Der Schauplatz: Ostfriesland!

Der Schauplatz: Ostfriesland!

Unendliche Weiten. Die Luft duftet süß und klar, bis der Wind einen Hauch von Salz ins Land weht. Der Himmel ist über Ostfriesland so weit wie nirgendwo sonst. Ebbe und Flut bestimmen das Leben der Menschen. Besonders die Flut der Urlauber im Sommer und die Ebbe in der Haushaltskasse im Winter. Aber die Ostfriesen überstehen jede Sturmflut, denn um drei gibt es Tee. Drei Tassen sind Ostfriesenrecht!

Polyamorie? Liebe zu dritt?

Polyamorie? Liebe zu dritt?

Liebe zu dritt ist ein verdammt aufregendes Abenteuer!

John muss ganz gewaltig umdenken, was gar nicht so leicht ist, wenn man frisch verliebt auf einer bunten Hormonflut durchs Leben gespült wird wie ein hilfloser Korken! Dass er als Mann heimliche Affären hat und diskret versucht, niemanden zu verletzen, ist ja normal, aber eine Frau, die ganz offen dazu steht, dass sie zwei Männer liebt? Frauen sind doch immer die, die auf Treue bestehen und Männer „einfangen“ wollen, oder nicht? John WILL aber jetzt eingefangen werden! Wieso kann Anna ihn nicht einfach so an die Kette legen, wie sich das gehört? Wäre das nicht ein Liebesbeweis? Diese Liebe zu dritt ist doch eine vollkommen verkehrte Welt! Ist das überhaupt Liebe? John muss eintauchen in eine Welt, die ihn abschreckt und gleichzeitig fasziniert …

Ostfriesentee und Literatur – sexiest unsexy couple ever!

Ostfriesentee und Literatur – sexiest unsexy couple ever!

Lebenselixier!!!
Lebenselixier!!!

Da ich im Moment total fokussiert darauf bin, Beziehungsstatus-Band 3 fertig zu überarbeiten, muss ich jetzt erst mal umschalten, um in den Blogger-Modus zu wechseln, aber zusammen kriegen wir das schon hin. Die Autoren unter euch kennen das garantiert, in der heißen Schreibphase schüttet man ähnliche Hormone aus als wäre man frisch verliebt und kann an nichts anderes mehr denken.

Neulich hab ich sogar in meinem verpeilten Tüdelkopf einem Bekannten irrtümlich den Vornamen einer meiner Romanfiguren verpasst. Meine kuppelsüchtige Tochter, die sich immer einen Spaß daraus macht, »Fan-Fiction-Couples« aus mir und ahnungslosen Herren aus Funk und Fernsehen zu basteln, fragte nur mit diesem »Gibt es irgendwas, was ich wissen sollte?«-Grinsen: »Ach, nee, Mama, wer ist denn Sven?«

Ja, mein Gott, Sven, Thorben, wer kann diese schwedischen Männernamen schon auseinanderhalten, für mich klingen die alle, wie IKEA-Möbel. Ich hatte sogar mal einen Tisch, der hieß »Nils Gammelgard«, da ist auch nichts gelaufen! *augenroll*

Auf jeden Fall bin ich im Moment (mal wieder) extrem verpeilt und was hilft mir da? Der ostfriesische Zaubertrank mit einem Buchstaben: T. Tee ist einfach die perfekte Nervennahrung und kurbelt so angenehm das Gehirn an. Wahrscheinlich schreibe ich deshalb auch Grips-Lit, keine Chick-Lit, oder Bestseller a la »Im Folterkeller des Milliardärs«, weil ich das Zeug literweise saufe.

Und weil mich jetzt schon mehrfach Leserinnen auf das Phänomen Ostfriesentee angesprochen haben, lege ich kurz entspannt die Arbeit nieder und widme diesem Bölkstoff für Intellektuelle, die keinen Rotwein mögen, einen Artikel. Damit ihr euch beim Lesen meiner Bücher das echte Ostfriesland-Feeling noch besser vorstellen könnt und es vielleicht auch mal selber ausprobieren könnt – und zwar so, dass ihr selbst im »Kluntjehaus« mitmischen und auch vor Eugens unbestechlichem Blick bestehen könntet!

