Polyamorie

Schirme aufspannen: Sookie schüttet ein polyamores Füllhorn der Liebe aus!

Auf dem Foto seht ihr das Frauenbild, das mir (und vielen anderen Frauen) antrainiert wurde und das heute im Mainstream wieder so angesagt ist, wie noch nie. Hündisch ergeben und klammernd, egal, was der Knaller gerade wieder für einen Mist anstellt. Und jetzt die gute Nachricht: Blödheit und Konditionierung sind heilbar. Ich zum Beispiel schreibe heute Romane über Polyamorie.

Ihr Lieben, ich weiß, das klingt jetzt völlig bescheuert, aber ich muss heute einfach mal meine Freude mit euch teilen. Denn im Moment passieren so viele wundervolle, kleine Dinge, die ein fantastisches, großes Ganzes sind und deswegen ist mir einfach nach Knuddelwuddel zumute! Sollte ich heute also in ganz furchtbaren Pathos abrutschen, der sich anhört wie Selbstbeweihräucherung, so müsst ihr ein Auge zudrücken und mir das verzeihen, aber ich bin verliebt. Und zwar in euch! 😀

„Bist du nicht die Poly-Autorin?“

So wurde ich in letzter Zeit öfter im Netz angesprochen und das löst in mir ein ganz seltsam bunt gewürfeltes Gefühl aus. Zum einen ist da natürlich der ewige Selbstzweifel, den alle Autorinnen kennen, und das ist kein Fishing for compliments, das ist das wirklich verdammt tief sitzende Gefühl, dass man ständig die eigene Arbeit hinterfragt, weil man sich denkt: „Wer bin ich schon, dass ich irgendein Label verdient hätte?“, denn man fühlt sich ja nicht als Influencer, wenn man Bücher schreibt, sondern als jemand, der extrem schrullig ist und viel zu viel Zeit mit seinen unsichtbaren Freunden verbringt.

Und mit strunzlangweiligen Sachen wie Korrektur lesen, immer und immer wieder, Sätze umstellen, Streichen, Rauswerfen, Umarbeiten. Schreiben ist alles andere als sexy. Zum anderen ist da aber ein ganz andächtiges „Huch!“, wenn ich „die Poly-Autorin“ bin und es ist fast unheimlich. Werde ich etwa zur Marke? Mit dem am Buchmarkt vollkommen unpopulären Thema Polyamorie? Den Aufsatz:

„Warum ich Romane über Polyamorie schreibe“,

den schreibe ich ein anderes Mal, da ist mir jetzt gerade nicht nach, das ist nämlich kompliziert, schwermütig, hochkomplex, erfordert einen ausführlichen literaturgeschichtlichen Exkurs und hat ungefähr den gleichen Unterhaltungswert wie Dostojewskis Weihnachtserzählung über den hohlwangigen Knaben, der auf der Straße verendet, während er durch die Fenster der Reichen auf die funkelnden Festtafeln blickt.

Jetzt sage ich nur: Ich schreibe über Polyamorie, weil ich selber als junge Frau polyamore Romanfiguren als Rollenmodelle verdammt gut hätte brauchen können. Aber als ich in den Neunzigern als junges, verpeiltes Ding mein „polyamores Coming-out“ hatte (so hieß das damals noch nicht), wusste ich eben noch nicht, dass das in Ordnung ist. Man war dann eben die Schlampe und feddich.

Aber zurück zum buntgewürfelten Gefühl. Neben der chronischen Autorenberufskrankheit called „Selbstzweifel“ passieren nämlich im Moment vollkommen abgefahrene Dinge. Ich dachte, wenn überhaupt, dann erreiche ich mit den Büchern ein paar versprengte Seelen aus der Poly-Szene, die sich in meinen Geschichten wiederfinden können. Und was ist? Meine Leser sind ganz „normale“ Leute! Und da passiert gerade etwas wahnsinnig schönes. Wir durchbrechen nämlich gerade zusammen eine gläserne Decke.

Frauen waren jahrtausendelang getrennt durch eine patriarchale Mauer. Die Heiligen und die Huren, die Ehefrauen und die Schauspielerinnen, Grisetten und Dienstmädchen für die Affären der Gatten. Und beide Lager, da sind wir uns einig, waren sich nie besonders grün, dafür haben die Herren schon gesorgt. Divide et impera. Und jetzt lesen Frauen, die noch nie von Polyamorie gehört haben, meine Bücher und schreiben mir: „Ist ja witzig, total klasse, wann erscheint der nächste Band?“

Jetzt nehmen meine Bücher, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie für „normale“ Leser interessant sein könnten, irgendwie Fahrt auf und ich kriege vollkommen überwältigendes Feedback, an dem ich merke: Der Begriff „normal“ ist komplett bescheuert, ich hab es immer schon geahnt! Entweder keiner von uns ist normal oder wir sind alle normal, was ich daran aber so geil finde, ist die Tatsache, dass ich mein Leben lang drunter gelitten habe, nicht normal zu sein und jetzt stelle ich fest: Das war kompletter Quatsch!

Weil ich ein polyamor fühlender Mensch bin, der in einer monogam geprägten Welt lebt, dachte ich immer, ich bin ein Montagsmodell. Eben kaputt. Nicht funktionstüchtig. Und jetzt passiert mir das: Mir schwappt wahnsinnig viel liebevolle Akzeptanz entgegen für meine polyamoren Romanfiguren und damit auch für mich als polyamore Frau!

Bunte Autorin bekommt bunte Leser!

