Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Ui, autsch, klatsch! Habt ihr schon mal Rezensionen rezensiert? Nö? Ich auch nicht. Aber heute begeben wir uns mal auf diese Meta-Ebene und machen das einfach mal. Mir ist da nämlich eine fürchterlich komplexe Sache passiert, über die ich reden muss! 😀 Um ehrlich zu sein, das Ding hat mich so eiskalt erwischt, dass ich schon wieder emotionaaal war!

Ich hab dann auch noch mal im Polyamorie-Magazin nachgelesen, was da über mich steht und irgendwie hat mich das beruhigt. Wenn DAS Fachorgan der Polyamorie-Szene schon darüber berichtet, dass die Poly-Autorin Sookie Hell immer so herrlich emotional ist, dann darf ich das wohl. 😀

Aber, Mann! Diese Rezi hat mich echt so eiskalt erwischt, dass ich im ersten Moment neben mir gestanden habe wie früher die Hausfrauen in der Waschmittelwerbung, wenn sie sich gefragt haben, was sie denn bloß falsch gemacht haben. Und es geht, ja, meine Leser lachen jetzt, um wen sonst, natürlich um John. Aber fangen wir vorne an. Ich zeig euch erst mal die Rezension, über die ich jetzt seit Tagen nachgrüble.

Mein John und sein gnadenloser Verriss – vom Umgang mit Rezensionen

Äh, wenn ihr da eben draufklickt, wird das Bild groß und lesbarer!

Bämm! So. Das ist natürlich immer ganz kniffelig, auf sowas zu reagieren, ohne einfach als beleidigte Leberwurst dazustehen, aber ich traue uns allen zu, dass wir da differenzieren können! 😀 Meine Kolleginnen werden jetzt sofort wissen, wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich das gelesen hatte. Ich war so verwirrt, ich hab den Papierkorb ausgekippt, auf meinen Kopf gestülpt und dann hab ich mich summend hin und her geschaukelt, bis ich mich halbwegs beruhigt hatte. Ihr kennt das, oder? Sagt mir bitte, dass ihr das kennt. Man fühlt sich wie eine Löwin, der ein Junges zerfleischt wird. Das ist übrigens der Grund, wieso ich nie Bücher meiner Kolleginnen rezensiere. Weil man nie wissen kann, wie viel Arbeit und Herzblut hinter so einer Figur stecken und wann man eine Löwin direkt ins Herz trifft.

Ja, gut, ob man jetzt Harry Potter einen Stern abzieht, weil man das Buch toll, aber Voldemort unsympathisch fand, ist eine Stilfrage, die jeder mit sich ausmachen muss, das ist klar. Und mein Umgang mit Kritik ist in der Regel meine Stärke. Ich schreibe schon seit so vielen Jahren für Geld, wenn ich mich jedes mal, wenn ein Auftraggeber was zu meckern hat, heulend aufs Bett werfen würde, hätte ich längst eine dieser lustigen Jacken an, bei denen man die Ärmel auf dem Rücken verknoten kann. Um es mit Lichtenberg zu sagen: »Das ist die Wetterseite meiner moralischen Konstitution«.

Trotzdem war ich so nachhaltig verstört, dass ich mir echt Gedanken machen musste. Und normalerweise sind kritische Rezensionen für mich auch kein Grund zum Heulen, sondern eine wichtige Motivation, um zu überarbeiten. So, wie bei der Rezension, in der es den Punktabzug gab, weil die Leserin fand, dass in Band 2 der Tango zu viel Raum in Anspruch nimmt, der den Nebencharakteren gutgetan hätte, das war sehr hilfreich und ich hatte das bei der Überarbeitung zur zweiten Auflage die ganze Zeit im Hinterkopf. Aber das jetzt … Hallo? John ist ein Held!

Boar, ist das wieder kompliziert …

… aber wir sind ja hier bei Sookie, da ist das eben so. Ich frag mich natürlich selbst, ob nicht ich die Drama-Queen bin, dass ich über eine Rezension so lange nachdenken muss, dass ich sogar extra einen Artikel darüber schreibe, aber: Nö.

