BS 2, Kapitel 1: Wozu sind Freunde da?

Polyamorie Roman

Sookie says: So, ihr Lieben! Das sieht jetzt aus, als hätte ich mir ein paar Tage Pause gegönnt, aber harrrr, ich hab die Polyamorie-Lesehappen überarbeitet und bei Wattpad hochgeladen, falls ihr sie lesen wollt, findet ihr sie hier. Und jetzt stürzen wir uns auf Beziehungsstatus 2, yeay!

Anna schnäuzte sich, zerknüllte das Taschentuch und warf es im hohen Bogen vom Bett aus neben den Papierkorb. Schon wieder kein Drei-Punkte-Wurf, Liebeskummer war einfach zu nichts gut. Sie kontrollierte mal wieder ihr Handy auf dem Nachttisch neben ihrer Kissenburg, obwohl sie genau wusste, wie sinnlos das war.
John hatte ihre Nummer gar nicht gehabt, als er sich mit einem »Vielleicht rufe ich dich mal an« verabschiedet hatte und vielleicht für immer nach New York verschwunden war. Jedenfalls war er schon seit über zwei Wochen weg und sie hatte noch kein Wort von ihm gehört. Noch niemand in der WG hatte ein Wort von ihm gehört und langsam fragten sie sich, ob er jemals wieder auftauchen würde, oder ob er sein kurzes Gastspiel in Ostfriesland längst vergessen hatte.
Anna wischte sich schniefend über die Augen, dann steckte sie sich ein Stück Schokolade in den Mund und widmete sich wieder der Arbeit. Heute durfte sie wenigstens mal etwas anderes machen, als an ihren eigenen Erotikschnulzen zu arbeiten, denn sie hatte mit ihrem Mitbewohner Lothar Texte getauscht zum gegenseitigen Korrekturlesen. Lothar arbeitete tatsächlich gerade an einem ostfriesischen Roadmovie und verbriet gnadenlos den Lokalkolorit, den er auf seinen Radtouren aufsaugte wie ein Schwamm.
Als Anna den nächsten Tippfehler entdeckte, musste sie lachen. Gestern hatte sie Lothar gedroht, dass sie anfängt zu schreien, wenn sie noch einmal das Wort »ostfiersich« lesen würde und jetzt hatte er ihr eine Textpassage geschickt, in der er das Wort »ostfriesisch« konsequent durch »ostpfirsich« ersetzt hatte, nur, um sie zu ärgern. Leise kichernd bemühte Anna die »Suchen und Ersetzen«-Funktion, um allen Pfirsichen aus dem Osten gnadenlos den Garaus zu machen, als es an ihrer Tür klopfte.
Anna rief die übliche Formel »Ist offen!«, und sah auf die Uhr. Hatte sie schon wieder die Teezeit vergessen? Aber es war gerade erst Mittag. Steffi quetschte sich mit dem aufgeklappten Laptop im Anschlag durch die Tür und schoss ihre Hausschuhe weg, um sich sofort zu Anna auf das große Bett zu werfen. »Oh, Schokolade!«
Anna schob die Schokolade näher zu Steffi heran. »Tee?«
Steffi winkte ab. »Später! Erst müssen wir die Sensation des Tages bequatschen!«
Anna seufzte tief. »Ist das Fusselsieb in der Waschmaschine schon wieder verstopft, weil Keno die Plektren nie aus den Hosentaschen räumt?«
Steffi kicherte. »An solche Musikerdramen musst du doch gewöhnt sein!«
Anna rollte mit den Augen. »Hör bloß auf! Hab ich dir schon erzählt, wie Sven und ich mal eine Stunde lang die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt haben, weil wir die neuen Gitarrensaiten einfach nicht finden konnten? Und dann waren die Dinger im Kühlschrank!«
Steffi prustete los. »Wie sind die denn da rein gekommen?«
Anna zuckte die Schultern. »Sven hatte den Käse in den Kühlschrank getan und dann einfach die Saiten gleich mit, weil er die sowieso gerade in der Hand hatte!«
Steffi seufzte dramatisch. »Versteh einer die männliche Logik!«
Anna schüttelte milde den Kopf. »Männer haben keine Logik, versuch gar nicht erst, da was zu verstehen!«
Steffi grinste Anna zerknirscht an und richtete auf ihrem Schoß den Laptop aus. »Dann hab ich also ganz umsonst versucht zu verstehen, wieso John mir eine Mail geschickt hat?«
Anna setzte sich angespannt auf. »Er lebt?«
Steffi nickte wichtig, dann flüsterte sie geheimnisvoll: »Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Mail von einem Bot geschickt wurde, dafür ist sie zu sehr John.«
Anna sah Steffi unsicher aus dem Augenwinkel an. »Okay?«
