BS 1, Kapitel 31: Ein Business-Meeting auf die ostfriesische Art

Ich hatte noch nie Gelegenheit, solche Standard-Marketing-Knubbelmännchen zu bloggen. Das ist jetzt meine Chance!

Eugen wickelte eine Lakritzschnecke ab, band damit die Butterbrottüte zu, die er für Keno vorbereitet hatte, und lächelte stolz. »Das hab ich mal in einer Zeitschrift gesehen und wollte das immer schon mal machen!«

Steffi verteilte die Teetassen auf dem Küchentisch und kicherte. »Hoffentlich hat Keno bei dem Auftritt eine Garderobe, in der er sein Lunchpaket unbeobachtet öffnen kann!«

Eugen sah auf. »Glaubst du, das ist peinlich?«

Anna griff über den Tisch, legte die Butterbrottüte liebevoll in Kenos Brotdose und setzte noch eine weiße Gummimaus dazu. »Einem Mann, der eine pinkfarbene Elvis-Brotdose mit zur Arbeit nimmt, ist nichts peinlich!«

Eugen lächelte dankbar, dann seufzte er tief. »Schade, dass Keno gleich losmuss und nicht zum Tee bleiben kann. Wo Lothar doch heute zum großen Plenum geladen hat!«

Steffi lachte leise und brühte den Tee auf. »Wir haben jeden Tag großes Plenum! Immer um 15 Uhr!«

Anna platzierte die Kuchenplatte mitten auf dem Tisch, dann machte sie einen Hüpfer in den Flur und brüllte: »Keno, du musst los!«

Eugen seufzte wieder. »Kommt John denn heute wohl zum Tee?«

Steffi stellte das Sahnekännchen neben die Kluntjedose. »Haben wir alles?«

Eugen sprang auf. »Jetzt hätten wir fast die Schokotörtchen vergessen!«

Anna kam wieder an den Tisch und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. »John arbeitet sicher, ich glaub nicht, dass der auf die Zeit achtet.«

Steffi warf ihr einen verstehenden Blick zu. Sie ahnte, dass Anna die Bemerkung nur gemacht hatte, damit Eugen nicht gekränkt war, weil John mal wieder den Tee ignorierte. Keno polterte mit dem Gitarrenkoffer und seinem in eine Folie gewickelten Kostüm durch die Küchentür und murmelte: »Komm ja schon, komm ja schon! Du musst nicht immer gleich brüllen, Frau Literatöse!«

Anna grinste. »Wir wollen ja nur nicht, dass du zu spät zur Arbeit kommst!«

Keno angelte sich schnell ein Kuchenstück und brummte: »Bis ich dran bin, sind die sowieso alle sturzbesoffen!«

Anna nickte weise. »Das ist so, wenn man der Top Act ist.«

Lothar wuselte mit seinem Laptop in die Küche. »Machst du uns dann bitte ein After-Act-Selfie?«

Keno räusperte sich geziert. »Mein After geht niemanden was an!«

Lothar zog sein Handy aus der Tasche und tat, als wollte ein Foto von Kenos Hintern machen. Eugen kam mit den Schokotörtchen aus der Speisekammer und fragte verwirrt: »Aber wenn du das Foto machst, ist das dann überhaupt ein Selfie?«

Die Frauen kicherten. Lothar grinste stolz. »Wenn ich das Foto selber mache, ist es doch ein Selfie!«

Steffi schlug nach seinem Arm und zog Lothar auf seinen Platz. »Jetzt hör doch mal endlich auf, deinen Selfie-Witz totzuerzählen! Halt lieber die Klappe und sag uns endlich, wie wir das jetzt mit dem Video-Kanal machen!«

Lothar hielt sich demonstrativ den Mund zu und gab dumpfe Laute von sich. Anna beugte sich zu Steffi und flüsterte: »Du hast paradox kommuniziert, jetzt ist er verwirrt!«

