BS 1, Kapitel 9b: Der erste Morgen in Ostfriesland

Sookie says: Mann, jetzt war aber echt Kuddelmuddel und ich musste mächtig viel grübeln und tüfteln. Nachdem ich mit Kapitel 9 „irgendwie unzufrieden“ war, war ich mit Kapitel 10 der derzeitigen Auflage noch irgendwie unzufriedener. 😀 Ganz schlimm ist ja beim Schreiben, dass es unzählige Möglichkeiten gibt, denselben Handlungsstrang zu erzählen und man sich dann für eine entscheiden muss.

Nach Annas Ankunft in Ostfriesland ging es mit einem Kapitel aus Svens Perspektive weiter. Und so sehr wir alle diesen Wikinger lieben, ja ja, seufz … ich wollte näher am Kluntjehaus bleiben, um das Chaos für die Leser einzudämmen. Also wird das bisherige Kapitel 9 gestrichen, stattdessen kommt jetzt 9b, das wird in der neuen Auflage dann ein zusammengemoppeltes Kapitel 9 und 10. Und danach kommt dann direkt Steffis neues Kapitel, als ich einmal angefangen hatte mit dem Neuschreiben, konnte ich nämlich nicht mehr aufhören … egal.

Das ist jetzt eigentlich nur ein Entwurf und ich werde das noch mehrmals übertüfteln, aber ich will, dass es hier endlich weitergeht! 😀 Also: Es ist nur eine Rohfassung, tötet mich nicht! 😀

Übrigens: Ich hab tatsächlich endlich mal einen Kaffeevollautomaten näher kennengelernt und ich war dann seeeeehr froh, dass ich meinen Oma-Filter nicht entsorgt hatte! 😀

Ostfriesland, Roman, Polyamorie

Jetzt aber: Der erste Morgen in Ostfriesland

Nach dem dritten Anlauf schaffte Anna es endlich, die Füße aus dem warmen Bett zu schwingen. Ihr Schädel brummte ganz furchtbar, aber die Neugier lockte sie aus dem Nest. Ihr erster Morgen in Ostfriesland. Sie zog sich eine dicke Strickjacke über den Schlafanzug und bahnte sich einen Weg zwischen den Bücherkartons hindurch, die überall in ihrem Zimmer verteilt standen.

An der Fensterfront des großen Zimmers angelangt, zog sie die Vorhänge auf und kniff die Augen zu. Gleißendes Licht. Die tief stehende Wintersonne schien sich darüber zu freuen, dass Ostfriesland über Nacht unter einer dicken Schneedecke verschwunden war.

Als Anna gestern angekommen war, hatte der karge Landstrich ausgesehen wie das Ende der Welt – aber wie das deprimierende Ende. Die endlosen Wiesen hatten Anna mit seltsam ausgewaschenen Grüntönen begrüßt, die auf eine freudlose Art mit dem endlos grauen Himmel wunderbar harmoniert hatten. Nur Annas ungebrochener Wille, von allem begeistert zu sein, hatte sie davon abgehalten, beim Anblick der trostlosen Einöde direkt wieder in den Zug zu steigen. Und dann war da natürlich Eugen gewesen.

Anna blieb an der Terrassentür ihres Zimmers stehen und ließ für einen Moment den Blick schweifen. Heute sah die Welt tatsächlich vollkommen anders aus als gestern. Die Morgensonne brach sich in zarten Pastelltönen und Ostfriesland wirkte wie eine am Computer bearbeitete Zuckerguss-Postkarte.

In der Schneedecke vor Annas Tür waren winzige Fußabdrücke von Vögeln zu sehen und offensichtlich war auch irgendein kleines Tier spazieren gegangen, dessen Spuren Anna nicht lesen konnte. Sie kannte sich eben mit Büchern besser aus. Die eingeschneite Wiese rund ums Haus schimmerte wie ein riesiger Teppich aus Puderzucker und überall entdeckte sie skurrile Silhouetten, weil der Schnee Sträucher, Baumstümpfe und eine alte Schubkarre neu eingekleidet hatte. Hinter einer niedrigen Hecke, die hoffentlich im Herbst Brombeeren liefern würde, streckten knorrige Obstbäume ihre verschneiten Äste in die Luft.

