Probekapitel: John beim Poly-Stammtisch???

Probekapitel: John beim Poly-Stammtisch???

Liebe Menschen! Ich hatte ja neulich rumgetönt, dass ich das Manuskript zu Beziehungsstatus 4 erst mal eine Woche liegenlasse, bevor es ans Finish für die Veröffentlichung geht, aber natürlich hab ich das nicht eine Nacht durchgehalten. Jetzt seh ich so fit aus wie Frodo, als er den Schicksalsberg erreicht, aber der Upload kommt nächste Woche! Yeah! Jetzt hab ich aber ein Problem und will euch was fragen, deswegen muss ich euch ein Probekapitel zeigen. Aus dramaturgischen Gründen musste John leider zu einem Polyamorie-Stammtisch. Ja, ich weiß, der Maler beim Poly-Stammtisch ist absurd, aber genau darum ging es ja! 😀 Jetzt frag ich mich aber, bin ich mit dem Stammtisch zu hart? Und jetzt fragt ihr euch: Hö? Was ist denn mit der Kettensägen-Sookie los, hatte die zu viel Weichspüler im Tee oder was? Flausch … schäum …

Jetzt hab ich aber das Problem, dass ich an eine Grenze meines persönlichen Erfahrungsschatzes komme. Normalerweise steht in meinen Romanen nichts, was ich nicht irgendwie aus persönlicher Erfahrung kenne. Ich kann also alles vertreten! 😀 Also, äh, meine Faustregel lautet: Ich mach mich nur über Sachen lustig, die mir selber schon passiert sind. Im Groben. Äh. Ja.  Aber ungelogen, ich war in meinem ganzen Leben noch nie bei einem Stammtisch. Meine einzige Berührung mit etwas stammtischähnlichem war der Tag, an dem die Damen von der Fantifa mich gewinnen wollten und mir erklärt haben, dass sie einen Ordner angelegt haben, in dem Worte wie „Patriarchat“ erklärt sind. „Wow“, hab ich damals gedacht, „jetzt gehen bestimmt alle Glatzen nach Hause und denken über ihr Leben nach!“

Ja, äh, und seitdem habe ich an nichts mehr teilgenommen, wofür ein Tisch reserviert wird. Ich hab also von Stammtischen gar keine Aaaaahnung! Aber ich bin sicher,  dass es total tolle Poly-Stammtische gibt, wo sich super liebe Menschen treffen, die richtig Plan haben! Bestimmt, oder? (Ich nicke gerade beschwörend!)  Ich weiß nämlich aus zuverlässiger Quelle, dass ich Leser habe, die zu Poly-Stammtischen gehen! Und ich möchte euch natürlich nicht vor den Kopf stoßen, indem ich einen Poly-Stammtisch satirisch verwurste! Ach, seufz, es ist schwierig. Also, solltet ihr das Gefühl haben, dass ich hier voll gemein und ungerechtfertigterweise die Poly-Stammtisch-Szene durch den Kakao ziehe, schickt mir eine Warnung, noch kann ich umarbeiten! Und jetzt geb ich einfach mal die Spoiler-Warnung raus und blogge euch das Kapitel, um das es geht!

Ach so, solltet ihr das Gefühl haben, dass ich mich gerade aufführe wie Daniel Day Lewis, als er es abgelehnt hat, den Aragorn zu spielen, weil er fand, es ließe sich nicht mit Method Acting vereinbaren, einen Fantasy-Helden zu spielen, obwohl er selbst noch nie ein Fantasy-Held war,  dann könnt ihr mir das auch ruhig sagen! Ich weiß, dass ich Unterhaltung viel zu ernst nehme! 😀

Poly-Stammtisch mit Maler

John betrachtete unschlüssig den biederen Landgasthof und konnte sich einfach nicht überwinden, aus dem Auto zu steigen. Er war sowieso schon eine Viertelstunde zu spät, er konnte auch gleich wieder fahren. Der Gedanke an Menschen war ihm sowieso mehr als unangenehm.

Er schrak zusammen, weil hinter ihm ein Mofa auf den kleinen Gästeparkplatz knatterte und beobachtete dann, wie ein Typ mit Gummistiefeln, Landarbeiterklamotten und Wampe vom Mofa stieg, seinen Helm abnahm und sich den fettigen Pferdeschwanz richtete. John rutschte tiefer in den Sitz.

Der wollte garantiert nicht zu diesem Polyamorie-Stammtisch. John ja eigentlich auch nicht. Aber mit irgendjemandem musste er ja reden. Und die Veranstalterin des Stammtisches hatte ihm wenigstens ganz nette Nachrichten geschickt und ihn dreimal ermutigt, doch einfach mal vorbeizukommen. Hiltrud. Rafaels Mutter hieß auch Hiltrud, aber die würde ja wohl kaum einen ostfriesischen Polyamorie-Stammtisch gründen und dafür im Internet in sämtlichen Polyamorie-Gruppen werben.

John holte tief Luft, dann stieg er endlich aus und schlenderte zum Eingang der Kneipe, der man von außen schon ansah, wie sie innen eingerichtet war. Ein Landgasthof eben. »Kennst du einen, kennst du alle!«, dachte John seufzend und betrat den schummrigen Gastraum.