Und dann sind die Beziehungsstatus-Romane ja auch noch eine Komödie, das muss man doch alles gar nicht so ernst nehmen. Aber sie sind eben eine Komödie im klassischen Sinne. Ich bin nie so ernst, wie wenn ich lustig bin. Denn der Sinn einer Komödie ist es, ernste Inhalte so zu überspitzen, dass die Menschen angstfrei darüber lachen können und sich lösen, und wenn sie entspannt sind, fühlen sie sich wohl und können auch über kompliziertere Sachen mal nachdenken. Um den Che an seinen strubbeligen Haaren herbeizuziehen: »Wer herzhaft lacht, hat mich nicht richtig verstanden!«

Höhö, der Che und ich, alte Liebe rostet eben nicht. Aber der Punkt ist: Als ich meine gekränkte Eitelkeit und das Kämpferherz der angegriffenen Löwin mit genügend Schokolade besänftigt hatte, kam ich an den Kern der Sache. Der Punkt ist also: Man kann ja noch so ein alter Hase im tippenden Geschäft sein, aber bei den Herzblutbüchern kommt ja jede Figur aus einem selbst. Ja, ihr Lieben, selbst eine gewisse Portion Sonja steckt in mir, sonst hätte ich sie nicht schreiben können. Jetzt hat mich zwar keiner mehr lieb, aber da muss ich jetzt durch. Aber Fakt ist: Dieser Angriff gegen John und Anna hat mich tatsächlich richtig verletzt, weil ich an beiden Punkten in meinem Leben schon war und weiß, wie schwierig das ist.

Lebenserfahrung braucht eben ihre Zeit

Ich war schon der ängstliche Klammermensch, der irgendwie damit klarkommen musste, einen Menschen zu lieben, den er nicht für sich haben kann, und ich war auch schon die abgeklärtere Hälfte, die versucht hat, ihren Partnern die Verlustangst zu nehmen, trotz ihrer anderen Beziehung. Irgendwann hab ich mich zu einem Sven entwickelt, der seine Gelassenheit aus dem Wissen zieht, dass man sowieso nichts festhalten kann. Ja, jetzt wisst ihr’s, in echt bin ich ein zwei Meter großer, tätowierter Wikinger. Also, äh, mental. Wir reden hier nicht über meine Bauchmuskeln! *flöööt*

Nein, es geht um die Gefühlslage, und deswegen verletzt mich dieser Verriss so. Das tut mir nämlich so weh, weil ich bestimmt Leser habe, die mit John mitfühlen, mit Anna oder mit beiden, weil ihr auch irgendwo dazwischen hängt, zwischen Eifersucht und Freiheit, wie das jeder Mensch tut, monogam oder nicht. Und ich will für die LeserInnen, die sich mit John identifizieren und mit ihm mitfiebern und die seine Zerrissenheit selbst schon gespürt haben, auf keinen Fall unkommentiert stehenlassen, dass er eine Dramaqueen ist, die nicht über den Tellerrand sieht. Denn wenn er nicht über den Tellerrand sehen würde, hätte er diese ganzen inneren Kämpfe doch gar nicht!

Schildwall: Reden wir also über John!

Gut, John ist ein extrem verpeilter Chaot und man kann jetzt echt nicht sagen, dass er sich immer im Griff hat, aber er ist – wir erinnern uns – der Held einer ernsten Komödie. Und in meinen Augen ist er eine extrem starke Figur. Wie viele hochintelligente Menschen mit einer herausragenden Inselbegabung hat er an anderen Stellen einfach Defizite, isso. Er ist eben nicht der perfekte Mister Billionaire, sondern ein Held mit Schwächen.

Aber dieser Mann fängt gerade an, die Hollywoodgehirnwäsche, die er sein Leben lang erhalten hat, über den Haufen zu werfen. John hat gelernt, was wir alle gelernt haben. Liebe ist immer exklusiv, sonst ist sie eben keine. Logischerweise sagt sein Kopf, dass Annas Gefühl für ihn also unmöglich Liebe sein kann, sonst wäre sie ja treu. Und ein Mann beweist seine Liebe durch seine Eifersucht. Territorialverhalten und besitzergreifendes Denken sind die Grundsteine des Patriarchats, jeder Mann, der das infrage stellt, ist ein Held, egal, wie »suboptimal« er sich dabei anstellt und sich auch manchmal gnadenlos zum Trottel macht.

Wer keine Angst hat, braucht auch keinen Mut, oder?

