Wie du erfolgreich auf Tipps für erfolgreiches Bloggen scheißt – und trotzdem Spaß hast!

Wie du erfolgreich auf Tipps für erfolgreiches Bloggen scheißt – und trotzdem Spaß hast!

Manchmal wurde Trude nicht auf Anhieb verstanden. Das hielt sie aber nicht davon ab, in ihrer eigenen Sprache zu sprechen!
Manchmal wurde Trude nicht auf Anhieb verstanden. Das hielt sie aber nicht davon ab, in ihrer eigenen Sprache zu sprechen!

Ist die Schlagzeile zu provokativ? Näää. Oder?

Achtung … RUNTER! Heute ist die liebe Sookie mal wieder »nervös und bewaffnet« (mit einer Tüte Kirschlutscher), also auf Krawall gebürstet! Ich muss leider mal wieder ein bisschen streng werden! Denn ich habe in den letzten Tagen mal wieder einige hochgradig spannende Diskussionen verfolgt, woran meine sehr geschätzte und unglaublich liebenswerte Bloggerkollegin Schattentaucherin nicht ganz unschuldig ist! Das Thema meines heutigen Aufsatzes lautet daher:

»Wieso liest eigentlich kein Schwein meinen Blog?«

Die Schattentaucherin hatte nämlich eine Frage ins Netz geworfen, die vordergründig total einfach wirkt. »Was ist das Alleinstellungsmerkmal eurer Blogs?« Pah, dachte ich, eine meiner leichtesten Übungen, das lernt man ja in der Bloggergrundschule, dass man ohne Alleinstellungsmerkmal nix wird! Und dann stand ich mir mal wieder selber im Weg (Das kann ich gut. Das kann ich so gut, unfassbar!) und verfolgte erst mal zwei Tage lang die Diskussion und fragte mich, was zum Dübel denn wohl mein Alleinstellungsmerkmal ist. Und mir fiel keins eins.

Unterdessen rollte die Diskussion in der Bloggergruppe weiter und es passierte das, was immer passiert. Ein paar Leute tauchten auf, die tatsächlich unglaublich interessante Nischenblogs zu wirklich wichtigen Themen betreiben. Viele Leute tauchten auf, bei denen ich mal wieder das Gefühl hatte, dass sie die Frage nicht verstanden haben. Ich blogge über Fashion. Aha, macht ja sonst keiner. Bei mir im Blog gibt es immer leckere Fotos zu den Rezepten! Ja, danke, aber ich esse sehr selten Fotos, egal, wie lecker die sind.

Ihr seht schon, Hannibal und ich hatten wieder viel Spaß miteinander. Für alle, die sich zum ersten Mal zu mir verirrt haben oder mich noch nicht so gut kennen: Hannibal ist mein innerer Lektor. Der psychopathische Massenmörder, der einfach so 90 % meiner Texte löscht, weil sie doof sind. Sagt er. Ich bin mir da manchmal nicht so sicher, aber wer legt sich schon mit seinem inneren Psychopathen an. Er hat Recht und ich meine Ruhe, so funktioniert unsere Beziehung eben. 😀

Auf jeden Fall knackte ich ewig an dieser Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal. Vor allem an der Frage, wieso die beliebigsten Null-Acht-Fuffzehn-Blogs ihres selbstbewusst heraustrompeteten, während ich immer noch grübelte. Parallel dazu versorgte Herr Zuckerzwerg mich mal wieder auf meiner Startseite mit Artikeln von Bloggern, die in ihren Blogs über das Bloggen bloggen. Ihr kennt das. »Sieben Gründe, warum blablabla!« oder »Zehn Schritte, mit denen du garantiert mehr Leser bekommst!« und »Praktisch denken, Särge schenken!« Ach, nee, das war der Slogan, mit dem ich Bestatterin werden wollte. Egal. Ihr wisst, was ich meine.

Eigentlich lese ich diese Artikel schon seit Jahren nicht mehr. Zum einen, weil es mich tödlich langweilt und unterfordert, nach Schema F zu bloggen. Ich krieg dann einen glasigen Blick und eine kalte, feuchte Nase, kein schöner Anblick. Zum anderen, weil ich über mangelnden Traffic nicht klagen kann, im Gegenteil, ich bin total begeistert, was hier in meinem Blog, der fast noch gar keinen Content rumliegen hat, manchmal schon abgeht. Zum dritten aber auch, weil es einfach nichts bringt.

