Was ist Polyamorie?

Nicht nur die Frage »Was ist Polyamorie?« ist spannend. Noch spannender ist die Frage: Wieso sollte jemand eine polyamore Beziehung wollen? Sind Liebe und Treue nicht eins? Denn Polyamorie bedeutet doch, dass Leute fremdgehen, oder? Das kann doch keine Liebe sein, oder? Oooooder?

Zugegeben, das Bild über Polyamorie in den Medien ist oft etwas verworren. Fast könnte man meinen, dass polyamore Menschen Außerirdische mit sechs Füßen sind – denn so wird Polyamorie oft mit Fotos illustriert. Da tummeln sich sechs Füße unter einer Bettdecke. Aha. Diese neuen »Polys« sind also Leute, die zu viele Füße haben oder … nee, nä? Die teilen doch nicht etwa zu dritt das Bett?

Also, Sex zwischen zwei Menschen kann wundervoll sein, keine Frage. Ganz besonders, wenn man zwischen zwei Menschen liegt, die man richtig gut leiden kann. Aber Polyamorie ist keineswegs ein angesagtes neues Wort für Sex zu dritt!

Was ist Polyamorie wirklich?

Ich sag es mal so: Polyamorie setzt nicht zwingend Sex zu dritt voraus. Strenggenommen setzt sie gar keinen Sex voraus. Denn das Wort Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort »polys« für »viel, mehrere« zusammen und aus dem guten alten Amore, also Liebe. Polyamorie kann also Sex mit mehreren geliebten Menschen (abwechselnd oder gleichzeitig, ganz, wie ihr wollt) einschließen, muss es aber nicht. Es geht einfach nur darum, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben.

Denn auch, wenn Frauenmagazine, Sextoyhersteller, Dessousdesigner und andere, die daran interessiert sind, dass wir alle möglichst viel vögeln, etwas anderes behaupten: Liebe zählt auch als Liebe, wenn es nicht um Sex geht! Aber, äh, heißt Polyamorie dann, dass keiner mit keinem schläft? Wo ist denn dann das Problem? (Allein dieser Gedankengang sagt schon aus, dass wir Liebe oft mit Sex gleichsetzen!) Und Polyamorie meint nun mal eben die Art von Liebe, bei der es auch um den körperlichen Ausdruck wundervoller Gefühle wie Zärtlichkeit, Lust und Hingabe geht.

Mir geht es an dieser Stelle nur darum zu verdeutlichen, dass auch asexuelle Menschen polyamor sein können und dürfen. Wer liebt, der liebt, ganz einfach. Aber spätestens bei diesem körperlichen Ausdruck liebevoller und lustvoller Gefühle mit mehreren Partnern wird es für monogame Menschen schon kniffelig, sich Polyamorie vorzustellen.

Polyamorie Definition
Okay, das wirkt jetzt irgendwie aus dem Zusammenhang gerissen, aber immer, wenn ich beim Bilderdienst Pixabay „Polyamorie“ eingebe, bekomme ich Kaubonbons … ohne Ende! Dass bei „Google Bilder“ Trumbo auftaucht, wenn man „Idiot“ eingibt, verstehe ich ja noch, aber das?

In unserem Kulturkreis können wir mehrere Freunde lieben und es wäre schlimm, wenn wir nicht all unsere Kinder lieben würden. Aber mehr als einen Menschen partnerschaftlich zu lieben, ist strengstens verboten. Dieses Verbot, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, wird durch die Polyamorie aufgehoben. Die Polyamorie hat sich von der moralischen Wertung, dass es unanständig ist, mehr als einen Menschen zu lieben, verabschiedet und sucht konstruktive Wege, den Kreislauf der seriellen Monogamie zu durchbrechen.

Was sind die Merkmale der Polyamorie?

