Wieso mir von durchtrainierten, nackten Männern auf Buchcovern nur noch schlecht wird

Wieso mir von durchtrainierten, nackten Männern auf Buchcovern nur noch schlecht wird

Body

Heute in der Reihe „Sookie riskiert ein paar auf die Fresse“: Warum reduzieren wir am Buchmarkt eigentlich Männer auf stets verfügbare, willige Fleischklumpen?

Ja, ich bin es wieder, eure Sookie, der Scout für Trends, die keinen interessieren! Und heute regt mich was auf. Aber so richtig. Exemplarisch für den Grund meiner neusten verbalen Explosion habe ich euch wieder ein schönes Foto gebastelt und mache jetzt mit euch einen Test. Also, wir gucken jetzt alle auf das Foto des leicht bekleideten Herren und merken uns dann, was wir dabei gedacht haben.

Denkst du a)

„Boar, hat der einen geilen Body! *sabber* Und guck dir die fette Uhr an, das ist bestimmt eine Rolex, der hat Kohle! Und hat der da eine Krawatte um? Der ist bestimmt voll der Business-Hai, schade, dass der Hubschrauber nicht im Bild ist! Ich wünschte, mich würde so einer mal auspeitschen! Ist das eigentlich ein Buchcover? Wo krieg ich das denn?“

Wenn das Foto diese Assoziationskette bei dir freigesetzt hat, gehe zu Facebook und such dir ein einschlägiges Buch aus. Eine Assoziationskette ist übrigens, wenn man mehrere Gedanken nacheinander denkt.

Denkst du b)

„Hat der arme Kerl das nötig, für solche Bilder zu posieren? Wie viel Zeit verbringt der wohl in der Muckibude, anstatt Wale zu retten, Omas über die Straße zu helfen oder Bücher zu lesen? Und die dicke Klunkeruhr ist wahrscheinlich aus dem 1-Euro-Shop oder vom Laster gefallen, aber Hauptsache, einen auf dicke Hose machen …“

Herzlichen Glückwunsch, du bist auf dem richtigen Weg und könntest an diesem Artikel Spaß haben. Hol dir aber vorher noch einen Schokoriegel. Kohlenhydrate helfen dir, die kommenden Informationen zu verarbeiten!

Denkst du c)

„Wenn ich noch ein Buchcover mit Sixpack sehe, schreie ich! Sind die Sufragetten auf die Straße gegangen, damit wir jetzt den Spieß umdrehen und Männer zu Lustobjekten reduzieren? Wie primitiv kann die Menschheit eigentlich noch werden?“

Mach dir einen schönen Kräutertee, bevor du den Artikel liest und bring dir gleich Taschentücher mit, denn du wirst Tränen lachen und Tränen weinen!

Das ist so bescheuert, dass mir gerade gar keine Zwischenüberschrift einfällt, SO bescheuert ist das!

Also. Heute scrollte ich so über meine Facebook-Startseite und da passierte mir folgendes. Mein Auge blieb hängen an einem dieser ewigen „Ich wünsche euch allen einen wunderschönen guten Morgen, guden Middach, Kaffee mit Kuchen, Feierabend, gute Nacht, ich bin ja nicht so oft auf Facebook, aber ich schicke euch zu jeder Tages- und Nachtzeit Grüße, lasst mir ein Like da“-Posts hängen. Ihr kennt das, diese Leute, bei denen man sich fragt, ob die eigentlich Studenten dafür einstellen, dass sie rund um die Uhr das Profil bespielen. Autorenmarketing halt. Und normalerweise sind auf diesen Posts Bildchen von Cappuchino-Tassen mit draufgepuderten Kakaoherzchen, ganz zauberhaft arrangierte Kalorienbomben oder Glitzerkätzchen, die sich mit regenbogenfarbigen Einhörnern Zuckerwattebällchen zuwerfen. Aber jetzt geht der Trend zum … ich muss weiter ausholen.

Da werden Weiber zu Hyänen

Wie kritisch ich Facebook und dem dort praktizierten Autorenmarketing gegenüberstehe, wisst ihr. Ich investiere lieber Zeit und Energie in diesen Blog als „Marketinginstrument“, um vielleicht die Leser zu erreichen, die denken: „Endlich mal eine Gegenstimme!“. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich mit dem Gefühl, eine Gegenstimme sein zu wollen, nicht allein bin, wie eure vielen klugen Kommentare in diesem Blog immer wieder beweisen. Und gegen eine Sache muss ich jetzt mal richtig wettern!

