Monogamie: Trennungsgrund Nr. 1

Monogamie: Trennungsgrund Nr. 1

MonogamieImmer nur Monogamie wäre doch langweilig, oder? Diese drei Herren sind bereit, sich dem Problem zu stellen!

Jahaha, klar, Klickbait! Wer ist denn so blöd und trennt sich, weil der Partner treu ist? Aber da sind wir schon mitten drin in dem Denkfehler, den ich heute mal zerpflücken muss und wer möchte, ist herzlich eingeladen, mir dabei zuzuhören. Ich überlege nämlich schon ewig, wie ich dieses Thema mal für den Blog anfassen kann, ohne mich anzuhören wie ein dröges Fachbuch, und jetzt hab ich gerade einen Anlass, das Problem (mal wieder) in Worte zu fassen. Wieso macht Monogamie Beziehungen kaputt?

Wenn Liebe zerbricht, tut das allen weh. Allen.

In meinem engsten Freundeskreis passiert gerade mal wieder eine ganz klassische Trennung. Eine gute Freundin von mir kam vor ein paar Monaten an und war völlig verstört und verletzt. Ihr Partner war bei ihr gewesen und hatte ihr gesagt, dass er sich von ihr trennen muss, weil er irgendwie das Gefühl für sie verloren hat. Von einem Tag auf den anderen. Nach ein paar Jahren Beziehung hatte er das Gefühl verloren wie einen Hausschlüssel und wusste nicht, wo es ist.

Der ganze Freundeskreis fing an zu rätseln. Was hat er denn? Wieso tut er das? Die waren doch so glücklich! Die passten doch so gut zusammen! Sogar er rätselte fleißig mit. Sein neuer Job würde ihn so fordern, er wäre irgendwie ausgebrannt. Er hätte keine Gefühle mehr. Alle machten sich Sorgen. Hat er Depressionen? Burn-out? Kann man ihm helfen? Er verstrickte sich in Widersprüche, die meine Freundin komplett unter Strom setzten. Er würde sie immer lieben, er würde immer ihr bester Freund bleiben und für sie da sein, er könnte ihr nur nicht die Gefühle geben, die er ihr geben müsste, und deswegen fühlte er sich ihr gegenüber schrecklich.

Sie sagte nur immer wieder: »Ich verstehe es nicht! Wenn ich es bloß verstehen könnte!« Sie konnte weder aufhören zu grübeln, noch mit der Sache abschließen. Und die Sache entwickelte die Dynamik, die sie immer entwickelt. Dieser fürchterlich schmerzhafte, fiese Ablöseprozess, den wir bestimmt alle kennen, begann. Sie fing an, aus Angst und Verletztheit wütend zu werden und ihm Vorwürfe zu machen. Er zog sich immer mehr zurück und ließ sie am ausgestreckten Arm verhungern. Je ratloser sie wurde, umso mehr bohrte sie und forderte Erklärungen. Abwärtsspirale. Mit Lippenbekenntnissen blieb er dabei, dass er immer für sie da wäre. Mit Taten reagierte er tagelang nicht auf Nachrichten und vertröstete sie nur immer wieder damit, dass sein Gefühl ja vielleicht irgendwann wiederkommt. Wie eine streunende Katze. Mit paradoxer Kommunikation drängte er sie in eine dieser Double-bind-Geschichten. »Ich tu das Gegenteil von dem, was ich sage, jetzt find raus, was davon stimmt!«

Damit machte er es ihr unmöglich, sich einfach umzudrehen und zu gehen. Weil wir Menschen nun mal so ticken, dass wir auf solche Manipulationen anspringen, ob wir wollen oder nicht. Es könnte ja schließlich sein, dass sein Gefühl doch wiederkommt und sie wollte die gemeinsamen Jahre mit ihm nicht einfach wegwerfen, nur, weil es ihm vielleicht gerade nicht gut geht. Denn dass es einem Menschen, der behauptet, keine Gefühle mehr wahrnehmen zu können, nicht gutgeht, ist ja klar. Es war auch offensichtlich, dass er sich total beschissen fühlte, er wurde immer gereizter und aggressiver und hatte überhaupt keinen Vertrag damit, die Versprechen zu halten, die er gegeben hatte. Beste Freunde für immer, egal, was kommt, wenigstens das. Und dann kam endlich raus, was immer raus kommt.

