BS 1, Kapitel 30: Modell sucht Maler – das Hinspiel

John schniefte unglücklich, dann legte er Holz im Ofen nach und fing an, den Atelierwagen aufzuräumen. Deppenjobs für Praktikanten beruhigten ja immer ungemein die Nerven. Er versuchte, seine fünfhundert Pinsel nach Größe zu sortieren und seine Gedanken nach Formen, aber eigentlich hatte er nur einen einzigen Gedanken. Genau genommen war es gar kein Gedanke, es war ein Gefühl.

Seit er im Morgengrauen wie versprochen aus Annas Bett verschwunden war, hatte er unerträgliche Sehnsucht, gestreift mit schrecklichen Schuldgefühlen. Er fühlte sich wie ein Zebra in sich beißenden Farben. Vielleicht Lila und Orange. Oder Grasgrün und Petrol, ja, das traf es ziemlich genau. Seine ganze Sehnsucht nach ihr war durchsetzt von dem schrecklichen Schuldgefühl, weil er sich Tinas Parfüm nicht aus den Haaren gewaschen hatte. Nein, wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, dann schämte er sich zu Tode, weil er überhaupt zu Tina hingefahren war!

Noch mehr schämte er sich dafür, dass er behauptet hatte, da wäre nichts gewesen. Er hatte Anna aus purer Angst angelogen. Aber zwei Prügelattacken von eifersüchtigen Frauen an einem Abend hätte er nicht ertragen.

Jetzt hatte er Tina wie ein brutales Monster das Herz gebrochen und sich vor Anna vollkommen unglaubwürdig gemacht, er, der Hüter der monogamen Moral. Ein treuer Mann kam nicht nachts nach Hause und roch nach fremdem Parfüm. Selbst dann nicht, wenn »nichts gewesen war«. John trat wütend gegen seine Werkband und ärgerte sich über sich selbst und darüber, dass ihm immer wieder die Haare in die Stirn fielen. Er warf gereizt den Kopf in den Nacken und kniff die Augen zusammen.

Draußen tanzte die Elfe durch den Garten. John spürte richtig, wie er sein schmollendes Schnöselgesicht bekam und wandte sich wieder ab. Er konnte sein Schnöselgesicht nicht ausstehen, auch, wenn seine Mutter dann immer lachte, weil er so süß war. Aber die eigenen Kinder waren ja immer die schönsten.

Aber was machte das verdammte Luder da? Telefonierte sie wieder mit ihrem Sven? Die Wut kochte schon wieder in John hoch. Je mehr er sich verliebte, umso eifersüchtiger wurde er! Er warf aus dem Augenwinkel einen Blick aus dem Fenster. Wieso wühlte sie im Laub unter den Bäumen? John konnte nicht anders, er trat ein Stück zurück und neigte den Kopf, um sie besser beobachten zu können.

Sie zog jetzt einen Stock unter dem Laub hervor, sprang ein paar Mal im Kreis wie Rumpelstilzchen ums Feuer und fing dann an, mit dem Stock zu kämpfen wie ein Jediritter mit seinem Laserschwert. Dann stellte sie den langen Stock auf ihre ausgestreckte Handfläche und balancierte ihn mit schnellen Schritten zu dem kleinen Beet vor ihrer Terrasse.

John wischte sich über den Mund und zog angestrengt die Nase hoch. Was sollte das werden? Die Elfe legte den Stock ab, lief wieder weg, wandte sich aber noch einmal um und gab dem Stock streng ein Zeichen, wie einem Hund, der liegenbleiben soll. John taumelte verwirrt rückwärts, bis er mit dem Hintern gegen die Werkbank stieß und verschränkte abwartend die Arme. Er musste jetzt aus dem anderen Fenster sehen, um zu beobachten, wie sie einen faustgroßen runden Stein aus dem feuchten Laub ausgrub und dann mit einem prüfenden Blick die Blätter von ihm abwischte. Sie bewegte die Lippen, als würde sie mit dem Stein sprechen, aber das wunderte John nicht. Elfen hatten solche seltsamen Macken. Die waren so verrückt, mit Bäumen zu sprechen, auf das Murmeln von Quellen zu antworten und mit Blumen zu tanzen. Elfen konnten ja sogar an den Haaren eines Mannes riechen, dass er bei einer anderen Frau gewesen war.

