Kaffeepause im Blog: Das Polyversum

Kaffeepause im Blog: Das Polyversum

Ihr lieben Menschen, heute mache ich die Kaffeepause in einem Blog zwar um eine Zeit, wo andere Leute sich noch einen Baldriantee kochen, damit sie gut einschlafen können, aber da könnt ihr mal sehen, wie unermüdlich ich an Band 4 arbeite! 😀 Schlüüüürf … ich liebe Kaffee zum Tee! Jedenfalls hab ich heute den Blog Polyversum entdeckt, den ich absolut hinreißend finde. Liebevoll, lebensklug und witzig, und den muss ich euch natürlich zeigen.

Ich reblogge also stolz „7 Strategien aus 7 Jahren“ mit Polyamorie und ich finde die Strategien einfach klasse, da sind ein paar dabei, bei denen ich emsig nicke und denke: „Genau so isses! Hätte ich das mal vor zwanzig Jahren schon gewusst!“

Man muss gar nicht poly sein, um das Polyversum cool zu finden!

Besonders faszinierend finde ich an diesem Artikel aus dem Polyversum, dass sich zwar alle Strategien 1A auf Polyamorie anwenden lassen, aber nicht nur. Es sind einfach Strategien, die dabei helfen, liebevoll bei sich zu bleiben und so zu kommunizieren, dass man ehrlich bleibt und nicht einfach nur was verspricht, weil es sich eben gehört, solche Sachen zu versprechen. Ich zum Beispiel hab mit sechzehn mal ewige Liebe versprochen. Ja. Heute traue ich mich nicht mal mehr, den Kerl zu googeln, ich will das gar nicht wissen! 😀

Wie gesagt: Hätte es solche Artikel mal eher gegeben! Wenn man immer selber auf alles kommen muss, dauert das ja schon mal länger! Also, ganz lieben Dank an die Crew des Polyversums!

Probekapitel: John beim Poly-Stammtisch???

Probekapitel: John beim Poly-Stammtisch???

Liebe Menschen! Ich hatte ja neulich rumgetönt, dass ich das Manuskript zu Beziehungsstatus 4 erst mal eine Woche liegenlasse, bevor es ans Finish für die Veröffentlichung geht, aber natürlich hab ich das nicht eine Nacht durchgehalten. Jetzt seh ich so fit aus wie Frodo, als er den Schicksalsberg erreicht, aber der Upload kommt nächste Woche! Yeah! Jetzt hab ich aber ein Problem und will euch was fragen, deswegen muss ich euch ein Probekapitel zeigen. Aus dramaturgischen Gründen musste John leider zu einem Polyamorie-Stammtisch. Ja, ich weiß, der Maler beim Poly-Stammtisch ist absurd, aber genau darum ging es ja! 😀 Jetzt frag ich mich aber, bin ich mit dem Stammtisch zu hart? Und jetzt fragt ihr euch: Hö? Was ist denn mit der Kettensägen-Sookie los, hatte die zu viel Weichspüler im Tee oder was? Flausch … schäum …

Jetzt hab ich aber das Problem, dass ich an eine Grenze meines persönlichen Erfahrungsschatzes komme. Normalerweise steht in meinen Romanen nichts, was ich nicht irgendwie aus persönlicher Erfahrung kenne. Ich kann also alles vertreten! 😀 Also, äh, meine Faustregel lautet: Ich mach mich nur über Sachen lustig, die mir selber schon passiert sind. Im Groben. Äh. Ja.  Aber ungelogen, ich war in meinem ganzen Leben noch nie bei einem Stammtisch. Meine einzige Berührung mit etwas stammtischähnlichem war der Tag, an dem die Damen von der Fantifa mich gewinnen wollten und mir erklärt haben, dass sie einen Ordner angelegt haben, in dem Worte wie „Patriarchat“ erklärt sind. „Wow“, hab ich damals gedacht, „jetzt gehen bestimmt alle Glatzen nach Hause und denken über ihr Leben nach!“

Ja, äh, und seitdem habe ich an nichts mehr teilgenommen, wofür ein Tisch reserviert wird. Ich hab also von Stammtischen gar keine Aaaaahnung! Aber ich bin sicher,  dass es total tolle Poly-Stammtische gibt, wo sich super liebe Menschen treffen, die richtig Plan haben! Bestimmt, oder? (Ich nicke gerade beschwörend!)  Ich weiß nämlich aus zuverlässiger Quelle, dass ich Leser habe, die zu Poly-Stammtischen gehen! Und ich möchte euch natürlich nicht vor den Kopf stoßen, indem ich einen Poly-Stammtisch satirisch verwurste! Ach, seufz, es ist schwierig. Also, solltet ihr das Gefühl haben, dass ich hier voll gemein und ungerechtfertigterweise die Poly-Stammtisch-Szene durch den Kakao ziehe, schickt mir eine Warnung, noch kann ich umarbeiten! Und jetzt geb ich einfach mal die Spoiler-Warnung raus und blogge euch das Kapitel, um das es geht!

Ach so, solltet ihr das Gefühl haben, dass ich mich gerade aufführe wie Daniel Day Lewis, als er es abgelehnt hat, den Aragorn zu spielen, weil er fand, es ließe sich nicht mit Method Acting vereinbaren, einen Fantasy-Helden zu spielen, obwohl er selbst noch nie ein Fantasy-Held war,  dann könnt ihr mir das auch ruhig sagen! Ich weiß, dass ich Unterhaltung viel zu ernst nehme! 😀

Poly-Stammtisch mit Maler

John betrachtete unschlüssig den biederen Landgasthof und konnte sich einfach nicht überwinden, aus dem Auto zu steigen. Er war sowieso schon eine Viertelstunde zu spät, er konnte auch gleich wieder fahren. Der Gedanke an Menschen war ihm sowieso mehr als unangenehm.

Er schrak zusammen, weil hinter ihm ein Mofa auf den kleinen Gästeparkplatz knatterte und beobachtete dann, wie ein Typ mit Gummistiefeln, Landarbeiterklamotten und Wampe vom Mofa stieg, seinen Helm abnahm und sich den fettigen Pferdeschwanz richtete. John rutschte tiefer in den Sitz.

Der wollte garantiert nicht zu diesem Polyamorie-Stammtisch. John ja eigentlich auch nicht. Aber mit irgendjemandem musste er ja reden. Und die Veranstalterin des Stammtisches hatte ihm wenigstens ganz nette Nachrichten geschickt und ihn dreimal ermutigt, doch einfach mal vorbeizukommen. Hiltrud. Rafaels Mutter hieß auch Hiltrud, aber die würde ja wohl kaum einen ostfriesischen Polyamorie-Stammtisch gründen und dafür im Internet in sämtlichen Polyamorie-Gruppen werben.

John holte tief Luft, dann stieg er endlich aus und schlenderte zum Eingang der Kneipe, der man von außen schon ansah, wie sie innen eingerichtet war. Ein Landgasthof eben. »Kennst du einen, kennst du alle!«, dachte John seufzend und betrat den schummrigen Gastraum.

An der Theke saßen ein paar versprengte Gestalten und nuckelten an ihrem Bier, die Tische waren leer bis auf einen spärlich besetzten großen Tisch hinten in einer Fensternische. John rieb sich nervös das Kinn an der Schulter, dann nahm er Kurs auf den Tisch und sah sich fragend um. »Poly-Stammtisch?«

Eine große, breite Frau um die fünfzig stand auf und schüttelte ihm die Hand wie eine Bäuerin, die eher daran gewöhnt war, die Mistgabel zu schwingen. »Du musst John sein, wie schön, dass du zu uns gefunden hast! Ich bin die Hilli!«

Die Hilli griff einen Marker vom Tisch, beschriftete eine Rolle Klebeband und klebte John kurzerhand seinen Namen auf die Brust. John nickte scheu und musterte mit einem verstohlenen Blick die Runde am Tisch. Der Mofa-Zopf und ein hagerer Mann undefinierbaren Alters, der ein schwarzes Nietenhalsband trug und eher aussah, als hätte er zu viele BDSM-Pornos auf DVD, sahen ihn glasig an. Etwas abgerückt von diesen wenig attraktiven Burschen saß ein Pärchen um die dreißig, das hitzig miteinander tuschelte. Die Hilli strahlte John an und setzte sich mit einer einladenden Geste. »Dann können wir ja anfangen!«

Der Mofa-Zopf murrte: »Sollen wir nicht auf die Weiber warten? Zu so einem Stammtisch kommen doch bestimmt auch Weiber, oder?«

John setzte sich und seufzte tief. Hilli ignorierte die Frage und klappte eine Aktentasche auf. »Ich hab uns heute mal ein paar Schaubilder mitgebracht, über die können wir vielleicht diskutieren! Und dann kann der John uns ja, wenn er mag, ein bisschen über sich erzählen!«

John registrierte, dass die kleine Blonde, die gerade noch so hitzig getuschelt hatte, ihm einen heißen Blick zuwarf und dann ihren Tischpartner hämisch angrinste. John wandte irritiert den Kopf ab. Wo war er hier bloß gelandet?