»Es gibt da eine andere Frau.«

Ja, nein, also, er hatte seine Partnerin ja nicht betrogen. Mit der anderen war auch nichts gelaufen, bevor er gesagt hatte, dass er irgendwie keine Gefühle mehr hat. »Richtig« trifft er sich mit der anderen erst, seit er seine vorherige Beziehung zur »Freundschaft« erklärt hat. Und aus der Tasche kam er dann erst, weil er die »Freundschaft« auch noch kündigen musste, also Kontaktabbruch. Weil es ja anderen Frauen gegenüber nicht fair wäre, so rein theoretisch, wenn er mit seiner Ex-Freundin befreundet bleibt. Das würde die ja verletzen. So rein hypothetisch. Speziell dann eben, äh, seine neue Freundin. Weil – die wurde immer von seinen Vorgängern verlassen, weil die zurück zu ihren Ex-Freundinnen gegangen waren. Und er hatte seiner neuen Freundin gesagt, dass er mit seiner »Ex«, die ja gar nicht wusste, dass sie offiziell schon die Ex ist und unter Schmerzen noch monatelang für die Beziehung gekämpft hat, keinen Kontakt mehr hat. Er wollte ja nicht, dass die Neue sich aus Angst, betrogen zu werden, gar nicht auf ihn einlässt und hat sie darum mehr oder weniger betrogen.

Na ja, lange Rede, kurzer Sinn: Eben eine dieser klassischen Trennungsgeschichten in der Welt der Monogamie. Allen geht es dreckig, jeder ist verletzt, alle machen Fehler aus Angst und verletzten Gefühlen heraus und können sich die selbst nicht verzeihen und dann kommt noch eine Schüppe Selbsthass oben drauf, weil man genau weiß, dass das eigene Verhalten nicht in Ordnung ist. Ich denke, jeder, der schon ein bisschen Lebenserfahrung hat, hat diese Geschichte selbst oder im Freundeskreis schon so oder ähnlich erlebt. Als der Betrogene oder als der Teil der Beziehung, der »gehen muss«, weil er sich neu verliebt hat und sich einfach nicht traut, es offen zu sagen.

Und versteht mich jetzt nicht falsch, ich verurteile hier wirklich niemanden! Selbst nicht den Mann, der meiner Freundin so weh getan hat. Das glauben mir jetzt nicht alle, aber ich hab tiefes Mitgefühl mit dem armen Kerl. Weil er nämlich ein Opfer romantischer Mythen geworden ist. Mir ist das selber auch passiert, als ich noch jung und verwirrt war und das Bild von mir und dem, wovon ich dachte, wie ich sein muss, einfach nicht synchronisieren konnte. Und dieses Bild haben wir ja alle. Der Mythos der Monogamie ist einfach überall.

  • Liebe ist exklusiv.
  • Man kann immer nur einen Menschen lieben.
  • Wenn man sich trotz bestehender Partnerschaft verliebt, ist man ein emotionaler Vollversager.
  • Wenn man »anständig« sein will, muss man Gefühle erst niederkämpfen, wenn das nicht mehr geht, muss man lügen und betrügen, wenn das nicht mehr geht, muss man eben die Trennung aussprechen.