An der Theke saßen ein paar versprengte Gestalten und nuckelten an ihrem Bier, die Tische waren leer bis auf einen spärlich besetzten großen Tisch hinten in einer Fensternische. John rieb sich nervös das Kinn an der Schulter, dann nahm er Kurs auf den Tisch und sah sich fragend um. »Poly-Stammtisch?«

Eine große, breite Frau um die fünfzig stand auf und schüttelte ihm die Hand wie eine Bäuerin, die eher daran gewöhnt war, die Mistgabel zu schwingen. »Du musst John sein, wie schön, dass du zu uns gefunden hast! Ich bin die Hilli!«

Die Hilli griff einen Marker vom Tisch, beschriftete eine Rolle Klebeband und klebte John kurzerhand seinen Namen auf die Brust. John nickte scheu und musterte mit einem verstohlenen Blick die Runde am Tisch. Der Mofa-Zopf und ein hagerer Mann undefinierbaren Alters, der ein schwarzes Nietenhalsband trug und eher aussah, als hätte er zu viele BDSM-Pornos auf DVD, sahen ihn glasig an. Etwas abgerückt von diesen wenig attraktiven Burschen saß ein Pärchen um die dreißig, das hitzig miteinander tuschelte. Die Hilli strahlte John an und setzte sich mit einer einladenden Geste. »Dann können wir ja anfangen!«

Der Mofa-Zopf murrte: »Sollen wir nicht auf die Weiber warten? Zu so einem Stammtisch kommen doch bestimmt auch Weiber, oder?«

John setzte sich und seufzte tief. Hilli ignorierte die Frage und klappte eine Aktentasche auf. »Ich hab uns heute mal ein paar Schaubilder mitgebracht, über die können wir vielleicht diskutieren! Und dann kann der John uns ja, wenn er mag, ein bisschen über sich erzählen!«

John registrierte, dass die kleine Blonde, die gerade noch so hitzig getuschelt hatte, ihm einen heißen Blick zuwarf und dann ihren Tischpartner hämisch angrinste. John wandte irritiert den Kopf ab. Wo war er hier bloß gelandet?

Hilli hielt ein Klemmbrett hoch und tippte mit einem Kugelschreiber auf ein paar Grafiken, die aussahen wie Buchstaben. »Hier können wir sehr schön sehen, was für Beziehungskonstellationen es in der Polyamorie gibt! Hier zum Beispiel sehen wir eine V-Konstellation aus drei Partnern, die nicht zu verwechseln ist mit einem Dreieck, denn bei dieser Konstellation hat einer der Partner zwei Partner, die nicht miteinander verbunden …«

Neben John tauchte eine Kellnerin im vollen Ornat auf, schwarzer Rock, weiße Bluse, Rüschenschürze, und hielt gelangweilt einen Notizblock im Anschlag. John sah sich um. Mit was für einer Bestellung rechnete die Dame, dass sie sich Notizen machen musste? Er räusperte sich verwirrt. Hillis Gequassel störte ihn beim Denken. Und außer ihm hatten schon alle Getränke, also murmelte er nur: »Wasser.«

»Ein Wasser!« Die Kellnerin schrieb sich die Bestellung tatsächlich auf und watschelte dann wieder hinter ihren Tresen. Der Mofa-Zopf raunte John zu: »Trocken?«

»Äh, Wasser? Nee, nass!«

Der Zopf ruckte mit dem Kopf. »Ob du trocken bist! Oder wieso trinkst du Wasser?«

John verstand. »Ich muss noch fahren.«

Der Zopf winkte ab. »Ein echter Mann kann immer saufen!«

Hilli strafte die Störenfriede mit einem strengen Blick. »In der Z-Konstellation hier könnt ihr sehr genau sehen, wie ein Polykül sich gestaltet, wenn vier Partner wie eine Kette miteinander verbunden sind. Die beiden mittleren Partner verfügen jeweils über zwei Partner, während …«

Der Zopf raunte John ins Ohr: »Ich such ja eine F-Konstellation!«

John sah den Mann irritiert an. Der Zopf grinste schmierig: »F wie Ficken!«

John schloss mit einem tiefen Atemzug die Augen und wandte den Kopf ab. Die kleine Blonde schaltete sich ein. »Und wie heißt das, wenn ein Mann seine Frau betrügt und das dann Polyamorie nennt? Ist das dann besser als fremdgehen?«

Der Tischpartner der Dame murmelte verlegen: »Jetzt hör doch mal endlich auf damit!«

John knurrte gereizt: »Wenn er seine Frau betrügt, ist es keine Polyamorie!«

Alle sahen ihn an. Hilli ließ ihr Klemmbrett sinken und fingerte sich eine Lesebrille auf die Nase, um John über den Rand anzusehen. »Möchtest du uns das erklären?«

John schniefte und verschränkte trotzig die Arme. »Was muss ich denn da erklären? Ich dachte, das hier wäre ein Poly-Stammtisch! Hallo? Transparenz, Einvernehmlichkeit?«

Die kleine Blonde in der Ecke lachte höhnisch auf. John beugte sich vor und zuckte sofort wieder zurück, weil die Kellnerin ihm ein Wasser vor die Nase stellte. John sah fragend in die Runde. »Wer von euch lebt denn überhaupt polyamor?«

Die Kellnerin blieb neben ihm stehen und stellte fest: »Das wüsste ich auch gern! Das klappt doch nie!«

Hilli warf sich in die Brust. »Ich hab da die meiste Erfahrung! Als ich als junge Frau ein Jahr in der Stadt gelebt habe, hatte ich zwei Freunde, ich bin also mit den Problemen vertraut! Und ich kann euch viele Bücher empfehlen, aber die meisten sind auf Englisch, vielleicht versteht ihr die nicht so gut!«

John fuhr sich über die Augen und murmelte sarkastisch: »That’s the dogs bollocks!«

Offenbar war die Kellnerin die einzige, die ihn verstand. Oder die zumindest verstanden hatte, dass er etwas Englisch konnte. Sie lachte laut auf, legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und verschwand vom Tisch. Der Zopf stieß John an. »Wenn du dich so gut auskennst, erzähl doch mal! Wieso hast du deine Hühner nicht einfach mitgebracht?«

John warf ihm einen bösen Blick zu. »Weil ich keine Hühner habe?«

Der kleinlaute Beisitzer der bissigen Blondine schaltete sich ein. »Hast du da echt Erfahrung?«

John sah dem Mann zum ersten Mal in die Augen und erkannte seine eigene Verzweiflung wieder. Er nickte langsam. »Hab ich. Und ich hab mein eigenes Polykül in die Luft gejagt, weil ich mich nicht an die Regeln gehalten habe. Also, wenn du meinen Rat hören willst: Nimm das mit der Einvernehmlichkeit bloß ernst!«