In Ostfriesland ist Tee kein Getränk, sondern ein Ritual!

Ja, noch lacht ihr, aber ihr wisst ja noch gar nicht, was auf euch zukommt! Die ostfriesische Tee-Etikette ist nämlich ein extrem flutschiges diplomatisches Parkett! Aber ohne Tee geht in Ostfriesland gar nichts. Mit Tee dagegen ist man den Katastrophen des Lebens einfach besser gewachsen.

In den Beziehungsstatus-Romanen ist der Tee am Nachmittag eine feste Einrichtung und der Rettungsanker im Tag. Man weiß als verpeilter Künstler gerade nicht, an welchem Haken das Universum eigentlich festgemacht ist, wieso man als Genie immer so durcheinander kommt, wenn man sich die Schuhe zubinden will, wieso die letzte Nacht so verwirrend war? Was mag die durchgeknallte Elfe wohl gemeint haben mit »Du mich auch!«, hm? John? Meinte sie vielleicht »Ich dich auch!«, oder doch »Vielleicht«?

Klar, dass man da verdammt guten Treibstoff braucht, um das durchzuhalten. Und das gilt nicht nur für vom Leben durchgeschüttelte Romanhelden. In Ostfriesland machen das alle so. Der Regen kommt mal wieder frontal von vorne, obwohl man sich doch bei Sonne aufs Fahrrad gesetzt hat? Der Auspuff des Autos ist mal wieder am vom Moorboden verbeulten Feldweg hängen geblieben? Die Touristen reisen alle ab, weil das Wetter ihnen zu schlecht ist? Der Nachbar hat auf dem Heimweg vom Schützenfest in den Strandkorb auf der Terrasse gekotzt? Der Wind fegt die Schafe waagerecht vom Deich? Macht ja nichts, um drei gibt es Tee!

Der Tee erfüllt in Ostfriesland gleich mehrere Funktionen. Zum einen ist das eine Sache des Prinzips. Die Ostfriesen sind ein freiheitsliebendes stolzes Volk und machen ihre eigenen Gesetze, und das wichtigste Gesetz heißt: »Drei Tassen sind Ostfriesenrecht!«

Es gibt also drei Tassen um drei, das können sich auch die bedauernswerten Menschen merken, die jenseits des Kluntje-Äquators zur Welt gekommen sind. Der Kluntje-Äquator verläuft glaube ich irgendwo zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg, ich hab aber jetzt vergessen, eine Anfrage an Aldi-Nord zu schicken, bis wo genau die dicken Kandisklumpen im Standardsortiment sind.

Tee ist also eine Sache des Prinzips, erfüllt aber noch ganz andere Funktionen. Erstens: Lecker! Wenn man sich einmal an die Plörre gewöhnt hat, kann man einfach nicht mehr ohne. Zweitens: Macht wach! Drittens: Tee stärkt soziale Bindungen! So, wie Katzen, Hunde und Pferde sich gegenseitig das Fell pflegen oder sich beim Schlafen aneinander kuscheln, trinkt der gemeine Ostfriese Tee. Sonst kriegt man ja gar nicht mit, wessen Oma gestorben ist, wer den Hof verkauft und was »die da oben« wieder ausgeheckt haben.

Damit das aber alles reibungslos funktioniert und man auch wieder eingeladen wird (über Missverständnisse an der Teetafel sind schon ganze Verwandtschaftszweige im Streit auseinander gegangen und Mischehen zerbrochen), muss man wissen, was man darf und was nicht. Deswegen kommen jetzt hier die wichtigsten Regeln. Wenn ihr die hundertmal abschreibt, habt ihr die ganz schnell drauf und seid fit für euren nächsten Urlaub in Ostfriesland!

1. Die Hausfrau!

Die Hausfrau schenkt ein! Also, Finger weg von der Kanne, selber einschenken kommt einer Degradierung der Dame des Hauses gleich! In meinen Romanen ist Eugen die Hausfrau und ein Stellvertreter darf nur einschenken, wenn Eugen bei den Nachbarn zum Siebzigsten Schnäpse kippen muss oder gerade emotional unter Schock steht. Was ja durchaus passieren kann in einer WG.

