sexy Milliardär

Ein „sexy Milliardär“ macht mich ratlos. Euch auch?

Nein, heute geht es nicht um Trumbo, deswegen steht da auch „sexy“, dass hier bloß keine Missverständnisse aufkommen! 😀 Ich knabbere gerade an einem anderen Milliardär, womit ich nicht gesagt haben will, dass ich Milliardäre zum Anknabbern finde, aber ich hab da bei Amazon einen „sexy Milliardär“ getroffen, der mich mit den Ohren schlackern lässt.

Denn dieser sexy Milliardär hat Rezensionen, bei denen sich die meisten Autoren für immer einen Sack über den Kopf ziehen und nie wieder hervorkommen würden und erfreut sich trotzdem bester Gesundheit – jedenfalls, was seine Verkaufsränge betrifft. Und da frag ich mich – und euch – hä?

Der sexy Milliardär lag da einfach rum

Also, bevor ihr jetzt denkt, dass ich heimlich unter der Bettdecke Milliardärs-Romane verschlinge: Ich bin dem Herren begegnet, weil er unter einem meiner Bücher bei »Kunden kauften auch« rumlag, und das finde ich ja immer hochgradig spannend. Weil ich darüber tatsächlich oft Bücher entdecke, die ich sonst nie gefunden hätte, die aber »themenrelevant« sind, also mich auch brennend interessieren, weil sie von meinem Lieblingsthema unlimitierte Liebe erzählen. Und natürlich fiel mein Blick zuerst auf die grottenschlechten Sterne. Da bin ich ja bekennende Gafferin.

Nichts macht mich so neugierig wie auffallend schlechte Bewertungen in Verbindung mit einem »Bestseller«-Schildchen, hehe. Und dann noch in Verbindung mit einem sexy Milliardär! Ich leide zwar immer ganz furchtbar mit, wenn KollegInnen verrissen werden, aber ich bin doch auch zu sehr Leserin, um da nicht zu spickern. Leider muss ich auch sagen, dass ich dabei schon Bücher entdeckt habe, die es einfach verdient hatten. Und Bücher, die einen Platz in den Charts verdient hätten, aber aufgrund von Trollrezis einfach nicht gelesen wurden, hab ich auch schon gesehen. Aber das jetzt?

Kommen nackte Millardäre automatisch in die Top 100?

Wenn man sich das Cover ansieht, wurde da natürlich alles richtig gemacht. Ein nackter Eiweißpräparatjunkie und dann diese verspielt fliegenden roten Dinger, was sind das überhaupt. Schlüppis? Blinzel, ich glaub, das sollen Rosenblätter sein, oder? Auf jeden Fall romantisch! Und dann dieses Sixpack, ja, was mich persönlich speziell bei diesem Herren von der Form her an diese Gardinen erinnert, die Ommas manchmal noch haben. Affenschaukeln habe wir die früher genannt, ich weiß aber jetzt nicht, wie der Fachhandel die nennt. Mir persönlich würde die Erotik ein bisschen flöten gehen, wenn so ein Herr sich entblättert und ich prusten würde: »Solche Gardinen hatte meine Omma auch!«, aber ich bin ja auch eine sapiosexuelle Randgruppe, jedenfalls nicht Zielgruppe für diese Art von Cover.

Ich komme auch nicht ganz klar auf den Kopf des Herren, gehört der zum Rest oder ist der gephotoshopt? Vielleicht liegt es auch nur an dieser klassischen Milliardärskopfhaltung, die stehen immer ein bisschen so rum, als hätten sie sich ducken müssen, damit die Omme noch ins Bild passt. Vielleicht ist das aber auch, weil sie versuchen, mit dieser leichten Demutshaltung ihren Kontostand auszugleichen.

Also, nicht, weil sie die Massen ausbeuten und Kinder vor Hunger sterben, während die in ihrem Geldspeicher Skifahren, sondern um anzudeuten: Guck mal, Möhre, äh, Hase, ich bin doch auch nur ein ganz normaler Mann auf der Suche nach Liebe! Sympathisch ist der Herr mir auf jeden Fall nicht. Also, das harte Gesicht und die kalten Augen. Wenn ich eine Casting-Agentur hätte und gerade Lagerkommandanten für einen KZ-Film suchen würde, würde ich den Herren wahrscheinlich vorsprechen lassen. Sookie? Ja? Halt die Klappe, das geht zu weit.

Äh … Tja. Was wollte ich jetzt eigentlich sagen? Ach so! Ja! Wie schafft ein Buch mit derartig schlechten Rezensionen es zum Bestseller?

Sind verrissene Milliardäre noch heißer als welche mit Peitsche?

Milliardär Rezensionen

Wieso zur Hölle wird dieses Buch wie verrückt gekauft? Ich versteeeh das nicht! Derzeit sind 78 % der Leser der Meinung, dass das Buch einen Stern verdient. Und viele schreiben noch dazu, dass sie den Stern nur gegeben haben, weil sie sonst keine Rezension verfassen können. Das wollte ich natürlich genauer wissen und hab mich mit dem Blick ins Buch befasst, der ja mehr sagt als tausend Rezensionen. Und, öhm, ich war auf alles gefasst. Sowohl darauf, dass es tatsächlich gut ist und Opfer eines Troll-Flashmobs wurde, als auch darauf, dass es einfach grottig ist. Und ich fand es dann, öh, ja.