Hilli hielt ein Klemmbrett hoch und tippte mit einem Kugelschreiber auf ein paar Grafiken, die aussahen wie Buchstaben. »Hier können wir sehr schön sehen, was für Beziehungskonstellationen es in der Polyamorie gibt! Hier zum Beispiel sehen wir eine V-Konstellation aus drei Partnern, die nicht zu verwechseln ist mit einem Dreieck, denn bei dieser Konstellation hat einer der Partner zwei Partner, die nicht miteinander verbunden …«

Neben John tauchte eine Kellnerin im vollen Ornat auf, schwarzer Rock, weiße Bluse, Rüschenschürze, und hielt gelangweilt einen Notizblock im Anschlag. John sah sich um. Mit was für einer Bestellung rechnete die Dame, dass sie sich Notizen machen musste? Er räusperte sich verwirrt. Hillis Gequassel störte ihn beim Denken. Und außer ihm hatten schon alle Getränke, also murmelte er nur: »Wasser.«

»Ein Wasser!« Die Kellnerin schrieb sich die Bestellung tatsächlich auf und watschelte dann wieder hinter ihren Tresen. Der Mofa-Zopf raunte John zu: »Trocken?«

»Äh, Wasser? Nee, nass!«

Der Zopf ruckte mit dem Kopf. »Ob du trocken bist! Oder wieso trinkst du Wasser?«

John verstand. »Ich muss noch fahren.«

Der Zopf winkte ab. »Ein echter Mann kann immer saufen!«

Hilli strafte die Störenfriede mit einem strengen Blick. »In der Z-Konstellation hier könnt ihr sehr genau sehen, wie ein Polykül sich gestaltet, wenn vier Partner wie eine Kette miteinander verbunden sind. Die beiden mittleren Partner verfügen jeweils über zwei Partner, während …«

Der Zopf raunte John ins Ohr: »Ich such ja eine F-Konstellation!«

John sah den Mann irritiert an. Der Zopf grinste schmierig: »F wie Ficken!«

John schloss mit einem tiefen Atemzug die Augen und wandte den Kopf ab. Die kleine Blonde schaltete sich ein. »Und wie heißt das, wenn ein Mann seine Frau betrügt und das dann Polyamorie nennt? Ist das dann besser als fremdgehen?«

Der Tischpartner der Dame murmelte verlegen: »Jetzt hör doch mal endlich auf damit!«

John knurrte gereizt: »Wenn er seine Frau betrügt, ist es keine Polyamorie!«

Alle sahen ihn an. Hilli ließ ihr Klemmbrett sinken und fingerte sich eine Lesebrille auf die Nase, um John über den Rand anzusehen. »Möchtest du uns das erklären?«

John schniefte und verschränkte trotzig die Arme. »Was muss ich denn da erklären? Ich dachte, das hier wäre ein Poly-Stammtisch! Hallo? Transparenz, Einvernehmlichkeit?«

Die kleine Blonde in der Ecke lachte höhnisch auf. John beugte sich vor und zuckte sofort wieder zurück, weil die Kellnerin ihm ein Wasser vor die Nase stellte. John sah fragend in die Runde. »Wer von euch lebt denn überhaupt polyamor?«

Die Kellnerin blieb neben ihm stehen und stellte fest: »Das wüsste ich auch gern! Das klappt doch nie!«

Hilli warf sich in die Brust. »Ich hab da die meiste Erfahrung! Als ich als junge Frau ein Jahr in der Stadt gelebt habe, hatte ich zwei Freunde, ich bin also mit den Problemen vertraut! Und ich kann euch viele Bücher empfehlen, aber die meisten sind auf Englisch, vielleicht versteht ihr die nicht so gut!«

John fuhr sich über die Augen und murmelte sarkastisch: »That’s the dogs bollocks!«

Offenbar war die Kellnerin die einzige, die ihn verstand. Oder die zumindest verstanden hatte, dass er etwas Englisch konnte. Sie lachte laut auf, legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und verschwand vom Tisch. Der Zopf stieß John an. »Wenn du dich so gut auskennst, erzähl doch mal! Wieso hast du deine Hühner nicht einfach mitgebracht?«

John warf ihm einen bösen Blick zu. »Weil ich keine Hühner habe?«

Der kleinlaute Beisitzer der bissigen Blondine schaltete sich ein. »Hast du da echt Erfahrung?«

John sah dem Mann zum ersten Mal in die Augen und erkannte seine eigene Verzweiflung wieder. Er nickte langsam. »Hab ich. Und ich hab mein eigenes Polykül in die Luft gejagt, weil ich mich nicht an die Regeln gehalten habe. Also, wenn du meinen Rat hören willst: Nimm das mit der Einvernehmlichkeit bloß ernst!«

Die Blonde stieß ein triumphierendes »Ha!« aus, während der Fettzopf hämisch lachte. »Sind deine Weiber dir abgehauen?«

John konzentrierte sich darauf, ruhig zu atmen, um diesem Idioten nicht einfach nur was aufs Maul zu geben. Hilli räusperte sich und griff wieder ihr Klemmbrett. »Würdest du uns denn auf dem Schaubild zeigen, welche Konstellation dein Polykül hatte?«

John holte Luft, dann hob er hilflos die Hand. »Mein Polykül war kein eindimensionaler Buchstabe auf einem Schaubild! Das war ein rauschender Ozean aus Farben, Licht, Gefühlen und Sound, das war lebendig! Wir sind Menschen mit echten, tiefen Gefühlen! Und stellt euch vor: Jeder von uns hatte seine eigenen! Und seine eigene Geschichte, seine eigenen Ängste und Wünsche und wenn das alles aufeinandertrifft, dann ist das ein wildes, ohrenbetäubendes Rauschen, das musst du fühlen, das musst du spüren, das musst du zulassen! Wenn sie dich beide im Arm halten, sich direkt vor deiner Nase voller Gefühl küssen und dabei zusammen deine Hand halten, das kannst du nicht in ein Schaubild packen! Das kannst du auch nicht in einem Fachbuch nachlesen! Wenn du gerade fliegst wie ein Adler, liest du dabei auch kein Buch über Flugzeugkonstruktion, dann fliegst du einfach!«

Erst, als er die betroffenen Gesichter sah, wurde ihm bewusst, dass er zu laut geworden war. Der Fettzopf rülpste. »Alter, erzähl keinen Scheiß, du hattest nie im Leben zwei Bräute im Bett!«

Die Hilli straffte ihre breiten Schultern und sah den Fettzopf strafend an. »Uwe, ich weiß nicht, ob du zu unserem Stammtisch passt, wir versuchen hier wirklich, etwas aufzubauen!«

Für einen Moment verspürte John Mitleid mit dieser Frau, wenigstens gab sie sich Mühe und verurteilte Mehrfachbeziehungen nicht, was auch immer ihr Beweggrund dafür war. Fast hätte John überlegt, wie er Hilli aus der Patsche helfen könnte, aber Uwe stieß ihn an und kicherte: »Stell mir deine Bräute doch mal vor, ich bin auch voll poly, Alter!«

John sprang auf und lief zur Tür, dann fiel ihm ein, dass er das Wasser gar nicht bezahlt hatte. Er drehte sich wieder um, legte der Kellnerin fahrig einen Schein auf den Tresen und deutete mit dem Kopf auf die Zigarettenschachtel, die hinter ihr lag. »Kann ich da eine von haben?«

Die Kellnerin griff die Schachtel, bot ihm eine an und zwinkerte: »Automat hängt draußen!«

John zupfte gierig eine Zigarette aus der Schachtel und schniefte. »Hab aufgehört.«

Die Kellnerin beugte sich über den Tresen, gewährte ihm Einblick in ihr strammes Dekolletee und flüsterte ihm zu: »Am zweiten Dienstag im Monat ist der Swinger-Stammtisch da, vielleicht ist das ja eher was für Sie!«

John lachte hysterisch auf, dann steckte er sich die Kippe an und floh aus der Kneipe. Er wollte ins Auto steigen, dann fiel ihm aber ein, dass er in seinem Familienvaterauto unmöglich rauchen konnte. Außerdem wusste er eh nicht, wo er hin wollte. Zurück zu der tickenden Küchenuhr? Er blieb also auf dem Parkplatz stehen und zog gierig an der Zigarette.

