BS 1, Kapitel Kuddelmuddel: Ein Mann, sein Bauwagen und die Faszination des ostfriesischen Kinos

John räkelte sich gemütlich und rieb sie wohlig die Augen. Endlich wieder eine Nacht in seinem geliebten Bauwagen. Kein Hotelzimmer, kein Loft, kein stylisches Apartment, keine quasselnden Menschen. Einfach nur ein Mann und sein Bauwagen. Er streckte sich und stand auf. Ah, ein saukalter, nebeliger Morgen, wie nur Ostfriesland ihn zu bieten hatte. Kaffee kochen, Feuer machen, kein Wort reden. Der perfekte Start in den Tag.
Das Haus war noch dunkel, bis auf die Sprossenfenster und die Terrassentür direkt gegenüber von seinem Bauwagen. Das erleuchtete Zimmer in der trüben Morgendämmerung hatte eine ähnliche Wirkung wie eine Kinoleinwand – er musste einfach hinsehen.
John runzelte die Stirn, rieb sich selbst warm und zog die Nase hoch. Was war das denn, was er geträumt hatte? Es musste irgendetwas Mystisches mit einer Elfe gewesen sein. Er hatte sie flüstern und rascheln hören und dann hatte ihn dieser Blick aus so unglaublich grünen Augen getroffen. Ha, grüne Augen, er hatte von grünen Augen geträumt, die alles über ihn zu wissen schienen. Ein seltsames Gefühl. Gruselig und anheimelnd zugleich.
Er öffnete die Klappe des Ofens und zündete zerknülltes Papier und kleine Scheite an. Zufrieden murmelte er: »Gleich wird es warm, John!« und lehnte sich an die Spüle, um auf das gemütliche Brodeln des Wasserkochers zu lauschen. Er könnte ein paar Cornflakes essen, ja. Mist, er hatte keine Milch, aber Milch war eh überbewertet. Der international gefeierte Kunststar setzte den Kaffeefilter auf einen Becher, zählte Kaffeelöffel ab und futterte dann trockene Cornflakes direkt aus der Packung.
Doch, hier könnte er es eine Weile aushalten. Wenn er bloß wüsste, was genau in seinem Traum passiert war. Irgendetwas hatte ihn wahnsinnig geil gemacht. War die Elfe etwa nackt gewesen? Er zog angestrengt die Augenbrauen zusammen, konnte sich aber einfach nicht erinnern.
Er hatte doch nicht etwa mit der Elfe …? Nein, niemals! Elfen waren so reine, unschuldige Geschöpfe, da könnte er gleich einem Einhorn einen Kinnhaken verpassen! Es gab Dinge, die tat man einfach nicht. Schon gar nicht als Ire. Er würde ja auch nicht dem kleinen Volk mit dem Rasenmäher die Hüte abschneiden, so etwas machte man nicht! Man wusste ja auch nie, wie sich das rächte. Und gerade Elfen waren ja nicht nur rein und unschuldig, sondern auch unberechenbar. Gerade als Menschen-Mann musste man da verdammt aufpassen, dass man nicht in Zeitlöcher fiel und mal eben dreihundert Jahre damit vertrödelte, sich liebeskrank im Elfenreich zu wälzen.
John wühlte sich wieder in die Cornflakespackung, als sein Blick auf seine Hand fiel. Was war da gestern gewesen? Es hatte ihn so durcheinander gebracht, dass er danach kaum die Teetasse halten konnte. Am liebsten hätte er sich den ganzen Begrüßungsscheiß vollkommen geklemmt, wäre sofort in seinem Bauwagen verschwunden und hätte die Tür hinter sich zugeschlagen.
Er war dieser stillen Frau begegnet und wollte ihr nur ganz artig deutsch die Hand geben, aber irgendetwas in ihm hatte ausgesetzt. Aus einem Impuls, den er sich nicht erklären konnte, hatte er ihr Handgelenk gepackt und an ihrem Arm gerissen wie ein Höhlenmensch, der ein Weibchen verschleppen will.
Und seltsamerweise hatte sie auf diese grobe Berührung reagiert, als wäre es selbstverständlich für sie, gepackt und in eine Höhle verschleppt zu werden. Sie hatte seinem fordernden Griff gerade so weit nachgegeben, dass er ihren Widerstand spürte, dann hatte sie ihn wortlos angesehen mit einem Blick, der etwas über ihn zu wissen schien, was er nicht wusste.
Und er hatte es gerade noch geschafft, irgendeinen Müll über ihre Augenfarbe zu reden. Hätte er den ersten Schwachsinn erzählt, der ihm durch den Kopf geschossen war, hätte er gesagt: »Ich will ein Kind von dir!«
Aber die abgenudelte »Schöne Augen«-Masche war auch nicht besser. Und er hatte versucht, seine Unsicherheit mit einem Lächeln zu überspielen, aber jetzt, wo er darüber nachdachte, fühlte sich dieser peinliche Versuch nicht besonders erfolgreich an. John seufzte tief und stopfte sich die nächste Hand nicht mehr wirklich knuspriger Cornflakes in den Mund. Er hatte sich vor dieser wunderschönen Frau zum totalen Idioten gemacht. Aber das war auch besser so. John dachte an Nina und schnaubte verächtlich: »Thermoskanne!«
Etwas erregte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Er neigte ein wenig den Kopf, um besser durch das Fenster auf die Kinoleinwand sehen zu können. Die Elfe, die die Leinwand bewohnte wie eine Bühne, hob gerade einen riesigen, schweren Bücherkarton auf das ausladende Bett und fing an, Bücher in den vielen, halb vollen Regalen zu verteilen. So, wie es aussah, zog sie auch gerade erst ein. Nur wirkte ihr Zimmer weniger wie ein Ferienapartment, sondern eher wie eine verwunschene Buchhandlung mit Bett.