Trotzdem ertappte ich mich dabei, wie ich mal wieder einen Artikel darüber überflog, wie dein Blog garantiert abgeht wie Schmidts Katze. Wenn sie mit Müllers Hund in der Besenkammer eingesperrt ist sogar. Blogge regelmäßig. Blogge nur, wenn du wirklich etwas zu sagen hast, meinen Artikel »40 Themen, wenn dir nicht einfällt, was du bloggen könntest!« findest du hier! Teile deine Artikel in Gruppen auf Social Media! (In den Bloggergruppen, wo nur die Posts diskutiert werden, die die Frage aufwerfen, warum niemand auch mal die Blogs der anderen anklickt?) Biete deinen Lesern Mehrwert, wie zum Beispiel 40 Artikel, die du geschrieben hast, als dir nichts eingefallen ist! Sorge immer für frische Inhalte und unique Content, so wie ich hier in dem Artikel übers Bloggen, der schon so oft ab- und umgeschrieben wurde, dass keiner mehr den Urheber ausmachen kann! Dadidadidaaa. Aber KEIN Schwein sagt mal, wie’s ist:

Wenn du die gleichen Tipps befolgst wie alle anderen, bloggst du auch wie alle anderen!

Früher gab es diesen ollen Helmut Kohl Witz. Helmut, damals noch im Amt, versuchte ein Kreuzworträtsel zu lösen und suchte den amtierenden Bundeskanzler mit vier Buchstaben. Zuerst versuchte er es mit »Ich«. Passte nicht, ein Buchstabe zu wenig. Er fragte seine Frau Hannelore, die ihn aufklärte: »Das ist doch ganz einfach, du!« Helmut zählte nach, d, u, zwei Buchstaben, passte nicht. Also fragte er seinen Verteidigungsminister, der antwortete: »Das ist doch ganz einfach, Herr Bundeskanzler, Sie!« S, i, e, drei Buchstaben, passt nicht. Die Sache ließ Helmut aber keine Ruhe und verursachte ihm schlaflose Nächte, bis er irgendwann seine Frau weckte und stolz rief: »Jetzt weiß ich, wen die meinen: MICH!«

Und ähnlich ging es mir mit der Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal meines Blogs. Ich grübelte und grübelte und fand keins. Autorenblogs gibt es wie Sand am Meer. Mein Blog sieht ja auch nicht besonders gut aus, am Design muss ich ganz dringend mal schrauben (guckt da jetzt bitte nicht so hin, ich hab nicht aufgeräumt). Ich hab noch nicht mal eine richtige Nische. Um ehrlich zu sein, hab ich noch nicht mal ein Konzept. Um noch ehrlicher zu sein, ich scheiße auf Tipps wie Listposts, die hundert besten Überschriften, die immer funzen, Artikel mit »Wie du«-Anleitungen und Schritt für Schritt Gedöns, und trotzdem bin ich mit meinem Traffic total zufrieden.

Ganz besonders freu ich mich darüber, dass ich über meinen Blog und meine Bücher auch immer wieder total tolle Menschen kennenlerne, und ihre Blogs oder ihre Bücher. Und trotzdem fühlte ich mich zwei Tage lang wie Helmut Kohl, weil mir die Antwort auf die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal nicht einfiel. Und sich wie Helmut Kohl zu fühlen ist nicht schön. Plötzlich sind alle Hosen viel zu eng. Und dann kam ich auf das Alleinstellungsmerkmal mit drei Buchstaben: Ich!

Und ich fragte mich, warum ich die Blogs lese, die ich lese. Nicht wegen ihrer Listposts, weil sie so fleißig in Social Media teilen, oder weil sie so eine tolle SEO haben, und erst die OnPage-Optimierung, hach! Natürlich kommt das bei Tante Google gut an, keine Frage, aber für Tante Google schreibe ich ja nicht. Und die Blogger, die ich gerne lese, auch nicht. Ich lese sie, weil sie ihre eigene Stimme haben!

Natürlich sind Tante Google und Social Media Portale wichtig, um diese Perlen erst mal zu finden, Sichtbarkeit ist wichtig, klar. Aber deswegen kommt man nicht wieder. Man kommt wieder wegen des Bloggers, nicht wegen seines Rankings!

Hat nicht jeder eine eigene Stimme?

