Rezensionen: Krieg der Sterne

Rezensionen: Krieg der Sterne

Rezensionen Marketing
Ihr Lieben, heute komme ich mal mit einem Thema bei euch bei, das wahrscheinlich nur für Freaks, also Autoren, interessant ist, aber vielleicht auch nicht. Wir werden sehen. Ich hab nämlich vor ein paar Tagen einen Butterbrot-Artikel über Empfehlungsmarketing geschrieben und dachte mir so: Hm. Empfehlungen sind am Buchmarkt ja schlicht und ergreifend Rezensionen und dazu wollte ich schon lange was schreiben.

Mir sagen nämlich manchmal Leute: »Ach, du! Dir sind Rezensionen ja gar nicht so wichtig!« und das ist eine glatte Fehleinschätzung. Rezensionen sind mir sehr wichtig! Ich halte nur nichts von gezieltem Empfehlungsmarketing. Wenn ich einen Shop für Schuhe oder Strickwolle hätte, fände ich es bestimmt genial, aber bei Büchern ist das einfach was ganz anderes.

Die Wuchtbrumme, die auf ihre Kunden spuckte

Lasst das ein paar Monate her sein, da scrollte ich so über die Facebook-Timeline (alle paar Monate mache ich das mal, das merkt ihr dann daran, dass ich eure Beiträge like 😀 ) und blieb an einem Live-Video hängen. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass das geht, deswegen bin ich da hängengeblieben. Und da saß eine Autorin, die wirklich fett im Geschäft ist. Also, äh … nee. Gönne ich mir jetzt den Luxus, mit der Doppeldeutigkeit zu spielen? Gerade ich, die ich mich in den letzten Wochen fast ausschließlich von Mördermonsterkünstlerkuchen ernährt habe, weil ich ja für das eBook immer wieder probebacken musste … äh, ach, egal! Ihr wisst schon!

Also, die Dame gehörte zu der Liga, die eine viel gewichtigere Persönlichkeit ist, als die Muskelmilliardäre auf ihren Covern (was stimmt mit mir nicht, dass ich beim Wort Milliardär immer angewidert an Typen wie Trumbo denke, anstatt mir sinnlich über den Hals zu fahren und dann diskret zu sabbern?). Ja, also, sie passte kaum ins Bild, jetzt ist es raus. Man könnte jetzt meinen, dass die Information vollkommen irrelevant ist und Sookie nur doof ist und über Dicke lästert. Aber ich bin ja selber Typ Kuh, nicht Ziege. Jetzt kommt aber die Verknüpfung, die mich für eine Sekunde nachdenklich machte. Die Dame verdient sich eine güldene Nase damit, dass sie Männer als Lustobjekte ausbeutet. Was ja auch irgendwie legitim ist, auch wenn mir persönlich das einfach nicht schmeckt, aber der Buchmarkt ist für alle da.

Aber da sitzt diese Zweihundert-Kilo-Wuchtbrumme mit Platin-Porno-Frise und schreibt Sexbücher, in denen Männer durchtrainierte Fleischklumpen mit Dauerständer sind. Und irgendwie kommt mir so was immer vor wie das weibliche Äquivalent zu fetten alten Säcken, die in der Kneipe der jungen Kellnerin in den Popo kneifen und überhaupt nicht auf die Idee kommen, dass die junge Frau dieses »Begehren« gar nicht erwidern könnte. Übergriffig. Ohne jede Empathie. Und genau so ging diese Dame eben auch mit ihren Rezensenten um, denn über die lästerte sie in ihrem Video einfach ab. Da fielen tatsächlich Sätze wie »Das geht mir am Arsch vorbei, die können mich mal!«

Und, ja, jetzt wartet! Das, meine Damen und Herren, war geniales zielgruppenorientiertes Empfehlungsmarketing, auch wenn die Dame das in ihrem Kopf bestimmt nicht so nennt. Aber so hat sie ihre Fanbase mobilisiert, selbst so eine »starke« Frau zu sein, der Kritik am Arsch vorbeigeht und das darüber zu äußern, dass sie aus Trotz erst recht richtig gute Rezensionen schreiben. Um es den Rezensenten, die solche Worte wie »Unterschichten-Literatur« fallen lassen, mal so richtig zu zeigen. Im Rudel. Das stärkt ungemein. Ja, da draußen herrscht Krieg. Krieg der Sterne, um genau zu sein.

Was wollte ich jetzt mit dieser Anekdote sagen?

Keine Ahnung, ich wollte das nur loswerden! 😀 Aber Fakt ist doch, dass jeder Autor mit Rezensionen anders umgeht, aber wir alle reagieren sehr emotional. Denn Bücher sind ja nicht einfach wie Autos, die man am Fließband herstellt. Da steckt eben Herzblut drin, das ist das, was die Kunst vom Handwerk unterscheidet. Ein Buch ist immer eine sehr persönliche Sache, mit der wir viel über uns selbst sagen. Wer ernsthaft schreibt und damit an die Öffentlichkeit geht, macht sich angreifbar und das müssen wir alle aushalten. Sichtbarkeit macht eben emotional. Ich zum Beispiel hab gerade einen Hüpfer gemacht, weil ich vor ein paar Minuten diese Rezension entdeckt habe. Wenn sie Telefone hätten, würde ich jetzt sofort meine Romanfiguren anrufen und ihnen erzählen, dass sie das Prädikat »verrückteste WG Deutschlands« bekommen haben.

Ein paar Tage vorher bekam ich aber diese Rezension. Und da hab ich ungelogen zehn Minuten lang geguckt wie eine Kuh im Regen, die am Weidetor steht und sich fragt, warum der Melker sie nicht endlich mal in den Stall holt. Ich hab – ohne Witz – diese zwei Sterne nicht verstanden, weil ich den Text so positiv fand. Ich konnte da nicht mit arbeiten. Und das bei einem fast noch nackten eBook, wo eine Zwei-Sterne-Rezension den Durchschnitt dramaaatisch nach unten zieht. Und was ist passiert? Kaum war diese Rezension online, rutschte das Buch rauf auf den Gesamtverkaufsrang 14! Am ganzen Amazonas gab es nur noch 13 Umsonst-eBooks, die sexier waren als meins. Das hab ich dann noch weniger verstanden. Aber diese Kritik hat mich komischerweise nicht wirklich auf emotionaler Ebene berührt, da haben mich viel bessere Rezensionen schon viel nachdenklicher gemacht! Also hab ich mich gefragt:

Wieso tut Kritik manchmal mehr weh und manchmal weniger?

