BS 2, Kapitel 4: Ein Sofa, eine Fender und alte Liebe

Das Rumpeln im Haus war mörderisch, dann folgte Lothars überdrehtes Lachen und ein fast hysterisches Kichern von Keno. Eugens Hand blieb mit der Teetasse in der Luft hängen. »Oh, Gott, was machen die da bloß?«

Sven sah sich grinsend an der Teetafel um, aber Anna und Steffi klammerten sich nur mit Schnappatmung lachend hilflos aneinander. Im Flur krähte Lothar: »Hilfääää!«, und Sven stand auf. Er tätschelte Eugen mit einem beruhigenden »Ich mach das schon!« die Schulter, dann schlenderte er in den Flur. Lothar klemmte zwischen der Wand und einem alten Sofa auf der Treppe fest, während Keno sich weiter oben schnaufend ins Sofa krallte, um zu Verhindern, dass die durchgesessene Couch wie ein Schlitten die Treppe herunterraste und Lothar gleich mitriss.

Sven musste lachen, sprang mit zwei großen Sätzen die Treppe rauf und packte das Sofa. »Ihr intellektuellen Schriftsteller seid wirklich für nichts zu gebrauchen!«

Lothar schnaufte: »Warte die Kurzgeschichte ab, die ich darüber schreibe!«

Anna wuselte mit Steffi im Schlepptau durch den Flur und rief streng: »Sven Viggo Hedlund, ich hab das gehört!«

Sven lachte satt. »Weil ich dich kenne, weiß ich das ja!«

Anna wartete, bis die Männer mit dem Sofa die steile Treppe fast geschafft hatten, dann gab sie Sven einen Klaps auf den Hintern und zog ihm die Autoschlüssel aus der Tasche. »Die Profis kümmern sich dann mal um den Aufbau!«

Sven grinste. »Annika, ick liebe dir!«

Während Anna und Steffi durch die scheppernde Metalltür in die Scheune verschwanden, kam Eugen in den Flur. »Oh, Gott, passt das alte Ding denn überhaupt durch die schmale Tür? Ich fürchte, wir müssen außen ums Haus!«

Keno stellte das Sofa auf der ewig klappernden losen Fliese im Flur ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann brüllte er den Frauen nach: »Mädels? Scheunentor!«

Man hörte wieder Lachen und von Steffi ein dumpfes: »Okay!«

Sven richtete sich stöhnend auf und musterte kritisch den Windfang im vorderen Flur. »Alter, das Teil müssen wir zehnmal kanten, bis wir da durch sind!«

Lothar drückte kichernd Svens Oberarm. »Für eine Kante wie dich dürfte das doch kein Problem sein!«

Sven lachte nur, dann gab er Keno mit einem Kopfnicken ein Zeichen und es ging weiter. Eugen nagte sich nervös am Finger, dann folgte er den Frauen in die Scheune, vielleicht konnte er sich hier nützlich machen.

Sven hatte den riesigen schwarzen Van schon durch das vordere Tor in die Scheune gefahren und Anna kletterte zeternd auf der Ladefläche herum. »Sven Viggo Hedlund, von dem Dosenpfand, der hier rumfliegt, könnte man Hunger leidenden Künstlern das Grundeinkommen finanzieren, Mann!«

Steffi prustete. »Sven kann dich doch gar nicht hören!«

Anna stieß einen übertriebenen Wutschrei aus. »Und ob der mich hören kann! Der weiß genau, was ich sage! Selbst, wenn der am Nordpol wäre, wüsste der, was ich sage! Der Pizzarest hier, was hat der damit vor, will der das Teil einem archäologischen Museum stiften? Das Ding können die als spektakulären Fund in Haithabu ausstellen! Versteinerte Wikinger-Pizza! Hier, hör mal, der Käse, pock, pock!«

Anna schlug mit dem steinharten Stück Pizza gegen die Innenseite des Vans und Steffi hielt sich den Bauch vor Lachen. Eugen grinste verlegen. »Na ja, Sven ist eben Musiker, keine Putzfrau!«