Hinter ihm hörte er die Tür wieder aufschwingen, dann trat der stille Beisitzer der Blondine neben ihn und räusperte sich. »Ich bin Stefan.«

John knurrte: »John!« und riss sich den Klebebandstreifen mit seinem Namen vom Hemd. Stefan behielt seinen Klebebandstreifen, offenbar brauchte er diesen angeblichen Polyamorie-Stammtisch dringender als John. Stefan steckte sich ebenfalls eine Zigarette an und trat dann von einem Fuß auf den anderen. »Hattest du wirklich zwei Freundinnen, die sich geküsst haben?«

John schüttelte den Kopf und starrte auf die Kuhweide auf der anderen Seite der Landstraße. »Freundin und Freund.«

Stefan trat mit einem diskreten Hüsteln ein Stück zur Seite. John streifte ihn mit einem Blick aus dem Augenwinkel. »Keine Sorge, du wirst nicht schwul, wenn du neben mir stehst.«

Stefan lachte verkrampft. »Entschuldigung. Tut mir leid, das war blöd.«

John nickte nur knapp. Stefan kam wieder vorsichtig ein Stück näher. »Es funktioniert also nicht, oder? Hab ich mir gleich gedacht.«

John sah diesen Stefan jetzt tatsächlich interessiert an. »Was funktioniert nicht?«

Stefan zuckte die Schultern. »Diese Polyamorie! Ich hab das im Internet gelesen und das klingt ja alles toll, aber ich bin da in diese Kollegin verliebt und meine Frau macht mir die ganze Zeit nur die Hölle heiß!«

John seufzte tief. »Ja, das kenne ich.«

»Wie, hat deine dir auch die Hölle heißt gemacht? Etwa wegen diesem Kerl?«

John verzog das Gesicht. Wegen dieses Kerls, Genitiv. Dass diese verdammten Deutschen einfach ihre Fälle nicht beherrschten! John schüttelte den Kopf. »Ich ihr. Ich hab ihr die Hölle heiß gemacht. Bis ich ihn kennengelernt hab. Jetzt kann ich mir Monogamie nicht mehr vorstellen.«

Stefan nickte verwirrt. »Aha. Und wieso bist du dann alleine hier?«

John zog wieder gierig an der verbotenen Zigarette. »Weil ich aus dem V ein Z gemacht habe, ohne die beiden zu fragen.«

Stefan sah ihn unsicher an. »Und warum hast du das gemacht?«

John zog noch einmal an der Zigarette, dann schnippte er sie auf den Boden und trat sie aus. »Weil ich ein hirnloser Idiot bin. Es ist auch nicht so, dass ich meine Ex ins Polykül holen wollte, absolut nicht! Da war nur was passiert und ich hab das einfach gebraucht, um damit abzuschließen. Diesen einen miesen Fick, der mein ganzes Leben gesprengt hat. Und ich hab keine Chance mehr, es zu erklären, weil sie weg sind. Weil sie beide weg sind. Ich hab meine große Liebe, meinen ganzen Traum, meinen neuen besten Freund, mein Zuhause, meine WG, meine Wahlfamilie, meine Freunde und alles verloren, was mir wichtig war. Für diesen einen miesen, völlig überflüssigen Fick. Weil ich einfach nicht aufhören konnte, mich wie ein ganz ordinärer monogamer Betrüger zu benehmen!«

Stefan nickte resigniert. »Es funktioniert also nicht.«

John straffte die Schultern. »Bei dem Paar, das ich liebe, funktioniert es seit zehn Jahren. Nur nicht mit mir.«

Er tippte sich grüßend an die Schläfe, dann stieg er in sein Auto und fuhr einsam in den Sonnenuntergang.

 

Beziehungsstatus 4: Ich brauche dringend euren Rat!

Beziehungsstatus 4: Ich brauche dringend euren Rat!

Ich würde jetzt sagen „I bims“, aber das ist ein Jugendwort und nix ist so peinlich wie eine olle Schrulle, die Juuuugendsprache spricht, deswegen, öhm, könnt ihr mal alle eben kurz näher rücken? Am besten wir bilden einen Stuhlkreis, ja, und wenn jeder seine Wolldecke … Mist. Ich bin verwirrt. Das seid ihr von mir natürlich nicht gewohnt. Es geht um Beziehungsstatus 4 und wir müssen reden. Aber ungelogen: Ich hab jetzt seit Wochen diesen Gesichtsausdruck:

Beziehungsstatus 4

Ich hab da nämlich ein Problem mit Beziehungsstatus 4, und da wir als Autorin und Leser ja irgendwie alle im selben Boot sitzen, muss ich euch jetzt mal aus der Komfortzone locken! Und, ja, auch die stillen Leser dürfen mitreden! Falls ihr online nicht mit mir gesehen werden wollt, auch gerne als PN über Facebook, treibt sich ja nicht jeder gern öffentlich in der Polyamorie-Ecke des Internets rum, da hab ich vollstes Verständnis für! Worum geht’s?

Beziehungsstatus Romane führen ein Eigenleben, so viel ist klar!

Äh, ich will euch jetzt gar nicht mit der ganzen Geschichte langweilen, was vom ersten Erscheinen des ersten Bandes bis heute, blabla, aber Fakt ist: Geplant war das ganze Ballett ja als Fortsetzungsroman, der quasi relativ kurzgetaktet Neuerscheinungen hervorploppt. Plopp. Da is‘ wieder einer! Weil ich aber Sookie bin, hab ich mir dann wieder selber Beine gestellt und komplett umgearbeitet, extrem dicker gewordene Neuauflage, was soll ich sagen, es ist aber auch einfach immer so kompliziert! Mit der Liebe und der Polyamorie und dann haben die Romanfiguren wieder ihren eigenen Kopf und – ihr kennt das. Wie heißt das? Schreiben ist das, was passiert, während du plottest. Oder so.

Jedenfalls sind Beziehungsstatus 1 – 3 ja jetzt verdammt fett. Also, nicht so fett wie Tolstoi, aber der hat Krieg und Frieden auch achtmal umgeschrieben, der kannte das auch, diesen ewigen Optimierungszwang. Mein Dank gebührt übrigens Missus Tolstoi, die das alles immer wieder von Hand abgeschrieben hat. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht doch heiraten sollte. Das steht aber jetzt hier nicht öffentlich zur Debatte! 😀

Ja, auf jeden Fall: Die drei ersten Bände so als Reihe, aber irgendwie schon auch ein bisschen in sich abgeschlossen, also quasi mit „Themenschwerpunkten“, waren für mich extrem wichtig bei der Arbeit. Aber die Figuren verändern sich, es kommen neue hinzu, das Universum breitet sich aus und wird bunter und wer bis jetzt mitgelesen hat, kann das auch wechseln. Was Polyamorie überhaupt ist und wer mit wem und an welchen Schauplätzen und überhaupt – inzwischen kennen wir uns ja alle. Und jetzt endlich meine Frage:

Könntet ihr ab Beziehungsstatus 4 mit einer Umstrukturierung leben?

Die Sache ist nämlich die: Ich hatte echt nicht mit euch gerechnet. Mit so tollen Lesern wie euch. Mit Lesern, die sich so viele Gedanken machen, die so mitfiebern, so individuelle Rezensionen schreiben, die mir so tolle, tiefgründige Nachrichten schicken und die vor allem meinen speziellen Humor teilen. Ich dachte, das wär eben eins meiner üblichen Projekte, bei denen nie einer guckt, ich stell mal ein Buch ein, dann rutscht das ins Nirvana und ich fange ein neues Projekt an. Ziegenkäse wegschmeißen oder alte Duschgelflaschen als Vasen upcyceln oder so. Aber jetzt seid ihr da und ihr scharrt mit den Hufen und wollt wissen, wie es weitergeht.

Und für mich hat sich auch vieles geändert. Die Figuren sind für mich inzwischen wie Familienmitglieder, man kennt sich eben. Ich bin inzwischen auch mit der Story so verwachsen, das ich nicht mehr überlegen muss, wie es weitergeht, ich weiß es einfach. Ich will nur noch schreiben, schreiben, schreiben und raushauen, KAWÄMM! Jetzt ist aber das Ding: Bis jetzt hatten wir quasi drei fette Bände in Spielfilmlänge. So wie „Star Wars“, als die Welt noch in Ordnung war. Oder „Fluch der Karibik“, bevor Jack Sparrow diese neuen Extensions bekam und bescheuert aussah. Drei Teile sind watt Ehrliches. Und Beziehungsstatus 4 soll und muss es einfach geben, da sind wir uns hoffentlich einig! 😀

Aber ich würde jetzt einfach lieber ins Serienformat wechseln. Weil die Story einfach gerade danach verlangt. Irgendwie. Und ihr auch. Irgendwie. Und mein Marketing auch irgendwie, denn das effektivste Marketing sind immer noch Veröffentlichungen. Isso. Die Weihnachtsgeschichte war der Knaller und hat viele Neuleser ins Beziehungsstatus-Universum gespült, die mich sonst nie gefunden hätten. Sichtbarkeit rulez!

