BS 1, Kapitel 32: Maler sucht Modell – das Rückspiel

Noch ein Knubbelmännchen! Danach hör ich aber auf …

Es wurde Zeit für Maßnahmen, die greifen. Nina war weg, Tina war weg, wenn er eine Mina, Sina oder eine Dina gehabt hätte, wären die jetzt auch weg. Wenn John sich nicht sicher gewesen wäre, dass er sich damit vollkommen lächerlich macht, hätte er Anna aufgezählt, wie viele Frauen er um ihretwillen in die Wüste schicken könnte, während sie sich weigerte, auch nur einen einzigen Kerl aufzugeben. Aber das Gefühl, dass eine einzige Liebe viel mehr wog, als seine Sammlung oberflächlicher Affären, nagte an ihm wie ein Pfeil im Herzen. John hatte kapituliert und war bereit für die Liebe. Ab jetzt würde er mit der Elfenjagd Ernst machen.

Den Stock hatte er schon von der Obstwiese gesammelt, er war bereit für den Gegenangriff. John griff sich den Hammer, denn er war ein echter Mann mit Werkzeugkasten, er musste keinen Stein aus dem Winterschlaf holen. Dann klemmte er die Pappe unter den Arm und stieg aus dem Atelierwagen.

Er rammte den Stock in den Boden und hängte sein Schild auf. »Maler sucht Modell. Zieh dich warm an, ich heiz dir nicht ein!«

Er trat befriedigt zurück und setzte sich dann auf die Treppe zum Wagen, um die obligatorische Zigarette zu drehen. Er legte den Hammer ab und steckte verwirrt einen Finger in den Kragen, um ihn zu lockern, als ihm der Gedanke durch den Kopf schoss, dass Steffi das Schild vielleicht auf sich beziehen könnte, aber die Tür zum Elfenreich ging schon auf, als er gerade erst die Zigarette ansteckte.

Die Elfe schlenderte in einer viel zu schlabberigen Jeans und mit zwei Kapuzenjacken übereinander zu ihm herüber, blieb mit verschränkten Armen in sicherem Abstand zu ihm stehen und blitzte ihn stinkwütend an. Sie war also noch sauer. »Denkst du ernsthaft, dass du mich mit dem Riesenteil beeindrucken kannst?«

John sah verwirrt zu ihr auf, dann folgte er ihrem abschätzigen Blick und verstand, dass sie den Hammer meinte. Er versuchte, einen pubertären Lachanfall zu unterdrücken und nickte so cool er konnte. »Du wärst nicht die Erste, die davon beeindruckt wäre.«

Anna wurde plötzlich rot und drehte sich halb um in Richtung ihres Zimmers. »Ich mein nur, weil ich neulich versucht hab, meinen Garderobenhaken an die Wand zu nageln und ich hatte nur so einen kleinen.« Plötzlich fing sie an zu lachen und wandte sich ganz ab.

John blieb äußerlich ganz ruhig. »Wenn du willst, kann ich dir einen Dübel reinjagen.«

Anna drehte sich wieder zu ihm um. »Scheiße, O’Molloy, können wir uns nicht einmal unterhalten, ohne dass jeder Satz klingt, als hätten wir nur Sex im Kopf?«

John sah unschuldig zu Anna auf. »Ich mein das völlig ernst, ich hab ’ne richtige Schlagbohrmaschine!«

Anna wandte sich genervt ab, aber er konnte sehen, dass sie ein Lachen unterdrückte. »Arsch! Dreh mir lieber eine Kippe!«

Für einen Moment zögerte John, aber er konnte nicht anders. Er wollte unbedingt dieses heisere Elfenlachen hören, er hatte noch nie so ein erotisches Lachen gehört. Er sah Anna lauernd an und nickte. »Gut, dann fass ich mir jetzt ganz langsam und provokativ in die Hose und hol den Tabak raus, okay?«

Die Elfe sprang lachend mit einem großen Satz von ihm weg und wickelte sich fester in ihre Jacken. »Mann!«