John schob den Farbeimer auf der Werkbank zur Seite, schimpfte: »Jetzt rück doch mal!«, und verlagerte das Gewicht, um wieder aus dem anderen Fenster zu sehen. Die Elfe sprang wieder zu ihrem Stock und benutzte den Stein dann als Hammer, um den Stock senkrecht in die Erde zu rammen. John fragte sich, ob sie vorhatte, ein Kreuz aufzustellen. Wahrscheinlich eins mit der Aufschrift: »Rest in pieces, John O’Molloy!«

Die Elfe schien zufrieden mit ihrem Werk, denn sie brachte jetzt den Stein nach Hause und deckte ihn fürsorglich wieder mit warmen Laub zu, als hätte sie ihn aus dem Winterschlaf geholt. Für einen Moment fragte John sich, ob Steine wohl wirklich Winterschlaf hielten, aber weil die sich im Sommer auch nicht bewegten, war das schwer zu sagen.

Die Elfe hüpfte jetzt in ihren klobigen Gummistiefeln und dem zerknitterten langen schwarzen Leinenrock, den sie heute trug, in komplizierten Tanzschritten zurück zu ihrer Terrasse. John registrierte die Rückenschnürung des hoch taillierten Rockes über ihrem knackigen kleinen Arsch und blinzelte gestresst. Wieso musste sie immer rumrennen wie ein leichtes Mädchen auf einem Toulouse-Lautrec oder eine Tänzerin von Degas? Immer umwehte sie die leicht anrüchige Aura eines leichten Mädchens aus dem neunzehnten Jahrhundert!

Er rieb sich gereizt die Augen. Ständig flimmerte sie mit irgendwelchen Knöpfen, Bändern, Schnürungen, Ösen und Strümpfen vor ihm herum, die er einfach nur ganz langsam öffnen wollte, um zentimeterweise diese seidenweiche, weiße Haut zu entdecken, die aussah, als könnte man den Finger darin versenken wie in frisch geschlagener Sahne, um zu naschen.

Die Elfe nahm Anlauf und sprang mit einem großen Satz in den nass glänzenden Stiefeln über das Beet und landete auf ihrer Terrasse. Hatte John für einen Moment ihre Flügel glitzern sehen? Er kniff die Augen zusammen gegen die tief stehende Wintersonne und richtete sich gespannt auf, weil sie ihre Terrassentür aufstieß, sich vorbeugte und nach irgendetwas angelte, um nicht mit den nassen Stiefeln ins Zimmer gehen zu müssen. Dabei streckte sie ein Bein nach hinten, wie eine Eisläuferin, die Anlauf für einen Sprung nimmt. John riskierte einen Blick auf das schlanke Bein in einem hohen, geringelten Wollstrumpf und fluchte. »Miststück! Ich wüsste zu gerne, ob du Strapse trägst!«

John ertappte sich bei dem bitteren Gedanken, dass Sven garantiert wusste, was sie unterm Rock trug. Anna verlagerte wieder das Gewicht nach hinten und ruderte für einen Moment mit dem Arm, dann kam ihre andere Hand mit einer großen Pappe zum Vorschein. John senkte den Kopf wie ein Stier, der sich nicht sicher ist, ob das flatternde Tuch vor seiner Nase zu einem Torero gehört, oder zu den Tischen vom Straßencafé nebenan. Die Elfe knotete jetzt mit bunter Wolle die Pappe an den senkrecht stehenden Stock und klopfte sich die Hände sauber. Dann trat sie für einen Moment zurück, nickte zufrieden und sprang vor dem Schild weg.