Wenn Romane nicht immer so fett wären!

Aber Bücher in Romanstärke mit rund 600.000 Zeichen brauchen einfach ihre Zeit. Besonders bei einer so komplexen Story mit so vielen Charakteren, die alle Aufmerksamkeit verdienen. Meine Arbeitstechnik ist nämlich auch so: Ich mache alles im Kopf. Ich mach mir noch nicht mal Notizen. Wenn ich sehe, was andere Autoren da für Mindmaps und Plotgedöns anlegen – mach ich alles nicht. Bei mir muss das fließen und dann wird zehnmal umgeschrieben, bis die 300 Seiten rund sind. Das dauert über den Daumen pro Buch ein Jahr, weil der ganze Aufbau für dicke Schmöker doch sehr komplex ist. Und beim jetzigen Format bin ich drauf eingeschossen, dass ich mehrere Handlungsstränge auch zeitgleich zusammenfügen muss (auch, wenn man das beim Lesen vielleicht gar nicht so merkt, aber isso!) Aber jetzt kommt ein Punkt, wo mich das bei der Arbeit an Beziehungsstatus 4 bremst. Und das wollen wir doch alle nicht! 😀

Ich will also jetzt gerne weg von den fetten Schmökern. Beim Lesen kommen die euch ja hoffentlich nicht wie fette Schmöker vor, aber beim Schreiben sind sie de facto welche! 😀 Ich will lieber hin zu einem neuen Format, kürzere Folgen, mehr Handlungsstränge, und ich glaube, das passt auch. Wir haben inzwischen die Wikinger, dann kommt die Moooni, Siobhan muss auftauchen und überhaupt. Wenn ich allen Figuren gerecht werden will, muss ich weg vom bisherigen Format. Und ich hab da heute in einer neuen Rezension einen Satz gelesen, der dazu irgendwie passte wie Arsch auf Eimer: „Dazu passt der offene Schluss, der eben nicht alle Fragen beantwortet, sondern Lust auf Fortsetzung macht.“ Da sind mir aber die Cocktailtomaten von den Augen, ploff!

Weil: Die Bücher haben sich entwickelt, die Figuren, ich und ihr auch. Und wir sind jetzt, tada, an einem Punkt, wo wir die letzten eingefahrenen Strukturen des klassischen Liebesromans verlassen können. Echt jetzt. Das Happy End am Ende brauchen wir alle nicht mehr, oder? Lebendige Liebe ist eben nicht statisch, die fließt, da gibt es immer Drama, Liebe, Wahnsinn, Zwischen-Happy-Ends und woanders kann es gerade donnern. Besonders in Ostfriesland. Da donnert es ja öfter.

Was machen wir jetzt?

Umverdingsung, Wurschtelung, muss also sein. Denn dann könntet ihr den nächsten Band vielleicht schon Ende des Monats haben. Schlanker, aber auch ein bisschen günstiger natürlich. Die Frage ist jetzt nur, was meint ihr: Ist es Selbstmord, mitten in der Reihe das Format und den Preis zu ändern? Oder klappt das? Oder sollen wir einfach mit einer neuen Reihe starten? Das geht! Ich müsste nur im Nachwort von Beziehungsstatus 3 darauf hinweisen, wo es weitergeht! Aber lieber würde ich bei der bestehenden Reihe bleiben, oder? Nehmen Leser das krumm, wenn sich was ändert? Oder, ah! Eine zweite Staffel! Wie wäre es mit einer zweiten Staffel? Das wär geil, oder? Oder ist das blöd? Aber dann wäre Beziehungsstatus 4 Band 1 der zweiten Staffel … Ist das verwirrend? Ich lass euch jetzt mal was sagen, vielleicht seht ihr das ja alles ganz anders! Und kommentiert, wo immer ihr wollt, eure Meinung ist wiiichtig! 😀

Sookie beantwortet Leserpost!

Sookie beantwortet Leserpost!

Ihr Lieben, heute ist mir wieder was passiert. Ich bekam per PN Leserpost, die mich so geflasht hat, dass ich sie mit einem Blogartikel beantworten muss, weil meine Gedanken dazu nicht in eine schnöde PN passen. Und wenn das für mich so interessant war, über die Fragen des Lesers nachzudenken, ist das für euch vielleicht auch interessant. Also, meine Antworten. Der Leser ist natürlich voll anonymisiääääät, wie der Ostfriese sagt. Äh, die Fragen, die ich jetzt in einem offenen Brief beantworte, müsst ihr euch dann einfach denken, aber ihr schafft das, ich glaub an euch! 😀

Lieber voll anonymisierter Leser, deine Leserpost hat mir Brause ins Gehirn geschüttet! 😀

Boar, jetzt hast du mich echt zum Rappeln gebracht, erst mal Danke dafür, dass du dir so viele Gedanken gemacht hast. In eine Rezi musst du natürlich schreiben, was du für richtig hältst, ich bin absolut kein Fan von »manipulierten« Rezensionen und betreibe ganz bewusst kein Rezensionsmarketing. Aus Gründen! Deswegen kann ich dir jetzt leider keinen Rat geben, wie du fünf Sterne genau begründen solltest, ich wäre auch mit vier zufrieden! 😀 Aber als Leserfeedback finde ich deine Nachricht wahnsinnig spannend und wertvoll. Man kann echt nicht behaupten, dass ihr, meine Leser, eine homogene Masse seid. In den Büchern liest wirklich jeder was anderes. Und das ist einfach nur geil, wenn Bücher sich mit Menschen verbinden. Und als Autorin ist es mir natürlich eine Pflicht und Freude, dir deine Fragen zu beantworten, für xxx (Menschen aus einer Region, die für ihre Sparsamkeit bekannt ist, Anm. d. R.) auch kostenlos! 😉

Anna – Chaos und Hochbegabung

Tja, wo fangen wir jetzt an. Am besten bei Anna, die dir ja als zentrale Figur im Kopf rumspukt. Als hochbegabte Frau leidet sie an dem, an was hochbegabte Frauen so leiden: an einem analytischen Verstand und zufällig angehäufter Crossover-Bildung (die Dritte erschlagen kann) und an Selbstzweifeln, die mit der Höhe des IQs leider ansteigen. Hyperintelligente Menschen sind wahrlich nicht selbstbewusst, gerade bei Frauen ist das »klassische Underachievement«, also der Schutzmechanismus, sich blöd zu stellen, um nicht unangenehm aufzufallen, weit verbreitet.

Das beeinflusst natürlich auch massiv ihr Beziehungsleben. Zum einen neigt sie dazu, sich immer wieder auf das sichere Terrain der Verstandesebene zu flüchten – das ist ihr Spielfeld, da kennt sie sich aus. Zum anderen würde sie emotional am liebsten klammern wie ein ängstliches kleines Mädchen, das nicht allein gelassen werden will. Um sich dieser Angst vorm Verlassenwerden zu stellen, lebt sie – nicht bewusst – in einer offenen Beziehung. Sie sucht den Kick, sich immer wieder zu beweisen, dass sie es aushalten kann.

Um ihre Angst händeln zu können, baut sie ihr Leben fest um die Regeln der klassischen Polyamorie: Einvernehmlichkeit, Transparenz, Langfristigkeit. Anna ist der Typ für das »Turbospießermodell der freien Liebe«, am liebsten hätte sie Polyfidelity, also ein geschlossenes Polykül mit gleichberechtigten Partnern. Weil Sven aber ganz anders tickt, kann sie das eben nicht haben und lebt das so selbstbestimmt wie möglich einseitig.

Welches Beziehungsmodell funtioniert denn nu‘?

So, das Modell, das die drei ausprobieren. Hat ja keiner gesagt, dass offene Beziehungen einfach sind, nä? Monogamie klappt zwar auch nicht, ist aber wenigstens überschaubar und jeder weiß, was im gesellschaftlichen Kontext von ihm erwartet wird, da muss man nicht groß reden. Da ist es eher schwierig, Dinge anzusprechen, die von der Norm abweichen. Hinter dem Gartenzaun der Monogamie herrscht aber immer noch Wildnis.