John seufzte schwermütig. »Ja, ist nicht leicht als Mann. Besonders nicht mit Elfen im Garten.«

Anna sah ihn erstaunt an. »Gibt es hier Elfen? Ernsthaft?«

John nickte ernst, dann deutete er auf die halb fertige Zigarette. »Ich leck jetzt, okay?«

Anna kicherte wieder übermütig drauflos und zischte: »Du Sack!«

John reichte ihr die Zigarette und schüttelte sanft den Kopf. »Ich mag es gar nicht, wenn ich reduziert werde.«

Anna funkelte ihn plötzlich wieder wütend an. »Du reduzierst dich doch selber! Und mich! Und wenn du mir noch einmal unterstellst, dass ich Sex einsetze, um dich zu erpressen, dann schlag ich dir ohne Vorwarnung voll in die Fresse!«

John erschrak. So, wie sie das sagte, klang das wirklich, als hätte er wieder verdammt bescheuerten Müll erzählt. Unsicher stellte er fest: »Ich glaube, jetzt würde es mir doch gefallen, wenn du mich mit Sex erpresst.«

Anna zischte: »Mir aber nicht! Wenn ich Sex habe, dann immer nur aus einem einzigen Grund! Weil ich Sex haben will! Ich hab nämlich echte Gefühle! Wenn ich Sex einsetzen würde, um Männer zu manipulieren, würde ich mich wie die Hure fühlen, für die du mich hältst!«

John senkte den Kopf. »Autsch.«

Anna blieb einfach stumm stehen. John holte tief Luft und sah betreten zu ihr auf. »Ich hab mich entschuldigt für diese Schlampensache! Ich hab sogar draus gelernt! Keine moralischen Urteile mehr! Ich hab sogar zu Tina noch gesagt, dass sie …«

John schlug sich die Hand vor den Mund. Das gehörte jetzt wirklich nicht hierher, aber Anna sah ihn aus gefährlichen Schlitzaugen an. »Dass sie was?«

John schluckte. »Dass sie mir keine Liebe vorspielen muss, um zu rechtfertigen, dass sie Lust auf Sex hat.«

»Das hast du nicht gesagt!« Anna schlug sich die Hände vor die Augen. »Oh, mein Gott!«

John beobachtete verwirrt, wie Anna rückwärts taumelte, dann fragte sie atemlos: »Und das hat sie bestimmt mächtig gefreut, oder? Dass du ihre Gefühle so eiskalt in den Staub trittst?«

John sperrte wortlos den Mund auf und bewegte nur die Augen hin und her, aber ihm fiel einfach nichts ein, was er darauf sagen könnte. Ihm fiel die Zigarette, die er für Anna gedreht hatte, in die nasse Wiese. Er wischte sich hektisch übers Gesicht, um den dämlichen Gesichtsausdruck loszuwerden, aber Anna stieß nur vorsichtig mit der Fußspitze gegen das Schild. »Irre, was für ordentliche Schilder du malen kannst.«

»Handarbeit.« John merkte selbst, dass das Wort wie ein verunglückter schlüpfriger Witz geklungen hatte und wurde rot. Das lief alles überhaupt nicht so wie geplant!

»Wenn du so gern Handarbeit machst, könntest du für dein Bauwagenareal hier noch so ein Parkplatzschild machen. Es gilt die öffentliche Geschlechtsverkehrsordnung!«

John senkte mit einem verschämten Grinsen den Kopf und murmelte: »Ich hab gehört, der Trend geht zum Zölibat. Ich wollte das jetzt auch mal ausprobieren.«

Anna hob anerkennend die Augenbrauen. »Cool! Ernsthaft! Du glaubst gar nicht, wie viele Kapazitäten man plötzlich frei hat, wenn man sich mit dem Scheiß nicht mehr rumärgert!«

