BS1, Kapitel 33: Cornflakes für die Maus

Wie viel Kultur passt eigentlich in einen Beutel?

Sookie says: Sorry, dass es diesmal wieder etwas länger gedauert hat, aber ich hatte einen kleinen Standortwechsel und bin in einen ausgebauten Eisenbahnwaggon im Norden gezogen, sehr muckelig. 😀 Die kleine Pause war aber auch dringend notwendig, weil ich ausgerechnet im letzten Kapitel bei der Überarbeitung hängengeblieben bin und den Fokus irgendwie klarer haben wollte, nur wie? +grübel+ Jetzt ist das Kapitel jedenfalls zweigeteilt, womit das letzte Kapitel von Beziehungsstatus 1 zum vorletzten wird, also wundert euch nicht, wenn das Ende voraussichtlich mit ein bisschen Verspätung eintrifft!

John versuchte, mit einer Hand Hemden in den Seesack zu stopfen und lauschte auf das Freizeichen im Handy. Er warf fahrig einen Blick in den dunklen Garten, dann hörte er das Knacken in der Leitung und holte tief Luft. »Rafael, hör zu! Mit dem Tee morgen, das wird nichts, ich muss …«

Rafael klang schläfrig, fiel ihm aber trotzdem ins Wort. »Aber ich hab schon gebacken!«

John seufzte tief. Rafael gähnte. »Vegane Haferplätzchen!«

»Ich muss nach New York.«

Plötzlich klang Rafael wach. »Ist was passiert?«

John angelte nach ein paar frischen Socken und fluchte leise, weil der Seesack wieder in sich zusammenfiel und er die Öffnung nicht mehr fand. »Ich dreh durch! Ich hab Anna gesagt, dass ich nicht verheiratet bin! Ich muss ganz dringend endlich Sonja loswerden!«

Rafael hüstelte. »Moment mal, du hast Anna angelogen und jetzt willst du die Lüge ungeschehen machen, indem du sie rückwirkend in eine Wahrheit verwandelst?«

John zerrte wütend am Seesack und nickte so wild, dass er fast das Handy verlor. »Genau!«

Rafael stöhnte leise. »John, das funktioniert so nicht! Du kannst nicht an der Realität herumschrauben, wie es dir gerade passt! Wieso sagst du Anna nicht einfach, wie es ist? Du bist verheiratet, aber ihr habt seit Jahren keinen Kontakt mehr, das ist doch nichts Schlimmes!«

»In meiner Welt«, fügte John hilfsbereit hinzu.

»Genau, in deiner Welt.«

John fauchte wie ein in die Ecke gedrängter Kater. »Sie knabbert gerade noch dran, dass ich ihr die Lüge mit Tina gestanden habe, ich kann da jetzt unmöglich auch noch Sonja obendrauf setzen!«

»Welche Lüge mit Tina? Wer ist Tina?«

John rannte ins Bad, um seinen Kulturbeutel zu packen. »Findest du es nicht auch seltsam, dass wir in einem Land leben, das einen sponge bag als Kulturbeutel bezeichnet? Wir brüsten uns damit, das Land der Dichter und Denker zu sein, aber halten eine Zahnbürste und eine Seife für eine kulturelle Errungen …«

Rafael polterte los. »John, jetzt bleib einmal bei der Sache!«

John stand sofort stramm und bellte: »Kapierst du es nicht? Ich muss diese Ehe ungeschehen machen! Ich kann kein neues Leben anfangen, wenn meine Vergangenheit eine Trümmerwüste ist, die mir jederzeit um die Ohren fliegen kann!«

Rafael stöhnte. »Und dafür klingelst du mich mitten in der Nacht aus dem Bett?«

John grunzte abfällig. »Ich hatte vergessen, dass der Herr Pfarrer um zehn ins Bett muss.«

Rafael knickte ein. »Okay, wir haben also eine ernsthafte Krise.«

John sprang in drei großen Sätzen durch den Bauwagen und stopfte den Kulturbeutel in seinen Seesack, dann dreht er sich um sich selbst und fuhr sich verzweifelt durch die Haare. »Mir war nie wirklich klar, was für eine verlogene Arschkrampe ich bin!«

»Arschkrampe

»Rafael, jetzt hör mir doch mal zu! Ich hab ja nicht gewusst, dass es auch anders geht! Ich wusste nicht, dass man auch die Wahrheit sagen kann!«

Rafael hüstelte streng. »Man kann sich auch so benehmen, dass Lügen gar nicht nötig sind, weil man einfach niemanden hintergeht!«

John stöhnte gereizt. »Du vielleicht! Ich bin aber nun mal nicht für dein Leben als Mönch geschaffen! Und jetzt ist Anna da und ich hab zum ersten Mal im Leben das Gefühl, dass … ich hab keine Ahnung, wie ich dir das erklären soll! Was wäre, wenn ich eine Frau haben könnte, die ich liebe und die mich trotzdem nimmt, wie ich bin?«

»Äh, wenn ich diese ganze Sache richtig verstanden habe, müsstest du Anna dazu auch nehmen, wie sie ist.«

John stampfte so mit dem Fuß auf, dass der Bauwagen die Schwingung aufnahm und leise bebte. »Jetzt hör doch mal auf, an mir rumzumeckern! Ich versuche hier gerade, ein besserer Mensch zu werden!«

»Indem du ganz öffentlich deine Frauen betrügst.«

John fiel mit dem Hintern auf die Bettkante und sackte in sich zusammen. »Rafael, bitte! Können wir einmal reden wie Jungs? Nur ganz kurz! Ich hab sonst niemanden, mit dem ich darüber reden kann!«