Es kommt ja immer darauf an, wer uns kritisiert, wie und warum. Insofern kann ich die Dame, die so fett im Geschäft ist, schon verstehen, ich heiße nur ihren Umgang damit nicht gut. Sollte sie sich wirklich ganz bewusst aus Marketinggründen dafür entschieden haben, Milliardäre mit und von der Stange auf den Buchmarkt loszulassen, weil das Genre eben rennt wie kein anderes, kann ich auf intellektueller Ebene nachvollziehen, dass es sie nicht interessiert, wenn Rezensenten bemängeln, dass es sich bei ihren Büchern ja wohl nicht um Literatur handelt. Oder um Einhandliteratur. Denn dann ist ihr selbst völlig klar, dass sie da Massenware für den Markt verfasst, dann eben ohne Herzblut.

Trotzdem bewegen sich da Menschen aus ihrer Komfortzone, friemeln sich durch das Bewertungssystem und überlegen, wie sie jetzt sagen könnten, was sie beim Lesen des Buches gedacht haben. Das verdient immer Wertschätzung, immer! Auch dann, wenn Rezensionen uns Autoren nicht schmecken, trotzdem hat sich da jemand die Mühe gemacht, dem Buch Beachtung zu schenken. Aber manchmal nimmt man das eben eher mit intellektuellem Interesse auf und manchmal heult man wie ein Schlosshund.

Nämlich immer dann, wenn man selber das Gefühl hat, dass der kritische Rezensent Recht hat und dass man eben nachbessern muss. Dieses Aua ist dann immer groß, aber richtig groß. Manche gehen dann damit so um, dass sie ganz offen und ehrlich dazu stehen, dass sie traurig sind. Das erfordert viel Mut und ist eine sehr starke Reaktion. Andere schützen sich dann eben durch Zynismus und banalisieren ihre Rezensenten. Pah, die verstehen mein Buch eben nicht und haben keine Ahnung, diese sogenannten Rezensenten!

Nur lässt man sich dann eben auch die Chance entgehen, darüber nachzudenken, ob nicht ein Fünkchen Wahrheit an der Kritik sein könnte und ob man da nicht besser mal mit arbeiten sollte, wenn man sein gekränktes Ego ein bisschen gepflegt hat. Das ist wohl die schwierigste Arbeit für Autoren überhaupt. Aber Rezensenten haben gegenüber uns Autoren einen entscheidenden Vorteil: Sie sind nicht so nah dran, sie sind nicht betriebsblind. Deswegen können sie einem mit einem »Ich sehe was, was du nicht siehst« aus der Patsche helfen.

Rezensionen und Marketing: Vorsicht, Falle!

Wie gesagt: Empfehlungsmarketing brummt ja. Über sich selbst kann man viel erzählen, aber Kunden finden (vollkommen zu Recht) die Meinung anderer Kunden eben glaubwürdiger als jede Werbestrategie, isso. Und nichts wirkt so unsexy wie ein Buch ohne Rezensionen. Der Markt »Buch gegen Rezension« blüht ja auch überall. Leserunden, Rezensionsgruppen auf Facebook und was weiß ich. Und als ich mit den Beziehungsstatus-Romanen an den Markt gegangen bin, hab ich mich natürlich auch schlau gemacht, was denn beim Autorenmarketing gerade so geht, klar. Aber wegen irgendwas bin ich zurückgezuckt und dachte: »Nee, lass mal lieber. Erstmal still beobachten, was da los ist!«, und heute bin ich saufroh, dass ich das gemacht habe. Weil nämlich immer deutlicher wird, wo die Fallen lauern.

Es gibt immer mehr Bücher, unter denen stehen zwanzig Fünf-Sterne-Rezensionen, die alle irgendwie homogen wirken. Da wird der Klappentext mehr oder weniger wiederholt, dann kommen Sätze wie »Ich fand das Buch flüssig zu lesen« oder »Die Autorin schreibt gut«. Das klingt so prickelnd wie ein Schulaufsatz. »Als wir den Ausflug gemacht haben, war das Wetter schön.« Hm. Wo sind da die Emotionen? Dafür wirft ein Blick auf den Verkaufsrang dann auch noch die Frage auf, ob das Buch im letzten Jahr überhaupt zwanzigmal verkauft wurde, denn ein Rang jenseits der 350.000 lässt nicht wirklich einen Bestseller vermuten. Ich weiß das, ich hab auch schon Ladenhüter-Zeiten erlebt! 😀

Und dann? Dann lässt der Autor oder die Autorin in seinem Rezensionsmarketing irgendwann nach und was passiert dann? Langsam tröpfeln organisch entstandene Rezensionen rein. Die fangen dann an mit Sätzen wie: »Ich hab mir das Buch aufgrund der vielen tollen Rezensionen gekauft und war sehr enttäuscht …« Autsch. Oder auf einem Portal, das der Autor marketingtechnisch nicht gepflegt hat (Social Selling etc.), weichen die Rezensionen krass von dem ab, was beim Riesen Amazon steht.

Und das ist genau die Falle beim Marketing mit Rezensionen, für Autoren wie Leser. Denn wir Menschen ticken ja so: Wenn wir was geschenkt kriegen, bedanken wir uns nicht mit einem Arschtritt. Noch nicht mal mit einer ehrlichen Meinung. Das ist nur menschlich, wir sind dann eben positiv voreingenommen. Das schmeichelt schließlich auch ungemein, wenn man um eine Meinung gebeten wird. Und so kommen, ob man das will oder nicht, Höflichkeitsrezensionen zustande, die uns Autoren nicht weiterhelfen und den Lesern auch nicht. Und wer einen Blick dafür hat, was zwischen den Zeilen los ist, der erkennt sowieso sofort, wann ein Buch Opfer einer übermotivierten Marketingstrategie ist, und wann Rezensionen organisch entstanden sind.

