BS 1, Kapitel 9: Anna macht eine Weltreise nach Ostfriesland und entdeckt, dass Elvis lebt

Ostfriesland, Roman
Zugegeben: Wenn man aus der Großstadt kommt, KANN Ostfriesland irgendwie unspektakulär aussehen.

Sookie says: Mir fällt gerade auf, dass dieses Kapitel tatsächlich eine gewisse Einsamkeit ausstrahlt. Als ich noch in einer WG in Ostfriesland gelebt habe, war es aber immer sehr schön, wenn die Nordwestbahn sich langsam nach Esens schleppte – denn dann war ich bald zu Hause und es gab Tee! Und falls ihr mal nach Esens kommt und euch wundert, was das da stündlich für ein Tuten ist: Das ist der Zug, bevor er in den Bahnhof einfährt!

Die Fahrt in der Nordwestbahn kam Anna vor wie die Fahrt in eine andere Zeitzone. Oder gleich wie in eine andere Welt. Morgens um 8 hatte sie der strahlenden Studentin, die ihre Wohnung zur Untermiete ergattert hatte, den Schlüssel in die Hand gedrückt und war dann allein mit ihrem Rollkoffer aufgebrochen in das neue Leben, während die Möbelpacker ihre Bücher in einen Lieferwagen geschleppt und über den chronisch defekten Fahrstuhl geflucht hatten.

Je öfter Anna umstieg, umso kleiner wurden die Bahnhöfe, umso langsamer die Züge. Jetzt dämmerte es schon wieder und der gemütliche Bummelzug arbeitete sich an diesem klaren und eiskalten Tag von Sturmböen geschüttelt durch die ostfriesische Halbinsel. Jever, Wittmund, bald würde die Endstation kommen: Esens. Für einen Moment fragte Anna sich, ob diese Endstation sinnbildlich zu verstehen sei und erschauerte leicht. Aber nein. Alles wird gut.

Anna war müde davon, die ewig gleichen Kuhweiden an sich vorbeiziehen zu sehen und schloss die Augen. Sie konzentrierte sich auf den weichen, norddeutschen Singsang der anderen Fahrgäste. Obwohl man Anfang Februar wirklich nicht als »Saison« bezeichnen konnte, war der Zug gut besetzt.

Scheinbar war für die Bewohner Ostfrieslands die Fahrt mit dem Bummelzug von Ort zu Ort so normal wie für die Berliner das Geschubse und Geschiebe in der U-Bahn. Und interessanterweise sahen die Teenager im Zug genau so aus wie in der Großstadt.

Der Zug hielt in Burhafe, dem letzten Halt vor Esens. Wäre der Zug nicht stehen geblieben, um die Türen zu öffnen, hätte Anna nicht geglaubt, dass es sich hier um einen Bahnhof handelt. In ihrer Welt wäre das kleine Wetterhaus mit den großen Glasscheiben vielleicht eine bessere Bushaltestelle gewesen, aber ein Bahnhof?

Ein Bahnhof war für Anna ein riesiges Gebäude mit einem kaum auszuhaltenden Lärmpegel, digitalen Anzeigetafeln, Schnellrestaurants, Drogeriemärkten und der großartigsten Zeitschriftenauswahl der Welt.

In Burhafe gab es ein Wetterhäuschen im Grünen und die herabsinkende Dämmerung ließ noch einige mit roten Ziegeln verklinkerte Häuser vorbeigleiten, als der Zug wieder anfuhr.

Anna stand auf, reckte sich und angelte ihren Koffer aus dem Gepäcknetz. Sie zuckte erschrocken zusammen, als der Lautsprecher knackte und der Zugführer eine viel zu laute, schwungvolle Ansage machte. »Liebe Fahrgäste, wir erreichen nun in wenigen Minuten Esens. Das Team der Nordwestbahn bedankt sich für ihr Vertrauen und wünscht noch eine angenehme Weiterreise. Dieser Zug endet hier, der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts.« Anna grinste. Beleidigte es nicht die Intelligenz der Fahrgäste, ihnen bei einem Bahnhof mit einem Gleis zu sagen, wo sie den Bahnsteig finden würden?
Aber vielleicht unterschätzte Anna Esens auch und der Bahnhof wäre … nein. Als der Zug nun im Schneckentempo in den Bahnhof einfuhr, war ihr sofort klar, dass man auch an diesem Bahnhof noch nicht einmal eine Tageszeitung kaufen könnte.