John stützte verwirrt das Kinn in die Hände. Er hatte einfach keine Ahnung, was sie ernst meinte und was nicht. Er sah sehnsüchtig zu ihr auf. »Ist das so?«

Anna nickte überzeugt. »Yäp! Man hat zum Beispiel Zeit, sich von notleidenden Malern zeichnen zu lassen. Stell dir mal vor, ich wär jetzt mit einem Kerl beschäftigt, dann wär ich ja gar nicht hier, oder?«

Jetzt gerade war sie also nicht mit einem Kerl beschäftigt. War er kein Kerl? John beschloss, die Bemerkung positiv zu sehen, wenigstens war sie nicht mit diesem Kerl aus Berlin beschäftigt. Er stand auf, machte Platz in der Tür und befahl mit einem knappen Kopfnicken: »Rein!«

Anna ging an ihm vorbei und streifte ihn mit einem wütenden Blick. John nahm hilflos Witterung auf, als sie an ihm vorbeilief. Dieser Elfenduft machte ihn völlig wahnsinnig. Anna blieb mitten im Wagen stehen und sah sich um. »Ey, ich wusste nicht, dass das Teil so geil ausgebaut ist. Du hast mehr Schubladen in deinem Behandlungszimmer als mein Kieferorthopäde früher, kannst du auch Zahnspangen nachstellen?«

John ging viel näher hinter Anna vorbei als notwendig und murmelte ihr ins Ohr: »Schön weit aufmachen!«

Plötzlich lachte sie tatsächlich das heisere, helle Lachen, von dem er Herzrasen bekam, und tadelte dann trocken: »Arschkrampe!«

John zog betont ruhig eine der vielen Schubladen auf und hob einen flachen Kasten mit Pastellkreiden heraus. Anna stieß entsetzt die Luft aus. »Ist nicht dein Ernst, du hast bestimmt vierhundert Farbtöne, du dekadente Sau! Weißt du überhaupt, was eine einzige Pastellkreide in der Qualität kostet?«

John lachte leise und hob den nächsten Kasten heraus. »Ich bin Profi, Anna, ich hab noch ganz andere Sachen.«

Anna schüttelte den Kopf. »Du Kapitalistensau! Weißt du, wie lange eine siebzehnköpfige Arbeiterfamilie in der Sowjetunion davon gelebt hätte, was deine bunten Spielsachen kosten?«

John ruckte mit dem Kopf, wurde Zeit, dass er streng wurde. »Runter von der Barrikade und ab an die Wand!«

Anna funkelte ihn wütend an. »Genau so seid ihr! Sich volksnah geben und selbstgedrehte Bolschewiken-Kippen rauchen, aber wer die Zustände anprangert, wird an die Wand gestellt! Aber ich sag dir was! Che Guevara hat gesagt: Gibt es nicht genug Kaffee für alle, gibt es Kaffee für keinen!«

John fing haltlos an zu lachen. »Anna, du machst mich wahnsinnig! Auf was genau bist du jetzt scharf, soll ich dir einen Kaffee anbieten oder bist du neidisch auf meine schönen bunten Spielsachen?«

Anna maulte ertappt: »Ich würde töten für diese Pastellkreiden! Kannst du dir auch nur im Entferntesten vorstellen, was ich damit alles anstellen könnte?«

John hätte sie fast spontan an sich gerissen und geküsst, aber er konnte sich gerade noch beherrschen. »Okay, ich kauf dir welche.«

Anna schüttelte wild den Kopf. »Nä!«

John atmete tief durch. Eine Frau, die ein Geschenk ablehnte, das war ihm ja noch nie passiert. »Gut. Warum nicht?«

Anna tippte sich an die Stirn. »Dann stehe ich in deiner Schuld, so weit kommt das noch!«

John stöhnte und rieb sich die Augen. »Okay, Anna, das wird jetzt richtig peinlich, aber ich bin Millionär. Ich kann es mir leisten, ein paar Pastellkreiden zu verschenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.«

Anna starrte trotzig an ihm vorbei. »Nö, lass mal. Ich kauf mir einfach ein Zwölferpack im Sonderangebot.«