An der Stelle muss ich übrigens auch mal eben sagen: Ich hab männliche Leser. Für eine schreibende Frau, die im weiteren Sinne im Segment »Liebesroman« unterwegs ist, ist das markentingtechnisch ein Ding der Unmöglichkeit. Und trotzdem seid ihr da und ihr seid open-minded genug, um auf das Thema Polyamorie neugierig zu sein, das find ich extrem sexy, muss ich mal so sagen! Ihr seid meine Helden! 😀

So, zurück zu John. Ich hab diesen Mann erfunden, weil ich finde, dass wir solche Romanfiguren ganz dringend brauchen, um mal den Druck rauszunehmen, dass ein echter Kerl keine Schwächen zeigt. Es ist wahnsinnig schmerzhaft, sich mit der eigenen Eifersucht und Verlustangst auseinanderzusetzen und gerade Männern fällt das noch mal eine Schüppe schwerer, weil sie ja nicht schwach sein dürfen und dazu erzogen werden, solche Probleme dann eben mit Gewalt zu lösen, mit verbaler, manchmal sogar körperlicher Gewalt. Dann kriegt die Olle eben auffe Fresse, wenn die fremdgeht. Oder der Rivale. Oder beide.

Wenn ein impulsiver, leidenschaftlicher Gefühlsmensch wie John einfach sagen würde: »Hm, Polyamorie, hab ich noch nie gehört, da mach ich einfach mal mit!«, wäre das für mein Empfinden und nach meiner Lebenserfahrung total unrealistisch. Weil er sein Leben lang versucht hat, in der Welt der Monogamen mitzuspielen. Er ist völlig fokussiert darauf, da endlich mal alles richtig zu machen und soll jetzt plötzlich radikal umdenken.

Wieso John mein Liebling ist? Isser? Isser!

Jede Frau, die Polyamorie tatsächlich lebt, hat schon auf die eine oder andere Art die Erfahrung gemacht, dass schwer verliebte Männer genau in dem Moment zuklappen wie Austern, wo ihnen klar wird, dass es hier nicht um ein verletztes Hascherl geht, das »gerettet« werden muss, sondern um eine selbstbestimmte Frau, die tatsächlich sagt, was sie meint und meint, was sie sagt. Dass sie nämlich polyamor ist und das auch bleiben wird. Viele, viele Männer setzen sich damit nicht auseinander, sondern verlieren dann einfach eben den Respekt und damit ist der Keks für sie gelutscht.

Und ich saug mir das ja nicht aus den Fingern, ich hab’s selbst erlebt. 98 % der Mono-Männer drehen sich in dem Moment, wo ihnen klar wird, dass das nicht »heilbar« ist, um und fragen sich, was sie in der Schlampe gesehen haben. John tut das nicht. Klar, er ist verpeilt, er richtet Chaos an, er agiert aus Verletztheit heraus manchmal kopflos und destruktiv, aber er steht für die wenigen Helden da draußen, die den Mut haben, Unsicherheiten irgendwie auszuhalten und sich vorzutasten in eine andere Art der Liebe, auch, wenn’s weh tut, auch mit Rückschlägen und unreflektierten Reaktionen.

Und auch mit der nur natürlichen Reaktion, in so einer unsicheren Situation erst mal zu klammern und Sicherheit zu fordern. Und deswegen tut die Rezension mir so weh. Weil es hier um genau die Figur geht, die es wenigstens irgendwie versucht. Und Anna?

Anna und die Polyamorie

Die Rezensentin ärgert sich darüber, dass Anna für dieses verwöhnte Kind, diese Dramaqueen, ihren Weg in Zweifel zieht. Liebe Rezensentin, das ist natürlich dein gutes Recht. Ich vermute, du bist entweder eine radikale Beziehungsanarchistin oder eine glücklich verheiratete monogame Frau, die sich eher aus soziologischem Interesse für das Thema unlimitierte Liebe interessiert. Aber Anna ist weder das eine, noch das andere. Anna ist polyamor und sie weiß aus eigener Erfahrung, wie Verlustangst und Eifersucht sich anfühlen. Und das macht sie so mitfühlend.

Polyamorie ist im Spektrum der freien Liebe das »Spießermodell«. Es geht nicht darum, eine offene Beziehung in dem Sinne zu führen, dass rein sexuelle Seitensprünge erlaubt sind. Es geht auch nicht darum, wie es in der SM-Szene von einigen Paaren toleriert/akzeptiert wird, Spielpartner zu finden, die dieselbe Neigung haben, damit man diese trotz bestehender Beziehung ausleben kann. Es geht auch nicht darum, eine Nicht-Beziehung zu führen, um keine Verbindlichkeiten einzugehen.

