BS 1, Kapitel 6: Auf der Flucht vor ostfriesischer Mettwurst und ein oder zwei anderen Angelegenheiten

Ostfriesische Mettwurst

John rollte das klapprige Damenfahrrad in die verschneite Einfahrt des rot geklinkerten ostfriesischen Einfamilienhauses und fuhr sich durch die Haare. »Okay. Pumpe, Pumpe, da. Scheiße.«

Wieso war das Ventil der Reifen immer gerade da, wo man nicht heran kam, wenn man die Reifen aufpumpen wollte? John seufzte, hob das Fahrrad an und drehte das Rad ein Stück weiter. Fünfzehn Kilometer gegen den eisigen Wind bis zu diesem Eugen ohne Luft in den Reifen, das ging selbst nicht mit Oberschenkeln aus irischem Stahl. Und irischer Stahl war ja berühmt. Immerhin war die Titanic in Belfast gebaut worden. John lachte leise vor sich hin beim Gedanken, ob er auf dem Weg zu Eugen wohl einen Eisberg rammen würde.

»Hallo, John!«

John schlug sich die Fahrradpumpe in die Hand und überlegte. Die Stimme in seinem Rücken kam ihm bekannt vor. Er drehte sich um. »Inka!«

Die hübsche kleine Blonde in der dicken rosa Daunenjacke funkelte ihn wütend an. »Insa

John zog die Stirn kraus. »Oh, ja, warte, die Inka waren doch diese Indianer mit dem Kalender und dem Weltuntergang. Insa. War mein Fehler. Oder waren das die Maya? Da gab es doch auch mal so eine Biene …«

Insa schüttelte fassungslos den Kopf. »Dass du dich überhaupt noch hierher traust!«

John rieb sich den Nacken und dachte angestrengt nach. Verdammt, was hatte er jetzt wieder angestellt? »Na ja, ich bin in diesem Dorf aufgewachsen, ich dachte, ich hätte ein Recht, hier aufzutauchen. Und um ehrlich zu sein, ich hab mich nicht nicht her getraut! Rafaels Mutter hat mich eingeladen, als sie gehört hat, dass ich nach Ostfriesland komme und ich konnte einfach nicht Nein sagen. Ist ja nur für ein paar Tage, ich wollte mir gerade eine WG ansehen.«

Insa verschränkte die Arme. »Eine WG. Und da willst du mit dem Fahrrad von Rafaels Mutter hin? Bei Eis und Schnee? Läuft wohl nicht so gut mit der Kunst, was? Da kann ich ja froh sein, dass du dein Eheversprechen nicht gehalten hast!«

John legte den Kopf in den Nacken. Eheversprechen? Ja, da war was. Irgendein uraltes Missverständnis. »Inka, äh, Insa, ich … ich hab dir nie irgendwas versprochen! Du hattest mich gefragt, was ich vom Heiraten halte und ich hab gesagt, ich hätte grundsätzlich nichts dagegen. Dafür, dass du dann sofort zu all deinen Freundinnen rennst und erzählst, dass ich dich heiraten werde, kann ich ja nichts!«

Insa stemmte die Hände in die Hüften. »John, du bist so ein Arschloch! Wir waren dreimal zusammen, es wurde Zeit, dass du mich endlich heiratest!«

John neigte nachdenklich den Kopf. Insa hatte wirklich wunderschöne, faszinierende Haut. Keine Schlagsahnehaut, die war einfach die beste, aber sie hatte Haut, die aussah, wie der Milchschaum auf einem Cappuccino. Ganz feinporig, irgendwie … fluffig. John streckte die Hand aus und berührte vorsichtig Insas Hals. »Du siehst wirklich gut aus!«

Insa schnaufte und schlug nach seiner Hand. »Hast du überhaupt gehört, was ich dir gerade gesagt habe?«

John atmete irritiert tief durch. Vielleicht war es auch kein Cappuccinoschaum, sondern Badeschaum. Er konnte verstehen, wieso Katzen zu ihren Haltern in die Wanne sprangen, weil sie ausprobieren wollten, ob man auf diesen weißen Wolken spazieren gehen konnte. Er konnte auch verstehen, wieso Katzen eine Panikattacke bekamen, wenn sie durch den Schaum fielen und im Wasser landeten. Vielleicht sollte er die strampelnden Beine einer nassen Katze im Wasser malen. Er rieb sich die Stirn. »Wenn eine Katze in die Badewanne springt, glaubst du, dass das Wasser zur Seite verdrängt wird, oder eher nach hinten? Unter der Katze durch?«

Insa keuchte wütend. »Ehrlich, John, du bist noch genau so ein Idiot wie früher!«

