BS 2, Kapitel 3: Der Nordmann fällt in Ostfriesland ein

Endlich kommt Sven!

Eugen lächelte verträumt seine bunt geblümten Gartenhandschuhe an, dann griff er den Rechen und machte sich daran, das alte Kopfsteinpflaster der Auffahrt zu harken. Eigentlich hatte es noch gar keinen Sinn, im Garten mit dem Frühjahrsputz anzufangen, aber der Wind der letzten Nacht hatte Reisig von den Bäumen geweht und verrottetes Laub auf dem ganzen Grundstück verteilt. Wie so oft in Ostfriesland war auf die stürmische Nacht ein klarer Tag gefolgt, eisig kalt, aber mit einem strahlend blauen Himmel.

Nur der Wind hörte einfach nicht auf, Eugen zu umtanzen. Er spürte, wie die dünn besiedelte Stelle an seinem Hinterkopf kalt wurde und drehte sich automatisch so in den Wind, dass die Stelle bedeckt wurde. Dann fiel ihm ein, dass er jetzt Freunde hatte, die ihn mochten, ohne auf Äußerlichkeiten zu achten. Eugen grinste zufrieden.

Die verführerische Wintersonne hatte auch Steffi nach draußen gelockt oder war es vielleicht die Neugier? Jedenfalls kam Steffi mit einem strahlenden Lächeln und einem Besen auf ihn zu. »Ich hatte denselben Gedanken! Am liebsten würde ich schon Blumen pflanzen bei dem Wetter!«

Eugen lächelte entschuldigend. »Damit sollten wir warten, bis die Eisheiligen vorbei sind.«

Steffi stutzte. »Wer sind eigentlich diese komischen Eisheiligen? Ich hab schon von denen gehört, aber ich hab keine Ahnung, was das ist.«

Eugen zuckte die Schultern. »Anfang Mai gibt es oft noch ein paar kalte Tage, die so genannt werden. Da musst du noch mit Nachtfrost rechnen hier im Norden, das mögen viele Blumen nicht.«

»Ah!« Steffi nickte verstehend, dann grinste sie. »Aber es kann ja nicht schaden, ein bisschen Ordnung zu machen, bevor Besuch kommt!«

Eugen spürte, wie er ertappt rot anlief, nickte aber eifrig. »Ich dachte auch, bevor Annas Freund kommt … er soll ja einen guten Eindruck von uns haben!«

Steffi grinste. »Den wird er haben, mach dir keine Sorgen. Aber wenn ich das richtig einschätze, ist Sven nicht der Typ, der Menschen nach ihrem Vorgarten beurteilt.«

Eugen fing langsam an zu harken. »Und was für ein Typ ist der so?«

Steffi stützte sich auf ihren Besenstiel, als hätte sie schon stundenlang gearbeitet und nickte ruckartig mit dem Kopf. »Das wirst du gleich selbst rausfinden!«

Eugen sah sich um. Über die Schlaglöcher in der kahlen Allee rumpelte ein großer, schwarzer Van und kam langsam aufs Haus zu. Eugen hörte dumpfe Bässe dröhnen und spürte, wie ihm die vertraute Schüchternheit eiskalt den Nacken herauf kroch. Schließlich war dieser Sven nicht irgendwer. Anna telefonierte ja ständig mit ihm und er schien ihr mächtig wichtig zu sein. Es fühlte sich fast an, als wäre dieser Sven ein unsichtbarer Mitbewohner und Eugen grübelte schon lange, wie die beiden wohl zueinander standen. Direkt zu fragen traute er sich aber nicht, weil er nicht aufdringlich erscheinen wollte.

Steffi flüsterte neben ihm: »Oh, mein Gott, es gibt diesen Mann wirklich!«

Der dröhnende Van beschrieb einen großen Bogen, dann verstummten die Bässe. Eugen zuckte zusammen. Die Haustür wurde krachend aufgerissen und Anna sprang mit einem geschmeidigen Satz über Eugens Rechen. Die Tür des Vans wurde aufgerissen, dann flog Anna mit einem Jubelschrei einem gigantisch großen Mann in die Arme.

