Tatort über Polyamorie: Knapp daneben ist auch vorbei!

Tatort über Polyamorie: Knapp daneben ist auch vorbei!

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Tatort-Kritik schreiben würde, für die mich keiner bezahlt (normalerweise mach ich so was nur für Geld), aber heute muss das sein. Denn der Tatort vom 21.5.2017 war zwar mit dem Schlagwort Polyamorie getaggt, hatte aber mit Polyamorie so viel zu tun wie ein Kaspertheater mit artgerechter Krokodilhaltung!

Und weil wir hier bei Sookie sind, überlasse ich die sachliche Berichterstattung dem Polyamorie-Magazin (ohne das ich von dem Drama nie erfahren hätte), da findet ihr auch einen Link zur Inhaltsangabe, falls ihr am Sonntag-Abend tatsächlich was besseres zu tun hattet, als Glotze gucken.

Ich hatte mir extra den einzigen Fernseher in unserer WG reserviert und musste dann erst mal die Flaschen und Pizzareste von der kleinen Party gestern Abend entfernen, weil ich nicht die spektakulären Actionszenen durch eine PET-Flasche verfolgen wollte und dann ist mir dummerweise der Milchreis auf die Wolldecke geklatscht, aber das hat alles mit Polyamorie so viel zu tun wie der Tatort selbst.

Auch an Tatort-Kommissaren geht das Leben nicht spurlos vorüber!

Grundsätzlich kann ich sagen: Ich war schockiert. Als ich das letzte Mal einen Tatort aus München gesehen habe, hatten die Kommissare nämlich braune Haare und jetzt sehen die aus wie Schafe! Weiße Wolle! So was macht mich immer ganz melancholisch. Diese Vergänglichkeit. Eines Tages werden wir alle tot sein. Tja.

Vorher sind aber die Mordopfer dran und das waren in diesem Fall ahnungslose Damen, die alle eine Beziehung zum selben Mann zu haben glaubten. Wahrscheinlich hatten sie sogar wirklich eine, also die Damen, aber er nicht so unbedingt. Also nicht im klassischen Sinne. Oder doch. Eher im so klassischen Sinne, dass ich eingeschlafen wäre, wenn ich mir nicht fest vorgenommen hätte, über dieses Event zu bloggen.

Der Herr hatte nämlich ein Problem. Für mein Empfinden wurde da die ganz tragische Geschichte eines sexsüchtigen Mannes dargestellt, der mit „patriarchaler Beschaffungskriminalität“ sein Leben organisiert. Heimlichkeiten, Lügen, Verschleierungstaktik. Aus der Geschichte hätte man – vollkommen fern vom Thema Polyamorie – tatsächlich ein Drama mit Tiefgang machen können, was aber leider nicht geklappt hat.

Denn im Tatort-Zyklus stand mal wieder eine „heitere“ Folge auf dem Programm. Also, öffentlich-rechtlich heiter, ihr versteht mich schon. So heiter wie dieses biedere Beruferaten mit Robert Koch. Hieß der so?

Da gab es auch immer diese Raterunde mit den Schlafbrillen, die aus heutiger Sicht aussehen wie ein Vorläufer von 50 Sha … kann aber auch sein, dass ich mich da vertue, als das im Fernsehen kam, hatte ich noch „Kimba, den weißen Löwen“ auf dem Schlafanzug. Äh, verliere ich gerade den Faden?

Die Komik war nicht komisch, aber die unfreiwillige Komik hatte was!

Tatort, genau! (Fernsehen verwirrt mich immer so!) Also, der Herr war ein erfolgreicher Architekt und mir persönlich hat sich der Charme dieses „Serientäters“ nicht ganz erschlossen, aber muss ja auch nicht. Was mich etwas irritiert hat, waren die Augenbrauen, die aussahen wie schwarze Filzuntersetzer. Man hatte das Bedürfnis, dem Herren dazu zu gratulieren, dass Theo Waigel damals die Augenbrauensteuer aus Eigeninteresse nicht durchgedrückt hat. Also, ich mein … ich weiß. Äußerlichkeiten werden total überbewertet, aber ich bin schließlich auch nur ein schwach und wankelmütig Weib, und, Mädels, könntet ihr unter einem Mann liegen, wo ihr immer denkt, gleich fällt – plopp – eine Augenbraue ab und ihr habt das Ding als Seehundebart im Gesicht hängen und seht plötzlich aus wie der Genosse Stalin?