Die Polyamorie hat ganz feste Regeln. Transparenz, Einvernehmlichkeit und Langfristigkeit. Diese Regeln geben allen beteiligten Partnern Sicherheit und wer sich nicht absolut verbindlich daran hält, der kann, nach meiner Erfahrung, dabei zugucken, wie die ganze Sache den Bach runtergeht und auf höchst schmerzhafte Weise an Verlustangst und Eifersucht zerbricht.

Die Regeln stehen also fest und wer sagt: »Ich bin polyamor« oder »Ich will eine polyamore Beziehung führen«, der verspricht (vorausgesetzt, er kennt sich selbst, kennt sich aus und plappert nicht nur irgendwas nach, was er in einem schlecht recherchierten Zeitungsartikel gelesen hat) ganz klar Verbindlichkeiten, an die das Gegenüber sich halten kann. Sich halten können muss. Und wenn Anna sich bemüht, einvernehmlich zu handeln, zieht sie nicht ihren Weg in Zweifel, sie geht ihn unbeirrt weiter.

Polyamorie heißt Verbindlichkeit!

Bei der Polyamorie geht es also um ernsthafte, langfristige Liebesbeziehungen. Und das wird nicht einfacher, wenn ein neuer Lieblingsmensch ins Polykül kommt, sondern bedeutet immer eine schwierige Phase der Unsicherheit für alle. Die Karten werden neu gemischt und dabei muss man höllisch aufpassen, dass keiner hintenüber kippt, weil er sich übergangen fühlt. So ein Polykül ist eine sehr sensible Angelegenheit und kann immer nur so glücklich sein wie sein schwächstes Mitglied. Denn alle sind emotional miteinander verbunden, auf die eine oder andere Art.

Wenn Anna jetzt sagen würde: »Tut mir ja leid, dass du eifersüchtig bist, aber ich lass mir nichts vorschreiben, ich mache, was ich will!«, dann wäre sie als Romanfigur unlogisch, verlogen und, äh, ein blödes Arschloch. Denn dann wäre ihr Verhalten nicht polyamor. Wenn sie gesagt hätte, dass sie keine Beziehung will und keinen Bock hat auf Verbindlichkeiten, dann hätte sie das sagen können, ohne unglaubwürdig zu sein, aber dann wäre sie auch nicht Anna. Denn Anna steht in der ganzen Welt der Beziehungsstatus-Romane eben für die Einhaltung der polyamoren Regeln, da ist sie der Sheriff und versteht auch keinen Spaß!

Und Anna mit dem großen Herzen liebt John auch mit diesem großen Herzen. Sie ist keine unverwundbare Übermenschin, sie leidet darunter, dass sie ihn verletzt und hat das Bedürfnis, dieses Leiden zu lindern und ihm Sicherheit zu geben und das tut sie konsequent, indem sie die Regeln einhält, auf denen sie ihr Leben aufgebaut hat. Sie zeigt ihm damit, dass er sich auf ihr Wort verlassen kann und dass Einvernehmlichkeit für sie nicht einfach nur ein Wort ist. Und sie denkt langfristig. Sie weiß genau, dass John es sein wird, der neu verhandeln will, wenn er merkt, dass er sich auf sie verlassen kann.

Sie handelt einvernehmlich mit Sven, weil sie mit ihm über alles gesprochen hat, immer wieder, und sie weiß, wie er dazu steht. Sven bleibt ja jetzt wahrlich nicht als der unterversorgte Trottel zurück und das Team Svanna definiert Liebe schon lange nicht mehr über Sex, eigentlich haben sie das noch nie getan. Aber Sven, der auch ein großes Herz hat, weiß, dass John das (noch) tut und darauf nimmt er als alter Poly-Hase eben Rücksicht. Ihm ist Mitfreude, weil Anna so verliebt ist, wichtiger als sein Revier zu verteidigen, und er hat ja auch echt genug zu tun.

Achtung, jetzt kommt die Botschaft!

So. Und diese flammende Rede ist jetzt aus mir rausgeblubbert, weil ich meinen LeserInnen sagen will: Wenn ihr solche Schwierigkeiten habt wie John, mit Eifersucht und Verlustangst umzugehen und vielleicht auch nicht immer die beste Figur macht, wenn ihr euch in die Ecke gedrängt fühlt, seid ihr keine Dramaqueens.

Ihr seid tapfere Menschen, die versuchen, ihre Ängste in den Griff zu kriegen und da ist man nun mal nicht immer abgeklärt und konstruktiv. Selbst Romanfiguren müssen keine Übermenschen sein, und wir echten Menschen schon mal gar nicht. Und wenn ihr Kompromisse macht, um die Menschen, die ihr liebt, so wenig wie möglich zu verletzen, stellt ihr auch nicht euren Weg infrage, ihr seid dann viel mehr verantwortungsvoll und empathisch.