Die Blonde stieß ein triumphierendes »Ha!« aus, während der Fettzopf hämisch lachte. »Sind deine Weiber dir abgehauen?«

John konzentrierte sich darauf, ruhig zu atmen, um diesem Idioten nicht einfach nur was aufs Maul zu geben. Hilli räusperte sich und griff wieder ihr Klemmbrett. »Würdest du uns denn auf dem Schaubild zeigen, welche Konstellation dein Polykül hatte?«

John holte Luft, dann hob er hilflos die Hand. »Mein Polykül war kein eindimensionaler Buchstabe auf einem Schaubild! Das war ein rauschender Ozean aus Farben, Licht, Gefühlen und Sound, das war lebendig! Wir sind Menschen mit echten, tiefen Gefühlen! Und stellt euch vor: Jeder von uns hatte seine eigenen! Und seine eigene Geschichte, seine eigenen Ängste und Wünsche und wenn das alles aufeinandertrifft, dann ist das ein wildes, ohrenbetäubendes Rauschen, das musst du fühlen, das musst du spüren, das musst du zulassen! Wenn sie dich beide im Arm halten, sich direkt vor deiner Nase voller Gefühl küssen und dabei zusammen deine Hand halten, das kannst du nicht in ein Schaubild packen! Das kannst du auch nicht in einem Fachbuch nachlesen! Wenn du gerade fliegst wie ein Adler, liest du dabei auch kein Buch über Flugzeugkonstruktion, dann fliegst du einfach!«

Erst, als er die betroffenen Gesichter sah, wurde ihm bewusst, dass er zu laut geworden war. Der Fettzopf rülpste. »Alter, erzähl keinen Scheiß, du hattest nie im Leben zwei Bräute im Bett!«

Die Hilli straffte ihre breiten Schultern und sah den Fettzopf strafend an. »Uwe, ich weiß nicht, ob du zu unserem Stammtisch passt, wir versuchen hier wirklich, etwas aufzubauen!«

Für einen Moment verspürte John Mitleid mit dieser Frau, wenigstens gab sie sich Mühe und verurteilte Mehrfachbeziehungen nicht, was auch immer ihr Beweggrund dafür war. Fast hätte John überlegt, wie er Hilli aus der Patsche helfen könnte, aber Uwe stieß ihn an und kicherte: »Stell mir deine Bräute doch mal vor, ich bin auch voll poly, Alter!«

John sprang auf und lief zur Tür, dann fiel ihm ein, dass er das Wasser gar nicht bezahlt hatte. Er drehte sich wieder um, legte der Kellnerin fahrig einen Schein auf den Tresen und deutete mit dem Kopf auf die Zigarettenschachtel, die hinter ihr lag. »Kann ich da eine von haben?«

Die Kellnerin griff die Schachtel, bot ihm eine an und zwinkerte: »Automat hängt draußen!«

John zupfte gierig eine Zigarette aus der Schachtel und schniefte. »Hab aufgehört.«

Die Kellnerin beugte sich über den Tresen, gewährte ihm Einblick in ihr strammes Dekolletee und flüsterte ihm zu: »Am zweiten Dienstag im Monat ist der Swinger-Stammtisch da, vielleicht ist das ja eher was für Sie!«

John lachte hysterisch auf, dann steckte er sich die Kippe an und floh aus der Kneipe. Er wollte ins Auto steigen, dann fiel ihm aber ein, dass er in seinem Familienvaterauto unmöglich rauchen konnte. Außerdem wusste er eh nicht, wo er hin wollte. Zurück zu der tickenden Küchenuhr? Er blieb also auf dem Parkplatz stehen und zog gierig an der Zigarette.

Hinter ihm hörte er die Tür wieder aufschwingen, dann trat der stille Beisitzer der Blondine neben ihn und räusperte sich. »Ich bin Stefan.«

John knurrte: »John!« und riss sich den Klebebandstreifen mit seinem Namen vom Hemd. Stefan behielt seinen Klebebandstreifen, offenbar brauchte er diesen angeblichen Polyamorie-Stammtisch dringender als John. Stefan steckte sich ebenfalls eine Zigarette an und trat dann von einem Fuß auf den anderen. »Hattest du wirklich zwei Freundinnen, die sich geküsst haben?«

John schüttelte den Kopf und starrte auf die Kuhweide auf der anderen Seite der Landstraße. »Freundin und Freund.«

Stefan trat mit einem diskreten Hüsteln ein Stück zur Seite. John streifte ihn mit einem Blick aus dem Augenwinkel. »Keine Sorge, du wirst nicht schwul, wenn du neben mir stehst.«

Stefan lachte verkrampft. »Entschuldigung. Tut mir leid, das war blöd.«

John nickte nur knapp. Stefan kam wieder vorsichtig ein Stück näher. »Es funktioniert also nicht, oder? Hab ich mir gleich gedacht.«

John sah diesen Stefan jetzt tatsächlich interessiert an. »Was funktioniert nicht?«

Stefan zuckte die Schultern. »Diese Polyamorie! Ich hab das im Internet gelesen und das klingt ja alles toll, aber ich bin da in diese Kollegin verliebt und meine Frau macht mir die ganze Zeit nur die Hölle heiß!«

John seufzte tief. »Ja, das kenne ich.«

»Wie, hat deine dir auch die Hölle heißt gemacht? Etwa wegen diesem Kerl?«

John verzog das Gesicht. Wegen dieses Kerls, Genitiv. Dass diese verdammten Deutschen einfach ihre Fälle nicht beherrschten! John schüttelte den Kopf. »Ich ihr. Ich hab ihr die Hölle heiß gemacht. Bis ich ihn kennengelernt hab. Jetzt kann ich mir Monogamie nicht mehr vorstellen.«

