BS 1, Kapitel 8: Drei Tassen sind Ostfriesenrecht

Ostfriesentee, Roman

Sookie says: Ich könnte gar nicht sagen, warum, aber ich liebe dieses Kapitel. 😀

Eugen legte noch einen Holzscheit auf das prasselnde Feuer im Kaminofen der Upkammer, dann tigerte er nervös hin und her, setzte sich, tigerte wieder zum Fenster und lauschte, ob er in der Ferne Motorengeräusche hörte.
Tante Gesa hatte immer gewitzelt, dass sie Ostfriesland so liebe, weil man mittwochs schon sehen konnte, wer samstags zu Besuch käme. Eugen lächelte. So übertrieben, wie das klang, war der Spruch gar nicht. Aber draußen war alles ruhig. Die Wiesen und Weiden schienen im tiefen Winterschlaf zu liegen.

Eugen trottete in die Küche. Vielleicht war es übertrieben, wenn er einen richtigen ostfriesischen Tee machte und seinen Gast mit einer Teezeremonie empfing, aber er wollte auch nicht, dass Gesa in ihrem Grab rotierte, weil er seinem Besuch nichts anbot.

Eugen setzte also den Kessel auf, machte das Tablett zurecht und vertrieb sich die Zeit damit, mal wieder seine E-Mails zu checken. Aha, noch ein Autor interessierte sich für das Projekt! Eugen stellte sich vor wie fantastisch es wäre, wenn er Anna einen Kollegen präsentieren könnte und grinste das satte Grinsen einer zufriedenen Katze, dann trug er fröhlich summend das Teetablett in die behaglich warme Upkammer.

Er ließ noch einmal den Blick durch den Raum schweifen. Die Brokatdeckchen, die Buddelschiffe und die Holzmöwen, die in jeder Fensternische nach Gästen Ausschau gehalten hatten, hatte er entfernt, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Tante Gesa hatte diesen Kitsch zwar eigentlich auch nie gemocht, aber die Gäste einer Pension an der Nordsee erwarteten nun einmal Möwen, Kutter und Fotos von Robben, die sich auf der Sandbank aalten, obwohl Eugen am Strand von Bensersiel noch nie eine Robbe gesehen hatte.

Möwen, die etwas auf seine Regenjacke fallen ließen oder ihm mit einem tollkühnen Sturzflug das Brötchen aus der Hand gerissen hatten, schon eher. Gegen Tante Gesas blau und weiß gestreifte Ostfriesensofas vor dem schwarzen Kaminofen und die femininen Rüschengardinen an den vielen kleinen Fenstern hätte er ebenfalls gern noch etwas unternommen, da sie ihm so gar nicht künstlerisch vorkamen, aber er hatte auch keine klare Vorstellung davon, wie eine Künstler-WG sich sonst einrichten könnte. Jetzt war es sowieso zu spät, denn John O’Molloy konnte jede Minute hier sein.

Aus einem verwirrten Gefühlsüberschwang heraus machte Eugen einen ungelenken Hüpfer wie ein Fohlen auf viel zu langen Beinen. Endlich war es so weit! Die Sache kam ins Rollen! Anna würde einziehen, ein Musiker und vielleicht auch der berühmte Maler.

Als es klingelte, zuckte Eugen trotzdem zusammen. Er setzte ein, wie er hoffte, cooles Gesicht auf, schritt so lässig wie möglich zur Tür und öffnete. Der Mann, der da vor der Tür stand, hatte nicht viel Ähnlichkeit mit dem Star der internationalen Kunstszene, der Eugen auf den Fotos im Internet so viel Respekt eingeflößt hatte. Weder trug er einen schwarzen Maßanzug, noch hatte er eine stylishe Frisur.

Eigentlich hatte er überhaupt keine Frisur, sondern nur irgendwie ins Gesicht hängende, halblange dunkle Haare, die aussahen, als hätte er immer dann etwas abgeschnitten, wenn es ihm die Sicht versperrte.

Statt des lässigen Anzugs trug er eine vor Farbflecken starre kaputte Cargohose und trotz der eisigen Kälte nur ein im steifen Wind flatterndes Flanellhemd. Eugen hätte jetzt nicht sagen können, dass der Mann einen Bart hatte, er wirkte eher, als würde er nur einfach hin und wieder vergessen, dass man sich auch rasieren kann. Und er bewegte sich wie eine Katze. Eine geschmeidige Katze.

Unwillkürlich blickte Eugen an sich herab, als müsse er überprüfen, ob seine schmale Hühnerbrust und seine spitzen Knie noch da waren.

