BS 1, Kapitel 29: Manchmal hilft nur noch Kuscheln!

polyamorie roman

Der ganze Bauwagen und vor allem das Wasser waren eiskalt, aber es war egal, er musste duschen. Er konnte unmöglich zu ihr, wenn er noch nach Tina roch. John rubbelte sich prustend sauber, dann wickelte er sich in ein Handtuch und putzte sich hektisch die Zähne. Dann rannte er aus seinem winzigen Bad, zog sich eilig frische Sachen an und blies das Windlicht aus. Im Dunkeln tastete er noch vorsichtshalber nach dem Schlüsselbund am Schlüsselbrett, falls das Haus schon komplett abgeschlossen war, dann hastete er so lautlos wie möglich durch den Garten.

Im Elfenreich waren die dichten, schweren Vorhänge zugezogen, aber er hatte um die Uhrzeit auch nichts anderes erwartet. Das ganze Haus lag komplett im Dunkeln, nur in Lothars Zimmer flimmerte noch ein Monitor und warf seltsame Bilder an die Decke.

John griff prüfend an die Klinke der Seitentür, die zum Frauenknast führte, dann fummelte er hektisch am Schlüsselbund und stocherte in der tiefschwarzen Dunkelheit nach dem Schlüsselloch. Ja, das Schloss ging auf. John drückte die Klinke herunter, dann schlich er ins Haus. Seine Augen hatten sich jetzt an die Dunkelheit gewöhnt, aber der Flur war schwarz wie Tinte. Trotzdem machte er kein Licht. Jede Glühbirne wäre ihm jetzt unerträglich grell erschienen. Er tastete sich stolpernd durch den Flur, bis er Annas Tür fand, dann klopfte er leise und lauschte angestrengt. Er hörte ganz leise Stimmen oder Musik, dumpfe Laute, als würde sie sich einen Film ansehen, aber sie antwortete nicht auf das Klopfen. John klopfte noch einmal, dann öffnete er vorsichtig die Tür.

Im Zimmer flimmerte das graublaue Licht eines Schwarzweißfilms. Der Laptop stand auf dem Nachttisch. John duckte sich und sah kurz auf den Monitor, dann lächelte er verwirrt. Sie sah sich »Eins, Zwei, Drei« an, einen seiner Lieblingsklassiker von Billy Wilder. Aber sie war völlig vergraben unter Decken und Kissen und atmete ruhig und tief.

John fuhr sich hektisch über den Mund und drehte sich kurz unsicher um sich selbst. Was machte er hier eigentlich? Aber Sehnsucht ist schlimmer als Heimweh. Er holte tief Luft, dann zog er lautlos seine Schuhe aus und lupfte vorsichtig die leise raschelnde Bettdecke an. Anna brummte wohlig, dann zuckte sie zusammen und setzte sich auf. »Maler, bist du bescheuert? Du hast mich zu Tode erschreckt!«

John kroch unter die Decke und flüsterte: »Wie Engel mit dem Flammenblick, kehr ich in dein Gemach zurück. Und werde lautlos zu dir gleiten, mit Schatten, die sich nachts verbreiten!«

Anna legte sich wieder hin, dann knurrte sie: »Dass du auf Baudelaire stehst, hätte ich mir denken können!«

John rückte vorsichtig näher und ertastete unter der Bettdecke ihren warmen Körper in weichem Flanell. Ob sie heute wieder die tanzenden Snoopies trug? Er zitierte: »Wenn fahles Licht den Tag verheißt, dann siehst du meinen Platz verwaist.«

Anna flüsterte: »Versprochen?«

John nickte heftig, dann bat er fast lautlos: »Dann darf ich bei dir schlafen?«

Anna seufzte mit einem tiefen Atemzug, dann drehte sie ihm den Rücken zu, legte seinen Arm um ihre Taille und kuschelte sich wieder ins Kissen. Für einen Moment lagen sie schweigend da und John rutschte zentimeterweise näher. Er hatte solchen Hunger nach ihrer Wärme, dass er gar nicht anders konnte. Anna stöhnte resigniert, dann murmelte sie leise: »Sie ist blond!«