John spürte, dass er seine steile Falte über der Nase bekam. »Entschuldige, ich … wir waren nicht dreimal zusammen, wir haben doch nur manchmal ein bisschen …«, er wollte sagen »Spaß gehabt«, aber das klang irgendwie nicht richtig. Er entschied sich für: »Liebe gemacht.«

Insa schnaufte. »Liebe gemacht? Liebe kann man nicht machen, du Arsch! Willst du mir jetzt erzählen, dass ich nur eine deiner Affären war?«

John überlegte und hob abwehrend die Hand. »Also, streng genommen stammt das Wort Affäre vom lateinischen facere, also machen, und kam über den französischen Sprachraum zu uns. Irre, oder? Wie Worte wandern. Im Französischen bedeutet Affäre in erster Linie einen Handel oder eine Angelegenheit. Eine zumeist unangenehme Angelegenheit, erst in zweiter Linie eine Liebschaft. Aber mir gefällt das mit der Liebschaft besser. Facere, machen, also haben wir Liebe gemacht. Ich finde, das klingt schön.« Er sah Insa bittend an. »Und es war auch schön.«

Insa knickte ein und zeigte gegen ihren Willen ihre süßen Grübchen. »Du bist immer noch der gleiche Klugscheißer wie früher. Aber irgendwann verfängt deine Masche nicht mehr.«

John zog eine Augenbraue hoch. »Welche Masche?«

Insa lachte spöttisch. »Die Masche vom hübschen Wunderknaben! Jetzt hast du noch diese Modelfigur und diese dichten schwarzen Wuschelhaare und diese unschuldigen grünen Kulleraugen. Aber irgendwann ist der Lack ab und dann wirst du fett und kriegst eine Glatze und dann findet dich niemand mehr unwiderstehlich! Und dann ist es auch egal, dass du zwei Klassen übersprungen hast und angeblich ein Genie bist!«

John fuhr sich tastend durch die Haare. »Also, eigentlich hab ich ganz gute Gene. Die Männer in meiner Familie fahren mit wallender Mähne in die Gruft. Mein Großonkel Seamus zum Beispiel wurde bis zum Schluss ›der Löwe‹ genannt, nicht nur, weil er so viel gebrüllt hat. Und hager! Also, hager sind wir, ich werde einer von diesen zähen Opas, an denen kein Gramm haften bleibt. Außer Rafaels Mutter füttert mich noch länger mit Grünkohl und opdrögt Bohnen. Ich hab keine Ahnung, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass die Dinger eine ostfriesische Delikatesse sind. Und die Bregenwurst! Und dieses ganze Pinkelgedöns auf der Fleischplatte!« John beugte sich vor und flüsterte: »Ich hab den Verdacht, dass Rafaels Mutter mich nur so durchfüttert, damit sie mich nach dem Essen zwingen kann, einen Kruiden zu kippen! Ich hasse diese Kräuterbitter!«

Insa sah genervt zur Seite und winkte der spionierenden Mutter von Johns altem Schulfreund hinter einer der Gardinen zu, dann musste sie lachen. »Ach, John, das schlimmste ist, dass man dir nie lange böse sein kann!«

John zog wieder die Stirn kraus. »Böse? Wieso denn böse?«

Insa sah ihn strafend an, dann seufzte sie. »Und du willst dir eine WG ansehen? Hier, in Ostfriesland? Ich dachte, du lebst inzwischen in New York.«

John winkte ab. »New York wird völlig überbewertet. Viel zu viele Menschen. Ich will endlich wieder auf Kühe starren. Gibt es da nicht einen Film? ›Männer, die auf Kühe starren‹ oder so?«

Insa sah ihn nachdenklich an. »Ich glaube, das waren Schafe, oder?«

John nickte bedächtig. »Ja, vielleicht. Ist ja eigentlich auch egal, auf was man starrt. Hauptsache, man hat seine Ruhe.«

»Aha?« Insa sah ihn prüfend an. »Und dann willst du in eine WG ziehen? Damit du deine Ruhe hast?«

John fing endlich an, den Reifen aufzupumpen, wurde Zeit, dass er weg kam. »Na ja, meine Mutter macht sich Sorgen, dass ich schrullig werde, wenn ich ganz allein hinterm Deich lebe.«

Insa lachte spöttisch auf. »Du und schrullig! Das kann ich mir gar nicht vorstellen!«

John nickte ernst und drückte prüfend auf den Reifen. »Ja, eben, ich auch nicht, aber vielleicht wird das ja ganz nett. Früher hab ich ganz gern in solchen Künstlergemeinschaften gehaust. Ich mag Menschen, die verstehen, wieso man seine Tür zu macht.«