Doch, klar, von Geburt an. Jedes Baby kräht anders, ungelogen. Wir alle kommen ja mit dieser unfassbar geilen, sprudelnden und individuellen Kreativität auf die Welt, bis blöde Erwachsene uns sagen, dass wir jetzt aber aufhören sollen zu spinnen, wenn wir im Garten einen Dinosaurier gesehen haben. Ich war zum Beispiel mal zu einem dieser Grillabende eingeladen, wo die Kinder den Gästen noch vorgeführt werden, bevor sie im Kinderzimmer weggesperrt werden, damit sie nicht stören.

Und der stolze Gastgeber und Vater ließ seinen Windelstöpsel antreten, damit er vorführt, wie toll er schon auf seiner vollkommen verstimmten Plastikkindergitarre spielen kann. Der arme gehemmte Sohnemann schraddelte schüchtern ein paar „Akkorde“, bis seine kleine innere Rampensau sich Bahn brach und er – und ich – Spaß an der Sache bekamen. Kaum fing der kleene Strümpel aber an, richtig geil zu performen (Papa hatte ja gesagt, er soll zeigen, was er kann), bremste sein Vater ihn aus. „Nein, IKEA (schwedischen Männernamen bitte selbst einfügen, Anm. d. Red.), jetzt wirst du unecht!“ Unecht! *augenroll*

Ihr versteht bestimmt sofort, was ich meine. Der arme Strümpel sollte zeigen, wie begabt und musikalisch er schon ist (vor allem, wie toll seine Eltern ihn fördern), aber bitte so, dass es weder Krach noch Spaß macht. Und solche Momente haben wir alle schon erlebt, immer wieder. Unsere individuelle Stimme wird beschnitten, klein, leise, passend gemacht. Richtig los geht das dann in der Schule. Ich will da jetzt auch gar keine Paralleldiskussion aufmachen, die Kritik am Schulsystem wäre einen eigenen Blog wert, aber jetzt gerade hab ich meinen toleranten Augenblick und sag einfach mal: Ist ja gut, dass wir alle erst mal die gleichen Standards lernen. Aber!

Wir lernen, unsere Stimme in feste Bahnen zu lenken. Wer, wann, wo, warum, und den letzten Absatz immer schön so schreiben, dass der Redakteur ihn zur Not einfach abschneiden könnte, ohne dass der Leser merkt: Da fehlt was! Wir lernen eben tatsächlich alle den gleichen Standard, der eine mehr, der andere weniger „erfolgreich“. Und das ist wie gesagt auch gut, man muss sein Handwerk beherrschen. Nicht mehr lustig ist die Sache, wenn wir dann eine Fünf in Deutsch bekommen, weil wir den Brecht anders interpretieren, als der Deutschlehrer das vorgefertigt in seinen Unterlagen stehen hat. Weil wir Metaebenen erkennen, die der Lehrer nicht gesehen hat, weil wir emotional und kreativ anders auf einen Text reagieren, als der Reclam-Verlag das in seiner Sekundärliteratur vielleicht geplant hatte, bekommen wir eins vor die Nuss. Und das prägt ja, wenn man eins vor die Nuss bekommt, das wissen wir alle.

Nicht „richtig“ ist nicht automatisch falsch!

Wir werden ständig damit zugeballert, wie wir Sachen „richtig“ machen müssen. So interpretiert man ein Gedicht, so schreibt man einen Blogartikel, so hält man eine Rede. Und wenn es um reine Sachebenen geht, ist das auch super, keine Frage. Wenn ich mich durch eine Gebrauchsanleitung durchfuchsen muss, will ich ja nicht erst rausfiltern, was der Verfasser zum Mittagessen hatte und wie ihm sein letzter Urlaub gefallen hat, bevor ich erfahre, in welcher Reihenfolge ich die Knöpfe drücken muss. Wenn ich eine Gebrauchsanleitung schreibe, ist es ebenfalls sehr hilfreich zu wissen, dass den Leser mein Urlaub nicht interessiert – ich fahre nämlich nie in den Urlaub. Schon aus Prinzip nicht. Ich steh eben auf meine flugzeug- und autofreie Ökobilanz und käme mir unauthentisch dabei vor, mir extra einen Urlaub ausdenken zu müssen! 😀

Aber Fakt ist: Regeln sind praktisch, Regeln sind cool, wenn man schnell etwas Allgemeinverständliches hinkriegen will. Regeln sind ja auch verdammt nützlich. An einem Stoppschild einfach mal stehen zu bleiben zum Beispiel. Und wir alle kennen den Moment der Verwirrung, wenn wir gerade mal keine Regel haben. Etwa, wenn uns auf dem Fußweg jemand entgegen kommt und beide mehrfach in dieselbe Richtung zur Seite treten. Ich sag in solchen Fällen meistens noch so was sinnvolles wie: „Mambo kann ich nicht!“ Und irgendwie geht’s dann. Aber so ganz ohne Regel ist man dann doch kurz unsicher und muss im Hirn ein paar Gramm Zucker durchjubeln, um das kleine Problem eben zu lösen.