Liebe Frauen!

Ich habe nun mal Social Media Profile, weil ich darüber auch seltene und total inspirierende Kontakte zu Autorinnen finde, die nicht den Mainstream bedienen (Mädels, ich liebe euch und bin froh, dass ihr da seid!). Aber ich sehe auch die andere Gruppe, die große Gruppe. Und wisst ihr, was da passiert? Da werden zum „Guten Morgen“, zum „Kaffee“ und zum „Gute Nacht!“ vollkommen sexistische, plakative Bildchen von nackten Männern gepostet, die nur noch aus Steroiden, Tattoos, Oberarmen wie LKW-Reifen und akribisch enthaarten Körpern bestehen. Diese Männer wälzen sich entweder mit „sinnlichem“ Gesichtsausdruck jederzeit verfügbar auf Betten oder die Köpfe sind einfach gleich abgeschnitten. Wer interessiert sich schon für das Gesicht! In dem könnte man ja vielleicht Gefühle oder Gedanken lesen, oder er könnte sogar was sagen, wenn er einen Kopf hat!

Und ganz ehrlich? Wenn ich sowas sehe, könnte ich kotzen. Vor gut hundert Jahren sind Frauen im Knast mit Schläuchen im Hals zwangsernährt worden, weil sie als letzten Ausweg in den Hungerstreik getreten sind, um das Wahlrecht zu erkämpfen. Wir haben gegen Diskriminierung, gegen Sexualisierung, gegen das Vorurteil gekämpft, dass Bildung an Frauen verschwendet ist, weil sie ja sowieso nur als Gebärmaschine und kostenlose Haushaltskraft zu gebrauchen sind. Wir wissen, wie beschissen sich das anfühlt, reduziert und sexualisiert zu werden. Und viele von uns haben Kopf und Kragen riskiert, um es für die kommenden Generationen besser zu machen. Auch für Männer!

Wir wollten Respekt und Gleichberechtigung. Und jede Wette: Jede der Autorinnen, die solche Bilder posten und jede der Leserinnen, die sabbernd darunter kommentieren „Oh, was für eine heiße Sahneschnitte, ich wünsch dir auch ganz süße Träumchen!“ („Wichsfantasien“ wäre in dem Zusammenhang wenigstens noch ehrlich!), würde sofort unterschreiben, dass Emanzipation ja „irgendwie“ auch wichtig ist. Sind ja alles selbstbewusste, emanzipierte Frauen, die Gleichberechtigung einfordern.

Frauen, die Männer reduzieren, reduzieren sich selbst

Und auch, wenn die Frauen, die solche Bilder kursieren lassen und solche Sprüche darunter setzen, diesen Artikel wohl nie lesen werden, es muss einfach mal raus: Auch, wenn sie ein bisschen anders aussehen und nicht ganz so viel reden, Männer gehören zur selben Spezies wie wir. Sie haben Gefühle, Gedanken, Ängste, Wünsche, Ziele, Visionen und wünschen sich genau so viel Respekt und Anerkennung wie jeder andere Mensch auch.

Männer und wir sind die Seiten derselben Münze. Glaubt ihr ERNSTHAFT, dass ihr emanzipiert seid, wenn ihr jetzt die armen Kerle auf ach so sexy definierte Bodys, aber leider ohne Kopf, reduziert? Wenn wir Frauen Männer zu ewig verfügbaren, immer willigen Fleischbrocken herabwürdigen? Wir sind alle Menschen, und dadurch, dass wir Männer auf hirnlose Sexmaschinen reduzieren, machen wir ein paar tausend Jahre Unterdrückung nicht ungeschehen, wir reduzieren nur uns selbst.

Ich will euch mal sehen, wenn Facebook nur noch von Bildern mit nackten, weiblichen Körperteilen überschwemmt wird und darunter haufenweise Männer kommentieren: „Geile Wichsvorlage! Die Sahneschnitte würde ich auch sofort knallen!“ Ohne jeden Gedanken daran, ob die „geile Wichsvorlage“ das vielleicht auch möchte. Denkt vielleicht einfach mal darüber nach, bevor ihr euch das nächste mal selbst feiert, weil ihr so „emanzipiert“ seid, Männer als wandelnde Dildos zu betrachten und demonstrativ öffentlich zu sabbern. Ein MANN dürfte sich das mit euch nicht erlauben! Und Gleichberechtigung kann nur für alle gelten, sonst ist sie keine.

