BS 1, Kapitel 5: Ein ungeschicktes Verbrechen aus Leidenschaft

Als Steffi den Schlüssel in der Haustür hörte, wischte sie sich wie ertappt über das tränenfeuchte Gesicht. Sie hörte, wie Peter seine Schuhe auszog und sich ein Bier aus dem Kühlschrank holte. Dann wurde das Licht im Wohnzimmer angeschaltet.

»Was machst du denn hier im Dunkeln?« Sein Ton war schon wieder genervt.

Steffi versuchte, ihr Schniefen nicht wie einen Vorwurf klingen zu lassen. »Ich hab auf dich gewartet.«
Peter nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. »Ah, ja? Und warum?«

»Du hast mir versprochen, sie nicht wieder zu sehen.« Steffi merkte, wie ihre Augen schon wieder ins Schwimmen gerieten.

Peter ließ sich in den Sessel ihr gegenüber fallen und beugte sich vor. »Ich hab eine Beziehung mit ihr, wie stellst du dir das vor? Soll ich einfach sagen, ich komme nicht mehr? Kannst du nicht mal ein bisschen Respekt haben?«

Steffi sah ihn entsetzt an. »Aber mit mir bist du verheiratet! Wenn du davor Respekt hättest, wären wir gar nicht in dieser Situation!«

Peter lehnte sich zurück und ließ sich wieder Bier durch die Kehle rinnen. »Mein Gott, in welcher Situation sind wir denn schon? Ich schlafe mit einer Anderen, na und? Glaubst du, Liebe ist ein Gut, dass man aufteilen kann und es gibt für jede nur soundso viel? Ich kann Arabella lieben und ich kann dich lieben, wo ist das Problem? Wir haben unsere offene Ehe nun schon so oft diskutiert, aber wir kommen einfach zu keinem Ende!«

Steffi musste vor Anspannung lachen. »Arabella! Was ist das überhaupt für ein alberner Name? Das klingt wie diese Kuh mit den Pumps aus den Micky Maus Heften!«

»Zufällig ist Arabella eine sehr attraktive und emanzipierte Frau. Und damit, dass du kleingeistig über sie herziehst, machst du dich selbst nicht gerade attraktiver. Eine offene Beziehung kann nur funktionieren, wenn du tolerant bist. Du merkst selbst gar nicht, wie gefangen du in deiner spießigen bürgerlichen Prägung bist, aber ich bin zu müde, um das schon wieder durchzukauen.«

Steffi sprang vom Sofa hoch und verhedderte sich mit dem Fuß in ihrer fast leer geweinten Taschentuchbox.

»Wegen irgend einer Klarabella …«

»Arabella.«

» … soll ich meine bürgerliche Prägung ändern? Bevor wir verheiratet waren, war von einer offenen Beziehung nie die Rede! In den ersten Jahren unserer Ehe war davon nie die Rede! Und plötzlich belügst und betrügst du mich nach Strich und Faden und …«

Peter schaltete um auf verständnisvoll und änderte den Tonfall. »Jetzt entspann dich mal, Schatz! Wenn du nicht ständig fragen würdest, wo ich war, müsste ich schließlich auch nicht lügen, oder? Aber ich kann dir einfach nichts erzählen, du wirst ja immer gleich zickig und machst Stress …« Er sah sie um Verständnis bittend an. »Schau mal, Schatz. Unsere Ehe läuft doch gut und wenn du neuerdings nicht ständig nach Problemen suchen würdest, hätten wir keine. Andrea und Melanie hast du schließlich auch toleriert und alles war gut.«

Steffi riss die Augen auf. »Bei Andrea hast du mir geschworen, dass es ein einmaliger Ausrutscher war! Bei Melanie hieß es, das wäre nie passiert, wenn du beruflich nicht so unter Druck stehen würdest, und das tust du schließlich für uns! Als ob ich jemals verlangt hätte, dass du vierzehn Stunden am Tag arbeitest. Oder warst du etwa gar nicht bei der Arbeit?«

Peter stöhnte gereizt. »Schatz, du kannst doch nicht behaupten, dass sie dir was weggenommen haben, oder? Oder hast du dich in den letzten sechs Jahren etwa nicht immer geliebt gefühlt? Du bist doch meine Nummer Eins, aber du kannst mich nicht einsperren wie einen Schoßhund, ich bin ein Mann! Und es macht mir eben einfach mehr Spaß mit dir, wenn ich auch mal ein bisschen Abwechslung habe …«

Irgendetwas machte in Steffis Kopf ganz leise klick. Sie griff das erstbeste Buch, das sie finden konnte und warf es Peter an den Kopf. Peter wich aus und »Untreue als Chance« fiel zu Boden.

»Sag mal, spinnst du jetzt völlig? Es gibt ja wohl keinen Grund, aggressiv zu werden!«

Diesmal traf »Warum hast du mir das angetan?« ihn direkt an der Nase. In dem Moment, als Steffi mit »Die Geliebte – eine Chance für die Ehe?« anfing, auf ihn einzuprügeln, riss er die Arme über den Kopf. Er schrie: »Hör auf, du bist ja total schizophren!«

»Ach ja? Ich bin schizophren? Ich zeig dir, wie schizophren ich bin!«

Steffi fing an, wutschnaubend das komplette Wohnzimmer zu demontieren. Fasziniert von ihren eigenen Kräften warf sie das Bücherregal um, um sich gleich danach dem Computertisch zuzuwenden. Peters Monitor krachte auf das Parkett. Er sah sie entsetzt an. Dann fielen in einer unendlich stillen Sekunde die Blicke beider auf den noch nicht abbezahlten, riesengroßen Fernseher. »Oh, nein, das wirst du nicht tun!«

»Ach ja? Fühlst du dich etwa nicht geliebt, wenn ich deinen Fernseher kaputt schmeiße?«
Das Geräusch war mörderisch.

