Die Idee

Wie kommt man auf die Idee, Romane über Polyamorie zu schreiben?

Ich selbst bin ein großer Fan von Liebesromanen, als junge Frau habe ich die Dinger sogar verschlungen. Ein starker Mann mit Humor, eine unerfahrene junge Frau, die sich dumm anstellt, aber natürlich ist sie seine Heilige, und am Ende macht er „eine anständige Frau“ aus ihr, und das Buch endet, bevor die Leidenschaft der beiden abflaut und sie sich für den Rest ihres Lebens zu Tode langweilen. Hach, was kann es Schöneres geben! Das wahre Leben lehrte mich dann irgendwie, dass es immer anders kommt! Und andere Zeiten erfordern andere Romane!

Die Liebe hat schon viel erlebt, seit es die Menschheit gibt, ohne geht es aber auch nicht, denn wer macht sich die Mühe, Blümchen zu pflücken, den Bauch einzuziehen und immer nett zu lächeln, wenn er nicht verliebt ist. Ohne Liebe wären wir aber wohl schon ausgestorben. Was aber Liebe genau ist, haben wir über die vielen Jahre immer wieder neu definiert. Und es gibt auch so viele Arten davon! Es gibt die freundschaftliche Liebe, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, die partnerschaftliche und die erotische Liebe, selbst seinen Hund oder seine Katze kann man lieben (da sogar meistens selbstlos und eifersuchtsfrei!)

Was wir der Liebe aber seit der Epoche der bürgerlichen Romantik abverlangen, ist einfach zu viel. Die Romantk erlebte ihre Blütezeit im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und war eigentlich eine gute Sache. Die Romantiker wollten der konsumgeilen, aufstrebenden Industrialisierung und dem Boom der sachlichen Naturwissenschaften etwas entgegen setzen – nämlich verträumte Schwärmerei für die schönen Dinge des Lebens, die auch interessanterweise nichts kosten.

Das Wort „Romantik“ ist übrigens mit dem Wort „Roman“ eng verknüpft – es bezieht sich auf den Roman als abenteuerliche, fantastische und vor allem erfundene Geschichte. Und genau da liegt der Haken bei der Sache. Der erfundene Mythos von der ewigen romantischen, aber gleichzeitig auch prickelnd erotischen Liebe, ist im wahren Leben einfach nicht zu schaffen. Es liegt einfach nicht in unserer Natur, dass wir für immer so verliebt bleiben, wie am ersten Tag! Unsere gesamte Kultur und Gesellschaft, sogar unsere Wirtschaft ist aber jetzt seit langer Zeit darauf ausgerichtet, den Mythos am Leben zu halten. Die Scheidungsstatistiken sagen allerdings etwas ganz anderes.

Die Liebe als schwerkranker Patient

Schon zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts hat Sigmund Freud erkannt, dass wir uns da mit der Idee, freundschaftliche, partnerschaftliche und erotische Liebe in einer einzigen lebenslangen Ehe unterzubringen, ein verdammt großes Projekt vorgenommen haben. Er bezeichnete daher seine Verlobte Martha Bernays als „keine schlechte Lösung des Eheproblems“. Wenn man nicht in der Materie drin steckt, fragt man sich: „Wie war der denn drauf?“ Wenn man sich mit Freuds Epoche und seinen Ideen befasst, stellt man aber fest, dass diese Bezeichnung aus seinem Munde ein großes Kompliment war.

Sigmund Freud hat tatsächlich als einer der ersten die Probleme benannt und versucht, Lösungswege aufzuzeigen. Nicht, um uns allen ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn wir es nicht schaffen „gesund“ zu sein, sondern, um ein bisschen den Druck rauszunehmen. Da Vater Freud aber eben ein Kind seiner Epoche war und aus sehr engen, bürgerlichen Strukturen mit ganz klaren Regeln kam, hat er damit leider neuen Druck geschaffen. Glücklicherweise wurde er dann von „abgefallenen Jüngern“ überholt, wie Wilhelm Reich oder Otto Gross, von denen jeder auf seine Art für mehr Freiheit in Lust und Liebe gekämpft hat. Viele der Vorkämpfer für „freie“ oder zumindest freiere Liebe stocherten selbst ohne Vorbilder im Nebel und vieles, was sie schrieben, kommt uns heute sehr skurril, konservativ oder aberwitzig vor. Tatsache ist aber: Sie haben es wenigstens versucht!

Beziehungen sind wie Schlaghosen – mal in, mal out

In den letzten hundert Jahren hat die Liebe aber nicht nur aus psychologischer oder kultureller Sicht viel erlebt. Zwei Weltkriege sind besonders an jungen Menschen nicht spurlos vorüber gegangen, sodass viele zwischen wildem Lebenshunger und dem Bedürfnis nach Sicherheit schwankten. Die sexuelle Revolution und die Erfindung der Pille brachten neue Freiheiten, dann zwang AIDS uns wieder zum Umdenken. Aus Amerika schwappte dann der Trend der neuen Enthaltsamkeit zu uns herüber (reaktionärer geht es kaum!) und gleichzeitig erlebe ich, dass dreizehnjährige KINDER im Netz Bilder von ihrer letzten Nummer in einer Umkleidekabine posten, was mich echt hachhaltig verstört.