John spürte einen Stich. »Unterstellst du jetzt mir, dass ich mit Geschenken Sex erpressen will?«

Anna zog kurz wütend die Augenbrauen zusammen, dann zuckte sie die Schultern. »Okay, dein Punkt.«

John wischte sich verwirrt übers Gesicht, weil er spürte, wie er seinen Verführerblick aufsetzte. »Um mit einem anderen Che Guevara Zitat zu antworten: Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche! An die Wand jetzt.«

Anna verengte die Augen zu Schlitzen wie ein Scharfschütze. »Ante la duda, mátalo!«

John nickte beeindruckt, aber eigentlich überraschte es ihn auch nicht, dass sie Che Zitate auf Spanisch auswendig konnte. »Töte ihn im Zweifelsfall! Auch schön! Aber weißt du, was Karl Kraus gesagt hat?«

Anna verschränkte patzig die Arme und zitierte: »In Zweifelsfällen entscheide man sich für das Richtige!«

John neigte den Kopf und zeigte mit dem Daumen in Richtung Wand. »Ab!«

Anna senkte den Kopf, schlenderte los und lehnte sich dann mit dem Rücken an die Wand. John atmete tief durch, dann öffnete er die Klappe des Ofens und legte Holz nach. Er wusste, was kommt und wandte leise lachend den Kopf ab, als Anna misstrauisch fragte: »Was machst du da?«

John richtete sich wieder auf und sah Anna wütend an. »Ich heiz dir nicht ein, mir ist kalt, okay?«

Anna murmelte: »Das hätte ich jetzt auch gesagt!«, dann raffte sie unterm Kinn ihre Jacken zusammen und kuschelte sich in den flauschigen Plüschsaum ihrer Kapuze. John sprang zur nächsten Schublade und zog einen Papierbogen heraus. »Nicht bewegen!«

Anna behielt reglos die Pose bei und sagte ganz ruhig: »In Filmen kriecht den Leuten bei dem Satz gerade eine Giftschlange ins Hosenbein oder so.«

John verlor die Beherrschung, er war mit wenigen großen Schritten bei ihr und rieb sehnsüchtig die Nasenspitze an ihrem Ohr. »Du bist traumhaft schön.«

Anna reagierte überhaupt nicht, sie stand einfach nur da. John wurde mutiger. Er tastete sich mit den Lippen vor zu ihrer Schläfe und flüsterte hingerissen: »Ich kann an nichts anderes mehr denken, Anna!«

Ohne sich zu bewegen, sagte Anna ganz ruhig: »Wenn du mich hier behandelst wie deine Standardmodelle, bin ich weg, aber sofort.«

Ein Tritt in die Eier hätte nicht wirkungsvoller sein können. John zuckte verwirrt zurück, dann drehte er die Staffelei in die richtige Position, heftete sein Papier an und fing an zu arbeiten. Als wäre nichts passiert, stand Anna an der Wand, kuschelte sich in ihren Kragen und sah entspannt, aber ernst zur Seite.

John verfluchte sich innerlich dafür, dass er sie so überfallen hatte und setzte mehrfach die Kreide an. Er brauchte viel länger als gewohnt, um abzuschalten und in den Fluss zu kommen, aber Anna stand vollkommen gelassen da und rührte sich nicht. John zermarterte sich das Gehirn, worüber er sich sonst immer mit Modellen unterhalten hatte, damit kein peinliches Schweigen entstand, aber er hatte sie immer einfach plappern lassen.