Anna reichte Steffi eine raschelnde Mülltüte an und grunzte: »Dafür bin ich ja da!«

Steffi stellte die volle Mülltüte vorsichtig an der Wand ab und linste neugierig in den Van. »Und wer ist jetzt Frau Fender?«

Anna verkündete: »Frau Fender ist Svens Angetraute. Der konservative Sack ist so vintage, der ist tatsächlich mit einer Stratocaster verheiratet, mit original Bierbauchfräsung!«

Steffi prustete wieder. »Sven hat doch gar keinen Bierbauch!«

Anna klang, als würde sie ein Geheimnis verraten. »Kann ja noch kommen! Frau Fender ist eben auf alles vorbereitet! Ursprünglich war die Bierbauchfräsung bei der Fender als Rippenbogenaussparung geplant, als echte Kerle die Hupe noch quer vor der Brust trugen wie Duane Eddy oder Dick Dale! Dick Dale ist seiner Fender jetzt schon fünfzig Jahre lang treu, überleg mal! Ey, wenn Sven und Frau Fender den Goldenen feiern, mach ich nicht die Salate, so viel steht fest! Ich rechne da locker mit tausend Gästen! Aber von der Spielhaltung her ist Sven viel näher an Slash und Nuno! Sven ist eben einer von denen mit extrem tiefer Spielhaltung, das machen die langen Gorillaarme! Ugg-ugg!«

Steffi und Eugen lachten wieder los. Eugen schüttelte übertrieben streng den Kopf. »Ihr seid wirklich wie ein altes Ehepaar!«

Steffi hakte sich bei ihm unter und seufzte: »Das hab ich auch schon gedacht! Muss Liebe schön sein!«

Anna steckte wieder den Kopf aus dem Van. »Hab ich peinliches Namedropping gemacht? Ich wollte euch nicht mit dem Gejammer einer Gitarristenfrau langweilen!«

Eugen strahlte auf. »Ich finde es auf jeden Fall sehr schön, dass dein Freund uns endlich mal besucht! Keno ist hin und weg, weil noch ein Musiker im Haus ist!«

Steffi klatschte aufgeregt in die Hände wie ein Kind. »Ich bin so heiß auf das Gitarrenduell!«

Anna sprang aus dem Van und flüsterte Steffi zu: »Keno hat keine Chance!«

Eugen schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Hoffentlich ruft niemand die Polizei!«

Anna wuchtete einen Verstärker aus dem Van. »Bildet eine Gasse!«

Steffi und Eugen sprangen erschrocken zur Seite. Steffi rief verdattert: »Das Ding ist doch viel zu schwer!«

Anna grinste nur und segelte los in die Mitte der Scheune. »Steffi, wenn du ein Hedlund-Girl werden willst, musst du lernen, als Roadie zu arbeiten! Kannst du die Kabeltrommel mitbringen?«

Eugen angelte galant die Kabeltrommel aus dem Van. »Ich mach das schon!«

Offenbar wollte Eugen auch ein Hedlund-Girl werden. Steffi quengelte: »Was trage ich denn dann?«

Von außen wurde gegen das Scheunentor gehämmert. Eugen grinste. »Du kümmerst dich darum, dass die Männer mit dem Sofa in die Scheune kommen!«

Steffi quetschte sich am Van vorbei und murmelte: »Oh, nee, hier kommen die doch gar nicht durch! Ich hab doch extra hinten aufgemacht!«

Sie legte die Hände wie einen Trichter an den Mund und rief dem geschlossenen Tor zu: »Ihr müsste hinten rum!«

Anna tauchte wieder auf und kicherte übermütig. Durch das zugige alte Holztor hörte man Keno dramatisch stöhnen, dann hoben die Männer das Sofa ächzend wieder an. Für einen Moment verdunkelte sich die Scheune, weil sie an der Außenseite des Hauses mit dem Sofa an den tiefliegenden, kleinen Fenstern vorbeiwankten. Anna wedelte mit der Hand. »Steffi, gib mir mal die Djembe raus!«

Steffi zog sich ächzend hoch und stieg in den Van, dann fragte sie: »Was ist eine … wie heißt das?«

