Polyamorie vs. 50 Shades: Meine Abrechnung mit Miss Steel

Polyamorie vs. 50 Shades: Meine Abrechnung mit Miss Steel

Es ist wieder Zeit für Sookies Kettensäge!

Ihr Lieben! Erst wollte ich ja einen totaaal gewaltfreien Artikel darüber schreiben, wie das Phänomen 50 Shades aus polyamorer Sicht betrachtet aussieht. Dann hab ich aber gemerkt … *gnnnnn* … *anstreng* … nein. Ich kann nicht. Ich muss einfach gemein werden! Rrrrrrrra!

Ich habe es getan: Ich hab 50 Shades 2 geguckt!

Eigentlich wollte ich nur mal wieder so richtig was zu lachen haben. Aber noch nicht mal das hat funktioniert, Mann! Ich hab zwar Tränen gelacht über die ganzen Klischees (wie Miss Steel schlau und kompetent aussehen soll und auf Dantes Inferno anspielt, muahahahahahaaaa, ich konnte nicht mehr, diese Meta-Ebenen, einfach göttlich!), aber, äh, na gut, zuerst der Trailer für alle Glücklichen, die es bis jetzt geschafft haben, einen Bogen um das Phänomen 50 Shades zu machen und gar nicht wissen, wovon ich rede. Ich versuch mal gerade, dieses Gimmik einzubauen, damit man das nicht unvorbereitet sieht. Ich respektiere jeden Menschen, der sich davor drückt. Ich hab das auch lange getan. Moment …

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So. Also, es wird „romantisch“, ja? Romantisch heißt in diesem Zusammenhang: Miss Steel heilt den traumatisierten Sadisten durch Selbstaufgabe und, ja, durch Liebe *schnief*, und wird mit allem belohnt, was ein Groschenheft-Milliardär zu bieten hat.

  • Ein Meer aus giftigen Schnittblumen, für deren Produktion Menschen in Kenia leider der Zugang zu sauberem Trinkwasser verwehrt wird – denn das wird ja für die Produktion der Rosen für den Weltmarkt gebraucht. Rosen für Milliardäre sind eben einfach wichtiger, man muss Prioritäten setzen. Es ist auch nicht so, dass Mister Grey sich selbst gebückt hätte, um ein Gänseblümchen zu pflücken. Das kostet den einen Anruf und eine ganze Blumenhändlerkette stößt sich gesund! Danke, Christian, so viel Mühe wäre doch gar nicht nötig gewesen! 😀
  • Ein Feuerwerk, dass die Umweltsauerei einer Silversternacht in den Schatten stellt.
  • Ich weiß jetzt nicht genau, in welchem Teil, aber sie kriegt auch einen halben Apple-Store geschenkt, damit Google, die NSA und alle, die es sonst noch interessiert, genau verfolgen können, wann sie welchen Laden betritt und wie lange sie sich da aufhält. Und Mister Grey natürlich auch, der entwickelt ja Überwachungssoftware.
  • Diverse Sex-Spielzeuge, von denen ich euch jetzt leider nicht sagen kann, wofür die gut sind, aber da Miss Steel blöd geguckt und sich an der Lippe genagt hat, gehe ich davon aus, dass sie geil war. Oder sein sollte. Was in dem Weltbild bei einer gut funktionierenden Frau ja dasselbe ist. Ob sie’s wirklich ist, interessiert ja keinen, Hauptsache, der Film kurbelt den weltweiten Sextoy-Verkauf an.
  • Ohhh, ganz süße Kleidchen, wirklich! Und traumhafte Dessous! Christian kümmert sich einfach um alles! Was sein Besitz anzieht, was er isst, was er trinkt, welches Auto er fährt … Welche Frau wäre so blöd, sich da nicht geliebt zu fühlen?

So, ich muss jetzt hier eben was einschieben! Ich bin kein SM-Gegner, absolut nicht. Wenn eine selbstbewusste Frau freiwillig entscheidet, dass es ihr gut tut, sich mal vertrauensvoll fallen zu lassen und dem Mann die Führung zu überlassen, viel Spaß. Und wozu gibt es Safewords, eine eigenverantwortliche Sub sagt Bescheid, wenn sie etwas nicht möchte.

Miss Steel ist aber keine verantwortungsvolle Sub mit einem dominanten Partner, Miss Steel ist eine, wir nehmen langsam Fahrt auf, rrrrrrrrrrrr, Miss Steel ist eine strunzdumme, konsumgeile Schmalznudel, die hundert Jahren Frauenbewegung einfach so in den Arsch tritt! Aus purer Blödheit! Otto Ludwig Piffel würde sie als die verfaulte Frucht einer bourgeoisen Zivilisation bezeichnen! Karl Kraus würde sagen, sie ist ein Atom der Weltbanalität! Miss Steel ist einfach … RRRRRRAAAAA!