Tja. Das alles hab ich noch nicht so klar gesehen, als ich mich gegen aktives Marketing mit Rezensionen entschieden habe, ich wusste nur, dass ich ein Grummeln im Bauch hatte. Alles, was ich in der Richtung unternommen habe, ist die Bitte an meine Leser im Nachwort meiner Bücher, mir doch eine Rezension zu schenken, wenn sie das Buch gelesen haben. Aber ich bitte niemanden, meine Bücher zu lesen, um mich zu rezensieren. Für mein Gefühl würde ich damit den Gaul von hinten aufzäumen und mir selbst ins Knie schießen, weil ich immer das Gefühl hätte, das Ergebnis zu verfälschen und auf falsche Rezensionen reinzufallen.

Und auf meine ersten paar Rezis hab ich auch Wochen oder sogar Monate gewartet. Dafür steht aber auch in keiner meiner Rezensionen »Das Buch ist sehr flüssig zu lesen«. Bei mir stehen so Sachen wie »Soooookie, du coole Sau!«, »Diese Schweden Bande ist der Oberbrüller« oder ein stolzes: »Ich hab alle Bände gelesen!« Das ist alles so echt, lebendig und emotional, dass das Warten sich wirklich gelohnt hat. Ich bin einfach nur froh, dass ich der Versuchung, meine Rezensionen durch gezieltes Empfehlungsmarketing zu pushen, widerstanden habe.

Also, noch mal: Rezensionen sind dir ja wohl nicht so wichtig?

Nö! Rezensionen sind mir wahnsinnig wichtig. Wenn sie echt sind. Ich verschenke nur keine Bücher, um welche zu erhalten, weil ich dann immer im Hinterkopf hätte: »Das sagst du jetzt nur, weil ich dir das Buch geschenkt habe!« Das ist so ähnlich, wie wenn ich meiner Tochter sage: »Hach, du bist so klug und so hübsch und so einfach, rrrrra, ich bin so stolz auf dich!« Also eine Fünf-Sterne-Rezension. Dann lacht die und sagt: »Das sagst du nur, weil du meine Mutter bist!«

Natürlich bin ich als »Rezensentin« dann gekränkt, weil sie mich nicht ernst nimmt, aber ihr versteht, was ich meine. Irgendwie ist das ein Dilemma. Aber die Sache ist doch die: »Verschenke« ich Bücher für Leserunden auf dafür geschaffenen Portalen oder in Social Media Gruppen mit Gruppenregeln in der Art »14 Tage Zeit für eine Rezension«, gehen die Leser damit ein Commitment ein und müssen mein Buch jetzt lesen, ob sie da gerade Lust zu haben oder nicht. Und ich möchte gar nicht, dass mich jemand liest oder rezensiert, weil er sich verpflichtet fühlt.

Dann lieber weniger Rezensionen, aber dafür organische, die einfach zustande kommen, weil Leser aus ihrer Komfortzone kommen, weil sie denken: »Wenn ich das jetzt nicht irgendwem mitteile, platze ich!« Natürlich freue ich mich da auch viel mehr über fünf Sterne als über zwei, aber jede allein durchs Lesen motivierte Rezension ist auf ihre Art wertvoll, weil Leser damit ganz viel zurückgeben. Sie sagen nämlich damit: »Du hast mich emotional gepackt!«, und das ist schließlich das, was wir Autoren wollen. Oder? Wie seht ihr das?

P.S. DAS war jetzt echt schräg! Ein paar Stunden, nachdem dieser Artikel erschienen war, bekam ich folgende Rezension: „Habe das Buch aufgrund der positiven Bewertungen gekauft… leider, denn es ist das Geld nicht wert! Schwerfällige Versuche, komisch zu wirken. Das Werk einer Anfängerin?“, ein Stern. Offenbar bin ich irgendjemand ganz furchtbar auf den Schlips getreten, das tut mir sehr leid. Aber da kann man mal sehen, was Rezensionen für ein heißes Thema sind!

Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Rezensionen: Wenn ein Romanheld was auf die Fresse kriegt

Ui, autsch, klatsch! Habt ihr schon mal Rezensionen rezensiert? Nö? Ich auch nicht. Aber heute begeben wir uns mal auf diese Meta-Ebene und machen das einfach mal. Mir ist da nämlich eine fürchterlich komplexe Sache passiert, über die ich reden muss! 😀 Um ehrlich zu sein, das Ding hat mich so eiskalt erwischt, dass ich schon wieder emotionaaal war!

Ich hab dann auch noch mal im Polyamorie-Magazin nachgelesen, was da über mich steht und irgendwie hat mich das beruhigt. Wenn DAS Fachorgan der Polyamorie-Szene schon darüber berichtet, dass die Poly-Autorin Sookie Hell immer so herrlich emotional ist, dann darf ich das wohl. 😀

Aber, Mann! Diese Rezi hat mich echt so eiskalt erwischt, dass ich im ersten Moment neben mir gestanden habe wie früher die Hausfrauen in der Waschmittelwerbung, wenn sie sich gefragt haben, was sie denn bloß falsch gemacht haben. Und es geht, ja, meine Leser lachen jetzt, um wen sonst, natürlich um John. Aber fangen wir vorne an. Ich zeig euch erst mal die Rezension, über die ich jetzt seit Tagen nachgrüble.

Mein John und sein gnadenloser Verriss – vom Umgang mit Rezensionen

Äh, wenn ihr da eben draufklickt, wird das Bild groß und lesbarer!