John schluckte verwirrt. Was sollte er jetzt tun? Er dachte kurz nach, dann entschied er sich für schutzlose Offenheit. »Woher weißt du das?«

Anna seufzte schwach. »Duschen reicht nicht, du musst dir auch die Haare waschen. Deine Haare riechen noch nach der Basisnote eines blumigen Zitrusparfums, so was tragen in der Regel blonde Frauen.«

John drückte seine kalte Nasenspitze in Annas warme Halsbeuge und murmelte schuldbewusst: »Tut mir leid.«

Anna antwortete nicht. John flüsterte kleinlaut: »Das Wasser war so arschkalt.«

Anna fing an zu lachen, dann flüsterte sie zärtlich: »Arschloch!«

John nickte heftig, dann rückte er noch näher. Endlich hatte er sein Ziel erreicht, kein Blatt hätte mehr zwischen sie gepasst. Er drückte Anna mit einem tiefen Atemzug an sich, dann flüsterte er: »Da war nichts, Anna, wirklich!«

Anna antwortete nicht. John schloss die Augen und presste sie an sich. Anna wurde in seinen Armen warm und weich, sie entspannte sich langsam. John holte tief Luft, dann tat er etwas, was er noch nie getan hatte. Er setzte an zum Kampfkuscheln. Er drückte sich an sie, rieb sich an ihr, griff mit vollen Händen immer wieder in ihre Haare, schubberte sich an ihr wie ein Tier an einem Baumstamm, umklammerte sie mit aller Kraft und rollte mit ihr durchs Bett. Anna blieb die ganze Zeit weich und geschmeidig, sie folgte ihm so, wie sie mit ihm getanzt hatte, sinnlich und intuitiv, aber ihre Berührung hatte nichts Sexuelles.

Sie fing an, seine stürmischen Zärtlichkeiten zu erwidern, wühlte sanft durch seine nach Tina riechenden Haare und streichelte ihn mit sicherem Gefühl immer genau da, wo er es wollte. John rempelte Anna immer wieder an wie ein schmusewütiger Kater und wäre am liebsten komplett in sie rein gekrochen. Diese Berührungen taten so gut, dass er das Gefühl hatte, zu schmelzen, als würde er zerfließen vor Gefühl, ohne zu wissen, welchen Namen dieses Gefühl hatte. Verwirrt flüsterte er: »Tut mir leid, dass er steht, ich will wirklich nicht!«

Anna flüsterte sanft: »Ich weiß, Maler«, dann gab sie ihm einen zarten Kuss auf die Stirn und schmiegte sich wieder weich in seine Arme. Langsam wurde John ruhiger. Er bewegte sich mit ihr auf eine seltsam unschuldige und trotzdem erotische Art. Er wusste selbst nicht, was für ein verwirrendes Gefühl da in ihm toste, aber er musste es einfach durch immer wieder sanfte, fließende Bewegungen ausdrücken, die Anna völlig selbstverständlich aufnahm. Es war tatsächlich, als würden sie tanzen, einen langsamen, gefühlvollen Tango im Liegen. Anna wurde immer weicher und schwerer in seinen Armen, er spürte, dass sie zwischendurch für lange Momente in seinen Armen vertrauensvoll eindöste. Manchmal lachten sie leise über einen der Sätze aus der alten Screwballkomödie. Irgendwann murmelte Anna synchron mit der Filmheldin: »Umstürzler können’s am besten!«

John lachte hingerissen, dann flüsterte er einen Satz, den er noch nie zu einer Frau gesagt hatte. »Ich liebe dich.«

Anna seufzte leise, dann schlief sie in seinen Armen mit einem tiefen Atemzug fest ein. John hielt den zierlichen warmen Frauenkörper mit Armen und Beinen umschlungen und starrte noch lange in die Nacht. Wenn sie jemals mit ihm schlafen würde und er dann nur eine Tina für sie war, weil sie Sven liebte, würde er sterben. Er musste sie einfach dazu bringen, diesen Sven aufzugeben. Er musste einfach.

Und was ist deine Meinung?