Keno lachte dröhnend. »Hashtag: Sad Bärchen!«

Eugen machte einen langen Arm und klopfte auf Kenos Stuhl. »Jetzt setz dich doch eben und trink wenigstens noch eine Tasse Tee mit uns!«

Keno seufzte dramatisch und hielt den Gitarrenkoffer hoch, dann griff er sich schnell noch ein Stück Kuchen und steckte es in den Mund. »Muff lof!«

Steffi sprang auf. »Vergiss deine Brotdose nicht wieder!«

Anna mahnte: »Und knüll deinen Glitzerfummel nicht wieder so auf den Rücksitz!«

Keno versuchte, stramm zu stehen, aber der Gitarrenkoffer stieß gegen den Tisch und gab ein unheilschwangeres Dröhnen von sich. Anna wimmerte: »Die E-Saite!«

Keno lachte noch einmal dröhnend, dann griff er seinen Proviant und stapfte aus der Küche. Steffi flüsterte angespannt: »Hoffentlich verfährt er sich nicht wieder!«, dann lachten sie alle los. Eugen schüttelte versonnen den Kopf. »Wie hat Keno das alles eigentlich hingekriegt, bevor wir uns um ihn gekümmert haben? Er ist immer so schusselig!«

Steffi petzte: »Er hat sich von Mini-Salamis im Teigmantel ernährt! Gibt es an der Tankstelle!«

Anna schüttelte sich. »Und von diesem eingeschweißten Käse am Stiel!«

Eugen hustete entsetzt. »Käse am Stiel?«

Anna nickte eifrig, dann warf sie der Reihe nach Kluntje in die Teetassen. Steffi und Lothar tauschten einen Blick, als sie die Tasse an Johns Platz überging, und grinsten sich verstohlen an. Offenbar hatten der Maler und Frau Schnulze wieder einen Zusammenstoß gehabt, nach dem klar war, dass John nicht zum Tee kommen würde. Anna streifte Lothar mit einem strafenden Blick. »Jetzt fang schon an! Schließlich sind wir nicht zum Spielen hier!«

Lothar räusperte sich wichtig und schaffte Platz auf dem Tisch, um seinen Laptop aufzuklappen. Steffi beugte sich über den Tisch und flüsterte: »Wozu brauchst du das Ding?«

Lothar sah sie erstaunt an. »Um wichtig auszusehen natürlich! Das hier ist ein Meeting!«

Anna kicherte. »Gibt es dafür einen Hashtag?«

Eugen jammerte: »Ich hab gar nichts dabei, womit ich wichtig aussehen kann!«

Anna zog einen Stift aus der Hosentasche und steckte ihn Eugen in die Hemdtasche. »So geht das. Außerdem hast du die Teekanne.«

Eugen atmete auf und schenkte kopfschüttelnd ein. »Ich hab keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse!«

Steffi kicherte. »Ist auch besser so!«

Lothar bog an seinem Laptop herum und schob eine unsichtbare Krawatte zurecht. »Nun, da wir so zahlreich verrammelt sind …«

Anna blinzelte ihn an. »Jetzt noch mal im Konjunktiv II, dritte Person Plural, im Plusquamperfekt, bitte!«

»Autoren!« Eugen verdrehte kichernd die Augen.

Lothar fuhr mit einer eleganten Handbewegung flüssig fort. »Nun, da sie alle so zahlreich verrammelt sein würden, schlage ich vor, dass wir …«

Steffi flüsterte Anna zu: »War das richtig?«

Anna runzelte die Stirn. »Ich bin jetzt ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ich wollte ihn nur verwirren.«