2. Die Tasse!

Getrunken wird der Tee aus kleinen, dünnwandigen Tassen, die es in Ostfriesland in jedem noch so kleinen Supermarkt für billig gibt, außerhalb von Ostfriesland sind diese Zwergtässchen so was exotisches, dass man die zum zehnfachen Preis online bestellen muss. Wenn ihr also mal da seid: Deckt euch mit Tassen ein, und zwar nicht im Touri-Shop, sondern im Supermarkt! Ihr haltet mich jetzt bestimmt für eine total neurotische, pingelige Schrulle (da liegt ihr richtig!), aber ich schwör mit Blut, aus der dünnwandigen Tasse schmeckt der Tee anders!

3. Der Löffel!

Ganz wichtig! Zu jeder Tasse gehört natürlich eine Untertasse, damit der Löffel auch stilvoll rumliegen kann. Der Löffel ist nämlich ein unabdingbares Utensil zur nonverbalen Kommunikation. Der Löffel wird nämlich in die Tasse gelegt, wenn man sagen will: »Danke, reicht!« Also, nach der dritten Tasse und damit eigentlich überflüssig, aber das gehört sich so!

Hier haben wir schon eins der größten Missverständnisse der Tee-Zeremonie aufgespürt! Wer das nicht weiß, stellt einfach so sein Löffelchen in die Tasse und wird dann fürchterlich grummelig, weil die Hausfrau ihn beim Einschenken eiskalt übergeht, während alle anderen die nächste Tasse kriegen! Ein Affront? Nö! Nonverbale Kommunikation auf Plattdeutsch!

Falls ihr übrigens glaubt, dass der gemeine Ostfriese mit dem Vorlieb nimmt, was im Rest der Republik als »Teelöffel« bezeichnet wird, liegt ihr falsch. Das, was ihr aus dem Süden für einen Teelöffel haltet, ist ein Kaffeelöffel! Der ist für eine dünnwandige Tasse viiiiel zu groß! Die kippt ja um, wenn man da so einen klobigen Kaffeelöffel rein stellt, nee, also, das geht nicht. Das geht gar nicht. Der ostfriesische Teelöffel ist nicht größer als euer kleiner Finger.

4. Der Kluntje!

Bevor die Hausfrau einschenkt, bekommt jeder einen Kluntje! Tja. Watt is denn gezz enne Kluntje, fracht sich da der geneigte Rheinländer. Ein Kluntje ist ein weißer Kandisbrocken, so groß wie eine Kokosnuss! Naja, vielleicht nicht ganz. Aber es wurden schon Exemplare gesichtet, die kamen an das alte Fünfmarkstück dran!

Für die Jüngeren unter euch: Ein Fünfmarkstück war mal Geld, das doppelt so viel wert war wie fünf Euro. Also, stellt euch einfach zehn Euro als Münze vor, dann wisst ihr, wie groß ein Kluntje ist. Früher war so ein einzelner Kluntje auch mal so viel Wert wie zehn Mark, also zwanzig Euro, und die echten Hardliner züchteten ihre Kluntje selbst im Keller, in einer gesättigten Lösung.

Kluntje sind nämlich in echt sehr edle Kristalle und die Yps-Leser unter euch können sich bestimmt noch an die Gimmiks erinnern, mit denen man Urzeitkrebse und Kristalle züchten konnte und ich schweife schon wieder ab. Also! Der Kluntje! Jeder gut sortierte ostfriesische Haushalt hat heute noch in irgendeiner Schublade einen sogenannten »Kluntjeknieper« rum liegen. Das ist so eine Art Zange die aussieht wie ein chirurgisches Instrument aus dem Dreißigjährigen Krieg, und damit wurde die Omma in den Vorratskeller gejagt, um vorm Tee Kluntjebrocken abzubrechen.