Gleichberechtigung ist nicht Gleichmachung

Karl Kraus hat gesagt: „Die Erotik des Mannes ist die Sexualität des Weibes.“ Über Karl Kraus kann man sagen, was man will, er war halt ein zynischer harter Knochen und man kann ihn für frauenfeindlich halten, wenn man noch nicht genug von ihm gelesen hat, um zu merken, dass er menschenfeindlich war, um das noch näher einzugrenzen: Er ertrug keine dummen Menschen. Es gibt Tage, da kann ich das nachvollziehen.

Aber mit obigem Zitat hat Karl, auch wenn ich mich bemühen würde, das differenzierter auszudrücken, Recht. Gleichberechtigung muss heißen, dass wir alle die gleichen Rechte haben. Jeder darf so sein, wie er möchte, solange er keinem anderen schadet. Schwule müssen schwul sein dürfen, asexuelle Menschen müssen glücklich damit sein dürfen, dass sie lieber Briefmarken sammeln oder Blumen pflanzen, als Paarungsritualen nachzujagen, ich bin sogar der Meinung, dass gläubige Menschen ihre Religion ausüben dürfen müssen, solange sie ihre Dogmen für sich behalten, auch wenn ich persönlich da ein echtes Problem mit habe. Aber Gleichberechtigung gilt wie gesagt für alle oder keinen. Und deswegen müssen Männer auch Männer sein dürfen und Frauen Frauen. Und wir sind nun mal verschieden.

Zurück zu Karl, der arme Kerl hängt da die ganze Zeit in der Warteschleife, weil ich hier wieder nicht zu Potte komme. Was Karl da etwas platt sagen wollte: An dem Punkt, wo (viele, nicht alle) Männer denken „Uh, jetzt wird das aber langsam kribbelig!“, denken (viele, nicht alle) Frauen: „Huch, das ist ja Sex!“ Und das ist völlig okay und hat einen ganz einfachen Grund. Frauen nehmen Sex anders wahr als Männer.

Egal, wie emanzipiert wir sind, was für große Trucks wir fahren, wie viel Kohle wir scheffeln oder ob wir Soldatinnen werden und unschuldige Zivilisten umnieten, beim Sex sind wir Frauen – rein biologisch betrachtet, ich rede jetzt vom körperlichen Aspekt! – der passive Part. Wir müssen uns öffnen und jemanden in uns eindringen lassen. Und das ist einfach was anderes, als selber einzudringen, das macht was mit uns.

Jemanden in seinen Körper zu lassen kann man ganz schwer davon trennen, jemanden in seine Seele zu lassen, und das ist ja auch gut so. Aber wenn wir das doch wissen, wenn wir wissen, dass die Männer, mit denen wir schlafen, auch in unseren Seelen Spuren hinterlassen, dann ist es doch gut, sich die Kerle vorher genauer anzusehen. Wenn wir dagegen versuchen, genau so – sorry, liebe Männer, ich meine das jetzt tatsächlich ironisch bis rhetorisch – sexbesessen und notgeil zu werden wie Männer, tun wir uns da selber keinen Gefallen mit.

Meine Damen, wo ist eure Wertschätzung für euch selbst?

Wir alle finden Kerle, die nur auf „Arsch & Titten“ gucken doof. Was muss das für ein primitiver Flachschädel sein! Oder? Da sind wir uns doch einig. Und dann gackern und sabbern wir los, wenn ein nackter Muskelprotz sich auf einem Foto wälzt. Ich gebe zu: Als ich das Foto gesehen habe, war mein erster Gedanke, wenn ich den in meinem Bett gefunden hätte, ich hätte als erste Reaktion so gelacht, dass ich quieke wie ein Meerschweinchen und Schnappatmung kriege.