Stefan nickte verwirrt. »Aha. Und wieso bist du dann alleine hier?«

John zog wieder gierig an der verbotenen Zigarette. »Weil ich aus dem V ein Z gemacht habe, ohne die beiden zu fragen.«

Stefan sah ihn unsicher an. »Und warum hast du das gemacht?«

John zog noch einmal an der Zigarette, dann schnippte er sie auf den Boden und trat sie aus. »Weil ich ein hirnloser Idiot bin. Es ist auch nicht so, dass ich meine Ex ins Polykül holen wollte, absolut nicht! Da war nur was passiert und ich hab das einfach gebraucht, um damit abzuschließen. Diesen einen miesen Fick, der mein ganzes Leben gesprengt hat. Und ich hab keine Chance mehr, es zu erklären, weil sie weg sind. Weil sie beide weg sind. Ich hab meine große Liebe, meinen ganzen Traum, meinen neuen besten Freund, mein Zuhause, meine WG, meine Wahlfamilie, meine Freunde und alles verloren, was mir wichtig war. Für diesen einen miesen, völlig überflüssigen Fick. Weil ich einfach nicht aufhören konnte, mich wie ein ganz ordinärer monogamer Betrüger zu benehmen!«

Stefan nickte resigniert. »Es funktioniert also nicht.«

John straffte die Schultern. »Bei dem Paar, das ich liebe, funktioniert es seit zehn Jahren. Nur nicht mit mir.«

Er tippte sich grüßend an die Schläfe, dann stieg er in sein Auto und fuhr einsam in den Sonnenuntergang.

 

Lothar – das Bärchen

Lothar – das Bärchen

Als Lothar in die Künstler-WG kam, spielte er eine Rolle. Er war der lustige, ein bisschen dämliche Klassen-Clown, der zufällig einen Bestseller gelandet hatte und auf der Flucht war vor den Teenagern, die ihn für einen Kultstar der digitalen Generation hielten. Aber Ostfriesentee ist ein Wahrheitsserum und Lothar mausert sich schnell vom albernen WG-Küken zu einem jungen Künstler mit ernsthaften Ambitionen.

Auf der Suche nach einem gemeinsamen Projekt mit seinen Mitbewohnern stößt Lothar die Idee an, den Video-Kanal „Flying Kluntje“ zu gründen. Kultur-Comedy aus Ostfriesland und ausgefuchstes Online-Marketing – Lothar macht als der Kameramann „Livecam-Lothar“ die WG berühmt. Aber für seine Mitbewohner bleibt er „das Bärchen“, das liebenswerte WG-Küken.

Speziell mit seiner „Frontfrau“ Anna entwickelt Lothar eine kongeniale künstlerische Beziehung, die beiden sind bald ein berühmt-berüchtigtes Video-Team und versetzen Ostfriesland mit absurden Interviews in Angst und Schrecken. Aber auch menschlich kommen sie sich sehr nah, denn hinter seiner niedlichen Fassade ist Lothar ein sehr tiefgründiger Mensch, der Anna nicht für ihren Lebensstil verurteilt. Ihr gemeinsames Gefühl für Sprache und ihr absurder Witz schweißen sie zusammen.

Akute Polyamorie – Panik in der Bevölkerung

Akute Polyamorie – Panik in der Bevölkerung

Immer öfter geistert der Name einer ansteckenden Seuche durch Medien und soziale Netzwerke, die mitten unter uns grassiert! Polyamorie ist ein nicht zu unterschätzendes Phänomen, das vollkommen zu Recht Angst und Schrecken verbreitet!

Ich sag das nur zur Sicherheit: Ich tippe diesen Artikel mit einer Hand, weil ich mit der anderen das SARKASMUS-SCHILD hoch halte! Versteht ja nicht immer jeder, nä?

Bei der Polyamorie handelt es sich um nicht artgerechtes Verhalten, weil nämlich! Es gibt Menschen, die haben mehr als einen Partner! Für länger! Oder sogar für richtig lange! Also, mit Absicht! Und die erzählen sich das auch noch gegenseitig! Die wollen das gar nicht anders! Unfassbar.

Als Fachfrau für investigativen Sarkasmus habe ich deshalb todesmutig recherchiert und die wichtigsten Fakten über Polyamorie für euch zusammengetragen! Fünf Minuten meines Lebens dahin, dahin, ja? Für immer! *schrei* Aber egal! Ich finde, da muss Aufklärung her!

Was Polyamorie mit Menschen anrichtet!

  1. Polyamore Menschen leben grundsätzlich in Kommunen ohne Privateigentum und tragen Batikkleider – auch die Männer!
  2. Die Kinder in polyamoren Familien wissen alle nicht, wer ihr Vater ist, das schädigt ihre Entwicklung!
  3. Polyamore Frauen lassen ihre Kinder im Kollektiv aufwachsen, damit sie sich nicht drum kümmern müssen, weil sie lieber fi****.
  4. Wer sich für Polyamorie entscheidet, muss für den Rest seines Lebens mit mindestens zwei anderen Menschen das Kopfkissen teilen – Fotos in der Presse beweisen es!
  5. Durch die sogenannte „Vielliebe“ arbeitet keiner mehr bei der Müllabfuhr, weil dann alle nur noch fi****. Schlimmer als das Grundeinkommen!
  6. Polyküle verseuchen das Grundwasser und belasten die Umwelt!
  7. Polyamore Männer sind blöder als ein Pfund Tofu! Sogar zu blöd, um ihre Frauen anzulügen! Anständige Männer verstehen die Regeln und gehen heimlich fremd!
  8. Fi****!
  9. Fi****!
  10. Ich will aber auch fi****!

Quelle: Fratzbuch

Folgende Archetypen kristallisieren sich in der öffentlichen Diskussion heraus:

Die monogame Ehefrau!

Mei, is des a liabs Madl!