Bämm! So. Das ist natürlich immer ganz kniffelig, auf sowas zu reagieren, ohne einfach als beleidigte Leberwurst dazustehen, aber ich traue uns allen zu, dass wir da differenzieren können! 😀 Meine Kolleginnen werden jetzt sofort wissen, wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich das gelesen hatte. Ich war so verwirrt, ich hab den Papierkorb ausgekippt, auf meinen Kopf gestülpt und dann hab ich mich summend hin und her geschaukelt, bis ich mich halbwegs beruhigt hatte. Ihr kennt das, oder? Sagt mir bitte, dass ihr das kennt. Man fühlt sich wie eine Löwin, der ein Junges zerfleischt wird. Das ist übrigens der Grund, wieso ich nie Bücher meiner Kolleginnen rezensiere. Weil man nie wissen kann, wie viel Arbeit und Herzblut hinter so einer Figur stecken und wann man eine Löwin direkt ins Herz trifft.

Ja, gut, ob man jetzt Harry Potter einen Stern abzieht, weil man das Buch toll, aber Voldemort unsympathisch fand, ist eine Stilfrage, die jeder mit sich ausmachen muss, das ist klar. Und mein Umgang mit Kritik ist in der Regel meine Stärke. Ich schreibe schon seit so vielen Jahren für Geld, wenn ich mich jedes mal, wenn ein Auftraggeber was zu meckern hat, heulend aufs Bett werfen würde, hätte ich längst eine dieser lustigen Jacken an, bei denen man die Ärmel auf dem Rücken verknoten kann. Um es mit Lichtenberg zu sagen: »Das ist die Wetterseite meiner moralischen Konstitution«.

Trotzdem war ich so nachhaltig verstört, dass ich mir echt Gedanken machen musste. Und normalerweise sind kritische Rezensionen für mich auch kein Grund zum Heulen, sondern eine wichtige Motivation, um zu überarbeiten. So, wie bei der Rezension, in der es den Punktabzug gab, weil die Leserin fand, dass in Band 2 der Tango zu viel Raum in Anspruch nimmt, der den Nebencharakteren gutgetan hätte, das war sehr hilfreich und ich hatte das bei der Überarbeitung zur zweiten Auflage die ganze Zeit im Hinterkopf. Aber das jetzt … Hallo? John ist ein Held!

Boar, ist das wieder kompliziert …

… aber wir sind ja hier bei Sookie, da ist das eben so. Ich frag mich natürlich selbst, ob nicht ich die Drama-Queen bin, dass ich über eine Rezension so lange nachdenken muss, dass ich sogar extra einen Artikel darüber schreibe, aber: Nö.

Und dann sind die Beziehungsstatus-Romane ja auch noch eine Komödie, das muss man doch alles gar nicht so ernst nehmen. Aber sie sind eben eine Komödie im klassischen Sinne. Ich bin nie so ernst, wie wenn ich lustig bin. Denn der Sinn einer Komödie ist es, ernste Inhalte so zu überspitzen, dass die Menschen angstfrei darüber lachen können und sich lösen, und wenn sie entspannt sind, fühlen sie sich wohl und können auch über kompliziertere Sachen mal nachdenken. Um den Che an seinen strubbeligen Haaren herbeizuziehen: »Wer herzhaft lacht, hat mich nicht richtig verstanden!«

Höhö, der Che und ich, alte Liebe rostet eben nicht. Aber der Punkt ist: Als ich meine gekränkte Eitelkeit und das Kämpferherz der angegriffenen Löwin mit genügend Schokolade besänftigt hatte, kam ich an den Kern der Sache. Der Punkt ist also: Man kann ja noch so ein alter Hase im tippenden Geschäft sein, aber bei den Herzblutbüchern kommt ja jede Figur aus einem selbst. Ja, ihr Lieben, selbst eine gewisse Portion Sonja steckt in mir, sonst hätte ich sie nicht schreiben können. Jetzt hat mich zwar keiner mehr lieb, aber da muss ich jetzt durch. Aber Fakt ist: Dieser Angriff gegen John und Anna hat mich tatsächlich richtig verletzt, weil ich an beiden Punkten in meinem Leben schon war und weiß, wie schwierig das ist.

Lebenserfahrung braucht eben ihre Zeit

Ich war schon der ängstliche Klammermensch, der irgendwie damit klarkommen musste, einen Menschen zu lieben, den er nicht für sich haben kann, und ich war auch schon die abgeklärtere Hälfte, die versucht hat, ihren Partnern die Verlustangst zu nehmen, trotz ihrer anderen Beziehung. Irgendwann hab ich mich zu einem Sven entwickelt, der seine Gelassenheit aus dem Wissen zieht, dass man sowieso nichts festhalten kann. Ja, jetzt wisst ihr’s, in echt bin ich ein zwei Meter großer, tätowierter Wikinger. Also, äh, mental. Wir reden hier nicht über meine Bauchmuskeln! *flöööt*

Nein, es geht um die Gefühlslage, und deswegen verletzt mich dieser Verriss so. Das tut mir nämlich so weh, weil ich bestimmt Leser habe, die mit John mitfühlen, mit Anna oder mit beiden, weil ihr auch irgendwo dazwischen hängt, zwischen Eifersucht und Freiheit, wie das jeder Mensch tut, monogam oder nicht. Und ich will für die LeserInnen, die sich mit John identifizieren und mit ihm mitfiebern und die seine Zerrissenheit selbst schon gespürt haben, auf keinen Fall unkommentiert stehenlassen, dass er eine Dramaqueen ist, die nicht über den Tellerrand sieht. Denn wenn er nicht über den Tellerrand sehen würde, hätte er diese ganzen inneren Kämpfe doch gar nicht!

Schildwall: Reden wir also über John!

Gut, John ist ein extrem verpeilter Chaot und man kann jetzt echt nicht sagen, dass er sich immer im Griff hat, aber er ist – wir erinnern uns – der Held einer ernsten Komödie. Und in meinen Augen ist er eine extrem starke Figur. Wie viele hochintelligente Menschen mit einer herausragenden Inselbegabung hat er an anderen Stellen einfach Defizite, isso. Er ist eben nicht der perfekte Mister Billionaire, sondern ein Held mit Schwächen.