Es gibt viele Formen von offenen Beziehungen und keine davon ist neu. Neu sind nur die Worte, die wir dafür haben und die Freiheit, offen dazu zu stehen. Und genau darum geht es polyamoren Paaren: Um die Freiheit, offen sein zu dürfen. Denn die Merkmale der Polyamorie sind:

  • Transparenz (offen über alles reden)
  • Einvernehmlichkeit (eine Beziehung ist nur dann polyamor, wenn alle Beteiligten sich bewusst dafür entschieden haben und mit diesem Lebensstil einverstanden sind)
  • Langfristigkeit (für Langfristigkeit gibt es natürlich niemals eine Garantie, auch nicht in der monogamen Ehe, aber polyamore Menschen streben nach langfristigen Liebesbeziehungen, nicht nach Kurzzeitaffären)

Polyamorie, Verlustangst und Eifersucht

Jetzt könnte natürlich der Verdacht aufkommen, dass polyamore Menschen irgendeinen Gendefekt haben. Die sechs Füße sind ja schließlich auch nicht normal. Und wahrscheinlich können die einfach keine Eifersucht empfinden. Und Eifersucht gilt ja irgendwie auch als gut. Sie fühlt sich zwar nicht gut an, aber sie ist die Zwillingsschwester der Liebe. Wer liebt, möchte seine Beziehung doch auch beschützen, oder?

Und dazu braucht es Territorialverhalten und Besitzdenken. Dieses Besitzdenken und die Eifersucht entspringen der Verlustangst. „Wenn ich nicht schütze, was ich liebe, verliere ich es!“ Für Menschen, die gelernt haben, so zu denken, muss fehlende Eifersucht aussehen wie Gleichgültigkeit. Und was ist Polyamorie denn anderes, als den Partner immer wieder zu verlieren? Wenn der Hase da über die Dörfer hoppelt, das tut doch weh!

Treue kennt viele Gesichter

Polyamorie betrachtet Treue aber aus einer anderen Perspektive. Auch polyamore Menschen sind eifersüchtig und kennen Verlustangst. Da in der Polyamorie aber eine weitere Beziehung kein Trennungsgrund ist, wird die Verlustangst schon automatisch kleiner. Polyamore Menschen müssen schließlich nicht ständig Angst davor haben, dass der Partner sie verlassen könnte, weil er sich frisch verliebt und dann Schluss macht, um sich »wenigstens anständig« zu verhalten.

Viele monogame Paare sind nicht wirklich aufgeschlossen!

In monogamen Beziehungen wird die Trennung nach, oder besser noch vor einem Seitensprung, aber als selbstverständlich vorausgesetzt. Denn dort gilt das Ende der Exklusivität als das Ende der Liebe. In mono-normativen Beziehungen empfinden Menschen eine Außenbeziehung des Partners also vollkommen zu recht als angstauslösend. In der Polyamorie besteht die Treue darin, den Partner nicht zu verlassen, wenn ein neuer Lieblingsmensch in die Beziehung aufgenommen wird.

Eifersucht ist in der Polyamorie kein Tabu, sondern ein Gefühl, das es kennenzulernen gilt!

Auch die Sicht auf die eigene Eifersucht ändert sich in polyamoren Beziehungen. Denn wenn wir alles richtig machen, vergessen wir diese Geschichte, dass es romantisch ist, die Verantwortung für das eigene Leben an »den Richtigen« abzugeben. Polyamor zu leben, bedeutet selbstbestimmt zu leben und für die eigenen Gefühle selbst Sorge zu tragen. Das hat viel mit Eigenverantwortung zu tun, im zweiten Schritt dann mit Kommunikation.

Monogamie oder Polyamorie?
Der Macht die Gewohnheit. Umgekehrt! Ist ja auch egal. Aber viele monogame Paare sind so aneinander gewöhnt, dass der Verlust des Partners einer Horrorvorstellung gleichkommt.

Monogame Paare müssen sich, um den Burgfrieden zu wahren, einfach vieles verschweigen. Polyamore Paare können über vieles offen reden – auch über Eifersucht und wie sie damit umgehen wollen. Denn mit dem Totschlagargument »Du siehst ja Gespenster!« kommen Polys einfach nicht weiter. Manchmal sitzt das »Gespenst« bei Polys schließlich mit am Tisch, weil es zum Kaffee eingeladen wurde!