Besonders irritierend fand ich immer die Gegenschnitte Weißer-Wollkommissarkopf/Schwarzer-Filzuntersetzer/Weißer-Wollkommissarkopf, und das alles mit einer geradezu murnauesken Beleuchtung, das fand mein hochbegabtes Gehirn leider so komisch, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich auf die Dialoge zu konzentrieren, aber die waren vielleicht auch gar nicht so wichtig.

Wichtig war in unserem Zusammenhang, dass der Herr vier bis fünf (eine ließ er gerade auslaufen) parallele Beziehungen führte und nur eine der Damen von den anderen wusste, die anderen lebten im Tal der Ahnungslosen, und das nicht in der Zone, sondern mitten in München. Die waren jahrelang mit ihm zusammen und dachten alle, sie wären die einzige Frau in seinem Leben. Und das hat nichts, nie nichts, aber auch rein gar nichts, mit Polyamorie zu tun. Datt war schlicht und ergreifend Betruch.

Erstmal muss jetzt kurz eine Definition her, tut mir leid für die, die sie auswendig kennen, aber das muss jetzt sein. Polyamorie setzt immer Einvernehmlichkeit und Transparenz voraus. Also: Jeder weiß, wo er dran ist und erklärt sich damit auch einverstanden. Hinterm Rücken Fremdgehen und „Was die nicht weiß, macht die nicht heiß!“-Spielchen gibt es da nicht.

Und in der geschätzten ersten Stunde fiel der Begriff Polyamorie in diesem Tatort auch nicht, die Kommissare waren auch viel zu beschäftigt damit, immer neue Geliebte ausfindig zu machen und denen mehr oder weniger schonungslos ins Gesicht zu sagen, dass sie nicht die einzige Gespielin sind.

Und ganz ohne Witz. Ich fand den Tatort nicht besonders gut gespielt, man hat seltsamerweise keine Sekunde vergessen, dass das alles nur Schauspieler sind, die auswendig gelernte Sätze aufsagen. Nicht nur wegen des schrecklichen Vintagefilters, den die überall draufklatschen, wirkte die ganze Veranstaltung wie eine uralte Wiederholung von „Der Alte“ um drei Uhr morgens auf Dreisatz. 3sat. Mist.

Aber diese Szenen, wo einer Frau nach der anderen serviert wurde, dass sie jahrelang mit einer Illusion gelebt hat, waren richtig gruselig. Kann einem auf der Beziehungsebene etwas schlimmeres passieren, als zu erfahren, dass der Mensch, dem man vertraut und geglaubt hat, einen die ganze Zeit betrogen, hintergangen und belogen hat?

Dem Herrn Augenbraue, der trotz allem das Etikett „charmanter Filou“ im ganzen Tatort einfach nicht richtig los wurde, fehlte da allerdings jede, jede!, Empathie. Er fand sein Leben perfekt, bis jemand anfing, seine Frauen (Gebrauchsgegenstände wäre aus seiner Sicht passender) umzubringen. Um es wissenschaftlich auszudrücken: Diese Arschkrampe war einfach nur zum Kotzen. Schade nur, dass diese Thematik nicht mehr Raum in der Story bekam und noch schadiger nurer, dass dieser Dienstmädchenficker aus dem neunzehnten Jahrhundert nicht ganz klar als nicht polyamor rausgearbeitet wurde.

Aber dann! Dann witterte ich Morgenluft. Denn die einzige Gespielin, die von den anderen Frauen wusste, erklärte den Wollköpfen, dass Herr Augenbraue nicht polyamor ist, da er seine Partnerinnen ja betrügt. Sie dagegen sei polyamor. Im ersten Moment dachte ich naives Schaf: „Ah, endlich spricht eine Figur den Unterschied so klar aus, dass selbst ein RTL-Zuschauer ihn verstehen würde!“ Im zweiten Moment dachte ich: „Hö?“

Im dritten Moment richtete ich mich so empört auf, dass mir die Chipstüte von der Couch fiel, und zwar mit der Öffnung nach unten. Scheiße, Sauerei! Die einzige Figur, von der ich gedacht hatte, dass sie für öffentlich-rechtliche Verhältnisse fast so was wie eine subversive Sympathieträgerin sein könnte – nee, halt. Das war ganz anders. (KAFFEE! ICH BRAUCH HIER GANZ DRINGEND MAL EINEN KAFFEE!)