John rieb sich die Augen und brühte seinen Kaffee auf. Das war gar keine Elfe, das war die stille Autorin, vor der er sich zum Deppen gemacht hatte. Die stumme Schönheit, die gestern beim Tee fast kein Wort gesagt hatte und dann spurlos verschwunden war. Die, der er fast den Arm ausgerissen hätte. Genauso gut hätte er auf die Knie fallen und rufen können: »Nimm mich!«
Wahrscheinlich war sie einfach keine Elfe, sondern eine Hexe, die ihn mit einem bösen Zauber belegt hatte. Grün genug waren ihre Augen ja. Ja, gut, seine Augen waren genau so grün, aber er durfte das. Schließlich stammte seine DNA zur Hälfte aus dem irischen Genpool. Rein statistisch gesehen hatte er größere Chancen auf grüne Augen als die Hexe von gegenüber, obwohl die O’Molloys konsequent zu der Sorte Iren gehörten, die sich mit blauen Augen, dunklen Haaren und heller Haut durchs Leben schlugen. John war einfach eine Mutation. John, der lustige Mutant mit dem Pferdeschwanz. So etwas Gemeines hatte wirklich noch nie eine Frau zu ihm gesagt. Als wäre er ein grober Stümper!
John schnupperte wohlig dem Kaffeeduft nach, der sich jetzt im Wagen verbreitete, und lehnte sich wieder an die Spüle. Er fuhr sich noch einmal über die Augen und neigte wieder vorsichtig den Kopf. Was tat seine neue Nachbarin da? Sie ließ spontan einen Stapel Bücher fallen und tanzte durchs Zimmer. Dabei schüttelte sie ihre wilde Mähne wie auf einem Heavy Metal Konzert. Was für irre Haare diese Frau hatte!
Man müsste sie ausziehen und auf einer grünen Samtdecke malen. Bestimmt waren ihre Schamlippen zartrosa und ihre Nippel klein und rosig, sie war genau der Typ dafür. John seufzte tief und fuhr sich verwirrt über die Augen. Schluss jetzt damit!
Er griff seine Tasse, kleckerte sich Kaffee auf den Pullover und rieb gedankenverloren an dem heißen Fleck, als er sich vorbeugte und blinzelte. Was tat sie jetzt? Er runzelte angestrengt die Stirn. War das ein Tango? Sie tanzte Tango Argentino mit einem unsichtbaren Partner? Sie tanzte unverkennbar Ganchos, als würde sie ihre Beine zwischen die eines Tanzpartners schwingen.
John musste es genau wissen. Er murmelte: »Komm, Kleine, tanz an der Terrassentür vorbei!«
Als sie seinen Wunsch erfüllte, stieß er ein hilfloses Geräusch aus und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Eine Tänzerin, das war eine echte Tanguera! Nicht so eine steife, deutsche Bildungsbürger-Milonga-Tante wie Nina oder Tina. Sie verschwand aus seinem Blickfeld und John sprang zum nächsten Fenster. Ja, jetzt hatte er sie wieder im Fokus wie ein Kameramann. Sie legte an der Wand neben der Terrassentür die Hände an den hohen alten Rippenheizkörper, kippte schnurgerade aus den Fußgelenken nach vorne und tanzte mit dem Spielbein eine elegante Volcada, geführt von einem gusseisernen Heizkörper.
John schluckte und fuhr sich über die Augen. Sie ging jetzt wieder in die Senkrechte, verlagerte das Gewicht aufs Standbein und schwang anmutig das Spielbein nach hinten. Mein Gott, hatte diese Frau eine geschmeidige Hüfte und wie hoch sie die Beine schmeißen konnte!
John stöhnte hilflos. Wenn sie schon auf dicken Wollsocken mit einer Heizung so tanzte, wie tanzte diese Frau dann, wenn sie in Tangoschuhen von einem Tänzer geführt wurde? Und mit wem tanzte sie normalerweise? Tanzte sie etwa hier, in Ostfriesland? Bestimmt nicht beim Schützenfest! Und wo war überhaupt ihr Kerl? Eine Frau wie diese ließ doch kein Mann frei rumlaufen, der bei Verstand war, was machte sie also allein in einer WG mit einer Telefonbeziehung?
Sie drehte jetzt dem Publikum den Rücken zu, schlang in einer anmutigen Bewegung ihre ausgeschüttelte Mähne um die Hand und steckte ihr Haar dann hoch. John sog gebannt die Luft ein, starrte auf den zerbrechlichen Nacken und murmelte: »Göttin! Lass mich von dieser Frau vernascht werden!«
Plötzlich hopste die elegante Tanguera wie ein Kind zum Schreibtisch und ging ans Telefon. Ah, da war der Kerl wieder! So etwas erkannte John doch sofort! Dieses verspielte Lächeln, mit dem sie den Kopf senkte und sich an einer Locke spielte, die sich aus der Spange gelöst hatte. Sie telefonierte definitiv mit einem Mann, mit dem sie auch Sex hatte.
John wusste nicht, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Schließlich war er in diese WG gezogen, um seine ganzen verwirrenden Affären mal zu ordnen und auf ein Minimum zu reduzieren. Eine Affäre mit einer Mitbewohnerin anzufangen, die direkt vor seinem Bauwagen lebte und sah, wann er kam und ging, wäre so ziemlich das dümmste, was er tun könnte. Und trotzdem versetzte es ihm einen Stich, dass sie jetzt lachte und sich mit dem Telefon aufs Bett kuschelte.
John zog mit einem Ruck sein Rollo vor dem kleinen Fenster herunter, dann wandte er sich mit einem gereizten Knurren ab.

Und was ist deine Meinung?