Da könnt ihr mal sehen, was Rezensionen für Gedankengänge auslösen können!

Und das war für mich der Kern der Sache, das wollte ich klarstellen. Wem welche Figur sympathisch ist und wem nicht, bleibt ja jedem selbst überlassen, ich kann auch so manchen Publikumsliebling in Büchern oder Serien nicht leiden und hab auch überhaupt nicht den Anspruch, süße Bücher voller Lieblingscharaktere zu schreiben, dann würde ich Drehbücher für »My little Pony« schreiben. Ich freu mich ja, wenn meine Figuren auch polarisieren, insofern war das natürlich eine sehr wertvolle Rezension. Der eigentliche Wert der Rezi lag für mich aber wohl eher darin, dass mich das in meiner eigenen Position noch mal bestärkt hat.

Ich schreibe Romane über Polyamorie, weil mir die Vielfalt und Toleranz in der Liebe extrem wichtig sind. Steffi, die lieber Single ist, als einen nicht-monogamen Partner zu haben, ist zum Beispiel eine meiner Lieblingsfiguren. Jeder Mensch empfindet Liebe anders und sollte auch die Freiheit haben, sie in seiner Weise zu leben. Und ich will nicht, dass John in seinem Recht auf zutiefst menschliches Gefühlschaos beschnitten wird, ich will, dass er Zeit und Raum bekommt, wirklich von innen heraus zu reifen und sich auch damit auseinanderzusetzen, was eigentlich in ihm vorgeht, wenn er nicht treu ist. Im Moment arbeiten er und ich an Band 4 und die Frage beschäftigt ihn sehr! 😀

Ich will auch nicht, dass Anna ihr Mitgefühl über Bord wirft, nur, um auf Biegen und Brechen eine »starke Heldin« zu sein. Denn für mein Gefühl wäre sie gar keine starke Heldin, wenn sie nicht bereit wäre, auch immer wieder Kompromisse zu machen und wenn sie nicht auch Interessenkonflikte hätte, die ihr viel abverlangen. Ihre Stärke liegt gerade in ihrer Empathie und in ihrer Bereitschaft, ihre Partner auch mit deren Schwächen und Ängsten zu lieben.

So. Jetzt hab ich das blöde Gefühl, meine eigenen Bücher erklärt zu haben und wenn Romane nicht selbsterklärend sind, hat man beim Schreiben wohl was falsch gemacht. Aber bei so einem vielschichtigen und komplexen Thema wie Polyamorie kann das wohl mal passieren. In diesem Sinne: Seid keine Übermenschen, habt euch lieb für eure Gefühle und verzeiht euch, wenn ihr mal einen John-Moment habt, denn dafür ist John da. Dramaqueen hin oder her. Wir alle sind manchmal eine Dramaqueen.

Und noch eine Bitte!

Ich weiß, Kommentare in Blogs sind total out und ich finde es toll, wenn wir immer auf Facebbok quatschen, aber falls ihr das hier wirklich bis zum Ende gelesen habt und mir ein John-pro-oder-contra-Feedback geben wollt, dann wäre es sehr lieb, wenn ihr hier die Kommentarfunktion nutzen könntet, wir können ja trotzdem auf Facebook rumalbern, aber so finden dann auch die Blogleser eure Meinung, und die ist ja wichtig, nä? Hab euch lieb! 🙂

Übrigens: P.S.

Die Rezensentin und ich stehen per PN in Kontakt und sind sehr lieb zueinander! Nur, dass hier kein falscher Eindruck entsteht! Das ist wirklich eine spannende Sache! 😀

8 thoughts on “Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

  1. Jaaaa, der John … Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich mag ihn. Man sieht es mir nicht an, aber er und ich, wir sind uns ähnlich — wenigstens, was den Grad an Verpeiltheit betrifft. Manche Einsicht braucht eben etwas mehr Zeit und Übung, um zu sacken, statt einfach nur an den Synapsen vorbeizurasen. Vor allem, wenn man gegen eine lebenslange Prägung anrennt. Und ich mag John tatsächlich gerade dafür, dass er Anna eben nicht als Schlampe stehenlässt, sondern offen bleibt für seine eigenen Gefühle und ihre. Und ich meine sogar, einen Hauch von Empathie mit Sven herauszulesen. Das ist natürlich noch Kür, aber ich traue John das inzwischen wirklich zu.