Alle braven Frauen stellen sich jetzt mal in einer Reihe auf und gehen dann zurück ins neunzehnte Jahrhundert!

Ja, Miss Steel ist ja Literaturwissenschaftlerin oder so was. Also, vielleicht ist sie eher das, was Nicht-Leser sich darunter vorstellen. Ihr Kleidungsstil soll glaube ich auch darauf hinweisen, scheint sich dann in der Praxis aber doch eher an Pädophile zu richten, die Frise einer Zehnjährigen, die süßen flachen Schühchen und die Mini-Röckchen in der A-Linie mit den süßen Blüschen, da fehlen eigentlich nur noch die Siebziger-Jahre-Zopfgummis mit lustigen Plastikkirschen und der Lolli im Mund, dann ist Pädo-Opis Lolita von nebenan schon fertig.

Aber meine persönliche Schlüsselszene in „50 shades 2“ war der Moment, wo Miss Steel auf die Frage, wieso sie noch Jungfrau war (Wieso wohl? Weil alle Frauen, die mit über 20 schon eine selbstbestimmte Sexualität haben, dreckige Schlampen sind!) antwortet, dass sie ja Austen und Brontë gelesen hat. Jetzt blubbert sofort wieder eine Nerdfrage in mir hoch: Welche der Brontë-Schwestern genau? Da gab es ja durchaus Unterschiede. Aber passen wir uns einfach mal Miss Steels Niveau an und da bleiben als „Traummänner“ eigentlich nur Heathcliff (Sturmhöhe) und Rochester (Jane Eyre).

Wieso Heathcliff als der romantische Held schlechthin gilt, habe ich nie verstanden. Der Mann ist ein brandgefährlicher Angstbeißer, der von völlig unreflektierten, destruktiven Aggressionen beherrscht wird. Rochester hält seine psychisch kranke Frau vor der Welt geheim, was im neunzehnten Jahrhundert durchaus verständlich war, wenn man noch irgendwo zum Tee eingeladen werden wollte. (Und wenn man es sich leisten konnte, einen Flügel des Familiensitzes „stillzulegen“, damit keiner die Irre schreien hört.)

Aber Rochester hält gleich zwei junge Frauen mit einem nicht offen ausgesprochenen Eheversprechen an der langen Leine, ohne zu sagen, was Sache ist. Nämlich, dass er gar nicht heiraten kann, weil er schon verheiratet ist. Das ist … fies, um es mal vorsichtig auszudrücken. Oder feige, um es direkter zu sagen. Aber immerhin hat er einen interessanten Konflikt, denn er sehnt sich nach Liebe, möchte aber die Dame seines Herzens auch zu einer „ehrbaren Frau“ (höhö!) machen. Damit gerät er aber in einen Konflikt mit der Gesellschaft, ein Dilemma, das jeder Poly nachempfinden kann, der sich schon mal die Nase an den vorherrschenden Konventionen gestoßen hat.

Und dann Jane Austen. Tja. Die gute Jane war zu ihrer Zeit innovativ und hat so Sachen gemacht, wie den Perspektivwechsel in den europäischen Roman einzuführen. Danke dafür, Jane. Aber Jane Austen war eine sanfte Satirikerin, aus deren Büchern auch viel bissige Frustration trieft – was kein Wunder ist, denn sie war eine analytisch denkende Frau mit Humor, die in Salons und Konventionen eingesperrt war. Aber Jane Austens männliche Helden sind allesamt Witzfiguren. Das sollten sie sogar sein. Jane wollte darstellen, dass Heldinnen ihres Standes nur eine einzige Frage selbst entscheiden konnten, um an ihrer Lebensgestaltung aktiv mitzuwirken: Welche der Flitzpiepen, die mich nehmen würden, hat denn das höchste Einkommen?

So. Und in diese Welt möchte Miss Steel also zurück. Den ersten Mann heiraten, der sie mit teuren Geschenken ins Bett lockt, der sie aus tragischen Ängsten heraus kontrolliert, gängelt und braucht. Was lernen junge Frauen aus diesem Rollenmodell?