Schwierig wird es, wenn wir Regeln so verinnerlicht haben, dass sie unsere natürliche Kreativität hemmen. Ich erlebe das immer wieder, wenn junge Menschen, die wissen, dass ich „irgendwie schreibe“, mich um Hilfe bitten, weil sie einen Praktikumsbericht schreiben müssen, ein Gedicht verschenken wollen oder eine Geschichte im Kopf haben, die raus muss. Dann erlebe ich jedes Mal den Moment, wo lebhafte Jugendliche, die sonst reden können wie ein Wasserfall, und auch sehr witzig, differenziert und interessant erzählen können, ins Stocken geraten und plötzlich blockieren, sobald sie einen Stift in der Hand haben.

Dieser Moment des Stockens ist völlig normal, ich hab den jeden Tag, wenn ich mich an die Arbeit setze. Man schaltet um von spontan gebrabbelt auf german Schriftsprache. Wenn man geübt darin ist, wird der Moment nicht unbedingt kürzer, man geht nur gelassener damit um. Aber es tut mir immer richtig weh, wenn ich spüre, dass Menschen aus diesem Moment des Stockens nicht mehr herausfinden, weil sie es unbedingt „richtig“ machen wollen. Weil sie sich vor einer Fünf fürchten, obwohl der Lehrer schon lange im Ruhestand ist. Dann gehen sie auf Nummer sicher und heraus kommen dabei dann auch Schulaufsätze, in denen Herr Dings auch bestimmt nichts rot anstreichen würde, die aber auch niemand lesen will.

Es gibt Wege, die Starre zu lösen, keine Frage. In Fällen wie Praktikumsberichten fange ich zum Beispiel ein „ganz harmloses“ Gespräch an. Wir arbeiten ja noch nicht. Wie hat es dir denn da überhaupt gefallen? Und was war der Chef so für ein Typ? Hmhm. Und was ist das jetzt für ein Laden? Ich war da noch nie, was machen die? Dann rutschen sie wieder ins freie Erzählen, und wenn ich nach zehn Minuten sage: „Cool! Du hast mir gerade alles erzählt, was du für deinen Bericht brauchst!“, kommt immer sofort die Frage: „Und wie schreibe ich das jetzt?“ Tja.

Schreiben ist nichts anderes als schriftliches Erzählen

Natürlich hat Schreiben noch mehr Regeln als freies Sprechen, klar. Wer sich in der Rechtschreibung nicht sicher sich, muss sich zum Beispiel keine Sorgen um Tippfehler machen, wenn er eine Geschichte einfach erzählt. Und nichts hemmt so sehr wie die Angst vor Fehlern. Und wo es Regeln gibt, machen wir eben auch Fehler, das bleibt gar nicht aus. Aber wenn wir nicht gerade versuchen, eine Bombe zu entschärfen, sind Fehler gar nicht so tödlich, wie man immer meint.

Regeln sind ja nun mal auch der Kodex, den wir zur Kommunikation brauchen. Wer verstanden werden will, muss sich deutlich äußern. Wie blöd es ist, einen Kodex nicht zu beherrschen, merkt man spätestens dann, wenn man mit dem Fallschirm in einen Busch kracht, in dem nackte Pygmäen leben, die eine Klicksprache sprechen. Man stellt sich dann vor mit einem dreifachen Regelverstoß. Erstens: Man ist angezogen, ist also bestimmt unehrlich und hat was zu verbergen, Waffen zum Beispiel. Zweitens: Man hat den Busch verbogen, anstatt die Natur zu achten. Drittens: Man kann einfach diese Klickgeräusche nicht, mit denen sie sich vollkommen selbstverständlich verständigen. Spätestens, wenn euch das passiert, merkt ihr, wie viel Sicherheit euch die Regeln, die Sprache, der Verhaltenskodex in eurem vertrauten Kulturkreis geben.