    Ansonsten: Ich empfinde deinen Schritt, die Rezension hier zum Thema zu nehmen, als mutig und möchte dir auch in diesem Punkt den Rücken stärken. Was Kritik im Autorenherz auslösen kann, kenne ich zu genüge. Man hadert, tobt und heult, will sich und das Werk verteidigen und ahnt doch, dass man es nur falsch machen kann. Wie du schon sagst: Ein Roman, den man erst erklären muss … o je. ANDERERSEITS! Andererseits geht die Kritik hier nicht gegen deine künstlerische oder handwerkliche Fertigkeit, sondern gegen eine Figur. Eine Figur, die du aus bestimmtem Grund so geschaffen hast. In sofern ist dieser Punkt in der Rezension eigentlich keine Buchbesprechung, sondern der Beginn einer weiterführenden Diskussion aus Anlass des Buches. Finde ich toll! Sowohl von der Rezensentin als auch von dir, weil du das Gespräch aufgenommen hast. Beide alles richtig gemacht 🙂

    1. Ahhhh, jetzt geht’s mir gut, danke! Zum einen, weil das Kommentieren geklappt hat und ich nicht stunendlang im Hinterzimmer des Blogs an der Technik schrauben muss, zum anderen, weil du den Artikel genau so aufgefasst hast, wie ich ihn meinte. Natürlich ist es immer ganz, ganz schwierig für uns, mit Kritik offen umzugehen. Man will ja auch nicht als die – ich vermeide jetzt das Wort Dramaqueen 😀 – als die Diva dastehen, die erst um Feedback bettelt und dann heult, wenn sie welches bekommt, das ihr nicht in den Kram passt.
      Wie gesagt, die Rezension war, wie jede Rezension, ja auch sehr wertvoll für mich, da sie Denkanstöße gegeben hat. Und ich hoffe, ich hab das auch deutlich machen können, ich hab in meinem Leben schon viel herbere Kritik weggesteckt und sogar angenommen, da bin ich fast ein bisschen stolz drauf.
      Aber in diesem Fall, äh, wie John sagen würde: „So war das nicht!“ Es geht mir tatsächlich um die Kernfrage, wie viel Schwäche ein Mann in einer Komödie zeigen darf. Weil unmittelbar damit die Frage verknüpft ist, wann eine Romanheldin „stark“ ist und wann nicht. Ich hab da gestern Nacht noch einen interessanten Artikel drüber gelesen (den ich jetzt leider nicht wiederfinde, aber ich such mal und teil ihn dann auf FB). Da ging es darum, dass der Feminismus im Genre Young Adult völlig falsch verstanden wird. Die Heldinnen ballern sich durch, sind arrogant und rücksichtslos, aber wenn ein Sixpack ihren Körper mustert, kriegen sie weiche Knie.
      Ich finde, wir haben es da mit der These (sabberndes Hascherl will erobert werden) und der Antithese (härter und gefühlloser als jeder Kerl) zu tun, uns fehlt aber die Synthese, bei beiden Geschlechtern. Äh, bei allen … wie viele sind das inzwischen, 66? Egal. Ich weiß noch nicht mal, welches Geschlecht ich eigentlich hab! 😀
      Ich verstehe aber auch jede Leserin, die sich nach starken Heldinnen sehnt, aber wahrscheinlich ist genau das die Diskussion, die wir dringend brauchen. Wann ist eine Heldin überhaupt stark? Ist Anna stark oder schwach, weil sie Kompromisse sucht mit einem Mann, der trotz seiner Verletztheit kein Generalurteil über sie fällt? Mir geht er vor allem mit meinen Büchern darum zu zeigen, dass es völlig okay ist, verpeilt zu sein, sobald man vom gewohnten Weg abweicht und erst mal ohne Vorbilder handeln muss. Die Frage ist doch, ob man die Herausforderung überhaupt annimmt, nicht, wie gut man dabei aussieht. Hmhmhmmm. Wir werden da in den nächsten Jahren noch eine spannende Entwicklung auf dem Buchmarkt erleben!