»John, wir reden seit fünfzehn Jahren nicht mehr wie Jungs. Weil wir keine Jungs mehr sind

John platzte heraus: »Ich bin einer!«

Rafael seufzte ergeben. »Also gut. Lass es raus.«

John kniff sich in die Nasenwurzel und holte tief Luft, dann gestand er: »Ich hab Gefühle

Rafael gähnte. John stampfte wieder mit dem Fuß auf. »Jetzt hör mir doch mal zu! Ich weiß, das klingt alles furchtbar verworren, aber ich hab gerade das Gefühl, als hätte ich mein Leben lang ein moralisches Korsett getragen und mich selber gedeckelt, es fühlt sich an, als hätte ich mich selbst mein Leben lang gar nicht gekannt! Und jetzt ist Anna da und meine ganze Panzerung bröselt weg und da sind plötzlich Gefühle, von denen ich gar nicht weiß, wie ich dir die beschreiben soll! Verstehst du? Du denkst immer, wenn du dein Korsett ausziehst, kippt die Plautze vorne raus und mehr kann dir nicht passieren!«

Rafael wiederholte tonlos: »Die Plautze.«

John nickte wild. »Die Speckschwarte! Alles, was dein Korsett eben in Form hält. Aber es ist anders, es ist vollkommen anders! Ich fühle mich, als würde ich mich wie ein Schwarm Schmetterlinge vollkommen auflösen und dann neu zusammensetzen und ich hab diese Gefühle, die immer so …«

John blieb hängen und fand keine Worte mehr. Rafael hakte nach. »Gefühle?«

John legte die Hand ums Telefon und flüsterte: »Ich will sie anders anfassen als andere Frauen. Ich will sie hart anfassen, aber ganz sanft, verstehst du?«

»Das ist ja widerlich!«

John schnaufte erschöpft. »Ich wusste, dass du das sagen würdest. Ich hab das doch selbst immer gedacht! Männer, die Frauen hart anfassen, tragen Lederkäppis und Rotzbremsen und wollen eigentlich nur ihre Mutter ficken und sind total kranke Gestalten, die sich an Vergewaltigungsfantasien aufgeilen und die gehören alle verkloppt und sind einfach nur widerlich, aber es ist anders, es ist vollkommen anders! Bei Anna verliere ich Hemmungen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte! Ich bin so … frei!«

Rafael bekam diese kalte Stimme, bei der John immer damit rechnete, Buße tun und zehn Rosenkränze beten zu müssen. »Frei? Du willst eine Frau brutal behandeln und das nennst du frei

John sackte wieder in sich zusammen. »Du verstehst es nicht.«

»Ich bitte dich! Wie sollte ich so etwas verstehen?«

»Rafael, es ist nicht brutal! Es ist wild, es ist kraftvoll, sie triggert irgendwas in mir, was ganz tief verborgen ist! Neulich hat sie sich gegen mich gestemmt, sie hat sich gewehrt und mich total verunsichert, aber sie hat mich herausgefordert, sie wollte, dass ich sie halte, ganz fest halte, das war wie ein Kampf, aber es war so unglaublich emotional, total entfesselt und ich glaub, das war das intensivste Gefühl, das ich je hatte, sie zu halten, wenn sie sich gegen mich wehrt und gleichzeitig drum fleht, gehalten zu werden, das hat mich vollkommen rasend gemacht, aber rasend vor Liebe, ich hab mich so unglaublich stark und männlich gefühlt, als ich ihr das gegeben habe! Ich war nicht der sanfte irische Kuschelboy mit der Orgasmusgarantie, ich war ich! Und das macht mir Angst, tierische Angst, weil ich diesen Typen nicht kenne, weil ich nicht weiß, ob ich ihn kontrollieren kann, aber er ist in mir drin und er will jetzt raus und ich kann das nur mit ihr! Ich brauche Anna, um rauszufinden, was da los ist!«

Rafael hüstelte vorsichtig. »Für mich klingt das nicht, als würde diese Frau dir guttun.«

John schnaubte wütend. »Ich wusste, dass du es nicht verstehen würdest. Aber ich werde jetzt da rübergehen und Anna irgendwie sagen, dass ich sie liebe und dann stelle ich mich an die Straße, warte auf mein Taxi und fliege nach New York, um mein Ex-Leben aufzuräumen! Und ich werde mir eher auf die Zunge beißen, als schon wieder aus Eifersucht gemein zu werden und irgendwas Ätzendes gegen ihren dämlichen Sven zu sagen!«

»Dämlicher Sven ist ätzend!«

John knurrte. »Ich leg jetzt auf.«

»Melde dich, wenn du zurück bist.«

»Das sagst du immer.«

»Und du vergisst es immer!«

John legte auf, steckte das Handy ein und warf sich den Seesack über die Schulter. Also eine Abschiedsszene. Schon wieder so eine Sache, in der er keine Übung hatte. John tastete seine Taschen ab, sah sich noch einmal um und stieg aus dem Wagen. Lange würde er ja hoffentlich nicht wegbleiben. Und falls die Maus, die hinter der Wandverkleidung wohnte, sich um seine Cornflakesreste kümmern würde, würde er daran sicher nicht sterben.

Mit einem tiefen Seufzer stieg John aus dem Bauwagen und stapfte in der Dunkelheit vorsichtig aufs Haus zu. Im Elfenreich waren die Vorhänge längst zugezogen, aber John wusste, dass Anna um diese Zeit noch wach war.

Und was ist deine Meinung?