Denn ganz abgesehen davon, dass ich diesem allzeit willigen und verfügbaren Alphamännchen nicht unterstellen würde, dass er Interesse daran hätte, eine intellektuelle olle Schrulle wie mich zu „beglücken“, wäre das für mich auch gar keine Beglückung! Ey, hallo? Ein Mann muss Grips haben, Witz haben, menschliche Wärme, Intellekt, wenn die Intelligenz aus seinen Augen sprüht, wird der von ganz alleine schön, aber das? Ich bin echt kein Moralapostel, nonono, tobt euch aus und genießt eure Sinnlichkeit in vollen Zügen, aber in Sinnlichkeit steckt die Silbe „Sinn“! Aber wenn ich den „Sinn“ eines Mannes darauf reduziere, dass er dekorativ ist, wenn er nackt auf dem Rücken liegt, dann kann ich auch gleich so konsequent sein zu sagen: „Ich nehm den Neger, der passt besser zur Bettwäsche!“

Und nur so als kleiner Einschub: Klar bedienen Bücher Träume. Aber jede Frau weiß, wie es ist, mit dem Schönheitswahn leben zu müssen. Jetzt überlegt mal, wie ganz normale, liebenswerte, echte Männer sich fühlen, wenn wir sie zuballern mit omnipräsenten Fotos von den Zuchtbullen, von denen wir ja wohl alle angeblich träumen? Was soll das werden: Wie du mir, so ich dir?

Und muss ich als Frau mich so abwerten, dass ich, vorsicht, unverblümt, sofort feucht werde, weil sich der heißeste Quaterback der Schule vor mir räkelt und meint, das reicht, um mich rumzukriegen? Sorry, aber da hab ich einfach andere Präferenzen! Jeder darf natürlich die Präferenzen haben, die er haben will, aber … Oh, Gott! Wisst ihr, was mir gerade auffällt? Gibt es wirklich Frauen die so primitiv, zynisch und gefühllos sind, dass sie sagen: „Scheiß drauf was der Kerl fühlt und denkt, ich nehm den eh ja nur zum Ficken!“?

Wird der Buchmarkt deshalb überschwemmt mit Covern, auf denen groteske Sixpacks ohne Köpfe zu sehen sind? Frauen sind es, die Bücher schreiben über die Gefangene des „fesselnden“ Millardärs, der sie so lange vergewaltigt und ankettet, bis sie ein Stockholm-Syndrom entwickelt und sich eingesteht, dass sie diesen faszinierenden Schuft ja doch liebt. Das wird dann öffentlich als „Happy End“ wahrgenommen. Frauen schreiben Bücher über andere Frauen, die entführt und von Sklavenhändlern zur Sexsklavin abgerichtet werden, damit sie auf dem Sklavenmarkt mehr Geld bringen. Aber solange das vor der wilden Kulisse Tortugas spielt und die Vergewaltiger muskulös und tätowiert sind, ist das ja traumhaft schön! Und solche Bücher entdecke ich nicht etwa, weil ich im Sexshop frage, was die denn Pikantes unterm Ladentisch haben, sondern weil das auf Facebook ganz stolz offen gepostet und bejubelt wird, oder weil ich auf Amazon unter MEINEN Büchern anklicke: „Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch …“

Da wird das gewaltsame Brechen von Opfern romantisch verklärt. Und, sorry, Mädels, diese Bücher werden nicht geschrieben von Triebtätern, die während ihrer Haft den Schriftsteller in sich entdecken. Diese frauen- UND männerverachtende Scheiße wird von Frauen auf den Markt geworfen. Und das haufenweise. Oh, jetzt hab ich wieder was gegen andere Autorinnen gesagt, ich Nestbeschmutzerin. Da spricht wieder der Futterneid aus mir. Ganz ehrlich? Jetzt gerade würde ich wer weiß was drum geben, einfach nur primitiven Futterneid zu haben, anstatt das gesamtgesellschaftliche Problem zu sehen. Das Problem einer Gesellschaft, in der meine Töchter aufwachsen.

Eigentlich wollte ich mit diesem Artikel nur eine lustige und vielleicht etwas bissige Satire darüber schreiben, wie absurd ich es finde, wenn Frauen versuchen, die schlimmeren Männer zu sein und Männer auf das Prädikat „willige Sahneschnitte“ reduzieren. Aber manchmal bleibt selbst mir das Lachen im Hals stecken. Jetzt gerade steckt mein Tunnelblick ziemlich fest und mir wird ein bisschen schlecht. Wenn ihr eine Chance seht, mir zu sagen, dass es noch andere Menschen gibt als schreibende Triebtäterinnen, dann tut das bitte, Männer wie Frauen. Jetzt gerade könnte ich ein bisschen Seelennahrung wirklich brauchen.

Eure Sookie, die wohl mal wieder polarisiert, weil sie gar nicht anders kann