Anna plapperte nicht. Sie plapperte einfach nicht, verdammt! Er hatte mit seinem unsensiblen Vorstoß die eh schon angespannte Stimmung vollkommen ruiniert. Irgendwann platzte er heraus: »Ich wollte dir nicht zu nahe treten, tut mir leid.«

Anna war einen Moment still, dann fragte sie: »Musst du eigentlich immer kompliziertes Zeug quatschen?«

John runzelte verwirrt die Stirn, dann murmelte er: »Okay, wir können uns auch einfach anschweigen.«

Er wollte gar nicht schweigen, er wollte die ganzen brennenden Fragen loswerden, vor deren Antworten er sich fürchtete. Aber Anna nickte fast unmerklich und John arbeitete stumm weiter, bis er den Bogen von der Staffelei nahm und den nächsten anheftete. Diesmal trat er ganz vorsichtig näher. »Okay, kannst du vielleicht …«

Sie unterbrach ihn. »Kann ich die Jacken ausziehen?«

John nickte. »Klar.«

Anna ließ ihre Jacken auf den Boden gleiten, drehte sich in einem knappen schwarzen Top zur Wand, legte die gespreizten Finger an die Wand und sah ihn über die Schulter mit verletzter Wut an. John schluckte und trat einen Schritt zurück. Sie hatte einfach eine unglaublich starke Präsenz, sie war wirklich das geborene Modell, aber er traute sich nicht, auch nur ein Wort darüber zu sagen.

Er trat vorsichtig wieder einen Schritt näher und versuchte, sich in Professionalität zu retten. »Hast du irgendwas dabei, womit du die Haare hochstecken kannst?«

Anna trat von der Wand zurück. »Ich glaub, ich hab nur ein Zopfgummi, dann müsste ich die Haare eben einflechten. Dauert nicht lange.«

John knurrte heiser: »Einflechten klingt perfekt.«

Anna nickte. »Okay. Eingeflochtener Kronenzopf, Gretchenzopf, Fischgräte, Wasserfall oder französischer Zopf?«

John zog völlig überfordert die Augenbrauen hoch. Anna sah ihn an, als wäre er ein Kind, das sich für kein Bonbon entscheiden kann, und fragte betont langsam: »Magst du’s französisch?«

John schluckte und wischte sich über die Augen. »Ich dreh uns mal eine Zigarette.«

Er floh aus dem Bauwagen und wurde verfolgt vom heiseren Lachen der Elfe. Ködern und dann wegbeißen konnte sie wirklich verdammt gut. John lief draußen in der klaren, kalten Luft auf und ab und verfluchte sich selbst dafür, dass er das Schild aufgestellt hatte. Er wischte sich nervös die farbigen Finger an der Hose ab und fing an, Zigaretten zu drehen. Wahrscheinlich zitterten seine Hände leicht, weil er aus dem warmen Bauwagen ins Freie gesprungen war.

Anna kam ihm mit Haarnadeln zwischen den Lippen hinterher und nuschelte mit leicht geneigtem Kopf: »Hab noch Nadeln gefunden.«

John beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sie mit rasend flinken Fingern ihre Locken zu einem komplizierten Muster einflocht und reichte ihr dann schüchtern eine Zigarette.

»Warte!« Anna nahm die Haarnadeln aus dem Mund und legte sie einfach John in die Hand. »Nicht die Haarnadeln anzünden! Ich hab mir schon mal eine Kippe in den Stiftebecher gestellt, sie wieder raus genommen und mich dann gewundert, wieso der Bleistift nicht an ging.«

John gab ihr Feuer und sie klemmte die Kippe in den Mundwinkel, um die Hände frei zu haben, und flocht einfach weiter.

John räusperte sich. »Das machst du alles ohne Spiegel?«

Anna paffte und lachte leise. »Für Spiegel bin ich zu blöd. Ich überkreuz dann immer die Arme und stech mir verwirrt den Finger ins Auge. Ich kann Krawatten auch nur binden, wenn ich die selber um habe, deshalb bin ich nicht verheiratet.«

Sie nahm John eine Haarnadel aus der offenen Hand und begann, den Zopf hochzustecken. John rutschte heraus: »Ich dachte, du stehst auf Polyspielchen!«