Das musste also die Streuobstwiese sein, auf der dieser John O’Molloy seine Bauwagen aufstellen wollte. Eugen hat mit so leuchtenden Augen davon erzählt, dass Anna ganz gerührt war. Anna neigte den Kopf und blinzelte in die Sonne. John O’Molloy würde also gegenüber wohnen und direkt bei ihr die Fenster blicken.

Anna schniefte und stellte ihren einen eiskalten Fuß auf den anderen, um ihn zu wärmen, dann fragte sie sich, wann Sven endlich anrufen würde. Sie fühlte eine leise nagende Unruhe, dann bahnte sie sich zwischen ihren Kartons hindurch einen Weg zum Flur ihres kleinen Apartments.

In dem feinen kleinen Bad würde sie sich gleich erst mal eine richtig schöne heiße Dusche gönnen, aber erst brauchte sie etwas Heißes zu trinken. Als sie gerade anfangen wollte, die winzige, gemütliche Küche zu erforschen, klingelte endlich ihr Handy. »Sven, mein Sven!«

»In welchem verdammten Funkloch steckst du, ich hab schon tausendmal versucht, dich zu erreichen!«

Anna lächelte gerührt, dann bat sie schwach: »Nicht so laut!«

»Laut? Wer ist denn hier laut?«

Anna stöhnte. »Der Presslufthammer in meinem Kopf.«

Sven klang sofort besorgt. »Was ist los, Kleene, hast du Migräne?«

Anna musste lachen. »Nee, ich hab wohl nur meinen Einstand ein bisschen zu feste gefeiert.«

Sven seufzte tief. »Hast du gebechert oder was? Du weißt doch, dass du keinen Alkohol verträgst!«

Anna schniefte schuldbewusst. »Ich musste aber eine ostfriesische Spezialität probieren! Die tun doch hier immer Kluntje in den Tee, das sind diese riesigen Kandisbrocken. Und gestern war es so kalt und nass und für Schietwettertage legt Eugen diese Kluntje in Rum ein und dann macht er Grog damit!«

Sven stöhnte. »Trinkt aus, Piraten, yoho, oder was?«

Anna musste lachen. »So ungefähr. Und dann war da ja auch noch die Sache mit Elvis.«

»Elvis?«

Anna nickte vorsichtig und beschloss dann, den Kopf so wenig zu bewegen wie möglich. »Keno, der Musiker im Haus. Der tritt als Elvis auf. Der ist hier an der Küste als Kutter-King unterwegs und kann ›In the ghetto‹ auf Plattdeutsch singen, du schmeißt dich weg!«

Sven knurrte mahnend. »Annika, du kommst aus meiner Musikerfamilie, wie sollst du einen jodelnden Elvis ertragen!«

Anna grinste. »Ostfriesen jodeln nicht! Außerdem kennt Keno dich! Er war schwer beeindruckt, dass ich ausgerechnet den Hedlund mit der Gitarre kenne! Die mit den Trommeln kann er alle nicht auseinanderhalten, aber er hat euch schon auf Festivals gesehen!«

Sven klang gleich viel versöhnlicher. »Ich hab keine Ahnung, wie man meine Brüder nicht auseinanderhalten kann!«

Anna lachte leise. »Ein Wikinger sieht eben aus wie der andere. Keno sagt, mit einem von den Trommlern hätte er sogar backstage schon mal was getrunken, aber er konnte sich nicht an den Namen erinnern. Er wusste nur noch, dass der Name sich angehört hat wie ein Regal, das er mal hatte.«

Sven brummte gereizt. »Annika, wir sind Schweden, wir heißen alle wie Möbel! Wer ist noch da?«