Steffi fühlte plötzlich, wie alle Dämme in ihr brachen. »Seit Monaten, ach was, seit Jahren verbiege ich mich und versuche, deine Nebenbeziehungen zu tolerieren und zu verstehen. Und jetzt bin ich schuld, wenn unsere Ehe ruiniert ist? Wieder und wieder hab ich mit dir gesprochen und dir gesagt, wie sehr du mich verletzt, aber es geht immer nur um dich! Und wenn ich das nicht aushalte, bin ich zu bürgerlich! Was ist denn bürgerlicher als ein Ehemann, der von seiner Frau erwartet, dass sie stillschweigend wegsieht, wenn er Affären hat? Es kann ja gut sein, dass deine emanzipierte Arabella mit der Rolle der Hure zufrieden ist, aber ich bin nicht die Heilige! Jetzt ist Schluss mit der lieben, sanften Steffi, die sich immer alles gefallen lässt! Schatz, zieh doch mal einen Minirock an, Schatz, jetzt mach doch mal was aus dir, Schatz, denk dran, Kuchen zu backen und die Fenster zu putzen, bevor meine Mutter kommt! Und deine ständige Gehirnwäsche hab ich so satt! Wenn ich nicht so funktioniere, wie du es brauchst, schwebt immer diese Drohung über mir: Ich kann es mir auch woanders holen!«

Peter sprang auf und schrie: »Dann frag dich doch mal, warum ich es mir woanders hole! Guck doch mal in den Spiegel! Wenn ich Bock auf Schweinshaxe habe, geh ich ins Restaurant, nicht ins Bett!«

Steffi spürte, wie der Boden unter ihr schwankte. Diesmal griff sie nach einer schweren, gläsernen Vase und warf sie ungeschickt in Peters Richtung. Ein dumpfes Geräusch ließ sie zusammenzucken, dann sank Peter zu Boden wie ein Stein. Ihr wurde schwarz vor Augen.

In Panik rannte Steffi ins Bad und übergab sich. So fühlte es sich also an, wenn man ein »Verbrechen aus Leidenschaft« beging. Steffi lachte hysterisch. Was in Büchern immer romantisch oder spannend war, war im wahren Leben nur eins: Leiden. Sie versuchte, einfach nur zu atmen, bis sie wieder scharfe Umrisse sah und der Boden aufhörte zu schwanken wie ein Segelboot. Dann stand sie wie in Zeitlupe auf, ging ins Schlafzimmer und warf alles, was sie greifen konnte, in einen Koffer.

Aus dem Wohnzimmer hörte sie jetzt Stöhnen und Fluchen und wusste nicht, ob sie erleichtert sein oder noch mehr Angst bekommen sollte. Für einen Moment kam ihr der panische Gedanke, dass sie all ihre Bilder, ihr gesamtes Material, ihre künstlerische Arbeit der letzten zehn Jahre nie wieder sehen würde, wenn sie jetzt einfach weglief, dann schloss sie ihren Koffer und wuchtete ihn vom Bett.

Im Wohnzimmer saß Peter mit dem Rücken zur Tür auf dem Boden und presste sich fluchend die Hand an den blutenden Kopf. Der Koffer war einfach zu schwer, um lautlos durch den Flur zu huschen, er schlug Steffi ständig gegen die Beine.

Für einen Moment wallten Mitleid und Reue in ihr auf. Fast hätte sie den Koffer fallen lassen und blieb zögernd für eine Sekunde an der Wohnzimmertür stehen.

Ohne sich umzudrehen, zischte Peter: »Hau bloß ab, du kranke Schlampe!«

Steffi packte ihren Koffer fester. Die Wut gab ihr wieder Kraft. Sie zog mit einem Krachen die Wohnungstür hinter sich zu, dann rannte sie die Treppen herunter und kehrte ihrer Ehe den Rücken.

Sookie says: Nix zu meckern, für die arme Steffi kann es nur noch besser werden. Ich hab nur den gläsernen Aschenbecher durch eine Vase ersetzt. Ich hatte ursprünglich mal einen Aschenbecher für die Szene gewählt, weil ich tatsächlich irgendwo gehört hatte, dass Aschenbecher eine beliebte Tatwaffe bei partnerschaftlichen Auseinandersetzungen sind. Heute muss ja aber sowieso jeder Raucher auf den Balkon und Steffi raucht sowieso nicht. Außerdem ist sie an dem Punkt ihres Lebens noch Hausfrau, nä? Welche Hausfrau schmeißt denn einen Aschenbecher durch de Gegend! Is‘ ja voll unhygienisch! 😀

Zum Abschluss hab ich noch einen schön traurigen Song für alle, die schon mal in Steffis Situation waren (wer war das nicht?), Das Video hat zwar überhaupt nix mit der Story des Songs zu tun, aber die Darstellerin ist das Model, das sich derzeit zu „Wicked Game“ mit Chris Isaac am Strang gewälzt hat. Die Welt ist ein Dorf.

Und was ist deine Meinung?