Die monogame Ehefrau auf Fratzbuch kennt weder Rast noch Ruh, wenn es darum geht, Frauen anzugreifen, die Polyamorie als eine Möglichkeit des feministischen Lebensstils durchdenken. Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, mutig diesen garstigen (und ihr völlig unbekannten) Rivalinnen schon mal prophylaktisch das Haus zu verbieten, weil die ja alle nur ihren Mann fi**** wollen!

Ein Ehemann ist Privateigentum und wird auch als solches mit allen Mitteln verteidigt! War ja schwer genug, den Scheißkerl endlich einzufangen! Da der Ehemann weder das Recht noch die Fähigkeit hat, selbst zu denken, ist die Ehefrau das letzte Bollwerk im Kampf um eine geregelte Zivilisation.

Der Mann!

Fratzbuch-Nutzer sind sich einig: Das charmante Lächeln und der harmlos verpeilte Blick täuschen! Ganz besonders polyamor eingestellte Affen sind primitive Männer, die … Nee. Umgekehrt, oder? Jetzt bin ich raus … auf jeden Fall alle. Poly, mono, egal. Alles Affen! Sagen die Affen. Also, über die anderen Affen. Ist ja auch nicht so wichtig.

The walking Bitch!

Im Volksmund wird diese nicht-monogame Spezies auch Schlampe genannt. Ihr sexueller Hunger ist unersättlich, Mitgefühl mit Frauen, die ihren Mann gern für sich hätten, ist der Schlampe vollkommen fremd. Sie robbt skrupellos nachts in Tarndessous durch die Gärten und bricht in Häuser ein, um wehrlose Männer zu überlisten! Erste Versuche mit Elektrozäunen schlugen fehl. Da müssen Gesetze greifen!

Fazit?

Manchmal bin ich so müde … einfach nur müde … Ich denke, ich werde mir noch ein bisschen leise summend die Fliegenklatsche vor die Stirn hauen und dann ein paar fratzbuchfreie Tage einlegen ….

 

Sookie hat Haushalt – ein Tag im Leben einer Autorin!


Liebe Gemeinde, Freunde und Feinde, nachdem wir in der letzten Zeit so furchtbar viele Probleme gewälzt haben, machen wir heute mal was langweiliges. Wir erleben einen Tag im Leben einer Schriftstellerin!

Heute ist ein guter Tag zum Sterben! Arschbommmmmbe! Ja, meine Lieben, ihr seht, Sookie ist in Fahrt, weil – heute ist ein: Tag. Ihr kennt das vielleicht. Diese Dinger, die morgens schon anfangen, mittags eskalieren und gegen Abend endlich überwunden werden. Und dann, ahhh, dann kommt sie endlich. Die Nacht. Meine Zeit. Wo ich mit meinen unsichtbaren Freunden allein bin und Bücher schreibe. Aber vorher, vorher, muss selbst ich selbst den Nihilismus noch verneinende olle Knötterkröte dieses Ding überstehen. Tag. Und weil ich das loswerden muss, nerve ich euch heute mit dem Aufsatz:

»Sookie hat Haushalt!«

Also. Meistens fängt es ja ganz harmlos an. Mit dem telefonischen Weckruf eines verzweifelten Callcenter-Agenten, der ganz dringend einen Abschluss braucht. Also, ihr müsst euch das so vorstellen. Ich bin irgendwann morgens gegen acht oder neun auf die Matratze in meinem Arbeitszimmer gefallen und liege gerade so mit mindestens drei flauschigen Samtkissen aus dem schwedischen Möbelhaus im Arm auf dem Rücken und schnarche wie ein dekadenter Römer, der die ganze Nacht gebechert hat. Oder, um es mit Gottfried Keller zu sagen: »Wie ein Ratz!«

In der einen Hand habe ich wahrscheinlich noch die Fliegenklatsche, weil ich mal wieder bei der Mückenjagd eingeschlafen bin. Ich hab mir in dem Oma-Edeka umme Ecke diese formschöne und garantiert niemals grundwasserneutral verrottende Klatsche geleistet, weil ich mir immer vorkam wie King Kong auf dem Empire State Building, wenn ich Mücken mit der Hand jage wie King Kong Flugzeuge. Und das Kreischen der imaginären weißen Frau ging mir immer so extrem auf die Nerven, dass ich dachte, ich muss die Vision loswerden. Dann hab ich mal recherchiert, wie schnell Mücken eigentlich fliegen können, dass die Biester mir immer entwischen.

Als Vergleichswert hatte ich noch das Ergebnis einer jüngst erfolgten Recherche im Kopf, und ein Samenerguss bringt es auf 18 Kilometer pro Stunde. Wobei ich mich gefragt habe: Wie messen die das? Der fliegt doch keine Stunde! Hallo? Geht dann da einer mit dem Maßband hinterher und ruft nach einer Stunde vom anderen Ende des Ackers: »18 Kilometer!«? Und wer erklärt sich bereit, das … ja, Sookie, jetzt such mal schön das Wort in deinem Gehirn … das Ejakulaaat … ich mein, einer muss das ja losschießen, oder?

Jedenfalls dachte ich noch total überlegen: »Pah! Da bin ich ja mit dem Fahrrad schneller!« Und dann lese ich, dass Mücken ganze zwei Stundenkilometer schaffen, zwei! Ja, gut, ich bin jetzt in meinem Zimmer auch selten mit dem Fahrrad unterwegs, aber …

Und deswegen hab ich jetzt diese Klatsche. In Che-Guevara-Rot, sehr hübsch. Die Mücken interessiert aber überhaupt nicht, dass ich bewaffnet bin, die zerstechen mich trotzdem. Scheiß Arschlochmücken.

Was wollte ich jetzt sagen? Hab’s vergessen. Auf der anderen Seite steht mein braver Laptop und liest mir ein Hörbuch vor, im Moment meistens Stanislaw Lem. Ja, ich weiß, das ist Männerkram, aber ich schlaf ja sowieso. Nur nicht, wenn mir keiner was vorliest. Dann kann ich nicht. Und dann klingelt diese Zumutung called »Festnetztelefon«. Ich hasse das Teil. Ich spreche nicht mit Menschen. Schon gar nicht mit Menschen, die ich nicht sehen kann. Der Callcenter-Agent kann mich auch nicht sehen.