Für einen Moment fühlte Anna so etwas wie eine kleine Panikattacke und drängte mit aller Kraft den Gedanken an den Abschied von Sven weg. Sie hatten ihre letzte gemeinsame Nacht in Berlin damit verbracht, sich langsam und sanft zu lieben, aber sie waren die Traurigkeit einfach nicht losgeworden, obwohl sie sich beide bemüht hatten. Im Morgengrauen war Sven dann verschwunden, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Sie konnten beide mit Abschiedsszenen nicht umgehen.

Für einen Moment spürte Anna den Impuls, einfach im Zug zu bleiben, bis er wieder die Rückfahrt antrat, aber dann entdeckte sie Eugen auf dem Bahnsteig. Sie erkannte ihn nicht nur, weil sie Fotos ausgetauscht hatten, sondern auch, weil er der einzige Mensch an diesem Nachmittag war, der einen Gast vom Bahnhof abholte.

Anna wurde von einer Gruppe ostfriesischer Teenager aus dem Zug geschwemmt, dann stand sie plötzlich ihrem neuen Vermieter und Mitbewohner gegenüber. Eugen lächelte verlegen und hielt ihr unbeholfen die Hand hin. »Du musst Anna sein!«
Anna freute sich nach dem einsamen Tag in der Bahn so sehr, dass ein lebender Mensch sie mit ihrem Namen ansprach und sie anlächelte, dass sie Eugen am liebsten stürmisch an sich gedrückt hätte, aber er wirkte so nordisch unterkühlt, dass sie Angst hatte, ihn mit einem emotionalen Überfall zu erschrecken.

Also schüttelte sie ihm herzhaft die Hand und strahlte. »Eugen, ist das schön, dich endlich persönlich zu treffen, besonders nach der langen Fahrt! Ich glaube, in der Zeit, die es braucht, um von Berlin nach Ostfriesland zu fahren, kann man auch nach New York fliegen!«

Eugen lächelte nur scheu und wurde rot. Anna musste grinsen. »Du hast mich schon gewarnt, dass du schüchtern bist. Das war ich übrigens früher auch. Bin ich eigentlich heute noch, aber ich kann das grandios überspielen, oder?«

Eugen musste lachen, dann sagte er verlegen: »Das kann ich mir bei dir gar nicht vorstellen.«

Anna nickte wild. »Oh, doch! Als Kind hab ich sogar ein paar Jahre lang mit keinem Fremden gesprochen, noch nicht mal mit Lehrern! Und schon gar nicht mit den Kinderpsychologen, die mit mir sprechen trainieren sollten!«

Eugen streifte Anna schnell mit einem neugierigen Blick. »Wie hast du das gemacht?«

Anna zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, Ich hab mich immer gefragt, wie andere Leute das mit dem Sprechen machen. Ich konnte eben nicht, aber ich hab es überwunden, als ich angefangen habe zu schreiben.«

Eugen schluckte. »Und wie alt warst du da?«

Anna überlegte kurz, dann griff sie wieder nach ihrem Koffer. »Ich weiß nicht genau, acht oder neun.«

Eugen murmelte: »Vielleicht sollte ich das auch mal probieren!«, führte Anna zu einem verschossenen alten Wagen und öffnete ihr wohlerzogen die Beifahrertür. Dann packte er ihren Koffer in den Kofferraum und stieg ebenfalls ein. Anna kontrollierte gerade ihr Handy.

Eugen war froh, ein Thema gefunden zu haben, zu dem er etwas sagen konnte. »Wann kommt denn dein Umzugswagen?«

»Laut der SMS, die ich gerade bekommen habe, müssten meine Sachen in zwei Stunden hier sein. Und es ist wirklich genug Platz im Haus für meine ganzen Bücherregale?«

Eugen lächelte: »Ganz bestimmt!«, dann fuhr er mit Anna in das ostfriesische Nichts. Anna fragte sich, ob die vollkommen menschenleeren Wege, die Eugen entlang fuhr, Schleichwege waren oder Hauptstraßen, aber schon nach wenigen Minuten hatte sie das Gefühl, völlig die Orientierung verloren zu haben. »Wie findest du dich hier bloß zurecht? Für mich sieht hier wirklich jede Abzweigung gleich aus!«

Eugen lachte zum ersten Mal völlig frei und fröhlich. »Das kommt mit der Zeit! Wenn du länger hier lebst, entwickelst du einen Blick für Landmarken wie einzelne Bäume, besonders krumme Zaunpfähle und natürlich für die einzelnen Häuser.«

»Aber auch die Häuser sehen alle gleich aus!«

Tiefgründig erklärte Eugen: »Sie haben verschiedene Briefkästen!«

Anna lachte und legte die Hand über die Augen, denn die tief stehende Wintersonne strahlte ihr plötzlich ins Gesicht, um sich mit einem grandiosen Sonnenuntergang von diesem kalten Tag zu verabschieden. Anna schnappte nach Luft. »Ist das hier immer so?«

Irritiert fragte Eugen: »Was?«

»Dieser Himmel!«

Eugen stutzte. »Was ist denn damit?«

Anna legte ihm die Hand auf den Arm und bat: »Kannst du kurz anhalten?«

Eugen fuhr an den Straßenrand und folgte Annas Blick. Mit vor Staunen offenem Mund saß sie andächtig da und beobachtete das Untergehen der Sonne über dem weiten flachen Marschland.