Anna musste lachen und kam ihr hinterher. »Ich mein das Ding, mit dem Lothar bestimmt tierisch gern Krach machen möchte!«

Steffi kicherte, warf einen prüfenden Blick vor die Tür und zupfte Anna dann an der Jacke. »Der ist so süß!«

Anna sah sie verwundert an. »Wer, Sven? Echt jetzt?«

Steffi ging quietschend in die Knie. »Willst du mich verarschen? Natürlich Sven!«

Anna zerzauste sich verwirrt die Haare. »Ich weiß das immer nie so, ich kenn ihn einfach zu gut! Aber da, wo der herkommt, gibt es noch viel mehr!«

Steffi stöhnte gequält. »Wie viele sind das?«

Anna sah sich um, dann flüsterte sie geheimnisvoll: »Sieben! Eigentlich acht, aber der Achte ist ein Mädchen, das sieht man nur nicht auf den ersten Blick! Die sehen alle gleich aus!«

Steffi prustete. »Ist Svens Schwester auch verwegen und unrasiert?«

Anna grinste. »Nur zu besonderen Anlässen! Du musst Lotta unbedingt mal kennenlernen!«

Steffi seufzte tief. »Wie hältst du das aus, solche Männer zu kennen?«

Anna strahlte auf. »Ich hab ja gar keine andere Wahl! Willst du die Talking Drum ausprobieren?«

Steffi nickte wild. »Ich probiere alles aus! Und ich bin so froh, dass du endlich mal wieder lachst!«

Anna griff sich stöhnend in den Rücken. »Fang jetzt nicht von John an, sonst heul ich wieder los!«

Steffi schüttelte wild den Kopf. »Bloß nicht! Sven ist doch extra hier, um dich aufzuheitern!«

Eugen tauchte wieder am Van auf. »Das Sofa steht an seinem neuen Platz, sieht toll aus! Ihr solltet ab jetzt eure Videos in der Scheune drehen!«

Steffi hob mahnend den Zeigefinger. »Unsere Videos, Eugen, du bist fester Bestandteil des Teams, wann akzeptierst du das endlich? Du bist jetzt auch Künstler!«

Lothar stolperte wie bestellt mit der Kamera heran. »Wo wird der Kameramann gebraucht?«

Steffi und Anna prusteten los. Lothar trug die weiße Langhaarperücke, mit der Anna sich für ein Video als »Mutter der Drachen« verkleidet hatte. Anna sprang wieder aus dem Van und rückte Lothar die Perücke gerade. »Geil, Alter! Wenn wir die Verstärker angeschlossen haben, können wir mit dem Heavy Metal Contest beginnen!«

Lothar grinste stolz und hob die Hand, um Teufelshörner zu zeigen. »Fucking fuck, ich bin bereit!«

Um die Ecke jaulte eine E-Gitarre auf. Lothar zuckte zusammen, dann sprang er los, um nichts von dem Spektakel zu verpassen.

Steffi rempelte Anna liebevoll an und grinste. »Weißt du, was ich mich gerade frage?«

Anna schüttelte den Kopf. Steffi seufzte tief. »Ich frage mich: Wenn ich gewusst hätte, wie das Leben sein kann, wäre ich dann so lange eine unglückliche Ehefrau geblieben?«

»Wieso, wie ist das Leben denn jetzt?«

Steffi strahlte. »Ich weiß auch nicht, aber mit euch ist es so bunt und lebendig und echt! Wenn man morgens aufsteht, weiß man nie, was der Tag bringen wird! Das fühlt sich mächtig gut an!«

Anna blinzelte langsam. »Du willst mir sagen, dass ich gar nicht weiß, wie gut ich es habe.«

Steffi stutzte. »Nee? Das war eigentlich gar nicht meine Absicht!«

Anna lächelte melancholisch. »Macht nichts. Du hast trotzdem recht.«

Die Gitarre heulte wieder auf und Steffi griff Anna am Ärmel, um sie ins Gewimmel zu ziehen.

Und was ist deine Meinung?