Der Mann fuhr sich jetzt durch die Haare und zeigte ein sparsames Lächeln. »Eugen?«
Eugen stammelte: »Ja, du musst John sein! Äh, ich habe gar kein Auto gehört.«

John nickte langsam, als müsste er erst über Eugens Feststellung nachdenken. Dann erklärte er mit einem geheimnisvollen Grinsen: »Bin mit dem Fahrrad da.«

»Äh, von New York?« Eugen merkte erst, als er die Frage ausgesprochen hatte, wie dämlich sie war.

John sah für einen Moment mit unergründlichem Blick den wild jagenden Wolken am Himmel nach, dann sah er Eugen wieder an. »Keine gute Route. Zu wenig Radwege unter Wasser.«

Eugen nickte verstehend und schämte sich dafür, dass er rot anlief, was ihn auch nicht blasser machte.

John erklärte ganz ruhig: »Aus Richtung Neuharlingersiel. Ich wohne für ein paar Tage bei einer alten Nachbarin von früher.«

Eugen schluckte. »Das sind fast fünfzehn Kilometer!«

John zuckte die Schultern. »Bei dem auflandigen Wind gefühlte fünfzig, aber ich freue mich auf den Rückweg!«

»Ah, Rückenwind, ich verstehe!« Eugens Gesicht leuchtete auf, dann trat er zurück und riss die Tür demonstrativ weit auf. »Komm doch rein, du hättest gar nicht klingeln müssen, die Tür steht jedem offen! Ich habe Tee gemacht und in der guten Stube brennt ein Feuer. Äh, ich meine, es brennt natürlich nicht in der Stube, ich habe nur den Kamin angemacht.«
John trat ins Haus und schien Eugen schon ganz vergessen zu haben. Er sah sich um, als handle es sich bei Gesas Hof um ein weltberühmtes Bauwerk und betastete das sichtbare Ständerwerk fast zärtlich mit den Fingern. »Wie alt ist das Haus?«

Eugen überlegte hektisch. »Ich glaube, 1862 war die Grundsteinlegung. Seitdem wurde es aber immer wieder umgebaut, es ist ein bisschen verschachtelt!«, lachte er verlegen, und ging nervös plappernd vor durch das Tunnelsystem des verbauten alten Hauses. »Hier rechts ging es früher zu den Schweineställen, und dort wurde das Korn gelagert. Jetzt sind natürlich überall kleine Ferienapartments und Gästezimmer, aber meine Familie hat sich immer bemüht, den ursprünglichen Charakter des Hauses zu erhalten. Meine Familie war nur eine der ersten, die von Seefahrt und Landwirtschaft auf Fremdenverkehr umgestellt haben, und damals waren die Auflagen für Umbaumaßnahmen noch nicht so …«

John lief einfach los, scheinbar kannte er sich mit ostfriesischen Häusern aus. »Ist das die Upkammer?«

Eugen versuchte es mit einem Witz. »Bist du Maler oder Architekt?«
John neigte den Kopf und runzelte die Stirn. »Ich interessiere mich einfach nur für Dinge.«

Eugen wiederholte nur: »Dinge.«

John lächelte jetzt. »Du weißt schon. Alte Häuser und so.«

Eugen nickte erleichtert. »Ja, Häuser. Ich liebe auch alte Häuser. Ganz besonders dieses. Komm, setzen wir uns vor den Kamin, der Tag ist so nasskalt.«

»Einer dieser Tage, an denen man das Watt riechen kann. Wie weit ist es von hier bis zum Deich?«

Eugen bot John einen Platz an. »Etwa drei Kilometer bis Bensersiel. Wir merken hier aber nicht viel von den Touristen, weil wir nicht an der Straße nach Esens liegen. Hier im Hinterland ist es meist ziemlich ruhig, wenn man die Gäste nicht gerade herlockt. Möchtest du Tee?«

Eugen wies einladend auf die kleine Teetafel, die ihm jetzt doch irgendwie übertrieben und spießig vorkam. Aber Johns Augen blitzten auf. »Tee! Ich weiß, es verstößt gegen die ostfriesische Etikette, in unserem Fall«, er sah Eugen nachdenklich an, »bist du ja wohl die Hausfrau, aber darf ich mir selbst einschenken? Ich liebe das!«

John ließ sich auf eines der Sofas gleiten, warf mit der winzigen Kluntjezange ein großes Stück Kandis in die Tasse vor ihm und griff dann nach der Teekanne. Eugen wollte etwas sagen, aber John hieß ihn mit einer ehrfürchtigen Handbewegung Schweigen. Als er den kochend heißen, tiefschwarzen Tee auf das Kandisstück goss, lauschte er mit geneigtem Kopf und ernstem Gesicht auf das Knacken des zerspringenden Zuckerklumpens. Er murmelte fasziniert: »Du hast tatsächlich eine!«

Während Eugen sich noch verwirrt fragte, was John damit meinte, griff John das Sahnekännchen mit der winzigen Kelle, die aussah wie eine Suppenkelle für Puppenstuben, und legte damit wie eine gelernte ostfriesische Hausfrau die Sahne auf seinen Tee. Offenbar hatte er die Sahnekelle gemeint.