Anna nahm ihm die nächste Haarnadel ab und schüttelte mit konzentriert nach innen gerichtetem Blick den Kopf. »Ich kenn viele Polys, die verheiratet sind. Ich hab aber nie verstanden, wieso so viele scharf sind auf den schönsten Tag im Leben, danach kann es ja nur noch bergab gehen. Bist du verheiratet?«

John sah Anna entsetzt an, dann schüttelte er den Kopf. Anna drehte ihm den Rücken zu und fuhr sich mit der Hand über den jetzt freiliegenden Nacken. »Geht?«

John war erleichtert, dass sie ihm den Rücken zudrehte und sein verwirrtes Gesicht nicht sah. Wieso hatte er sie jetzt wieder eiskalt angelogen? Für eine Schrecksekunde hatte er Angst, dass seine Frau Sonja mit einem nach Schwefel stinkenden Knall auf der Wiese auftauchen würde wie Fausts Pudel, aber wahrscheinlich war er der Geist, der stets verneint.

John atmete tief durch, dann sah er auf den zerbrechlichen Nacken. Er schloss sehnsüchtig die Augen, um sie nicht zu berühren, dann fragte er so beiläufig wie möglich: »Würdest du mal mit mir zum Tango fahren?«

Anna wandte sich wieder zu ihm um und nahm die Zigarette aus dem Mund. »Wo?«

John zuckte die Schultern. »Es gibt immer irgendwo eine Milonga.«

Anna klang gelangweilt. »Ich mag diese Kleinstadtmilongas nicht so.«

John bohrte die Hände in die Hosentaschen. »Zu schlechte Tänzer?«

Anna schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht. Ich find nur, Tango tanzt man für sich. Wenn man es richtig macht, ist es zu intim, um es vor Leuten zu machen. Und wenn man es nicht richtig macht, kann man es auch sein lassen. Das ist sonst ein bisschen so, wie wenn man Sex hat, weil man meint, man müsste mal wieder Sex haben, weil man sonst unterm statistischen Durchschnitt liegt, nicht, weil man Kawämm-Sex haben muss.«

John zog verwirrt die Augenbrauen hoch. »Was zur Hölle ist Kawämm-Sex?«

Anna sah ihn irritiert an, wandte den Kopf ab, dann sah sie ihn wieder an. »Du hattest noch nie Kawämm-Sex?«

John fuhr sich verwirrt übers Gesicht und schämte sich zu Tode, ohne zu wissen, für was, aber er kam sich gerade ganz fürchterlich dämlich vor. »Äh, wenn du mir erklären könntest, was das ist?«

Anna sah ihn an, als wüsste er nicht, was ein Haus ist oder ein Dackel oder ein Minigolfschläger. »Das Wort erklärt sich doch selbst! Wenn man sterben muss, wenn man jetzt nicht sofort diesem einen ganz bestimmten Menschen den Verstand rausvögeln kann, die totale Kernschmelze, Erdbeben, Tsunami, wenn man so einen Hunger hat, dass man komplett irre wird, wenn man es nicht machen kann! Weil man mit diesem einen Menschen so was von eins werden muss, dass man komplett durchdreht! Hast du das etwa noch nie gehabt?«

John spürte, dass er rot wurde, dann murmelte er: »Ach, der Kawämm-Sex!«

Er fühlte sich plötzlich in den Augenblick zurückversetzt, als er seinen Cousins in Dublin mit elf oder zwölf erzählt hatte, dass er schon mal Schnaps getrunken hat, dabei war sein einziger Kontakt mit Alkohol bis dahin ein mit Eierlikör gefülltes Schokoladen-Ei gewesen. Und das hatte er angewidert wieder ausgespuckt. Aber alle anderen Jungs schienen so viel mehr zu wissen als er.