Aber dieser Mann fängt gerade an, die Hollywoodgehirnwäsche, die er sein Leben lang erhalten hat, über den Haufen zu werfen. John hat gelernt, was wir alle gelernt haben. Liebe ist immer exklusiv, sonst ist sie eben keine. Logischerweise sagt sein Kopf, dass Annas Gefühl für ihn also unmöglich Liebe sein kann, sonst wäre sie ja treu. Und ein Mann beweist seine Liebe durch seine Eifersucht. Territorialverhalten und besitzergreifendes Denken sind die Grundsteine des Patriarchats, jeder Mann, der das infrage stellt, ist ein Held, egal, wie »suboptimal« er sich dabei anstellt und sich auch manchmal gnadenlos zum Trottel macht.

Wer keine Angst hat, braucht auch keinen Mut, oder?

An der Stelle muss ich übrigens auch mal eben sagen: Ich hab männliche Leser. Für eine schreibende Frau, die im weiteren Sinne im Segment »Liebesroman« unterwegs ist, ist das markentingtechnisch ein Ding der Unmöglichkeit. Und trotzdem seid ihr da und ihr seid open-minded genug, um auf das Thema Polyamorie neugierig zu sein, das find ich extrem sexy, muss ich mal so sagen! Ihr seid meine Helden! 😀

So, zurück zu John. Ich hab diesen Mann erfunden, weil ich finde, dass wir solche Romanfiguren ganz dringend brauchen, um mal den Druck rauszunehmen, dass ein echter Kerl keine Schwächen zeigt. Es ist wahnsinnig schmerzhaft, sich mit der eigenen Eifersucht und Verlustangst auseinanderzusetzen und gerade Männern fällt das noch mal eine Schüppe schwerer, weil sie ja nicht schwach sein dürfen und dazu erzogen werden, solche Probleme dann eben mit Gewalt zu lösen, mit verbaler, manchmal sogar körperlicher Gewalt. Dann kriegt die Olle eben auffe Fresse, wenn die fremdgeht. Oder der Rivale. Oder beide.

Wenn ein impulsiver, leidenschaftlicher Gefühlsmensch wie John einfach sagen würde: »Hm, Polyamorie, hab ich noch nie gehört, da mach ich einfach mal mit!«, wäre das für mein Empfinden und nach meiner Lebenserfahrung total unrealistisch. Weil er sein Leben lang versucht hat, in der Welt der Monogamen mitzuspielen. Er ist völlig fokussiert darauf, da endlich mal alles richtig zu machen und soll jetzt plötzlich radikal umdenken.

Wieso John mein Liebling ist? Isser? Isser!

Jede Frau, die Polyamorie tatsächlich lebt, hat schon auf die eine oder andere Art die Erfahrung gemacht, dass schwer verliebte Männer genau in dem Moment zuklappen wie Austern, wo ihnen klar wird, dass es hier nicht um ein verletztes Hascherl geht, das »gerettet« werden muss, sondern um eine selbstbestimmte Frau, die tatsächlich sagt, was sie meint und meint, was sie sagt. Dass sie nämlich polyamor ist und das auch bleiben wird. Viele, viele Männer setzen sich damit nicht auseinander, sondern verlieren dann einfach eben den Respekt und damit ist der Keks für sie gelutscht.

Und ich saug mir das ja nicht aus den Fingern, ich hab’s selbst erlebt. 98 % der Mono-Männer drehen sich in dem Moment, wo ihnen klar wird, dass das nicht »heilbar« ist, um und fragen sich, was sie in der Schlampe gesehen haben. John tut das nicht. Klar, er ist verpeilt, er richtet Chaos an, er agiert aus Verletztheit heraus manchmal kopflos und destruktiv, aber er steht für die wenigen Helden da draußen, die den Mut haben, Unsicherheiten irgendwie auszuhalten und sich vorzutasten in eine andere Art der Liebe, auch, wenn’s weh tut, auch mit Rückschlägen und unreflektierten Reaktionen.

Und auch mit der nur natürlichen Reaktion, in so einer unsicheren Situation erst mal zu klammern und Sicherheit zu fordern. Und deswegen tut die Rezension mir so weh. Weil es hier um genau die Figur geht, die es wenigstens irgendwie versucht. Und Anna?

Anna und die Polyamorie

Die Rezensentin ärgert sich darüber, dass Anna für dieses verwöhnte Kind, diese Dramaqueen, ihren Weg in Zweifel zieht. Liebe Rezensentin, das ist natürlich dein gutes Recht. Ich vermute, du bist entweder eine radikale Beziehungsanarchistin oder eine glücklich verheiratete monogame Frau, die sich eher aus soziologischem Interesse für das Thema unlimitierte Liebe interessiert. Aber Anna ist weder das eine, noch das andere. Anna ist polyamor und sie weiß aus eigener Erfahrung, wie Verlustangst und Eifersucht sich anfühlen. Und das macht sie so mitfühlend.

Polyamorie ist im Spektrum der freien Liebe das »Spießermodell«. Es geht nicht darum, eine offene Beziehung in dem Sinne zu führen, dass rein sexuelle Seitensprünge erlaubt sind. Es geht auch nicht darum, wie es in der SM-Szene von einigen Paaren toleriert/akzeptiert wird, Spielpartner zu finden, die dieselbe Neigung haben, damit man diese trotz bestehender Beziehung ausleben kann. Es geht auch nicht darum, eine Nicht-Beziehung zu führen, um keine Verbindlichkeiten einzugehen.

Die Polyamorie hat ganz feste Regeln. Transparenz, Einvernehmlichkeit und Langfristigkeit. Diese Regeln geben allen beteiligten Partnern Sicherheit und wer sich nicht absolut verbindlich daran hält, der kann, nach meiner Erfahrung, dabei zugucken, wie die ganze Sache den Bach runtergeht und auf höchst schmerzhafte Weise an Verlustangst und Eifersucht zerbricht.

Die Regeln stehen also fest und wer sagt: »Ich bin polyamor« oder »Ich will eine polyamore Beziehung führen«, der verspricht (vorausgesetzt, er kennt sich selbst, kennt sich aus und plappert nicht nur irgendwas nach, was er in einem schlecht recherchierten Zeitungsartikel gelesen hat) ganz klar Verbindlichkeiten, an die das Gegenüber sich halten kann. Sich halten können muss. Und wenn Anna sich bemüht, einvernehmlich zu handeln, zieht sie nicht ihren Weg in Zweifel, sie geht ihn unbeirrt weiter.