Fakt ist: Die Schere zwischen „richtig“ und „falsch“, zwischen „gut“ und „schlecht“ in unserem Lebenstil geht immer weiter auseinander. Und wer sollte auch der Guru sein, der heute noch sagt, wie es funktionieren soll? Hört noch irgendjemand auf den Papst? Ich hoffe nicht! Die größten Meinungsmacher sind wohl heute die Medien und das Internet, aber da gibt es auch (zum Glück!), tausend verschiedene Strömungen und jede Strömung verfolgt ihre eigenen Interessen. Aber wo bleiben wir ganz normalen Menschen damit? Selbst, wenn man sich mal einfach nur zurücklehnen und es so machen will, wie alle anderen, steht man vor der Frage: Welche anderen? Die Hipster, die Protestanten, die Mormonen, die Youtuber, die Katzen in der Nachbarschaft? An was soll man sich denn eigentlich noch orientieren?

Kann mir mal jemand den Wegweiser für meine Beziehung bringen? Bitte?

Orientiert man sich an dem seit fünfzig Jahren verheirateten Paar von gegenüber, kommt man sich als serieller Monogamist vor wie die Dorfmatratze oder der ewig unreife Casanova. Orientiert man sich an den Umkleidekabinen-Sex-Postern im Internet denkt man: „Mein Gott, bin ich prüde und unsexy!“. Wie man es macht, man macht es verkehrt. Aber soll ich euch was sagen? Es ist okay! Orientierungslosigkeit fühlt sich zuerst natürlich irgendwie unangenehm an, aber denkt doch mal an das Potenzial! Wir leben verdammt noch mal in der fucking Kompostmoderne, wir können alles tun!

Und genau davon handeln meine Romane. Von einer Gruppe von „ganz normalen Menschen“ (der Ausdruck ist für mich fast so ein schönes Oxymoron wie das „herrenlose Damenfahrrad“ oder „Microsoft Works“), die feststellen, dass es „ganz normal“ einfach nicht mehr gibt und ihre Wege suchen in einer Welt, für die wir keine Straßenkarte mehr haben. Polyamorie, Treue, offene Beziehungen, Freundschaft, Wahlfamilien, Leben ohne Sex, Zweckgemeinschaften und Arbeitsehen – wir haben heute so viele Möglichkeiten, unser maßgeschneidertes Leben zu basteln, dass mir persönlich die übliche Unterhaltungsliteratur zum Thema „Boy meets girl“ einfach nicht mehr reicht. Nicht mehr als Leserin, und schon gar nicht als Autorin.

Meine Regeln für offene Beziehungen: Entspannen, Tee trinken, über sich selbst lachen

Und deswegen schreibe ich über das, was ich als das „wahre Leben“ empfinde. Über Menschen, die es satt haben, sich selbst in Schubladen zu stecken. Und weil Romane für meinen Geschmack einfach Spaß machen müssen, kreiere ich immer am liebsten Figuren, die genau so menschlich, unsicher und verpeilt sind, wie wir alle – damit meine Leser sich beim Lachen selbst wiedererkennen und das ganze einfach nicht mehr so schwer nehmen! Denn wenn wir ganz ehrlich sind: Liebe kann verdammt weh tun, aber vor allem macht sie eins – nämlich tierischen Spaß!

Und was ich, wie viele andere Menschen auch, bei mir selbst lange als Schwäche gesehen habe – nämlich die Unfähigkeit, in einer monogamen Zweierbeziehung für immer glücklich zu sein – wird jetzt beim Schreiben zu meiner größten Stärke. Denn ich weiß, wie weh es tun kann, dem Partner Freiheiten zu lassen, aber auch, wie befreiend das für einen selbst sein kann. Ich weiß auch, wie gut es tun kann, selbst Freiheiten zu haben, und wie schlecht man sich dabei trotzdem fühlt, auch wenn der Partner es ausdrücklich erlaubt. Ich weiß auch, wie es ist, ohne Netz und doppelten Boden, vor allem ohne festen Partner, einfach mehrere Menschen zu lieben, ohne eine Beziehung zu wollen.

Und ich weiß, wie witzig das Leben sein kann, wenn man nicht nach der Norm lebt – ich hab es zum Beispiel aufgegeben, den Nachbarn zu erklären, dass ich gar nicht lesbisch bin, wenn ich eine gleichgeschlechtliche Mitbewohnerin habe. Sie freuen sich doch so, wenn sie ihre Liberalität demonstrieren können, und mir ist es gleich, was sie denken, sie glauben mir ja sowieso nicht. Vor allem weiß ich eins: Ohne die Bereitschaft, sich jederzeit kochend heißen Tee auf den Latz zu schütten, weil man so lachen muss, dass einem die Tasse wegfliegt, braucht man in diesem Leben gar nicht anzutreten. Und genau das wünsche ich euch – dass ihr beim Lesen meiner Romane hemmungslos über das Leben, die Liebe und vielleicht auch über euch selbst lachen könnt.