Was aber auch ganz gut ist, wie mir ein kurzer Blick auf Sookie herself beweist. An meinem linken Fuß steckt tatsächlich noch eine Socke. Wie hab ich das denn geschafft? Ich kann mit Socken nicht einschlafen, ich bin Künstler! Meine Socke ist aber jetzt total unmodern und außerdem saisonalen Schwankungen unterworfen, denn sie ist weihnachtsrot und Elche gehen darauf spazieren. Das mottenlöchrige »Arschloch-Cafe«-T-Shirt, das da wie ein Schwarm Glühwürmchen meinen ehemals geschmeidigen Luxuskörper brautumjunfert, sieht aus, als wäre ich mal wieder auf einem Stück Fokolade eingeschlafen.

Ich bin also dankbar, dass ich für den Special Agent unsichtbar bin und krächze ins Telefon: »Hell?«
Er: »Guten Tag, Firma Arschkrampe! Spreche ich mit Frau Hell?«
Ich: »Nee, Dunkel, hab ich doch gerade gesagt!«
Er: »Mit wem spreche ich denn bitte?«
Ich: »Äh, Sookie. Sookie ›fucking‹ Hell! Wissen Sie, eigentlich bin ich noch gar nicht verheiratet, aber das Facebook-Orakel hat mir prophezeit, dass ich in drei Monaten fällig bin! Erst war ich entsetzt, aber als ich drüber nachgedacht habe, dass ich ja einen Herrn Fucking treffen könnte, fand ich den Gedanken an einen Doppelnamen dann doch arschcool. Ich hätte aber gerne dann noch einen zweiten Mann, damit ich ›Fucking-Hell-Yeah‹ heiße, das ›Yeah‹ am Ende stelle ich mir irgendwie ziemlich geil vor, aber ich glaub, der Gesetzgeber ist noch gar nicht so weit, oder? Was denken Sie?«
Er: »Ich möchte Sie darüber informieren, dass Sie beim Strom zu viel bezahlen!«
Ich: »Also, beim Strom schon mal gar nicht! Für den Strom vielleicht, aber ›beim‹ Strom würde bedeuten, dass ich mich neben einem Strom befinde, während ich latze, und dann muss man ja auch noch bedenken, dass Strom ein Teekesselchen … «
Er: »Frau Hell, ich mache Ihnen einen Vorschlag! Sie holen jetzt Ihre Stromrechnung, und dann gehen wir zusammen … «
Ich: »Tschuldigung, wenn ich Sie unterbreche, könnten Sie mir vielleicht eben verraten, woher Sie meine private Geheimnummer haben?«
Er: »Haben Sie die Rechnung da? Dann gehen wir die einzelnen Posten einfach zusammen durch.«
Ich: »Ich geh mit Ihnen zusammen durch, alles klar! Hallo? Ich hatte Genies, Revolutionäre, Zeitreisende und langhaarige Schlagzeuger, ich geh doch nicht mit einem Callcenter-Fuzzi durch! Na, warten Sie mal, wenn ich erst mal den Herrn Fucking kennengelernt habe, dann wird der Ihnen aber was erzählen!«
Er: »Frau Hell, ich möchte Ihnen beweisen, dass Sie beim Strom definitiv zu viel bezahlen!«
Ich: »Am Strom.«
Er: »Sie bezahlen am Strom zu viel, Frau … *raschel* Hell. Die Firma Arschkrampe … «
Ich: »Sagen Sie mal, ist so ein Cold Call eigentlich verboten oder ist das unerlaubt?«
Er: »Frau Hell, Sie möchten doch sicher auch sparen und sich mal den einen oder anderen Wunsch erfüllen! Darf ich denn fragen, was Sie beruflich machen?«
Ich: »Das geht Sie zwar nix an, aber ich bin ein spülmaschinenfester Storyteller, ich werde dafür bezahlt, dass ich Leuten Geschichten erzähle. Aber für Sie mach ich das umsonst. Aus Liebe.«
Er: »Äh, Frau … Sie wollen sich doch sicher auch mal was gönnen und … «
Ich: »Entweder, Sie legen jetzt auf oder ich, aber irgendwie haben Sie nicht verstanden, dass Sie in Ihrer Schulung nicht gut genug aufgepasst haben, um mich zu knacken, oder?«
Er: »Nun, Frau Hell, wenn wir Ihre Rechnung zusammen durchgehen … «
Ich: »Nein.«
Er: »Frau Hell, wie viel bezahlen Sie denn jährlich?«
Ich: »Nein.«
Er: »Frau Hell, Sie werfen Geld zum Fenster raus!«
Ich: »Jetzt pass mal auf, Kollege, hab ich gesagt ›Armeslänge Abstand‹? Ich hab gesagt: Nein!«
Er: »Frau Hell, Sie sind dumm, wenn Sie nicht … «
Ich: »Aus meinem letzten Highscore beim IQ-Test können Sie noch nicht mal die Quersumme errechnen, aber ich kann Ihnen auch gerne das Wort Nein einfach mal buchstabieren. Haben Sie was zu schreiben?«
Er: »Frau Hell, was zahlen Sie denn für die Kilowattstunde?«
Ich: »Herr Dings, wie viel Kilowatt pro Stunde muss ich Ihnen denn um die Ohren ballern, bis Sie aufgeben! Nein! Das ist doch gar nicht so schwierig! Einfach nein!«
Er: »Aber Frau Hell, Sie bezahlen zu viel, verstehen Sie das?«
Ich: »No, No, No … unglaublich geschmeidiger Song, Dawn Penn, kennen Sie den? No, No, No … könnte ich den ganzen Tag singen! Da kann man auch super swaggy zu auf Norwegersocken über Laminat rutsch … «
Tut … tut … tut …

Ah, diese Ruhe, wenn keiner meine geheime Geheimnummer anruft … Schon cool, wenn sie zuerst auflegen. Erstmal entspannt die Hände in den Nacken legen und sinnierend an die Decke starren. Gleich lecker Kaffee kochen und dann 270 Romanseiten querlesen, dann kann ich die nachts überarbeiten.

