der wirklich gefühlvollen, sinnlichen Tango tanzen konnte, sondern auch umwerfend gut aussah und heißes Charisma versprühte. Und ausgerechnet mit ihr hatte er dann etwas getrunken und sie ganz schüchtern nach ihrer Handynummer gefragt. Tina bekam feuchte Augen und wandte den Kopf ab. Sie war immer davon ausgegangen, dass er nur Augen für sie hatte. Vielleicht war das dumm gewesen. Aber er hatte ihr immer das Gefühl gegeben, dass er nur Augen für sie hatte. Ein Mann konnte doch nicht so zärtlich und einfühlsam sein, wenn er noch mit anderen Frauen schlief!

John setzte sich auf die Bettkante und versuchte, einen Knoten in seinem Schnürsenkel zu lösen, dann seufzte er leise. »Wir sehen uns doch manchmal monatelang nicht! Die meiste Zeit bin ich doch sowieso in New York.«

Tina blieb die Luft weg. »Was willst du damit sagen?«

John stieg jetzt in seinen Schuh, dann lächelte er sie entschuldigend an. »Vielleicht nur, dass ich den Grundsatz ›Gleiches Recht für alle‹ ganz vernünftig finde.«

Tina schossen jetzt endgültig die Tränen in die Augen. »Das heißt, du schläfst mit anderen Frauen!«

John lachte nervös. »Natürlich schlafe ich mit anderen Frauen! Du schläfst doch auch mit deinem Mann! Und vielleicht auch noch mit anderen, ich hab ja nie gefragt. Und wenn ich gefragt hätte, wäre ich sowieso davon ausgegangen, dass du mich genau so anlügst wie deinen Mann.«

In Tina platzte etwas. Bevor sie nachdenken konnte, fing sie an, wild auf John einzuprügeln und schrie: »Du mieses Schwein, du hast mich die ganze Zeit betrogen!«

John sprang vom Bett, stolperte über seinen zweiten Schuh und riss nach Halt suchend die Stehlampe um. Während die Lampe krachend zu Boden ging, wickelte Tina sich fester in die Decke, sprang auf und nahm die Verfolgung auf. »Du mieses Schwein hast mich betrogen!«

John tanzte um die Scherben des Lampenschirms und machte einen schnellen Ausfallschritt, um seinen zweiten Schuh zu ergattern. »Nina, ich dachte, es wäre klar, dass wir uns nicht verpflichtet sind!«

Tina kreischte entsetzt: »Nina? Wer ist Nina?«

John presste sich den Schuh an die Brust und sah sie erschrocken an. »Scheiße, ich … Nina, Gelkamin, lachsfarbener Teppich, Scheiße! Du bist … ich kann unter Stress nicht!«

In Tina brachen alle Dämme. Fassungslos vor Wut brüllte sie: »Jede Nacht hab ich wachgelegen und mich mit dem Gedanken gequält, dass du Höllenqualen leidest, weil ich Burkhard nicht verlassen kann, und jetzt erfahre ich, dass du dich die ganze Zeit mit anderen Frauen amüsiert hast?«

John sah sie entsetzt an. »Wie kommst du darauf, dass ich Höllenqualen leiden könnte?«

Tina kreischte: »Wie ich darauf komme? Wir sind seit zwei Jahren zusammen!«

John warf aus dem Augenwinkel einen Blick zur Tür und ging langsam rückwärts, den Schuh immer noch wie einen Schild vor der Brust. »Äh, Ni, Ti … Myrtle ist die Galeristin aus Brooklyn … Wieso denk ich jetzt an Myrtle? Tinja … Ninjamurtle! Ich nenne euch einfach alle Ninjaturtle, dann sind alle zufrieden und jede ist bedacht!«

Tina beobachtete fassungslos, wie John sich verwirrt an der Schläfe kratzte, dann drehte er sich zur Tür und schien mit seinem nackten Fuß zu sprechen. »Ich hab gleich gesagt, dass Polyamorie Schwachsinn ist! Jetzt erzähle ich offen, dass ich …«

Tina griff nach einem großen Kissen und zog es John über den Kopf, als hätte sie einen Baseballschläger. John riss die Arme hoch und zog den Kopf ein. »Au, bist du bescheuert? An dem Ding ist ein Reißverschluss dran!«