Und während es bei den Römern hieß: »Jeder nur ein Kreuz!«, hieß es bei den Ostfriesen eben: »Jeder nur einen Kluntje!« Von vielen Kleinkindern wird der Kluntje wegen seiner doch etwas schwierigen Aussprache übrigens einfach »Nunni« genannt, dann sagen die Alten »Tee macht ne schlappe Nas!« und verdünnen den Lütten den Tee mit kaltem Wasser. Was die Redewendung eigentlich aussagen soll, konnte mir auch nie ein Ostfriese erklären, sie wissen es entweder selbst nicht, oder die Bedeutung ist ihnen so geläufig, dass ihnen einfach nicht einfällt, wie man den Sinn auf Hochdeutsch erklären könnte.

Ähnlich ist es übrigens mit der Redewendung: »Is ja nie wech!« Ich habe Monate gebraucht, um einen Norddeutschen zu finden, der in beiden Sprachen so versiert war, dass er mir mehr sagen konnte als: »Wie, was das heißen soll?! Is’ ja nie wech heißt is’ ja nie wech!« Es heißt aber: »Kann man immer brauchen!« Inzwischen sage ich selber ständig »Is’ ja nie wech!«, weil, so eine Redewendung is’ ja nie wech. Schweife ich schon wieder? Ab? Wo war ich denn? Ach so!

5. Das Umrühren

Sind die Kluntje verteilt, kommt der andächtigste Moment des Tages: Die Stille vor dem Knack! Davor kommt noch das »Klinging!«, das himmlische Geräusch, mit dem der Kluntje mit Schmackes in die Tasse fliegt und sich dann leise klingelnd im dünnwandigen Porzellan auspendelt. Herrlich! Und dann – plätscher, schütt – Knack! Der Kluntje zerspringt vor Freude darüber, dass der Tee heiß genug ist.

Und dann! Meine Damen und Herren, jetzt kommen wir zu einer Glaubensfrage, über die in Ostfriesland Kriege geführt werden könnten, wenn die Ostfriesen nicht viel zu entspannt wären, um Kriege zu führen! Umrühren oder nicht? In jedem Reiseführer können wir nachlesen, dass der Ostfriesentee nicht umgerührt wird! Wer zum Löffel greift und rührt, outet sich als vollkommen kulturloser Gorilla. Und zwar die Sorte von Gorilla, die sich auch nicht davor scheut, beim Tee in der Nase zu bohren und sich ins Tischtuch zu schneuzen. Ugg-ugg. Total unzivilisiert halt.

Aber warum ist das so, hä? Kommen wir zurück zu der »Jeder nur einen Kluntje!«-Regel. Als der gemeine Kluntje tatsächlich noch teurer war als die gleiche Menge Kokain, musste der eine Klunte eben für alle drei verbrieften Tassen reichen. Wer rührte, hatte dann eben eine viel zu süße Tasse, eine mit Zuckerrest, eine bittere mit ohne. Ich hab aber selbst bei meinen Feldforschungen schon im tiefsten Hinterland mit Einheimischen Tee getrunken, die fröhlich umrührten und sich dabei köstlich amüsierten, dass man am Nicht-Rühren die Streber unter den Touristen erkennt, die extra im Reiseführer nachlesen, wie sie sich an die Sitten der Einheimischen anpassen müssen, um nicht aufzufallen. Als ob beim Ruhrgebietsakzent der Urlauber noch was zu retten wäre!

Die orthodoxen Gegner des Umrührens dagegen sind der Meinung, dass man seinen Ostfriesentee »in Lagen« trinken muss. Oben Sahne, so lind wie die laue ostfriesische Frühlingsluft (die bei ablandigem Wind, bei auflandigem Wind ist die ja salzig und riecht irgendwie nach toten Krabben, die will man ja in seinem Tee nicht haben), in der Mitte Tee, so bitter wie das Leben, unten Kluntje, so süß wie die Liebe. Hach! Aber was war das mit der Sahne?