Steffi prustete los, aber Lothar fuhr unbeirrt fort, nur lauter. »Ich schlage vor, dass wir erst ganz genau die Zielgruppe eingrenzen, demografische Daten erheben, die Nische spitz machen und dann einen zielgruppenorientierten Multi-Media-Contentmix erstellen, um das Social-Media-Marketing auf eine langfristige Strategie auszurichten und so möglichst viele Leads zu generieren, die im B2C-Bereich dann für uns zu aktiven Promotern werden und das Online-Reputationsmanagement durch virale Effekte quasi von selbst für uns übernehmen! Natürlich ist der Name des Kanals ganz entscheidend für das Branding, das wir unbedingt durch ein klar kommuniziertes Corporate Design unterstützen müssen, um unsere Corporate Identity zur Marke aufzubauen! Und natürlich sollte der Name Begriffe enthalten, die ein hohes Suchvolumen und wenig Konkurrenz aufweisen, das macht die Suchmaschinenoptimierung einfacher. Ich bitte um Vorschläge!«

»Öhm …« Eugen blickte verwirrt in die Runde.

Steffi stürzte ihren Tee runter und winselte: »Jetzt wird mir klar, wieso er reich und berühmt ist!«

Anna seufzte tief, dann stand sie auf, ging um den Tisch und setzte sich neben Lothar auf Johns freien Platz. Sachte legte sie die Hand auf Lothars Arm. »Bärchen?«

Lothar strahlte sie an und nickte auffordernd. Anna atmete tief durch. »Bärchen, wir wollten Spaß haben, erinnerst du dich? Kein Marketing!«

Lothar blinzelte langsam. Anna war sich nicht ganz sicher, ob er verwirrt tat oder ob er wirklich verwirrt war. Sanft flüsterte sie: »Denk an Ginsberg. Und an Kerouac. Denk an die Beat Generation, die es nie gab. Keine Zensur im Kopf. Einfach nur Spaß.«

Lothar schluckte. »Kein Marketing? Keine Selbstzensur?«

Anna schüttelte ganz langsam den Kopf. »Kein Marketing. Du schaffst das!«

Lothar seufzte tief, dann murmelte er beklommen: »Ich bin ein Marketingjunkie!«

Anna nickte wieder ganz langsam, dann grinste sie. »Einfach nur Spaß!«

Lothar atmete tief durch, dann rubbelte er sich übers Gesicht und lachte nervös. »Ich fühl mich plötzlich so nackt! Sichtbarkeit ohne Schutzschild? Ohne Netz und doppelten Boden? Einfach nur wir? Was hab ich mir dabei gedacht?«

Anna nickte wild. »Sogar ohne Erfolg! Einfach nur Spaß!«

Eugen räusperte sich verlegen, dann tat er das, was eine ostfriesische Hausfrau eben tut: Er warf Anna einen Kluntje in Johns Tasse und schenkte ihr frischen Tee ein. »Und wie nennen wir uns jetzt?«

Anna zeigte auf ihre Tasse, dann grinste sie satt. »Flying Kluntje!«

Lothar stöhnte: »Das googelt kein Mensch!«

Steffi lachte glücklich. »Ist doch prima! Wenn uns kein Mensch findet, können wir uns ungehemmt zum Affen machen!«

Eugen stellte andächtig fest: »Also, wenn keiner guckt, bin ich dabei! Ich bin doch so kamerascheu!«

Sie brachen in Lachen aus, dann hob Anna ihre Tasse. »Auf den Flying-Kluntje-Kanal!«

Sie prosteten sich symbolisch zu, dann stürzten sie sich endlich auf die Schokotörtchen und den Schnittchenteller. Aber Steffi beugte sich zu Lothar und flüsterte: »Sag mal, das da mit dem ganzen Marketing, kannst du mir das beibringen? Vielleicht so als Substitutionsdroge? Dann kannst du deine Marketingneurose ausleben und ich hab auch was davon!«

Lothar schnaufte erleichtert. »Ich dachte, du würdest nie fragen!«

Anna trank genüsslich einen Schluck Tee, dann stellte sie leise klirrend die Tasse ab. »Was ich gerade schon fragen wollte … sind Demografische eigentlich Süßwasserfische oder gibt es die in der Nordsee?«

Und was ist deine Meinung?