Scheu fragte Eugen: »Warst du etwa noch nie an der Küste?«

Anna schüttelte den Kopf und nickte zugleich, was wie ein seltsames Kreisen aussah. »Ich war natürlich schon am Meer, am Atlantik und am Mittelmeer und in Schweden hab ich Polarlichter gesehen, aber einen Himmel wie diesen hab ich wirklich noch nie gesehen. Er ist so … weit.«

Eugen sah den für ihn völlig normalen Sonnenuntergang jetzt plötzlich – vielleicht zum ersten Mal – mit den Augen eines Touristen. Die letzten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch eine Wolkenbank, die weit entfernt direkt auf dem Horizont zu liegen schien. Das schwächer werdende Licht spielte mit Wolken, Wölkchen und tief liegenden Schleierwolken in allen warmen Farben, die ein romantischer Postkartensonnenuntergang zu bieten hat.

Anna seufzte. »Wenn man das malen würde, wäre das zu kitschig, um echt auszusehen!«
Eugen lachte: »Der Spruch hätte von John sein können!«

Wie jemand, der gerade erst aufwacht, sah Anna ihn an. »Hat der sich jetzt eigentlich schon entschieden?«

Eugen nickte stolz. »Und rate, was er vorhat!«

»Was?«

Eugen grinste. »Er wird in einem Bauwagen wohnen, auf der Streuobstwiese! Er sagt, er hat sich in die knorrigen alten Apfelbäume verliebt!«

Anna lachte laut heraus. »Gut, dass du nicht extra den Flur renoviert hast! Ich dachte, der wäre so ein verwöhnter Loft-Boy!«

Eugen nickte heftig. »Das dachte ich ja auch! Aber der ist ganz anders als im Internet! Er sagt, dieser Ostküsten … äh, Ostküstenpisser ist nur Marketing, und ganz ehrlich, als er vor der Tür stand, hab ich ihn kaum erkannt! Er sah eher aus wie ein Anstreicher als wie ein Kunstmaler. Aber ich glaube, er ist ein sehr angenehmer Mensch, ein bisschen still vielleicht.«

Anna musste wieder lachen. Das sagte der Richtige. »Und wann kommt der?«

»In drei oder vier Tagen, am nächsten Wochenende auf jeden Fall. Bis jetzt ist erst Keno eingezogen und heute hat sich eine junge Malerin bei mir gemeldet, die morgen schon einziehen möchte. Sie wollte sich noch nicht mal die Zimmer ansehen, ich wollte ihr noch Fotos schicken, aber sie hat sofort zugesagt! Ich bin mal gespannt.«

Anna atmete unbewusst auf. »Oh, noch eine Frau, wie schön! Und was ist dieser Keno jetzt für ein Typ?«

Eugen grinste nur verschmitzt und startete den Wagen. »Das solltest du dir lieber selbst ansehen.«

Als Eugen auf den Hof fuhr, murmelte Anna nur ehrfürchtig: »Wow. Das Haus ist groß.«
Der mächtige alte Gulfhof mit den typischen roten Backsteinen und grünen Scheunentoren war auf einer kleinen Anhöhe erbaut und von alten, ehrwürdigen Bäumen gesäumt, die ihn seit Jahrzehnten vor Wind und Wetter schützten.

Jetzt, wo die letzten Funken der Abendsonne sich verabschiedet hatten, war es lausig kalt geworden und umso verführerischer wirkte der warme Schein der erleuchteten Fenster. Eugen holte schnell Annas Koffer aus dem Auto und führte sie fürsorglich über den mit Schlaglöchern übersäten Hof zum Eingang. Anna wandte sich zurück zum Auto. »Schließt du gar nicht ab?«

Eugen fragte nur verwundert »Hier? Wenn man hier sein Auto oder sein Haus abschließt, beleidigt man die Nachbarn!«, und drückte damit die Klinke der Haustür herunter. »Und jetzt stelle ich dir Keno vor.«

In der Upkammer, Eugens guter Stube, saß Elvis. Nicht der junge und rebellische Elvis, sondern eher ein Las Vegas Elvis. Elvis trug ein mit glitzernden Pailletten besticktes weißes Polyesterkostüm, sein prächtiger Bauch wurde von einer überdimensionalen goldenen Gürtelschnalle verziert und aus den Schlaghosen blickten weiße Westernboots mit aufgenähten goldenen Adlern.