»Wieso willst du dann überhaupt mit Menschen zusammenziehen?«

John zuckte die Schultern. »Ich mag den Gedanken, dass meine Leiche gefunden wird, bevor ich total verwest bin.«

Insa schüttelte abschätzig den Kopf. »Ehrlich, bei dir weiß man nie, was man ernst nehmen soll und wann man verarscht wird.«

John kniete sich vor den nächsten Reifen und sah irritiert zu Insa auf. »Wieso sollte ich dich verarschen?«

Insa tippte sich an die Stirn. »Ernsthaft, du erzählst mir was von Katzen in Badewasser, wandernden Wörtern und deinem verwesenden Leichnam. Wir haben uns jahrelang nicht gesehen und du erzählst noch den gleichen wirren Scheiß wie als Teenager! Willst du irgendwann mal erwachsen werden?«

John pumpte bedächtig den Reifen auf und dachte nach. Er war auf die Akademie gegangen, hatte sich am Kunstmarkt hoch gekämpft und in Dublin, London und New York gelebt. Er hatte Konten voller Geld, von dem er nie wusste, was er damit anfangen soll, weil materielle Dinge ihn nie interessiert hatten. Er hatte es geschafft, wie man so schön sagte. Jedenfalls genug, um so zu leben, wie er wollte und sich nur noch sehen zu lassen, wenn er verkaufen und abkassieren wollte, um wieder in Ruhe malen zu können. Zeitfresser und Nervenkiller wie Marketing und Kontaktpflege überließ er längst seinem Agenten. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würde er noch nicht einmal mehr zu seinen eigenen Vernissagen auftauchen. John hasste den Kunstmarkt. Er hasste es, im Mittelpunkt zu stehen und kam regelmäßig ins Stottern, wenn Menschen sich mit ihm über seine Bilder unterhalten wollten. Er fühlte sich immer wie ein Hochstapler, wenn Menschen ihm die Hand schütteln und mit ihm Prosecco schlürfen wollten, weil sie das Gefühl hatten, dass es aufregend war, einen Künstler zu treffen. John war nicht aufregend.

Aber Insa lebte immer noch auf dem Dorf, auf dem sie beide aufgewachsen waren im Haus ihrer Eltern und jobbte in der Saison in Souvenirläden. Seltsam, wie unterschiedlich die Auffassungen von erwachsen werden waren. John drückte die Pumpe in ihre Halterung und stand auf. »Darf ich dich mal was fragen?«

Insa sah ihn provokativ an und wartete. John rieb sich die Bartstoppeln. »Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, mich heiraten zu wollen?«

Insa sah ihn verständnislos an. »Hallo? Wir sind zusammen aufgewachsen und waren ein Paar?«

John legte die Hände an den Fahrradlenker und merkte schon wieder, wie er die steile Falte über der Nase bekam. »Insa, wir waren doch kein Paar! Wir sind nur beide im selben Kaff groß geworden und hatten Langeweile! Außer Saufen und Sex konnte man hier nie viel machen und Alkohol hat mir nie geschmeckt. Ist doch klar, dass wir im Heu waren!«

Die Ohrfeige kam so schnell, dass John noch nicht einmal richtig gezuckt hatte, als es in seinem Kopf schepperte. Er schüttelte sich verwirrt und stieg aufs Fahrrad. »Okay, dann … War nett, dich mal wieder zu sehen.« Er tastete prüfend seine Wange ab. »Mann, ich hatte ganz vergessen, dass du immer gleich zulangst!«

Er schüttelte sich noch einmal, dann fuhr er los. Insa schrie ihm hinterher: »Und ich hatte ganz vergessen, was für ein Spinner du bist!«

John fuhr auf den Radweg, bremste dann aber abrupt ab. Spinner. So hatte ihn ewig niemand genannt. Er zog sein Handy aus der Tasche und googelte das Wort »spinnen«. Interessant, spinnen war ein Synonym für »einen Haschmich haben« oder »etwas an der Erbse haben«. John scrollte sich durch die Synonyme und lachte zufrieden. Insa stapfte an ihm vorbei zum Haus ihrer Eltern. Höhnisch rief sie: »Schön, dass du Spaß hast!«

John sah gedankenverloren auf sein Handy. »Sieh dir das an hier! Spinnen steht auch für fabulieren oder gaukeln, das gefällt mir, ich steh unglaublich auf Worte, die mit f anfangen. Fabulieren. Aber gaukeln ist auch schön. Gehoben: aussinnen oder erdichten. Ich dachte, es heißt ersinnen. Aber ich bin eben Ausländer, ich werde nie richtig Deutsch können.«