Das sind die Momente im Leben, wo uns klar wird, dass wir Regeln lieben. Und trotzdem sind sie ein ganz fürchterlicher Kreativitätshemmer. Nämlich immer dann, wenn uns einfällt, wie Papa uns gesagt hat, wir sollen nicht „unecht“ sein, wenn wir gerade einen richtig geilen Flow hatten. Aber zum Glück sind die Spielräume doch trotzdem riesig. Da sind bei allem Regelwerk tausend Lücken, die wir mit Witz und Kreativität füllen können, wenn wir uns nur trauen, vor uns selbst zuzugeben, dass wir den engen Schädeln unserer alles bewertenden Lehrer längst entwachsen sind. Und in dem Moment, wo wir die Regeln bewusst hinter uns lassen, werden wir zur Avantgarde. Oder verrückt, aber dann checken wir auch keine Blogstatistiken mehr! 😀

Wir finden unsere eigene Stimme wieder, weil wir gelebt haben, weil wir Dinge hinterfragt haben, weil wir Autoritäten gekippt haben, die wir aus ganz persönlichen Gründen nicht mehr ernst nehmen wollen oder können. Und hinter diesem Korsett des Denkens fängt der freie Raum an, in dem wir anfangen können, mit den Regel zu spielen. Der freie Raum, in dem wir unsere eigene Sprache entwickeln können, die sich zwar an allgemeinverständliche Regeln hält, aber unsere Texte unverwechselbar macht.

Die eigene Stimme ist wie ein Fingerabdruck

Habt ihr schon mal Doctor Who gesehen? Die Eingeweihten grinsen jetzt gerade und beneiden mich um die TARDIS auf meinem Schreibtisch, den Nicht-Eingeweihten erzähle ich kurz, wer die Daleks sind. Die Daleks sind eine kriegerische außerirdische Rasse und sehen alle gleich aus. Wie ein Retro-Vorläufer von R2-D2. Daleks sind nicht besonders helle und machen immer, was man ihnen sagt. Meistens rollen sie in der Gegend rum, knöttern mit ihren seltsamen Roboterstimmchen „Eliminiiieren!“ und schießen alles kaputt, bis der Doctor kommt und die Welt rettet. Daleks halten sich streng an ihre Dalekregeln, haben einen sehr begrenzten Wortschatz und Schwierigkeiten, bei einer Veränderung der Sachlage umzuschalten. Ihre Stärke liegt in ihrer Masse und, sorry, wenn ich das so sage, liebe Daleks, in ihrer Blödheit. Und man kann sie einfach nicht auseinanderhalten. Sie sind beliebig.

Wir Menschen sind aber eben keine Daleks. Und trotzdem frage ich mich, wieso wir dann so oft wie Daleks schreiben! Ich sehe ständig überall Dalek-Blogs und Dalek-Bücher und alle knöttern: „Eliminieren!“, nämlich die Fehler, die verhindern, dass sich Traffic oder Leser einstellen. Aber wenn alle nach den gleichen Dalekregeln versuchen individuell zu sein, kann das doch nicht klappen! Leute! Denkt doch mal naaaach!

Ihr alle habt eine unverwechselbare, einzigartige Stimme! Jeder Mensch trägt sein eigenes Universum mit sich herum. Aber das Gefühl „von einem anderen Planeten“ zu kommen, wird immer wieder als Schwäche begriffen. Und man muss kein diagnostizierter Asperger-Autist sein, um dieses Gefühl zu kennen, wir sind alle manchmal vom falschen Planeten! Die Frage ist doch nur: Was machen wir damit?

Passen wir uns an, ziehen wir uns die gleiche Tüte über den Kopf, die alle auf dem Kopf haben, um nicht aufzufallen? Dann fragen wir uns irgendwann: Wieso fällt mein Blog niemandem auf? Ich hab doch alles genau richtig gemacht! Jede Schritt-für-Schritt-Anleitung befolgt, jeden Tipp umgesetzt, mich an jede Regel gehalten! Auch der Tipp, dem Leser wirklichen „Mehrwert“ zu liefern, bringt gar nichts, wenn hundert Blogs mit einem viel besseren Ranking den gleichen Mehrwert schon längst geliefert haben. Warum sollte das dann irgendjemand in deinem Blog lesen? Ganz einfach: Weil du den Mut hast, mit deiner eigenen Stimme zu schreiben. Unverwechselbar.