  2. Es wird Zeit für ein Outing. Ich war die böse Rezensentin. Als ich den Beitrag las, tat es mir einerseits leid, dass ich der Anlass für übermäßigen Schoko-Konsum war, andererseits hatte ich Muffensausen vor den Prügeln, die mich erwarteten. Erleichterung: So schlimm war es gar nicht. Trotzdem machte ich mir Vorwürfe, denn eine alte Kommunikationsregel besagt, der Sender ist dafür verantwortlich, wie eine Nachricht ankommt. Also immer versuchen, die emotionale Lage zu erfassen! Und dabei hätte ich wissen müssen, dass man die Babies einer Löwenmutter nicht beleidigt.

    Das war übrigens nie meine Absicht. Jemanden beleidigen.

    Wenn wir schon beim Thema Kommunikation sind: Jede Nachricht beinhaltet auch eine Selbstoffenbarung. In Autoren-Slang übersetzt: Der Text sagt immer was über den Autor aus. Meine Rezension zeigt, was für ein leuchtend roter Knopf Dramaqueens für mich sind. Damit meine ich nicht Leute, die eine aufwühlende Situation erleben und daran zu knabbern haben. Schließlich ist das eigene Drama immer das denkbar Größte. Mit verpeilt hat der Begriff für mich auch gar nichts zu tun.

    Die Queens sind diejenigen, die ihre Dramen bei anderen explodieren lassen. Dramabombe wäre das bessere Wort. Im Fall von John: Er erkennt, dass sich ein Drama abzeichnet. Er ist verheiratet, das liegt außerhalb von Annas Grenzen. Andererseits wünscht er sich ihre Treue. Was wäre der Schritt, den man geht, wenn man die Gefühle anderer ernst nimmt? Ehrlichkeit! Zugeben, in welchem Misthaufen man gerade taucht und versuchen, es in Ordnung zu bringen. Er ist nach New York gegangen, um Sonja zu suchen, das zählt doch schon? Spätestens, als er nicht erfolgreich war, hätte er offen sein müssen. Das Verschleiern und Verdrängen ist VOLLDAAAMPF! Ins Drama hinein. Dramabombe!

    Das ist für mich rücksichtslos. Ich bin in einer Situation, mit der ich nicht klarkomme, also sorge ich dafür, dass es anderen auch so geht. Da es in meinem Leben schon eine solche Dramabombe gab, reagiere ich übersensibel. So sehr, dass ich nicht darüber stehen kann, auch wenn es nur eine Geschichte, gar eine Komödie, ist. Humor ist an der Stelle wegexplodiert. Ergo: Ich mag John nicht. Feindbild!

    Wie kann ich mit so viel im Rucksack eine Rezension schreiben? Ja, war vielleicht dumm. Damit einem das bewusst wird, muss man eine Weile reflektieren.

    Nichtsdestotrotz: Es ist so. Ich mag keine Dramabomben. Auch nicht in Büchern.

    1. Witzig, bei mir kommt das genau anders an, Ambra 🙂 Klar ist das völlig bescheuert, was John da abzieht! Aber zum einen geht es Sookie ja gerade darum (nehm ich jedenfalls an), das eben zu zeigen und nicht nur zu behaupten. Zum anderen ist es eben verdammt schwer, und ich behaupte, die wenigsten versuchen es überhaupt, lebenslange Denkmuster zu durchbrechen. Und John lernt ja tatsächlich dazu! Sehr langsam und im Zwei-vor-eins-zurück-Schritt, aber immerhin. Ich hab selbst schon so viel verbockt im Leben, dass ich mich da sehr gut identifizieren kann 😀

  3. Letztendlich bewerten wir alles, was wir erleben und lesen, auf der Grundlage unserer Erfahrungen und der Werte, die wir uns im Laufe des Lebens aufgebaut haben. Und wie gesagt, ich wurde mal von einer Dramabombe getroffen. Ich kann das nicht brauchen.