Anna sank wie vom Donner gerührt auf eines der Sofas und sagte tonlos: »Er lebt.«

Elvis prostete ihr mit einem Kaffeebecher in der Hand zu. »Ist alles okay, Baby. Ich habe immer diese Wirkung auf Frauen.« Dann lachte er wie ein überdrehtes Eichhörnchen.

Eugen stand nur dümmlich grinsend mit Annas Koffer in der Hand mitten im Raum. »Äh, ja, also, Anna, das ist Keno, Keno, das ist Anna.«

Keno beugte sich jetzt vor, um Anna neugierig zu betrachten. »Anna wie Karenina?«
Anna grinste. »So ähnlich.«

Eugen schaltete um in den Tante-Gesa-Modus. »Ich mach jetzt erst mal einen schönen Tee, bevor der Möbelwagen kommt! Wir können sicher alle eine Stärkung vertragen!«

Sookie says: Und mir fällt gerade noch was ganz anderes auf: Ist das Kapitel für die Handlung überhaupt notwendig? Streichen? Oder dient es der Stimmung? Grübel …

3 Gedanken zu „BS 1, Kapitel 9: Anna macht eine Weltreise nach Ostfriesland und entdeckt, dass Elvis lebt

  1. Mir gefällt es. Ist aber immer noch etwas voll. Ein paar mehr Beiläufigkeiten, nicht ganz so viel Plakatives. Der Sonnenuntergang z.B. ist überflüssig. Dass Keno aussieht wie Elvis. So plastisch ist das Leben meist nicht. Das weißt sonst immer wieder darauf hin, dass es eine Geschichte ist uns nicht echt. In echt täte Anna der Rocken weh vom ewigen Sitzen, sie hätte Langeweile und ihr Akku vom Handy wäre leer, sie hätte Hunger oder wäre genervt, weil der Zug laut ist oder es darin zieht.

    Ich hoffe, ich entmutige dich nicht????

    Ich lese trotzdem seehr gerne weiter!!!! (War ja deine Idee mit dem Stil)

    Wie geht es dir im Ruhrgebiet???

    1. Keine Angst, um mich zu entmutigen, musst du mir den Laptop wegnehmen und eine Zwangsjacke anziehen, bis das passiert, tippe ich noch! 😀 Ich finde das extrem spannend, wie unterschiedlich wir das Kapitel wahrnehmen. Jeder Leser sieht immer ganz andere Dinge als der Autor, weil sich zwischen Leser und Buch eine ganz eigene Beziehung entwickelt, wie zwischen Menschen. Deswegen ist Leserfeedback ja so wertvoll. Den Sonnenuntergang zum Beispiel empfinde ich als Beiläufigkeit, weil ich selbst zu den Leuten gehöre, die täglich Mülltonnen umrennen, weil die Frage, welche Farbtöne eine Wolke gerade hat, so viele Kapazitäten abzieht! 😀 Ich hätte das jedenfalls nie als nicht alltägliches Zuviel empfunden, das aus der Geschichte reißt.
      Auch deine Wahrnehmung, dass Anna nach dem Tag genervt sein müsste, find ich total interessant. Ich hab das immer eher so gesehen, dass Anna fest entschlossen ist, ihre eigene Entscheidung auch gut zu finden, und das kam in dem Kapitel einfach nicht rüber. Aber egal, ich hab es ja jetzt eh gestrichen und einfach neue geschrieben! 😀
      Ach so, kaum war ich im Pott, wusste ich wieder, wieso ich vor zehn Jahren aufs Land emigriert bin! Boar, ist das laut da und grau und hektisch! 😀 Dann kam ein traumhaftes Jobangebot von einer Hofgemeinschaft, die eine Autorin für die Webseiten brauchte und tja. Jetzt bin ich wieder als digitale Nomadin auf dem Land, die Schreibblockade ist vorbei und ich höre bei der Arbeit unsere Hofgans schnattern und die Ziegen meckern. Ohne chaotische Mitbewohner in Gummistiefeln fehlte mir irgendwie das richtige Flying-Klunte-Feeling! 😀

Und was ist deine Meinung?