Da kann jeder nur machen, was seine ureigene Natur ihm sagt, aber im Gegensatz zum bürgerlichen Lager versuchen die Beziehungsanarchisten eben, die Moralkeule nicht zu benutzen und Verletzungen durch Offenheit zu vermeiden. Lügen gilt nicht. Jeder, der schon mal selbst belogen wurde, weiß genau, wie sehr ein Partner, der sich mit einem Nebel aus Geheimnissen und Halbwahrheiten umhüllt, die Eifersucht schürt. Diese Geheimnistuerei wollen Sven und Anna auf jeden Fall vermeiden. John ja weniger. 😉

Für monogame Menschen klingt es natürlich extrem paradox und angstauslösend, nicht zu lügen und einfach offen zu sein. Weil sie Liebe und Exklusivität gleichsetzen. Nicht exklusiv zu lieben, heißt für sie eben, gar nicht zu lieben. Und trotzdem sind andere Beziehungskonstellationen so alt wie die Menschheit. Ob das Modell, das man sich baut, funktionieren kann, kann nur jeder der Beteiligten für sich entscheiden und da ist ja auch immer noch das wahre Leben. Menschen verändern sich, wenn sie neue Erfahrungen machen. Ständig.

Praktisch wäre es ja, aber Liebe ist einfach nicht statisch!

Und mit jedem Partner, der neu in ein Polykül kommt, verändert sich auch die Dynamik, die auch wieder neue Ereignisse hervorruft. Das passiert eben auch bei Anna, Sven und John, John verändert die Dynamik zwischen Sven und Anna. Das letzte große Puzzleteil, Band 4, ist ja gerade in Arbeit! 😀 Was natürlich die Frage aufwirft, die bei dir (offenbar einem begeisterten Poly-Leser) durchschimmert: Welches Modell ist denn jetzt das richtige? In jedem Poly-Buch gibt es offenbar ein anderes! Und das ist gut so! 😀 Du spiegelst mir Annas Beziehungsform als Poly auf Distanz wider, quasi eine Beziehung mit zwei verschiedenen Monos. Ich finde das hochgradig spannend, dass du das so empfindest, da du vorher andere Bücher gelesen hast, in denen es eher eine Beziehung mit mehreren Partnern gab. Andere Leser, die noch nie Berührung mit dem Thema hatten, wundern sich, wie eine Frau sich das überhaupt wünschen kann, dieses »einen Mann hier, einen da«.

Aber welche Beziehungsform ist denn jetzt praktikabel? Oder Heidi Kabel? Kennt noch irgendwer Heidi Kabel? Mein Gott, bin ich alt … äh, wo war ich? Da kommen wir jetzt in die tiefere Materie, für die wir Deutschen natürlich jede Menge tolle Fachwörter ersinnen. Ich zum Beispiel platzte neulich in eine Diskussion über das Konzept »Monopoly«. Als Sookie vom Dienst hab ich natürlich sofort gesagt: »Ich kauf die Schlossallee!« Da haben mich ein paar angeguckt, als hätte ich gesagt »Heil Hitler!«. Egal. Was Monopoly jetzt genau ist, hab ich leider schon wieder verschusselt, aber Anna lebt es nicht. Ich glaube, John ist eher der, der sich damit arrangieren will, ein Monopoly zu sein, nur leider ignoriert er dabei die Tatsache, dass er dem Ruf der Wildnis noch nie widerstehen konnte. Im Grunde seines Herzens ist er ein sinnlicher Lustmensch, der sich gern treiben lässt, aber sein Selbstbild lässt das nicht zu. Aber wie stehen Annas Männer jetzt in der derzeitigen Konstellation zueinander?

Wo liegen die Grenzen der Polyamorie?

Die Kernfrage ist doch wohl: Wie weit intensiviert sich die Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich einen Partner teilen? Mit jemandem Kaffee zu trinken, der weiß, wie der geliebte Mensch riecht, schmeckt, sich anfühlt, anhört, wenn er sich gehen lässt, ist definitiv anders als ein Kaffeenachmittag unter Mono-Paaren, wo alle Grenzen klar sind. Flügelpartner haben einfach eine intimere Beziehung als »nur« Freunde. Inwieweit diese intime Beziehung über Bande gespielt wird oder zu einer Triade führt, muss jedes Polykül selbst rausfinden.

Polyamorie ist aber eben nicht automatisch gleichzusetzen mit Sex zu dritt. Es kann passieren, muss aber nicht. Trotzdem handelt es sich bei Annas Beziehung zu ihren Männern nicht um »zwei parallele Monos«, da sitzen wir einem Paradoxon auf. Das Konzept zwei Monos parallel setzt ja voraus, dass die Monos auch Monos sind, also eine offene Beziehung niemals dulden würden und daher auch nicht voneinander wissen dürfen. Das treibt natürlich Menschen, die sich parallel verlieben, in den Untergrund und zwingt sie zu lügen. In dem Moment, wo der »untreue« Partner aber anfängt zu reden, geht die Mono-Beziehung entweder auseinander oder sie wird zu etwas anderem, einer Polybeziehung, einer offenen Beziehung, zu gelebter Beziehungsanarchie oder sonst was, das Spektrum ist ja zum Glück groß. Was das Team »Svannajo« daraus macht, bleibt leider abzuwarten! 😀

Fazit: Leserpost ist saucool! 😀

So, jetzt hab ich mich mal wieder verquatscht, der Tee ist alle und wo das Heinzelmännchen bleibt, dass ich für den Brot&Butter-Scheiß angefordert hatte, ist mir auch ein Rätsel. Aber das hier hat viel mehr Spaß gemacht! 😀 Leserpost zu kriegen, die mich mit vielschichtigen Fragen auf eine Meta-Ebene schubst, auf der ich gar nicht mehr aufhören kann zu blubbern, ist ein tolles Gefühl. Lebendig und inspirierend für Band 4, denn da werden Anna, Sven und John ihre Nische finden und ankommen. Danach gibt es dann erst mal wieder weitere Flüsternächte! 😀

Splendor: Film über Liebe zu dritt

Splendor: Film über Liebe zu dritt


Heute ist mir ein interessantes Zeitreisephänomen passiert, das ich euch nicht vorenthalten möchte! Ich bin nämlich auf YouTube auf den Film „Splendor“ gestoßen, und dass ich einer Dreiecksgeschichte nicht widerstehen kann, ist ja looogisch. Bis jetzt hab ich mich durch das erste Drittel des gesamten Films geklickt und hebe mir den Rest für morgen und übermorgen auf, weil ich jetzt erst mal Popcorn essen und verwirrt sein muss.

Eine Zeitreise in die Neunziger

Zwei Dinge musste ich unbedingt erforschen: Von wann ist der Film und woher kommt die Darstellerin mir so bekannt vor? Geht euch das auch so, wenn ihr einen Film seht und kaputt geht an der Frage, woher ihr einen Darsteller kennt? Noch schlimmer ist das mit Synchronstimmen, die man mit einem anderen Gesicht verbindet, man verbringt da mehr Zeit in der IMDb und auf Wikipedia als mit dem Gucken des Films. Also, äh, mir jedenfalls geht das so, aber ich bin auch bekennender Zwangs-Nerd und muss immer forschen. Und woher kenne ich die Darstellerin? Na?

Kathleen Robertson, das ist die, die bei „Beverly Hills, 90210“ die Quotenpsychopathin gespielt hat, die so in Brandon Dingsda, na, Walsh verknallt war! Laut Wikipedia hieß sie in der Rolle Clare Arnold, aber mein Gehirn gibt mir die ganze Zeit was mit Emily Valentine, ich werde die Forschung also weiter ausdehnen müssen. Seufz. Hoffentlich muss ich dafür nicht Beverly Hills gucken. Einerlei! Jedenfalls ist Clare, Emily, Kathleen in Splendor sehr, sehr niedlich. Ich mochte die Darstellerin immer schon, vielleicht auch, weil ihr perfekt operiertes Puppengesicht von einem drolligen Silberblick in einer Harmonie gestört wird, die sonst wohl unerträglich langweilig wäre. Aber das Schielen reißt es echt raus! 😀

Und für Splendor ist Kathleen Roberston auch wirklich toll besetzt. Von den Beverly Hills Damen würde mir jedenfalls sonst keine einfallen, die in der Rolle glaubwürdig gewesen wäre, die biedere Brenda etwa? Oder Kelly, das arme reiche Mädchen, das doch immer nur Spießer sein wollte? Nönö, immerhin geht es bei Splendor um Liebe zu dritt und da ist für das amerikansiche Publikum die mit dem Stempel „Die spielt doch immer die Irre!“ wohl am glaubwürdigsten.

Immerhin enthält Splendor gerade noch so fernsehverträgliche „explizite Szenen“, auch, wenn bei denen, die ich bis jetzt gesehen habe, wahrlich kein Gefühl aufkommt. Die wirklich gefühlige Eingangssequenz wird leider durch sportliche Rammelszenen mit absurdem Gekreische ersetzt und ich würde sie irgendwo zwischen Bundesjugendspielen und Klimbim mit Ingrid Steeger ansiedeln, angereichert durch die Fantasien eines hormonüberfluteten pubertären Gehirns, aber wer weiß, vielleicht steigern sie sich noch und es kommt doch noch Gefühl auf, ich hab ja erst ein Drittel gesehen.