Und diese Glaubenssätze sind in uns allen so festzementiert, dass wir oft gar nichts anderes denken können. Und deswegen brechen wir Beziehungen ab, obwohl wir ganz tief in uns drin den vertrauten Partner noch lieben und es »eigentlich« gar keinen Grund gibt, diesen wundervollen Menschen zu verlassen. Außer der Tatsache, dass wir uns neu verliebt haben. Oder eine Affäre hatten. Oder einen One-Night-Stand, von dem nie jemand was erfahren darf, aber in den Spiegel gucken können wir eben trotzdem nicht mehr, geschweige denn in die Augen des Partners. Und dann fangen wir an, den Partner zu hassen, weil er uns vorkommt wie ein wandelndes Schuldgefühl. Wie eine Plakatwand, auf der steht: »Du Schwein!«

Und dann müssen wir diesen Partner loswerden, weil wir die Schuldgefühle nicht ertragen. Weil er das lebende Mahnmal ist, ohne das wir uns viel besser fühlen würden. Weil er uns allein durch seine Anwesenheit jeden Tag daran erinnert, was für emotionale Vollversager wir sind. Wir haben es nicht geschafft, unsere Gefühle zu kontrollieren. Und dann kippt das Schuldgefühl irgendwann um in Wut.

Wenn Denken und Fühlen nicht zusammenpassen

Unser Kopf weiß genau, wann wir gute Menschen sind. Klar. Wir kriegen die Botschaften an jeder Ecke serviert, von klein auf. Wir denken, dass es nur ein Ideal gibt: die immerwährende, treue Liebe. Hach. Jeder Liebesroman (außer meinen, höhö), handelt von der Suche nach Mister Right, jeder Film erzählt davon und Singleportale leben davon, dass ihre Mitglieder bei jedem Klick hoffen, jemanden zu finden, der noch besser zu ihnen passt. Weil – wenn man sich lebenslang zur Treue verpflichtet, sind die Ansprüche natürlich hoch. Wer will schon für den Rest seiner Lebens mit jemandem zusammen sein, der »irgendwie na ja« ist, »ganz okay«. Dass da über kurz oder lang Bedürfnisse auf der Strecke bleiben, ist auch den verbohrtesten Romantikern klar, ganz tief unten drin irgendwo, im Verdrängungskeller ihrer Seele.

Trotzdem halten viele von uns immer noch an der Programmierung fest. Liebe und Treue sind eins. Das eine ist ohne das andere nicht existent. Ich mein jetzt auch gar nicht, dass wir alle Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Langfristigkeit in die Tonne kloppen sollen und jeder macht, was er will, absolut nicht, das wäre grauenhaft. Ich meine nur: Es liegt – wirklich für jeden von uns – im Bereich des Möglichen, dass wir oder unser Partner mal Gefühle außerhalb der Beziehung entwickeln, irgendwo auf der riesigen Palette von Lust bis Liebe. Aber dadurch, dass wir diese Möglichkeit immer noch extrem tabuisieren, kommen wir ja nicht weiter. Denn in der Realität passieren diese Geschichten nun mal.

Und wenn diese Geschichten passieren, dann rutschen wir in einen ganz bösen Spagat aus Schuldgefühlen und Selbstzweifeln, weil wir »schlechte« Menschen sind. Wir sind darauf programmiert, Gefühle in gut und schlecht zu unterteilen. Gefühle für den »offiziellen« Partner sind gut, gesellschaftlich anerkannt. Gefühle für einen »inoffiziellen« Partner (selbst, wenn wir uns zusammenreißen und die Affäre nur im Kopf stattfindet) sind schlecht, böse, schmutzig. Sie zwingen uns dazu, Masken zu tragen, nach innen zu emigrieren, Menschen, die wir lieben, anzulügen und zu hintergehen. Und da liegt ein riesiger Denkfehler.

Für unser Verhalten sind wir verantwortlich. Und bei dem, was wir in der Realität tun, ist es ja auch extrem wichtig, dass wir zwischen gut und schlecht unterscheiden, ich denk mal, da sind wir uns alle einig. Aber Gefühle passieren einfach. Bei Gefühlen gibt es kein gut oder schlecht, die sind wie das Wetter – einfach da. Und uns mit dem Kopf dafür zu verurteilen, dass wir Gefühle haben, ist ein Weg, der nur zu noch mehr negativen Gefühlen führen kann. Irgendwann steht der Kessel dann so unter Druck, dass manche Menschen platzen.

Wo kommt Monogamie überhaupt her?