    1. Nee, wie geil! Ich dachte, heute ist es so ruhig im Internet, ich gönn mir die Zeit, um im Hinterzimmer des Blogs zu sitzen und eine Fortsetzung zum Thema Rezensionen (im Allgemeinen) zu schreiben, da treibt ihr euch hier vorne rum! Sehr geil. Erst mal, liebe Ambra, ich freu mich sehr, dass du da bist! Und ich muss sagen: Bei mir hast du eine Empathie-Bombe gezündet, weil ich mich jetzt in deine Reaktion viel besser einfühlen kann. Auf die Idee, dass du eine begründete Allergie gegen Dramaqueens aus gelebter Erfahrung hast, hätte ich selbst kommen müssen.
      Ich vermute mal, wir alle hatten schon die eine oder andere Dramabombe im Leben und ich schließe von mir auch nicht aus, dass ich selbst mal Tendenzen hatte, eine zu sein. Aber niemals aus böser Absicht, sondern einfach aus dem Unvermögen heraus, es besser zu machen. Es ist so, wie Sabine so richtig sagt: Gegen lebenslange Programmierungen anzuschwimmen, ist einfach verdammt schwierig. Und darum geht es mir.
      Und gerade dieses „Einfach mal die Klappe halten, um einen Beziehungskonflikt zu vermeiden“ (und zu hoffen, dass es nicht doch irgendwie rauskommt) ist in unserem Kulturkreis ein unglaublich tief wurzelnder Scheiß. Für viele Menschen ist das leider immer noch der einzige Weg, den sie kennen.
      Ich hab das auch auf die harte Tour gelernt, als ich mich vor Jaaahren mit Haut und Haaren in einen Mann verliebt habe, der mir so lange wie möglich verheimlicht hat, dass er noch eine andere Beziehung hat, weil „ich mich dann sowieso nicht auf ihn eingelassen hätte“. Und das mir, da war aber Land unter! Ich war nämlich damals eine Frau, die unter dem moralischen Druck, keine „Schlampe“ sein zu dürfen, wieder brav in die Reihe getanzt war. Hätte er damals direkt beim Kennenlernen gesagt: „Ich bin übrigens nicht monogam!“, hätte ich wahrscheinlich erleichtert gesagt: „Wie cool, ich auch nicht!“
      So aber hab ich mich, tatsächlich wie Anna, unter völlig falschen Voraussetzungen auf eine Beziehung eingelassen, die nicht das war, was sie zu sein schien. Und das war das schmerzhafteste, was mir je passiert ist. Nicht die fehlende Exklusivität war für mich immer das Problem. (Wie Menschen es hinkriegen, dauerhaft exklusiv zu lieben, war für mich immer ein mystisches Rätsel. Ich persönlich werde zum eifersüchtigen Klammertier, wenn ich mich zur Monogamie zwinge und muss dann irgendwann da raus.)
      Aber diese Mördergruben-Herzen, die ständig ein Geheimnis brauchen, um ihre Autonomie zu wahren, die machen mich persönlich allergisch. Buah, nä, da krieg ich Magenschmerzen. Und da haben John und ich auch viel Spaß miteinander, weil ich ihm immer wieder die Ohren langziehe, irgendwie tut das gut, den Kerl umlernen zu sehen! 😀
      Aber ich finde es wahnsinnig spannend, was so ein Unterhaltungsroman für einen Dialog auslösen kann, weil ja Lesen irgendwie auch wie Beziehungen ist. Ein sehr „unlimitierter“ Gedanke, dass jeder Leser zu einem Buch eine ganz eigene Beziehung aufbaut, die auch ganz anders sein kann als die Beziehung des Autors zum Buch. Irre, oder? Was eine Rezension so anstoßen kann, ich freu mich jedenfalls sehr darüber!

  4. Wirklich nett hier. 🙂

    Gestern sagte ich mir noch, jetzt hast du die Hosen zu weit heruntergelassen, pass auf, dass du in übermäßigem Mitteilungsbedürfnis nicht eine öffentliche Auto-Therapie startest. Jetzt ist aber mal Schluss.

    Einschub einer Autoren-Anmerkung zur Orthographie: So ernst, das „´Du“ in einem Selbstgespräch großzuschreiben, nehme ich mich nicht.

    Und da lese ich jetzt von Dir auch Geschichten aus der Lebenserfahrungswelt. Ich hoffe, wir trinken alle auch schön unsere Teetassen dabei leer.

    Das finde ich an Büchern unglaublich gut: Sie geben uns die Möglichkeit zum Selbsterfahrungstrip in unseren Köpfen, indem sie uns einen Gedankenanstoß nach dem anderen liefern und uns beim Reflektieren helfen. Reflektieren, spiegeln, Spiegel vorhalten, ja, genau das. Schön, dabei mal nicht ganz alleine zu sein. 😉

    P.S.: Ich habe heute während der Brotberuf-Zeit mit halbem Ohr ein Radio-Interview mit einer Psychologin-Analytikerin-Therapeutin gehört, die sprach davon, dass Romane mehr über die menschliche Seele verraten als Fachliteratur.

    P.P.S: Und danach lief „Human“ von Human League und ich erinnerte mich, wie ich von diesem Text schon als Teenager unheimlich berührt war.

Und was ist deine Meinung?