Ploff.

Oh, nee! Das Geräusch kenn ich. Komisch, oder? Dass man sofort hört, wenn eine Zecke vom Kater abfällt? Dabei hatte ich gestern Abend noch mit ihm Flughafen gespielt und ihn durchsucht, da war keine Zecke! Und jetzt: Ploff! Eine Zecke, so groß wie eine Kokosnuss! Fällt da einfach ab. Und er läuft erst noch ein Stück weiter, dann dreht er sich neugierig um und guckt, was da für eine güldene Kugel übers Laminat rollt! Königstochter, Jüngste! Tu ma’ die goldene Kugel vom Boden wech!

Fitzwilliam schnuppert mit milden Desinteresse an der voll aufgepumpten Zecke, die hilflos mit ihren acht Armen rudert. Dann guckt er mich fragend an. Dabei lässt er manchmal einen winzigen Zipfel von dieser borstigen rosa Zunge raushängen, was seine naturgegebene Intelligenz weniger sichtbar erscheinen lässt, der kleine Underachiever. Ich frage: »Na, toll. Wer macht das Vieh jetzt weg?«

Fitz schlendert zu mir rüber und reibt sich an meinem Bein. Das heißt: »Immer die Sau, die grunzt.«
Okay, Zeit für meine Aretha-Nummer. Ich springe also dynamisch aus dem Bett und tanze den scheiß Kater voll heiß an. »What you want, Baby, I got it, what you need, you know, I got it, all I’m asking is for a little respect!« Gleich kommt meine Lieblingsstelle. »Arrrr-i-sss-pi-i-ci … «

Iiiih, der verdammte Kater schießt beim Tanzen die Zecke unters Sofa! Hallo? Das ist Iwan, mein Divan, der ist zum Rumfläzen da, nicht zum … Scheiße. Auf die Knie, na super. Zeit, das Gretchen zu zitieren, mit dem Kopf unterm Sofa. »Es ist so schwül und dumpfig hie!« … und da ist ja der Schuh, den ich nach dem Nachbarkater geschossen hatte, als der sich mal wieder rein geschlichen hatte! Cool, ich hab einen Schuh! Ich könnte das Haus verlassen!

Die Zecke guckt mich an und sagt teilnahmslos: »Ich hab die Rekapitulation der Phylogenese durch die Ontogenese durchlaufen oder irgendwie anders.«
Ich nicke verständnisvoll. »Und jetzt ist dir schlecht.«
Die Zecke rülpst. Okay, das reicht, um meine Tötungshemmung abzubauen. »Fitz, hol mal Klopapier!«
Der verdammte Kater schmeißt sich nur mit Schmackes schmiegend an mich ran und macht nur dieses Geräusch, das im »Ulysses« mit »prrrrrt!« beschrieben wird. Ich kann ja doch nicht anders, ich halte ihm die Nase hin, also meine, nicht seine, und frag ihn: »Na, Digger, hast du wieder stream of consciousness?«

Fitzwilliam rempelt mir ins Gesicht und macht dieses kehlige Geräusch hinten im Rachen. Katzenhalter kennen das Geräusch. Es heißt: »Du hast einen Daumen.« Und das heißt: »Mach die Dose auf!«

Also im Zeitraffer in die Küche, unter die Dusche, zurück, Kaffeefilter in meinen turbo-umweltfreundlichen Omma-Bohnenkaffeefilter gesteckt und Mist! Bananen, Äpfel, Müsli, Birnen, Schwätz … Zwäsch … Zwtwäschken … oh, verdammt! Könnt ihr die Dinger auch nicht aussprechen? Langsam, Sookie, klassische Genre-Regisseure inszenieren spektakuläre Actionszenen. Also, noch mal. Quetzschgen. Mah, fuck! Diese blöden blauen Eierpflaumen! Auf jeden Fall ist nichts Richtiges zu Essen im Haus, dann muss ich halt Chips frühstücken. Und dann kann ich endlich meine 270 Romanseiten querlesen! Ich weiß nämlich ehrlich gesagt nicht mehr, was da drin steht. Was ich einmal aufgeschrieben habe, vergesse ich. Darum macht man das ja, damit es aus dem Kopf raus ist!

Aber, nein, halt! Ich muss ja diese verfickten Halogendinger noch austauschen! Also rauf in die Kemenate, wo die Damen hausen, und den Schallschraubenzieher nicht vergessen! Soll ja schnell gehen, ich muss ja noch 270 Roman … Wieso kommt dieses blöde, durchgebrannte Halogenbiest nicht aus dieser dämlichen … Ich geh doch jetzt nicht googeln, bin ich blöd? Mistding! Wer denkt sich so eine Scheiße aus? Deckenverkleidung! DECKENVERKLEIDUNG!