Steffi nickte bestimmt und setzte sich mit wichtiger Miene zurecht. »Hör zu! Hallo Steffi! Achteinhalb Millionen Einwohner und ich treffe nur Idioten! Gestern hat mein Agent mich mit vorgehaltener Waffel«, Steffi unterbrach sich selbst, »da steht tatsächlich Waffel, mit vorgehaltener Waffel gezwungen, an einem Essen teilzunehmen. Massenvernichtungswaffeln sind übrigens gerade der letzte Schrei in New York, alle stopfen sich voll damit, weil die Dinger allesfrei sind. Glutenfrei, laktosefrei, zuckerfrei und ich glaube auch geschmacksfrei, ich habe mich noch nicht getraut, einen Selbstversuch zu wagen. Jedenfalls musste ich in dieses Restaurant, von dem ich immer dachte, es sei eine Erfindung der Filmindustrie, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass es Menschen gibt, die sich so etwas tatsächlich freiwillig antun. Da schlage ich mich schon so lange allein durch New York und mache immer einen Bogen um Manhattan, weil ich Stahl, Beton und Glas hasse und jetzt das. Ich musste also in dieses Restaurant. Allein die Anreise mit dem Fahrstuhl ist so anstrengend und angstauslösend, dass Eugen danach bestimmt erst mal Tee serviert hätte. Du rast ungefähr den halben Tag in einem gläsernen Fahrstuhl durch ein Gebäude, das von innen aussieht wie die Schubladenschränke, in denen ich meine Skizzen aufbewahre, und fühlst dich dabei wie eine Amöbe im Schleudergang. Wenn dir davon vor dem Essen noch nicht schlecht genug ist, erledigt das Muster des Teppichbodens im Restaurant, das sinnigerweise ›The View‹ heißt, den Rest. Der Lärmpegel ist albtraumhaft und das Schönste kommt erst noch. Das Ding dreht sich um sich selbst. Innerhalb einer Stunde fährst du einmal im Kreis und siehst das ganze Elend der Zivilisation an dir vorbeiziehen. Zum Glück hatte ich keine Zeit, die Aussicht zu genießen, weil mich drei Geld scheißende Japaner mit ihren Miet-Mätressen erwarteten, die sich gedacht hatten, dass sie sich den Trip ins alte Europa sparen können, wenn sie John O’Molloy haben können. Der Ostfriesland-based irish lad erobert jetzt also den asiatischen Markt, we had a whale of a time und ich habe den Herren mehrfach versichert, dass ich kein Terrorist bin. Urgroßonkel Ciaran würde im Grab rotieren, wenn er wüsste, dass ich die Verbindungen der O’Molloys zur Old IRA nach dem Ersten Weltkrieg verleugnet habe. Auf der Flucht habe ich dann auf dem Times Square eine Mini-Mouse gesehen, die einen Kopf größer war als ich und ein Kleid in Pink trug. Ich bin nur noch verstört und hab Sehnsucht nach den grünen Marschen rund um meinen Bauwagen. Manchmal schließe ich die Augen und stelle mir vor, dass ich mit meinem Kaffeebecher auf der Treppe sitze und kein Geräusch höre außer dem Rauschen des Windes in den Bäumen und dem Blöken der Schafe. Das Blöken? Des Blökens? Folgt auf ›außer‹ der Genitiv? Wessen dem sein Schaf? Des Blökens? Anna wüsste das. Ich verlerne Deutsch und will nach Hause, John.«
Steffi sah Anna atemlos an und wartet ihre Reaktion ab. Anna runzelte verwirrt die Stirn. »Wieso schreibt er dir das? Und woher hat er deine Mail-Adresse?«
Steffi zuckte die Schultern. »Ich nehme an, er hat meinen Online-Shop gegoogelt. Aber wieso er mir diese verwirrende Geschichte schickt, weiß ich auch nicht, du kennst doch John!« Steffi lachte unsicher. »Er weiß es sicher selbst nicht!«
Anna zog so fest die Augenbrauen zusammen, dass sie sich fast in der Mitte trafen. »Was will uns der Künstler damit sagen?«
Steffi neigte grübelnd den Kopf. »Ich weiß nicht, vielleicht hat er einfach ein Mitteilungsbedürfnis? Hat er in New York jemanden zum Reden?«
Anna nagte sich angespannt am Fingernagel. »Ich will gar nicht wissen, wen er in New York alles hat!«
Steffi seufzte tief, dann leuchtete ihr Gesicht auf. »Weißt du, was ich denke? John möchte bestimmt gerne endlich Kontakt zu dir aufnehmen und weiß nicht, wie er es anstellen soll! Aber direkt zu fragen, ob er deine Nummer haben kann, traut er sich bestimmt nicht, dazu ist er zu schüchtern! Ich schreibe ihm einfach zurück und schicke ihm so ganz nebenbei die Liste mit unseren ganzen Kontaktdaten, das ist extrem diplomatisch, oder?«