Splendor muss man nicht gucken, man kann aber

Gut, es ist ein Klamaukfilm, keine Frage. Tiefe kann man da nicht erwarten. Trotzdem fällt Splendor mir gerade deshalb angenehm auf. Die Archetypen sind so archetypisch, dass auch im Thema Dreiecksbeziehung „ungeübte“ Zuschauer sie gut einordnen können. Aber sie sind nicht so archetypisch, dass sie sich verhalten wie der heute wieder so übliche Grunz-Grunz-Macho, der sein Weibchen auch mit Waffengewalt verteidigt, ohne zu fragen, was SIE überhaupt will.

Die Frauenfigur ordnet sich auch nicht brav unter, sondern regelt mit einer Mischung aus erfrischender Naivität und Kindergartentanten-Versuchen, ihre Jungs zu „fördern“, ihre Triade. Fetter Punkt dafür. Offene Männer und eine selbstbestimmte Frau. Nur die beste Freundin als Korrektiv geht mir als komplett abgegriffen auf den Knörzel, aber da kann das arme Mädchen ja auch nichts für, ist ja nur eine Rolle, höhö. Aber die lustige, ausgefliptte Lesbe mit der lockeren Moral war einfach schon zu oft der Sideshow-Bob, um nicht zu nerven.

Charmant finde ich Splendor trotzdem, weil dieser Film von 1999 defintiv ein Kind der Neunziger ist und das Thema Liebe zu dritt völlig locker und unbeschwert handhabt, ohne mit der Moralkeule zu hauen. Heute, im Zeitalter des Rollbacks, wo psychopathische Milliardäre im Body eines Unterwäschemodels wieder das Beutestück schlechthin sind und romantische Jungfrauen sich für „den Richtigen“ aufsparen, würde dieser Film wahrscheinlich einen Shitstorm auslösen, der sich gewaschen hat.

Aufbruchstimmung und Polyamorie

In den Neunzigern aber nahm die Polyamorie-Bewegung in Amerika gerade richtig Fahrt auf und entwickelte sich tatsächlich zum „Spießer-Modell“ der Freien Liebe. Transparenz, Verbindlichkeit und Liebe lösten damals wieder das Hippie-Klischee „Wer zweimal mit derselben pennt“ ab und die Auswahl an Schubladen, in die man sich selbst reinsetzen kann, wurde endlich größer. Man musste nicht mehr nur zwischen Jesuslatschen und Krawatte wählen.

Und diese Aufbruchstimmung, es mal mit völlig neuen Beziehungsmodellen zu versuchen, bringt Splendor wirklich nett rüber. Auch, wenn ein bisschen weniger Klamauk dem Film wirklich gut getan hätte. Leichtigkeit geht auch ohne Klimbim. Aber Figuren, die versuchen, ihre Beziehungen an ihre Liebe anzupassen, nicht an Konventionen, haben bei mir eh immer einen fetten Stein im Brett. Ich klicke mich also weiter durch Splendor und bin gespannt auf den Rest!

Ambra Lo Tauro oder wieso ich gerade auf meinen Händen sitze!

Ambra Lo Tauro oder wieso ich gerade auf meinen Händen sitze!

Jetzt kommt kurz & schmerzlos direkt noch ein Post, der sonst nur auf der FB-Seite gelandet wäre! Aber kennt ihr das? Wenn ihr vor Neugier platzt und unbedingt ein Buch lesen wollt? Dieses Buch, „Zimt und Zitrone – Bergamotte“ von Ambra Lo Tauro ist so eins und ich sitze auf meinen Händen, um mir das jetzt zu verkneifen.

Ich knuspere nämlich so fokussiert an der Sache mit Sven und John rum, dass ich gezielt alles ausblende, was iiiirgendwie mit dem Thema Aufweichen der Grenzen zwischen „Meine Beziehung“ und „Deine Beziehung“ zu tun hat. Weil Sven und John das ganz alleine rausfinden müssen! 😀

Aber ich finde es einfach arschcool, dass immer mehr Bücher auftauchen, die gewohnte Genres wie „Liebesroman“, „Gay Romance“ oder meinetwegen auch Erotik verlassen und genre- und grenzübergreifend einfach von Gefühlen und Beziehungen erzählen, die nicht mononormativ oder heteronormativ sind. Normen haben wir echt schon genug!

Nennt mich naiv und euphorisch, aber ich hab das Gefühl, dass sich am Buchmarkt was tut und dass Lesen in den nächsten Jahren wieder richtig spannend werden könnte! Den Blog von Ambra Lo Tauro findet ihr übrigens hier und falls ihr noch mehr Bücher kennt, die emotionale Grenzgänger beschreiben, immer her damit! Ich les die dann, wenn Beziehungsstatus 4 fertig ist und meine Jungs wissen, was sie wollen! 😀

Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Ui, autsch, klatsch! Habt ihr schon mal Rezensionen rezensiert? Nö? Ich auch nicht. Aber heute begeben wir uns mal auf diese Meta-Ebene und machen das einfach mal. Mir ist da nämlich eine fürchterlich komplexe Sache passiert, über die ich reden muss! 😀 Um ehrlich zu sein, das Ding hat mich so eiskalt erwischt, dass ich schon wieder emotionaaal war!

Ich hab dann auch noch mal im Polyamorie-Magazin nachgelesen, was da über mich steht und irgendwie hat mich das beruhigt. Wenn DAS Fachorgan der Polyamorie-Szene schon darüber berichtet, dass die Poly-Autorin Sookie Hell immer so herrlich emotional ist, dann darf ich das wohl. 😀

Aber, Mann! Diese Rezi hat mich echt so eiskalt erwischt, dass ich im ersten Moment neben mir gestanden habe wie früher die Hausfrauen in der Waschmittelwerbung, wenn sie sich gefragt haben, was sie denn bloß falsch gemacht haben. Und es geht, ja, meine Leser lachen jetzt, um wen sonst, natürlich um John. Aber fangen wir vorne an. Ich zeig euch erst mal die Rezension, über die ich jetzt seit Tagen nachgrüble.

Mein John und sein gnadenloser Verriss – vom Umgang mit Rezensionen

Äh, wenn ihr da eben draufklickt, wird das Bild groß und lesbarer!

Bämm! So. Das ist natürlich immer ganz kniffelig, auf sowas zu reagieren, ohne einfach als beleidigte Leberwurst dazustehen, aber ich traue uns allen zu, dass wir da differenzieren können! 😀 Meine Kolleginnen werden jetzt sofort wissen, wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich das gelesen hatte. Ich war so verwirrt, ich hab den Papierkorb ausgekippt, auf meinen Kopf gestülpt und dann hab ich mich summend hin und her geschaukelt, bis ich mich halbwegs beruhigt hatte. Ihr kennt das, oder? Sagt mir bitte, dass ihr das kennt. Man fühlt sich wie eine Löwin, der ein Junges zerfleischt wird. Das ist übrigens der Grund, wieso ich nie Bücher meiner Kolleginnen rezensiere. Weil man nie wissen kann, wie viel Arbeit und Herzblut hinter so einer Figur stecken und wann man eine Löwin direkt ins Herz trifft.

Ja, gut, ob man jetzt Harry Potter einen Stern abzieht, weil man das Buch toll, aber Voldemort unsympathisch fand, ist eine Stilfrage, die jeder mit sich ausmachen muss, das ist klar. Und mein Umgang mit Kritik ist in der Regel meine Stärke. Ich schreibe schon seit so vielen Jahren für Geld, wenn ich mich jedes mal, wenn ein Auftraggeber was zu meckern hat, heulend aufs Bett werfen würde, hätte ich längst eine dieser lustigen Jacken an, bei denen man die Ärmel auf dem Rücken verknoten kann. Um es mit Lichtenberg zu sagen: »Das ist die Wetterseite meiner moralischen Konstitution«.

Trotzdem war ich so nachhaltig verstört, dass ich mir echt Gedanken machen musste. Und normalerweise sind kritische Rezensionen für mich auch kein Grund zum Heulen, sondern eine wichtige Motivation, um zu überarbeiten. So, wie bei der Rezension, in der es den Punktabzug gab, weil die Leserin fand, dass in Band 2 der Tango zu viel Raum in Anspruch nimmt, der den Nebencharakteren gutgetan hätte, das war sehr hilfreich und ich hatte das bei der Überarbeitung zur zweiten Auflage die ganze Zeit im Hinterkopf. Aber das jetzt … Hallo? John ist ein Held!