Ein Blog ist keine nüchterne Tageszeitung

Noch mal kurz zurück ins letzte Jahrtausend, als das „Prinzip Blog“ erfunden wurde. Blog steht für Weblog, also Logbuch im Web. Und ein Logbuch hält eine persönliche Reise fest. Nicht die im Atlas verzeichnete Route, sondern diese eine Reise. Reisen machen viele. Jeder irgendwie, um genau zu sein, manche nach innen, manche nach außen. Um bei der Metapher mit der Reise zu bleiben: Sagen wir mal, einer von diesen riesigen Umweltsau-Fliegern mit hunderten von Leuten an Bord fliegt nach Mallorca. 150 der Passagiere machen nur Selfies, hundert andere bloggen auch darüber. 99 davon bloggen: „Am 27. Mai flogen wir nach Mallorca, verbrachten eine schöne Zeit auf der Insel und hatten auch Glück mit dem Wetter.“ Gäääähn.

Du aber schreibst: „Also, mit mir und Mallorca, das war so. Ich hatte schon gleich ein komisches Gefühl, als meine Oma das Kreuzworträtsel in der Fernsehzeitung ausgefüllt hat, um die Reise für zwei Personen zu gewinnen. Ich hatte noch misstrauisch gefragt: ‚Oma, wen nimmst du denn dann mit, wenn du gewinnst?‘ Und ihr kennt die Geschichten über meine Oma. Sie hat mich grinsend getätschelt und gesagt: ‚Dich natürlich!‘ Und dann hat sie gleich wieder gefragt, ob sie mir ein paar Würstchen warm machen soll, weil ich ja kein Fleisch mehr esse. ‚Oma‘, hab ich gesagt, ‚Würstchen sind auch Fleisch!‘, aber Widerspruch ist ja bei ihr zwecklos. Naja, und so war es dann eben auch mit der Reise. Ich hatte mir so sehr die Daumen gedrückt, dass sie nicht gewinnt, aber meine Oma gewinnt ja immer! Die Kaffeemaschine und die Einbauküche sind ja auch aus der Fernsehzeitschrift! Wenn sie mir die Kaffeemaschine geschenkt hätte, hätte ich mich ja auch nicht beschwert, aber zwei Wochen am Ballermann? Mit meiner Oma?“

So. Noch mal. Ein Blog ist keine sachlich-trockene Tageszeitung, sondern ein, dein, individuelles, ganz persönliches Logbuch, dein Medium, um dich kreativ auszutoben und mit deinem ganz eigenen Stil Leser zu begeistern. Ein Blog ist das perfekte Medium, um trockene Informationen mit ganz persönlichen Ideen, Erfahrungen, Gedanken und Geschichten zu verbinden. Und welchen Artikel würdest du selbst in einem persönlichen Blog lieber lesen? Möchtest du auch noch wissen, wie die Wassertemperatur auf Mallorca war und wie die berühmte Sehenswürdigkeit heißt, oder würdest du lieber lesen, wie die Oma vor der Sehenswürdigkeit einen Handtaschendieb mit dem Selfiestick verkloppt hat? Dabei erfährst du trotzdem, wie die Sehenswürdigkeit heißt, hast aber gleichzeitig noch gelacht und die coole Oma gefeiert!

Wie weit darf die eigene Stimme gehen?

Zuerst einmal sollten wir natürlich alle versuchen, uns verständlich auszudrücken, klar. Knappe Grunzlaute eignen sich nur, wenn man mit Menschen kommuniziert, die einem sehr vertraut sind und aus deinem „Mm“ heraus hören, ob du gerade meinst „Lass mich schlafen!“, „Kapier ich nicht!“ oder „Wie schön, dass du da bist!“. In einem Blog hast du schließlich auch nicht die Elemente Körpersprache, Stimmlage, Gesichtsausdruck zur Verfügung. Deshalb drehen wahrscheinlich inzwischen so viele Leute Videos, weil es viel einfacher ist, ein blödes Gesicht zu machen, als einen sprachlichen Ausdruck für das eigene blöde Gesicht zu suchen. Aber das ist ja gerade das geile am Schreiben, das lustvolle Jonglieren mit Worten. Wenn du das nicht hast, solltest du es einfach gleich mit einem Youtube-Channel versuchen. Wenn du schreibst, kannst du aber immer noch eine Schüppe drauflegen und gleichzeitig in die Tiefe gehen. Und zwar in deine Tiefe.