Der Stier mit dem gesenkten Kopf blinzelte und schnaufte. »Modell sucht Maler, angenehme Raumtemperatur!«

John keuchte fassungslos, dann lachte er auf und drehte sich um sich selbst. »Das verdammte Biest hat ein Schild aufgestellt!«

Er drehte sich wieder zum Fenster, aber die Elfe war verschwunden. John seufzte, blickte noch einmal vorsichtig aus dem Augenwinkel auf das Schild und fuhr sich verwirrt über den Mund. Verarschte sie ihn jetzt oder war das ihre Art, ihm zu sagen, dass er sie jetzt doch malen durfte?

Er ließ sich auf den Hocker vor der Staffelei fallen und verschränkte schnaufend die Arme. »Okay, Sean, jetzt nicht in Panik verfallen! Eine halbe Stunde, mindestens! Lass sie warten! Du hast es nicht nötig, am Fenster zu hängen und ständig sehnsüchtig diesem untreuen Biest nachzuspionieren! Du kannst später immer noch zufällig aus dem Fenster gucken und das Schild entdecken und wenn du dann Zeit und Lust hast, kannst du sie zeichnen. Ja.«

Er nickte befriedigt. Das war ein guter Plan. Plötzlich sprang er auf. »Rötelkreide, unbedingt Rötel! Diese Haare schreien danach! Und Kohle, ich brauch sie mehrfach in Kohle, bevor ich eine Studie in Öl anlege!«

Er durchwühlte fieberhaft seine Zeichenblöcke, um das richtige Papier auszuwählen und strich prüfend über die verschiedenen Papierbögen. »Okay, ich will dich mit weicher Kohle auf extrem rauem Papier, das bildet den perfekten Kontrast für dein störrisches Wesen, du kleines Luder! Und mit Rötel auf dem ungebleichten Bambuspapier, wo ist das verdammte Zeug denn? Scheiße, die Pastellkreiden sind jetzt überkandidelt, aber in Pastell will ich dich sowieso großformatig, bis dahin muss ich dich erst noch zähmen!«

John seufzte angestrengt, als sein Blick auf seine großen Skizzenbücher fiel, die zwischen schwarzen Pappdeckeln schlummerten. Er nickte langsam. »Perfekt!«

Als würde er etwas Verbotenes tun, mogelte er ein paar seiner besten Papiere zwischen die weniger hochwertigen Seiten des Skizzenbuches und prüfte dann verschiedene Zeichenkohlestücke und Rötelkreiden, um sie in seine Hemdtasche gleiten zu lassen. John blickte wieder auf die Uhr. Das Schild stand jetzt seit vier Minuten da. Er seufzte tief, dann klemmte er sich das Skizzenbuch unter den Arm und sprang aus dem Wagen.

John hatte kapituliert. Er versuchte gar nicht mehr, sich den Anschein zu geben, als hätte er es nicht eilig, John war heiß. Heiß darauf, das Licht auf ihren Haaren einzufangen, das in ihren Augen, ihre Proportionen auf Papier zu bannen, den Schwung ihrer Lippen zu zeichnen. Es ging jetzt um nichts anderes mehr, der Maler ging mit ihm durch. John sprang mit dem Skizzenbuch unterm Arm über Annas Terrasse, sah sie aus dem Augenwinkel am Laptop aufstehen und trat dann bockig unten gegen die Tür.

Anna öffnete die Tür und maulte zur Begrüßung: »Mann, haben wir eine Laune heute!«

John strich sich hektisch die Haare aus der Stirn und maulte zurück: »Halt die Klappe jetzt, ich will arbeiten.«

Anna trat wortlos zurück und spitzte kurz die Lippen, sagte aber nichts. John ruckte kurz wütend mit dem Kopf. »Ab, aufs Bett.«

Anna senkte den Kopf und lachte lautlos, aber dann gehorchte sie und setzte sich mitten auf die bunte Patchworkdecke auf dem Bett. »Ich bin deine Gliederpuppe, tu, was du willst!«