Polyamorie heißt Verbindlichkeit!

Bei der Polyamorie geht es also um ernsthafte, langfristige Liebesbeziehungen. Und das wird nicht einfacher, wenn ein neuer Lieblingsmensch ins Polykül kommt, sondern bedeutet immer eine schwierige Phase der Unsicherheit für alle. Die Karten werden neu gemischt und dabei muss man höllisch aufpassen, dass keiner hintenüber kippt, weil er sich übergangen fühlt. So ein Polykül ist eine sehr sensible Angelegenheit und kann immer nur so glücklich sein wie sein schwächstes Mitglied. Denn alle sind emotional miteinander verbunden, auf die eine oder andere Art.

Wenn Anna jetzt sagen würde: »Tut mir ja leid, dass du eifersüchtig bist, aber ich lass mir nichts vorschreiben, ich mache, was ich will!«, dann wäre sie als Romanfigur unlogisch, verlogen und, äh, ein blödes Arschloch. Denn dann wäre ihr Verhalten nicht polyamor. Wenn sie gesagt hätte, dass sie keine Beziehung will und keinen Bock hat auf Verbindlichkeiten, dann hätte sie das sagen können, ohne unglaubwürdig zu sein, aber dann wäre sie auch nicht Anna. Denn Anna steht in der ganzen Welt der Beziehungsstatus-Romane eben für die Einhaltung der polyamoren Regeln, da ist sie der Sheriff und versteht auch keinen Spaß!

Und Anna mit dem großen Herzen liebt John auch mit diesem großen Herzen. Sie ist keine unverwundbare Übermenschin, sie leidet darunter, dass sie ihn verletzt und hat das Bedürfnis, dieses Leiden zu lindern und ihm Sicherheit zu geben und das tut sie konsequent, indem sie die Regeln einhält, auf denen sie ihr Leben aufgebaut hat. Sie zeigt ihm damit, dass er sich auf ihr Wort verlassen kann und dass Einvernehmlichkeit für sie nicht einfach nur ein Wort ist. Und sie denkt langfristig. Sie weiß genau, dass John es sein wird, der neu verhandeln will, wenn er merkt, dass er sich auf sie verlassen kann.

Sie handelt einvernehmlich mit Sven, weil sie mit ihm über alles gesprochen hat, immer wieder, und sie weiß, wie er dazu steht. Sven bleibt ja jetzt wahrlich nicht als der unterversorgte Trottel zurück und das Team Svanna definiert Liebe schon lange nicht mehr über Sex, eigentlich haben sie das noch nie getan. Aber Sven, der auch ein großes Herz hat, weiß, dass John das (noch) tut und darauf nimmt er als alter Poly-Hase eben Rücksicht. Ihm ist Mitfreude, weil Anna so verliebt ist, wichtiger als sein Revier zu verteidigen, und er hat ja auch echt genug zu tun.

Achtung, jetzt kommt die Botschaft!

So. Und diese flammende Rede ist jetzt aus mir rausgeblubbert, weil ich meinen LeserInnen sagen will: Wenn ihr solche Schwierigkeiten habt wie John, mit Eifersucht und Verlustangst umzugehen und vielleicht auch nicht immer die beste Figur macht, wenn ihr euch in die Ecke gedrängt fühlt, seid ihr keine Dramaqueens.

Ihr seid tapfere Menschen, die versuchen, ihre Ängste in den Griff zu kriegen und da ist man nun mal nicht immer abgeklärt und konstruktiv. Selbst Romanfiguren müssen keine Übermenschen sein, und wir echten Menschen schon mal gar nicht. Und wenn ihr Kompromisse macht, um die Menschen, die ihr liebt, so wenig wie möglich zu verletzen, stellt ihr auch nicht euren Weg infrage, ihr seid dann viel mehr verantwortungsvoll und empathisch.

Da könnt ihr mal sehen, was Rezensionen für Gedankengänge auslösen können!

Und das war für mich der Kern der Sache, das wollte ich klarstellen. Wem welche Figur sympathisch ist und wem nicht, bleibt ja jedem selbst überlassen, ich kann auch so manchen Publikumsliebling in Büchern oder Serien nicht leiden und hab auch überhaupt nicht den Anspruch, süße Bücher voller Lieblingscharaktere zu schreiben, dann würde ich Drehbücher für »My little Pony« schreiben. Ich freu mich ja, wenn meine Figuren auch polarisieren, insofern war das natürlich eine sehr wertvolle Rezension. Der eigentliche Wert der Rezi lag für mich aber wohl eher darin, dass mich das in meiner eigenen Position noch mal bestärkt hat.

Ich schreibe Romane über Polyamorie, weil mir die Vielfalt und Toleranz in der Liebe extrem wichtig sind. Steffi, die lieber Single ist, als einen nicht-monogamen Partner zu haben, ist zum Beispiel eine meiner Lieblingsfiguren. Jeder Mensch empfindet Liebe anders und sollte auch die Freiheit haben, sie in seiner Weise zu leben. Und ich will nicht, dass John in seinem Recht auf zutiefst menschliches Gefühlschaos beschnitten wird, ich will, dass er Zeit und Raum bekommt, wirklich von innen heraus zu reifen und sich auch damit auseinanderzusetzen, was eigentlich in ihm vorgeht, wenn er nicht treu ist. Im Moment arbeiten er und ich an Band 4 und die Frage beschäftigt ihn sehr! 😀

Ich will auch nicht, dass Anna ihr Mitgefühl über Bord wirft, nur, um auf Biegen und Brechen eine »starke Heldin« zu sein. Denn für mein Gefühl wäre sie gar keine starke Heldin, wenn sie nicht bereit wäre, auch immer wieder Kompromisse zu machen und wenn sie nicht auch Interessenkonflikte hätte, die ihr viel abverlangen. Ihre Stärke liegt gerade in ihrer Empathie und in ihrer Bereitschaft, ihre Partner auch mit deren Schwächen und Ängsten zu lieben.