Wenn du zum Beispiel deinen Alltag mit einer Krankheit bewältigen musst, ist es vollkommen klar, dass du dich mit deiner Krankheit verdammt gut auskennst, wahrscheinlich besser als viele Ärzte. Und mit Sicherheit stehen über diese Krankheit schon viele sachliche Fachartikel im Netz, aus denen Leser sich den berühmten Mehrwert ziehen können. Diese Fachartikel musst du deswegen nicht noch mal schreiben! Ein Blog ist eben kein Fachbuch. Und deshalb ist dein Mehrwert mehr wert! Nämlich dann, wenn du klar kommunizierst, wie es ist, diese Krankheit zu haben, mit ihr zu leben. Das wird keinem Medizinstudenten helfen, sich auf die Prüfung vorzubereiten, aber dafür gibt es ja eben die drögen Fachbücher.

Mit deinem Blog kannst du aber Menschen erreichen, die vielleicht an derselben Krankheit leiden und nicht damit allein sein wollen, die von deinen Erfahrungen profitieren wollen. Oder Angehörige und Partner, die einen kranken Menschen besser verstehen wollen. Oder du erreichst Leser, die irgendwo auf deinen Schreibstil aufmerksam geworden sind und sich jetzt mit deiner Krankheit, deinem Leben, beschäftigen, weil sie deine Stimme einfach gerne lesen und es toll finden, dass es tapfere Kämpfer wie dich gibt. Du kannst Vorurteile abbauen, Informationen persönlicher gestalten, zu einem erlebbaren Text verarbeiten. Du kannst sagen: „So ist es wirklich. Für mich. Aber wie ist es für euch?“

Stoppschilder nicht übersehen!

Und trotzdem gibt es bei der eignen Stimme Grenzen. Deine persönlichen Grenzen und die anderer. Es gibt natürlich Dinge, die sind zu persönlich und privat, um sie ins Internet zu stellen, klar. Oder die Zeit ist einfach noch nicht reif dafür, weil du noch nicht reif dafür bist. Vor ein paar Tagen las ich den Blogartikel einer Mutter, die jetzt endlich öffentlich darüber sprechen wollte, dass sie ihr Kind verloren hat, das hat mich fern jeder Sensationslust tief berührt. So tief, dass ich da gar nichts zu gesagt habe, weil man das Gefühl hat, tote Buchstaben im Internet können da eh nicht helfen, was vielleicht falsch ist. Aber man macht sich auch angreifbar und verletzbar, wenn man so offen zu seinen wunden Punkten steht, also nimm dir Zeit, deine Grenzen wahrzunehmen, bevor du irgendwas raus haust.

Nimm dir aber auch Zeit, ganz bewusst über die Grenzen anderer nachzudenken. Ganz schwierig finde ich persönlich immer diese Trennungsposts. Vor ein paar Tagen stolperte ich über eine unübersehbare Diskussion zu einem dieser „Wie eine Nachricht mein ganzes Leben veränderte!“-Posts. Ein Mann, nennen wir ihn IKEA, hatte mit einer Fashionbloggerin Schluss gemacht. Ich hab den Anfang des Artikels überflogen und mit einer Mischung aus Scham und Entsetzen weggeklickt. Ich wollte gar nicht wissen, dass IKEA ein schwieriges Verhältnis zu seiner Ex hat, dass er immer noch an ihr hängt und heimlich wieder Kontakt zu ihr hatte, wieso IKEA dies und das tut. Das wäre völlig okay gewesen, wenn IKEA selber darüber geschrieben hätte. Aber IKEA war nicht derjenige, der das gebloggt hatte!

Ich hab zwar keine Ahnung, wer der Typ ist (der persönliche Bekanntenkreis der Bloggerin aber garantiert schon), aber ich hab intime Details aus seinem Leben erfahren, die er selbst nicht preisgegeben hatte, und mit so was hab ich ganz ehrlich ein Problem. Da muss auch gar kein Klarname im Internet auftauchen, irgendwo bleibt so was immer hängen. Ich weiß jetzt, dass IKEA der Typ ist, der auf Facebook als die feige Sau berühmt wurde, die per WhatsApp Schluss gemacht hat und Blogs, die mit der sensiblen und vielleicht sogar verwirrten Gefühlswelt Dritter hausieren gehen, empfinde ich persönlich als grenzwertig bis übergriffig.