John wurde ganz schwindelig. Für einen Moment fühlte er wieder, wie er sie heute Nacht in diesem Bett an sich gepresst, ihren Duft eingesaugt, sich an ihr gerieben hatte wie ein liebeshungriger Bär am Baumstamm, dann nickte er knapp. »Knie ran.«

Anna machte das tatsächlich nicht zum ersten Mal, das merkte er sofort. Mit entspanntem, aber ausdruckslosem Gesichtsausdruck ließ sie sich von ihm formen, wie ein Stück Ton. Er befahl trocken: »Arme auf die Knie!«

Sie umarmte ihre angezogenen Knie und John trat zurück, um den Lichteinfall zu prüfen, dann packte er sie einfach wie eine Schweinehälfte im Schlachthof und zog sie einen halben Meter vor. Zärtlichkeit wäre viel zu gefährlich. Sie ließ alles willenlos mit sich geschehen und er zog ihren linken Arm nach vorn, drückte ihr fast unsanft die Stirn auf die Knie und strich ihr dann das Haar nach vorn über den Kopf, um ihren zerbrechlichen Nacken freizulegen.

Als er ihr seidenweiches Haar spürte, hielt er kurz für einen verwirrten Moment inne, dann strich er ihr mit unerträglicher Sehnsucht sachte über den schutzlosen Nacken. Anna umarmte wortlos und reglos ihre Knie und atmete mit gesenktem Kopf flach, aber ruhig. Ihr schlanker, ausgestreckter Arm hing in der Luft, als würde sie schlafen.

John fiel rückwärts auf ihren Stuhl am Schreibtisch und sie fingen an zu arbeiten. Lange Zeit hörte man nur das leise Rascheln der Kohle auf dem Papier und das Umschlagen der Blätter. John wechselte mehrfach den Platz und zeichnete Anna wie in einem fieberhaften Rausch aus mehreren Perspektiven. Für Frauenporträts machte er schon seit fünfzehn Jahren keine Studien mehr, auf Leinwand malte er solche Bilder aus der freien Hand alla prima innerhalb weniger Stunden, aber Anna war etwas ganz anderes. Sie war ein vollkommen neues Sujet und faszinierte ihn auf eine unbekannte Weise.

Er versetzte wieder den Stuhl, fummelte in seiner Hemdtasche und stieg um auf Rötelkreide. Ohne den Kopf zu heben, murmelte Anna: »Rötel.«

John atmete tief durch. Okay, sie erkannte am Kratzen der Kreide auf dem Papier, mit welchem Material er arbeitete. Offenbar war er wirklich nicht der erste Maler, den sie kannte. Er stellte die Skizze fertig, dann befahl er konzentriert: »Auf den Bauch.«

Anna richtete sich kurz auf, streckte sich und rollte sich dann auf den Bauch. »Ellenbogen?«

John nickte. »Abstützen.«

Anna richtete den Oberkörper ein Stück auf und stützte das Kinn in die Handfläche. »Einen oder beide?«

John streifte sie prüfend mit einem Blick. »Ist okay so.«

»Welchen Gesichtsausdruck hätten wir denn gerne?«

John strich tastend über das Papier, wählte ein neues Stück Zeichenkohle aus und warf ihr wieder einen prüfenden Blick zu. »Du bist das zickigste Miststück, das mir je begegnet ist!«

Anna dachte einen winzigen Augenblick mit ausdrucksloser Miene nach, dann schob sie die Unterlippe vor und zog die Augenbrauen zusammen. Das Trotzgesicht. John murmelte: »Perfekt«, und legte mit fliegenden Fingern die nächste Zeichnung an, während Anna trotzig vor sich hinstarrte. John wechselte wieder die Perspektive und setzte sich vor ihr auf den Boden. »Hältst du es noch einen Moment aus?«

Anna murmelte ruhig: »Das Gesicht kann ich stundenlang machen.«

John lachte leise und ging wieder zur Rötelkreide über, bis er die nächste Seite umschlug. »Rücken, eine Hand über den Kopf, die andere auf die Brust.«

Anna fragte: »Darf ich kurz deinen Stil sehen? Dann weiß ich, ob ich mehr wie für Schiele liegen muss oder mehr wie für Velazquez.«