Kennt ihr das Gefühl, ein Buch zu überfliegen, bei dem ihr euch fragt, ob es von einem Bot geschrieben wurde? Das ist auch der einzige Grund, warum ich mich traue, öffentlich über dieses Werk zu lästern. Hätte ich das Gefühl, dass da eine Herzblut-Autorin hinter steht, hätte ich das unter Ausschluss der Öffentlichkeit beim Mittagessen erzählt, aber nicht im Blog. Aber bei Ebay gibt es auch diese eBooks mit Reseller-Lizenzen zum Schleuderpreis. Und bei manchen Büchern hat man das Gefühl, dass die aus so was zusammengestoppelt sind. Und dann sind die auch noch nicht wirklich einfühlsam übersetzt, sodass zum Beispiel manche Metaphern, die im amerikanischen Englisch funktionieren, deutsche Leser nur mir einem ratlosen »Hä?« zurücklassen.

Na ja, und so fühlten sich die ersten zehn Seiten, die ich gelesen habe, auch an. Also, nicht dass das nicht seine Berechtigung hätte. Selbstcoachingratgeber, Cocktailrezepte, Erotik, gemeinfreie Bücher oder Computerhandbücher kann man ja genau so kaufen und verkaufen wie Schuhe oder Handys auch. Weil ich aber immer so neugierig bin, hab ich mir die Facebookseite von dieser/diesem R.R. Banks gesucht und hm. Tja. Das ist eine reine Marketingmaschine. Schräg, oder?

Als lebende Autorin fühlt man sich da ganz komisch. So ähnlich, als würde man bei der Sternenflotte arbeiten und der neue Kollege wäre eben ein Android. So, wie wenn Commander Data sich ein kreatives Hobby sucht und alles perfekter macht als ein Mensch. Oder wie wenn der Doktor auf der Voyager anfängt, zu komponieren. Einfach, weil er so programmiert ist, dass er alle Zutaten eines Hits kennt, den auch Mozart hätte komponieren können. Aber der Funke fehlt dann doch irgendwie.

Ich bin jetzt deprimiert …

Funke hin oder her – irgendwie frage ich mich gerade schon, wieso wir lebenden Autoren so viel Lebenserfahrung und Persönlichkeit in unsere Bücher werfen, wenn es auch ohne geht. Wieso schreiben wir ganze Kapitel zehnmal um, schmeißen sie raus, stellen um, streichen, konzipieren neu, verbringen Monate damit, wie Freud hinter der Couch zu sitzen, uns hüstelnd Notizen zu machen, während wir unsere Romanfiguren einfach nur reden, reden, reden lassen, bis sie logisch und klar werden, wenn dann Commander Data einfach Archetypen mixt und einen Ebay-Plot verstrickt? Und das Schlimmste ist: Commander Data bricht noch nicht mal in Tränen aus, wenn er verrissen wird! Ich glaub nämlich nicht, dass ein amerikanischer Lizenzen-Aufkäufer, der auf Übersetzungsportalen deutsche Ausgaben zusammenfrickeln lässt und dann noch ein Fertigcover für 5 Dollar kauft, mit Spannung Lesermeinungen verfolgt …

Seufz. Ich denke, ich werde heute noch irgendwas deprimierendes schreiben. Oder Schokolade essen. Oder beides. Oder ich guck mir einen Film an, in dem garantiert kein sexy Milliardär mitspielt.

2 Gedanken zu „Ein „sexy Milliardär“ macht mich ratlos. Euch auch?

  1. Ich liebe echte Autoren! Mir schlackerten die Ohren bei lesen deines Textes und als ich das facebook Profil sah, fing ich an mich zu schütteln vor Abneigung. Viel Schlimmer aber noch finde ich die Menschen, die der Seite folgen! Folgen sie dem „Autoren“ oder den Bildern? Lesen die Follower überhaupt oder besser gefragt, können die Follower Lesen?

  2. Oh Mist, die New Relationship Energy hat mich voll erfasst…

    Also zuerst einmal aus aktuellem Anlass zu Datas Ehrenrettung eine Erinnerung an die Ode an Spot:

    „Felis Catus ist deine taxonomische Nomenklatur,
    ein endothermischer Vierfüßler, fleischfressend von Natur.
    Deine Seh-, Geruchs- und Gehörsinne sind umfassend,
    und zu deinem Jagdgeschick und deiner natürlichen Verteidigung passend.“

    Wenn da nicht viel Herzblut… oder Kühlerflüssigkeit…. oder… achistauchegal, jedenfalls steckt da eine Menge drin und das schon vor dem Emotionschip. Kein Vergleich zu der angedeuteten Seelenlosigkeit des (von mir bei Amazon nicht mehr gefundenen) Schlüppi-und-Gardinenbauchromans.

    Warum das ein Bestseller ist? Hm, vielleicht stehen Bots drauf? Vielleicht ist er sogar gar nicht für Menschen gedacht sondern von Bots für Bots?

    Und warum wir so viel Lebenserfahrung und Persönlichkeit rein stecken, wenn es offenbar auch ohne geht? Weil wir’s geil finden. So geil, dass meinen zartes Schreiberinnenempfinden mittlerweile eine dicke Hornhautschicht hat. Trolle müssen sich da echt Mühe geben, um da durchzukommen.

    Auf in den Tag!

    Alles Liebe,
    Julia

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