Anna untersuchte ein Präsentkörbchen, das mitten auf dem Küchentisch stand. Frisches Obst, ein Päckchen Ostfriesentee, Sahne und Kluntje, eine Mettwurst und ein paar vegetarische Alternativen, ein frisches Brot. Anna las die Karte mit dem Willkommensgruß von Eugen und lächelte gerührt. »Bis jetzt ist sonst nur Eugen da, der ist eine Seele von Mensch. Der betüdelt uns wie eine Mama in seiner riesigen Küche, ohne Witz. Diese Küche sieht aus wie vor hundert Jahren und direkt dran ist eine Speisekammer, mit der könntest du das gesamte Hedlund-Imperium über den Winter füttern! Und mein Mini-Apartment ist auch total schön, alles total hell und freundlich. Mein Bett ist riesig und am Fenster steht ein Schreibtisch, von dem ich den Verdacht habe, dass Eugen den extra angeschafft hat, damit ich einen Platz zum Schreiben habe. Und heute wollen die Männer mir helfen, meine Bücherregale aufzubauen und heute Nachmittag kommt eine Malerin, die sich vorstellt. Eugen will sie unbedingt für die WG begeistern, damit der Männerüberschuss mich nicht abschreckt und dann hat sich noch ein Autor erkundigt, denn muss ich unbedingt googeln …«

Anna hörte im Hintergrund das Piepen von Katjas Kaffeevollautomaten und verstummte. Sven blieb ebenfalls stumm. Anna murrte: »Du musst bestimmt die Abtropfschale ausleeren!«

Sven klang gereizt. »Hab ich doch schon! Jetzt will sie, dass ich den Wassertank auffülle!«

Anna seufzte. »Hast du an den Restebehälter gedacht?«

Sven knurrte: »Entkalken! Das Biest will dreimal am Tag entkalkt werden!«

Anna stellte fest: »Irgendwas ist ja immer!«

»Ich muss dich mal kurz weglegen!«

Anna hörte den Wasserhahn rauschen, leises Klappern und Svens Fluchen. Er schaffte es einfach nie, den Wassertank wieder in die Maschine zu fummeln. Anna war vollkommen schleierhaft, wie ein Mann, der auf der Gitarre rasend schnelle Arpeggios spielte, an einem schnöden Wassertank verzweifeln konnte. Um sich die Zeit zu vertreiben, klappte sie die Türen ihrer eigenen Küchenschränke auf und sah sich um. Es war tatsächlich alles da, was man in einer kleinen Ferienküche so brauchte. Sie entdeckte eine silberne Kanne für Ostfriesentee und diese winzigen kleinen Teetassen, die Eugen auch in der großen Küche benutzte. Vor Rührung bekam Anna ganz große, runde Augen.

Sie würde sich hier fühlen wie ein kleines Mädchen, das mit seinen Teddybären Tee trinken spielte. Als kleines Mädchen hatte sie mit sieben wilden Wikingerjungs gespielt, nicht mit Puppen und Stofftieren. Eigentlich waren es sogar acht gewesen, denn Svens kleine Schwester, ein Jahr jünger als Sven und Anna, war der wildeste Rabauke von allen gewesen.

Sven tauchte wieder auf. »Bist du noch da?«

Anna wollte antworten, aber das röchelnde Stöhnen der Kaffeemaschine dröhnte durchs Telefon. Anna schrie: »Digger, der Schlauch für die Milch ist nicht richtig drin, das hör ich bis hier!«

Sven fluchte wieder, dann wurde es still. Vorsichtig fragte Anna: »Was ist jetzt los? Hast du sie umgebracht?«

Sven murmelte resigniert: »Ich hab noch Instantkaffee im Rucksack.«

Anna hörte im Hintergrund Katja zärtlich lachen, dann piepte die Maschine ganz brav und fing an, Kaffee zu kochen. Was Kaffeevollautomaten betraf, waren Sven und Anna eben Kaffeevollidioten. Bei Katja schnurrte die edle Maschine sanft wie ein Kätzchen. So, wie Sven auch. Anna spürte, wie sie gegen ihren Willen ein finsteres Gesicht bekam und ärgerte sich über sich selbst. Sven war nicht ihr Privateigentum, er durfte übernachten, wo er wollte. Sie hätte schließlich ein Veto einlegen können, als Svens Beziehung zu Katja anfing, ihr wehzutun. Aber sie wollte, dass Sven sich selbst treu blieb, nicht ihr.