Scheißfickarschlochhalogending, *porkel*, wer baut denn so eine Scheiße ein! Aua! Kommst du raus, du verdammtes … oh, nee! Diese verdammte idyllische Landlust-Scheiße in dieser Spießerbude geht mir so auf den Sack! Was ist schlimm daran, eine einfache Glühbirne an die Decke zu hängen, hä? HÄ? Aber neinnnnn, wir brauchen ja eine stylische Deckenverkleidung, wo diese …

Ach so, der komische Haken da muss da erst mal raus, echt jetzt, die WOHNEN schon, die leben nicht mehr, diese analhortenden Atome der Weltbanalität im Dekowahn, die diese Bude gebaut haben! Wieso kommt dieses Halogenmopped da jetzt nicht raus? Hey, McFly, jemand zu Hause? Wegen dir bezahl ich zu viel am Strom, mal drüber nachgedacht?! Warum geht das jetzt nicht von diesem verfickten Draht ab? Das ist alles deine Schuld, R2! Jetzt geh apppp, du Arsch! Rrrrrraaaaa! Halogenkackarschlochscheiße, ich will eine Lampe mit Gewinde! *porkel*

So, gleich krieg ich einen Schlag, und dann hab ich eine bipolare Störung, das habt ihr dann davon! Wir werden alle sterben! Kann mir mal jemand eine klatschen? Ich bin ja total hysterisch! Mist, jetzt hängt das Teil da schief am Draht und geht nicht vor und nicht zurück. Super, Sookie, hast du fein gemacht! Wieso gehst du nicht apppp!?! Siktir lan, scheiß Pesevenk, ich HASSE HAUSHALT! Du Wichser von einer Lampe! Ach, nee, Wichser darf man ja gar nicht mehr sagen! Ist ja nicht mehr politisch korrrrrekt! Du bist ja eine Halogenlampe mit einem Händchen für Selbstbefriedigung! Jaha, da bist du platt, nä? Facebook bildet! Und dann kommt der ganze Scheiß in den Wixxxxxer! Äh, Mixxxxxer!

Weißt du was? Ich lass dich jetzt eiskalt hängen! Kurt Cobain hat sowieso gesagt »With the lights out, it’s less dangerous!« Elektrisches Licht wird sowieso total überbewertet. Leckt mich doch alle!

Au ja, wutschnaubend die Treppe runter stampfen, haaa, das tut gut. Also, Kaffee, Zecke. Kurt. Hehe. Na gut. Drei Minuten Ausdruckstanz, dann les ich aber endgültig meine 270 … ach, nee die Zecke!
Ab unters Sofa. Die Zecke bewegt hilflos ihre Stummelärmchen wie ein Nachtmahr aus der Interzone in »Naked Lunch« und sagt: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen!«

Muss die mir jetzt mit Adorno kommen? Hat die vielleicht sogar ein Bewusstsein? Wie soll ich der denn jetzt meine eigens zu diesem Zwecke gebunkerte Olivenölflasche über die Murmel ziehen? Normalerweise töte ich schnell und präzise. Kawämm. Aber was ich jetzt machen soll, weiß ich nicht. Doch dann reift in mir ein Plan! Ich könnte sie über die zwei Meter hohe Hecke hinter meiner Terrasse werfen! Aber da läuft ständig der ballonseidene Rasenmähermann in seinem Freizeitkostüm entlang, dieser unkrautzupfende Baumarktjunkie! Wenn ich dem jetzt die Kokosnusszecke auf den Kopf werfe, reden ja die Nachbarn! Die schrullige Frau mit dem ungezupften Vorgarten schmeißt mit Zecken! Dieser Vollhorst mit seinen Kantenschneidern, Heckenscheren, Vertikutierern! Dieser Horst against the machine!

Ach, ich wollte ja Nirvana aufdrehen! Dann aber Kaffee und meine 270 …

Rape me

,

Rape me

,

Rape määä

,

Rape määäääää …

Pockpock!

»MAMA, MACHST DU MAL DIE MUSIK LEISER?«

Jetzt mal ganz ehrlich, Frage an die analogen Geister unter euch, WAS ist das für eine Generation, die nach Hause kommt und Sätze sagt wie: »Mama, machst du mal die Musik leiser?«! Müsste ICH das nicht sagen? Egal, jetzt kommt meine Daily Soap Ration für heute, jeeeehaaaaaaa! Ich liebe es! Wenn man selbst kein Leben hat, gibt es nichts geileres, als den neusten Tratsch aus der Schule! Also! Der Nick hat die Sarah per What’s, wie wird das geschrieben? App? Dieses Ding, über das sie ständig texten. Also, der Nick hat die Sarah gefragt, ob sie mit ihm gehen will, boar, das ist so Kindergarten, wer fragt denn heute noch »Willst du mit mir gehen?« Am besten dann auf dem »Ja/Nein/Vielleicht«-Zettel noch dran schreiben, »Bitte nur eine Antwort auswählen!«

Aber die Sarah hat einen Fast-Freund und findet den Nick ja auch süß, aber eher so wie einen Welpen, aber als Mann? Näää! Ach so, und die Alicia hat jetzt doch mit dem kleinen Bruder vom Dealer Schluss gemacht, der war ihr s/m-mäßig zu hart drauf mit seinen Psychospielchen, der Schwachmat! Und Phillip hat wieder »künstlerische«, dabei zeigen sie mir dann so Anführungszeichen mit den Fingern, weil der Phillip will nämlich Fotograf werden, aber ein künstlerischer! Der untervögelte Vollhonk glaubt zwar »Spiegelreflex« ist, wenn man sich selber im Spiegel sieht und zusammenzuckt, und der hat ja auch ein Instagramm-Bild gepostet, unter dem stand, dass er sein Skateboard für immer an der Wand genagelt hat, aber … äh, naja.

Jedenfalls, der Phillip hat wieder künstlerische Fotos mit sich, seinem peinlichen Männerdutt für arme Hipster und seiner großen Liebe der Woche gepostet, der Poser, ob die große Liebe weiß, dass er »Bitchi«, der hohlen Bratzbirne, die Zunge nur freundschaftlich in den Hals gesteckt hat? Naja, die Sarah hat den Nick jetzt jedenfalls erst mal gefriendzoned. Mama, hast du die Birne oben ausgewechselt?

»Äh … bin ich noch nicht zu gekommen!«

Ja, und dann gehen sie chillen und ich gucke meinen zwei Ablegerinnen nachdenklich hinterher. Lästermäuler sind das, unglaublich. Und diese Schimpfwörter immer! Ich hab keine Ahnung, woher die das haben. Und mein Kaffee ist jetzt natürlich kalt. Dann geh ich eben Tee kochen und dann kann ich endlich meine 270 …

Und was habt ihr heute so gemacht?