Leute, ich hab keine Ahnung, wer ihr seid, aber die wenigsten von euch haben irgendeinen Bezug zur Polyszene. Aber ihr verschlingt meine Bücher, ihr schreibt mir in Rezensionen, wie wichtig ihr es findet, dass es zu diesem Thema jetzt meine Bücher gibt, ihr schimpft sogar mit mir, wenn meine polyamore Hauptfigur in einem gefühlvollen Moment monogame Tendenzen hat, weil ihr das „Happy End“, dass sie sich endlich für einen entscheidet, nicht mehr wollt, ihr wollt, dass sie es hinkriegt, als polyamore Figur stark zu bleiben und mit beiden Männern zu leben. Und ich versteh die Welt nicht mehr! Seit wann sind Leserinnen von Liebesromanen offen dafür, dass es keinen Mr. Right mehr gibt, sondern einen Mr. Right und einen Mr. Left? ;D

Neulich bekam ich bei einer Rezension einen Punktabzug. Andere Autoren brechen da weinend zusammen und ziehen nörgelnd über die Unverschämtheit durch sämtliche Autorengruppen, ich bin singend um den Schreibtisch getanzt. Weil die Begründung für diesen abgezogenen Stern einfach absolut grandios war.

Wenn ihr meinem Blog schon länger folgt, versteht ihr sofort, was mich daran so geflasht hat. Ich hab es geschafft, eine polyamore Frau zur weiblichen Heldin aufzubauen. Nicht zu einer Schlampe aus der Schmuddelecke, die von „guten monogamen Frauen“ zurück in die Reihe geschubst wird, oder die auf den rechten Pfad der Monogamie zurückfindet, weil sie endlich Mister Right trifft, sondern zu einer Frauenfigur, von der sich eine Leserin denkt: „Boar, die ist ja cool, hoffentlich bleibt die so!“ 😀

Und das finde ich unfassabr geil, da bin ich ganz unbescheiden mächtig stolz drauf. Oder ein anderes Beispiel! Gestern fand ich irgendwo unter einem meiner Buchtrailer auf Facebook folgenden Kommentar (ich hab den Namen nur ausradiert, weil sich das bei solchen Screenshots so gehört, das ist alles voll anonym hier, hihi!):

Und solche Kommentare sind für mich ein absolutes Fest. Das war voll das Überraschungs-Ei, weil es drei Dingsdas, na, Schokolade etc, auf einmal anspricht. Erstens: „Ich wusste ja nicht mal, dass dieses Thema existiert.“ Ernsthaft, ich bin keine Missionarin, Leute zur Polyamorie bekehren zu wollen, liegt mir absolut fern, weil jeder dem Lebensstil folgen sollte, von dem er fühlt, dass er für ihn richtig ist. Wir können heute ja zum Glück als schwule Einhörner Rollschuh laufen und dabei Ukulele spielen und es ist okay. Und ich wünsche den Leserinnen meiner Bücher, dass sie mit ihrem Stil glücklich sind.

Aber ich liebe es, Ideen zu streuen und zu einem Klima der Toleranz beizutragen. Und wer sich so offen und vorurteilsfrei auf meine Bücher einlässt wie meine Leserinnen, der wird niemals blöde Vorurteile über Polys haben. Und dann, für mich der absolute Hammer: „Witzig und regt trotzdem zum Nachdenken an.“ Das ist für mich so ziemlich das größte Lob, das ich für mein Handwerk als Autorin kriegen kann. Für mich fühlt sich das an wie siebzehn Vorhänge in der Mailänder Scala. Und all das, der wunderbare Support durch meine vollkommen bunt gemischten und für mich absolut mysteriösen Leser, führt dann dazu, dass es unter meinen Büchern so aussieht:

Sammelwut unter Nicht-Polyamoristen: Die Sookie-Gesamtausgabe
Sammelwut unter Nicht-Polyamoristen: Die Sookie-Gesamtausgabe

Oder so:

Ihr kauft einfach gnadenlos alles auf, was ihr über Sven, Anna und John finden könnt. Und eure Treue bei Romanen über „Untreue“ macht mich so unglaublich happy, dass ich gar nicht weiß, was ich dazu noch sagen soll. Außer: Ich hab euch alle mächtig lieb. Eure Offenheit und euer Interesse für Polyamorie macht mich tierisch glücklich. Auf völlige Ignoranz war ich gefasst, sogar auf einen Shitstorm, weil ich öffentlich auf dem Liebesromanmarkt eine heilige Kuh schlachte, aber auf so viele positive Schwingungen war ich echt nicht vorbereitet.

Und wenn meine Bücher erreichen, dass vielleicht irgendwann irgendwo mal eine Frau nicht sofort den antrainierten Selbstzerfleischungsmodus anwirft, falls sie mal in die Situation kommt, sich trotz Partnerschaft zu verlieben, dann hat die ganze Arbeit sich wirklich gelohnt. Wir sind alle ein bisschen Anna und wir dürfen das. 😀

Ich geh wie auf Wolken, weil ich so wunderbare, offene und neugierige Leser wie euch gefunden hab und ich bin unheimlich dankbar für das, was hier gerade passiert. Das musste einfach mal gesagt werden. Und ich verabschiede mich jetzt ganz im polyamoren Sinne: Ich liebe meine Leser. Alle! 😀

5 thoughts on “Schirme aufspannen: Sookie schüttet ein polyamores Füllhorn der Liebe aus!

    1. Vielen Dank, lieber Viktor!

      Wir arbeiten ja beide irgendwie dran, das Thema Polyamorie ein wenig mehr „in die Mitte der Gesellschaft“ zu rücken, jeder auf die Art, die er am besten kann! 🙂

      Übrigens für alle, die gern tiefer in die Materie einsteigen wollen: Viktor betreibt das https://polyamoriemagazin.de/de/

Und was ist deine Meinung?