Als hätte er ihre Gefühle gespürt, flüsterte Sven: »Kleene, da ist nix gelaufen heute Nacht! Ich hab dich viel zu sehr vermisst!«

»Digger, klemm dir die Details, du weißt, dass ich das nicht wissen will!« Anna biss sich auf die Lippe. Ihre Stimme hatte schärfer geklungen als beabsichtigt.

Sven schnaubte leise. »Nika, ich muss aber drüber reden können! Ich mach dir keinen Vorwurf, echt nicht, aber dass du abgehauen bist an dieses platte Ende der Welt, ist einfach eine verdammt harte Nummer! Ich bin hier völlig verloren ohne dich! Hast du eine Ahnung, wie einsam Berlin ist, wenn du nicht hier bist?«

Anna kniff angespannt die Augen zu. Sven hatte keine Ahnung, wie einsam sie sich fühlte, seit er sie gestern Morgen zum letzten Mal umarmt hatte. Sie zuckte zusammen bei dem Gedanken. Nein, es war nicht das letzte Mal gewesen. Sven war ja da, gerade eben in ihrem Ohr. Sie flüsterte: »Ich liebe dich!«, aber sie hörte selbst das Zittern in ihrer Stimme.

»Kleene, ich komm dich abholen! Ehrlich, ich kann in ein paar Stunden da sein! Du kannst bei mir wohnen, bis du wieder was hast! Du kannst für immer bei mir wohnen!«

Anna lachte schwach und wischte sich über die Augen. »Digger, du weißt, dass wir uns umbringen, wenn wir eine Höhle teilen!«

»Nein, das tun wir nicht, diesmal nicht! Ernsthaft, Nika! Ich bin total erwachsen geworden, wenn du das nicht willst, lass ich meine Socken nicht mehr rumliegen!«

Anna musste lachen. »Es geht nicht um die Socken! Du weißt ganz genau, dass wir beide mit diesen Zweckgemeinschaftsgeschichten nicht klarkommen! Ich brauch meine Freiheit, du brauchst deine Freiheit, alles ist gut!«

»Ja, aber muss deine Freiheit ausgerechnet am Arsch der Welt sein?«

Anna schniefte schuldbewusst, dann flüsterte sie: »Versprich mir nur, dass du nicht mit Katja zusammenziehst, ohne vorher mit mir zu reden.«

Sven gab einen entsetzten Laut von sich. »Bist du irre? Im Leben nicht!«

Anna kräuselte verwirrt die Mundwinkel. Stritt Sven die Idee so vehement ab, weil sie wirklich völlig absurd war oder weil er sich ertappt fühlte? Anna sah verstört auf ihre nackten Füße. Bis zu diesem Moment war ihr gar nicht richtig klar gewesen, wie sehr ihr Vertrauen in Sven gelitten hatte seit dieser Geschichte …

Sie schluckte, dann murmelte sie: »Ich koch mir jetzt mal Tee, Digger, wir wollen bald mit den Bücherregalen anfangen.«

Sven knurrte mahnend: »Und zieh dir was an die Füße!«

Anna sah auf ihre halb erfrorenen nackten Zehen und murrte: »Hab ich!«

»Ja, ja, alles klar! Und hol dir den W-LAN-Schlüssel von deinem Vermieter, damit ich dich erreichen kann!«

»Mach ich.«

Anna hörte dumpfes Trappeln und Poltern, dann tauchten vor ihrem Küchenfenster zwei dick vermummte Gestalten auf. Eugen lächelte entschuldigend und blies sich in die kalten Hände, Keno riss sich eine bunt gemusterte Mütze vom Kopf und richtete sich demonstrativ die schwarz gefärbte Elvistolle. Anna musste lachen. Dieser große dicke Elvis mit der dröhnenden Stimme und der Las-Vegas-Figur zählte definitiv zu den skurrileren Musikern, die sie bisher getroffen hatte. Und sie hatte einige getroffen.

»Bist du noch da?«

»Ich muss Schluss machen, Großer, meine Helfer sind da.«

Sven befahl: »Ruf mich wieder an! Jederzeit!«

Sie wusste, dass er wusste, wie ungern sie ihn anrief, wenn er bei anderen Frauen war. Anna murrte: »Mach ich!«, dann legte sie auf.

 

 

Und was ist deine Meinung?