So. Jetzt hab ich das blöde Gefühl, meine eigenen Bücher erklärt zu haben und wenn Romane nicht selbsterklärend sind, hat man beim Schreiben wohl was falsch gemacht. Aber bei so einem vielschichtigen und komplexen Thema wie Polyamorie kann das wohl mal passieren. In diesem Sinne: Seid keine Übermenschen, habt euch lieb für eure Gefühle und verzeiht euch, wenn ihr mal einen John-Moment habt, denn dafür ist John da. Dramaqueen hin oder her. Wir alle sind manchmal eine Dramaqueen.

Und noch eine Bitte!

Ich weiß, Kommentare in Blogs sind total out und ich finde es toll, wenn wir immer auf Facebbok quatschen, aber falls ihr das hier wirklich bis zum Ende gelesen habt und mir ein John-pro-oder-contra-Feedback geben wollt, dann wäre es sehr lieb, wenn ihr hier die Kommentarfunktion nutzen könntet, wir können ja trotzdem auf Facebook rumalbern, aber so finden dann auch die Blogleser eure Meinung, und die ist ja wichtig, nä? Hab euch lieb! 🙂

Übrigens: P.S.

Die Rezensentin und ich stehen per PN in Kontakt und sind sehr lieb zueinander! Nur, dass hier kein falscher Eindruck entsteht! Das ist wirklich eine spannende Sache! 😀

Schirme aufspannen: Sookie schüttet ein polyamores Füllhorn der Liebe aus!

Schirme aufspannen: Sookie schüttet ein polyamores Füllhorn der Liebe aus!

Auf dem Foto seht ihr das Frauenbild, das mir (und vielen anderen Frauen) antrainiert wurde und das heute im Mainstream wieder so angesagt ist, wie noch nie. Hündisch ergeben und klammernd, egal, was der Knaller gerade wieder für einen Mist anstellt. Und jetzt die gute Nachricht: Blödheit und Konditionierung sind heilbar. Ich zum Beispiel schreibe heute Romane über Polyamorie.

Ihr Lieben, ich weiß, das klingt jetzt völlig bescheuert, aber ich muss heute einfach mal meine Freude mit euch teilen. Denn im Moment passieren so viele wundervolle, kleine Dinge, die ein fantastisches, großes Ganzes sind und deswegen ist mir einfach nach Knuddelwuddel zumute! Sollte ich heute also in ganz furchtbaren Pathos abrutschen, der sich anhört wie Selbstbeweihräucherung, so müsst ihr ein Auge zudrücken und mir das verzeihen, aber ich bin verliebt. Und zwar in euch! 😀

„Bist du nicht die Poly-Autorin?“

So wurde ich in letzter Zeit öfter im Netz angesprochen und das löst in mir ein ganz seltsam bunt gewürfeltes Gefühl aus. Zum einen ist da natürlich der ewige Selbstzweifel, den alle Autorinnen kennen, und das ist kein Fishing for compliments, das ist das wirklich verdammt tief sitzende Gefühl, dass man ständig die eigene Arbeit hinterfragt, weil man sich denkt: „Wer bin ich schon, dass ich irgendein Label verdient hätte?“, denn man fühlt sich ja nicht als Influencer, wenn man Bücher schreibt, sondern als jemand, der extrem schrullig ist und viel zu viel Zeit mit seinen unsichtbaren Freunden verbringt.

Und mit strunzlangweiligen Sachen wie Korrektur lesen, immer und immer wieder, Sätze umstellen, Streichen, Rauswerfen, Umarbeiten. Schreiben ist alles andere als sexy. Zum anderen ist da aber ein ganz andächtiges „Huch!“, wenn ich „die Poly-Autorin“ bin und es ist fast unheimlich. Werde ich etwa zur Marke? Mit dem am Buchmarkt vollkommen unpopulären Thema Polyamorie? Den Aufsatz:

„Warum ich Romane über Polyamorie schreibe“,

den schreibe ich ein anderes Mal, da ist mir jetzt gerade nicht nach, das ist nämlich kompliziert, schwermütig, hochkomplex, erfordert einen ausführlichen literaturgeschichtlichen Exkurs und hat ungefähr den gleichen Unterhaltungswert wie Dostojewskis Weihnachtserzählung über den hohlwangigen Knaben, der auf der Straße verendet, während er durch die Fenster der Reichen auf die funkelnden Festtafeln blickt.

Jetzt sage ich nur: Ich schreibe über Polyamorie, weil ich selber als junge Frau polyamore Romanfiguren als Rollenmodelle verdammt gut hätte brauchen können. Aber als ich in den Neunzigern als junges, verpeiltes Ding mein „polyamores Coming-out“ hatte (so hieß das damals noch nicht), wusste ich eben noch nicht, dass das in Ordnung ist. Man war dann eben die Schlampe und feddich.

Aber zurück zum buntgewürfelten Gefühl. Neben der chronischen Autorenberufskrankheit called „Selbstzweifel“ passieren nämlich im Moment vollkommen abgefahrene Dinge. Ich dachte, wenn überhaupt, dann erreiche ich mit den Büchern ein paar versprengte Seelen aus der Poly-Szene, die sich in meinen Geschichten wiederfinden können. Und was ist? Meine Leser sind ganz „normale“ Leute! Und da passiert gerade etwas wahnsinnig schönes. Wir durchbrechen nämlich gerade zusammen eine gläserne Decke.

Frauen waren jahrtausendelang getrennt durch eine patriarchale Mauer. Die Heiligen und die Huren, die Ehefrauen und die Schauspielerinnen, Grisetten und Dienstmädchen für die Affären der Gatten. Und beide Lager, da sind wir uns einig, waren sich nie besonders grün, dafür haben die Herren schon gesorgt. Divide et impera. Und jetzt lesen Frauen, die noch nie von Polyamorie gehört haben, meine Bücher und schreiben mir: „Ist ja witzig, total klasse, wann erscheint der nächste Band?“

Jetzt nehmen meine Bücher, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie für „normale“ Leser interessant sein könnten, irgendwie Fahrt auf und ich kriege vollkommen überwältigendes Feedback, an dem ich merke: Der Begriff „normal“ ist komplett bescheuert, ich hab es immer schon geahnt! Entweder keiner von uns ist normal oder wir sind alle normal, was ich daran aber so geil finde, ist die Tatsache, dass ich mein Leben lang drunter gelitten habe, nicht normal zu sein und jetzt stelle ich fest: Das war kompletter Quatsch!