Tina keuchte atemlos: »Du haust jetzt nicht ab, du Arschloch! Abhauen, wenn es schwierig wird, das ist alles, was ein Schönling wie du kann!«

John hielt mit eingezogenem Kopf das Kissen fest. »Entschuldige, aber du verprügelst mich gerade, ich hatte das nicht als Einladung zum Bleiben interpretiert!«

Tina stampfte mit dem Fuß auf und kreischte: »Als Aufforderung zum Abhauen aber ganz bestimmt auch nicht!«

Sie rangen wütend um das Kissen, bis er es ihr endlich aus der Hand riss, dann schrie er völlig außer sich: »Ich hab keine Ahnung, wie dieser Sven das macht, dass er mehrere Frauen haben darf, ohne ständig angebrüllt und verkloppt zu werden, aber soll ich dir was sagen? Langsam kriege ich Respekt vor diesem Typen! Und vor Anna erst recht! Ich glaube nicht, dass sie ihren Kerl von hinten anfällt und versucht, ihn mit einem Kissen k.o. zu schlagen!«

Tina kreischte: »Wer ist diese verdammte Anna?«

John ließ plötzlich das Kissen fallen und bekam einen erstaunten Gesichtsausdruck. »Anna ist die Frau, die ich liebe!«

Tina taumelte rückwärts, schüttelte den Kopf, dann warf sie sich weinend aufs Bett. John räusperte sich hinter ihr. »Turtle, ich, Tin … Tina. Ich … guck mal, wir hatten doch … das war doch nur … wir wollten doch nie, also, das mit dir und mir, das war doch keine …«

Tina schluchzte: »Ich erkenn dich gar nicht mehr! Du redest nur noch wirres Zeug und von Leuten, die ich gar nicht kenne!«

John seufzte tief. »Ich will dir doch gar nicht weh tun! Aber in der letzten Zeit hat sich einfach wahnsinnig viel verändert und ich muss erst mal … vielleicht ist so ein Keuschheitsgelübde gar nicht so eine blöde Idee! Ich glaub, ich muss erst mal ein paar Sachen sortieren und ein bisschen nachdenken und auf der Treppe Kaffee trinken.«

Tina funkelte John aus verheulten Augen an. »Kaffee trinken?«

John bückte sich vorsichtig nach dem Schuh, der ihm aus der Hand geflogen war, als sie ihm das Kissen über den Kopf gezogen hatte, ließ sie aber vorsichtshalber nicht aus den Augen. »Ich werd jetzt gehen.«

Tina kreischte wieder: »Kaffee trinken?«

John nickte. »Auf der Treppe und … vielleicht kann ich mit Tabak eine Elfe anlocken. Wusstest du, dass Elfen Kippen schnorren?«

Tina schüttelte fassungslos den Kopf. »John, du bist vollkommen durchgedreht!«

John nickte wieder und wischte sich fahrig über die Augen. »Ja, okay, dann … soll ich deine Nummer löschen?«

Tina warf das nächste Kissen. John presste seinen Schuh an sich, dann humpelte er die Treppe herunter und floh aus dem Haus. Noch im Vorgarten stieg er hastig in seinen Schuh, dann rannte er los und stolperte über die noch offenen Schnürsenkel. Halt suchend ruderte er mit den Armen und fasste in eine piksende, frisch gepflanzte Konifere, die einen Schwall Kies und Blumenerde durch die Luft schoss und dann halb entwurzelt gefährlich schief stehenblieb. John sah sich gehetzt um, aber die jetzt dunkle Straße lag ruhig da. Er zischte: »Scheiße!«, dann versuchte er, die Erde irgendwie wieder mit dem Fuß anzudrücken.

Wer war denn auch so bescheuert, mitten im Winter eine Vorgartenbepflanzung anzulegen? Es war doch vollkommen klar, dass da nichts wurzelte! Hektisch bog er das Bäumchen wieder halbwegs gerade, dann hastete er um die nächste Ecke, um zum Bahnhof zu rennen. Plötzlich wusste er genau, was er wollte. Er musste nur unbedingt noch den Bummelzug nach Esens erreichen.

Und was ist deine Meinung?