BS 1, Kapitel 4: Ein einsamer Rutsch

Polyamorie Roman

Sookie says: So, jetzt kommt das neue Eugen-Kapitel. Und da wir das zweite Kapitel gestrichen haben, wird es dann in der Neuauflage das dritte Kapitel sein, aber ich will jetzt hier nicht noch mehr Verwirrung stiften. 😀 Dazu ist mir ein Satz aus einer Rezension auf Amazon eingefallen, den ich unglaublich treffend formuliert fand: „Manchmal für mich etwas langatmige Beschreibungen, die sich allerdings als Falle herausstellen, weil sie mich in die Geschichte saugen wie ein schwarzes Loch.

Buah, langatmig möchte natürlich kein Autor sein (außer man heißt Marcel Proust und ist berühmt dafür), aber das mit dem schwarzen Loch gefällt mir natürlich sehr. Ich fand diese Rezension aber deshalb so spannend, weil mir vorher gar nicht bewusst war, dass ich oft zwischen Ballade und Speed Metal wechsle. Ich mach das einfach intuitiv, weil jede Figur ein anderes Temperament und ein eigenes Tempo hat. Und Eugen ist eben eher laaangsam, er ist ja kein Hedlund! Um die Mitte zu finden und keinen Leser ans Land der Schnarchnasen zu verlieren, habe ich Eugen jetzt ein langsames, aber kurzes Kapitel geschrieben.

Ein einsamer Rutsch

Eugen fuhr vorsichtig mit seinem schwer bepackten Wagen die vereiste Allee mit den Schlaglöchern entlang, bog in den mit malerischen Schneewehen bedeckten Hof ein und ließ den Wagen ausrollen. Er zog den Schlüssel ab, dann fiel er mit einem tiefen Seufzer in den Sitz.

Der alte Gulfhof lag dunkel und verlassen da, aber die eiskalte Nacht war so sternklar, dass er im Mondlicht alles erkannte, was er sehen wollte. Er hätte diesen Hof auch mit geschlossenen Augen betrachten können.

Auch in dem blau schimmernden Nachtlicht erahnte er das Rot der Backsteinfassade und das Grün des großen Scheunentores. Der Wohntrakt des Hauses war mit vielen kleinen Sprossenfenstern versehen, die dringend durch dreifach verglaste Fenster ersetzt werden müssten, aber das würde er nach und nach angehen.

Als Kind hatte er jeden Sommer hier verbracht, später war er außerhalb der Saison gekommen und hatte Gesa bei Instandsetzungsarbeiten geholfen.

»So ein altes Haus braucht eben viel Liebe!«, hatte Gesa immer gesagt und dann hatten sie zusammen gewerkelt. Sie hatten Zimmer renoviert, die alten Möbel aufgearbeitet und natürlich war die Teezeit immer der ruhende Pol im Tagesablauf gewesen.

Selbst an dem Wintertag, an dem im hinteren Flur zum Stall das Wasserrohr geplatzt war, weil das Wasser in den Rohren gefroren war. Sie waren stundenlang in Gummistiefeln mit Eimern in dem eisigen Wasser hin- und hergerannt, um die Katastrophe einzudämmen und Tante Gesa hatte vor Freude gelacht wie ein unbeschwertes Kind. Weil sie eine Wattwanderung im Haus machen konnten. Aber um Punkt drei hatten sie alles stehen und liegen lassen, um Tee zu trinken. Der Tee war in Ostfriesland heilig.

Eugen seufzte tief. Gesa würde nie wieder mit ihm Tee trinken. Er spürte, wie ihm schon wieder die Tränen kamen, aber er hatte vorher schon gewusst, dass es schwer werden würde, das geliebte alte Haus zu betreten. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ausgerechnet in der Silvesternacht einzuziehen, aber sonst war er immer zur Teezeit eingetroffen. Immer. Also hatte er sich überlegt, dass es vielleicht einfacher wäre, in einer Situation anzukommen, die vollkommen anders war und irgendwie unwirklich. Vielleicht würde er die Begrüßung dann nicht ganz so vermissen.

Eugen streckte den Arm nach seiner Tasche auf dem Beifahrersitz aus, dann schrak er zusammen. Das Pfeifen einer einsamen, zu früh gezündeten Silvesterrakete durchschnitt die klare Luft, dann tanzte farbiges Licht über das Haus und warf einen wandernden Schatten über den Hof, als würde die Sonne in einem Zeitraffer vorbeifliegen.

Eugen atmete tief durch, dann griff er seine Tasche und stieg aus. Die anderen Taschen würde er über Nacht im Wagen lassen. Dem Fresskorb, den seine Mutter ihm vorwurfsvoll seufzend gepackt hatte, würde schon nichts passieren. Jetzt musste er erst einmal mit heilen Knochen die Eiswüste bis zur großen Freitreppe vor der Haustür durchqueren.

Eugen schlitterte los. In der Stadt vergaß man ja immer völlig, wie hilflos man auf dem Land der Natur ausgeliefert war. Die ungestreute spiegelglatte Fläche glänzte im Mondlicht. Eugen versuchte es zaghaft mit einem Schritt, verlor das Gleichgewicht und ruderte hilflos mit den Armen. Das Eis knackte unter seinen Füßen. Eugen pendelte sich aus, warf einen verstohlenen Blick über die Schulter und schlitterte los.