Boar, ist das wieder kompliziert …

… aber wir sind ja hier bei Sookie, da ist das eben so. Ich frag mich natürlich selbst, ob nicht ich die Drama-Queen bin, dass ich über eine Rezension so lange nachdenken muss, dass ich sogar extra einen Artikel darüber schreibe, aber: Nö.

Und dann sind die Beziehungsstatus-Romane ja auch noch eine Komödie, das muss man doch alles gar nicht so ernst nehmen. Aber sie sind eben eine Komödie im klassischen Sinne. Ich bin nie so ernst, wie wenn ich lustig bin. Denn der Sinn einer Komödie ist es, ernste Inhalte so zu überspitzen, dass die Menschen angstfrei darüber lachen können und sich lösen, und wenn sie entspannt sind, fühlen sie sich wohl und können auch über kompliziertere Sachen mal nachdenken. Um den Che an seinen strubbeligen Haaren herbeizuziehen: »Wer herzhaft lacht, hat mich nicht richtig verstanden!«

Höhö, der Che und ich, alte Liebe rostet eben nicht. Aber der Punkt ist: Als ich meine gekränkte Eitelkeit und das Kämpferherz der angegriffenen Löwin mit genügend Schokolade besänftigt hatte, kam ich an den Kern der Sache. Der Punkt ist also: Man kann ja noch so ein alter Hase im tippenden Geschäft sein, aber bei den Herzblutbüchern kommt ja jede Figur aus einem selbst. Ja, ihr Lieben, selbst eine gewisse Portion Sonja steckt in mir, sonst hätte ich sie nicht schreiben können. Jetzt hat mich zwar keiner mehr lieb, aber da muss ich jetzt durch. Aber Fakt ist: Dieser Angriff gegen John und Anna hat mich tatsächlich richtig verletzt, weil ich an beiden Punkten in meinem Leben schon war und weiß, wie schwierig das ist.

Lebenserfahrung braucht eben ihre Zeit

Ich war schon der ängstliche Klammermensch, der irgendwie damit klarkommen musste, einen Menschen zu lieben, den er nicht für sich haben kann, und ich war auch schon die abgeklärtere Hälfte, die versucht hat, ihren Partnern die Verlustangst zu nehmen, trotz ihrer anderen Beziehung. Irgendwann hab ich mich zu einem Sven entwickelt, der seine Gelassenheit aus dem Wissen zieht, dass man sowieso nichts festhalten kann. Ja, jetzt wisst ihr’s, in echt bin ich ein zwei Meter großer, tätowierter Wikinger. Also, äh, mental. Wir reden hier nicht über meine Bauchmuskeln! *flöööt*

Nein, es geht um die Gefühlslage, und deswegen verletzt mich dieser Verriss so. Das tut mir nämlich so weh, weil ich bestimmt Leser habe, die mit John mitfühlen, mit Anna oder mit beiden, weil ihr auch irgendwo dazwischen hängt, zwischen Eifersucht und Freiheit, wie das jeder Mensch tut, monogam oder nicht. Und ich will für die LeserInnen, die sich mit John identifizieren und mit ihm mitfiebern und die seine Zerrissenheit selbst schon gespürt haben, auf keinen Fall unkommentiert stehenlassen, dass er eine Dramaqueen ist, die nicht über den Tellerrand sieht. Denn wenn er nicht über den Tellerrand sehen würde, hätte er diese ganzen inneren Kämpfe doch gar nicht!

Schildwall: Reden wir also über John!

Gut, John ist ein extrem verpeilter Chaot und man kann jetzt echt nicht sagen, dass er sich immer im Griff hat, aber er ist – wir erinnern uns – der Held einer ernsten Komödie. Und in meinen Augen ist er eine extrem starke Figur. Wie viele hochintelligente Menschen mit einer herausragenden Inselbegabung hat er an anderen Stellen einfach Defizite, isso. Er ist eben nicht der perfekte Mister Billionaire, sondern ein Held mit Schwächen.

Aber dieser Mann fängt gerade an, die Hollywoodgehirnwäsche, die er sein Leben lang erhalten hat, über den Haufen zu werfen. John hat gelernt, was wir alle gelernt haben. Liebe ist immer exklusiv, sonst ist sie eben keine. Logischerweise sagt sein Kopf, dass Annas Gefühl für ihn also unmöglich Liebe sein kann, sonst wäre sie ja treu. Und ein Mann beweist seine Liebe durch seine Eifersucht. Territorialverhalten und besitzergreifendes Denken sind die Grundsteine des Patriarchats, jeder Mann, der das infrage stellt, ist ein Held, egal, wie »suboptimal« er sich dabei anstellt und sich auch manchmal gnadenlos zum Trottel macht.

Wer keine Angst hat, braucht auch keinen Mut, oder?

An der Stelle muss ich übrigens auch mal eben sagen: Ich hab männliche Leser. Für eine schreibende Frau, die im weiteren Sinne im Segment »Liebesroman« unterwegs ist, ist das markentingtechnisch ein Ding der Unmöglichkeit. Und trotzdem seid ihr da und ihr seid open-minded genug, um auf das Thema Polyamorie neugierig zu sein, das find ich extrem sexy, muss ich mal so sagen! Ihr seid meine Helden! 😀

So, zurück zu John. Ich hab diesen Mann erfunden, weil ich finde, dass wir solche Romanfiguren ganz dringend brauchen, um mal den Druck rauszunehmen, dass ein echter Kerl keine Schwächen zeigt. Es ist wahnsinnig schmerzhaft, sich mit der eigenen Eifersucht und Verlustangst auseinanderzusetzen und gerade Männern fällt das noch mal eine Schüppe schwerer, weil sie ja nicht schwach sein dürfen und dazu erzogen werden, solche Probleme dann eben mit Gewalt zu lösen, mit verbaler, manchmal sogar körperlicher Gewalt. Dann kriegt die Olle eben auffe Fresse, wenn die fremdgeht. Oder der Rivale. Oder beide.

Wenn ein impulsiver, leidenschaftlicher Gefühlsmensch wie John einfach sagen würde: »Hm, Polyamorie, hab ich noch nie gehört, da mach ich einfach mal mit!«, wäre das für mein Empfinden und nach meiner Lebenserfahrung total unrealistisch. Weil er sein Leben lang versucht hat, in der Welt der Monogamen mitzuspielen. Er ist völlig fokussiert darauf, da endlich mal alles richtig zu machen und soll jetzt plötzlich radikal umdenken.

Wieso John mein Liebling ist? Isser? Isser!

Jede Frau, die Polyamorie tatsächlich lebt, hat schon auf die eine oder andere Art die Erfahrung gemacht, dass schwer verliebte Männer genau in dem Moment zuklappen wie Austern, wo ihnen klar wird, dass es hier nicht um ein verletztes Hascherl geht, das »gerettet« werden muss, sondern um eine selbstbestimmte Frau, die tatsächlich sagt, was sie meint und meint, was sie sagt. Dass sie nämlich polyamor ist und das auch bleiben wird. Viele, viele Männer setzen sich damit nicht auseinander, sondern verlieren dann einfach eben den Respekt und damit ist der Keks für sie gelutscht.

Und ich saug mir das ja nicht aus den Fingern, ich hab’s selbst erlebt. 98 % der Mono-Männer drehen sich in dem Moment, wo ihnen klar wird, dass das nicht »heilbar« ist, um und fragen sich, was sie in der Schlampe gesehen haben. John tut das nicht. Klar, er ist verpeilt, er richtet Chaos an, er agiert aus Verletztheit heraus manchmal kopflos und destruktiv, aber er steht für die wenigen Helden da draußen, die den Mut haben, Unsicherheiten irgendwie auszuhalten und sich vorzutasten in eine andere Art der Liebe, auch, wenn’s weh tut, auch mit Rückschlägen und unreflektierten Reaktionen.

Und auch mit der nur natürlichen Reaktion, in so einer unsicheren Situation erst mal zu klammern und Sicherheit zu fordern. Und deswegen tut die Rezension mir so weh. Weil es hier um genau die Figur geht, die es wenigstens irgendwie versucht. Und Anna?

Anna und die Polyamorie

Die Rezensentin ärgert sich darüber, dass Anna für dieses verwöhnte Kind, diese Dramaqueen, ihren Weg in Zweifel zieht. Liebe Rezensentin, das ist natürlich dein gutes Recht. Ich vermute, du bist entweder eine radikale Beziehungsanarchistin oder eine glücklich verheiratete monogame Frau, die sich eher aus soziologischem Interesse für das Thema unlimitierte Liebe interessiert. Aber Anna ist weder das eine, noch das andere. Anna ist polyamor und sie weiß aus eigener Erfahrung, wie Verlustangst und Eifersucht sich anfühlen. Und das macht sie so mitfühlend.

