Disziplin beim Schreiben eines Buches

Besessenheit und Gelassenheit – das richtige Mindset zum Schreiben eines Buches

Was ist für mich das richtige Mindset, um ein Buch zu schreiben? Marie vom Schwellentroll hat zu einer Blogtour aufgerufen, deswegen haue ich euch jetzt gnadenlos um die Ohren, welche Einstellung man braucht, um ein Buch zu schreiben! 😀

Ihr Lieben! Eigentlich hab ich heute sieben andere Sachen auf dem Zettel, aber ihr kennt das. Zufällig bin ich auf die Blogtour vom Schwellentroll gestoßen und das Thema ist zu interessant, um den kleinen Umweg nicht zu machen! 😀 Um spontan zu bleiben, habe ich die anderen Beiträge noch gar nicht gelesen (das gönne ich mir dann zur Belohnung), aber ich bin sicher, dass da schon einige kluge Leute kluge Dinge gesagt haben, die allgemeingültig sind. Deswegen halte ich meinen Artikel jetzt einfach mal sehr persönlich und verschone euch mit all den guten Schreibtipps, die ihr auch woanders nachlesen könnt.

Ich bin zum Glück auch kein Coach, der euch zum Schreiben motivieren muss, damit ihr bei der Stange bleibt. Ich bewundere die Energie und die Geduld der Leute, die das tun und finde, dass sie sehr wichtige Arbeit leisten, aber ich persönlich ticke da anders. Um nicht zu sagen: Ich bin extreeeem. Extrem besessen. Und strenger als meine alte Lateinlehrerin. Deswegen ist meiner Meinung nach das einzig wahre Mindset zum Schreiben:

Wenn du nicht komplett besessen bist, lass es!

Die professionellen Autoren unter euch werden das kennen. Manchmal quatschen einen Leute an. „Och, ja, ein Buch wollte ich auch immer mal schreiben. Ich stell mir das ganz nett vor! Du schreibst eine nette Liebesgeschichte und kriegst auch noch Geld dafür!“

Solche Leute gucke ich immer nur glasig an, dann erinnere ich mich selbst daran, dass ich höflich lächeln sollte, lache aber dann kurz und hysterisch auf und gehe weg. Noch schlimmer sind die „Ich bin ja auch Schriftsteller. Ich hab schon drei Gedichte geschrieben und denke auch viel über den Tod nach“-Leute. Äh, ja. „Ja, sieht man ja auch an deinen Klamotten!“, sag ich dann und gehe weg.

Noch schlimmer sind aber die „Pah, Bücher schreiben, so was ist doch keine Arbeit, das kann ich auch!“-Menschen. Die haben natürlich in der Regel seit ihrem letzten Schulaufsatz nichts mehr geschrieben. Mit denen hab ich glücklicherweise nie was zu tun, weil ich so gut wie nie unter Menschen komme. Ich arbeite schließlich viel zu viel. An meinen Büchern.

Jedenfalls sind all diese Leute nicht besessen. Schreiben ist ein tolles Hobby, auf jeden Fall, und es ist toll, wenn viele Menschen für sich schreiben, um ihre Gedanken zu ordnen, um Freude zu haben. Schreiben kann ja auch sehr heilsam sein, man reflektiert vieles erst richtig, wenn man es in Worte fasst. Aber darum geht es hier ja nicht. Es geht um das Mindset, um ein Buch zu schreiben. Deshalb lasse ich euch jetzt an meiner „Liste der Besessenheit“ teilhaben!

Du bist besessen genug, um ein Buch zu schreiben …

  1.  … wenn du von deiner Idee so gefangen bist, als wärst du frisch verliebt. Du kannst nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, du kannst nur noch an diese eine Geschichte denken.
  2. … wenn du die Frage, was dein Partner, deine Freunde, deine Familie denken sollen, längst hinter dir gelassen hast. Du kannst keinen perfekten Mord planen, wenn du die Angst im Hinterkopf hast, dass die Nachbarn dich danach nicht mehr grüßen. Du kannst deiner Protagonistin keine sinnlichen Höhenflüge mit einem anderen schenken, wenn du denkst: „Oh, Gott, hoffentlich liest mein Mann das nicht!“. Bremsen im Kopf sind der Tod eines guten Textes.
  3. … wenn du so in deiner Geschichte gefangen bist, dass du deine eigenen Kinder mit den Namen deiner Romanfiguren anredest!
  4. … wenn du nachts um drei aufstehst und den Rechner startest, weil du einen gestochen scharfen Dialog im Kopf hast, den du sonst nie wieder so hinkriegst.
  5. … wenn du ständig das Gefühl hast, dass der Tag 72 Stunden haben müsste, damit du die ganzen Spin-offs und Fortsetzungen schreiben kannst, die längst in deinem Kopf sind, von denen deine Leser aber noch nichts ahnen.
  6. … wenn du über jede noch so kleine Nebenfigur Details im Kopf hast, die niemals in den Büchern ankommen werden.
  7.  … wenn du bereit bist, gnadenlos zu streichen, was dich vielleicht wochenlange Arbeit gekostet hat, aber für deine Story tust du alles.
  8. … wenn du auf die Frage „Und wieso sollte das irgendjemand lesen?“ nur schreist: „Halllloooo?“ Und dann klatscht du dir dramatisch vor die Stirn und haust den Leuten so einen genialen Elevator Pitch vor den Latz, dass die nur noch schuldbewusst murmeln: „Ach so!“

So. Das sind nur einige Punkte, an denen du merkst, dass du besessen genug bist, um es durchzuziehen. Wenn du dich jedes mal mit dem Gefühl ans Schreiben quälst, als müsstest du zu einer Geburtstagsfeier beim Chef oder bei Tante Inge und eigentlich lieber was ganz anderes machen würdest, dann ist Schreiben eben nicht die Passion, der du hoffnungslos verfallen bist und das ist auch völlig okay!