6. Die Sahne!

Also, fassen wir zusammen! Bis jetzt haben wir es geschafft, nicht die Hausfrau zu brüskieren, mit dem Kluntje die Tasse zu treffen, den Löffel nicht als »Nein, Danke!«-Schild in die Tasse zu stellen und jetzt wird es Zeit für die Sahne! Sahne heißt hier nicht »Kipp mal’n Schuss Milch rein!« oder ähnlich abstruses, nein. Es heißt auch nicht, nimm doch mal die Kondensmilch, auf der »Kaffeesahne« draufsteht. So was würde mein Romanheld John euch spontan ins Gesicht spucken. Nicht, weil er unhöflich sein will, das wäre ihm sogar extrem peinlich, wenn er sich mal wieder so zum Trottel macht, sondern weil er denkt, ihr wollt ihn vergiften. Reiner Selbstschutzreflex.

In einen echten Ostfriesentee gehört nämlich auch echte Sahne, also das, was ihr als »Frische Schlagsahne« kennt, nur eben nicht geschlagen. Wer noch eine Herde schwarzbunte Kühe auf dem Hof hat, schöpft natürlich den wahren Rahm ab, aber da ich nicht davon ausgehe, dass ihr euch extra eine ostfriesische Schwarzbunte anschaffen könnt, um stilvoll Tee zu trinken, muss es eben frische Sahne aus dem Plastikbecher tun.

Und diese Sahne wird dann, Obacht!, nicht etwa aus dem Kännchen gekippt, nix da! In einem ostfriesischen Sahnekännchen hängt nämlich eine Sahnekelle! Diese Kelle sieht aus wie eine daumengroße Suppenkelle und hat am Ende des Stiels einen gebogenen Rand, damit man sie eben in das Kännchen hängen kann. Und mit dieser Kelle wird jetzt, Achtung, liebe Grobmotoriker, das kann man ruhig vorher üben!, die Sahne ganz zart und sinnlich auf den Tee gelegt!

Und dann ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen zum Gucken und Staunen! Denn Sahnewölkchen im Ostfriesentee sind wie Schneeflocken, jede ist ein einzigartiges Kunstwerk der Natur und mahnt uns in seiner Vergänglichkeit den Augenblick zu schätzen. Denn was du von der Sekunde ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück. In Beziehungsstatus 1 »Wer’s zuletzt macht, macht’s am besten« können wir diesen vergänglichen Moment erleben, als John sich bei Eugen in der WG vorstellt, um einen Platz für seine Bauwagen zu mieten:

Eugen wies einladend auf die kleine Teetafel, die ihm jetzt doch irgendwie übertrieben und spießig vorkam. Aber Johns Augen blitzten auf. »Tee! Ich weiß, es verstößt gegen die ostfriesische Etikette, in unserem Fall«, er sah Eugen nachdenklich an, »bist du ja wohl die Hausfrau, aber darf ich mir selbst einschenken? Ich liebe das!«
John ließ sich auf eines der Sofas gleiten, warf mit der winzigen Kluntjezange ein großes Stück Kandis in die Tasse vor ihm und griff dann nach der Teekanne. Eugen wollte etwas sagen, aber John hieß ihn mit einer ehrfürchtigen Handbewegung Schweigen. Als er den kochend heißen, tiefschwarzen Tee auf das Kandisstück goss, lauschte er mit schief gelegtem Kopf und ernstem Gesicht auf das Knacken des zerspringenden Zuckerklumpens. Er murmelte fasziniert: »Du hast tatsächlich eine!«
Während Eugen sich noch verwirrt fragte, was John damit meinte, griff John das Sahnekännchen mit der winzigen Kelle, die aussah wie eine Suppenkelle für Puppenstuben, und legte damit wie eine gelernte ostfriesische Hausfrau die Sahne auf seinen Tee. Offenbar hatte er die Sahnekelle gemeint.
»Jedes Mal.«
»Äh, bitte was?«
»Faszinierend. Wie die Sahne sich im Tee verteilt. Wie sie erst nach unten sinkt und sich dann in kleinen Kugeln nach oben windet, um sich wie Nebelschwaden über dem Watt im Tee zu verteilen.« John schüttelte melancholisch den Kopf. »Ich liebe Sahne.«
Eugen schenkte sich nun ebenfalls ein, nippte an seiner dünnwandigen kleinen Tasse und verbrannte sich natürlich den Mund. Dabei versuchte er, wissend zu nicken und wischte dann diskret die heißen Teeflecken von seinem Hemd. »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.«
John nickte langsam. »Das sind die Momente, in denen ich bedaure, kein Kameramann geworden zu sein. Diese Bewegung, dieser einmalige, vergängliche Moment, in dem die Sahne ihren Weg durch den Tee sucht, die kann man nicht malen, verstehst du?«