So, wie er es früher an Gesas Hand getan hatte, wenn sie die verrosteten alten Gleitschuhe aus der Scheune mit einer Speckschwarte eingerieben hatten und im Garten über das Eis geschlittert waren. Damals hatte Eugen immer davon geträumt, richtige Schlittschuhe zu haben und über einen malerischen zugefrorenen See zu gleiten. Jetzt war er froh, dass er gelernt hatte, wie man in Ostfriesland stilecht schlittert.

Eugen holte Schwung, nahm Fahrt auf und kippte fast vorn über, als er mit dem eiskalten Zeh gegen die unterste Stufe der Treppe stieß. Die Tasche flog ihm fast aus der Hand, aber er packte entschlossen zu und zog sich dann am Geländer hoch. Morgen früh würde er als Erstes diese vereiste Treppe streuen, aber jetzt wollte er nur noch ins Warme.

Er zog den Schlüssel aus der Tasche und öffnete fachmännisch die grün gestrichene alte Doppeltür. Erst fest ranziehen, dann den Schlüsse drehen, dann ruckeln und sich mit der Schulter dagegen werfen. Die verzogene Tür verstand ihn sofort, schließlich gehörte er zur Familie.

Eugen betrat den Windfang des Hauses, hörte das vertraute Klappern der losen Fliese unter seinen Füßen und fand den Lichtschalter. Das Licht wurde von der trüben Birne nicht heller, nur anders, aber Eugen kannte sich ja aus.

In der Ferne pfiff wieder eine einsame Silvesterrakete und ließ die Grabesstille im Haus noch lauter Dröhnen. Eugen war bis zu diesem Moment nie klar gewesen, dass Stille so laut sein kann. Er öffnete die Zwischentür zum breiten Flur des Hauses und sah auf die wie ein Schachbrett angeordneten alten Fliesen, die weiß gestrichenen Türen mit den geschnitzten Rahmen und den abgewetzten Knauf des Treppengeländers. Die Treppe führte hinauf ins Dunkle.

Der vertraute Geruch des Hauses war wie ein Gruß aus einer vergangenen Zeit. Es duftete immer irgendwie nach Kaminfeuer, Tee, ostfriesischer Mettwurst und einem Hauch von Seewind. Eugen schnupperte für einen Moment gerührt, dann zog er verwundert sein Handy aus der Tasche.

Wer wollte denn jetzt etwas von ihm, zwei Stunden vor Mitternacht? Müsste nicht jeder andere Mensch auf einer Silvesterparty sein? Wahrscheinlich wollte Mama nur schimpfen, weil er noch nicht Bescheid gesagt hatte, ob er gut angekommen war.

Eugen sah auf die Nachricht und bekam runde Augen. »Hi, Eugen! Wahrscheinlich feierst du gerade irgendwo wilde Partys, aber ich hab gerade dein Inserat gesehen und muss dir einfach spontan schreiben! Ick bin aus Berlin, wa, heiße Anna und schreibe ganz schrecklich kitschige Schnulzen über heiße Highlander, also lies sie bloß nicht, aber irgendwo muss die Miete ja herkommen!« Eugen lachte verzückt. Eine Schriftstellerin! »Ich würde wahnsinnig gern mal ein bisschen Landluft schnuppern und zu ein oder zwei Dingen hier ein bisschen Abstand gewinnen und als ich gelesen habe, dass du Mitbewohner für eine Künstler-WG an der Küste suchst, war ich sofort heiß wie ein Highlander! Hast du noch ein Zimmer für mich frei? Ich kann mir vorstellen, dass du überrannt wirst und vielleicht ist dein schöner Hof auch schon voll, aber ich bin auch in einer Besenkammer glücklich, solange ich meine Bücher irgendwo stapeln kann. Ich freu mich drauf, von dir zu hören und wünsche dir noch einen guten Rutsch, Anna.«

Eugen schob ganz vorsichtig das Handy wieder in die Tasche und lächelte selig. Dass er überrannt wurde, konnte er wirklich nicht behaupten. Seit er auf allen möglichen Portalen inseriert hatte, dass er Mitbewohner sucht, konnte er die Kommentare, die er bekommen hatte, an einer Hand abzählen. Ein paar Leute hatten ihm viel Glück gewünscht und geschrieben: »Schade, dass ich so weit weg wohne!« oder »Leider nicht meine Ecke, aber viel Glück!«. Ganz schrecklich fand er Kommentare wie: »Das wäre auch mein Traum!«

Das war ja sehr schön für die Leute, wenn sie einen Traum hatten, aber was hatte er davon? In düsteren Momenten hatte er richtige Angst bekommen, dass die Prophezeiung seiner Mutter in Erfüllung gehen würde: Dass er nach einem Winter allein hinterm Deich zurück nach Hause kriechen würde.

Aber irgendwie hatte der Wind sich plötzlich gedreht. Die Nachricht dieser Anna erfüllte ihn mit einer stillen Freude, für die er gar keinen Namen hatte. Aber plötzlich hatte er das Gefühl, das alles gut werden würde. In der Ferne zündete die nächste Silvesterrakete, aber diesmal klang das einsame Pfeifen nicht deprimierend. Es klang wie der Vorbote eines aufregenden Lebens. Eugen machte einen ungeschickten Hüpfer, dann ging er in die Küche und kochte sich Tee.

Und was ist deine Meinung?