Anna nickte knapp und trat die Zigarette aus. »Machen wir weiter? Ich hab nicht mehr viel Zeit.«

John zögerte und trat von einem Fuß auf den anderen. Irgendein Widerhaken steckte in ihm fest, aber er wusste nicht genau, was es war. Bevor er wirklich nachgedacht hatte, stammelte er: »Das mit diesem Kawumm-Sex …«

Anna sah ihn ausdruckslos an. »Wämm. Es heißt Kawämm-Sex.«

John schluckte. »Dann eben Kawämm-Sex. Hattest du das schon mal mit der falschen Person?«

Anna trat einen Schritt zurück und ließ den Blick durch den Garten schweifen. Dann sah sie ihn wieder an. »Ist dir das etwa passiert?«

John senkte den Kopf und bohrte die Hände tief in die Hosentaschen. »Ich glaub schon. Das fühlt sich jedenfalls extrem scheiße an. Und ich weiß jetzt gar nicht, wie ich mit dir darüber reden soll, ohne mich als komplett unterirdischer Idiot zu outen.«

Annas Mundwinkel zuckten kurz, dann sagte sie leise: »Ich wusste, dass du mich anlügst.«

John fuhr sich über die Augen. »Scheiße, ich wollte dich nicht anlügen, echt nicht. Aber das ist wie ein Reflex. Eine Frau fragt mich, ob ich mit einer anderen Frau geschlafen habe, und ich sage automatisch nein.«

Anna bekam ganz schmale Lippen, aber sie machte unschlüssig einen Schritt auf ihn zu. »Und das sagst du mir jetzt, weil?«

John legte den Kopf in den Nacken und dachte nach. »Weil ich mich unglaublich beschissen dabei fühle, dich anzulügen. Weil ich sonst niemanden hab, mit dem ich über dieses Gefühl reden kann. Keine Ahnung. Ich fühl mich nur unglaublich mies, weil ich diese Frau benutzt habe, um meine Lust loszuwerden.«

»Und hat es funktioniert?«

Für einen Moment sah er Anna wütend an, dann schüttelte er resigniert den Kopf. Ganz leise sagte er: »Ich will dich, Anna, nur dich.«

Anna verschränkte die Hände auf dem Rücken, drehte mit gesenktem Kopf eine kleine Runde über die Wiese, dann nickte sie langsam. »Okay, ich bin dir dankbar, dass du die Lüge gestanden hast, ehrlich. Aber du willst nicht mich. Du willst nur eine Frau, die so aussieht wie ich und in dem Film mitspielt, den du kennst. Du hast heimliche Affären und ich tu so, als würde ich deine Lügen glauben.«

John lächelte freudlos. »Als ich bei dir geschlafen habe, hast du mir geglaubt.«

Anna holte angespannt tief Luft. John nickte. »Okay? Wenn du mir nicht geglaubt hast, wieso bin ich dann nicht im hohen Bogen aus deinem Bett geflogen?«

Anna sackte mit einem resignierten Schnaufen in sich zusammen, dann ballte sie die Fäuste und zischte: »Weil du mir unglaublich leid getan hast, weil ich Mitgefühl hatte! Weil ich dachte, der arme Kerl ist so verunsichert und liebebedürftig und hilflos, dass er einfach nicht weiß, wie er mir die Wahrheit sagen soll!«

John machte einen Satz auf sie zu und fauchte: »Du hast aus Mitleid mit mir gekuschelt?«

Anna stieß ihm vor die Brust und schrie: »Aus Mitgefühl! Das ist was ganz anderes! Aus tief empfundenem, echtem Mitgefühl! Weil ich dich einfach nur im Arm halten und ganz furchtbar mächtig lieb zu dir sein wollte! Wenigstens hab ich ehrlich und aufrichtig mit dir gekuschelt und nicht irgendeinen Ersatzmann benutzt, damit ich mich bloß nicht mit dir auseinandersetzen muss, wie du bist!«

John wurde blass und schluckte. »Okay, das hat gesessen.«

Anna drehte sich mit einem verzweifelten Wutschrei um sich selbst, dann stapfte sie wutschnaubend zurück ins Elfenreich, knallte die Tür zu und zog mit einem Ruck die Vorhänge vor.

Und was ist deine Meinung?