Die andere Seite des Mondes: Gelassenheit!

So, ich denke, was Besessenheit ist, haben wir jetzt ausreichend geklärt. Sie frisst dich auf. Sie ist auch gar nicht immer schön. Aber sie ist wild und ungezähmt und treibt dich an wie nichts anderes. Aber! Besessenheit macht noch kein gutes Buch. Denn dafür brauchst du Gelassenheit. Geduld. Ruhe. Denn jeder, jeder!, Text muss reifen.

Und Gelassenheit hat einen entscheidenden Vorteil, wenn es darum geht, Selbstsabotage zu verhindern. Selbstsabotage begeht man ja nie bewusst, weil man denkt: „Ah, so richtig verrissen oder – noch besser – vom Buchmarkt komplett ignoriert zu werden, wär mal wieder richtig geil!“

Selbstsabotage passiert einem ja eher „zufällig“. Man traut sich nicht, Dinge zu tun, weil man Angst hat, sich sichtbar zu machen und sich Kritik auszusetzen. Oder weil man denkt, dass man ja keinen Erfolg verdient hat, oder dass man etwas nicht kann, weil man es ja nicht „richtig“ gelernt hat (Schreiben kann man übrigens nicht „richtig“ lernen, man muss es machen, machen, machen).

Aber mit Gelassenheit Selbstzweifel zu überdenken, hilft enorm dabei, Selbstsabotage von Optimierungsbedarf zu unterscheiden. Und die Zeit solltest du dir auf jeden Fall gönnen, denn das ist die beste Prophylaxe gegen spätere Krisen und wappnet dich auch für den Umgang mit späterer Kritik. Vor allem hilft Gelassenheit dir zu verstehen, dass es immer Optimierungsbedarf gibt, immer! Es ist nicht dein persönliches Versagen, wenn du nicht in einem Rutsch ein druckreifes Buch schreibst. Man kann aus jedem, wirklich aus jedem Manuskript immer noch mehr rausholen. Bis man zu viel rausgeholt hat und wieder kürzen muss. 😀

Du bist gelassen genug, um ein Buch zu schreiben …

  1.  … wenn du völlig natürlich damit umgehen kannst, dass du nicht an jedem Tag fantastisch genial überirdisch inspiriert bist. Dann nutzt du die „normalen“ Tage eben auf andere Weise, um dein Buch voranzubringen. Korrektur, Überarbeitung, Kontakte pflegen, in Programme reinfuchsen, es gibt tausend Wege, produktiv an seinem Buch zu arbeiten.
  2. … wenn du deine Schreibzeit so selbstverständlich nimmst, dass keiner mehr auf die Idee kommt, dir zu widersprechen, weil er deine Arbeit nicht ernst nimmt. Wenn du an dein Buch glaubst, strahlst du das auch ganz entspannt aus.
  3. … wenn du jede Kritik als wertvoll empfindest, ohne sie persönlich zu nehmen. Selbst, wenn sie persönlich gemeint ist, sagt sie mehr über den Kritiker aus als über deine Arbeit. Aber konstruktive Kritik kannst du nur von unsachlichem Gemecker unterscheiden, wenn du entspannt bleibst.
  4. … wenn du deinen Frieden damit gemacht hast, dass alles dreimal so lange dauert, wie du es geplant hattest. Qualität braucht einfach Zeit.
  5. … wenn es dich nicht demotiviert, dass zwischen der ersten Rohfassung und dem endgültigen Manuskript zahllose Überarbeitungen liegen.
  6.  … wenn du ganz entspannt auf dem Schirm hast, dass du niemals Everybody’s Darling sein kannst. Du schreibst schließlich nicht für alle, sondern für die Leser, die dein Thema wirklich interessiert.

Gelassenheit und Besessenheit sind also beim Schreiben wie Ebbe und Flut. Das eine funktioniert ohne das andere irgendwie nicht so richtig. Zusammen sind sie die Gezeiten, die dein Mindmap ausmachen.

Und was hat das jetzt mit dem Biber zu tun?

Schreiben ist Arbeit, Arbeit, Arbeit. Wenn du diese Arbeit nicht liebst, lass es. Aber bei aller Liebe bleibt es Arbeit. Schreiben erfordert knallharte Selbstdisziplin, gnadenlose Selbstkritik, endlose Ausdauer und völlige Konzentration. Das alles kann man mit dem völlig unmodernen Wort „Fleiß“ zusammenfassen. Und wer fällt uns dazu ein? Simone de Beauvoir hatte den Spitznamen „Castor“. Nein, das hat nichts mit Castortransporten zu tun, sondern mit Bibern.

Castor ist das französische Wort für Biber und Simone war eben „der fleißige Biber“. Spätestens, wenn du mal versuchst, einen Baum mit den Zähnen zu fällen, verstehst du, auf was ich hinaus will. Und spätestens, wenn du mal „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir in die Hand nimmst, verstehst du, wie verdient dieser Spitzname war.

Um so ein umfassendes, zeitloses Standardwerk zu erschaffen, braucht man Besessenheit und Gelassenheit. Biss und Geduld. Disziplin, so unsexy sich das anhört. Aber wenn du das für dich klar hast, stellt sich die Frage, wie du mal ein Buch fertigschreiben könntest, gar nicht mehr.

Dann ist das Schreiben ganzer Romane so ähnlich wie schwanger zu sein. Da hörst du auch nicht mittendrin auf, weil das gerade anstrengend ist oder andere Sachen wichtiger sind. Dann ziehst du das durch, bis du dein Buch zur Welt gebracht hast. Also: Sei ein Biber oder such dir ein anderes schönes Hobby! 😀

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