Polyamorie ist im Spektrum der freien Liebe das »Spießermodell«. Es geht nicht darum, eine offene Beziehung in dem Sinne zu führen, dass rein sexuelle Seitensprünge erlaubt sind. Es geht auch nicht darum, wie es in der SM-Szene von einigen Paaren toleriert/akzeptiert wird, Spielpartner zu finden, die dieselbe Neigung haben, damit man diese trotz bestehender Beziehung ausleben kann. Es geht auch nicht darum, eine Nicht-Beziehung zu führen, um keine Verbindlichkeiten einzugehen.

Die Polyamorie hat ganz feste Regeln. Transparenz, Einvernehmlichkeit und Langfristigkeit. Diese Regeln geben allen beteiligten Partnern Sicherheit und wer sich nicht absolut verbindlich daran hält, der kann, nach meiner Erfahrung, dabei zugucken, wie die ganze Sache den Bach runtergeht und auf höchst schmerzhafte Weise an Verlustangst und Eifersucht zerbricht.

Die Regeln stehen also fest und wer sagt: »Ich bin polyamor« oder »Ich will eine polyamore Beziehung führen«, der verspricht (vorausgesetzt, er kennt sich selbst, kennt sich aus und plappert nicht nur irgendwas nach, was er in einem schlecht recherchierten Zeitungsartikel gelesen hat) ganz klar Verbindlichkeiten, an die das Gegenüber sich halten kann. Sich halten können muss. Und wenn Anna sich bemüht, einvernehmlich zu handeln, zieht sie nicht ihren Weg in Zweifel, sie geht ihn unbeirrt weiter.

Polyamorie heißt Verbindlichkeit!

Bei der Polyamorie geht es also um ernsthafte, langfristige Liebesbeziehungen. Und das wird nicht einfacher, wenn ein neuer Lieblingsmensch ins Polykül kommt, sondern bedeutet immer eine schwierige Phase der Unsicherheit für alle. Die Karten werden neu gemischt und dabei muss man höllisch aufpassen, dass keiner hintenüber kippt, weil er sich übergangen fühlt. So ein Polykül ist eine sehr sensible Angelegenheit und kann immer nur so glücklich sein wie sein schwächstes Mitglied. Denn alle sind emotional miteinander verbunden, auf die eine oder andere Art.

Wenn Anna jetzt sagen würde: »Tut mir ja leid, dass du eifersüchtig bist, aber ich lass mir nichts vorschreiben, ich mache, was ich will!«, dann wäre sie als Romanfigur unlogisch, verlogen und, äh, ein blödes Arschloch. Denn dann wäre ihr Verhalten nicht polyamor. Wenn sie gesagt hätte, dass sie keine Beziehung will und keinen Bock hat auf Verbindlichkeiten, dann hätte sie das sagen können, ohne unglaubwürdig zu sein, aber dann wäre sie auch nicht Anna. Denn Anna steht in der ganzen Welt der Beziehungsstatus-Romane eben für die Einhaltung der polyamoren Regeln, da ist sie der Sheriff und versteht auch keinen Spaß!

Und Anna mit dem großen Herzen liebt John auch mit diesem großen Herzen. Sie ist keine unverwundbare Übermenschin, sie leidet darunter, dass sie ihn verletzt und hat das Bedürfnis, dieses Leiden zu lindern und ihm Sicherheit zu geben und das tut sie konsequent, indem sie die Regeln einhält, auf denen sie ihr Leben aufgebaut hat. Sie zeigt ihm damit, dass er sich auf ihr Wort verlassen kann und dass Einvernehmlichkeit für sie nicht einfach nur ein Wort ist. Und sie denkt langfristig. Sie weiß genau, dass John es sein wird, der neu verhandeln will, wenn er merkt, dass er sich auf sie verlassen kann.

Sie handelt einvernehmlich mit Sven, weil sie mit ihm über alles gesprochen hat, immer wieder, und sie weiß, wie er dazu steht. Sven bleibt ja jetzt wahrlich nicht als der unterversorgte Trottel zurück und das Team Svanna definiert Liebe schon lange nicht mehr über Sex, eigentlich haben sie das noch nie getan. Aber Sven, der auch ein großes Herz hat, weiß, dass John das (noch) tut und darauf nimmt er als alter Poly-Hase eben Rücksicht. Ihm ist Mitfreude, weil Anna so verliebt ist, wichtiger als sein Revier zu verteidigen, und er hat ja auch echt genug zu tun.

Achtung, jetzt kommt die Botschaft!

So. Und diese flammende Rede ist jetzt aus mir rausgeblubbert, weil ich meinen LeserInnen sagen will: Wenn ihr solche Schwierigkeiten habt wie John, mit Eifersucht und Verlustangst umzugehen und vielleicht auch nicht immer die beste Figur macht, wenn ihr euch in die Ecke gedrängt fühlt, seid ihr keine Dramaqueens.

Ihr seid tapfere Menschen, die versuchen, ihre Ängste in den Griff zu kriegen und da ist man nun mal nicht immer abgeklärt und konstruktiv. Selbst Romanfiguren müssen keine Übermenschen sein, und wir echten Menschen schon mal gar nicht. Und wenn ihr Kompromisse macht, um die Menschen, die ihr liebt, so wenig wie möglich zu verletzen, stellt ihr auch nicht euren Weg infrage, ihr seid dann viel mehr verantwortungsvoll und empathisch.

Da könnt ihr mal sehen, was Rezensionen für Gedankengänge auslösen können!

Und das war für mich der Kern der Sache, das wollte ich klarstellen. Wem welche Figur sympathisch ist und wem nicht, bleibt ja jedem selbst überlassen, ich kann auch so manchen Publikumsliebling in Büchern oder Serien nicht leiden und hab auch überhaupt nicht den Anspruch, süße Bücher voller Lieblingscharaktere zu schreiben, dann würde ich Drehbücher für »My little Pony« schreiben. Ich freu mich ja, wenn meine Figuren auch polarisieren, insofern war das natürlich eine sehr wertvolle Rezension. Der eigentliche Wert der Rezi lag für mich aber wohl eher darin, dass mich das in meiner eigenen Position noch mal bestärkt hat.

Ich schreibe Romane über Polyamorie, weil mir die Vielfalt und Toleranz in der Liebe extrem wichtig sind. Steffi, die lieber Single ist, als einen nicht-monogamen Partner zu haben, ist zum Beispiel eine meiner Lieblingsfiguren. Jeder Mensch empfindet Liebe anders und sollte auch die Freiheit haben, sie in seiner Weise zu leben. Und ich will nicht, dass John in seinem Recht auf zutiefst menschliches Gefühlschaos beschnitten wird, ich will, dass er Zeit und Raum bekommt, wirklich von innen heraus zu reifen und sich auch damit auseinanderzusetzen, was eigentlich in ihm vorgeht, wenn er nicht treu ist. Im Moment arbeiten er und ich an Band 4 und die Frage beschäftigt ihn sehr! 😀

Ich will auch nicht, dass Anna ihr Mitgefühl über Bord wirft, nur, um auf Biegen und Brechen eine »starke Heldin« zu sein. Denn für mein Gefühl wäre sie gar keine starke Heldin, wenn sie nicht bereit wäre, auch immer wieder Kompromisse zu machen und wenn sie nicht auch Interessenkonflikte hätte, die ihr viel abverlangen. Ihre Stärke liegt gerade in ihrer Empathie und in ihrer Bereitschaft, ihre Partner auch mit deren Schwächen und Ängsten zu lieben.

So. Jetzt hab ich das blöde Gefühl, meine eigenen Bücher erklärt zu haben und wenn Romane nicht selbsterklärend sind, hat man beim Schreiben wohl was falsch gemacht. Aber bei so einem vielschichtigen und komplexen Thema wie Polyamorie kann das wohl mal passieren. In diesem Sinne: Seid keine Übermenschen, habt euch lieb für eure Gefühle und verzeiht euch, wenn ihr mal einen John-Moment habt, denn dafür ist John da. Dramaqueen hin oder her. Wir alle sind manchmal eine Dramaqueen.

Und noch eine Bitte!

Ich weiß, Kommentare in Blogs sind total out und ich finde es toll, wenn wir immer auf Facebbok quatschen, aber falls ihr das hier wirklich bis zum Ende gelesen habt und mir ein John-pro-oder-contra-Feedback geben wollt, dann wäre es sehr lieb, wenn ihr hier die Kommentarfunktion nutzen könntet, wir können ja trotzdem auf Facebook rumalbern, aber so finden dann auch die Blogleser eure Meinung, und die ist ja wichtig, nä? Hab euch lieb! 🙂

Übrigens: P.S.

Die Rezensentin und ich stehen per PN in Kontakt und sind sehr lieb zueinander! Nur, dass hier kein falscher Eindruck entsteht! Das ist wirklich eine spannende Sache! 😀