»Jedes Mal.«

»Äh, bitte was?«

»Faszinierend. Wie die Sahne sich im Tee verteilt. Wie sie erst nach unten sinkt und sich dann in kleinen Kugeln nach oben windet, um sich wie Nebelschwaden über dem Watt im Tee zu verteilen.« John schüttelte melancholisch den Kopf. »Ich liebe Sahne.«

Eugen schenkte sich nun ebenfalls ein, nippte an seiner dünnwandigen kleinen Tasse, verbrannte sich natürlich den Mund und kleckerte. Dabei versuchte er, wissend zu nicken und wischte dann diskret die heißen Teeflecken von seinem Hemd. »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.«

John nickte langsam. »Das sind die Momente, in denen ich bedaure, kein Kameramann geworden zu sein. Diese Bewegung, dieser einmalige, vergängliche Moment, in dem die Sahne ihren Weg durch den Tee sucht, die kann man nicht malen, verstehst du?«
Eugen versuchte, ein kluges Gesicht zu machen. »Aber deine Bilder sind doch wohl sehr erfolgreich. Ich hab im Internet Artikel über dich und deine Arbeit gelesen und war echt beeindruckt. Deine Bilder sehen einfach so …«, Eugen suchte hilflos nach dem richtigen Wort.

John winkte gelangweilt ab. »Der abstrakte Kram, den ich auf dem internationalen Kunstmarkt verkaufe, ist nicht meine eigentliche Arbeit. Ich meine, natürlich male ich diese Bilder, aber nur, weil ich einen ziemlich genialen Agenten habe, der sie Hyperrealismus nennt und sogar eine gekleisterte Collage aus Altpapier noch als Kunst verkaufen könnte. Von irgendwas muss der Mensch ja leben. Aber was mich eigentlich fasziniert, sind Gesichter.«

»Gesichter?«, fragte Eugen verwirrt. »Ja, viele deiner Bilder haben Gesichter, das ist mir aufgefallen. Aber so echt!«

»Echt. Ja. Vielleicht. Nein. Ich bin besessen von Gesichtern. Aber noch schlimmer ist Wasser. Ich male ständig Wasser. Natürlich gehen die Bilder nicht an den Markt, mein Agent würde ausrasten, wenn ich die Marke John O’Molloy mit Wasserbildern verwässern würde.« John stutzte einen Moment nachdenklich über das platte Wortspiel, sich mit Wasser zu verwässern, dann fuhr er fort. »Dafür hat er viel zu viel Energie in mein Personal Branding gesteckt. Exzentrischer Schönling und so.«

Eugen versuchte, den Eindruck zu erwecken, als hätte er den Sinn von Johns Rede verstanden, fühlte sich aber nicht besonders erfolgreich dabei. Die Angst, unter Künstlern als Mitbewohner wieder nur der Außenseiter zu sein, der nie mitreden konnte und nie dazu gehörte, kroch ihm so kalt in den Nacken, als hätte ihm jemand einen Eiswürfel in den Kragen gesteckt.

John beobachtete ihn besorgt und schenkte ihnen beiden Tee nach, als Gast ein ganz klarer Verstoß gegen die ostfriesische Tee-Etikette. »Sorry, ich wollte dich mit diesem langweiligen Marketinggeschwafel nicht verwirren. Viele Menschen müssen schlucken, wenn ihnen klar wird, dass die Kunst und der Kunstmarkt nichts miteinander zu tun haben.«

Eugen atmete hörbar erleichtert aus. »Es tut mir leid, ich hab ehrlich gesagt nicht viel Ahnung von diesen Dingen. Ich habe nur dieses große alte Haus geerbt und meine verstorbene Tante hatte sich gewünscht, dass ich ihr Haus mit Leben fülle …«

John nickte nachdenklich. »Du vermisst sie sehr, oder?«

Dieses unerwartete Mitgefühl berührte Eugen und machte ihn zugleich traurig. Es fiel ihm schwer, bei diesem Thema die Fassade vom gut gelaunten Vermieter aufrecht zu erhalten und er hoffte, dass John nicht auffallen würde, wie seine Augen feucht wurden. Aber einem Maler, der in Sahne im Tee eine filmreife Szene sah, fiel wohl alles auf.