John drehte ihr kurz das Skizzenbuch um und blätterte durch die Seiten. Anna nickte knapp, drehte sich auf den Rücken und legte sich intuitiv genau so hin, wie er sie haben wollte, eine Hand über dem Kopf, den Rücken leicht durchgebogen und eine Hand auf der Brust mit einer filigranen Fingerhaltung, die an die schaumgeborene Venus erinnerte. »Gesicht?«

»Augen zu, Lippen leicht geöffnet.«

Anna lachte leise »Du Sau!«, dann bekam sie einen sinnlich entspannten Gesichtsausdruck, schloss die Augen und öffnete leicht die Lippen. Johns Zeichenkohle raste über das Papier, dann veränderte er wieder die Perspektive und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. »Nicht erschrecken, ist nichts Persönliches.«

Er öffnete vorsichtig die zwei obersten Knöpfe ihrer knappen schwarzen Bluse und drapierte den Stoff neu, dann ihre Haare. Anna blieb völlig entspannt reglos mit geschlossenen Augen liegen. John sah für einen Moment auf sie herab und blinzelte völlig verwirrt, dann machte er sich wieder an die Arbeit. Sie zu zeichnen war wie mit ihr zu tanzen. Es war, als hätten sie nie etwas anderes getan. So vollkommen vertraut und einfach intuitiv richtig und gleichzeitig so aufwühlend und neu, dass er sich kaum noch konzentrieren konnte. John schlug wieder das Blatt um. »Wechsel.«

Anna öffnete die Augen, sah einen Moment zur Decke, dann drehte sie sich auf die Seite, strich ihre Haare nach hinten, um ihren Hals zu entblößen, dann bettete sie den Kopf auf ihren angewinkelten Arm und sah ihn aus großen Augen unschuldig an.

John warf mit einem verwirrten Zischen das Skizzenbuch weg und sprang vom Bett auf. Anna verfolgte mit einem unergründlichen Blick, wie er mit einem hilflosen Lachen durch den Raum tigerte, dann fragte sie leise: »Weiß sie eigentlich von mir?«

John hörte erst nur die Traurigkeit in ihrer Stimme und verstand den Sinn der Frage gar nicht. »Wer?«

»Die blonde Frau.«

John legte den Kopf in den Nacken und dachte fieberhaft nach. »Ist das wichtig für dich?«

Anna räusperte sich leise. »Natürlich ist das wichtig. Ich kann doch nicht mit einer Frau den Mann teilen, wenn die das nicht möchte.«

John blinzelte verwirrt, dann sah er Anna perplex an. »Ich hab gestern Schluss gemacht, hab ich dir das nicht gesagt?«

Anna sah ihn verschreckt an. »Aber nicht meinetwegen!«

John konnte ein gereiztes Knurren nicht unterdrücken. »Natürlich deinetwegen, was dachtest du denn?«

Anna legte sich die Hand auf die Augen und flüsterte betroffen: »Oh, Scheiße! Die Arme!«

John lachte fast hysterisch auf. »Anna, hast du es noch nicht verstanden? Ich meine es ernst

Anna blieb einfach stumm liegen und hielt sich weiter die Augen zu. Plötzlich war John mit einem Satz über ihr. Er kniete sich über sie, dann zog er ihr die Hand vom Gesicht. Sie wehrte sich dagegen und ehe John verstand, was passierte, befanden sie sich in einem stummen Kräftemessen. Verwirrt ließ er ihr Handgelenk los. Sie stemmte blitzschnell die Hände gegen seine Brust, keuchte aber wild: »Halt mich!«

John erstarrte für eine Schrecksekunde, dann zog er sie so fest er konnte an sich, aber je fester er sie zu umarmen versuchte, umso kräftiger wehrte sie sich gegen ihn. Das alles passierte wie in Zeitlupe, es glich einem choreographierten Kampf in sinnlicher Langsamkeit. John staunte über die zähe Kraft der kleinen Frau und keuchte atemlos: »Was passiert hier?«