Die Frage mag jetzt für manchen paradox klingen. Wie, wo Monogamie herkommt? Der Mensch ist eben monogam. Aber wenn er das wäre, gäbe es keine Trennungen wegen Untreue, so einfach ist das.

Monogamie hat Gründe und da streiten sich die Geister, welcher Grund jetzt »der« Grund ist, aber das finde ich gar nicht zielführend. Natürlich ist das theoretisch ganz interessant, wo Monogamie herkommt. Ich persönlich finde immer religiöse Gründe extrem absurd. Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Kapier ich nicht. Bei einer Trauungszeremonie ist Gott dann anwesend, bei einem Scheidungsverfahren aber nicht oder was? Ich dachte, Gott ist überall und sieht alles. Und wieso sollte Gott Ehen schließen? Weil er patriarchale Interessen hat und keine Kuckuckskinder als Erben einsetzen will? Weil Kapital immer Kapital heiratet? Egal.

Schlüssiger finde ich da schon den Ansatz, dass die Sache mit der Monogamie eher so aus medizinischen Gründen losging, als der Mensch anfing, Siedlungen zu gründen. Wenn jeder weiß, in welches Bett er gehört, gibt es weniger Stress im Dorf und Geschlechtskrankheiten breiten sich nicht so schnell aus. Das klingt für mich sehr einleuchtend. Dass an jeder Supermarktkasse Kondome liegen, ist ja jetzt rein evolutionsgeschichtlich auch recht neu, die letzten zwanzigtausend Jahre lassen sich nicht so schnell wegwischen. Obwohl es ja immer noch Stimmen gibt, die behaupten, dass Kondome zum Sex führen, nicht Sex zum Gebrauch von Kondomen. Also, ich persönlich kann mich jetzt nicht erinnern, dass ich jemals gedacht hätte: »Ach, guck mal, da ist einer und ich hab ein Gummi in der Tasche, dann vögel ich den doch mal eben, das Kondom muss ja langsam mal wech!« Also, äh … nee. Die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln war für mich noch nie ein Argument für Sex! 😀

Ich persönlich glaube, dass die Entstehung der Monogamie als Mythos vom ganz großen Gefühl für die Ewigkeit sich aus dem undifferenzierten Denken entwickelt hat, das wir nun mal haben, wenn die Hormone das Ruder an sich reißen. Frisch verliebt zu sein ist so ein übermächtiges Gefühl, das ist so, wie wenn wir tierischen Hunger haben. Dann können wir auch an nichts anderes mehr denken als an Essen und haben das Gefühl, dass wir jetzt sofort ALLES verputzen könnten. Pommes, Torte, Obstsalat, Chips, Ommas Hühnersuppe, sieben Käsebrote und, au ja, ein Schnitzel, oh jaaaa, ein Schnitzel mit richtig fett Soße und Gulasch und Knödeln! Dann essen wir ein Zehntel davon, sind satt und stellen fest, dass es doch noch andere Bedürfnisse gibt im Leben, nur waren die eben total überlagert, weil alle Hormone gesagt haben: »Ey, hallo? Unterzucker, Nährstoffmangel, Kooohldampf, jetzt füll doch endlich mal einer den Tank auf!«

Frisch verliebt zu sein, ist wie mit Hunger einkaufen zu gehen, nur tausendmal schlimmer. Man will alles, für immer, und noch mehr davon, wir glauben, dass wir sterben müssen, wenn wir nicht sofort diese Liebe ausleben können und können uns in dem Moment nicht vorstellen, dass wir jemals wieder etwas anderes fühlen werden. Und dann machen wir Versprechen, weil das für uns in dem Moment wirklich so ist. Nur befindet sich in unserem Programm keine Garantie dafür, dass es immer so bleiben wird. Das hat sogar einen ganz einfachen, praktischen Grund, dass Liebe nicht bleibt »wie am ersten Tag«. Den Stress würde nämlich kein Körper ewig durchhalten. Also wird aus Verliebtheit irgendwann ruhige, schöne, warme Liebe. So »langweilige« Sachen wie Geborgenheit und Vertrautheit. Diese langweiligen Sachen sind total schön, ich liebe sie. Aber Liebe und Verliebtheit sind wie eine gemütliche Wattwanderung an einem lauen Sommertag und ein Tsunami. Und wenn man eine Entweder-Oder-Entscheidung treffen muss, gewinnt meist der Tsunami.