Weil ich ein polyamor fühlender Mensch bin, der in einer monogam geprägten Welt lebt, dachte ich immer, ich bin ein Montagsmodell. Eben kaputt. Nicht funktionstüchtig. Und jetzt passiert mir das: Mir schwappt wahnsinnig viel liebevolle Akzeptanz entgegen für meine polyamoren Romanfiguren und damit auch für mich als polyamore Frau!

Bunte Autorin bekommt bunte Leser!

Leute, ich hab keine Ahnung, wer ihr seid, aber die wenigsten von euch haben irgendeinen Bezug zur Polyszene. Aber ihr verschlingt meine Bücher, ihr schreibt mir in Rezensionen, wie wichtig ihr es findet, dass es zu diesem Thema jetzt meine Bücher gibt, ihr schimpft sogar mit mir, wenn meine polyamore Hauptfigur in einem gefühlvollen Moment monogame Tendenzen hat, weil ihr das „Happy End“, dass sie sich endlich für einen entscheidet, nicht mehr wollt, ihr wollt, dass sie es hinkriegt, als polyamore Figur stark zu bleiben und mit beiden Männern zu leben. Und ich versteh die Welt nicht mehr! Seit wann sind Leserinnen von Liebesromanen offen dafür, dass es keinen Mr. Right mehr gibt, sondern einen Mr. Right und einen Mr. Left? ;D

Neulich bekam ich bei einer Rezension einen Punktabzug. Andere Autoren brechen da weinend zusammen und ziehen nörgelnd über die Unverschämtheit durch sämtliche Autorengruppen, ich bin singend um den Schreibtisch getanzt. Weil die Begründung für diesen abgezogenen Stern einfach absolut grandios war.

Wenn ihr meinem Blog schon länger folgt, versteht ihr sofort, was mich daran so geflasht hat. Ich hab es geschafft, eine polyamore Frau zur weiblichen Heldin aufzubauen. Nicht zu einer Schlampe aus der Schmuddelecke, die von „guten monogamen Frauen“ zurück in die Reihe geschubst wird, oder die auf den rechten Pfad der Monogamie zurückfindet, weil sie endlich Mister Right trifft, sondern zu einer Frauenfigur, von der sich eine Leserin denkt: „Boar, die ist ja cool, hoffentlich bleibt die so!“ 😀

Und das finde ich unfassabr geil, da bin ich ganz unbescheiden mächtig stolz drauf. Oder ein anderes Beispiel! Gestern fand ich irgendwo unter einem meiner Buchtrailer auf Facebook folgenden Kommentar (ich hab den Namen nur ausradiert, weil sich das bei solchen Screenshots so gehört, das ist alles voll anonym hier, hihi!):

Und solche Kommentare sind für mich ein absolutes Fest. Das war voll das Überraschungs-Ei, weil es drei Dingsdas, na, Schokolade etc, auf einmal anspricht. Erstens: „Ich wusste ja nicht mal, dass dieses Thema existiert.“ Ernsthaft, ich bin keine Missionarin, Leute zur Polyamorie bekehren zu wollen, liegt mir absolut fern, weil jeder dem Lebensstil folgen sollte, von dem er fühlt, dass er für ihn richtig ist. Wir können heute ja zum Glück als schwule Einhörner Rollschuh laufen und dabei Ukulele spielen und es ist okay. Und ich wünsche den Leserinnen meiner Bücher, dass sie mit ihrem Stil glücklich sind.

Aber ich liebe es, Ideen zu streuen und zu einem Klima der Toleranz beizutragen. Und wer sich so offen und vorurteilsfrei auf meine Bücher einlässt wie meine Leserinnen, der wird niemals blöde Vorurteile über Polys haben. Und dann, für mich der absolute Hammer: „Witzig und regt trotzdem zum Nachdenken an.“ Das ist für mich so ziemlich das größte Lob, das ich für mein Handwerk als Autorin kriegen kann. Für mich fühlt sich das an wie siebzehn Vorhänge in der Mailänder Scala. Und all das, der wunderbare Support durch meine vollkommen bunt gemischten und für mich absolut mysteriösen Leser, führt dann dazu, dass es unter meinen Büchern so aussieht:

Sammelwut unter Nicht-Polyamoristen: Die Sookie-Gesamtausgabe
Sammelwut unter Nicht-Polyamoristen: Die Sookie-Gesamtausgabe

Oder so:

Ihr kauft einfach gnadenlos alles auf, was ihr über Sven, Anna und John finden könnt. Und eure Treue bei Romanen über „Untreue“ macht mich so unglaublich happy, dass ich gar nicht weiß, was ich dazu noch sagen soll. Außer: Ich hab euch alle mächtig lieb. Eure Offenheit und euer Interesse für Polyamorie macht mich tierisch glücklich. Auf völlige Ignoranz war ich gefasst, sogar auf einen Shitstorm, weil ich öffentlich auf dem Liebesromanmarkt eine heilige Kuh schlachte, aber auf so viele positive Schwingungen war ich echt nicht vorbereitet.

Und wenn meine Bücher erreichen, dass vielleicht irgendwann irgendwo mal eine Frau nicht sofort den antrainierten Selbstzerfleischungsmodus anwirft, falls sie mal in die Situation kommt, sich trotz Partnerschaft zu verlieben, dann hat die ganze Arbeit sich wirklich gelohnt. Wir sind alle ein bisschen Anna und wir dürfen das. 😀

Ich geh wie auf Wolken, weil ich so wunderbare, offene und neugierige Leser wie euch gefunden hab und ich bin unheimlich dankbar für das, was hier gerade passiert. Das musste einfach mal gesagt werden. Und ich verabschiede mich jetzt ganz im polyamoren Sinne: Ich liebe meine Leser. Alle! 😀