Polyamore Kommunikation: Durch Reibung entsteht Wärme!

Offen reden zu können ist sehr befreiend und lässt eine vollkommen neue Nähe entstehen, die monogamen Paaren verwehrt ist. Dabei geht es nicht um schonungslose Offenheit mit dem Ziel, das eigene Gewissen zu erleichtern oder den anderen zu verletzen. Es geht um Vertrauen, Akzeptanz, gegenseitiges Verstehen und eine neue Definition von Treue. Auch selbst in einem polyamoren Beziehungsgeflecht leben zu können und nicht mehr die Befriedigung aller Bedürfnisse bei einem einzigen Partner suchen zu müssen, ist ein bombastisch gutes Mittel gegen Eifersucht und emotionale Abhängigkeit.

Was ist Polyamorie für die Gesellschaft?

Stell dir vor, jemand würde von einem homosexuellen Mann fordern, dass er eine Frau heiraten soll, weil sich das eben so gehört. Ein Unding! Frechheit! Man kann doch von einem Menschen nicht verlangen, dass er seine Gefühle verleugnet und ein Doppelleben führt, um den Schein zu wahren!

Polyamores Paar zu dritt
Erst, wenn diese drei als ganz normales „Paar“ wahrgenommen werden, haben wir Gleichberechtigung in der Liebe!

Und doch war es vor fünfzig Jahren noch vollkommen normal, so zu denken. Es soll heute noch Homosexuelle geben, die eine Alibi-Ehe führen, weil sie berufliche Nachteile fürchten. Und die Kirche denkt heute noch so: Homosexualität ist eine Krankheit, die geheilt werden muss, am besten von einem Exorzisten. Zum Glück gelten solche Stimmen heute bei vielen Menschen als reaktionär und diskriminierend.

Aber polyamore Menschen hören heute noch, dass sie monogam sein sollen, weil sich das so gehört!

Wenn wir es geschafft haben, gleichgeschlechtliche Liebe endlich zu akzeptieren, wieso tun wir uns mit Mehrfachbeziehungen so schwer? Ist die Gesellschaft bei offenen Beziehungen heute auch nur ansatzweise so tolerant wie bei der »Ehe für alle«? Kann es eine Ehe für alle überhaupt geben, wenn die Zahl der Partner vom Gesetzgeber her auf zwei begrenzt ist?

Unser gesamtes gesellschaftliches System ist auf die mono-normative Ehe ausgerichtet. Ehepaare genießen Steuervorteile und haben vertraglich geregelte Rechte und Pflichten, um sie sozial abzusichern, das Erbrecht zu regeln und vieles mehr. Trotz Scheidungsraten von 50 % ist die Ehe immer noch die Norm und wird von romantischen Träumen brautumjungerft. Und jede Abweichung von der Norm löst erst einmal Angst aus.

Wird Polyamorie irgendwann auch für die breite Masse normal sein?

An der Oberfläche herrscht gesellschaftliche Toleranz gegenüber alternativen Beziehungsmodellen. Wie dünn diese Decke der Toleranz ist, sieht aber jeder, der die Diskussion über Polyamorie, offene Beziehungen und Beziehungsanarchie in den sozialen Medien verfolgt. Während viele Medien sich tatsächlich bemühen, die Frage »Was ist Polyamorie?« wertfrei zu beantworten, erinnern die Kommentare zu diesen Berichten auf YouTube oder Facebook oft an die Massenhysterie in einem alten Frankensteinfilm.

Oder an die Panik einer homophoben Fußballmannschaft, wenn eine regenbogenfarbige Gay-Pride-Parade vorbeitanzt. Und damit verängstigte Menschen, die niemand richtig aufgeklärt hat, nicht mit Fackeln den Hügel heraufkommen, brauchen wir dringend mehr Aufklärung über Polyamorie. Wenn meine Bücher ein bisschen dazu beitragen können, hab ich meine Challenge geschafft. Deswegen könnt ihr sie auch kostenlos hier im Blog lesen. Und wenn ihr euch tiefer in die Materie einlesen wollt, empfehle ich euch diese Seite.

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