Ist ja auch egal. Jedenfalls ist die Monogamie da und wir müssen jetzt gucken, was wir damit machen. Ich bin wie gesagt auch kein Gegner der Monogamie, ich kann die Sehnsucht danach sehr gut nachfühlen und hab sie auch selbst schon gehabt. Nur eben nie für immer, weil immer so lange ist!

Was der Zwang zur Monogamie mit manchen Menschen macht

Neulich hatte ich auf meiner Facebookseite gepostet, dass eine große deutsche Frauenzeitschrift einen Bericht über Polyamorie gebracht hatte. Das an sich ist ja begrüßenswert. Aufklärung, was das überhaupt ist, tut Not. Erschreckend waren die Kommentare darunter auf der FB-Seite der Zeitschrift. Da rottete sich ein wütender Mob zusammen und die Emotionen kochten hoch. Da kamen Kommentare wie »Ekelhaft, die bearbeitet ihren Lover mit dem Mund und steckt ihrem Mann zuhause die Zunge in den Hals. Ich könnte kotzen lieber jeden Tag alleine sein als mich so demütigen zu lassen.«

Ja. Nur dieser eine Satz ist völlig exemplarisch. Man muss kein Psychoanalytiker sein, um aus so einer Äußerung zwei Dinge zu lesen: Angst und Hass. Nicht irgendeinen Hass, sondern sexualisierten Frauenhass. Der arme Mensch, der solche Kommentare abgibt, schleudert einem doch lebenslang unterdrückte und zu Hass kanalisierte Triebe ins Gesicht wie ein Feuerwehrmann, der dir das B-Rohr direkt in die Fresse hält, einen Wasserstrahl. Das Weib ist schlecht, das wissen wir alle, dafür haben wir die christlich-abendländische Moral, die ur-westlichen Werte, blablabla. Die Hexenverbrennung hatte Gründe, meine Damen und Herren, ja? Das haben die nicht zum Heizen gemacht! Das hat der Stand gemacht, der aus religiösen Gründen nicht durfte! Das kommt dabei raus, wenn man natürliche Triebe unterdrückt, tabuisiert und verteufelt, anstatt einfach zu akzeptieren, dass sie da sind und dann zu gucken, was man jetzt damit machen kann.

Jeder, der nicht monogam ist, stellt also die ur-westlichen Werte infrage und ist schlimmer als Schwule, die die Ehe ins Lächerliche ziehen, weil sie ja gar keine Kinder zeugen wollen. Und diese Prägung tragen wir alle mehr oder weniger in uns. Das Fiese an Gehirnwäsche ist ja, dass man sie nicht greifen und benennen kann, man fühlt sie nur ganz unterschwellig. Deswegen nehmen wir Monogamie als gegeben hin, weil wir uns auf den gesellschaftlich anerkannten Konsens geeinigt haben, dass gute Menschen monogam sind.

Und dann passiert das Gegenteil

Statistik ist laaaangweilig, aber es gibt sie ja trotzdem. Hier zum Beispiel sind ein paar Zahlen, die kein monogamer Mensch gern liest. Das beunruhigt und macht richtig Angst. Man guckt zu seinem Schatz rüber und fragt sich: »Gibt es was, was ich wissen sollte? Hat er auch so ein geheimes Doppelleben?«

Denn nicht alle Menschen sind ihr Leben lang treu. Isso. Aber obwohl wir in einer Welt der seriellen Monogamisten leben und Außenbeziehungen wahrscheinlich der Trennungsgrund Nummer eins sind, halten wir immer noch an dem Mythos fest, dass wir mit dem richtigen Partner zu Pinguinen werden. Ein Leben lang treu. Das setzt unsere Partner unter einen tierisch hohen Leistungsdruck, aber das ist ein anderes Thema. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass Seitensprünge passieren können. Nur, jetzt mal ganz doof gefragt: Warum muss das immer noch zwingend ein Trennungsgrund sein? Ist es nicht eher so, dass monogames Denken uns dazu zwingt, Beziehungen zu beenden? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Monogamie ist der wahre Trennungsgrund?