John trank aber nur seelenruhig seinen Tee aus und ließ sich einen weiteren Kluntje in die Tasse gleiten. »Es wäre cool, wenn du mir später das Grundstück zeigen könntest. Aber das hat Zeit. Drei Tassen sind Ostfriesenrecht.«

Froh über den Themawechsel fragte Eugen: »Ich dachte, du bist Ire?«

John nickte. »Das bin ich. Mütterlicherseits. Mein Vater war ein ostfriesischer Rucksacktourist, den meine Mutter in einem Pub in Dublin kennengelernt hatte. Als sie merkte, dass ich unterwegs war, war er längst über alle Berge und meine Großmutter hatte den Zettel mit seiner Adresse mit der Jeans meiner Mutter gewaschen. Weil in Irland ein Kind ohne Vater immer noch ein Bastard war, zog meine Mutter dann mit mir nach Ostfriesland. Aber das war nicht der eigentliche Grund. Sie liebt die deutsche Sprache und wollte immer ins Land der Dichter und Denker. Und sie hatte heimlich wohl immer die Hoffnung, meinen Vater zufällig zu treffen. Wir wohnten auf dem Hof einer alten Dame, die mir beibrachte, wie man Platt schnackt und Tee trinkt.«

John blickte mit einem wehmütigen Lächeln vor sich hin und sah Eugen dann an. »Wir haben wohl beide eine ostfriesische alte Dame im Gepäck, die wir vermissen.«
Eugen stürzte verlegen seinen Tee hinunter und wechselte dann das Thema: »Möchtest du dir die Zimmer ansehen?«

John lehnte sich jetzt gemütlich zurück und legte die Arme breit auf die Sofalehne, wie ein Playboy, der zwei Blondinen im Arm hält. In diesem Moment sah er dem Kunststar aus dem Internet zum ersten Mal wirklich ähnlich. »Eigentlich habe ich eine ganz andere Frage. Wäre es okay für dich, wenn ich mit zwei Bauwagen auf das Gelände ziehe? Ich bräuchte nur einen Trinkwasseranschluss, aber da würde ich mich selbst drum kümmern.«

Eugen fiel fast die Kinnlade herunter. »Du meinst, du lebst im Bauwagen? Wie der Latzhosenmann in dieser Kinderserie?«

John grinste. »Die hab ich früher auch immer geguckt und hab mich jedes Mal aufgeregt, dass der Typ für jede Folge die richtigen Requisiten in seinem Wagen hatte. Aber das ist nicht die Form von Minimalismus, die ich meine. Ich hab mir zwar einen echten Luxuswagen ausgebaut, aber je weniger ich habe, umso weniger brauche ich. Nur meine Arbeit frisst Platz, deswegen der zweite Wagen. Vielleicht hast du noch eine Ecke für mich in deiner riesigen Scheune, wenn ich Bilder trocknen lassen muss?«

Eugen hatte zwar das Gefühl, dass er John mit tellergroßen Augen anstarrte, spürte aber, wie die Vorstellung von einem Künstler im Bauwagen ihn irgendwie beflügelte. »Äh, ja, sicher! Du kannst zum Arbeiten aber auch eines der vielen Zimmer nutzen, der nicht ausgebaute Teil der Scheune ist ziemlich voll mit Gerümpel …«

John winkte ab. »Das ist gar nicht nötig. Ich brauche nur einen trockenen Platz, an dem ich meine fertigen Arbeiten lagern kann, bis ich sie zu meinen Galeristen verschicke. Aber wenn ich jetzt im Winter im Haus duschen könnte, wäre ich dir sehr dankbar. Was das betrifft, bin ich ein ziemliches Weichei. Die Regenwasserdusche ist im Sommer einfach angenehmer.«

Eugen nickte eifrig. »Äh, klar, ja!« Dann rutschte ihm heraus: »Um ehrlich zu sein, ich hatte mir dich ganz anders vorgestellt.«

John wischte sich mit der feingliedrigen Hand über das Gesicht. »Verwechsle mich nicht mit dem, was über mich im Internet steht. Dieser extrovertierte Ostküsten-Pisser im Maßanzug ist reines Marketing, das mache ich höchstens drei Monate im Jahr. Den Rest des Jahres bemerkst du mich eigentlich gar nicht.« Er lächelte entschuldigend. »Ich habe es nicht so mit Menschen.«

Sookie says: Ich hab doch da noch irgendwo … kramkram … einen Artikel über die ostfriesische Teezeremonie, falls ihr mal in die Situation kommt, euch in einer ostfriesischen WG vorzustellen!

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