Sein Kopf sagte ihm, dass er sie nicht so anfassen dürfte, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er mehr wollte, viel mehr. Sie zog den Kopf ein und stemmte die Schädeldecke gegen seine Brust, keuchte aber mit einem flehenden Wimmern: »Küss mich endlich!«

Johns Hauptsicherung brannte durch. Die Langsamkeit war vorbei. Er brachte sie in einem kurzen, aber heftigen Kampf so unter sich, dass die bewegungsunfähig wurde, schlang ihre Haare so straff um seine Hand, dass er ihr den Kopf in den Nacken ziehen konnte, dann schloss er die Augen und strich ganz sachte mit seinen Lippen über ihre.

Für den Bruchteil einer Sekunde versuchte er, sich zu sammeln, aber das scharfe, kribbelnde Gefühl, wie sein Schwanz sich heiß und pulsierend aufrichtete, durchströmte ihn so lustvoll, dass er gar nicht anders konnte, als mit der Zunge in ihren heißen, feuchten Mund einzudringen. Anna versuchte wieder auszubrechen, aber er spürte ihre Lust an diesem Kräftemessen und fasste sie intuitiv noch fester, dann küsste er sie endlich zum ersten Mal richtig. Die Zeit des Spielens und Testens war abgelaufen, er wollte sie, er hatte noch nie eine Frau so sehr begehrt wie sie in diesem Moment.

Anna gab den Widerstand auf, sie schlang Arme und Beine um ihn und erwiderte mit einem fassungslosen, sinnlichen Seufzen seinen Kuss. Sie küssten sich mit Haut und Haaren, diesmal war der Sex mit Klamotten nicht vertikal. Alle Lust, die sie in der letzten Nacht unterdrückt hatten, brach sich in heftigen Atemzügen, wilden Bewegungen und fast gebissenen Küssen Bahn. John raffte gierig den Stoff an ihrem Schenkel hoch und stöhnte auf, als er das nackte, zarte Stück Haut über dem Strumpf fühlte.

Plötzlich schoss ihm der Gedanke an Sven durch den Kopf. Als hätte er sich die Finger verbrannt, wich er mit einem Schreckenslaut vor Anna zurück und sprang rückwärts aus dem Bett. Anna blieb einfach mit geschlossenen Augen reglos so liegen, wie er sie von sich gestoßen hatte.

John stieß hervor: »Wenn du mich haben willst, mach erst Schluss mit dem!«

Anna öffnete immer noch nicht die Augen, aber ihre Stimme klang jetzt ganz klar und ruhig. »Okay, wenn du pokern willst, gehe ich mit. Du kriegst mich, wie ich bin, oder gar nicht.«

John keuchte wütend. »Denkst du ernsthaft, dass du mich mit Sex erpressen kannst? Ich kann es mir auch woanders holen, jederzeit!«

Anna wandte sich von ihm ab. »Ich bleib lieber im Zölibat, da muss ich mir nicht so verletzende Sachen anhören.«

John hasste sich selbst, als er bitter lachte. »Als ob ein Pulverfass wie du das durchhalten würde!«

Anna sagte tonlos: »Ich warte lieber, bis ich jemanden treffe, der es wert ist. Wer’s zuletzt macht, macht’s am besten.«

John klappte den Mund auf und suchte nach einer richtig gemeinen Erwiderung, um dieses Duell doch noch irgendwie zu gewinnen, aber er hatte das nagende Gefühl, schon wieder viel zu viel Schwachsinn gesagt zu haben. Er wartete noch einen Moment, dann stolperte er völlig kopflos aus dem Zimmer und verschanzte sich mal wieder hilflos im Bauwagen. Diese »keusche« Frau war wirklich brandgefährlich! Wenn sie ein erotisches Wettrüsten haben wollte, dann würde sie auch eins kriegen, er war noch lange nicht am Ende!

Ein Gedanke zu „BS 1, Kapitel 30: Modell sucht Maler – das Hinspiel

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