Verschissen hatte die blöde Sau schon bei mir, als Augenbraue zu ihr eilte, um ihr zu sagen, dass er gerade erfahren hatte, dass eine seiner Frauen ermordet worden war.  Also. Wenn ich einen Partner hätte, der völlig aufgelöst zu mir kommt und sagt, eine Frau, die er liebt, ist gerade ermordet worden, dann würde ich den in den Arm nehmen und wahrscheinlich eher mit dem Heulen anfangen als er. Weil sein Schmerz mich ganz abgrundtief traurig machen würde. Das würde mir glaub ich sogar passieren, wenn ich monogam wäre! Erst würde ich heulen und klagen und dann irgendwann fragen: „Hö? Moment mal, von welcher Frau reden wir hier?“ 😀

Jedenfalls würde ich nicht das tun, was die „polyamore“ Frau im Tatort getan hat! Erstmal schön lecker die Jean Harlow Nummer abziehen! Would you be shocked if I put on something more comfortable?

Wirft sich da sofort in ihr glitzerndes Sateng-Bademäntelken und bläst dem Typen erstmal die Rübe weg. Danach hat er dann auch kurz melancholisch geguckt. Ja, so sind sie, die Polys! Auch der Mechanismus, Gefühle wie Trauer nicht zuzulassen, sondern durch Sex wegzudrücken, rückte diesen Tatort für mich eher in Richtung Sexsucht als in Richtung Polyamorie, und die beiden haben ja ungefähr so viel miteinander zu tun wie eine Silberplatte mit dem Mond. Für Leute, die keine Ahnung haben und auch nicht haben wollen, sieht das eben beides ähnlich aus.

Jedenfalls schoss diese laszive Dame ein fatales Eigentor und manifestierte ein Vorurteil, gegen das echte Polyfrauen dann mal wieder kämpfen können. Der Knaller ist ja nicht polyamor, sie schon. Denn Polyamorie erfordert Offenheit und Einvernehmlichkeit. Hallooo? Wieso macht sie sich dann zum Werkzeug, mit dem andere Frauen gegen ihren Willen betrogen werden? Damit hat sie sich in meinen Augen zur Walking Bitch qualifiziert und andere können den Scherbenhaufen dann eben wieder wegmachen. Danke, liebe ARD!

Fazit?

Der Tatort gilt als eine Art Seismograph der Gesellschaft. Wenn ein Thema es in den Tatort schafft, wird es innerhalb der Medienlandschaft als „irgendwie“ relevant eingestuft. So weit, so gut. Und natürlich ist jedem klar, dass ein 90 minütiger Krimi immer nur Klischees anreißen kann und letztendlich nie mehr ist als Unterhaltung.

Dieser als „witzig“ getarnte Tatort war aber so konservativ, wie man sich als Nordlicht Bayern vorstellt. Die männliche Hauptrolle war ein alberner Seppl, der hinter seinem Schwanz herlief wie der Esel hinter der Möhre an der Angel. Monogame Frauen waren eine einheitliche Masse aus naiven, liebessüchtigen Dummchen, die jahrelang nicht peilen, dass ihr Mann noch vier andere Beziehungen laufen lässt. Die einzige „polyamore“ Frau strotzte vor selbstgefälliger Doppelmoral, hat „Einvernehmlichkeit“ und „Einbahnstrasse“ verwechselt und wollte dem Esel sowieso nur an die Möhre.

Wirklich gut weggekommen ist da keiner. Als Sahnehäubchen hatte Kommissar Schafskopf eine Affäre mit einer verheirateten Frau, die nach dem Sex nicht zum Essen geblieben ist, weil ihr Mann drauf gewartet hat, dass sie vom Pilateskurs kommt. Da hab ich mich gefragt: Hö? Hat der Gatte keine Nase? Das riecht man doch, wenn der vertraute Partner direkt aus einem fremden Bett kommt! Oder stürmt die Frau einfach zu Hause rein und ruft: „Hach, Schatz, ich bin vom Sport ganz verschwitzt, ich geh erst mal duschen!“?

Ich versteh das alles nicht. Ich hätte zum Fremdgehen gar nicht die Nerven! Nee, das war alles viel zu aufregend für mich. Ich halte es dann lieber mit Francois Villon und bleibe unter dem Hollunderstrauch, auf den noch nie ein Stern hernieder schien. Tatort gucken ist nichts für mich. Sookie ab.