Anna wandte den Kopf ab, weil ihre Unterlippe schon wieder zitterte. »Ich hatte gerade aufgehört zu heulen, da schickt der einfach eine Mail!«
Steffi setzte sich auf. »Aber, hey, das ist doch gut! Endlich meldet er sich!«
Annas Augen liefen über. »Aber er hat ja noch nicht mal nach mir gefragt!«
Steffi stöhnte leise. »Er hat deinen Namen erwähnt, das zeigt doch, dass er an dich denkt!«
Es klopfte wieder und Anna riss hektisch ein Taschentuch aus der Box, während Steffi flötete: »Ist offen!«
Lothar steckte den Kopf durch die Tür. »Habt ihr einen Moment?«
Anna schniefte und musste lachen. »Lothar hat wieder eine geniale Idee, ich seh das magische Leuchten in seinen Augen!«
Lothar grinste breit und machte einen Satz aufs Bett. »Das wird unfassbar swaggy, Alter!«
Steffi seufzte dramatisch. »Was zur Hölle ist swaggy?«
Anna musste lachen. »Heiß im Sinne von cool, also ein Paradoxon. Vulgär verwendet bedeutet es schwul!«
Steffi schüttelte seufzend den Kopf. »Wo holt ihr solche Wörter immer her und wann googelt ihr die ganzen Synonyme?«
Lothar nickte rigoros. »Anna liebt Synonyme! Sie betet sie geradezu an!«
Anna brummte: »Yäp! Ich wollte mir immer mal einen Altar bauen, dann kann ich mich abends in meinen Herrgottswinkel knien und die schönsten Synonyme anbeten!«
Lothar grinste nur und warf Anna ein Küsschen zu. Steffi rollte mit den Augen. »Autoren! Es wird wirklich Zeit, dass John wiederkommt, dann bin ich nicht mehr der einzige malende Mensch im Haus!«
Lothar zupfte an seiner allgegenwärtigen Hipstermütze. »Hat der Maler sich jetzt eigentlich mal gemeldet?«
Steffi streifte Anna mit einem prüfenden Blick. »Ja, hat er. Er hat eine lange Mail geschrieben, nur gesagt hat er irgendwie nichts!«
Lothar tätschelte Anna mitfühlend das Bein. »Übermorgen kommt ja dein Freund endlich mal zu Besuch, dann hast du keine Zeit, um über den Maler nachzugrübeln!«
Anna kräuselte unglücklich die Mundwinkel. »Ich hoffe nur, Sven muss den Besuch nicht noch mal verschieben!«
Steffi rieb sich freudig die Hände. »Ich freu mich riesig drauf, deinen mysteriösen Sven endlich mal kennenzulernen, ich bin schon ganz aufgeregt! Ich glaub, ich backe einen Kuchen, oder?«
Anna lachte gerührt. »Sven liebt Kuchen. Am liebsten Tigerkaka.«
Steffi prustete los. »Wie bitte was? Tigerkacke?«
Anna stöhnte. »Tigerkaka! Das ist das schwedische Wort für Marmorkuchen!«
Anna wartete gereizt knurrend, bis ihre Lieblingsmitbewohner fertig waren mit Lachen, dann setzte sie sich auf. »Jetzt erzähl, Bärchen, welche geniale Idee hast du diesmal?«
Jetzt rieb Lothar sich die Hände. »Eine neue Sparte für unseren Video-Kanal! Land und Leute! Wenn der NDR davon leben kann, ständig Dokus über das Leben an der Küste zu produzieren, dann können wir das schon lange, nur eben auf unsere Art! Denk doch mal nach! Was für virale Effekte wie erzielen, wenn wir hier rumfahren und Leute interviewen und jeder von denen teilt doch dann unser Video auf seinen Profilen! Das geht voll ab, Alter!«
Steffi nickte trocken und wiederholte tonlos: »Alter.«
Anna musterte Lothar misstrauisch. »Und wer soll die Leute interviewen?«
Lothar neigte nur bittend den Kopf, dann ließ er sich fallen und drückte den Kopf an Annas Knie wie ein kuschelnder Kater. »Ich muss hinter die Kamera!«
Anna stöhnte. »Oh, nee! Und dann soll ich davor oder was? Worüber soll ich denn mit den Leuten reden?«
Lothar setzte sich ruckartig wieder auf. »Schildkröten!«
Anna und Steffi echoten synchron: »Schildkröten?«
Lothar lächelte geheimnisvoll, dann zog er seine Mütze gerade und rappelte sich auf. »Morgen Mittag geht’s los! Das wär ja gelacht, wenn du weiter hier hocken und diesem Maler hinterher heulen würdest! Ab morgen haben wir wieder Spaß!«
Steffi sah zu Lothar auf, dann stellte sie trocken fest: »Voll swaggy, Alter!«

 

Und was ist deine Meinung?