So, damit wir heute alle noch mal Feierabend kriegen, schließen wir jetzt den Kreis. Zurück zur Ausgangsfrage. Machen die Gefühle für andere Menschen Beziehungen kaputt oder ist es eher die Monogamie selbst? Ich sage nicht, dass Seitensprünge kein schmerzhaftes Drama sind. Übrigens für alle Beteiligten. Der Betrüger fühlt sich ja oft noch viel schlechter als der Betrogene, nur hat er moralisch betrachtet kein Recht, darunter zu leiden, dass er seinen vertrauten Partner verletzt. Denn: Nach der monogamen Logik kann er ja für seinen angestammten Partner eh nichts mehr empfinden, sonst wäre er ja nicht fremdgegangen. Nur ist die Sache im wahren Leben längst nicht immer so klar und einfach.

Es soll aber einfach sein. Und wir sollen uns so verhalten, als wäre es tatsächlich einfach. Das merkt ihr spätestens dann, wenn euer Partner sich außerhalb der Beziehung verliebt und ihr trotzdem an ihm festhaltet. Da geht mal zum Kaffeekränzchen mit euren Freundinnen, da könnt ihr euch aber was anhören! »Hast du kein Selbstwertgefühl???« Wer sich nicht sofort trennt, hat keinen Stolz und verliert das Gesicht. Wer auf sich hält, tritt seinem untreuen Partner mit Anlauf in den Arsch.

Und wer sich in einer Beziehung befindet und frisch verliebt, muss Schluss machen. Das ist ja wohl das Mindeste. Und dann kriegen wir ein ganz furchtbares Problem mit unserem Selbstbild, weil wir den »schlechten« Gefühlen Raum gegeben haben. Wir sind egoistisch und rücksichtslos und was weiß ich, lauter Sachen, die keiner sein will. Und dann fangen wir an zu lügen und zu betrügen, weil wir dieses Selbstbild vor uns selbst verleugnen wollen. In erster Linie wollen wir uns selbst schöne Lügen erzählen, in zweiter Linie dem Partner. Aber sind solche Sätze wie »Irgendwie fühle ich nichts mehr, der neue Job ist ja auch so stressig!« wirklich »schöne« Lügen? Schöne Lügen gibt es nicht.

Aber wie soll man auch die Wahrheit sagen, wenn man den Menschen, mit dem man so lange zusammen war, dann unweigerlich verliert? Zu sagen: »Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich dich verletzen muss, aber ich hab eben die Gefühle, die ich habe. Ich würde dich jetzt einfach gern in den Arm nehmen, damit es uns beiden nicht mehr so weh tut!«, ist verboten. Das wäre ja auch sagenhaft egoistisch und verlogen. Dass man den »alten« Partner gar nicht mehr lieben kann, wenn man sich neu verliebt, weiß ja jeder. Und diese ganze Zwickmühle kommt eben aus dem Gesetz, dass Liebe immer exklusiv ist, sonst ist sie keine.

Wie wir selbst die Liebe zum vertrauten Partner zerstören

Das ist jetzt keine Theorie, ich rede jetzt von mir persönlich. Meinen ersten Freund hab ich verlassen, weil ich mich frisch verliebt hatte. Öhöm, in dem Fall war das auch ganz gut so, aber Schwamm drüber. Vom Zweiten hab ich mich getrennt, weil ich mich zum dritten Mal so richtig verliebt hatte. Damit hab ich einen sehr liebenswerten, zärtlichen Träumer aus meinem Leben gekickt, aber ich hatte gelernt, dass es eben nur einen geben kann. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, ihm zu sagen: »Ich hab mich verliebt, was machen wir jetzt?« Ich hab einfach Schluss gemacht, weil ich dachte, ich muss das ja tun.