  • Es gibt nichts schöneres, als „gebraucht“ zu werden.
  • Selbstbestimmte Sexualität ist wieder absolut pfui! Anständige Frauen wollen dann, wenn der Mann will. Natürlich nur „der Richtige“, also das Alphamännchen mit dem Hubschrauber. ansonsten würde frau sich ja unter Wert verkaufen.
  • Ein Mann wird dadurch attraktiv, dass er eine Frau haben will. Mehr muss der gar nicht machen, er ist ja ein Mann. Da hat man sich als Erwählte geschmeichelt genug zu fühlen. Selber denken ist nicht so gut. Es ist besser, wenn man passiv bleibt und hofft, dass man „einen abkriegt“. Mit dem, was man abkriegt, muss man dann eben arbeiten. Tja.
  • Verliebe dich in das Potenzial eines schwer traumatisierten sadistischen Neurotikers und heile ihn mit deiner selbstlosen Liebe. Damit nimmst du ihm zwar die Chance, sich endlich mal um sich selbst zu kümmern, aber zu was solltest du als Frau sonst gut sein? Ich empfehle Miss Steel an dieser Stelle das Buch „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit. Augenöffnend für alle Frauen, die immer noch als heilige Krankenschwester in Aktion treten!

Aber der Oberknaller ist:

  • Wenn ein Mann dich kontrolliert, gängelt, einsperrt, stalkt und überwacht, dann darfst du dich geliebt fühlen. Denn was sollte das sonst bedeuten?

Schließlich sind Besitzdenken, Kontrolle und Eifersucht die größten Liebesbeweise ever, ooooder? Eine Frau, die den Kopf hebt und sagt „Ach, lass mal, ich gehöre lieber mir selbst, behalte die Kontrolle über mein Leben und such mir Partner aus, die mich akzeptieren, wie ich bin!“ wird in der Welt der 50 Shades Fans ganz schnell zum Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft.

Was hat das jetzt alles mit Polyamorie zu tun?

Erst heute hab ich wieder in einer Polyamorie-Gruppe den Beitrag einer Frau gelesen, die müde und erschöpft davon ist, sich wie eine einsame Außerirdische zu fühlen, weil sie offen dazu steht, dass sie mehrere Partner lieben kann. Weil sie damit immer noch in die Schlampen-Ecke gestellt wird. Ich les das immer wieder überall und ich kenne das Gefühl so gut, dass es mich jedes Mal wieder traurig macht. Die Liebe einer polyamoren Frau wird ja auch in der Gesellschaft nicht ernstgenommen, denn was Liebe ist, definiert ja freundlicherweise Miss Steel für uns.

Auch polyamor lebende Männer können doch unmöglich lieben, oder? Sonst würden sie sich doch aufführen wie Herr Grey! Kontrollieren, eifersüchtig überwachen, gängeln und entmündigen. Ein echter Mann macht das doch, wenn ihm eine Frau etwas bedeutet! Vor allem lässt ein Kerl mit Arsch in der Hose sich ja nicht auf der Nase rumtanzen, indem er zulässt, dass die Alte fremdgeht! Damit bist du doch an jedem Nicht-Polystammtisch die Lachnummer!

Eigentlich wollte ich jetzt eine flammende Rede darüber halten, dass alle Menschen, die den Mut aufbringen, anders zu leben und offen dazu zu stehen, für mich einfach Helden sind. Weil sie bereit sind, ohne Rollenmodelle voranzugehen und immer wieder gegen blöde Vorurteile zu kämpfen. Gerade Frauen, die sich immer wieder aufrappeln, wenn jemand mit der Moralkeule auf sie eingeprügelt hat, verdienen einen großen, fetten Blumenstrauß, allerdings nicht aus Herrn Greys Gewächshäusern, sondern einen selbstgepflückten von einer echten Wiese.

Aber wisst ihr was? Ich bin jetzt gerade selber einfach nur müde. So müde, dass ich mich frage, ob es überhaupt Sinn hat, diesen Artikel zu veröffentlichen. Ist da draußen irgendjemand, den das interessiert? Oder haben die Miss Steels dieser Welt längst gewonnen? Sind polyamore Frauen, die sich selbst annehmen, wie sie sind, gegen alle Widerstände, die selbstreflektiert leben, handeln, kommunizieren, die Verantwortung für ein komplexes Polykül tragen und sich immer wieder den dämlichsten Vorurteilen stellen, wirklich die Schlampen der Gesellschaft? War alles umsonst?

Soll ich dir was sagen, Miss Steel? Alle finden dich süß und wollen so sein wie du. Aufopfernde Krankenschwester, allzeit verfügbares Sextoy und süßes Dummchen in einem. Das Überraschungs-Ei für den kleinen Milliardär. Aber für mich bist du einfach nur eine strunzdumme Fotze. Ätsch.

Jetzt geht’s mir besser. Mal gucken, vielleicht geh ich noch einen BH verbrennen.

Nachtrag: Liebe Freunde und Feinde, nach einer possierlichen kleinen Facebook-Diskussion, die leider hinter verschlossenen Türen stattfand, musste ich einen zweiten Teil nachlegen, den ihr hier findet. Holt euch besser eben noch ein paar Kekse.