Bei aller Liebe zum persönlichen Schreiben, die Probleme Dritter zu bloggen, die gar kein Vetorecht bekommen, bevor ihre intimsten Geheimnisse im Internet landen, finde ich persönlich nicht okay. Irgendwie hat das auch immer was erpresserisches, dieses öffentliche „Sieh, wie ich aus Liebe zu dir leide!“, und da tut man sich selbst keinen Gefallen mit, weil man sich eine romantisch verklärte Opferrolle zuweist, aus der man später nur schwer wieder rauskommt. Solche Geschichten „bloggt“ man wirklich besser unter vertrauten Freunden am Küchentisch oder einfach in das gute alte Tagebuch.

Deshalb würde ich Oma den Artikel über die Mallorca-Reise auch gegenlesen lassen, bevor ich ihn ins Internet stelle. Vielleicht lacht Oma selbst Tränen über das Erlebnis mit dem Handtaschendieb, möchte aber, dass du die Passage streichst, in der sie auf der Jagd nach dem Dieb mit dem Unterrock am Gebüsch hängen blieb und plötzlich ohne da stand. Das kann nur Oma entscheiden, denn es war ihr Unterrock.

Der Spielraum ist dein Spielraum

Es gibt also Regeln und Grenzen beim Schreiben für die Öffentlichkeit, klar. Aber was hindert uns daran, unsere Spielräume kreativ zu nutzen? Mit Selbstironie zum Beispiel bist du immer auf der sicheren Seite. Wenn du dich über andere lustig machst, musst du bereit sein, ihn aufzufangen, falls der Bumerang zurück kommt. Aber wenn du dich über dich selbst amüsierst, werden deine Leser befreit lachen und sagen: „Haaaa, das kenn ich! Das passiert mir auch immer!“

Wenn du fühlbar, sinnlich, emotional schreibst, erreichst du deine Leser auch emotional. Wenn du bildhaft beschreibst, wie du dich getraut hast, in eine Zitrone zu beißen, werden sie beim Lesen das Gesicht verziehen wie Cartoonzeichner die Mundwinkel runterziehen, wenn sie einen traurigen Hund malen, jede Wette. Wenn du dir unsicher bist und nicht zu dogmatisch klingen willst, stell einfach Fragen, auf die deine Leser kreativ reagieren können, schon bist du in einem spannenden Dialog mit Menschen, die ähnliche Interessen haben!

Das beste, was dir aber passiert, wenn du endlich die Selbstzensur lockerst und nicht mehr krampfhaft versuchst, nicht von einem anderen Planeten zu sein, sind die Leute, die du triffst. Weil sie an deiner individuellen Stimme erkennen: Ey, da ist jemand, der authentisch ist, der sich nicht verstellt, der auch noch ähnlich tickt wie ich! Und dann werden sie deine Artikel auch lesen, kommentieren, irgendwie auf dich reagieren und deine Artikel im Idealfall sogar teilen, oder deine Bücher weiterempfehlen. Weil es einfach Spaß macht, seinen Freunden zu sagen: „Ich hab gerade so gelacht/mitgezittert/durchgeblickt/geweint, das musst du dir unbedingt angucken!“

Und mit einem Listpost darüber, wie man Listposts schreibst, wirst du kaum noch jemanden erreichen, denn der Content ist schon da. Tausendfach. Mit einem Listpost darüber, wieso es dir ganz persönlich zu blöd ist, Listposts zu schreiben, könntest du mehr Glück haben! 😉

Fazittt?

Wenn deine Texte kein Schwein liest, befolgst du zu viele Regeln für erfolgreiche Blogger. So einfach ist das. Es ist gut, die Regeln mal gehört zu haben, keine Frage. Aber wenn du dich brav an alle Regeln hältst, schreibst du wie alle Welt. Wenn du so schreibst, wie dein Deutschlehrer es wollte, schreibst du wie alle Welt. Wenn du deine innere Wildsau von der Leine lässt und schreibst wie du, bist du »unique«, dein eigenes Alleinstellungsmerkmal mit zwei Buchstaben: Du. Das heißt ja nicht, dass du dich nur um die Fusseln aus deinem eigenen Bauchnabel drehen sollst. Aber es heißt, dass du mit deiner verstimmten Kinderplastikgitarre performen sollst, wenn du einen Lauf hast. Dann kannst du meinetwegen auch die tausendste Coverversion von »Hairway to Steven« raushauen. Aber mach es mit deinem Beat. So. Und jetzt noch mal die Frage!

Was ist das Alleinstellungsmerkmal deines Blogs?