Um das auszuhalten, hab ich ihn vor mir selbst demontiert. So nach dem Motto: Keine Ahnung, was ich in dem gesehen habe. Der kriegt sowieso nie was auf die Kette. Mit dem langweile ich mich zu Tode. Das waren so die Sachen, die ich damals gedacht habe, um mein Schuldgefühl wegzudrücken. Da war ich vielleicht siebzehn oder achtzehn und voll von den Mythen der Monogamie. Ich hab ihm mit dieser Generalabsage ganz fürchterlich weh getan und mir auch. Aber ich wäre ja meiner neuen Liebe gegenüber auch illoyal und untreu gewesen, wenn ich gesagt hätte: »Ich hänge aber an meinem Freund, ich will den in meinem Leben behalten.« Was hätte der denn von mir denken sollen, dass ich ihn nicht liebe?

Ja, so war das. Es gab nur entweder oder. Für mehr war in meinem Kopf gar kein Platz, also hab ich alle Gefühle sortiert in »gut« und »nicht existent«. Und das ist eben die übliche Vorgehensweise in der seriellen Monogamie. »Äh, ich hatte mich vertan, aber diesmal ist es der Richtige!« Der Nächste bitte. Und genau das passiert gerade meiner Freundin mit ihrem jetzt wohl Ex. Und noch zahllosen anderen Paaren auch. Und viele dieser Trennungen passieren einfach deshalb, weil »man« das so macht.

Weil viele von uns einfach noch nie davon gehört haben, dass der Mensch komplexer sein darf, als der Papst und die CSU sich das vorstellen. Weil Männer, die sich außerhalb ihrer Beziehung verlieben, in der öffentlichen Meinung immer noch egoistische Schweine sind und Frauen sowieso wertlose Schlampen. Und solange dieses Bild unser Denken dominiert, werden wir keine konstruktiven Lösungen finden.

Und jetzt?

Um jetzt noch mit Lösungsvorschlägen anzufangen, ist der Artikel schon viel zu lang, aber sobald ich das nächste Mal Zeit und Ruhe habe für einen Monsterartikel, klamüsere ich mal auseinander, was man da machen kann. Bis dahin lege ich allen, die sich zufällig hierher verirrt hatten, einfach meine Bücher ans Herz. Da geht es nämlich genau darum, wie man das Dilemma lösen kann. 😀

Also: Habt euch lieb, auch, wenn ihr mal »schlechte« Gefühle habt, denn schlechte Gefühle gibt es nicht. Traut euch, komplex und kompliziert zu sein. Solange ihr noch einen fühlbaren Puls habt, gehört das einfach dazu. Zwingt euch nicht, aus Schuldgefühlen heraus einen vertrauten Menschen komplett in die Tonne zu kloppen, weil eure Hormone mit Hunger einkaufen gehen. Versucht einfach, ehrlich zu sein, zu euch selbst und zu anderen. Denn wenn ihr Beziehungen abbrecht mit irgendwelchen schwurbeligen Scheinbegründungen, die dem Partner die „Schuld“ zuschieben, macht ihr alles nur noch schlimmer. Einen Menschen zu lieben, heißt nicht zwingend, dass man einen anderen nicht mehr liebt. Lasst euch nicht vom allgemein vorherrschenden Monogamie-Zwang vorschreiben, was ihr zu fühlen habt und wann ihr Schluss machen müsst. Besprecht das lieber offen mit eurem Partner und gebt ihm eine Chance, selbst zu entscheiden, ob er sich deswegen trennen will. Aber dann auch aus den für ihn richtigen Gründen. Das war auch schon alles, was ich für heute sagen wollte. Hat ja nur 3750 Wörter gedauert, war ja gar nicht so schlimm! 😀

Und wenn ich jetzt wieder eine Ein-Stern-Rezension unter einem meiner Bücher finde, weil ich jemand auf den Schlips getreten bin, werde ich mich bemühen, es mit Fassung zu tragen!