Insa rollte mit den Augen. »Du bist genau so durchgeknallt wie deine verrückte Mutter! Die hat ja auch nie einen Mann abgekriegt.«

John steckte das Handy weg. Er musste unbedingt mehr über die Herkunft des Wortes herausfinden, aber Insa nervte. Er rieb sich die Augen und stützte sich dann auf den Fahrradlenker. »Dass meine Mutter nie einen Mann abgekriegt hat, ist so nicht ganz richtig. Zum einen bin ich hier, zum anderen ist es eher so, dass keiner sie abgekriegt hat. Und ihre Liebe zu Worten ist ihr Job.«

Insa tippte sich an die Stirn. »Ihr seid eine Familie, die beim Abendbrot aufspringt, um ein Lexikon zu holen, weil ihr euch fragt, wo das Wort Brot eigentlich herkommt! Ihr seid Spinner! Ihr diskutiert, ob eure Kaffeebecher Preußischblau sind oder Metalloblau!«

John stöhnte genervt. Langsam wollte er wirklich los. »Phthaloblau, es heißt Phthaloblau. Aber die Becher sind Kobaltblau, das sind Welten. Das Mischverhalten ist vollkommen anders! Und meine Mutter hat die heute noch. Also, die Becher.«

Insa schrie: »Koboldblau, du willst mich schon wieder verarschen! Kobolde sind grün, das müsstest du als Ire eigentlich wissen!«

John neigte resigniert den Kopf. »Insa, bevor wir jetzt das Mischverhalten von Kobolden diskutieren«, John knickte ein, er konnte einfach nicht widerstehen. »Kobolde haben ein beschissenes Mischverhalten! Wenn du zu einer Party Elfen, Trolle und Kobolde einlädst, machen die Elfen mit den Trollen einen drauf, aber die Kobolde bleiben nur unter sich! Ernsthaft, die hocken den ganzen Abend auf dem Sofa und saufen nur. Und Kobolde können nicht mit Anstand saufen, die sind wie Engländer, kotzen in jedes Taxi.«

Insa starrte John glasig an und zog die Oberlippe hoch wie ein Kaninchen mit verstopfter Nase. John seufzte resigniert. »Hast du schon mal Koboldkotze vom Teppich gewischt? Die saufen immer Blue Curacao, diese Achtzigerjahreplörre. Ehrlich, Koboldkotze sieht aus wie Schlumpfkacke, und daraus wird dann das Koboldblau hergestellt.«

Insa kniff die Augen zu und fing an, schleppend langsam den Kopf zu schütteln. »John, manchmal frage ich mich, ob du dir den ganzen Mist nicht einfach nur ausdenkst!«

John schenkte Insa einfach mal sein schönstes Lächeln. »Ich müsste dann langsam wirklich los, ich hab zugesagt, dass ich zum Tee da bin, und ich hab fünfzehn Kilometer Gegenwind auf einem Damenfahrrad vor mir.«

Insa verschränkte wieder die Arme. »Und wie siehst du überhaupt aus! Wie der letzte Penner! Kannst du dir noch nicht mal eine Winterjacke leisten?«

John sah an sich herab. Ja, gut, die Hose stand vor Farbflecken fast von alleine, aber das alte Flanellhemd war doch noch vollkommen in Ordnung. Auf den Holzfällerkaros fielen die Farbflecken wenigstens nicht so auf. Dafür, dass er sich mal wieder die halbe Tasche abgerissen hatte, konnte er ja nichts, so etwas passierte eben, wenn man sperrige Leinwände durchs Atelier trug. Insa setzte mit einem höhnischen Grinsen noch eins drauf. »Also, wenn ich ein Vermieter wäre, ich würde dich nicht in mein Haus lassen!«

John nickte ruhig. »Im Internet steht, dass ich ein exzentrischer Millionär bin, kann jeder nachlesen, das ist besser als eine Schufa-Auskunft.« Er tippte sich grüßend an die Stirn und fuhr einfach los. Bestimmt musste Insa doch auch langsam rein und sich eine Talkshow ansehen. Sie rief ihm noch irgendetwas hinterher, aber er hörte gar nicht mehr hin.

Vielleicht war es doch nicht so eine gute Idee gewesen, nach Ostfriesland zurückzugehen. Zu viele Ex-Geliebte pro Quadratkilometer. Noch ein Grund mehr, sich in dem Bauwagen zu verschanzen, den er seit Jahren ausbaute, um irgendwann mal »auszusteigen«. John grinste satt und legte sich gegen den eisigen Wind.

Und was ist deine Meinung?