7. Vergänglichkeit und Austrinken!

Ja, wie wir sehen, wissen melancholische Halb- und Vollblut-Ostfriesen ihren Tee wirklich zu schätzen. Wieso aber verbrennt der arme Eugen sich den Schnabel. Zum einen natürlich, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, eine Künstler-WG auf seinem alten Gulfhof zu gründen, Künstlern gegenüber aber furchtbar ehrfürchtig und schüchtern ist. Mit einem echten Künstler Tee zu trinken, macht den armen Mann also verständlicherweise nervös.

Zum anderen aber, weil das schnelle Austrinken der Tasse sich so gehört. Man könnte diese Sitte kurz mit dem Wort »Gruppenzwang« umreißen. Denn bevor nicht alle Tassen aurich, äh, leer sind, schenkt die Hausfrau der gesamten Runde nicht nach. Für Warmduscher und vor allem Warmtrinker wie Eugen und mich bedeutet das eben puren Freizeitstress und eine verbrannte Lippe, die man aber für das Gesamtevent gerne in Kauf nimmt. Ähnlich, wie man auf einem Heavy Metal Festival eben bei strömendem Regen in nassen Klamotten im Zelt pennt, das gehört einfach dazu.

Noch ein Wort zum Tee selbst

Zugegeben: Bevor er aufgebrüht wird, sieht Ostfriesentee, wenn er so dröge aus der Packung kommt, ein bisschen aus wie mumifizierte Mäuseköttel. Wenn ihr aber beides mal mit kochendem Wasser aufgebrüht und probiert habt, erkennt ihr ganz schnell den Unterschied in Geruch und Geschmack!

Was ist Ostfriesentee jetzt eigentlich genau? Tja, wird wohl Assam sein, denkt der gemeine Wald- und Wiesenteetrinker da, ist ja schwarz und stark, das stimmt aber nur bedingt. Echter Ostfriesentee, und wenn ich sage »echter« Ostfriesentee, dann meine ich auch echten Ostfriesentee, wird nur in Ostfriesland gemischt, und zwar von den drei Teehandelshäusern, die ihr selber googeln müsst, weil – ich mach ja hier kein Product Placement!

Natürlich gibt es auch noch weit hinterm Kölner Dom Teesorten, die »Ostfriesische Mischung« oder so heißen, aber der echte echte Ostfriesentee wird von totalen Hardcorefreaks aus über zwanzig verschiedenen Sorten gemischt, und das immer wieder neu, um die Qualitätsschwankungen des Naturprodukts Tee auszugleichen. Da kann sich so mancher Winzer oder Parfumeur eine Scheibe von abschneiden.

Was aber auch völlig okay ist, sind die »ostfriesischen Spitztüten«, die auf der Halbinsel der Teetrinker in jedem Billigdiscounter ganz unten im Regal liegen. Diese Spitztüten haben einen Style wie diese holländischen Kacheln, wenn ihr mal eine seht, wisst ihr, was ich meine und die Teile heißen gehoben »Stanitzel«. Das Wort hab ich mal ein meinem Fremdwörterduden gelesen und wollte es immer schon mal anwenden, hehe!

Tee aus der Spitztüte hat auf jeden Fall Kultstatus und ist auch immer lecker genug, für das, was ich beim Schreiben treibe. Nämlich literweise schlürfen, um nachts nicht zu schwächeln! Denn: Drei Kannen sind Autorenrecht!

Fazit

So, jetzt dürft ihr euch als eingeweihte Mitglieder eines subversiven Geheimbundes betrachten, und wenn es technisch möglich wäre, würde ich dem nächsten eBook als Easteregg für euch ein ostfriesisches Teepaket beimogeln. So müsst ihr euch leider selbst eindecken, aber solltet ihr es tatsächlich mal probiert haben, lasst mich wissen, wie es war!