Eugen blinzelte gerührt. Der Mann hob Anna hoch, wirbelte sie herum, dann versanken die beiden in einem filmreifen und unübersehbar leidenschaftlichen Kuss. Eugen wurde rot und wandte den Blick ab. Steffi seufzte sehnsüchtig. »Einmal im Leben so geküsst werden!«

Eugen räusperte sich und wusste einfach nicht, wo er hinsehen sollte. Anna und dieser Mann küssten, küssten und küssten sich. Er raunte Steffi zu: »Ich wusste gar nicht, dass die sich auch küssen!«

Steffi kicherte leise. »Ich wusste auch nicht, dass es Paare gibt, die über zehn Jahre zusammen sind und sich immer noch küssen!«

Eugen hustete. »Ich dachte, sie hätten eine Telefon-Beziehung!«

Steffi nickte trocken. »Wenn sie telefonieren!«

Eugen legte verwirrt den Kopf in den Nacken. »Ah, und wenn sie sich küssen, haben sie eine Kuss-Beziehung?«

Steffi grinste breit. »Jetzt hast du das Prinzip verstanden!«

Eugen beobachtete seufzend, wie Sven Anna langsam zu Boden sinken ließ, aber die beiden hörten einfach nicht auf, sich zu drücken, die Nasenspitzen aneinander zu reiben, zu flüstern, zu lachen und sich immer wieder zu küssen. Steffi räusperte sich laut, dann kicherte sie wieder.

Sven sah auf und grinste. »Wenn das mal nicht die kleene Steffi ist!«

Eugen stellte verwirrt fest, dass es jetzt Steffi war, die rot anlief. War das nicht sein Job? Steffi machte sogar verlegen wie ein kleines Mädchen einen Knicks. Sven kam mit großen Schritten auf sie zu und drückte Steffi einfach an sich.

Eugen musterte diesen Mann eingeschüchtert. Sven sah aus wie ein Wikinger aus einer dieser History-Serien mit Schlachtengetümmel und Drachenbooten. Er war riesengroß und breitschultrig und sein Kopf war an den Seiten rasiert und mit Ornamenten tätowiert. Eugen hätte sich auch nicht gewundert, wenn Sven ein Kettenhemd und eine Streitaxt am Gürtel getragen hätte, aber offenbar hatte der Wikinger heute seinen freien Tag, denn er trug eine ganz normale Kapuzenjacke und Jeans.

Steffi hauchte jetzt scheu: »Schön, dich endlich kennenzulernen!«

Eugen dachte: »Einmal im Leben so von einer Frau angesehen werden!«, aber für Sven schien es vollkommen normal zu sein, dass Steffi kein Wort mehr herausbrachte und taumelte, als er sie losließ. Dafür war Eugen jetzt dran. Der Wikinger schloss auch ihn mit einem breiten Grinsen in die Arme und klopfte ihm erstaunlich sanft den Rücken. »Du bist also Eugen und sorgst für meine Kleene wie eine Mama!«

Eugen strahlte drauflos. Dieser Sven war der geborene Eisbrecher. Bevor Eugen nachgedacht hatte, rief er stolz: »Es gibt bald Tee!«

Anna hielt es nicht mehr aus und machte den nächsten Satz in Svens Arme. Sie kroch in seine Jacke und seufzte selig: »Mein Sven in der Brandung!«

Sven beugte sich über Anna und taumelte gemeinsam mit ihr ein Stück über den Hof, aber Eugen verstand, wie er Anna zuflüsterte: »Ich kann’s gar nicht abwarten, dich glücklich zu machen, Kleene!«

Anna lachte unbeschwert, rief: »Frauen bei gleicher Qualifikation zuerst!«, und sprang Sven auf den Rücken. Dieser große Nordmann trug Anna so selbstverständlich huckepack wie einen Rucksack und trabte los. Anna prustete übermütig. »Falsche Richtung! Digger, wir hatten das mit den Schenkelhilfen doch geübt!«

Während Anna Sven antrieb wie ein träges Pferd, deutete Steffi kichernd ums Haus. »Zu Annas Zimmer geht es da lang!«

Sven schlug einen Haken, umrundete Steffi und Eugen und verschwand dann mit Anna um die Ecke. Eugen und Steffi sahen den beiden fasziniert nach, dann murmelte Steffi: »Ich würde mich nicht drauf verlassen, dass die zwei pünktlich zum Tee kommen.«

»Muss Liebe schön sein!« Eugen seufzte voller Sehnsucht, dann wurde er blass. »Weiß Sven denn von John? Nicht, dass sich jemand verplappert!«

»Natürlich weiß er von John! Anna erzählt ihm doch alles, die haben keine Geheimnisse!« Steffi stutzte. Sie hatte so überzeugend geklungen, als wäre diese Offenheit die normalste Sache der Welt.

Eugen schien kein bisschen überrascht. Stattdessen griff er mit einem leuchtenden Lächeln nach seiner Harke. »Weißt du, deswegen wollte ich gern mit Künstlern leben. Die sind irgendwie so weltoffen und tolerant.«

Steffi beobachtete, wie Eugen zufrieden strahlend seine Arbeit wieder aufnahm und seufzte tief. Ausgerechnet der einzige Künstler im Haus, der in Erfolg und Geld badete, sah das nicht so locker wie Eugen. Steffi lachte versonnen und griff ihren Besen. Sie war sich nicht ganz sicher, wer sie bei diesem Gedanken mehr überraschte – Eugen oder John.

Und was ist deine Meinung?